Hegel – Kritiker der Postmoderne avant la lettre

 „Was hat uns bloß so ruiniert?“ (Frei nach Die Sterne)

„Und nun erfaßt sich diese Virtuosität eines ironisch-künstlerischen Lebens als eine göttliche Genialität, für welche alles und jedes nur ein wesenloses Geschöpf ist, an das der freie Schöpfer, der von allem sich los und ledig weiß, sich nicht bindet, indem er dasselbe vernichten wie schaffen kann. Wer auf solchem Standpunkte göttlicher Genialität steht, blickt dann vornehm auf alle übrigen Menschen nieder, die für beschränkt und platt erklärt sind, insofern ihnen Recht, Sittlichkeit usf. noch als fest, verpflichtend und wesentlich gelten. So gibt sich denn das Individuum, das so als Künstler lebt, wohl Verhältnisse zu anderen, es lebt mit Freunden, Geliebten usf., aber als Genie ist ihm dies Verhältnis zu seiner bestimmten Wirklichkeit, seinen besonderen Handlungen wie zum an und für sich Allgemeinen zugleich ein Nichtiges, und es verhält sich ironisch dagegen.

Dies ist die allgemeine Bedeutung der genialen göttlichen Ironie, als dieser Konzentration des Ich in sich, für welches alle Bande gebrochen sind und das nur in der Seligkeit des Selbstgenusses leben mag. Diese Ironie hat Herr Friedrich von Schlegel erfunden, und viele andere haben sie nachgeschwatzt oder schwatzen sie von neuem wieder nach.“

Diese Kritik Hegels in seinen „Vorlesungen über Ästhetik“ ist, wenn wir einen substantiellen wie auch wesentlichem Begriff von Subjekt sich entwickeln lassen, nicht von der Hand zu weisen. Andererseits aber teile ich diesen Standpunkt der Ironie unter den Bedingungen der Moderne. Daß in dieser Moderne des endenden 18., des aufkeimenden 19. Jahrhunderts das Subjekt zugleich auch ein unglückliches, zerrissenes, gespaltenes sein kann, sehen wir bereits in der Philosophie Kants und in dessen unaufhebbaren Dualismen: Notwendigkeit und Freiheit, Sinnlichkeit und Vernunft, Anschauung und Begriff. Was Schiller noch auf verschlungenen Wegen und im Banne von erpreßter Versöhnung in der ästhetischen Erziehung und in Kunst zu schlichten versuchte (vermitteln würde ich es nicht nennen wollen), geriet bei Heinrich von Kleist zum Desaster, zum Bruch, zur Katastrophe. Freilich beschenkte uns dieser Riß mit herrlichen Texten. Der Standpunkt der Ironie verweist auf das Versatzstück Subjekt, auf das zerteilte, gestückelte, in seinen Bezügen fragmentierte Individuum, das freilich schon lange keines mehr ist – weder als künstlerisches noch als bürgerliches. Jedoch:

„Bleibt das Ich auf diesem Standpunkte stehen, so erscheint ihm alles als nichtig und eitel, die eigene Subjektivität ausgenommen, die dadurch hohl und leer und die selber eitle wird. Umgekehrt aber kann sich auf der anderen Seite das Ich in diesem Selbstgenuß auch nicht befriedigt finden, sondern [muß] sich selber mangelhaft werden, so daß es nun den Durst nach Festem und Substantiellem, nach bestimmten und wesentlichen Interessen empfindet. Dadurch kommt dann das Unglück und der Widerspruch hervor, daß das Subjekt einerseits wohl in die Wahrheit hinein will und nach Objektivität Verlangen trägt, aber sich andererseits dieser Einsamkeit und Zurückgezogenheit in sich nicht zu entschlagen, dieser unbefriedigten abstrakten Innigkeit nicht zu entwinden vermag und nun von der Sehnsüchtigkeit befallen wird, die wir ebenfalls aus der Fichteschen Philosophie haben hervorgehen sehen. Die Befriedigungslosigkeit dieser Stille und Unkräftigkeit – die nicht handeln und nichts berühren mag, um nicht die innere Harmonie aufzugeben, und mit dem Verlangen nach Realität und Absolutem dennoch unwirklich und leer, wenn auch in sich rein bleibt – läßt die krankhafte Schönseelischkeit und Sehnsüchtigkeit entstehen. Denn eine wahrhaft schöne Seele handelt und ist wirklich. Jenes Sehnen aber ist nur das Gefühl der Nichtigkeit des leeren eitlen Subjekts, dem es an Kraft gebricht, dieser Eitelkeit entrinnen und mit substantiellem Inhalt sich erfüllen zu können.“

Im Grunde ist dieser Riß, der durch Welt und Subjekt gleichermaßen sich zieht, der Motor der Kunst der Moderne. Als Lebenspraxis freilich bleibt – zumindest in der Diktion Hegels – solch hohltönendes, eitles, selbstbezügliches oder fragmentiertes Subjekt, dem es an Kraft gebricht, leer. Residual. Mit der deutschen literarischen Romantik einerseits, mit Hölderlin, Kleist und später dann Büchner andererseits setzt diese ästhetische Moderne ihren Auftakt. Eine Moderne, die im Subjekt und zugleich gegen dieses ihre Triumpfe feierte. Die wesentlichen literarischen Werke des frühen 20. Jahrhunderts erzählen davon. Ganzheit ist Phantasma.

Die sich im dialektischen Prozeß des Denkens entfaltende Einheit, die Vermittlungsleistung von Begriff und Wirklichkeit, von Wahrheit und Wissen wäre nach Hegel herzustellen, und in einem wohl eingerichteten Staat realisierte sich der Gang des Geistes, wie ihn Hegel in seiner „Phänomenologie“ diskursiv wie auch poetisch beschwor: Substantialität und Subjektivität, Vernünftigkeit sowie die Wirklichkeit des Sittlichen verknüpfen sich darin. Das weist auf eine befreite Gesellschaft, die gegenwärtig freilich nicht einmal mehr denkbar ist. Kunst antizipierte etwas davon. Inzwischen sind jedoch auch der Schein und die Illusion, die der Kunst immanent waren, zerronnen.

Mein ästhetisches und gesellschaftlich inspiriertes Projekt ist es, Liebe und Subjekt aus der Welt zu brennen, als Glutofen, der alles, was besteht, in die Asche auflöst, oder eben: zu gefrieren. Die Spätmoderne als Kältekammer. Das Märchen von der Schneekönigin und ihr kalter Spiegel der Vernunft nicht als Metapher in die Welt geworfen, sondern als paradigmatische Zuspitzung. Frostherz – mein liebstes.

4 Gedanken zu „Hegel – Kritiker der Postmoderne avant la lettre

  1. Ach, Hegel hat mal wieder überhaupt garnischt verstanden. Die Romatnische Ironie resultiert aus der Unfähigkeit, etwas Substantielles, Festes als hinreichendes Kriterium für irgendetwas zu finden, festzuhalten imstande zu sein! Die Ironie bezieht sich eben auf diese Eitelkeit und Leere des Subjekts. Die ironische Einstellung gegenüber dem Objektiven, der Wahrheit, dem Festen, Substanziellen ist eine Reaktion auf die eigene Unfähigkeit, solches hervorzubringen oder ihm angemessen zu begegnen. (Aus dem Leben eines Taugenichts)

    Stattdessen schwebt Hegel der Kraftmensch vor, der „handelt“ und „wirklich“ ist. Das eitle Subjekt, „dem es an Kraft gebricht, dieser Eitelkeit zu entrinnen und mit substantiellem Inhalt sich erfüllen zu können“, hat er bereits vorausgesetzt, wenn er diagnostiziert, dass das (eitle) Ich sich „unbefriedigt“ findet. Zur Erinnerung: die Ironie resultiert gerade daraus, dass nicht: „das Subjekt ausgenommen“ dem Ich „alles als nichtig und eitel“ erscheint. Genau umgekehrt.

    Der Tatmensch ist ihm Idealbild, nach dem sich alles richtet. Und welche Werke finden wir vor? Natürlich nur die von Handelnden. Hegels Philosophie läuft auf die Bestätigung des Bestehenden hinaus.

    In meinem Roman bin immer noch ich ich. Aber natürlich ist meine Biographie (noch) kein Roman. Dennoch aber zitiert Klaus Theweleit in einem Artikel in der faz (18.05.2015, Neue Nachrichten von der Ich-Front) den Soziologen Benjamin Bennet, das „Ich im Freudschen beziehungsweise Kantischen Sinn sei eine Erfindung des europäischen Romans“. Wo aber war dasselbe ich, von dessen Roman zu schreiben ich, wenn die Dinge so liegen, nun vorerst absehen werde, vor dieser Erfindung von Schriftstellern?

    Für mein romantisches Ich ist diese Frage „irrelevant“ (Seven Of Nine aus „Star Trek“). Denn intuitiv (in der „first-person description“) bestätigt sich weder, dass dieses Ich unendlich fragmentiert ist noch dass es sich um etwas Substanzielles im Singular handelt. Vermutlich handelt es sich um genau dieses Ich, bevor es romanesk in Europa erfunden wurde.

    Ebenso wie Hegel Substantielles voraussetzt, um zu seiner Variante der „schönen Seele“ zu gelangen, dem Macher, demjenigen, der „die Dinge in die Hand nimmt“ (zum Beweis des Vorausgesetzten werden als Gimmick allerlei Instanzen „vermittelt“), kommst Du nicht ohne Asche oder eben Eis aus, um „dem Subjekt“ den Garaus zu machen. Es bleibt also ein „substantieller Rest“, das ist einfach zuviel für ein Nichts, das aufgehört hat zu existieren.

    Alles morbide Ideen und nicht vonnöten. Das Ich, auf sich selbst zurückgeworfen, löst sich restlos in sich selber auf in der Introspektion. Es gibt kein Ergebnis, keine Asche oder dergleichen. Daher stellt sich auch gar nicht die Frage nach der „Begfiedigung“. Nichteinmal die nach der Selbstgenügsamkeit (self-sufficiency); in dieser Kälte der Abwesenheit selbst des Ichs oder Selbsts existiert nur die reine Freude und Euphorie.

    Die Romantiker wussten es nicht, Hegel wusste nicht von diesem gar nicht so eifersüchtig gehüteten Geheimnis. Lassen wir dieses Subjekt einmal solchergestalt unbehelligt, lassen wir es einfach mal in Ruhe: das ist ekstatische Freude – und es erscheint uns sinnlos, etwa zwischen Alleinsein un Einsamkeit zu unterscheiden.

  2. Nein, Hegel schwebt kein Kraftmensch vor – das ist schlicht falsch, – Hegel ist nicht Nietzsche –, und Hegel bindet die Philosophie auch nicht rein in die Ebene des empirischen Handelns.

    Hegels Sicht ist insofern konsistent, wenn man den Hegelschen Referenzrahmen zugrunde legt und sich an die Figur seiner Argument hält. Das Problem ist nur, und das konnte Hegel zu seiner Zeit nicht sehen, daß die Kunst in seinem System im Grunde keinen Platz mehr hatte. Sie ist das bei Hegel aufzuhebende Dies-da, jenes, was bei Adorno Nichtidentisches heißt. Deshalb Hegels Fehleinschätzung der Romantiker. Ich würde zwar schon die These wagen, daß Hegel der Kunst Autonomie zubilligt (einerseits, es lassen sich dafür andererseits ebenso Gegenargumente finden), jedoch ist diese Autonomie am Ende nur eine bedingte. Kunst ist nicht mehr, wie sie es bei den Griechen noch war, die höchste Form, die Wirklichkeit zu fassen. Dies ist in Hegels Diktion nur noch in der Philosophie bzw. im Denken möglich. Wenig später mußte sich die Philosophie diese Position bereits mit den übrigen Wissenschaften teilen: von der Physik bis zur politischen Ökonomie. (Aber auch hier handelt es sich noch um Formen des Denkens, die freilich an die Empirie sich koppeln.)

    In Hegels Dialektik, zumindest wenn man die von mir zitierte Passage nimmt, ist in der romantischen Ironie beides nichtig: Welt wie auch Ich und Subjekt, und zwar aufgrund dieser Bewegung der Negation, die zu keinem Ende findet, sondern im Negativen stehen bleibt. Diese Sicht teilte nun gerade Adorno nicht, der die Hegelsche „bestimmte Negation“ zum Kriterium erhob. Weniger aus idealistischen, sondern aus materialistischen Gründen.

  3. ..und es gilt mal wieder, dieser Riss in uns ist doch gar nicht so verkehrt, wenn er nicht auch zwischen uns, wie uns unsere Zeit zeigt, so vieles niederreißt, gar abreißt; guter Umriss! Danke dafür, gruß

  4. Mich interessieren einzig die Risse, die Brüche, das Verstörende. Ich betrachte diese Welt kalt. Schuß und Gegenschuß. Mimesis an das, was ist. Insofern schätze ich von seinem ästhetischen Prinzip her (weniger vom Politischen) den Käfersammler Ernst Jünger.

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