Und er „trieb die Unerbittlichkeit bis zu Verirrung“. Entretiens oder mit der Kraft des Wortes – Zu E.M. Ciorans 20. Todestag (1)

17623_1_3Die Wörter sind es, die blieben, die bleiben und immer bleiben werden. Die Sprache spricht, insbesondere in ihrem Aufruhr und im Aufstand gegen die Welt: „Ich war, ich bin, ich werde sein!“ Unaufhörlich, nicht abschaffbar, nicht abzustellen – dieser Grundton. Die Wörter verharren, wandeln sich, disseminieren, spreizen sich und erzeugen und ziehen neue nach sich als unendlicher zu kommentierender Text; diese Wörter – zerstörerisch, Revolte stiftend, die Leere bannend, die Fülle entgrenzend und der Phantasie des Dichters überbordend zusetzend. Sprache bleibt die Ursache allen Übels und allen Glücks. Mit ihren Wirkungen und der Verursachung kreuzen diese Wörter das Denken: mit der Macht des Wortes, das am Anfang stand, am Anfang jener „verfehlten Schöpfung“ und im logischen Schlußverfahren jene „ Syllogismen der Bitterkeit“ produzierend. Cioran transformiert und nimmt in seinen Aphorismen, in seinen skizzenhaften, zweifelnden, philosophischen Miniaturen und Fragmenten, in seinen Prosa-Miniaturen die Welt zurück in ihren Grund: Nichts. Als Sein.

Ein Denken, ausschwirrend zwischen abendländischer Skepsis, mystischen und gnostischen Motiven, entfaltet sich in den Texten Ciorans. Oder aber es ereignet sich Anderes, ein Prozeß der Konversion, indem das Fleisch Wort wird und sich als Körper zurücknimmt. Gleichsam die Umkehrung jener Sätze des Johanneische Evangeliums. Dieses „Wortwerden des Fleisches“ ist zwar nicht das zentrale theologisch-literarische Motiv, das wir im Text von Cioran finden. Vielmehr bezeichnet es eine ganz allgemeine Tendenz der Dichtung: wie nämlich das Verhältnis zwischen Körper und Text, zwischen Dasein, Subjekt, menschlicher Existenz und der Sprache sich austariert. Cioran jedoch greift diese Tendenz der Dichtung, den Körper in den Text zu bringen, auf und versammelt sein Denken um diesen Aufschub des Körpers.

Es gibt wenige Denker, die sich in beiden Bereichen aufhalten und entsprechend schreiben, ohne Festlegung, hier wie dort gleichermaßen wirken und insofern von zwei Seiten gelesen wurden: von der Dichtung und von der Philosophie her. Jedoch wollte Cioran kein bloßer Philosoph sein, zumindest kein systematischer. Ebensowenig aber sah er sich als Dichter oder Schriftsteller, wie etwa Maurice Blanchot, der Texte zur (Literatur-)Theorie, aber auch Erzählungen schrieb. Der Begriff des Essayisten trifft es meines Erachtens ebensowenig. Valéry oder der Betreiber dieses Blogs sind Essayisten, Valéry war ebenfalls Aphoristiker, wie Cioran. Aber von ganz anderem, mir sehr viel näherem Kaliber. Kalt und unsentimental. Mineralisch wie Riesling. Während bei Cioran immer auch ein leidender Ausdruck, eine Emphase des Nichts, ein Umtreiben mit dem gesamten Körper bis hin zur Zurücknahme jeglicher Körperlichkeit seinen Text durchzog, ein geradezu buddhistisches Motiv, wenn sich der Körper im großen Nichts und mit ihm der Geist im Nirwana auflöst. In solchen Zügen spürte man durchaus eine Cioransche Leidenschaft. Auch als Leiden im Sinne des griechischen Pathosbegriffs.

Wie hinfällig und entbehrlich der Körper ist, wie obszön in seinem Sein beschreibt Cioran in der Miniatur „Paläontologie“ in dem Band „Le mauvaise démiurge“, darin er seinen Besuch im naturwissenschaftlichen Museum in Paris erzählt. Entretiens aus dem Innenraum des Subjekts als verstreute innere Monologe: Texte, die zwischen Dichtung und Philosophie sich siedeln, die Sein und Dasein ins Haltlose katapultieren. Aber auch die radikale Negation von Sinn und Sein und Dasein als Fixierung und als Standpunkt wies Cioran zurück. Für ihn gab es keine Gewißheiten, nicht einmal die Ungewißheit durfte als Heilsformel und sozusagen negativ-theologisch aufgeladene Erlösung handhabbar gemacht werden, indem sich diese Art des Denkens als ein Ritual einschleift.

Emil Cioran ist für die Philosophie fast vergessen, in den Seminaren der Universitäten kommt er nicht vor. Was ihm freilich ganz recht gewesen sein dürfte, denn er wollte keine Professorenphilosophie produzieren. Gelesen allenfalls in der stillen Kammer von jungen Menschen, von Schwarzgekleideten, von Melancholikern oder von jenen, die im Nichts Erlösung und Auflösung suchten. Oft auch von den Gottsuchern. In einer solchen Kammer, nämlich in einer mit Schriften und Büchern vollgestopften winzigen Mansardenwohnung lebte er seit den späten 30er Jahren  in Paris eine literarische, eine sich selber zurücknehmende, zurückgezogene Existenz, wenngleich Cioran, glaubt man den Zeitgenossen, nicht ungesellig und nicht griesgrämig wie Thomas Berhard war. 1937 zog er in diese ihn faszinierende Stadt, und er blieb dort. Ebenso blieb er jener Grenzgänger zwischen Literatur und Philosophie. Er rezipierte eine bestimmte Art der Philosophie, doch er verweigerte sich, sie in ähnlicher Weise fortzuschreiben. Sicherlich, wir können ihn in einem Atemzug mit den großen Aphoristikern wie Montaigne, La Rochefoucauld und Pascal nennen; er gehört ebenso zu jenen unsystematisch Philosophierenden wie Kierkegaard oder Nietzsche, die kein System ausbildeten. Aber er bildetet eben  auch keine Philosophie aus. Selbst der Begriff eines Sartreschen Existentialismus und schon gar nicht der des Camus waren ihm fremd.

Die Systematik, die ein Denken und damit auch die Welt, die gedacht wird, händelbar macht, war Cioran Anathema. Seine Umkreisungen bestimmter Gebiete und Zusammenhänge, die hauptsächlich mit dem menschlichen Sein zu tun haben, geschah in immer neuen Versuchen, immer neu einen Anlauf nehmend. Immer wieder ausholend, kreisend, kreiselnd, versinkend, sich versenkend, mystisch, gnostisch, abstürzend: Im Hegelschen Sinne verfiele diese Art des Schreibens einer schlechten negativen Unendlichkeit. Doch es ist die Aufgabe, das zunächst Unvermittelbare zu denken. Hegel und Nietzsche. Nicht Hegel gegen oder Nietzsche gegen Hegel als Schlacht aufzubauen, sondern zusammenzudenken, was inkompatibel erscheint. Das macht die Kraft des Denkens aus und darin liegt für mich der Reiz jener – häufig fragwürdigen – Texte des Emil Cioran. Ihr verstörender, manchmal reaktionärer Ton. Menschliches Dasein als Elend, weil wir das Denken nicht loswerden, setzt sich als eine anthropologische Konstante, als „Lehre von Zerfall“ – das einzige Lehrgebäude im Grunde, das Cioran errichtet. Die Mechanismen des Sozialen blendet er jedoch aus. Allenfalls tauchen Gesellschaft in seinen Texten in aphoristischer oder streiflichthafter Form auf, um sogleich wieder ins Theologische einer verhängnisvollen Subjektivität zu entweichen. Bei Cioran herrscht hier ein unsystematisches System.

Daß zu suspendierende Subjekt, das sich erst in seiner Nichtigkeit erfaßt und begrifflich einen Wesenszug zeichnet, ist Ciorans Feld. Cioran ist kein Dialektiker, die Vermittlungsleistungen bleiben diesem Aphoristiker des Punktuellen, diesem Reflekteur der „Geworfenheiten“ eher fremd. (Auf das Problematische solcher Begrifflichkeiten, auch im Zusammenhang mit Ciorans Hinwendung zur rumänischen Variante des Faschismus in den 30er Jahren und einem eher konservativen Ton seiner Texte komme ich im zweiten Teil meines Essays zu sprechen.) Cioran hielt die Felder und Plätze offen, zu philosophieren war für Cioran kein Ruhmestitel und die Arbeit der Geistesheroen, sondern ganz und gar nichtig und unzureichend für die (scheinbar) wesentlichen Dinge. Selbst im letzten Rest, jenem unverfügbaren Teil, der dem Denken nicht zugänglich ist, existiert kein Halt oder eine Art Fixum, und es streicht sich die Reflexion wieder durch, radiert noch diesen Nicht-Ort wieder aus, zieht eine neue Bahn, mit neuem Anlauf. Ganz im Sinne des aphoristischen Systems: „Wenn man auf den Zweifel fixiert ist, empfindet man mehr Wollust darin, über ihn Betrachtungen anzustellen, als sich mit ihm zu identifizieren.“ (De lʼinconvénient dʼêtre né) Cioran ist weder ein Zweifler im Sinne des Descartschen Systems, das auf Erkenntnis drängt, noch im Sinne akademisch ausgebildeter Skepsis. Näher vielleicht jener pyrrhonischen Variante, die sich in keine Schule preßt. Aber so einfach ist es unter den Bedingungen von Moderne und Aufklärung nicht mehr zu haben: „Glücklicher Hiob, du warst nicht genötigt, dein Wehgeschrei zu kommentieren.“

Am 20. Juni 1995 verstarb E.M. Cioran in Paris – jener Stadt, die er Zeit seines Lebens nicht mehr verließ.

(Ende des ersten Teils)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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