Erster Ratschlag für Wien – das Café Prückel

Nie sollte man bei zu viel Hitze, das heißt also in den Monaten Juni, Juli oder im August reisen – es sei denn, es ginge nach Grönland oder Island. Oder ins ferne Tromsø.

Ich sitze am frühen Abend im herrlichen Café Prückel, schräg gegenüber vom Stadtpark, an der Ringstraße. Zu heiß, um irgend etwas zu schreiben oder um zu Geistreichem fähig zu sein. Kant und Hegel konnten nur in Königsberg und Berlin wirken, Lichtenberg schrieb und spottete in Göttingen, denke ich mir. In Neapel und Rom ist im Sommer das konzentrierte Denken, das auf den Punkt geht und zugleich verschlungen die Bezüge setzt, nicht möglich. Das Denken der Philosophie ist an ein bestimmtes Klima gebunden. Andererseits jedoch entstammt die Philosophie des Abendlandes einer mehr als heißen Region. Glutkern des Denkens: Griechenland, Mittelmeerort, wenn in der Hitze des Mittags, in der höchsten Stunde, wenn der Schatten des Wanderers am kürzesten fällt, die Flöte des Pan schallt und der Schrecken dem Wanderer, dem Schatten und all den Wesen ins Mark schießt. Abgrundgeschehen, das Nietzsche düster ahnte. Die Weisheit des Silen und die halkyonischen Tage in einem. Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Philosphie und den (geographischen) Räumen? So sinieriere ich.

Und es spielt mit einem Male, wie jeden Dienstag ab 19 Uhr eine Frau am Klavier. Es ist angenehme Salonmusik. Kitsch manchmal, Schlager, Chansons, jene Melodie aus „Frühstück bei Tiffany“, Operette, Oper abwechselnd. Ein bunter Reigen an Stücken wird geboten. Das Prückel ist ein Café, dessen Interieur im Stil der 50er Jahre gehalten ist. Sehr angenehm, sehr dezent und große Räume – eine Anordnung, die ich schätze. Für Raucher existiert ein eigens eingerichteter Bereich. Eine vorzügliche Atmosphäre, um zu lesen, zu schreiben, zu beobachten und zur Musik für einfach so die Gedanken in alle Richtungenn treiben und laufen zu lassen. Genau richtig, bei jener unerträglichen Hitze, die träge macht und in der sich die Wirkung des Grünen Veltliners unmerklich, aber im Abschluß klar wahrnehmbar steigert. Gegen Kälte kann man sich mittels Kleidung schützen. Gegen Hitze hilft nichts außer das Eis, keine Haut, die sich noch abstreifen ließe. Marsyas jedoch möchte, so denke ich mir, keiner gerne sein. Wir benötigen die Hülle und die Schicht zum Schutz. (Taktilität, Walter Benjamin.) Andererseits ist das Blödsinn. Die Antike bleibt unzugänglich, taugt allenfalls noch zur Satire und zum Scherzen. Ansonsten ist dieser Seinsbereich verschlossen und bleibt leere Bildungshuberei – allenfalls gut für ein Zitat, das dann der erlesen Belesene als eingestreutes Bröcklein wohlfeil aufnimmt. Ein vom Autor nett verstecktes Osterei, und es freuen sich alle – Autor wie Leser -, wenn das liebe Ei schließlich entdeckt wird. Bereits bei Joyce mißlingt dieser Rekurs, und was bei Thomas Mann noch leidlich funktionierte, wirkt in der wiederholten Wiederholung langweilig oder bloß abgeschmackt. Bildungshuberei derer, denen die Bildung abhanden kam, denke ich mir. Wir haben die Texte von Aristoteles, die der Vorsokratiker. Mehr nicht. Diese Botschaft bringt euch der Götterbote Herpes, um einen Witz der Lyrikerin Monika Rinck aufzugreifen. Die Moden wechseln. Ich bin ein Mensch der Herbstmonate. Oktober, November. September, sofern nicht zu warm. Ich bin ein Mensch der Kälte.  Wer aber besitzt heute dieses philologische Gespür? Die Antike ist nahe am Wahn und am Wahnsinn gebaut. Das von Hölderlin imaginierte Griechentum führte in den Irrsinn: erwies sich als Unort. Wo sind die Freunde? Bellarmin. Tot und toter oder in den Turm gesperrt, die Gesellschaft der Türmer. Nach Bordeaux – keiner weiß, was dort geschah – ging die Reise ins Andere hin. Oder hinab.

Die Luft im Café ist stickig. Nichts regt sich, kein Hauch. Schweißtreibend selbst das Saufen. Lediglich wenn der bewegliche Ventilator in meine Richtung schwenkt, weht ein laues Lüftchen herüber. Das Café Prückel könnte ebenso einer Inszenierung von Christoph Marthaler entstammen, man wird vermuten dürfen, daß die Bühnenbildnerin Anna Viebrock solche Räume vor Augen hatte, sich vielleicht sogar an diesem Ort inspirierte. Das Burgtheater ist nicht weit entfernt, ebenfalls am Ring gelegen, zwanzig Minuten Fußweg höchstens. Doch egal – müßige Spekulation.

Es gibt bei den Menschen einen bestimmten Caféhaustypus, der sitzt lange, es kommt wie unendlich vor, so sitzt der Mensch da, verharrt, und er hält sich an seinem einen Getränk fest. (Ich kann das nicht, ich bin nicht derart diszipliniert, sondern beim Trinken haltlos.) So auch hier im Prückel sitzt mir ein Mann gegenüber, durch den großen Raum gemessen wohl zehn Meter entfernt. Zunächst schrieb er etwas in sein schwarzes Notizbuch, nun schaut er vor sich hin und durch den Raum. Er beobachtet. Nicht anders als ich. Dann trägt er wieder seine Aufzeichnungen in das Heftchen ein. (Ich muß einen Scherz über die „schwarzen Hefte“ machen, geht es durch meinen Kopf. Die Antike als Seinsbereich – da ist es wieder. Der neue Heidegger schreibt ins Moleskine. Ontologie ist immer Ideologie. „Es führt kein Weg zurück“, wie ein Roman von Thomas Wolfe heißt. Er spielt in Berlin in den 30er Jahren. Ich habe drei Stück dieser Moleskine zu Hause in Berlin. Vollgeschrieben. Meine schwarzen Hefte mit den eindringenden Notizen. Penetrationen des Textes. Ich werden sie irgendwann fortwerfen, denn ich kann meine eigene Handschrift schlecht lesen. Das Entziffern des eigenen Textes ist mir zu mühselig.)

An mir vorbei schlendert eine Frau mit ihrem dunklen Pudel. Hüfthoch das Tier, den Kopf in der Nähe ihres Kleides wiegend. Da wo sie nach Frau und in der Hitze verschwitzt riecht. Ich imaginiere ihr Geschlecht und überlege kurz, ob sie meine Gedanken erraten mag. Die Frau bewegt sich an mir vorbei. Der Pudel hingegen – er schreitet. Hoheitsvoll fast. Mehr noch und eitler als sein Frauchen, den Körper beherrschend, durch den wunderbaren Raum gleitend. Meine Augen richten sich auf ihr Gesicht, dann wieder in ihre Hüftregion. Eine mitteljunge Frau in den 40ern, typisch wienerisch im Habitus und in der Art, sich zu kleiden. Mit einerseits markantem, einem sogar leicht harten, aber doch schönen und mit einem besonderen Gesicht. Nicht unelegant. Gelassen oder gelangweilt jedoch verschmähen Pudel und Frau meinen Blick.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Erster Ratschlag für Wien – das Café Prückel

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Kennst Du die wunderbare Tante Jolesch und/oder das „Kind von Favoriten“, jeweils von Friedrich Torberg?
    Wien war (und ist leider nicht mehr) die Stadt einer wunderbaren Fußballkultur, eine Stadt des schönen Spieles gegen die Kampf- und Kraftauffassung des Fußballs, wie sie lange in Deutschland und England vorherrschten. Der deutsche Fußball war Malocherfußball, Wien zelebrierte das Kaffeehausschach auf dem Rasen.
    1938 sollten die beiden Nationalmannschaften nach der „Heimkehr der Ostmark ins Reich“ vereint werden und bei der WM in Frankreich den Titel holen. Zuvor fand ein Vereinigungsspiel beider Mannschaften statt, das Östereich 2 . 0 gewann. Das „Kind von Favoriten“, Matthias Sindelar, spielte noch einmal groß auf.
    Die als „unschlagbar“ gehandelte gemischte Mannschaft schied dann in Frankreich schon im Achtelfinale aus: Die Eidgenossen beendeten unter der Anfeuerung der Franzosen den großdeutschen Fußballanspruch frühzeitig. Kunst und Maloche, das ging nicht zusammen. Seither gibt es im Fußballsport die große Rivalität der Länder Deutschland und Östereich.

  2. Uwe schreibt:

    Ein Zitat als Gruß, Anregung und Bestätigung (die Du freilich gar nicht benötigst):
    „Ich bin Schriftsteller, brauche das künstliche Klima, um arbeiten zu können. Man kann bei vierzig Grad in der Sonne nicht an schmelzenden, brodelnden Plätzen herumtorkeln und schreiben. Schreiben ist keine naturgemäße Profession. Ich arbeite im abgedunkelten Zimmer bei elektrischem Licht, in künstlichem Klima. Man muss den Anforderungen seines Metiers Rechnung tragen […]
    Im Morgengauen um drei stehe ich dann wieder draußen auf dem Balkon. Höre den Vögeln zu. Denke daran, dass die Literatur ein Produkt der gemäßigten Zonen ist. In den Tropen kann man nur leben. Und denke noch ermattet und mit einiger Sehnsucht: Es mag so schlecht nicht sein, in den Tropen. Gar nicht übel, leben, dösen in fünfzig Grad heißer, tödlicher Umarmung des Lebens; leben, nur leben.“
    (Sándor Márai, Die vier Jahreszeiten, 1938)

  3. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Torberg las ich bisher nicht, es hat mich – ich weiß nicht aus welchem Grunde – kaum gereizt, ihn zu lesen. Was den Fußball betrifft, so ist mir dieser Sport ganz und gar gleichgültig. Ich hätte immer gedacht, daß die wahre Nationalmannschaft der Österreicher denn doch die deutsche wäre. Und natürlich wirst Du das hier bereits geschaut haben:

    @Uwe
    Nein, das Zitat kannte ich nicht – den Autor natürlich schon. Es ist eine interessante Anregung. Nein, in den Tropenb kann man bzw. könnte ich nicht einmal leben. Die Tropen oder überhaupt der Süden zum Sommer ist nicht meine Lebensform. Im Winter ist es allerdings am Mittelmeer ausgesprochen angenehm, wenn ich etwa auf Mallorca weilte. Eine der schönsten Inseln, klimatisch ganz herrlich. Zumindest von November bis Mai.

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    Torberg spielte nicht in der ersten Liga (aha, Fußball!), ist aber dennoch lesenswert. Er liebte Wien und Karl Kraus. „Der Schüler Gerber“ ist ein mehr als passabler Schülerroman.
    Zum Fußball noch das: Einem alten, immer noch uniformierten k.u.k.-General wurde einst aber nach WK I erzählt, es spiele Östereich Ungarn! Darauf er: „Gegen wen?“

  5. hANNES wURST schreibt:

    Hier ein zufälligerweise thematisch dazu passender, aktueller Artikel: https://motherhead.wordpress.com/2015/07/08/wiener-gschichten/
    Am Mittwoch kam ja dann die Abkühlung, aber wenn es wieder zu heiß wird, dann fahren Sie doch lieber mit der U-Bahn zur Neuen Donau, vergnügen sich im kühlen Nass und imaginieren allerhand Körperteile.

  6. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Eine schöne und passende Anekdote. Wienliebe ist ein guter Grund, Torberg zu lesen. Überzeugt.

    @ Hanneswurst
    Diesen Baderatschlag erteilte mir bereits meine Lebensliebste. Doch ich beherzigte ihn nicht. Mittlerweile ist es in Wien wieder abgekühlt, wie ich gelesen habe.

    Motherheads Dichtungen gehören zum Besten seit langem. Er/sie trifft den Ton. Auch die Geschichten um Leckie Longhorn habe ich nicht vergessen. Sie inspirierten unterschwellig meinen Blog, auch wenn man dies beim ersten Lesen meiner Beiträge nicht vermuten wird.

  7. nhasenoehrl schreibt:

    Der Witz mit Österreich – Ungarn/gegen wen? ist wirklich uralt, und stammt nicht von Torberg, sicher nicht. Es lohnt sich in vieler Hinsicht sehr wohl, ihn zu lesen. Ich bin nicht objektiv, denn ich habe ihn verehrt und (flüchtig) gekannt. Ob er in der ersten Liga gespielt hat oder nicht, wen interessiert das am Ende? Und vor allem: Wer legt das fest?
    Torberg hat sich die ewige Feindschaft der fellow travellers zugezogen, einfach indem er sie als solche benannt hat. Man nannte ihn einen kalten Krieger, aber was waren dann die, deren Komplizenschaft mit der ANDEREN Seite seltsamerweise bis heute kein Thema ist?
    Damals haben diese Leute, als nützliche Idioten oder ganz bewusst, dem kommunistischen Block geholfen, heute sind sie für Putin, und auch das ist momentan erstaunlich hip. Noch erstaunlicher ist, dass sich in der Putin-Verehrung ziemlich Linke mit ziemlich Rechten treffen, ein sonderbares und nicht wirklich appetitliches Schauspiel.
    Aber ich schweife ab, und wir haben ja andere Sorgen.

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