Theorie und Praxis

Ist es ermutigend oder eher deprimierend, am Sonntagmorgen einen Text von Adorno zu lesen? Falsche Frage, falsche Kategorien, falscher Denkansatz. Ins Ungebundene geht die Fahrt: Schwarzes Denken, schwindelfrei und dennoch mit der Emphase des Körpers praktiziert. Nein, auch in dieser Weise läuft es nicht, weil all dies, von der Emphase des Körpers und dem schwindelfreien oder gar dichterischen Denken, Phrasen sind. Zudem klingt solcher Ton zu sehr nach dem Märchenonkel Ernst Bloch – so zumindest nannte ihn in einem bösen Satz Adorno. Die Kunst des Sichverweigerns kann man nur in Gesten und in der Kunst der Begriffe (und Bilder) sichtbar machen. Dialektisch-verdreht, vertrackt und nicht dem Sermon des Endlichen oder des Je-einzelnen einer Tat, die dies oder das macht, huldigend. Daß wir morgen nicht mehr aufwachen und aus dem warmen, gemütlichen Bett steigen können, weil wir nach einer wild durchzechten Nacht, schwer von Wein und Gewicht der Welt trunken ins Bett taumelten – vielleicht schlugen wir in jener letzten bewußten Minute unseres Lebens sogar glücklich die Augen zu, selbst in der Besinnungslosigkeit des Rausches – und am nächsten Morgen öffnen wir nicht mehr, nie mehr diese Augen. Weltblickentzug. Dauerhaft. Wie es Ulrich Zieger in Montpellier widerfuhr. 53 Jahre alt. Da nützt alles deklamierte „Carpe diem“ nichts. Es dient das Sprüchlein wohl auch eher einer magischen Beschwörung, einem Ritual, in Sprache und zur Floskel geronnen, dem Tod nicht anheimzufallen. Ihn zumindest hinauszuzögern, aufzuhalten. Das Hier und Jetzt ist flüchtig.

 „Philosophie, wie sie nach allem allein zu verantworten wäre, dürfte nicht länger des Absoluten sich mächtig dünken, ja müßte den Gedanken daran sich verbieten, um ihn nicht zu verraten, und doch vom emphatischen Begriff der Wahrheit nichts sich abmarkten lassen. Dieser Widerspruch ist ihr Element. Es bestimmt sie als negative. Kants berühmtes Diktum, der kritische Weg sei allein noch offen, gehört zu jenen Sätzen, in denen die Philosophie, aus der sie stammen, die Probe besteht, indem sie, als Bruchstücke, das System überdauern. Freilich rechnet die Idee der Kritik selbst zu der heute zerrütteten Tradition von Philosophie. Während mittlerweile der Schauplatz jeder Erkenntnis so sehr von den Spezialwissenschaften beschlagnahmt ist, daß der philosophische Gedanke sich terrorisiert fühlt und fürchtet, als dilettantisch sich widerlegen lassen zu müssen, wo immer er inhaltlich wird, ist reaktiv der Begriff der Ursprünglichkeit zu unverdienten Ehren gelangt. Je verdinglichter die Welt, je dichter das Netz, das der Natur übergeworfen wurde, desto mehr beansprucht ideologisch das Denken, das jenes Netz spinnt, seinerseits Natur, Urerfahrung zu sein. Die überlieferten Philosophen dagegen waren seit den gepriesenen Vorsokratikern Kritiker. Xenophanes, auf dessen Schule der heute gegen den Begriff gewendete Begriff des Seins zurückdatiert, wollte die Naturkräfte entmythologisieren. Die Platonische Hypostasis des Begriffs zur Idee wiederum wurde von Aristoteles durchschaut. (…) Jene Denker hatten in Kritik die eigene Wahrheit. Sie allein, als Einheit des Problems und der Argumente, nicht die Übernahme von Thesen, hat gestiftet, was als produktive Einheit der Geschichte der Philosophie gelten mag. Im Fortgang solcher Kritik haben auch diejenigen Philosophien ihren Zeitkern, ihren geschichtlichen Stellenwert gewonnen, deren Lehrgehalt auf dem Ewigen und Zeitlosen beharrte.

[…]

Ist Philosophie noch nötig, dann wie von je als Kritik, als Widerstand gegen die sich ausbreitende Heteronomie, als sei’s auch machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst mächtig zu bleiben und angedrehte Mythologie wie blinzelnd resignierte Anpassung nach ihrem eigenen Maß des Unwahren zu überführen.

[…]

Philosophie, als der zugleich konsequente und freie Gedanke, findet sich in einer gänzlich anderen Situation. Marx wäre der letzte gewesen, den Gedanken vom realen Gang der Geschichte loszureißen. Hegel, der der Vergänglichkeit von Kunst inneward und ihr Ende prophezeite, hat ihren Fortbestand abhängig gemacht von dem ‚Bewußtsein von Nöten‘. Was aber der Kunst recht ist, ist der Philosophie billig, deren Wahrheitsgehalt mit dem der Kunst konvergiert, indem ihre Verfahrensart von jener sich sondert. Die ungeminderte Dauer von Leiden, Angst und Drohung nötigt den Gedanken, der sich nicht verwirklichen durfte, dazu, nicht sich wegzuwerfen. Nach dem versäumten Augenblick hätte er ohne Beschwichtigung zu erkennen, warum die Welt, die jetzt, hier das Paradies sein könnte, morgen zur Hölle werden kann. Solche Erkenntnis wäre ja wohl Philosophie. Sie abzuschaffen um einer Praxis willen, die zu dieser historischen Stunde unweigerlich eben den Zustand verewigte, dessen Kritik Sache der Philosophie ist, wäre anachronistisch. Praxis, welche die Herstellung einer vernünftigen und mündigen Menschheit bezweckt, verharrt im Bann des Unheils ohne eine das Ganze in seiner Unwahrheit denkende Theorie. Daß diese nicht den Idealismus aufwärmen darf, sondern die gesellschaftliche und politische Realität und ihre Dynamik in sich hineinnehmen muß, bedarf keines Wortes.“ (Th. W. Adorno, Wozu noch Philosophie, in: Eingriffe)

 
 
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Aus der Serie: Die Selbstreferenz des Photographen (Partie 1)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Theorie und Praxis

  1. Uwe schreibt:

    Zum Foto: Selbstreferenz, ja, obgleich der Fotograf unsichtbar bleibt bzw. gekonnt vor das Bild gestellt wurde, denn man denkt ihn sich mit, wenn man dieses anschaut, bei all den spiegelnden Verweisen. Und der Vogel, der mit dem vieläugigen Gefieder für Schönheit, Eitelkeit und das Sehen gleichermaßen stehen kann, anwesend nur als Wort(-Bild) und doch so vielsagend On Top wie ein bildinterner Titel platziert. Ein subtiles Arrangement, das allein der Blick aus dem urbanen Raum „geschält“ hat. Ich freue mich schon auf die anderen Referenzen.

  2. Bersarin schreibt:

    Diese Spiegelverweise eines Narziß ohne Fluß, See, Meer, Spiegelfläche oder Ufer, ohne Gegenbild der Referenz im Spiegel schätze ich ausnehmend. Auch in der Literatur. Fragment und Subjekt sowie die daran anschließenden Metamorphosen in Kunst und Text und Bild.

  3. ullakeienburg schreibt:

    Danke für diesen Sonntagsgenuss :-)

  4. Bersarin schreibt:

    Es freut mich, wenn es Menschen gibt, die auch über längere Adorno-Passagen nicht verzagen und durchhalten.

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