Berliner Milieu oder die Subversion eines Schriftstelleralltags? Jochen Distelmeyers „Otis“ (2)

„Wir wollen nicht nur, sondern müssen die Griechen besser verstehen, als sie sich selbst verstanden.“
(Martin Heidegger, Die Grundprobleme der Phänomenologie)

 Die Szene ist so herrlich abgefuckt gut selbstreferentiell: Da antwortet gleich zu Anfang des Romans dessen Protagonist in einem exklusiven Restaurant in Berlins Mitte seinem reichen Onkel, der als gewichtiger Anwalt wirkt, auf die Frage „Und, was macht die Kunst?“ „Lasse den Protagonisten gerade seinen Wendepunkt erreichen. Mal sehen, wohin es ihn treibt.“ Genau diesen Spannungsbogen baut ebenso „Otis“ auf, wenn Tristan mit seinem Onkel, dem reichen und erfolgreichen Rechtsanwalt Cornelius und seiner bald in Berlin ihr Studium aufnehmenden Tochter Juliane im Zwei-Sterne-Restaurant „Fischers Fritz“ sitzt und der Rechtsanwalt in einer mysteriösen Klientensache, die – Nebenstrang der Geschichte – keinen guten Ausgang nimmt, sich plötzlich entfernen muß: Klimax und ein Spannungsbogen, der inmitten einer eigentümlichen Leere aufgebaut wird. Dieses (anfangs) Treibende des Textes inszeniert Distelmeyer gekonnt, und er entfacht die Neugier auf eine Schtory, von Szene zu Szene. Aber immer wieder drängt sich eine Verzögerung dazwischen, wird der vermeintliche Höhepunkt aufgeschoben oder ausgesetzt, so daß jenes Begehren nach einer Geschichte und nach dem, was sich ereignet, zwar entfacht wird, ohne daß sich jedoch, wie das bei jeder Sehnsucht und bei jedem Begehren der Fall ist, die Sache stillstellt und im Höhepunkt zur Erfüllung gelangt: das reicht bis hin zu jener wilden Partynacht, in die es die betrunkene junge Juliane und den in drei verschiedene Frauen verliebten Funke verschlägt, der sich, im Unentschlossenen trudelnd, zwischen den Weibern nicht recht zu entscheiden vermag. Berlin-Repertoire, Berlin-Figuren, Kreuzungen. Dieses Ensemble liefert Distelmeyer. Aber eben unterbrechend, und insofern konterkariert er die Erwartungen des Lesers bewußt und spielt mit ihnen. The sublime is now? Or never. Es entlädt sich nichts, sondern alles macht weiter. Die Straßen machen weiter, die Geschichten machen weiter, die Menschen machen weiter, die Liebe, das Leben, der Gesang von Vögeln macht weiter, die Politik macht weiter, Stadtleben, Partys, Kunst, der öffentliche Personennahverkehr machen weiter. Ganz so wie es Rolf Dieter Brinkmann im Auftakt zum Gedichtband „Westwärts“ lakonisch dem Leser ins Gesicht schlägt. Politik und Poetik zwischen Stillstand und Bewegung. Beides in einem. Das ist ja eben dieses: Weitermachen.
 
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Wenn ich nach den ersten 50 Seiten der Lektüre neugierig bin und die Lust auf mehr geweckt ist, so muß dies vom Subjektiven her gedacht noch kein gutes und gewisses Zeichen sein. Im Grunde sagt die Empfindung zunächst gar nichts, außer, daß ich eben so und nicht anders empfinde. Unwichtig, unwesentlich, unerheblich im kalten Reich der Texte. Maßgabe bleibt in jedem Falle die Literatur. Nur sie. Nicht der faktische Autor, der realiter in seiner Schreibstube hockt. Er ist im Grunde uninteressant und unbedeutend für den Fortgang – und leider nehmen sich Schriftstellerinnen sowie Schriftsteller viel zu wichtig, je weniger sie geschrieben haben und je unbekannter, desto wichtiger. Allenfalls als literarische Figur wird der Autor wirksam, und wir blicken auf ihn als Person mit einer Spannung im Blick: was ist das da, dieses Schreibwesen? Aléa Torik hat diese Instanz Autor mit ihrem Roman „Aléas Ich“ auf den Punkt zugespitzt und trickreich erzählend mitten und big in Berlin fabuliert, fiktionalisiert und Instanzen destabilisiert. Aber auch der Leser als bloßes Subjekt, das auf seinen selektiven Regungen beharrt, ist das nicht Maß. Aber dennoch: es steckt zumindest in dieser Regung Neugier ein Anlaß, die zunächst wage wahrgenommene Struktur eines Textes als lustvolles Treiben beweisbar zu machen und dafür eine gekonnte, witzige, geistreiche oder trickreiche Begründung zu finden. Im Idealfall schafft das eine gute Besprechung.
 

 
Erstaunlich an diesem Roman bleibt die Art des Erzählens. Sie ist zwar konventionell gehalten, die Sprache geht klar und schildernd, gleichzeitig aber besitzt der Erzählton des Romans einen eigenwilligen Rhythmus. Einerseits in der Kunst des Abschweifens geübt – ich schrieb darüber im ersten Teil dieser Besprechung –, andererseits durchrast der Roman die Zeiten in furiosem Tempo, wenn er den Abriß der politischen Geschichte der BRD seit der Wiedervereinigung und insbesondere die Berliner Szenarien im inneren Monolog wiedergibt. Die zeitgeschichtliche Reflexionen des Protagonisten Funke und seines Freundes Ole Seelmann mögen auf den ersten Blick bemüht oder gar leichtgewichtig wirken, erfüllen aber im Konstruktionsprinzip des Textes durchaus ihre Funktion: nämlich den Rahmen dieses (auch geschichtlichen) Berlin-Romans aufzuziehen. Eine Tour de Force des Politisch-Gesellschaftlichen: Holocaustmahnmal und der rasante Aufstieg der Berliner Piraten. Die ewig nachbebende oder untergründig-unbewußte Vergangenheit, die unerbittlich fortwirkt.  Allerdings – und darin liegt, wie bereits bei den Abschweifungen in Nebenepisoden eine Schwäche des Buches – zerfasert und zerfranst der Zusammenhang vermittels dieses Prinzips an vielen Stellen. Vielleicht aber ist dies ja das eigentliche Ziel dieses Romans: in der Vielfalt der Bezüge das Subjekt durchzustreichen zugunsten einer Welt aus Begebenheiten, Ereignissen – ein Strom und ein Fluß an Zeit und Zeiten, kurzen nur, Episoden. Stadtleben: Alltagsleben, denn so beginnt der Roman:
 
„Die Sonne hatte sich den Himmel zurückerobert und schien über die Häuser der Stadt, als sei nichts gewesen. Von den Bäumen zwitscherten die Vögel, und weiter unten hatten einige, trotz der anhaltenden Kälte, an den noch spärlichen Tischen vor den Cafés Platz genommen. Auf den Spielplätzen standen vereinzelt Mütter, die ihren Kindern zusahen, während in den umliegenden Gebäuden die Menschen wieder ihren Geschäften und gewohnten Arbeiten nachgingen.“ Als ginge ein unendlicher Verkehr durch die Stadt. Doch es sind nicht die Menschen, sondern Vögel, die vor den Tischen des Cafés einen Platz einnehmen.
 
Und immer wieder Ithaka und die Geschichte des Odysseus, die den Roman durchkreuzt –insbesondere als selbstreferentielles Kompositionsprinzip, wenn das Erzählte und Geschilderte zugleich ein literarisches Bild ist für die Schwierigkeiten des Schriftstellers, seinen Stoff zu bearbeiten. Odysseus und seine Geschichte, die Odyssee, hält das Denken Funkes besetzt. Daß der Held des Romans immer tiefer in die Welt der Antike gleitet, bleibt jedoch meist Proklamation. Der Text füllt das in seinen Anspielungen, Bezügen und in den Subtilitäten jedoch nicht aus. Ein Stück weit mutmaße ich, daß es sich hier eher um den James-Joyce-Trick handelt. Denn nur konstruiert oder mit einigen Drehungen wird man bei Joyce die Bezüge zur Odyssee herauslesen können. Ob überhaupt ein Verhältnis zu den Figuren der Antike für uns noch erfahrbar und denkbar ist, bleibt die Frage. Oder ob Joyce beim Titel seines Romans nicht einfach nur einen Kniff anwandte, um einen literarischen Anklang zu erzeugen. Genausogut könnte man die These setzen, daß Joyce sich bei einer anderen, um fast drei Jahrtausende alten Geschichte bediente, um seine eigene, in die Moderne transportierte Geschichte zu erzählen. Jedoch ohne die eine Geschichte adäquat in die andere übersetzen zu können. (Was mehr als legitim ist, einen Text einfach für die eigenen Zwecke zu verwenden und sich an ihm entlangzuschreiben; nur hat dies vom philologischen Gehalt des Textes nicht viel mit der Dichtung Homers zu schaffen.)

Aber gibt es das überhaupt – die wahrhafte Übersetzung? Jede Übersetzung ist und bleibt eine Umschrift, ein neuer, ein weiterer Text im Gewebe der Literatur. Stoff der Mythen. Tristan Funke mag zwar annehmen, daß der hohe Ton, den Voß erzeugt, als er die Odyssee übersetzte, uns einen „Hallraum“ für diese Figuren des Mythos „eröffnete, aus dem heraus sie als antike Wesen und Gottheiten für uns Heutige erst erfahrbar werden.“ Ob sich dieser „Hallraum“ einer unwiederbringlich vergangenen und für uns unzugänglichen Epoche jedoch realiter in der Literatur einzulösen vermag und ob er hörbar wird, steht auf einem anderen Blatt. Der Mythos befaßt sich mit einer Welt, in der eine harte und übermächtige Natur dem Subjekt unversöhnlich gegenüber steht. Der Mythos schildert uns Strategien der Bewältigung, die naturverfalle Übermacht zunächst in der Form einer Erzählung zu überwinden, zu überlisten. Der Mythos konstituiert damit Geschichte in einem mehrfachen Wortsinne: als Erzählung und als Rückblick auf eine Zeit, die wir als die Vergangenheit bezeichnen.
 

 
In seiner Weise leistet das auch der Roman von Distelmeyer. Er verquickt die Elemente, schlägt wie im Webstuhl jene Verbindungen und Fäden, die jedoch unter den Bedingungen einer Spätmoderne, mitten im Berlin des Jahres 2012, in ganz anderem Ausmaß sich gestalten als die ins Bild geronnene, uns vollständig unzugängliche Welt der Antike. Dem vereinzelten Subjekt steht jedoch kaum noch die Natur gegenüber – allenfalls zum Ende des Romans in Gestalt eines überzüchteten Berliner Kampfhundes, der den Protagonisten anfällt und zerbeißt: auch Odysseus wurde bekanntlich auf Ithaka von seinem Hund zuerst erkannt, wenngleich liebevoller –, sondern es ist die Gesellschaft selber, die naturhaft und versteinert sich geriert. Dieser Gesellschaft, genauer gesagt einem bestimmten Milieu des Prenzlauer-Berg-Mittelstands, das sich vorzugsweise in Berlin ansiedelt, von Photographinnen, Musikern, Dichtern, Kulturbloggern bis hin zu Frauen mit Event-Agenturen, begegnet dieser Roman. Freilich selektiv. Es ist die Welt der Medien-Bohème, derer die Irgendwas-mit-Kunst machen. Unser Held Funke treibt durch diese Stadt. Unentschlossen mit dem Blick der Männer, die die Literatur ihrer Epoche schreiben, in die sie selbstreferentiell als Text eintauchen. Zwar kein Jungbrunnen, aber es bleibt und zwitschert der süße Vogel Jugend beharrend, denn Herr Funke versucht es, wie all die anderen auch: das Erwachsenwerden möglichst lange hinauszuzögern, wenngleich er gegen die junge und umtriebige Partynichte Juliane denn doch verblassen muß. Insofern macht er es dann lieber anders: schreiben und treiben. Zaudern. Odysseeisch unentschlossen. Aber statt sich in eine Sache einmal nur zu verbeißen, wird Tristan Funke am Ende des Buches von jenem Kampfhund zerbissen. „Was für ein Reichtum. Es war alles noch da.“ Dies sind die letzten Worte des Romans und Sätze, die dem kleinen Helden Funke auf der Bahre des Rettungswagens durch den Kopf schwirren.
 
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Im Blick auf den Protagonisten ist der Roman zwiespältig angelegt. Zu sehr dem Szenigen verhaftet, zu sehr einem bestimmten Berliner Milieu angehörend. Ob diese Anordnung eine freiwillige oder eine unfreiwillige Parodie ist, bleibt die Frage. Insofern hinterläßt dieser Roman mich teils ratlos. Ob das Buch literarisch noch halten mag, wenn ich es ein zweites Mal läse? Oder ob diese Art der Literatur denn doch nur als ein Oberflächenphänomen besteht? Subtile Ratlosigkeit, Subversion des Alltäglichen.

Jochen Distelmeyer, Otis, 19,95 erschienen im Rowohlt Verlag, 2015
Die im Beitrag eingestreuten Photographien entstammen einem Bezirk im Ostteil der Stadt, wohin der Protagonist Tristan Funke von Hamburg nach Berlin zog.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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