Die fragile Ordnung der Dinge. Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 2)

„Melancholie hatte ihren Platz: das Kaffeehaus.
Sie nachhause mitzubringen, das ging nicht.“
(Edmund de Waal)

 der_hase_mit_den_bernsteinaugen-9783423143653„Es wird mir klar, dass ich unbedingt wissen möchte, wie dieses hart-weiche, leicht zu verlierende Objekt überlebt hat. Ich muss einen Weg finden, seine Geschichte zu enträtseln. Dass ich diese Netsuke besitze, dass ich sie alle geerbt habe, bedeutet, man hat mir eine Verantwortung für sie und für die Menschen, die sie besaßen übertragen.“ De Waal verfolgt den Weg dieser Netsuke, er geht ihren Spuren nach, die sie hinterlassen, rekonstruiert, wie sie sich in das großbürgerliche Interieur einfügten und dort als ein Objekt unter vielen ihren Platz gewannen. Dazu recherchiert de Waal die Familiengeschichte, die sich über drei Generationen erstreckt, reist den Geschichten nach, liest in Archiven, findet Details und Bezüge des Familienlebens, erzählt vom Wien des frühen 20. Jahrhunderts, das einen Schmelztiegel unterschiedlichster Denkweisen darstellte, mit Männern, die in den Kaffeehäusern saßen, welches speziell und im besonderen zu beziehen war, erwies sich manchmal sogar als eine Frage der Weltsicht. Wien, das ist ein Konglomerat aus Namen und Begriffen, bei denen sich uns die Assoziationen einstellen: Karl Kraus, Peter Altenburg, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, die Ringstraße, Architekten wie Loos oder Theophil Hansen, der um das Jahr 1870 herum das Palais Ephrussi sowie das heutige Parlamentsgebäude entwarf, das jüdische Leben in Wien, Mahler, Loos, Freud, Schnitzler. Finanzwelt, Geschäfte und Geistesleben in einem. Wien, das war eine „Versuchsstation für den Weltuntergang“, wie Karl Kraus es ausdrückte. Dieser stand Wien gleich zweimal bevor: 1918 und 1938.

De Waals Großmutter Elisabeth, eine hochgebildete Frau, die im Jahre 1919 mit dem Studium der Philosophie, Rechtswissenschaft und Wirtschaft begann, inmitten der Wirren der Nachkriegszeit, wo sich niemand mehr darum scherte, ob eine Frau studierte oder nicht,. Was noch vor Zehn Jahren unmöglich gewesen wäre. Jene Ephrussi-Tochter mit ihrem Hang zu unsentimentaler Lyrik – sie haßte das „ungenaue Gefühl“, „das Ungefähre, das Verwischen des Wirklichen im Rausch der Gefühle“: Aspekte, die sich auch heute noch manche ins Poesiealbum schreiben sollten, um an Stil, Form, Inhalt und Rhythmus zu feilen – pflegte einen Briefwechsel mit Rilke. Die zwanzigjährige Studentin aus Wien und der fünfzigjährige Dichter in der Schweiz. Sie erhielt ein Stipendium für die USA und ging aus Wien fort, heiratete später in Paris den holländischen Kaufmann Hendrik de Waal. Sie war mit Eric Voegelin befreundet, schrieb Essays, verfaßte einen Roman, der jedoch nie veröffentlicht wurde. Elisabeths Welt waren die Bücher, die Dinge des Geistes.

55_Book galleryAnders bei Elisabeths Bruder Ignaz, dem diese Welt der Bücher fremd blieb. Er hatte mit diesen Dingen wenig im Sinn. Wie es in solchen Familien vorgesehen ist, sollte Iggie, wie er im Buch genannt wird, in die Bank eintreten und die Familiengeschäfte fortführen. Er arbeitete bis 1933 in einer Frankfurter Bank. Doch als Iggie im Juli 1933 nach Wien zurück sollte, um ins Familiengeschäft der Bank einzutreten, riß er aus: erst verschlug es ihn nach Paris, wo er in einem Modehaus arbeitete und den Beruf des Schneiders lernte. Da war er 28 Jahre alt. Doch von Paris aus ging es weiter, hin zur Welt der Mode und der Welt der Männer: Iggie siedelt nach New York, denn Mode war sozusagen von Kind auf an aus seine Leidenschaft. De Waal schildert diese Szenen im Ankleidezimmer von Iggies Mutter fast als wären sie ein Stück der Literatur: Wie ein Mensch bereits als Kind in die Welt der Mode und der Stoffe sich verliert, Gefallen an der Schönheit ihrer Farben findet. Wie er mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Gisela „Verkleiden“ spielt oder wenn Iggie versonnen in den Magazinen von „Wiener Mode“ blättert. Die Überfahrt nach New York, so sinniert Iggie später, als er nach dem Zweiten Weltkrieg als GI der US-Army nach Tokio übersiedelte, sei „eine Art Taufritus von einem Leben ins andere“ gewesen. Auf solchen Umwegen und Fluchten finden Menschen, auf unergründliche Weise manchmal, zu ihrer Bestimmung, machen sich zu dem, was sie immer schon werden wollten – bereits als Kind, ohne es freilich zu ahnen. In der Bank wäre Iggie bloß ein unglücklicher schwuler, jüdischer Banker und aufgrund zweier von den Nazis nicht sehr geschätzter Merkmale gewißlich nicht mehr am Leben, wenn er in Wien geblieben wäre.

In New York trat Iggie in ein anderes Leben, seine Leidenschaft entfaltete sich an einem dafür angemessenen Ort, und Mode wurde sein El Dorado: er entwarf von nun an stilvolle Kleider und Mäntel für die gehobene Amerikanerin, fand dort eine erste große Liebe: einen blonden, etwas jüngeren Antiquitätenhändler. De Waal betrachtet sich die beiden Männer auf einer Photographie, die in einer Wohnung in der Upper East Side aufgenommen wurde. Auch in diesem Zusammenhang scheint mir interessant, wie sehr Photographien einerseits ein Medium sind, um Familiengeschichte zu rekonstruieren und um überhaupt erst an Informationen zu gelangen, die einstmals visuell festgehalten wurden; gleichsam in dem Sinne objektiv, daß einstmals etwas da und vorhanden gewesen sein mußte: Menschen, Ereignisse, Situationen. Andererseits bleiben solche Bilder unendlich stumm, wenn wir zu ihren Kontexten keinen Zugang mehr finden.

61_Book galleryIm Jahre 1938 sind die Ephrussi-Kinder in alle Welt zerstreut, der Besitz der Familie Ephrussi, das Palais an der Ringstraße, alles Hab und Gut ist geraubt oder zerstört. Es blieb nicht die Zeit und die Möglichkeit, irgend etwas von den schönen und erlesenen Dingen mitzunehmen oder beiseite zu schaffen, weder die Netsuke noch andere Kostbarkeiten. Im Oktober bringt sich die Mutter Emmy in der Tschechoslowakei mit einem Mittel, das ihr Herz aussetzenläßt, um. De Waal entfaltet Tableaus gelebten Lebens, taucht in die Epochen hinein, er erzählt dies spannend, pragmatisch, manchmal auch mit einem Ton der Trauer versehen, jedoch ohne fette Schnörkel und in den Kitsch zu gleiten, der bei einem solchen Thema nicht weit ab vom Wege liegt. Vor allem aber bringt er immer wieder seine eigenen Überlegungen und Gedanken zu denen in diesen Fluß ein, die seine Familie sind. Manchmal mit einem melancholischen Ton, den ein Blick zurück in die eigene Biographie und Herkunft so häufig nach sich zieht. Die Vergangenheit ist nie vergangen und läßt niemanden los.

Eine der interessantesten Figuren in diesem Buch ist das Dienstmädchen Anna, die um die Jahrhundertwende als Zofe in den Dienst der Familie trat – bis zuletzt, bis die Familie 1938 aus dem Land getrieben wurde. Interessant ist jene Anna vor allem deshalb, weil sogut wie nichts über sie erzählt wird: nichts über ihre Herkunft, kein Detail aus ihrem Leben, nichts was sich recherchieren läßt oder wo die Archive etwas hergeben. Im Grunde eine Leerstelle. Aber eine solche, die das Buch strukturiert. Im Dezember 1945 beschließt Elisabeth von ihrem Exil in England nach Wien zu reisen und nachzuforschen, was noch von diesem Leben einstmals vorhanden ist und was übrig blieb. Nicht viel, nichts. Sie betritt ein geleertes Haus, darin inzwischen eine amerikanische Behörde ihren Sitz hat.

„Der Abstellraum ist leer. Die Kaminsimse sind leer. Die Silberkammer ist leer, ebenso der Safe. Kein Klavier steht da. Kein italienischer Kabinettschrank. Keine Tischchen mit Mosaikintarsien. In der Bibliothek gähnen leere Regale. Die Globen sind weg, die Uhren, die französischen Fauteuils. Das Ankleidezimmer ihrer Mutter ist staubig. Dort steht ein Aktenschrank. Kein Tisch oder Spiegel, aber eine schwarze Lackvitrine, auch sie leer.

Der freundliche Leutnant möchte behilflich sein und wird gesprächiger, als er erfährt, dass Elisabeth in New York studiert hat. Lassen Sie sich Zeit, meint er, sehen Sie sich um, finden sie, was möglich ist. Ich weiß nicht, was wir für Sie tun können. Es ist sehr kalt, er bietet ihr eine Zigarette an und erwähnt nebenbei, es gebe eine alte Dame, die noch hier wohne – er deutet mit der Hand –, die werde vielleicht mehr wissen. Ein Korporal wird um die Frau geschickt.

Sie heißt Anna.“

Jene Anna hat die Netsuke, Figur für Figur, vor acht Jahren einfach genommen und sie unter ihre Matratze gelegt und darauf geschlafen. Der dritte Ort der Sammlung also, an dem diese kleinen, harten Figuren Krieg und Mord überstanden.

Nach Wien kehrten nach Shoah und Krieg nur wenige Juden zurück. „Niemand wurde zur Verantwortung gezogen. Die nach dem Krieg errichtete neue demokratische Republik Österreich amnestierte 1948 neunzig Prozent der NSDAP-Mitglieder, 1957 auch Angehörige der SS und Gestapo.“

65_Book galleryDe Waals Hang zu den Dingen, zum Objekt, darin sich die Erinnerungen sedimentieren, zum Einfachen, Reduzierten und zur Konzentration in der Arbeit mag seiner Tätigkeit geschuldet sein: er ist Professor für Keramik an der University of Westminster, er fertigt Keramik- und Töpferprodukte an. 1991 reiste er im Rahmen eines Stipendiums nach Tokio, um die Grundbegriffe des Japanischen sich anzueignen. Was für die Kunst der Keramik sowie der handwerklichen-künstlerischen Töpferei und eine Weise der konzentrierten Reduktion sicherlich bedeutsam und wichtig ist. In Tokio kommt de Waal zum ersten Mal bei seinem Onkel Iggie mit jenen Netsuke in Berührung. Iggie wurde nach seiner Flucht amerikanischer Staatsbürger, er diente im Krieg in der US-Army und lebte dann in Tokio als österreichischer Amerikaner zusammen mit dem geretteten Netsuke-Schatz und seinem japanischen Lebensgefährten. So kamen diese Objekte wieder an den Ort, von dem her sie ihren Ausgang nahmen: nach Japan.

Wieweit sind Objekte, die wir uns liebend und betrachtend angeeignet haben und die Bestandteil eines Lebens wurden, an ihren Platz gebunden und wieweit kann ein solcher Ort fortdauern, oder eignet einem Objekt nicht vielmehr die Verschiebung zu, wie wir dies bei jenen Netsuke sahen? So daß die Dinge immer wieder neue belebt und mit der Aura eines Bezirks, mit den Menschen, die die Dinge betrachten und liebend bewahren, mit einer Landschaft, einer Stadt aufgeladen werden. Mit Firnis überzogen und im gleichen Zuge fermentiert. De Waal ist mit diesem Buch ein melancholischer und zugleich klar strukturierter Blick in diese Welt von Sehnsüchten gelungen. „Manche Dinge in der Welt sind dafür geschaffen, aus der Entfernung betrachtet zu werden, man sollte nicht an ihnen herumfummeln.“ Ein ganz und gar wunderbar und klug konzipiertes Buch. Im Grunde ein Gewinn, daß es kein Roman, also keine Fiktion ist, sondern eine Geschichte von dieser Welt. Wobei: auch die Romane sind in ihrer Weise allesamt die Geschichten unserer Welt, die wir uns erzählen.

Blogger sind bei solchen Büchern häufig leicht und geneigt, zum Erfüllungsgehilfen der Verkaufsabteilungen der Verlage sich zu machen. Sozusagen, der Ladenschwengel, der die Ausstattung laut loben und preisen darf, dabei ein wenig und in bestimmten Kontexten auch auf die Inhalte eingeht. Daß freilich Äußeres und Inneres eines Buches sich bedingen, ist eine Binsenweisheit. Die zahlreichen Photographien (unter anderem von den Netsuke), die Dokumente und die Abbildungen bereichern das Buch ungemein. Eine Familiengeschichte, die ein keinem Augenblick schwülstig erzählt wäre oder in den Gesinnungskitsch kippte – trotz des delikaten Themas.

69_Book galleryIn den Dingen speichert sich über die Jahre, zumindest in manchen dieser Objekte, eine unendliche und unaufhebbare Traurigkeit. „Alles verlor an Substanz; die Dinge waren ehedem so viel besser, so viel vollständiger gewesen. Vielleicht zeigten sich damals die ersten Anzeichen von Nostalgie. Allmählich denke ich, Dinge zu besitzen und dann zu verlieren sei kein exakter Gegensatz.“ De Waal beschreibt in einer solch eindringlichen Weise die Geschichte dieser Netsuke wie die der Familie, daß ich stellenweise vergesse, daß es sich um ein Dokument gelebten Lebens handelt – um es in einer Tautologie zu schreiben. Und auch um das Dokument einer Familie, die der restlosen Vernichtung durch deutsche Faschisten entkam. Zumindest Teile dieser Familie. Andere gingen zum Duschen und wurden ein Rauch.

„Ich weiß viel über die Spuren meiner privilegierten Familie, aber über Anna kann ich nichts mehr herausfinden.

Über sie ist nichts geschrieben worden, sie wurde nicht in Geschichten aufgesplittert. Emmy hat ihr ihn ihrem Testament kein Geld hinterlassen: es existiert kein Testament. Anna hat keine Spuren in den Auftragsbüchern der Händler und Schneider hinterlassen. […] Ich kenne nicht einmal Annas vollständigen Namen oder was mit ihr geschah. Ich habe nie daran gedacht, zu fragen, als ich hätte fragen können. Sie war einfach Anna.“

Eine Leerstelle, ein Mensch, der etwas bewahrte, eine Sammlung japanischer Figuren, die ansonsten in alle Welt verstreut wären. Ana, die hier in diesem Buch einen Platz und doch keinen Platz mehr gefunden hat. Es wäre eine Geschichte des Vergessens zu schreiben. Die Rettung des unrettbar Verlorenen zu betreiben, wie Walter Benjamin es in seinem Essay zu Goethes „Wahlverwandtschaften“ schrieb.

Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen; dtv, 14,90 EUR
Die Photographien der Netsuke wurden der Homepage von Edmund de Waal entnommen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Die fragile Ordnung der Dinge. Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 2)

  1. Constanze Matthes schreibt:

    Ich habe dieses Buch sehr, sehr gern gelesen. Es hat mich vor allem mit seiner intensiv erzählten Familiengeschichte ungeheuer fasziniert.

  2. Bersarin schreibt:

    Interessant erscheint mir vor allem der unprätentiös Ton dieses Buches und ebenso ist dieses Buch ein Stück weit Kulturgeschichte. Vor allem aber, dies ist für mich der interessanteste Aspekt, eine Reflexion zum Dingcharakter: was sind das für Objekte, mit denen wir uns umgeben? Wie und in welcher Weise laden wir in einer Sammlung eigentlich für uns ganz und gar unnütze Gegenstände, die ihren Funktionszusammenhang eingebüßt haben, dennoch mit einer Bedeutung auf und transformieren sie insofern in einen ganz anderen Zusammenhang, der nichts mehr mit dem ursprünglichen, in Japan praktizierten zu schaffen hat?

  3. irisnebel schreibt:

    zum Thema: „aufladung der dinge“, fand ich eben das nach Pessoa (Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernard Solares ) zitierte auch ganz passend:

    „Ich mache es mir an meinem Schreibtisch bequem wie an einem Bollwerk gegen das Leben“, notiert Bernardo Soares, der Zärtlichkeit empfindet für sein altes Tintenfass, seine Geschäftsbücher und den gebeugten Rücken Sérgios, der neben ihm Warenbegleitpapiere ausfertigt: „Ich liebe das alles, vielleicht weil ich sonst nichts zum Lieben besitze – oder vielleicht auch deshalb, weil nichts die Liebe einer Seele wert ist und, wenn wir es schon für ein Gefühl halten, es ebenso lohnend ist, dieses Gefühl meinem kleinen Tintenfass entgegenzubringen wie der großen Gleichgültigkeit der Gestirne.“ Quelle: http://www.zeit.de/2012/33/Fernando-Pessoa-Das-Buch-der-Unruhe

  4. Bersarin schreibt:

    Die Dinge der Bürowelt aufzuladen: derart weit ginge ich denn doch nicht. Dafür bin ich zu sehr mit den Wassern der Dialektik gesalbt und gewaschen und habe in diesem Fluß zu oft schon geschwommen Ein Fetisch soll schließlich allen Seiten Freude bereiten.

    Da wir nun bei Pessoa sind: Ward Ihr auch an jenem Ort nahe Cascais, am „Boca do Inferno“, wo Aleister Crowley seinen Selbstmord fingierte? Feine Felsen und Meerestosen des Atlantiks.

  5. irisnebel schreibt:

    „Fetisch“ und „alle Seiten“, ist kein zwingender Zusammenhang in meinen Augen. Es geht doch um ein sehr privates Verhältnis bei den Dingen, die man als Fetisch hat. Ich würde das Aufladen der Dinge eben auf alle alten, geschichts- oder geschichtenlastigen Dinge beziehen, und keinen Unterschied zwischen künstlerisch wertvollen und „primitiven“ Dingen, wie dir Dingwelt im Büro vorkommt, machen. Ich mag altes, handschriftlich beschriebenes Papier, alte ausgelatschte Treppen, halbabgerissene Plakatwände, alte Fotos, angeschwemmtes Holz usw. Sie sind angereichert mit Geschichten. Das macht ihren Wert für mich aus. Netsuke mit erzählter Geschichte zeigen im Vergleich dazu ihren Wert erst durch die Erzählung, abgesehen vom künstlerischen Wert. Ich denke, jedes Ding hat seine eigene Sprache.

    Warst du selbst schon am Boca do Inferno? Wir nicht, das ist auch ein guter Tipp fürs nächste Mal.

  6. Bersarin schreibt:

    Der Unterschied zu den Dingen in der Bürowelt besteht darin, daß sie für die meisten einfach nur Funktionsdinge sind, mit denen sie unmittelbar arbeiten müssen. Hier ist der Fetischismus ein anderer, er ist nicht rein genießender oder ästhetischer Natur. Diese Dinge dienen ganz unmittelbar einem Zweck: der Produktion, der Generierung von Unternehmerprofit. In diesen Zweck bin ich eingebunden. Etwas anders sind Dinge in einem öffentlichen Raum wie Plakatwänden, eine weggeworfene verrostete Dose oder bei den Objekten in meiner Wohnung. Ich kann sie zweckfrei und kontemplativ betrachten. Dies geht bei Bürodingen nicht. Spätestens dann, wenn Chefchen reintritt und den Sinnierenden fragt: „Weshalb arbeiten Sie nicht?“ Anders sieht es aus, wenn jemand ein fremdes Büro mit den darin befindlichen Objekten betrachtet oder wenn ich nachts mein Büro betrete: ein Bürostuhl auf den Mondlicht fällt. (Mein Büro ist übrigens meine Bibliothek, mein Schreibtisch darin. Da wird es dann noch komplizierter. Mondlicht im Buchregal. Obwohl: Nordseite – da scheint nichts.) Das Dinghafte ist aus diesen Gründen des Funktionszusammenhangs sowie des Neigungswinkels meiner Betrachtung bzw. aufgrund der Perspektive eine komplexe Sache. Kunstdinge, also Kunstwerke würde ich in diesen Zusammenhang noch einmal anders gewichten als Gebrauchsdinge. Sie sind ein Gemachtes, das zunächst einmal zweckfrei zur Betrachtung und Reflexion geschaffen wurden. Jedoch nicht zum benutzenden Gebrauch, wie ursprünglich auch die Netsuke, die in Japan durchaus eine Funktion hatten.

    Daß alle Dinge mit Geschichten angereichert sind, diese Sicht teile ich.

    Am Boca do Inferno war ich und habe dort, wie überall, photographiert. Naturgemäß.

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