Schreibtage wie diese, wenngleich keine Hundstage

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGenau meine Temperatur, genau mein Klima. Heute am 28.7.2015 im schönen Berlin, Datumsgrenzen, weit im Westen der Stadt. So kann es bleiben: Ich, der Mann, der aus der Kälte kommt. Kälte ist mir eine Herzensangelegenheit. In der Hitze des Sommers mag ich nicht vor die Tür treten. Die ersten Tage des Julis mit seiner drückenden Hitze, als ich nach Wien reiste und mich tagelang nur in der klimatisierten Albertina und dem Kunsthistorischen Museum aufhielt, weil ich es woanders nicht ausgehalten hätte, waren mir ein Graus. Einzig hier, in meinem kühlen, geräumigen Altbau läßt es sich wohltemperiert verweilen – noch bei größerer Hitze. Nachts, wenn der Flaneur seine Streifzüge unternimmt, werden die Fenster geöffnet. Dann dringt die Kühle der Nacht, der Bäume und der nahen Wälder in die Wohnung. Zirkulation ist das Prinzip.

Eigentlich wollte ich mich heute an eine Rezension setzen. Entweder Goetzens „Johann Holtrup“ in der Luft zerreißen, denn so etwas Banales und simpel Gestricktes im Modus eins-zu-eins habe ich lange nicht gelesen – Kapitalismuserklärbärmodus für Kinder mit Wutanfall. Nach vier Seiten legte ich das Buch beiseite. Und ich befürchte, es wird im Gesamt und Lauf der Schtory nicht viel besser werden. Aber ich kann mich irren. Bei Lutz Seilers „Kruso“ fand ich es auf den ersten 20 Seiten bemüht, der Text kam nicht in Gang und klemmte, irgend etwas hakte und ging nicht auf. Aber dann, von Seite zu Seite nahm die Angelegenheit Fahrt auf, Sprache und Welt wurden poetisch. Das Gewebe des Textes stimmte. Ich reiste nach Hiddensee, dort, wo ich niemals in meinem Leben war und wo der Sanddorn so hoch steht.

Überhaupt wäre das eine gute neue Kolumne: „Mein Verriß nach vier Seiten“. Vielleicht lese ich vom „Johann Holtrup“ noch den Schluß. Das Problem, das sich für private Blogger ergibt, die nicht ihre Arbeitszeit, sondern ihre Lebenszeit dafür einsetzen – obgleich das bei mir in eins geht –, wenn sie ein Buch lesen und dann einen Text dazu schreiben, ist es, einen eigentlich grauslichen Roman oder einen blödsinnigen Gedichtband weiterlesen zu müssen, um darüber etwas zu berichten. Das kostet Zeit. Zeit, die für etwas aufgebracht werden muß, das schmerzt, ärgert und manchmal sogar wütend macht, weil man die Sache für von Grund auf mißlungen hält.

Nun ist es zwar so, daß Verrisse eigentlich die hohe Kunst der Literaturkritik bedeuten – nichts schöner, als in einer Bernhardschen oder Reich-Ranickischen Kanonade des Schimpfs niederzumähen. (Manchmal zumindest und solange das nicht auf Dauer gestellt wird und als Prinzip fungiert. Dann wird es durchschaubar wie Goetzmeckern. Wegen Meckerns vom Platz gestellt, könnte man dazu sagen. Nun hat er aber gerade ob dieses Tons einen Preis erhalten.  Nun gut.) Aber für die kurzen Wonnen der Lust 350 Seiten lesen? Und was mache ich, wenn ich den auf dem Stapel ungelesener Bücher liegenden Steffano DʼArrigo mit „Horcynus Orca“ für mißlungen halte? Na gut, das wird hoffentlich nicht passieren, ich habe in das Buch schon einmal hineingelinst und bin angetan. Aber dieses „angetan und zugeneigt“ kann eben nicht das Gerüst für eine gelungene Kritik bilden, die sich an der Sache, am Text, an seiner Sprache, an der Kunst, Welt und Wirklichkeiten zu poetisieren und Literatur neu zu erfinden, orientiert.

Worauf wollte ich eigentlich hinaus? Genau: auf eine Goetz-Rezension, die ich aber dann  doch aufschob zugunsten eines anderen, noch ausstehenden Textes, der mir wichtiger erscheint: Meinen „Dritten Ratschlag für Wien“, den ich heute oder morgen eigentlich auf „Aisthesis“ posten wollte. [Seien Sie gespannt, wie der Rat lauten wird.] Zudem muß ich das Design des Blogs ändern, denn WordPress hat ungefragt die Vorlage umgewurschtelt. Nun habe ich eine schwarze Titelschrift statt einer roten. Ich möchte jedoch ohne Einschränkung und Kompromiß eine rote Schrift auf einem weißen Grund. Keine schwarze. Denn dies hier ist kein Totenblog, sondern die Seite eines ungemein heiteren, Dekonstrukteurs, eines Nihilisten und Pessimisten. Wenn jemand mir sagt: „Du Pessimist!“ dann bin ich häufig sehr glücklich und zufrieden; ein freundliches, ja gütiges Lächeln umspielt meine Mundwinkel. (Zart und kaum wahrnehmbar freilich, wie das der „Mona Lisa“.)

Wie einem am Vormittag die Zeit durch die Finger rinnt! Und schon ist es eine Stunde später. Lebenszeit, die geht. Und während ich meine Privilegien checke, daß ich ein alter, weißer, heteronormativer, bleicher Mann bin, der tanzt (Tocotronic – hehe) und der in einer immer größer werdenden Bibliothek das Einsame genießt – ich denke gerade mit Genuß an meinen wunderbaren Freund, den Soziopathen Sherlock Holms, insbesondere wie ihn Benedict Cumberbach in jener legendären, ganz und gar großartigen und zu den Romanen kongenial umgesetzten BBC-Serie spielt, über die ich ebenfalls schreiben wollte – während ich also checke, bemerke ich zu meinen Entsetzen, daß ich dem Vorhaben, einen Vortrag, den ich in kleinem Rahmen im schönsten Monat des Jahres, nämlich dem November in Weimar hielt, in Schriftform zu bringen, damit er in der kleinen Zeitschrift „Kunst Spektakel Revolution“ abgedruckt werde, nicht ein Stück näher gekommen bin. Das stimmt mich traurig, während die Sonne östlich am Bibliotheksfenster minutenlang streift, um sich dann wieder zu entziehen und in den Bäumen schräg eine Berliner Krähe knurrt, rabt und lärmt. Abgabetermin soll – zum zweiten Mal herausgeschoben – nun endgültig der 31. Juli sein. Also muß ich den „Dritten Ratschlag für Wien“ zeitlich nach hinten lagern. Denn heute geht es ans Korrekturlesen jenes Textes mit dem Titel „Von der Grundfarbe Schwarz. Negative Ästhetik oder verhüllte Utopie in der Kunsttheorie Adornos“.

„Les jours sʼen vont je demeure“ dichtete Guillaume Apollinaire im Refrain und beschließt damit zugleich sein wunderbares Gedicht vom „Pont Mirabeau“. Die Tage vergehen. Ich bleibe. Das freilich ist ein Irrtum.
 
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Schreibtage wie diese, wenngleich keine Hundstage

  1. Uwe schreibt:

    Der Tag vergeht und gibt das Seine, um Appolinaire wortspielerisch weiterzuschreiben.

    Vielleicht war es ja ein Zaudern, jener „insistierender Vorbehalt“ (Vogl) in dem, was getan werden soll, der Dich so in Verzug geraten ließ. Oder ein Pausieren, das manchmal einem schrittweisen Schwärzen der eigenen Absichten gleichkommt.

    Ja, das Schwarze. Auch in der Malerei ist wesentlich: als die gestaltgebende Konturlinie, als das flächige Dunkel, als die tiefe Nacht, als Farbe der Melancholie und des saturnischen Temperaments, oder als jene Spuren der Negation, die erst ein Bild hervortreten lassen (man denke an die Übermalungen Arnulf Rainers).

  2. Bersarin schreibt:

    Nein, weniger zaudern, eher verzetteln und sich hier wie dort festlesend, von einem Begriff zum nächsten, von einem Stichwort zum anderen getragen werdend. Immer schweifend, immer streifend. Anstichpunkte. Vom Historischen Wörterbuch der Philosophie, zum Handbuch der Politischen Ikonographie, von da ins Hegel-Lexikon und zu Aristoteles geströmert. Es ist immer das selbe: und dann kommen nur die wilden Bezüge zustande. Immerhin vier Seiten Text korrigiert.

    Die Übermalungen Arnulf Rainers haben mich ob ihres eigentümlichen Charakters immer fasziniert. Ein Bild einerseits durchzustreichen, es zugleich fruchtbar zu machen und darin ein eigenes Bild zu setzen! Bilder können verschwinden, wie auch Texte. Das ist eines der interessantesten Motive, ganz von Derrida geprägt. Und dies gilt es weiterzuverfolgen. The purloined letter. Der entwendete Buchstabe. La Lettre volée. Darin steckt zugleich das Substantiv „Flug“: entschwinden, Elevation. Aufhebung. Alles vereint.

    Wir aber bringen das Vereinte wieder in die Differenz.

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