Literatur und Kritik: Immanenz in Säkulum – tintig, tränig, tranig

Weil ich nicht nur Alliterationen in Überschriften ungemein originell finde und meinen Text außerdem gerne bildungsbürgerlich aufsteigere und damit sogleich auch sättige, um von der Höhe aus, von meinem behaglichen Grandhotel Abgrund her und mit dem Blick des Adlers dann in die Niederungen und auf die Mühen der Ebene zu schauen, sei soviel noch angemerkt: Kritik und Krise stehen etymologisch in Verwandtschaft: crisis ist die Substantivierung von krinein (unterscheiden, trennen), worauf ebenfalls das Substantiv „Kritik“ zurückgeht. Wenn wir es in der Diktion der Kantischen Aufklärung sagen möchten, dann bleibt für die Epoche der Moderne allein der kritische Weg noch offen, wie Kant es in der „Kritik der reinen Vernunft“ formulierte: „Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muß.“ Dieser Ansatz bestimmt zukünftig Blick und Paradigma, auch wenn Hegel diese Differenzierung von Ebene und ihrem Meta einzudämmen suchte. Schwimmen lernt man, so Hegel, nur durch den Sprung ins (hoffentlich mit Wasser gefüllte) Becken und nicht auf die Weise wie sie der Scholasticus betreibt, der am Beckenrand über die Bedingungen der Möglichkeiten des Schwimmens sinniert und im Geist oder als Trockenübung Arm- und Beinbewegungen pantomimisch vorführt. Was Hegel in seiner „Enzyklopädie“ und insbesondere in der „Phänomenologie des Geistes“ für die Erkenntnis forderte, gilt grosso modo ebenfalls für die Literaturkritik: Sich über das Erkennen zu verständigen, ist bereits eine Weise des Erkennens. Aber ist es schon Literaturkritik, über das Wesen jener Kritik zu debattieren und zu reflektieren?

[Für die Musik prägte ich irgendwann einmal den feinen Satz: Es bleibt allein der britische Weg noch offen. Da war ich gewißlich noch „New Order“-Fan oder einer von „Oasis“. Kantlesen hilft selbst beim Pop.]

Eigentlich ist es eine absurde Situation, die einer double-bind-Struktur folgt: Niemals, in keiner Epoche zuvor wurde derart viel und auf allen Kanälen über Literatur gesprochen und niemals wurde derart viel über ihren Verfall und das Zerfransen nachgedacht. Niemals wurde mehr gelesen, getextet, gedichtet, fabuliert, kritisiert und Prosa im Raum der Digitalgewitter wie auch im Analogen des Buchdrucks ausgeworfen. Das reicht vom Poesiealbum der Krankenschwester bis zum ausgefeilten Text von Profis in Prosa, von Menschen in Beruf, mit oder ohne Berufung zu Schrift und Text – sozusagen eine Variante des Bitterfelder Wegs: „Arbeiter greif zur Feder!“ – von Freizeitdichtern, die ihr Handwerk verstehen, über Künstlerdarsteller bis hin zu Romanciers und Lyrikerinnen mit ungebremster Phantasie. Niemals war der inoffizielle Literaturbetrieb derer, die nie ein Buch veröffentlichten, wie auch der offizielle Betrieb und das, was sich daran anknüpfend der Markt nennt, reichhaltiger und fetter bestückt: Ob Laie oder Profi, ob Luise Rinser – Gott sei ihrer armen Schreibseele gnädig, wenn wir den Weg des Virgil und damit auch den Dantes beschreiten, werden wir sie im Kreis der Schreibmamselhölle finden – oder Durs Grünbein, den die Adler auf Schwingen früh schon zum Olymp trugen. Unendliche Literaturproduktion: Was früher der klassische und in Prosa und Poesie nicht ganz ernst zu nehmende Druckkostenzuschuß-verlag war, bei dem jeder alles produzieren und publizieren konnte, ohne daß es gelesen wurde, das bekommt heute über Crowdfunding Auftrieb. Oder aber es existieren, kleine, doch ausgesprochen feine Verlage wie KOOKbooks von Daniela Seel. Schreiben, schreiben, immerzu. Alles da, für jeden eine Nische. Wie es Adorno bereits 1944 über die Kulturindustrie schrieb: Es wird jeder bedient, es kommt keiner zu kurz. Vom Seichten bis zum Komplexen. So ist vom Betrieb für alle gesorgt. Gute alte Alma Mater.

Einerseits ist diese Öffnung der Schreibprozesse in Literatur und ihrer Kritik eine feine Sache. Was andererseits jedoch bei solchen Demokratisierungen und der Vielfalt an Stimmen herauskommt, wenn alle alles sagen dürfen und können, sahen wir leider im Zerrbild des Negativen seinerzeit in den 90er Jahren bei den Offenen Kanälen im Fernsehen. Schlimmer geht nimmer. Schreckenszenarien des Banalen und Beliebigen. Ohne Sinn. Ohne Verstand. So blieb ob dieses Dilettantismus am Ende völlig zu recht das Publikum aus und die Angelegenheit wurde zu einer Nischensache für Nieten. Eine der wenigen guten Ausnahmen ist das sehr spezielle „Freies Sender Kombinat“ in Hamburg.

Die Rede, daß die Öffentlichkeit angesichts des Wucherns neuer Medien zunehmend verfiele, führt jedoch häufig einen konservativen Beiklang mit sich. Früher war mitnichten alles besser. Lebenswelten ändern sich. Ebenso ist die Rede vom Ende der Literatur nicht neu bzw. die meist rhetorisch gebrauchte Figur von ihrem Niedergang wird von Zeit zu Zeit und je nach Paß- und Tagesform gerne belebt. Seit dem Beginn der Moderne, die man für die Literatur mit jener „Querelle des Anciens et des Modernes“ ansetzen könnte, keimt und stößt es immer mal wieder hoch: das Unbehagen. Aber was ist jene Moderne? – ein weit gedehnter Begriff. Modern ist, was neu und anders ist als das Überkommene, ein neuer Blick, ein Stil, eine Form des Ausdrucks, die alles, was war, verändert, und es stößt dieses Neue das Überlieferte um. Doch genauso schnell ist die gegenwärtige hippe Mode und das Moderne bloß noch das Kommode und schließlich der Schnee von gestern. Insofern schließt sich an die Frage nach der Moderne die vom Avancierten an, das in sich selber und qua Struktur besteht. Oder zumindest eine Weile Bestand hat. Kunstkritik kann und sollte in diesem Feld einen Beitrag leisten, um Kunst zu verstehen, Kunst zu öffnen, Dimensionen des Werke, die verborgen liegen, in einen Essay zu bringen, zu analysieren, nicht nur sinnlich, sondern auch begrifflich erfahrbar und damit dann ebenso – für die, die es so gerne hören und fühlen wollen – spürbar zu machen. Da ist er wieder: Mein Blick vom hohen Berg ins tiefe, finstere Tal – leider nicht das der Superhexen – in die Niederungen der Empfindungsspürer, die Kunst als eine Art Appetithappen und kulinarisch begreifen. Die, die bloß Texte schlürfen und Literatur inhalieren. Das wäre eigentlich ein gutes neues Produkt für den Markt: der Literaturinhalator. Garantiert keimfrei und auch als medizinisches Produkt auf Rezept beziehbar. Es spart die Arbeit, nur ein Hauch alles, freilich ohne pneuma.

csm_anw_inhal__b57c144296Ja, die Literatur und die Kritik. Einfach ist es nicht, und das Verhältnis beider Bezirke darf nicht unbedingt als entspannt bezeichnet werden. Es ist sogar alles andere als das. Wesentlich gründet sich dieser Konflikt darin, daß es sich um ein disparitätisches und asymmetrisches Verhältnis handelt, denn es betrachtet und wertet darin einer den anderen. Zudem haben Schriftstellerin und Schriftsteller kaum Möglichkeiten, einer in ihren Augen mißlungenen Literaturkritik irgend etwas entgegenzusetzen. Sich gegen Verrisse zu wehren, gilt im Betrieb des Feuilletons als Nachtreten und wird grundsätzlich übelgenommen. Werʼs macht, muß damit rechnen, gar nicht oder selten besprochen zu werden. Oder es passiert ein veritabler Skandal, wie seinerzeit mit Martin Walsers Buch „Tod eines Kritikers“.

Auch beim Lesemarathon in Klagenfurt kann der Schriftsteller nicht viel entgegnen. Hier wären unbedingt die Regeln zu ändern. Es würde dies zudem – um im Sensations- und Steigerungsmodus der Medien zu verbleiben – die Angelegenheit aufreizen und beim Lesen und beim öffentlichen Diskutieren der Prosa dieses Format mehr auf Krawall bürsten. Und irgendeiner würde irgendwann einmal dem unsäglichen Hubert Winkels, dem Häuptling Silberlocke des Literaturbetriebs, irgend etwas Abgefeimtes und knallhart Hartes entgegenschleudern. Uns fehlt Thomas Bernhard. Uns fehlt Rolf Dieter Brinkmann. Nein, das ist falsch: die fluchenden Stimmen sind durchaus vorhanden, aber es ist alles sehr viel pluraler geworden als vor 30 Jahren. Da liegt der Hase im Pfeffer. Womit wir wieder beim Jägertopf Hubertus bzw. bei Häuptling Silberlocke wären. Oder bei Maxim Biller.

Literatur und Kritik – es bleibt dabei, es ist dieser ewige und alte Gegensatz, wie wir ihn bereits bei Schillers „Die Räuber“ in der Eröffnungsszene erfahren, wenn Karl Moor auftritt:

Moor: Der lohe Lichtfunke Prometheusʼ ist ausgebrannt, dafür nimmt man jetzt die Flamme von Bärlappenmehl – Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Hercules, und studieren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sei, das er in seinen Hoden geführt hat. Ein französischer Abbé dociert, Alexander sei ein Hasenfuß gewesen; ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase und liest ein Collegium über die Kraft. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals – feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Cannä und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponieren müssen.

Spiegelberg: Das ist ja recht alexandrinisch geflennt.

 Dem Räuber Spiegelberg ist recht zu geben. Wenn die Fülle eines Lebens und des Gehaltes, das Begehren nach Intaktheit sowie Einheit, die ich nebenbei für eine Illusion halte, bereits per Deklamation eingeklagt werden müssen, dann lebt das Leben schon lange nicht mehr und etwas ist faul oder zumindest arg angefressen. Eine Kritik, die nach den Grundlagen der Kritik fragt, betreibt keine Kritik mehr, sondern sie verzehrt sich in ihrem eigenen Medium, verzettelt sich, streicht sich durch. Etabliert die Meta-Diskurse und macht sich überflüssig. Mit Nietzsche aus den „Unzeitgemäßen Betrachtungen II“ gesprochen, und das muß man um des Wohlklanges willen sich selbst oder einander laut vorlesen:

„Nirgends kommt es zu einer Wirkung, sondern immer nur wieder zu einer ‚Kritik‘; und die Kritik selbst macht wieder keine Wirkung, sondern erfährt nur wieder Kritik. (…) Die historische Bildung unserer Kritiker erlaubt gar nicht mehr, dass es zu einer Wirkung im eigentliche Verstande, nämlich zu einer Wirkung auf Leben und Handeln komme: auf die schwärzeste Schrift drücken sie sogleich ihr Löschpapier, auf die anmuthigsten Zeichnungen schmieren sie ihre dicken Pinselstriche, die als Correcturen angesehen werden sollen: da warʼs wieder einmal vorbei. Nie aber hört ihre kritische Feder auf zu fliessen, denn sie haben die Macht über sie verloren und werden mehr von ihr geführt anstatt sie zu führen.“

Du mußt Dein Kritisieren ändern! Da sind Stellen, die dich ansehen. Kritik lernen wir einzig durch: Kritisieren! Fechte mit Florett und Schwert gleichermaßen! Wie Wespe und Orchidee. Jene „Lust am Text“ hervorzutreiben und auszufahren, ohne unterkomplex wieder den üblichen Dualismus von Sinnlichkeit und Verstand aufzuziehen.

„Aber Herr Bersarin, was deklamieren Sie groß in langgezogener Prosa? Sie machen all das doch bereits in ihren Kritiken und Texten!“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Literatur und Kritik: Immanenz in Säkulum – tintig, tränig, tranig

  1. Gärtneraushilfsgehilfe schreibt:

    Irgendwie, Herr Bersarin, scheinen Sie sich hier auf einer Höhe zu wähnen, Grand Hotel, Adler usw….aber wenn ich hier so herumlese, kann ich nichts finden, dass diesem Anspruch gerecht würde. Auch bei Ihnen liest man ein Kritikchen hier und ein Kritikchen dort, braves Hervorkramen irgendwelcher oller Kamellen aus der Gartenlaube des Philosöphchens und ab un zu paar Schnappschüsse.

  2. Bersarin schreibt:

    Tja, Gärtner, da hast Du aber flach geschaufelt. Lieber ein paar Schnappschüsse als des Gärtners Schnappatmung.

    Doch wenigstens findet man hier keine halbgare Lyrik oder sinnlose Prosa, die sich bedeutungsschwanger, aber nichtssagend aufhübscht. Diesen Umstand zumindest sollte auch der Bock, den man zum Gärtner machte, als Fortschritt bewerten. (Wenngleich ich immer noch an meinem Gedichtband „Haarflaum in der Abfickzone“ feile.)

    Schön wäre es, wenn Du wenigstens auf ein Minimum an Orthographie achtetest. Es sind innerhalb eines so kurzen Textes ein Orthographie- und zwei Interpunktionsfehler eingebaut. Bereits aus diesem Umstand heraus kann ich Deine Kritik hinsichtlich der Qualität nicht ernst nehmen und gehe wohlwollend davon aus, daß Du nicht weißt, worüber Du schreibst. Suche Dir eine bessere Betätigung! Zur Philosophie reicht es bei Dir nicht hin.

  3. Bersarin schreibt:

    Guck mal, Gärtneraushilfsgehilfe, Du kannst hier gerne weiter kommentieren und Deine Ressentiments eines unglücklichen, bedauernswerten Menschen ablassen. Auch der Kleinbürger braucht auf dieser Welt einen Ort. Nur schalte ich das allerdings nicht weiter frei, weil es eines Blogs mit guten Inhalten, der nicht aus der Lamäng heraus Schwachsinn fabuliert, sondern reflektiert und dem Sinn für Sprache eignet, nicht würdig ist und dessen Struktur kaputtmacht. Deine Lese- und Rechtschreibschwäche, die Du gerade wieder demonstriertest, ist nicht so schlimm. Das kann sogar eine Krankheit sein, ich will mich darüber also gar nicht lustig machen. Es soll übrigens Menschen geben, die den Genitiv nicht hinkriegen und „wegen dem“ schreiben, sich aber Dichterin nennen und sich einbilden, literarische Sprache zu schreiben. Warum auch nicht?

    Ich duze übrigens Menschen, die mich konsequent siezen, immer dann, wenn ich von oben nach unten spreche und wenn ich jemanden intellektuell nicht ernst nehme. Auch die Bediensteten, also das Küchen- und Gartenpersonal, werden konsequent geduzt. Verstehst Du das?

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