Buchpreisliches: Read, rode, roden

Die Shortlist des Deutschen Buchpreises ist heraus. Ich sag es mal so: Hoffentlich wird der diesjährige Buchpreisträger nicht Frank Witzel, sonst muß ich 817 Seiten lesen und kann mich dem Clemens J. Setz mit 1021 Seiten gar nicht mehr oder zu spät widmen. Am besten wäre es, wenn jemand mit einem sehr kurzen Buch den feinen Preis erhielte. (Oder sagt man verliehen bekommt? Aber dann muß er ihn irgendwann zurückgeben. Das wird bei einem namhaften Geldbetrag sicherlich niemand wollen.)  Hier aber nun als Leserservice für Buchpreisleser, die seitenzahlliche Quantifizierung von Texten schätzen:

Erpenbeck, Seitenzahl: 352
Lappert Seitenzahl: 384
Mahlke, Seitenzahl: 272
Peltzer, Seitenzahl: 448
Schwitter, Seitenzahl: 232

Mein Favorit ist also Schwitter. Der Roman scheint mir auch vom Thema her interessant. Solches googeln habe ich ja auch mal gemacht, machen wir alle: Liebe in den Zeiten von Google. Ist digital wirklich immer besser? Doch wenn sich daraus eine gut gearbeitete Geschichte mit einem gescheiten Plot entspinnt? Warum nicht?

Wobei ich aus tagesaktualitätspolitischen Gründen – denn Büchermenschen wollen gute Menschen sein und nicht allzu unpolitisch wirken – vermute, daß es Jenny Erpenbeck wird. Wenn der Roman von der Machart her gut ist, gewitzt, gekonnt und pfiffig, von seiner ästhetischen Struktur und im Gemachtsein funktioniert und den minimalen Ansprüchen einer irgendwie noch vorhandenen Literaturästhetik entspricht – von avanciert wage ich kaum noch zu sprechen, solche Avancen und Ansätze kommen in der herrschenden Literaturkritik kaum vor – und nicht dem politischen Gesinnungskitsch eines Bitterfelder Flüchtlingswegs geschuldet ist, soll es so sein. (Wobei man Witzel ja ebenfalls eine gewisse Avanciertheit nachsagt. Ich kämpfe mit mir, ob ich eher Setz oder Witzel lese. Beide Bücher scheinen interessant, wobei man sich von dem RAF-Titel nicht in die Irre führen lassen sollte, da das Buch kaum von der RAF handeln soll. Bei Setz könnte ich zumindest bei der interaktiven Leseseite mitmachen. Andererseits: weshalb woanders schreiben, wenn ich das auch hier kann und so wie ich es haben will?)

Traurig bin ich um Valerie Fritsch, der ich es mit „Wintergarten“ gegönnt hätte. Zudem ein kurzer Text mit nur 154 Seiten.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Buchpreisliches: Read, rode, roden

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Mein Favorit ist auch Erpenbeck, Außenseiterchance für Pelzer.
    Erpenbecks Thema passt, es ist ja auch wichtig keine Frage. Weiterhin war sie ein paar Mal breits nominiert und nicht berücksichtigt worden (in Frankfurt und Leipzig meine ich). Irgendwie ist sie nun „dran“.

    Eigentlich empfiinde ich es so, dass Jenny Erpenbeck solch ein despektierliches Reden nicht verdient hat, weil sie eine große Schriftsatellerin ist. Aber sie ist nun ein Mal Im „Betreib“ und da muß man dann auch diesen Mist mitmachen.
    Dana Buchzik hat das Buch selbst ja sehr als westlich verbildete Projektion getadelt, mit tewilweise plausiblen Argumenten. Die Folge: Ich kann ich es nicht mehr unbefangen – sondern werde es immer gegen Buchziks Argumente verteidigend lesen. Bin gespannt.

  2. Bersarin schreibt:

    „Dana Buchzik hat das Buch selbst ja sehr als westlich verbildete Projektion getadelt,..“ Na ja, da sind wir alle unter uns, auch Dana Buchzik. Westlich verbildete Projektionen und Literatur als höhere Söhnchen- oder Töchterchen-Anstalt. Man schaue mal in die Lektorate der Verlage, wer da sitzt.

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    „Man schaue mal in die Lektorate der Verlage, wer da sitzt.“
    Ja!!!
    Insgesamt ein Selbstzitat aus einem Kommentatorenstrang an gleicher Stelle vor zwei oder mehr Jahren: Auch wer gegen den Strom schwimmt, ist im Strom. Man ist eben nie ganz Teil der Lösung sondern immer auch Teil des Problems. Oder eben ein Trockenschwimmer. Da können wir strampeln wie wir lustig sind…..

  4. dasgrauesofa schreibt:

    Mein Favorit ist Peltzer, auch wenn er nun mit der höchsten Seitenzahl aufwartet und mit Blick auf dieses Kriterium absolut nicht buchpreiswürdig ist. Dafür hat er aber sehr schön und vielschichtig ausgelotet, was es mit dem „guten Leben“ auf sich hat, wie es ist mit unserem Werten ist, heute und damals, als wir jung waren, wie wir uns „verkaufen“ und auch immer wieder „verlocken“ lassen. Und nebenbei gibt es noch wunderbare Anspielungen, Ausflüge in verschiedene Bereiche der Kunst und eine formale Gestaltung, die konfus wirkt, die so aber auch an Hypertexte erinnert.
    Jenny Erpenbecks Roman ist natürlich aktuell, er zeigt uns die Schicksale einiger Flüchtlinge und ihre – manchmal gar nicht selbst verantworteten – Gründe, in Europa zu sein, alles aber sehr brav und bieder und fast ohne Konflikte. Da scheint mir die französische Literatur viel mutiger zu sein, Yannick Haennels „Bleiche Füchse“ und Shumona Sinhas „Erschlagt die Armen“ sind es jedenfalls.
    Viele Grüße, Claudia

  5. Bersarin schreibt:

    Shumona Sinhas “Erschlagt die Armen” scheint auch mir wichtig und liegt zum Lesen bereit. Problematisch nur, daß ich am Tag drei Bücher gleichzeitig lesen muß. Vom Sujet her interessieren mich alle Texte. Insbesondere bei bestimmten Themen, wie Flucht, Flüchtling, Migration scheint es mir geboten, über den Tellerrand zu sehen und Jenny Erpenbeck mit anderen Texten zum selben Thema gegenzulesen.

    Aber es bewegen sich all unsere Lese- und Lektüreszenen sowieso in unterschiedlichen Kontexten und Rahmungen. Der Deutsche Buchpreis kann Anregungen liefern. So bin ich letztes Jahr auf Seilers „Kruso“ und Hettches „Pfaueninsel“ gestoßen.

  6. ziggev schreibt:

    Als Buchpreisleser hätte ich fast eine Preisliste erwartet, für mich kein unbekanntes Kriterium. Apropos Listen

    möchte ich auf Metterlings Listen aufmerksam machen, deren ersten Band der langerwarteten Metterlingschen Waschzettel nun endlich Venal & Sons veröffentlicht hat (Die gesammelten Wäschelisten Hans Metterlings, Vol. I, 437 pp., Einleitung xxxii-Seiten, idexiert, $18,75), mit einem gelehrten Kommentar von dem bekannten Metterling-Schüler Gunther Eisenbud.

    Als als nahezu umfassende Einleitung in das sorgenschwere Genius Metterlings dient bekanntlich perfekt dessen Liste Nr. 1.

    Liste Nr. 1

    6 Paar Unterhosen

    4 Unterhemden

    6 Paar blaue Socken

    4 blaue Hemden

    2 weiße Hemden

    6 Taschentücher

    Keine Stärke

    seinen Zeitgenossen bekannt als das „Praque Weirdo“. Die Liste wurde heruntergeschrieben, als Metterling die Bekenntnisse eines Monsterkäses schreibt, jenes Werk atemberaubender philosophischer Wichtigkeit, in welchem er nicht nur bewies, dass Kant sich hinsichtlich des Universum irrte, sondern nie einen Check aufgelesen hatte. Metterlings Ablehnung von Stärke ist typisch für diese Periode, und als er das Paket zurückbekam, wurde Metterling mürrisch und depressiv. Seine Vermieterin, Frau Weiser, berichtete Freunden, dass „Herr Metterling (…) tagelang in seinem Zimmer (blieb) und weinte, weil sie seine Shorts gestärkt hatten“. Es versteht sich, dass Breuer bereits die Beziehung zwischen steifer Unterwäsche und Metterlings andauerndem Gefühl, Männer mit Wangen würden über ihn tuscheln, herausgearbeitet hat (Metterling: Paranoid-Depressive Psychose and die Frühen Listen, Zeiss Press). Das Thema des Scheiterns, Anleitungen zu folgen, taucht in Metterlings einzigem Theaterstück, Asthma, auf, als Needlham den verfluchten Tennisball irrtümlicherweise nach Wallhalla bringt.

  7. Bersarin schreibt:

    Metternich. Ich habe immerzu Metternich gelesen und gegrübelt, was er für eigentümliche Listen führt. Bei ihm hätte ich eher schwarze Listen vermutet. Na ja, manchmal denke ich mir auch, daß die Listen des Odysseus solche sind mit Orten, die anzusteuern oder Frauen, die zu erobern wären, um dann an den nächsten Ort zu schippern. Segel und Schleier, die wir ebenso den Texten Nietzsches gerne entnehmen.

  8. summacumlaudeblog schreibt:

    Listen to the text im Buchpreisrodeo. In der Summe: Listen and ride! Oder so.

  9. Bersarin schreibt:

    „Take the Money and Run“ (Woody Allen)

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