Von einer problematischen Reflexionsfigur. Byung-Chul Han „Die Errettung des Schönen“

„Schönheit also ist nichts anders als Freiheit in der Erscheinung.“
(F. Schiller, Kallias oder über die Schönheit)

„Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der Vollkommenheit; in ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. (…) Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein Bild zurückwirft: das Urteil ‚schön‘ ist seine Gattungs-Eitelkeit.“
(F. Nietzsche, Götterdämmerung)

Ein wenig in meiner Bibliothek gesucht, mit der Spitze meines Zeigefingers an den Buchrücken in der Abteilung „Philosophie“ entlanggezogen, so daß es ein leicht schabendes Geräusch ergibt, die passenden Bücher aus dem Staub sowie der alphabethischen Ordnung der Toten und der Lebenden gefischt, und schon springen mich diese zwei Zitate an, die im Grunde genommen die beiden gegensätzlichen Bewegungen betreffs einer Ästhetik des Schönen anzeigen. Ontologisierung des modernen Subjekts beim Betrachten und im Freiheitsverzücken steht gegen die Genealogie unserer Begrifflichkeiten und Urteile. Der Moderne zum Ausklang des 19. Jahrhunderts erscheinen die Dinge, die Entitäten und insbesondere das Subjekt selbst verdächtig. Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts mehr selbstverständlich ist. Solche Kritik, die von Nietzsche, über Adorno bis hin zu Foucault und Derrida reicht, verlernten die meisten weitgehend. Anderes Thema aber.

u1_978-3-10-002431-2.39902198Daß ein Buch das Schöne zu retten sich anschickt, mag zunächst gewagt erscheinen. Galt doch der Ästhetik des 20. Jahrhunderts dieser Begriff wenig. Im Angesicht von Zertrümmerung und Fragment, von Destruktion, Ich-Übersteigerung samt dessen Diversifizierung, Konventionssprengung sowie einer Ästhetik des Erhabenen und während die ästhetische Form sich verflüssigte, multipel geriet und zwischen Hyperrealismus, Kubismus, Surrealismus, stream of consciousness, innerem Monolog, Stunde-Null-Realismus, hermetischem Text oder Nouveau roman sich verzweigte, gab es für die einstmals bedeutsame Kategorie des Schönen wenig Platz. Schönheit geriet zwischen die Fronten, war mit dem Geruch des Althergebrachten oder aber einer Art von Kunstgewerblichkeit versehen und damit der Moderne Anathema. Freilich – in den Subtexten verborgen lag sie allemal vor und war eigentlich nie abwesend, sondern wechselte ihre Gestalten. Proteushafter Begriff also, der es erforderlich macht, sowohl Kant und Schiller wie auch Nietzsche zu lesen. Denn Schönes kann sowohl in der Grausamkeit als auch in der Härte der Reflexion, im schonungslosen Realismus, der uns den Ursprung der Welt öffnet, wie in der ornamental verzierten Abstraktion oder im freien Spiel interesselosen Wohlgefallens am Werk sein. Die Einbildungskraft ist vielfältig gepolt und wir unterliegen mannigfaltigen Strukturen, die unsere Referenzrahmen formen – und manchmal auch foppen.

Im Zeitalter des Medialen, zwischen Facebook und Twitter sowie anderen Formen der Virtualität ist für Byung-Chul Han das Glatte, mithin das bloß Gefällige und Eingängige die „Signatur der Gegenwart“. Dieses Glatte verkörpert die Positivgesellschaft. Es verletzt nicht, sondern es heischt nach Facebook-Likes, und so wird im Grundton des Unkomplizierten jegliche Negativität beseitigt. (Der englische Begriff „virtue“ heißt ins Deutsche übersetzt übrigens Tugend, und die Virtualität ist etymologisch genommen zugleich auch die Möglichkeit.) Das Glatte ist nicht das Schöne, sondern bloß das Gefällige. Das Glatte ist distanzlos, während vom schönen Kunstwerk eine Stoßrichtung ausgeht. Repulsion und Attraktion sind seine Attribute, sind seine Kraftfelder. Es herrscht, wie beim Erotischen, ein „rhythmische Wechsel von Anwesenheit und Abwesenheit, Verschleierung und Entschleierung“. Das Erotische, dem Schönen verschwistert, ist das Gegenteil des Pornographischen, dem es um die bloße Sichtbarmachung und um die Enthüllung ohne Geheimnis geht. (Hans Manichäismus oder aber in den Termini der Moderne sein Dualismus übersieht jedoch die Subtilitäten des Pornographischen bzw. er blendet sie aus. Im Sinne eines umfassenden Eros besetzen wir den nackten Körper mit unsern Sinnen ebenfalls pornographisch. Aber dies ist ein anderes Thema und erforderte, sich genauer mit dem Begriff des Pornographischen auseinanderzusetzen. Ebenso verkennt Han den zuweilen auch spielerischen Charakter des „Likens“: der Mensch ist ja bekanntlich nur dort ganz Mensch, wo er spielt.)

Für Han steht, ich schrieb bereits an dieser Stelle darüber, die Kunst von Jeff Koons für jene fatale Tendenz zum Glatten. „Allein die Positivität des Glatten löst den haptischen Zwang aus. Sie lädt den Betrachter zur Distanzlosigkeit, zum Touch ein. Ein ästhetisches Urteil setzt aber eine kontemplative Distanz voraus. Die Kunst des Glatten schafft sie ab.“ Was Han zu recht kritisiert – Koons fungiert hier lediglich als Name für eine Tendenz –, ist eine Kunst des Gefälligen und Angenehmen, eine Kunst des haptischen Reizes. Koons Skulpturen vermitteln „eine vollkommene, optimierte Oberfläche ohne Tiefe und Untiefe.“ Worauf Han abzielt, ist die (ästhetische) Distanz: Ohne diese sei keine Mystik und keine ästhetische Erfahrung möglich. Ersteres würde ich zwar nicht in solche esoterische Begrifflichkeit kleiden, wobei man den Begriff der Mystik ebenso als eine Art Metapher nehmen kann. Was Han jedoch zur ästhetischen Distanz schreibt, ist nicht von der Hand zu weisen, wenn es im Umgang mit Kunst darum gehen soll, noch irgendwie einem Anderen als dem eigenen Narzißmus der Selbstbildungen oder der Selbstfindungen gewahr zu werden. Denn in den gelungenen Kunstwerken (und auch in der Philosophie bzw. der ästhetischen Theorie, so möchte ich ergänzen) manifestiert sich die Erfahrung von Alterität: etwas wie Entgrenzung und Ichverlust, und es hebeln sich, fast mit Schopenhauer gesprochen, alle Schranken und Grenzen aus.

„Die sauberkeits- und hygienebesessene Gesellschaft von heute ist eine Positivgesellschaft, die Ekel empfindet angesichts jeder Form von Negativität.“ Wer Han in solchen Stellen Oberflächlichkeit oder einen Hang zu Allgemeinplätzen vorwirft, der vergleiche das gängige Schönheitsideal, das in dieser Gesellschaft herrscht und das den eigenen Blick auf die Schönheit präformiert, mit diesen Sätzen. Han mag zuspitzen und häufig auch vereinfachen, doch er trifft eine Tendenz. Das Ungeglättete und nicht ganz Perfekte fasziniert uns allenfalls an dem Wesen, was wir heute in verdinglichter Sprache unsere Partnerin nennen. Ansonsten zieht im Blick der meisten das Makellose besser. Die reine glatte epilierte Haut, schreckliche, haarfreie Muschizonen: das geht soweit, daß sich Menschen die Haare aus dem Arschloch entfernen lassen – eigentlich ein Gebiet, in das nicht viele andere blicken. Han moniert jenen Echo- und Spiegelbildnarzißmus, unter dem es nicht mehr zur Alteritätserfahrung und vor allem zu der Erfahrung kommt, daß der Andere unaufhebbar der Andere und ein Anderes bleibt, mit all seinen Makeln und auch den schiefen Stellen – eben eine Negativitätserfahrung, die nicht nur für die Kunst der Moderne konstitutiv sein sollte, sondern ebenso für die intersubjektiven Anerkennungsverhältnisse.

Gegen diese Ästhetik des Glatten und die medialen Verwerfungen der Gegenwart, die Han bereits in zahlreichen seiner Bücher kritisierte, mobilisiert er einen Begriff von Schönheit, wie wir ihn aus der antiken Philosophie von Platon her kennen: eine Metaphysik des Schönen, die mit der neuzeitlichen Ästhetik kontrastiert. In dieser gilt das Ideal subjektiver Selbstreferenz, und es bestätigt das Schöne lediglich das Subjekt in seiner Autonomie bzw. in seiner „autoerotischen Subjektivität“, so überspitz Han. Zudem scheidet diese Ästhetik das Schöne vom Erhabenen und bringt die einstmals korrespondierenden Begriffe in den Gegensatz. In dem von Han konzipierten Begriff von Schönheit, den er wiederzubeleben sich anschickt, verschränken sich jedoch Aspekte wie die der Negativitätserfahrung, des Wahnsinn (wie wir ihn in Platons Programm der Schönheit kennen), Erhabenes und Schönes sowie eine Erfahrung wesentlicher Andersheit. Schönheit ist für Han ein Versteck, ihr sind das Verbergen und auch der Entzug wesentlich. In diesem Ansatz Hans vermischen sich Platonische und Heideggersche Motive, was zunächst zwar, von Inhalt dieser unterschiedlichen Philosophien – die eine Metaphysik, die andere fundamentale Kritik an dieser – befremdlich erscheinen mag, in Hans Programm jedoch, sieht man einmal von dem doch apodiktischen Ton ab, durchaus funktioniert.

Ein weiterer Aspekt des Schönen ist der Ursprung der Kunst aus dem Fest. Han setzt – orientiert an Benjamins Passagen aus seinem Kunstwerkaufsatz, wenngleich diesen nicht explizit nennend – den Ausstellungswert und den Kultwert eines Kunstwerkes in bezug. Allerdings vertauscht Han die Vorzeichen. Zentral wird für Han nun wieder der Kultwert, um jenem Spektakelcharakter der Kunst zu opponieren, der sich in den Ausstellungen und Musealisierungen zuträgt. „Der Ausstellungswert verdrängt den Kultwert. Die Kunstwerke werden nicht an der Feststraße aufgestellt, sondern in Museen ausgestellt. Ausstellungen sind keine Feste, sondern Spektakel. Das Museum ist ihre Schädelstätte.“

Wenn Fest und Kunst korrespondieren sollen, dann ist das Museum eine Notlösung oder aber eine Form des Verfalls. Diese Umpolung der Kunst, weg vom Museum bringt sie allerdings in die Nähe zum Pop, obgleich solche Annäherung von Han sicherlich nicht intendiert ist. Denn sofern wir den Begriff des Festes nicht regrediert oder in archaischer Manier verwenden möchten, kann unter heutigen Bedingungen nur noch die Performance bzw. das Ineinandergehen von Kunst und Ereignis gemeint sein: Kunst und Fest verquicken sich, wenn in einer Independent-Galerie, wie es so schön als Spielmarke heißt, zu gereichten alkoholischen Kaltgetränken sowie Musik, Zeichnungen oder Gemälde in einen eigenwilligen Kontext gestellt werden, wenn ein Mann und eine Frau Hand in Hand und Kuß an Kuß wie versonnen und betäubt vor den Bildern stehen, staunen, reden, palavern, einander mit Blicken und Bissen gefangennehmen und dabei die Kunstwerke dennoch nicht unwesentlich bleiben: Ereignis einer Nacht, das dann, sofern reflexiv eingeholt, wiederum in ein Kunstwerk, in eine neue Geschichte münden kann. Meist finden solche wilden und ausufernden Veranstaltungen nur noch in solchen Räumen statt, die vom offiziellen Kunstbetrieb abgezirkelt sind. Dort wird die Kunst zum Fest. Aber zwei besondere und verwegene Menschen vermögen dieses Ereignishafte zwischen Rausch, Kunst, Theorie und Körper ebenso bei einer Ausstellungseröffnung im hochkulturellen Milieu zelebrieren.

Hans Ausführungen zum Schönen reißen leider häufig bloß Thesen an, ohne sie im Rahmen philosophischer Ästhetik zu vertiefen oder im Detail auszuarbeiten. Dieser Mangel zeigt sich bereits an Hans komprimierter Sprache, die in eine Kanonade der Hauptsätze und der Proklamationen verfällt. Solch traktatartiges Schreiben liest sich nicht wirklich schön und zeugt stilistisch von wenig Gespür. Das, was man die Musikalität der Sprache nennt, sollte für einen Text, der über das Schöne schreibt, ebenfalls wesentlich sein: Die Darstellung darf und kann der Sache niemals äußerlich bleiben. Man muß nicht beständig Adorno oder Derrida bemühen, aber wenn ich lese, wie sich bei ihnen oder bei Benjamin die Sache aus der Sprache selbst entwindet, Sache und Sprache in einem nicht bloß äußerlichen Verhältnis stehen und wie in dialektischer Verve, mit Trick, Spiegelung und Drehung ein Sachverhalt zur Entfaltung gelangt, dann erfreut solche Lektüre naturgemäß mehr als die Hans. Von Adorno läßt sich, was die Form der Darstellung betrifft, manches lernen, sofern man gewillt ist, dialektisches Denken nicht nur zu proklamieren, sondern es akut und aktuell werden zu lassen. Ein Ästhetiker, der über Ästhetik schreibt, muß entgegen dem Valéryschen Diktum selber nicht unbedingt gut aussehen, aber er sollte stilsicher schreiben. Ich folge Han zwar in manchem seiner Thesen. Ich lese diese Argumente jedoch nicht mit Genuß und Freude, wie dies bei den genannten Autoren geschieht.

Andererseits schafft es Han, eine Theorie kurz und knapp zu formulieren. Die eine oder der andere mag ihm diese eher seichte, stakkatoartige Form von Philosophie und Thesenhaftigkeit vorhalten, als stünde der leibhaftige Luther mit Hammer und Nagel vor der Kirchentür. Das ist nicht ganz von der seitenblätternden Hand zu weisen, und Han ist von der Form seiner Thesen her den von ihm kritisierten Phänomenen des Seichten und Glatten näher, als ihm lieb ist, doch sollte bei aller berechtigter Kritik am Stil nicht ganz vergessen werden, daß es sich hierbei um ein populärwissenschaftliches Sachbuch handelt, das einem breiterem Publikum Positionen gegenwärtiger Ästhetik und insbesondere die Kritik an einem bestimmten Standard der Kunst vermitteln möchte – gleichsam der Stand der Schönheit, the state of art, im Angesicht der Zerrüttung: in komprimierter Form wie ein Facebook-Dislike dargeboten. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, daß in dieser Reihe „S. Fischer Wissenschaft“ deutlich besser geschriebene Bücher erschienen sind. Etwa Martin Seels „Die Künste des Kinos“, das ich jedem ans Herz lege, der für Film brennt, oder aber Ralf Konersmanns ungemein kluges Buch „Die Unruhe der Welt“, das im besten Sinne des Wortes Bildung ist.

Schwerer wiegt allerdings der Vorwurf, daß Han in seiner Proust-Interpretation der Madeleine-Episode, den Autor des Romans und den Erzähler dieser Erinnerungsintensivierung in eins setzt. Es ist nicht Proust, der spricht, wie Han dies schreibt, sondern ein Ich, das an zwei Stellen im Roman als „Marcel“ bezeichnet wird. Dieser Vorwurf mag kleinlich oder pedantisch erscheinen, aber zumindest zeigt sich darin, daß dieses Buch flüchtig gearbeitet ist und ein Lektorat gut vertragen hätte. Wäre dieses Buch von einem Doktoranden oder einem Magisterphilosophen beim Fischer-Verlag eingereicht worden, verwette ich meine Weinsammlung darauf, daß der Verlag es aus inhaltlich-formellen Gründen flugs abgelehnt hätte.

Eine Stärke des Buches ist es sicherlich, daß Han jenes „Gefällt-mir“ als Ausdruck vermeintlichen Urteilens drastisch kritisiert: Die Beliebigkeit des Meinens, das sich allerorten spreizt, als wäre es ein irgendwie verbindliches und verbindendes Urteil, und dem ein Ding so gut wie das andere gilt. Austauschbarkeit eben. Schön in einem emphatisch verstandenen Sinne ist nicht das (kantische) „interesselose Wohlgefallen“, denn dieses wird vom Schönen transzendiert, so schreibt Han zu Recht, sondern er bindet das Schöne wieder an den Begriff der Wahrheit. Mag dies in Hans Weise auch proklamatorisch und allzu thesenhaft mit wenig Esprit des Textes erfolgen, so handelt es sich dennoch um eine wichtige Geste, Kunst und Wahrheit wieder in ein Verhältnis zu bringen inmitten einer Epoche, die sich einzig noch die Modi ästhetischer Erfahrung auf die Fahnen schrieb und diese in den unterschiedlichsten Posen variierte; mithin eine Rückkehr zur Rezeptionsästhetik und an die Befindlichkeitsstufen zelebriert. Diesen Zug revoziert Han, und diese Lesart des Schönen macht das Buch trotz vieler Schwächen lesenswert. Vor allem wären seine Thesen ausbaufähig. Insofern  sollte man es als eine Art Heuristik benutzen.

Wir können Hans Buch in zwei Richtungen hin betrachten: Als Aufkochen und Zusammenbringen verschiedener Positionen der Kunstphilosophie, sozusagen ein knappes Patchwork für Ästhetiker, was sich dann zwischen Kant, Adorno, Blanchot, Barthes, Gadamer, Heidegger und Benjamin bewegt und in diesen Kontexten für ein allzubekanntes Denken der Alterität steht, dem die Unverfügbarkeit und das Einbrechen eines Anderen sowie das Nichtidentische eingeschrieben ist: Han entwickelt ein Konzept von Schönheit, das auf eine Epoche zurückgreift, die wir als nichtkonsumistisch konzipierte uns vorstellen müssen, gleichsam eine antipostmodernistische, essentialistische Postpostmoderne. Die andere, wohlwollende Lesart konzediert diesem Buch, daß es verschiedene Ansätze der Ästhetik in einen Zusammenhang bringt und aus diesem Kontext versucht, eine starke, wenn auch wohlbekannte These abzuleiten. Han versucht, den Begriff des Schönen zu retten. Allerdings mißlingt dies am Ende, weil die proklamatorische Sprache sowie die simpel gebauten Sätze, die Verschichtungen des Schönen und seine Vielfalt konterkarieren. Das gerät dann weniger schön.

Ein passender Untertitel, der sich für dieses Buch  eignete, wäre „Ein Manifest“ gewesen. Das Kursorische und Eliptische des Buches spiegelten sich in diesem Titel angemessen wider.

Byung-Chul Han, Die Errettung des Schönen, Fischer Verlag, 107 Seiten, EUR 19,99

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Von einer problematischen Reflexionsfigur. Byung-Chul Han „Die Errettung des Schönen“

  1. Brasch & Buch schreibt:

    Was will Han denn nun retten? Das Schöne an sich, das ja nur von Zeitgeist zu Zeitgeist sich neu kleidet, ist doch unvergänglich. Jede Gesellschaft, jedes Milieu, jeder Mensch betitelt Dinge als schön. Einen allgemeinen Konsens darüber gab es nie, da Schönes nun mal nicht objektivierbar ist.

    Nebenbei: der idealisierten Makellosigkeit (Glattheit) bei Menschen steht ja die seit einigen Jahrzehnten wachsende Lust am Tätowieren und Körper Verzieren entgegen. Für viele wird der makellose Körper erst dadurch reizvoll aufgeladen. Ist das Schönheit, die Han retten möchte?

  2. Bersarin schreibt:

    Ich denke, Han argumentiert eher ex negativo: er will keine positive Bestimmung liefern. Er nennt auch, soweit ich mich erinnere, nur wenige Kunstwerke. Das einzige Werk ist Prousts Recherche, aus der er einige Passagen zitiert, um seine Annäherungen zu veranschaulichen. Diese ästhetische Epoché in bezug auf das Schöne würde ich bei Han nicht einmal kritisieren. Hier steht Han Adorno nahe, den er in diesem Buch ebenfalls an einigen Stellen zitiert: die Utopie bleibt schwarz verhüllt.

    Das Vertracke am Begriff der Schönheit und damit zugleich sein Segen, ist das Unbestimmte darin: daß wir immer wieder Anstrengungen und Versuche unternehmen dieses Je ne sais quois auf den Begriff oder in eine Anschauung, in einen Text, in einen Ausdruck zu überführen. Der Versuch selbst, der sich um das Schöne oder das relativ Schöne gruppiert und der es zu beschreiben und zu poetisieren vermag, ist als Weg genommen das Ziel. Insofern korrespondieren Schönheit und unsere Fähigkeit zur Imagination derselben: Daß wir sie wahrnehmen und über sie sprechen und schreiben können. Diese Korrespondenz gilt übrigens gleichermaßen für ein Kunstwerk wie auch für den Menschen, den wir lieben.

  3. Brasch & Buch schreibt:

    Hier noch eine Besprechung von Peter V. Brinkemper, die mir den Zugang zu Han auch nicht weiter aufschließt: http://www.glanzundelend.de/Red15/h15/han-die-erretung-des-schoenen-brinkemper.htm

  4. Bersarin schreibt:

    Ich denke, Hans Buch macht es den Rezensenten relativ einfach, es im Sinne eines Verrisses zu kritisieren. Insofern versuchte ich, eine ausgewogene Besprechung zu schreiben und das an dem Buch stark zu machen, was darin in Potential steckt. Es gibt in dem Buch, trotz des Manichäismus, sehr wohl bedenkenswerte Aspekte, die sich fruchtbar machen lassen. Etwa einen Begriff von Schönheit, der zugleich die Alteritätserfahrung umfaßt. Insofern muß man dieses sehr knappe und dünne Buch wie ein Manifest lesen. Hier bedürfte es aber, um diese Aspekte mit Inhalten zu füllen, eines sehr viel komplexeren und kompakteren Buches. Das geht nicht in Thesen und auf 120 Seiten. Zumal bei der Ästhetik nun einmal auch der Aspekt des Schreibenkönnens zum Tragen kommt. Die Musikalität der Sprache, ihr Rhythmus. das alles fehlt bei Han.

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