Nihilismus der Tat – Zu E.M. Ciorans 20. Todestag (2)

Nihilismus als Korrektiv? Intentionsloses Tun als Praktik des Lebens gar?: „Jedes planmäßige Streben auch nach dem Nirwana selber ist eine Fessel, wenn man nicht bereit ist, davon abzusehen. (…) Denken, ohne es wahrzunehmen, oder gar nicht denken, aber dasein und die Stille verschlingen, das ist es, was die Klarsicht erreichen könnte. Kein Genuß ist dem des Wissens vergleichbar, daß man nicht denkt. Man wird einwerfen: wissen, daß man nicht denkt, ist das nicht wiederum ein Denken? Gewiß, aber das Elend des Gedankens wir für die Zeitspanne überwunden, während der man statt von Idee zu Idee zu hüpfen, entschieden innerhalb einer einzigen ausharrt, die alle anderen verweigert und sich selber annulliert, die sich ihre eigenen Abwesenheit zum Inhalt gibt.“ (E.M. Cioran, Paläontologie, in: Die verfehlte Schöpfung)

The_Human_Condition_1935Darin schwingt zu guten Teilen die große Verweigerung des Bartleby mit: „I would prefer not to!“ Nichtdenkendes Dasein ist eigentlich die Existenzweise des Amorphen. Oder eines verblichenen Lebewesens, dessen einziges Übrigbleibsel sein Skelett ist, und in diesem Sinne hat es sicherlich seine Gründe, daß sich diese Überlegungen in einem Text namens „Paläontologie“ finden, in dem Cioran den Besuch des naturwissenschaftlichen Museums in Paris schildert. Wer jedoch diese von Cioran festgehaltene „Unterwerfung unter das Wissen“ als Mangel ankreidet, handelt und schreibt – logisches Paradoxon – immer noch unter dem Diktat und innerhalb der Diskurse des Wissens. Attackenweise Texte, Texte als Panikattacken, geschrieben als Auswurf. Cioran ist in dem Sinne kein lautstarker Weltverneiner wie es der lustvolle, wütende Thomas Bernhard war, der eine gigantische Weltbeschimpfungsmaschine anstieß und Texte gleichsam schreit und deklamiert: Sprache, die eine Bühne benötigt, die laut gelesen und gesprochen sein will. Die Condition humaine ist ein gigantisches Kalkwerk, ein einziger großer Kopf, darin sich die Sprache und die Reflexionsschleifen umtreiben: ich und sie und Solipsie. Mon(ad)ologische Verschlossenheit – jedoch im Schreiton. Dagegen klingen die Ausführungen Ciorans wie eine bittere, still verabreichte Pille. Es ist die letzte Stille eines verlassenen für sich seienden Menschen, der sich seine Bilder fertigt. Vermeintliche Duplikate von Welt.

Der innere Monolog eines sich verkapselnden Subjekts liefert die Befunde einer beschädigten Welt. Als eine Art Korrektiv mag diese Sicht taugen. Es birgt jedoch Probleme, Ciorans Blick auf Mensch und Welt in einem existenzialen Sinne zu nehmen und diese Befunde als anthropologische Konstante zu deuten, statt sie – wie auch bei Beckett – gesellschaftlich als Verhältnis von Subjekt und Naturgeschichte zu lesen. Denn nichts ist naturgegeben. „Ontologie kommt nach Hause als Pathogenese des falschen Lebens. Dergestalt wird es als Stand negativer Ewigkeit.“ (Adorno, Versuch, das Endspiel zu verstehen.)

Es sind die Aspekte und die Details, auf die Ciorans Blick fällt und die er streift. Das unter der Oberfläche Liegende betrachtend, aber nicht mehr im Sinne einer umfassenden Metaphysik. In seinem Text wirkt eine Art gnostisches Moment. Doch zugleich analysiert Cioran die Pragmatik der Theologie als eine Art von Weltbewältigungsstrategie und Kontingenzkompensation: „Es leuchtet ein, daß Gott eine Lösung war und daß man nie wieder eine ebenso befriedigende finden wird.“ (in: Vom Nachteil, geboren zu sein) Sowieso lassen sich die religiösen Konnotationen oder zumindest doch Motive des Religiösen in manchen seiner Aphorismen zeigen: „Meine Bestimmung ist, für alle jene zu leiden, die leiden, ohne es zu wissen. Ich muß für sie zahlen, für ihre ahnungslose Weise büßen, für ihr Glück, nicht zu erraten, wie unglücklich sie sind.“ (in: Vom Nachteil, geboren zu sein) Der Intellektuelle und der zweifelnde Denker fungieren im Blick auf die menschliche Existenz als eine Art Vikar: Das Leiden wird aufgenommen und gleichsam in Stellvertretung wie ein Kreuz für andere getragen, die die Lage weniger klar sehen.

Doch wie es im Leben so geht: die Strecke vom zweifelnden Denker zum zwingenden Diktator ist manchmal eine kurze. So auch beim jungen Cioran. Im Rumänien der 30er Jahre, unter dem Zeichen des Faschismus und der „Legion Erzengel Michael“, die später „Eiserne Garde“ hieß,  schrieb er als Korrespondent in Berlin unrühmliche Zeitungsartikel. Diese Nähe zum faschistischen Denken reute ihn Jahre später. Allerdings: In einer teils trivialen Existenzphilosophie, die – Kierkegaard sich zurechtbiegend – von Sprung und Entschlossenheit salbaderte, war dieses rechte Denken bereits an sich angelegt. Wenn der Ton dann einen Zacken schärfer wurde, taugten solche Begriffe ebenso (wie bei Heidegger in Deutschland) zum Zusammenrotten und dienten dazu, das, was anders als das Eigene ist, gleichzuschalten oder zu beseitigen. Bis hin zur physischen Ausrottung. Wenn der geschundene Körper nur noch als Fleisch dalag. Jedoch: genuin antisemitisch und faschistisch ist das Denken und Schreiben Ciorans nicht. Wer hier mit den zu einfachen Markierungen an den Text geht, will die Sprengkraft entschärfen, anstatt sich den Cioranschen Detonationen, die das Subjekt erschüttern, auszusetzen. Daß auch das Reaktionäre erkenntniskritisch von einem gewissen Reiz und bedeutsam sein kann, sollten wir in Rechnung stellen.

Ebenso soll nicht verschwiegen werden, daß es – wie auch bei Schopenhauer – im Denken Ciorans einen ausgeprägt misogynen Zug gibt. Die Philosophie, schreibt Cioran, sei nichts für die Frauen. Anders jedoch als im Text Nietzsches läßt sich die Konstruktion von Weiblichkeit unter dem Diktat des männlichen Blickes nicht einfach als komplexe Theorie von Wahrheit lesen. Bei Nietzsche ist die Wahrheit jenes Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen. Die Enthüllung der Schleier, wenn der Fetisch Stoff beseitigt wurde und gleichsam der darunter wirkende Ursprung, jene Spalte und Spaltung freigelegt wurde, führt eben nicht zur Evidenz und zum Faktum, sondern es bedeutet, wenn wir die Gründe bloßlegen, daß wir den Entzug des Spiels betreiben. Ciorans Sicht ist in dieser Angelegenheit deutlich simpler. Von der enttäuschten Liebe in den Jahren der Jugend, hin zum Bordellbesuch und einem entsprechenden Bild von Weiblichkeit ist der Weg nur ein kurzer. Das zeigt bereits sein kurzer Essay über den frauenhassenden, antisemitischen Juden Otto Weininger in dem Band „Widersprüchliche Konturen“. Ein Titel, nebenbei, der bereits daruf deutet, daß es nicht darum geht, das, was fragil und fragwürdig ist, einfach zu übergehen oder den Widerspruch wegzuwetzen. Wenngleich Cioran beileibe kein Dialektiker ist, so ist er dennoch weit davon entfernt, die Widersprüche dieser Welt zu tilgen. Trotz alledem jedoch stellt sich Cioran diesen Szenen von Liebe seinerzeit in Hermannstadt (heute Sibiu) und beschreibt das Traurige oder auch Traumatische eines für andere ganz und gar bedeutungslosen Augenblicks noch Jahrzehnte später ungeschminkt und ungeschönt:

„Wie das oft bei Heranwachsenden der Fall ist, war ich unverschämt und schüchtern zugleich, aber meine Schüchternheit war stärker als meine Frechheit. Über ein Jahr lang dauerte diese Qual, die ihren Höhepunkt erreichen  sollte, als ich eines Tages im großen Stadtpark gegen einen Baum gelehnt irgendein Buch las. Plötzlich hörte ich Gelächter. Was sah ich, als ich mich daraufhin umdrehte? Sie in Begleitung eines Klassenkameraden von mir, den wir alle unglaublich verachteten und die Laus nannten! Es sind über fünfzig Jahre her, aber ich kann mich noch ganz genau an das erinnern, was ich damals fühlte. Ich verzichte hier auf Einzelheiten. Jedenfalls schwor ich mir auf der Stelle, mit den ‚Gefühlen‘ Schluß zu machen. Und so wurde ich zu einem eifrigen Stammkunden im Bordell.“

Rückblicke also, die zwar nicht zur Philosophie in einem akademischen Sinne Anlaß geben, aber doch dem Leben und den Ereignissen eine philosophische Dignität verpassen. Vom Überschwang der Jugend bis zur milderen Sicht des Alters ist es – Binsenweisheiten des Lebens – ein weiter Weg, der zu beschreiten ist. So schrieb Cioran in jener Würdigung an Weininger über seine Jahre der eigenen Jugend:

„Ich zog nur zu gerne die letzte Konsequenz aus jeglicher Idee, trieb die Unerbittlichkeit bis zur Verirrung, bis zur Provokation und verlieh sogar der Raserei die Würde eines Systems. Mit anderen Worten, ich konnte mich leidenschaftlich für alles entflammen, bloß nicht für die Nuancen.“

Diese Nuancen aber sind es, die im Laufe von Ciorans skeptischen und noch den Skeptizismus überbordenden Sentenzen immer mehr Kontur und Gestalt gewinnen. Freilich nicht in der Weise, daß diese Nuancen sich zum System einer Philosophie verdichteten. Gewahrt bleibt der Charakter des Fragmentarischen, denn immer neu und immer wieder laufen diese Aphorismen sowie die philosophisch-literarischen Miniaturen gegen Welt und Subjekt an, umkreisen ihren Gegenstand und schießen so in ihrer unterschiedlichen Kontexten in jener „Lehre vom Zerfall“ zusammen. Denken ist Stoff. Stoff im Sinne einer Droge, die uns am Leben erhält. Endorphine, wie beim Sex. Denken ist für Cioran transformierte Körperlichkeit, ein körperlicher Prozeß. Mit dem Ziel körperloser Existenz. Er aktiviert in seinen Streifzügen die Kierkegaardschen Begrifflichkeiten wie Furcht und Angst, doch ohne noch im Religiösen den Anker auszumachen.

„Mehr denn je sollte man Klöster bauen … für jene, die an alles glauben, und für jene, die an nichts glauben. Wohin fliehen? Es gibt keinen Ort mehr, wo man berufsmäßig die Welt verabscheuen könnte.“

Wie auch Kant wußte Cioran, daß der Mensch aus krummem Holz gemacht ist. Stofflich amorph.

Bild-Copyright: “The Human Condition 1935” by The University of Hong Kong. Licensed under Fair use via Wikipedia

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Nihilismus der Tat – Zu E.M. Ciorans 20. Todestag (2)

  1. che2001 schreibt:

    Deswegen steige ich auf hohe und gefährliche Berge. Völlige innere Stille, Schweigen, Nicht-Denken, sich eins mit dem Kosmos fühlen. Bergsteigen als Meditation.

  2. Günther Quast schreibt:

    Empfehlung ohne aufdringlich wirken zu wollen:J.Böhmes Beschreibung des Übergangs von der ersten zur zweiten Natur des Vaters.Dort wird der nichterzeugte Erzeugende der vollkommene Schöpfer.(Hisamatsu?)

  3. Bersarin schreibt:

    Bei Cioran vermischen sich die Sphären bzw. er greift von der Tradition bestimmte Aspekte auf. Insofern könnte der Hinweis zu Böhme gut passen. Was das Bergsteigen und andere ähnlich gelagerte Sporarten betrifft, so denke ich ebenfalls, daß hier der meditative, kontemplative und auch der rein körperliche Aspekt eine zentrale Rolle spielen. Von Ludwig Hohl gibt es, ich glaube, ich erwähnte es bereits vor einiger Zeit, einen Prosatext namens „Bergfahrt“.

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