Dritter Rat für Wien: Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ (Teil 1)

„Es ist als wäre ein Schalter umgelegt worden. Geräuschrinnsale laufen unten auf der Straße zusammen, die Schottengasse hallt von Stimmen. Sie schreien ‚Ein Volk, ein Reich, ein Führer!‘ und: „Heil Hitler! Sieg Heil!‘ Und brüllen: ‚Juda verrecke!‘“ (Edmund de Waal)

 
36_Book galleryNetsuke sind kleine, aus Wurzelholz oder Elfenbein geschnitzte, fein gearbeitete Figuren, die im ausgehenden 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein in Japan gefertigt wurden. Als der US-Admiral Matthew Calbraith Perry im Jahre 1853 im Auftrag seiner Regierung der Ortschaft Edo (dem heutigen Tokio) mit seinen schwarzen Kanonenbooten einen freundschaftlichen Besuch abstattete, um mit stählernen Argumenten die gewünschte Öffnung Japans für Handel und Wandel zu kommunizieren, gelangte langsam aber beständig die japanische Kultur über ihre Insellage hinaus. Ich will diese eigenwilligen Wechselwirkungen zwischen Okzident und allem, was dieser Kultur nicht gleicht, sowie den Einfluß Japans auf westliche Kulturen nicht im Detail ausbreiten. Nur soviel: Auch Künstler und das gehobene Bürgertum begannen sich insbesondere in Frankreich für die Kultur Japans zu begeistern.

Diese Bewegung, die sich in den Gemälden der französischen Impressionisten wie Manet, Monet und Pissaro, aber auch im französischen Expressionismus, namentlich bei Gauguin und van Gogh, niederschlug, nannte sich Japonismus. (Dazu ist im letzten Jahr aus Anlaß einer Ausstellung im Essener Museum Folkwang im Steidl Verlag ein bemerkenswerter Katalog erschienen, der den Titel „Monet, Gauguin, van Gogh … Inspiration Japan“ trägt. Um Details und Wissen zu vertiefen, wie intensiv die Kultur Japans sich als Mode und zugleich als produktiver Einfluß in die Moderne des ausgehenden 19. Jahrhunderts senkte, scheint mir dieses Werk gut geeignet.) So begann eine Geschichte voll von schwärmerischen wie auch schöpferischen Mißverständnissen – wie es häufig passiert, wenn sich Europa mit andern Kulturen befaßte. Was für die Japaner in Traditionszusammenhängen und in Ritualen stand, wurde in Europa als ästhetizistischer Kitzel und Sinnesreiz umfunktioniert, transformierte sich in autonome Kunst oder es diente rein dekorativen oder andächtigen Zwecken. (Auratisierung und Fetischismus liegen in Kunstdingen wie auch in den Praktiken des Alltags, wenn wir uns mit schönen und kostbaren Objekten oder einem Kunstwerk umgeben, häufig nahe beieinander.)

38_Book galleryNetsuke verwahrt man, um sie gegen den Staub der Tage zu schützen, in Vitrinen. Sie können, freilich nur für eine kurze Zeit, momenthaft gleichsam, aus ihrer Behausung genommen und als Handschmeichler sanft berührt werden. Man möchte das Schöne des Materials und der Formen nicht mehr lassen. Aber es vergeht das Schöne samt der Aura eines Ortes. Bleiben ist im Dasein nicht vorgesehen, so behaupten Dichter wie Naturwissenschaftler gleichermaßen, wenngleich die Dichter denn doch ein gewissen Sehnen umtreibt, als wäre zumindest kontrafaktisch ein Bleiben und vielleicht sogar ein (Inne)Halten möglich: Sei es auch nur in der Poesie, im Text, der in Bildern fixiert, die Fixierungen wieder aufbricht, ins Offene entläßt und das Geliebte doch ganz und gar umschließt in immer neuen Konstellationen und Gesängen. Aber dies scheint mir ein anderes Thema zu sein.

Solche Netsuke spielen in Edmund de Waals „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ eine zentrale Rolle. Wer nach Wien reist, der lese als eine Einführung der besonderen Art unbedingt dieses Buch. Es ist die Familiengeschichte der Ephrussi, die ursprünglich aus den jüdischen Vierteln Berdytschiws in der heutigen Ukraine stammt, dann nach Odessa siedelte und sich dort im 19. Jahrhundert als Weizenhändler und dann im Bank- und Börsengeschäft nach Wien und Paris verzweigte. Edmund de Waal, der großmütterlicherseits ein Nachkomme jener Ephrussi ist, tastet sich an seinen Gegenstand heran: an das Dinghafte dieser wundervollen Netsuke, die wie magische Fetische mit Geschichten und Bedeutungen aufgeladen werden – je nachdem, an welchem Ort sie sich gerade befinden –, und ebenso an die Geschichte seiner Familie, die zum Großbürgertum aufstieg und unter dem deutschen Faschismus in alle Winde zertrieben wurde. (Im Falle derer, die zu Asche wurden, ist dies ganz und gar wörtlich und metaphernlos zu nehmen. Diaspora selbst noch im Tod.)

30_Book galleryFiguren aus Elfenbein und Wurzelholz strukturieren diese ausgreifende Biographie und das ist kompositorisch für das Buch ein Glücksfall, weil so nicht nur eine dramatische Familiengeschichte, sondern ebenfalls Kulturgeschichte erzählt werden kann. 264 solcher Netsuke gelangten in den 1870er Jahren als Sammlung in den Besitz der Familie Ephrussi. Charles Ephrussi, der Urgroßonkel aus Paris, erstand im Zuge des aufkommenden Japan-Stils mit geschmackssicherem Gespür diese feinen Figuren von einem Kunsthändler, der sich auf jene Gegenstände spezialisierte. Sie wurden Bestand seines üppigen, kunstsinnig austarierten Pariser Salons, in dem die Maler und Schriftsteller jener Epoche verkehrten – so auch Marcel Proust. Und Charles wurde im Gegenzug Bestand von Proust „Recherche“ – etwas von seinem Charakter findet sich in jenem wunderbaren Swann wieder. (Irgendwann muß ich hier im Blog mir noch meinen Proust-Essay erlauben. Mindestens 14 Folgen: Auf der Suche nach dem verlorenen Textende. Apokalypse now und über 55.000 Textzeichen.)

Charles Ephrussi verschenkte die Netsuke 1899 zur Hochzeit seines Cousins Victor nach Wien:

„Die Netsuke sind aus der Welt eines Gustave Moreau in Paris in die Welt der Dulac-Kinderbücher in Wien übersiedelt. Sie erzählen ihren eigenen Widerhall, sie gehören nun zum Geschichtenerzählen am Sonntagvormittag, sind Teil von Tausendundeiner Nacht, den Reisen Sindbads des Seefahrers und vom ‚Rubaíyát‘ des Omar Khayyám. Sie sind in ihre Vitrine gesperrt, hinter der Tür des Ankleidezimmers, am Gang, oben nach der hohen Treppe herauf vom Innenhof, hinter dem doppelflügeligen Eichentor, wo der Portier wartet, im Märchenschloss eines Palais an einer Straße aus Tausendundeiner Nacht.“

B1928113T12699489So wechselten die Figuren ihren Ort und gelangten in die Welt von de Waals Großmutter. Im Ankleidezimmer ihrer Mutter im Palais Ephrussi, von Zeit zu Zeit an den Sonntagen, durften die Kinder mit den Netsuke spielen. All diese Details und Geschichten, vom Bohème-Leben in Paris, das Charles inmitten der Künstler genoß, wie auch die eigenwillige Sicht auf Juden, die der eine oder andere Impressionist pflegte, erzählt uns de Waal in einem unprätentiösen Ton, als wäre es ein Stück der Literatur; und doch wissen wir in jeder Regung, daß es recherchiertes Leben ist: Dokumente einer verzweigten Familie, die de Waal ausgrub. Das Leben in Wien an einer der besten Adressen der Stadt in einem prunkvollen Bürgerpalast. Vom Antisemitismus als beständigem Begleiter des sozialen Aufstiegs: alles was ein Jude erreicht hatte, konnte ihm qua eines unvorhersehbaren Ereignisses, an dem sich das Ressentiment auflud, ebenso schnell wieder und ohne Rechtssicherheit genommen werden. Die Affäre Dreyfuss, aber auch der immer wieder aggressiv aufkeimende Antisemitismus in Wien zeigte solches Umkippen der Meinungen und Neigungen drastisch. Solches Feuer, das am Ende in die Ausrottung mündete, schürte der radikal antisemitische Dr. Karl Lueger, der von 1897 bis 1910 Bürgermeister Wiens war. In Österreich wird beim Namen immer brav der Titel genannt: man steigt nicht etwas am Karl-Renner-Ring, sondern am Dr.-Karl-Renner-Ring aus, wenn man mit der Tram kommt. „Küß die Hand, gnädige Frau!“ Das mache ich manchmal gerne, und nicht nur die Hand. Wien und seine Titel – eigenwilliger Charme. Diesen Charme der Stadt wie auch die sinnlose Kriegsbegeisterung im Juli 1914, den ans Idiotische grenzenden Patriotismus, gegen den Karl Kraus nicht müde wurde, in seiner „Fackel“ anzuschreiben, bringt das Buch gut ins Bild.

Ebenso schildert de Waal das soziale und abgezirkelte Leben eines gehobenen Bürgertums, das sich von Bediensteten einkleiden und bekochen ließ. Eine Welt, in der die Mühe der Arbeit nur am Rande vorkam. Das ist in Wien nicht anders als in Paris. („Wer baute das siebentorige Theben? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“) Allgegenwärtig aber bleibt der Antisemitismus dieser Epoche. Egal ob in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg oder in jenen Jahren der Ersten Republik: „Wien mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern war aus der Metropole eines Reiches mit zweiundfünfzig Millionen zur Hauptstadt eines winzigen Landes mit sechs Millionen Menschen mutiert; es konnte den Umsturz einfach nicht verkraften.“ So brach die Wirtschaft zusammen. Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm „Die freudlose Gasse“ illustriert die Zustände im Wien des Jahres 1921 drastisch. Bester Nährboden für den Antisemitismus, der in Wien die Oberhand gewann. Das ging bis zu der vom Deutsch-österreichischen Alpenverein ausgerufenen Losung: „Haltet die österreichischen Alpen judenrein!“ De Waal schreibt: „ Es war durchaus möglich, nicht über den Antisemitismus zu sprechen; nichts davon zu hören, das ging nicht.“ Die Ephrussis versuchten ihn weitgehend zu ignorieren – doch dies wurde mit den Jahren zunehmend schwieriger.

Bis hin zu jenem Jahr 1938, als die Welt ihren Umsturz erlebte. Beim Anschluß Österreichs an Deutschland steigerte der alltägliche, Jahrhunderte währende Antisemitismus sich zu einem eliminatorischen. Adolf Eichmann machte dem Führer ein besonderes Geschenk, indem er Wien so schnell es ging judenrein zu machen trachtete. Als erstes und als Demütigung mußten die Juden mit Zahnbürsten die Gassen Wiens säubern. Das Palais Ephrussi mit seiner prachtvollen Einrichtung wurde geplündert. Die Faschisten raubten sich das, was sie brauchten, von den Juden.

46_Book gallery(Ein zweiter Teil folgt, darin der geneigten Leserin zur Kenntnis gebracht wird, was es im weiteren Verlauf mit den Netsuke auf sich hat, wie de Waal Kenntnis von ihnen bekam und wieweit Dinge ein ganz besonderes Leben entwickeln, ja sogar ein Eigenleben führen können, das Grenzen übersteigt. Sozusagen erfahren wir hier, was die „Freiheit zum Objekt“ bedeutet. Zwangloser Zwang. Das wäre eine Weise des praktizierten Fetischismus im guten Sinne. Der Verfasser dieser Zeilen, der einen Hang zum Fetisch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen und Materialisierungen hat, weiß in diesen vielschichtigen Bezügen, Stoffen und Schleiern, wovon er spricht. Da der Verfasser dieser Texte ebenfalls weiß, daß er einen Bildungsauftrag hat, verweist er auf vier Bücher zum Fetischismus: „In Gegenwart des Fetischs: Dingkonjunktur und Fetischbegriff in der Diskussion“ kürzlich erschienen bei Turia + Kant, etwas älter bereits Hartmut Böhme, „Fetischismus und Kultur“ bei Rowohlt sowie Karl-Heinz Kohl „Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte“, weiterhin das Seminar IV von Jacques Lacan: Die Objektbeziehung, ebenfalls bei Turia + Kant. Die Bücher befinden sich teils gelesen, teils noch nicht gelesen in der Bibliothek des Verfassers dieser Zeilen. Bis auf ausgewählte Gäste bitten wir von Hausbesuchen im Grandhotel Abgrund abzusehen.)

Edmund de Waal, Der Hase mit den Bernsteinaugen; empfehlenswert ist die bei dtv erschienene Sonderausgabe. Sie kostet 14,90 EUR und ist mit zahlreichen Abbildungen versehen.
 Copyrightvermerke der im Text verwendeten Bilder: Die Photographien der Netsuke wurden der Homepage von Edmund de Waal entnommen.
 Das Palais Ephrussi entstammt der Homepage der „Österreichischen Nationalbibliothek

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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