Indianerherz kennt keinen Wahrheitsschmerz. Kein Scherz! Jürgen Habermas und die transversale oder mit Nietzsches Schleiern durchwirkte Vernunft sowie ein Ausflug zu Herzdame und eine Anekdote aus Weimar

Auf „Perlentaucher“ schrieb ich einige Kommentare zu einer Debatte um Jürgen Habermas.

Einen dieser Kommentare möchte ich (an einigen Stellen überarbeitet und ergänzt) hier im Blog einstellen, weil er – häufiges Thema auch bei „Aisthesis“ – auf ein Konzept von Vernunft samt deren Kritik verweist, das sich nicht bloß im Entweder-Oder eines rationalistischen Procedere oder aber in den Ausprägungen Nietzscheianischer Überästhetisierung von Welt und im Gestus unvermittelter Subjektdestruktion verfängt Zudem lesenswert, ausgesprochen klug und witzig dort der Kommentar von Dieter Kief vom 28.8. (Leider zeigt der „Perlentaucher“  nicht Zeiten und Tage an, sondern nur „vor 15 Stunden“, „vor zwei Tagen“. Fluktuation und Fluß der Zeit – sozusagen. Panta rhei des Digitalen.)

Nur kurz und knapp: „Der philosophische Diskurs der Moderne“ von Jürgen Habermas, erschienen 1985, ist ein Buch, das lehrreich zu lesen ist und einen einerseits klugen Blick auf die Tücken und Chancen der Moderne uns eröffnet. Wieweit die Rettung der Moderne als immanente Kritik der Moderne, ohne dabei ihre Gehalte preiszugeben und zugleich aus ihrem Geist heraus, überhaupt gelingen kann, ist eine schwierig zu beantwortende Frage. Habermas‘ Rekonstruktion ist in vielen Punkten durchaus inspirierend und wer einen Blick auf den Geist jener 80er Jahre (jene Periode, wo der Begriff Zeitgeist gespenstisch auftauchte) werfen möchte , der von vernunftbetontem Denken getragen ist, der scheint in diesem Buch gut aufgehoben. Dennoch enthält dieses Buch Thesen, die falsch sind; wo Habermas in den Gefechten der 80er, als der gallische Hahn einmal wieder laut in der langsam krepierenden BRD krähte, sich vergaloppiert. Von seiner Lesart Foucaults, Batailles und Derridas angefangen, von denen Habermas so gut wie nichts verstanden hat, etwa wenn er diese als Neokonservative bezeichnete. Das mag aber jener Rebekka (Habermas) geschuldet sein, die ihm, wie er in der Widmung formulierte, „den Neostrukturalismus nähergebracht hat“. Das tat sie nicht sonderlich gut, wenn wir uns die Resultate betrachten. Wobei Derrida und Foucault alles Mögliche sind – auf alle Fälle sind sie Kritiker des modernen Subjekts –, aber eben keine Neostrukturalisten. Doch das mag Streit um des Kaisers Bart sein, wenn es darum geht, Namen in die Schubladen zu bringen: ebenso die Frage, ob Habermas Kantianer oder Hegelianer sei. (Wie damals bei einem Philosophiekongreß in Stuttgart die dümmliche Fragestellung „Kant oder Hegel?“  lautete Als ob wir in der Cafeteria einer Studi-Mensa wären.)

Zudem möchte Habermas das Projekt der Moderne dahingehend fortschreiben, daß er die vermeintlich subjektiven Aporien, in die Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ sich manövrierte (so die Sicht Habermasʼ nicht meine) zugunsten einer kommunikativ angereicherten Vernunft aufzulösen trachtete. Beide haben sich einer „hemmungslosen Vernunftskepsis“ überlassen, auf die Adorno mit Ästhetik und bestimmter Negation reagierte. Nun muß man hier Habermas freilich entgegenhalten, daß diese Aporien keine subjektiven sind, die der Adornoschen subjektiven Vernunft entsprangen oder einer irgendwie grummelnden Adornoschen Willkür geschuldet waren, sondern daß diese Widersprüche in die Vernunft, gut kantisch genommen, sich objektiv in bestimmten ökonomischen Verhältnissen gründen. Keine Theorie des kommunikativen Handelns ersetzt nun einmal die Kritik der Politischen Ökonomie sowie die negative Dialektik von Gesellschaft. (Womit wir in diesem Sinne bei der 11. Feuerbachthese sind, die Adorno gleich zum Beginn seiner „Negativen Dialektik“ aufgreift.)

Wie es im Philosophieren so ist: es erweist sich diese Bestimmung Habermasschen Philosophierens als eine Frage der Definition und der Perspektive – ohne solche Sicht im Relativismus auflösen zu wollen. Darin gerät Denken dann in einem schlechten Sinne flüssig – sprich: es liquidiert sich. Andererseits kann es Sprengkraft haben, wenn Denken sich liquidiert und damit eben: liquid wird. [Davon ab sind Liquidität und Liquidation natürlich die Themen der Moderne: Vom Geldfluß samt den Arbeitsverhältnissen bis zum „Lager als dem Nomos der Erde“, wie es bei Giorgio Agamben heißt.]

Womit wir bei Nietzsches Perspektvismus angelangt sind. Dieter Kief schreibt über Nietzsche:

„Irgendwo auf diesem strahlenden Pfad in den irdischen Himmel aus lauter Glück wandelt dann auch Nietzsche und bejaht und bejaht, bis er leider den Verstand verliert. Lou-Andreas Salomé ist ihm ein Weilchen nahe und sieht, dass der Nietzschesche Höhenrausch im Kern hoffnungs- und aussichtslos ist; sie entlässt ihn mit einem Klaps in die eiskalten Sphären seines einsamen Weltverdrusses mal schreibenden Selbstgenusses. Für sein Leiden an sich selbst rächte er sich mit der Verachtung der anderen: Der wertlosen Masse der Schwachen. Wer Nietzsches forciertes Übermenschentum gut findet, kann eventuell sagen: Er konnte nicht anders, er war eben verdreht und brillant…

Zugleich könnte man in Nietzsche die auf ihren geistesheroischen Kern reduzierte Aufklärung verkörpert sehen.“

Herrliche Passage! Hätte von mir sein können. War es leider nicht. (Ich kasteie mich für solche Versäumnisse dann abends selber, indem ich einige Gläser vom schrecklichen Chardonney statt vom köstlichen Riesling mir aufzwinge. Ich habe für solche Fälle immer einige Büßerfläschchen in der Kühle: Chardonney, du Strafgericht. Ich weiß es noch wie heute, als ich vor drei Jahren in Weimar einen Vortrag über „Hölderlin, Lukács, Adorno“ hielt und eine mich begleitende Freundin und ich abends, nachdem alle Geschäfte schon geschlossen hatten und alle Lieder gesungen, auf der Suche nach etwas Brauch-, Rausch- und Trinkbarem waren. So gerieten wir an einen Weimarer Späti. Ich fragte nach Riesling, der Verkäufer empfahl mir einen der besten Chardonneys: ich würde, selbst als Skeptiker, so der findige oder eher windige Geschäftsmann, während seine jugendliche Freundin mir immer huldvoll und fast ein wenig verschmitzt zulächelte, daß es mich leicht unangenehm berührte,  mir aber dann doch auch schmeichelte, von diesem Tropfen mehr als begeistert sein. Am Ende des Trinkprozesses jedoch – nachts, nach dem Vortrag, auf der Dachterrasse der Unterkunft, als wir zwei der Flaschen geleert hatten und ich in sinnlosen Celan-Paraphrasen: Lallen-lallen-immerzu, Pallaksch Pallaksch herbrachte doch zum Glück noch nicht herausbrach – bestand die Begeisterung am nächsten Morgen in unsäglichem Kopfschmerz. Die Wahrheit des Weins ist manchmal der Schmerz.)

Man kann, unter einer bestimmten Optik, über Nietzsche lachen, und wir müssen uns Nietzsche am Ende als einen traurigen Menschen vorstellen: Bis zu dem Moment in Turin vielleicht, wo er einer geschundenen Mähre um den Hals fiel. Von da ab aber war Nietzsche kein Subjekt mehr, wie wir es in der Philosophie benötigen, um in sinnvollen oder auch in poetisch inspirierten Sätzen zu philosophieren, zu denken, zu schreiben, sondern er trat in den anderen Zustand, der eine sichtbare Produktivität nicht mehr zuließ. (Wie es im Geiste, im Innern aussah, wissen wir freilich nicht. Dies wäre wohl eine Frage, die wir ebenfalls in Korrespondenz zum Begriff des Subjekts bringen müßten.)

Als Genealoge unserer Begriffe  – wenngleich im Tone immer auch Ästhetiker – und vor Turin, in seiner montaignesches Skepsis gegen das Subjekt ist Nietzsche unnachahmlich genial. Man lese nur Nietzsches (verstreute) Texte/Aphorismen zur Wahrheit und zum Weib: Die Wahrheit ist ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen. Metaphern und Schleierspiele, Nähe und Ferne in einem. Enthüllen und verhüllen – all die Spiele eines reizvollen und wunderbaren Fetischismus: die Haut des Körpers und jener Stoff, der diese wunderbare Haut verbirgt und entzieht. Und dazu eben das Bildnis zu Sais. Es ist ein Spiel mit Schleiern und mit Segeln. (Ich schrieb hier im Blog an verschiedenen Stellen über Nietzsches Spiel mit Wahrheit und Weib. Ihn rein misogyn auszulegen, halte ich für eine verfehlte Lektüre. Übrigens geschieht dies auch in dekonstruktiv-feministischen Lesarten, die sich an Derridas Nietzsche-Lektüre orientierten, nicht. Die lesen lustvoll Nietzsche.) Diese sich bei Nietzsche verschränkenden Komponenten, dieses Überborden des Stils in seinem Text ist literarisch-ästhetisch-philosophisch nicht gering zu schätzen. Und da zeigt es sich doch wieder, wie gut es manchmal sein kann, wenn ein Philosoph wie Nietzsche die Dame seines Herzens nicht zu erringen vermag. Dennoch möchte ich mit Herrn Nietzsche nicht tauschen. Mir ist die Herzensdame näher als alle philosophische Weisheit  und Wahrheit, denn darin allein ergibt sich ein Mehr, das alle Philosophie übersteigt.

Hegel und Nietzsche: Dies ist der unhintergehbare philosophische Diskurs der Moderne. Nietzsches Texte sollte man zudem auf der Ebene des Rhetorischen lesen. [Insbesondere im „Zarathustra“, der zunächst und bei der ersten Lektüre etwas unsagbar Verklemmtes oder Schwülstiges hat (so zumindest erging es mir beim ersten Lesen im 18. Lenz meines Lebens) und der doch eine geniale Parodie des Luther ist.] Literatur und Philosophie und nicht, wie Habermas es in „Der philosophische Diskurs der Moderne“ vermutet: Philosophie als Literatur. Eine ebenso irrige Annahme, die er in jenem Buch gegenüber Derrida hegt. Um freilich den Platz des Perspektivismus angemessen zu bestimmen, halte ich, gegen die Willkür und die Beliebigkeit des Meinens, immer noch Hegel für wesentlich. Den ich dann wieder mit Nietzsche gegenlese. Denn in Nietzsche finden wir, wie bei de Sade und Schopenhauer, die schwarzen Schriftsteller des Bürgertums, wie es Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ schrieb, die jene Schattenseiten einer Aufklärung zeigen, die mit den Geistern und dem Obskurantismus zugleich jenes Geheimnisvolle, jenes Verschlierte ausschied. Ob sich in der Schwärze freilich und in ihrer Bewertung Hegel und Nietzsche einig wären, darf man bezweifeln.

Die Kritik an der Unmittelbarkeit sowie die an einem simplen Subjektivismus, der mit Freiheitsparolen operiert, die als Monstranz, ritualisiert und liberalala vor sich hingesungen werden, können wir ebenfalls sehr gut bei Hegel lernen. In der Tat.

Denn ohne Hegel UND ohne Kant
fahren Begriff und Erkenntniskritik gegen die Wand.
So lernen wir vermittelt lesen
nämlich dialektisch sind Geist und Wesen.

Wer freilich die Vernunft nicht rettet, verspottet sich selbst. Kann man machen, führt aber nicht allzuweit. Womit wir wieder bei Nietzsche wären. Vielleicht doch eine transversale Vernunft? Nietzsche UND Hegel UND Kant.

Indianerherz kennt keinen Wahrheitsschmerz.
Kein Scherz!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Indianerherz kennt keinen Wahrheitsschmerz. Kein Scherz! Jürgen Habermas und die transversale oder mit Nietzsches Schleiern durchwirkte Vernunft sowie ein Ausflug zu Herzdame und eine Anekdote aus Weimar

  1. che2001 schreibt:

    Mit Nietzsche kann ich bis heute nichts anfangen – für mich ein reaktionärer Philosoph, den ich mit Haeckel, Schallmeyer, Plötz und Wagner unter „Irrtümer des 19. Jahrhunderts“ und „Wegbereiter der Rassenhygiene“ einordne. Rebecca Habermas, eine frühere Professorin von mir und rein ästhetisch eine Bereicherung des Lehrkörpers in Göttingen – endlich mal eine gutaussehende Frau – ist mir unvergesslich, als sie über Jürgen Habermas ablästerte und dann Bernd Weisbrod, der unverdiente Doyen der Geschichtswissenschaft in Niedersachsen sagte: „Aber Rebecca, er ist Dein Vater!“.

    Zum Thema Indianerherz; Custer died for your sins!

    Als eine Einheit der mexikanischen Armee nur mal so zum Üben ein Lager der Chiricahua-Apachen niedermähte blieb ein kleiner Junge übrig, der im Leichenberg überlebt hatte. Er verbrannte die Überreste seiner Angehörigen und schloss sich dann dem Häuptling Cochise an, von dem er sich zum Krieger ausbilden ließ. Viele Jahre später stand er als Anführer eines Apachentrupps in einem Canyon der mexikanischen Truppe gegenüber, die seine Sippe einst vernichtet hatte und metzelte die nieder. Mehrere Offiziere mit gezogenem Degen wurden von ihm mit dem Tomahawk erschlagen .Ein Maultiertreiber der Mexikaner rief den Schutzpatron der Reisenden, den heiligen Hieronimus mit lauter Stimme um Hilfe an, der Ruf hallte echomäßig im Canyon wieder: „Geronimo!“ Damit hatte der Kriegshäuptling der Apache, der den letzten Guerrilakrieg der Ureinwohner gegen die Weißen führte seinen Kampfnahmen, ironischerweise ist das heute auch der Kampfspruch der US-Special Forces.

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    Nannte die Amerikaner nicht auch Bin Laden Geronimo?

  3. Bersarin schreibt:

    Die Kolonialpolitik bzw. die Besiedelung der USA ist sicherlich ein ganz eigenes Thema. „Wunsch, Indianer zu werden“ heißt eine Prosa-Miniatur von Kafka. Indianer – ein Mythenraum, den wir immer wieder besetzen. Dazu gibt es übrigens 2009 einen interessanten Dokumentarfilm, wie Hollywood die Indianer codierte und je nach herrschendem Paradigma inszenierte. „Reel Injun“ von dem indianischen Filmemacher Neil Diamond (nicht mit dem Musiker zu verwechseln.)

    Wegbereiter der Rassenhygiene ist völliger Unsinn und verkennt Nietzsche. Nietzsche – das ist allerdings ein weites Feld. Nietzsche ist ausgesprochen vielfältig zu lesen. Natürlich gibt es bei ihm Passagen, die ihn zum Faschismus kompatibel machen. Aber es existieren in seinem Texte genauso andere Aspekte. Er war kein Antisemit, kein Rassist (jedenfalls nicht mehr als zu dieser Zeit üblich.) Er war kein Nationalist, ganz im Gegenteil. Für den nicht nur strukturellen Antisemitismus seines Schwagers hatte Nietzsche nichts als Spott und Verachtung übrig.

    Nietzsche war sicherlich kein Demokrat. Aber das war auch Marx nicht. Insofern reicht dieses Kriterium nicht hin. Nietzsche wie auch Marx bilden Gegenpole und sind Instanzen der immanenten Kritik bürgerlicher Gesellschaft. Adorno schätzte Nietzsche durchaus. Foucault, Derrida und Deleuze sowieso. Wobei Derrida immer noch der differenzierteste Leser bleibt, der eben nicht, wie Deleuze und Foucault, die etwas einfältige Opposition Hegel ODER Nietzsche aufzog.

    Zu Nietzsche und dem Faschismus ist immer noch das äußerst differenziert vorgehende Buch von Bernhard Taureck maßgeblich, der nichts beschönigt, aber auch nicht einseitig verurteilt. Leider nur noch antiquarisch zu beziehen.

  4. El_Mocho schreibt:

    Nun ja, du bist ja immer der Meinung, wenn jemand ein Phänomen oder einen Autor nicht so sieht wie du, habe er „nichts verstanden“. Sowas über Habermas zu sagen, ist schon mutig.

    Aber ganz abgesehen davon könntest du ja mal erklären, wo sich habermas den konkret irrt, z.B. über Foucault. ich finde seine Kritik nämlich sehr treffend. Z.B. hier: „Macht ist dass, womit das Subjekt in erfolgreichen Handlungen auf Objekte einwirkt. Dabei hängt der Handlungserfolg von der Wahrheit der in den Handlungsplan eingehenden Urteile ab; über das Kriterium des Handlungserfolges bleibt Macht von Wahrheit abhängig. Diese Wahrheitsabhängigkeit der Macht kehrt Foucault kurzerhand in eine Machtabhängigkeit von Wahrheit um. Deshalb braucht die fundierende Macht nicht länger an die Kompetenzen handelnder und urteilender Subjekte gebunden zu sein – die macht wird subjektlos.“ (S. 323)

    Sprich: Wer Macht ausüben will, ohne sich über die wirklichen Verhältnisse zu informieren, hat eher wenig Erfolgsaussichten, denn die Verhältnisse richten sich nicht ohne weiteres nach der Macht. Oder hier, noch besser: .“Wenn es aber nur noch um die Mobilisierung von Gegenmacht, um fintenreiche Kämpfe und Konfrontationen geht, stellt sich die Frage, warum wir denn dieser im Blutkreislauf des modernen Gesellschaftskörpers zirkulierenden allgegenwärtigen Macht überhaupt Widerstand leisten sollten, statt uns ihr zu fügen…. Sobald man aber versucht, den wortstarken Anklagen gegen die Disziplinarmacht die implizit verwendeten Maßstäbe abzugewinnen, begegnet man bekannten Bestimmungen aus dem explizit zurückgewiesenen normativistischen Sprachspiel.“ (S. 333/4)

    ich habe noch nie verstanden, wie man einen allgemeinen moralischen Relativismus propagieren und gleichzeitg fordern kann, die Gefangenen besser zu behandeln oder Homosexuelle nicht zu diskriminieren.

    Nietzsche ist da zumindest ehrlicher und zeiht die Konsequenz aus dem Relativismus: „Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Antichrist)

    Ansonsten ist Nietzsche ein guter Schriftsteller, seine Texte beeindrucken, wenn man sie zum ersten mal liest, allerdings merkt man bald, dass die philosophische Substanz doch eher dünn ist, eigentlich steht alles schon so bei den griechischen Sophisten.

    Und Che hat natürlich völlig recht, Nietzsche ist DER geistige Vater des Faschsimus in Europa, sowohl Hitler als auch Mussolini haben ihn gelesen, und alle die den Pöbel verachtenden Poeten von Stefan George bis Gotfried Benn waren große Nietzscheaner.

  5. Bersarin schreibt:

    Sorry, El Mocho, das sind einfach nur dumme Thesen zu Nietzsche. Und was für eine Logik: Weil Mussolini oder Hitler Nietzsche lasen und sich bei ihm bedienten, ist also Nietzsche ein Faschist? Formallogisch ein unzulässiges Schlußverfahren. Bereits Nietzsches ambivalente Haltung zu Darwin weist darauf hin, daß hier eine ganz andere Linie vorliegt, als der Sozialdarwinismus, der das Revierverhalten von Grottenolmen in unidirektionalem Verhältnis auf menschliche Gesellschaft überträgt oder Biologen wie Konrad Lorenz, die sich in den Dienst der NS-Rasseforschung stellen (um es einmal sehr harmlos zu formulieren: es sind eben nicht nur die putzigen Entenbilder im Teich, die da im Raume stehen) und entsprechende Experimente durchführen. Solch dummes Zeug und vor allem Rasseideologie wäre Nietzsche kaum in den Sinn gekommen. (Wie häufig sich Nietzsche über die tumben Deutschen belustigte, scheint Herrn Hitler entgangen zu sein. Das passiert, wenn man einseitig liest, El Mocho. Der Übermensch bei Nietzsche ist kaum der tumbe Deutsche oder der sich heldenhaft dünkende Germanenkrieger. Wie blöd muß man sein, um solchen Schwachfug bei Nietzsche herauszulesen?) Nietzsche war in seiner Zeit ein spekulierender, aphoristischer Philosoph. In der Tat durchdringen sich bei ihm schriftstellerisches, philosophisches und analysierendes Talent. (Wobei seine Analysen häufig poetologisch inspiriert sind.)

    Gottfried Benn war kein Faschist, ebensowenig wie George. Daß hier im Dunstkreis des deutschen Konservatismus und eines ästhetizistischen Elitarismus eine eigenwillige Gemengelage vorlag, bleibt unbenommen. Alles jedoch über einen Kamm zu scheren und mit der Spielmarke „Faschismus“ zu belegen, zeugt von simplem Denken, dem die Differenzierungen und das Subtile abgeht. Ich ziehe es vor, nicht in Schematismen zu denken, und es bereitet mir auch keine Mühe Adorno und Heidegger nebeneinander zu lesen, wie auch Marx und Nietzsche. Habermas und Carl Schmitt. Ähnliche linkspolitische Simplifizierung liegt bei Habermas vor. (Wobei ich selber den nicht als links einordne, sondern als sozialdemokratisch.)

    Wenn Habermas schreibt, Foucault und Derrida seien neokonservativ, dann hat Habermas die politischen Positionen und Aktionen beider Philosophen entweder bewußt ausgeblendet oder aber er will eine bestimmte Tendenz insinuieren.

    Genau: Macht ist subjektlos. Wie naiv muß man sein, diese an Personen, die jederzeit ersetzbar sind, zu koppeln? Das ist so, wie Klein-Hänschen sich die Politik vorstellt: DIE Merkel macht’s. Klar. Und der Führer wird’s schon richten. Oder Willy wählen. Das ist doch ein absurdes Theater, was uns vorgeführt wird. Charaktermasken als Macht zu fetischisieren, ist nicht besonders originell noch zielführend, wenn man den Begriff der Macht analysieren möchte. Macht und Wahrheit bedingen sich natürlich, zumal es eben nicht DIE Wahrheit als Singular gibt, sondern ein bestimmtes Wissen produziert bestimmte Wahrheiten. Foucault ist Genealoge und Historiker. Er untersucht das Zusammenspiel, wie sich Wissen und Macht in einem Wechselspiel generieren. (Wissen ist in diesem Zusammenhang ein sehr viel exakterer Begriff als der der Wahrheit.)

    Wo also bitte ist Foucault relativistisch, wenn er Diskursbedingungen und -ausprägungen darlegt? Ist die Physik auch relativistisch, nur weil sie das ptolemäische Weltbild (um es in einer Metapher zu schreiben) als falsch überführt und es ersetzt hat und weil im Sinne der popperschen Forschungslogik Ergebnisse der Naturwissenschaften tentativ sind? Wissen entsteht zu bestimmten Zeiten, bestimmte Wissensformen und -formationen sind nur unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen möglich. Begriffe wie „Liebe“, „Körper“ oder „Natur“ sind keine Universalien, deren Bedeutungen festgefügt am Ideenhimmel prangen. Das ist nicht anders als in den Naturwissenschaften.

  6. El_Mocho schreibt:

    Ich zitiere mal:

    „Daß diese Reinigung des Volkskörpers nicht nur aus Gründen der Rasseertüchtigung, sondern auch aus volkswirtschaftlichen Gründen erfolgen muss, wird einem klar, wenn man hört, daß in Deutschland die an sich viel zu geringe Kinderzahl heute nur von den Schwachsinnigen erreicht wird, diese aber überschreiten den Durchschnitt sogar um vierundsechzig vom Hundert, und ihr meistens auch wieder schwachsinniger Nachwuchs kostet dem Staat enorme Summen: wenn nämlich der staatliche Aufwand für ein normales Kind jährlich hundertzwanzig Mark beträgt, so für ein schwachsinniges Hilfsschulkind zweihundertfünfzig Mark, für einen idiotischen Anstaltszögling neunhundert Mark. … und diese Hilfe geht natürlich zu Lasten der Gesunden. Die Ergänzung dieses auszuscheidenden minderwertigen Volksteils soll durch qualitativ hochwertiges Menschenmaterial erfolgen.“

    Geist und Seele zukünftiger Geschlechter, in: Gottfried Benn, gesammelte Werke DTV 1975, Bd. 3 S. 797

    Und du sagst der war kein Nazi? Na ich danke. Wenn da ein Philosoph schreibt: „Die Schwachen und Mißratenen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen“, und ein großer Verehrer des besagten Philosophen den obigen Text, dann ist es natürlich naheliegend, dass weniger fein gesinnte Leute irgendwann das ganze in die Tat umsetzen und Behinderte vergasen, wie es ja dann auch geschehen ist. Und niemand von den Poeten und Philosophen wollte etwas damit zu tun gehabt haben.

    Daraus folgt natürlich nichts über die Qualität seiner Gedichte, genauso wie z.B. die Forschungen von Konrad Lorenz zur evolutionären Erkenntnistheorie nicht dadurch ihren Wert verlieren, dass er Nazi war. Aber man sollte so ehrlich sein, das auch zuzugeben.

    Und in jedem Fall sollte man höchst skeptisch sein, wenn sich Ästheten über Politik äußern. Hitler war ja letzten Endes auch nur so ein verkrachter Künstler, der Politiker wurde, weil er sich nicht hinreichend anerkannt sah.

    „Macht ist subjektlos.“

    Nur bei Foucault. Dazu sagt Habermas: „Macht ist dass, womit das Subjekt in erfolgreichen Handlungen auf Objekte einwirkt. Dabei hängt der Handlungserfolg von der Wahrheit der in den Handlungsplan eingehenden Urteile ab; über das Kriterium des Handlungserfolges bleibt Macht von Wahrheit abhängig. Diese Wahrheitsabhängigkeit der Macht kehrt Foucault kurzerhand in eine Machtabhängigkeit von Wahrheit um. Deshalb braucht die fundierende Macht nicht länger an die Kompetenzen handelnder und urteilender Subjekte gebunden zu sein – die macht wird subjektlos.“ (S. 323)

    Eben, erfolgreich Macht ausüben und handeln kann man nur, wenn man die Realität adäquat erkennt. Man muss die Welt so erkennen, wie sie objektiv ist, um handeln zu können, und genau darauf ist das menschliche Erkenntnisvermögen ausgelegt, nicht für die Metaphysik.
    „Macht und Wahrheit bedingen sich natürlich, zumal es eben nicht DIE Wahrheit als Singular gibt, sondern ein bestimmtes Wissen produziert bestimmte Wahrheiten.“

    Immerhin setzt du dich auch in Autos und Flugzeuge im Vertrauen, dass die Wahrheit der Physik so falsch nicht sein kann.

    Und natürlich ist Foucault ein Relativist. Wer behauptet, „dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert“, lässt das kein objektives Wissen zu. Wissen ist nur eine Verkleidung des Willens zur Macht, wie bei Nietzsche. Alles ein Unsinn. Habermas spricht hier von der „willkürlichen Parteilichkeit einer Kritik, die ihre normativen Grundlagen nicht ausweisen kann.“

    Genau so ist es.

    Übrigens zu Foucault als Historiker empfehle ich:
    http://monoskop.org/images/1/17/Merquior_JG_Foucault.pdf
    von dem brasilianischen Schriftsteller José Guilherme Merquior

  7. Bersarin schreibt:

    Bei Nietzsche-Zitaten bitte immer den Kontext mitnennen. Ansonsten wird es nämlich ganz schnell problematisch und kann zu Entstellungen führen, wenn das rhetorische Element des Textes sowie literarisches, metaphorisches Sprechen nicht mitgelesen werden. Nietzsche ist, was das Denken betrifft gewiß kein Unschuldiger und es finden sich bei ihm fragwürdige Stellen. Ihn jedoch als Wegbereiter des Faschismus zu sehen, ist eine dieser Simplifizierungen, die es sich gerne leicht machen, um nicht weiter und tiefer über Ursachen nachdenken zu müssen.

    Ich würde bei Texten schon zwischen Kraftmeierei und Tätertum unterscheiden. Daß Texte und Wörter ebenso Taten hervorbringen, ist allerdings unbenommen, darin gebe ich Dir sogar mal recht, und um 1933 herum muß man Benn wohl als Nazi bezeichnen. Doch darauf reduziert sich die Causa Benn eben nicht. Weiterhin: frag Dich doch einfach mal, weshalb Gottfried Benn ab 1933 nicht mittat, als er Möglichkeiten hatte mitzutun und Gefolgsleute und insbesondere Ärzte für dies und auch für das gesucht wurden. DAS ist die entscheidende Frage. Mir geht es nicht darum, Benn reinzuwaschen, sondern die vielfältigen Stränge des Konservatismus zu betrachten.

    Ich habe Dir, El Mocho, zum gefühlten 1000. Male und seit fünf Jahren Foucault erklärt und es hat nichts genützt. Ich werde es nicht zum 1001. Male machen. Wenn Du aus einem Relationalismus und aus Korrelationen Relativismus ableiten möchtest – bitte, Dein Bier. Du mußt mit dem Irrtum leben nicht ich. Es freut mich aber, daß Du nun zum Hegelianer wenigstens Dich wandelst und wenigstens „objektives Wissen“ anerkennst. Dieses gibt es übrigens auch für Foucault. Nur ist dies eben wandelbar. Oder denkst Du ein Begriff wie Liebe, Individuum, Sexualität und selbst der Begriff des Wissens selbst, steht von den Vorsokratikern bis heute in immer denselben Bezügen? Relationen und Relativität sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe.

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