Ingeborg Bachmann-Preis 2015. Oder „der Aufstand der Anständigen“ und was das mit Literatur zu tun hat

Der diesjährige Bachmannlesemarathon bei den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ (kurz: TDDL, was ein wenig wie GNTM oder DSDS klingt) dürfte interessant sich gestalten. Am 28.5. wurden die Autorinnen und Autoren genannt, die zu den Lesungen eingeladen werden. Zum Beispiel Teresa Präauer aus Wien, die bereits für den Leipziger Buchpreis nominiert war. Ihr Roman harrt noch, um von mir gelesen zu werden. Ansonsten, wenn ich mir die Liste anschaue, bemerke ich, daß dort ein hoher Frauenanteil herrscht. Für diejenigen, die Literatur primär nach Quotierungen bemessen, dürfte dies ein Grund zur Freude darstellen. Auch mich freut die Auswahl, wenngleich mir ansonsten das Geschlecht von Autorinnen und Autoren prinzipiell egal ist, solange ich sie lese und ich es nicht über oder unter mir habe. Da interessiert es mich dann schon. Und wie es im Leben so ist: Auswahlen und Literaturpreise sind selektiv. Alle zufriedenzustellen, wird niemals gelingen. „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“ deklamiert der Theaterdirektor im Vorspiel des „Faust“: „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,//Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.//Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;//Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“ In der Literatur ist dies nicht so, da gelten andere Regeln und Gesetze.

Manchmal jedoch zählen nicht nur binnenliterarische Kriterien, sondern es kommt die Gesinnung bzw. die politisch unliebsame Haltung von Autoren ins Spiel. Vor zwei Tagen gab es einen Aufschrei bzw. Protest gegen eine der Kandidatinnen: Zur Lesung geladen wurde nämlich auch Ronja von Rönne. Diese veröffentlichte in der „Welt“ mehrere kontrovers diskutierte Artikel, unter anderem ein Manifest gegen den Feminismus: „Warum mich der Feminismus anekelt“.

Der Artikel ist dumm und oberflächlich, er blendet vielfach aus, vereinfacht, reduziert und ist vom begrenzten Blickwinkel einer eher hilflosen Subjektivität geschrieben, die der Spätadoleszenz geschuldet sein mag. Was von Rönne jedoch zum Netzfeminismus schreibt, tut weh. Und trifft zuweilen und in der Übersteigerung doch genau. Wie es immer so bei Texten ist, auch bei schlechteren, es findet sich einen Quäntchen Wahrheit darin:

„Die Alternative zum senilen Birkenstock-Feminismus findet sich im Internet, der sogenannte Netzfeminismus, die etwas gestörte Tochter des traditionellen Feminismus. Sie leidet unter der Übermutter und kämpft verstörend inhaltsleer um Klicks und Unterstriche in der deutschen Sprache. ‚Das stimmt überhaupt nicht!‘, mischt sich der Netzfeminismus ein. ‚Im Gegensatz zu meiner uncoolen Waldorfmutter bin ich total trendy und nerdy. Hashtag nerdy!‘ Die Sternchen am deutschen Netzfeminismushimmel sind junge Menschen, die Katzen-Memes, politische Korrektheit und ‚niedliche Dinge stricken‘ zu ihren Interessen zählen. ‚Hihi‘, kichert der Netzfeminismus, ‚wir sind voll ironisch!‘ Ich möchte lieber keine Feministin sein. Inhalte hat der neue Feminismus abgeschüttelt, die Latzhosen in den Altkleidercontainer geworfen, sich einen Twitteraccount angeschafft. Frauenrechte sind zur Performance geworden, Entrüstung zu Hashtags. Deutsche Ableger der Femen zeigen Brüste, der Kampf um Aufmerksamkeit ist hart, wenn die Dringlichkeit nicht für sich spricht.“

 Die Inferiorität des Infantilen, der sich in diesem Feminismus oft äußert, ist leider nicht ganz zu leugnen. Und die Absurdität des Gender-Gaps nicht ganz von der Hand zu weisen. Dennoch: Die Vermutung, daß Feminismus notwendig war und immer noch notwendig ist, scheint mir ebensowenig abwegig. (Die Frage ist nur, wie das ausschaut.) Es nimmt aber die Gemeinde schnell übel und vergißt nicht. Fein war es nicht, was Rönne schrieb. Lustig aber doch, wenngleich naiv-provokant. Man kann über solche Texte lachen, streiten, sich ärgern, sofern man sie für relevant hält. Das ganze nennt sich öffentlicher Diskurs. Man muß Rönnes Meinung zum Feminismus nicht teilen, man kann darüber debattieren. Das ist Aufgabe der Öffentlichkeit. Man darf und soll das sogar in einer polemischen Weisen schreiben wie Andreas Kemper im „Freitag“. Der Artikel ist ad hominem gemacht und böse, aber das wird Rönne aushalten, denn auch sie schrieb böse, provokant und ad hominem.

Als Rönne dann sechs Wochen später zum Lesewettbewerb der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt eingeladen wurde, kamen die Reaktion und die Bösartigkeit prompt. Ein wenig wartete man noch, im Frontkampf der Lager, dann kam das da, um jemandem, der unliebsam ist, per Andeutung die faschistische Gesinnung zur Seite zu stellen:

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Don Alphonso machte zunächst auf Twitter, dann über seinen FAZ-Blog auf diesen Vorgang aufmerksam. (Er mag eigene Gründe haben, und es wird dies nicht nur dem Altruismus des Don geschuldet sein. Dafür daß er solche Phänomene wie Rufschädigung, Denunziation sowie mediale Hetzjagden benennt, muß man ihm danken.) Die Methode Krauses jedoch ist, egal wie man es nimmt, traurig und beschämend: Klar, NPD und „Ring nationaler Frauen“ geht immer gut. Da braucht man nicht selber Faschistenschwein zu sagen. Anne-Mareike Krause, die diese Zeilen twitterte, ist Journalistin. Sie sollte eigentlich, wenn sie ihr Handwerk denn beherrschte, wissen, wie Medien funktionieren. Wenn Krause für irgendeine These Zustimmung von der DKP oder vom „Traditionsverband Nationale Volksarmee“ erhielte, dann wäre es genauso unredlich, hier eine Nähe und einen Bezug herzustellen, sie gar für die Mauertoten und für die Diktatur der DDR verantwortlich zu machen oder dies zumindest anzudeuten. Eine Autorin wie auch die Veranstalter des Wettbewerbs in die Nähe von Rechtsradikalen und Faschisten zu stellen oder zumindest Kausalitäten zu insinuieren, weil Frau Krause die politische Haltung Rönnes nicht behagt, ist schlicht bösartig zu nennen. Ob es nun Zufall ist oder nicht, von wem Rönne gefeiert wird, die Mechanismen, die dann einsetzen, sind immer wieder die gleichen. Es werden daraus Bezüge abgeleitet und Analogieschlüsse getätigt, die in polemischer Absicht erfolgen, um jemanden schwer zu beschädigen.

Medialer Zirkus geht so: Gerhard Schröder inszenierte im Jahre 2000 den „Aufstand der Anständigen“, um dann im Schatten des gemütlich zelebrierten SPD-Antifaschismus um so ungemütlicher Hartz I–IV durchzubringen. Hinter solchen Aufschrei-Aktionen stecken leider allzu häufig bloß die eigenen Interessen, und es wird auf den Feuern ein je eigenes Süppchen gekocht. Es wäre irgendwann einmal nachzudenken über die Inszenierungen von medialen Ereignissen und was eigentlich Medien wie Twitter mit und aus Subjekten machen. Dummheit geht schnell, ist stracks ins Netz gestellt.

Ist von Rönne Mitglied der NPD? Schreibt sie für die NPD oder die Junge Freiheit? Solidarisiert sie sich an irgendeiner Stelle mit diesen Positionen? Nein.

Diese Art und Weise der Denunziation jedoch, eine scheinbar rechtsradikale Haltung durch erzeugte Korrespondenzen zwar nicht direkt auszudrücken, aber denn doch qua Verdacht nahezulegen, wie dies Anne-Mareike Krause betreibt, scheint mittlerweile, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner Methode zu haben. Ob das nun der Umgang mit jene Ratgeberin beim Westphalenblatt ist, die dort inzwischen entlassen wurde, über die Rönne ebenfalls schrieb – einen guten Artikel zudem – oder andere Fälle, in denen per Andeutung jemandem etwas zugedichtet und in Äußerungen hineininterpretiert wird.

Anna-Mareike Krause arbeitet auch für den NDR. Über Diskussionen im Netz, wo es um „zensieren oder zulassen“ geht, heißt es auf der Website des NDR:

„Er [Redaktionsleiter Marcus Bensemann] hat die Meinung vertreten: ‚Der User ist unser Gesprächspartner‘ und forderte größtmögliche Freiheit beim Kommentieren. Anders sah das die Social-Media-Koordinatorin von tagesschau.de Anna-Mareike Krause. Sie sagte: ‚Kommentarbereiche brauchen Regeln.‘“

Tja, da sollte man vielleicht Anne-Mareike Krauses Twitter-Profil abschalten? Polemisch gesagt: diejenigen, die immer dann für die Freiheit des Wortes plädieren, wenn es um ihr eigenes geht, sind schnell mit der Keule zur Hand und schreien „Verbot, Verbot“, wenn die Meinung konträr wird.

All diese Aspekte des Politischen und des öffentlichen Diskurses zu diesem oder zu jenem Thema sind aber gar nicht das Thema. Es geht in diesem Zusammenhang und bei Ronja von Rönne vielmehr um Literatur, um einen von Rönne eingereichten literarischen Text, der von der Jury des Bachmann-Lesewettbewerbs angenommen wurde. Und so lud man Rönne ein. Aus genau diesem Grund: weil da ein Text ist, der von der Jury für würdig befunden wurde, vorgetragen zu werden. Nicht wegen ihrer kruden Thesen in der Welt oder in ihrem Blog. Frau Krause scheint den Unterschied zwischen einem literarischen und einem journalistischen Text nicht zu kennen. Textgattungen auseinanderzuhalten ist auch nicht leicht. Für eine Frau, die für die ARD und die Tagesschau arbeitet, ist dies jedoch ein trauriges Zeugnis. Vielleicht sollte die ARD einmal überdenken, mit wem sie so zusammenarbeitet.

Wenn mich die NPD oder die „Junge Freiheit“ oder sonst welche, mit denen ich nichts zu tun habe, von der falschen Seite her loben, so kann ich dagegen nichts ausrichten. Davor ist niemand gefeit. Die Unabhängigkeit des Denkens jedoch, und zwar jenseits jeglicher Kollektivierung und jeglichen Gruppenzwanges, werde ich mir weiterhin bewahren. Das zumindest könnten auch die Netzfeministinnen und andere von der Philosophie des Theodor W. Adorno lernen. Dieser wußte gut, weshalb er sich nicht von der sogenannten Studentenbewegung vereinnahmen ließ.

Ronja von Rönne hat inzwischen ihren Blog „Sudelhefte“ geschlossen. Über Twitter erhielt sie eine Morddrohungen.

Ich muß Ronja von Rönnes Thesen und Texte nicht mögen und nicht schätzen. Aufgabe einer kritischen und linken Öffentlichkeit soll und muß es jedoch sein, solche Vorgänge sichtbar zu machen und als das zu bezeichnen was sie sind: Schäbig und widerlich.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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64 Antworten zu Ingeborg Bachmann-Preis 2015. Oder „der Aufstand der Anständigen“ und was das mit Literatur zu tun hat

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Der Krawallomat steht niemals still,
    wenn der Denunziant es will.

    Das Thema ist unendlich. Aber es tröstet mich schon, dass es neben uns auch noch anderswo „rechtes Gesocks“ zu finden ist.

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    Errata: „..dass es…gibt.“ Oder eben ohne das es, aber so wie oben geschrieben, geht nicht – äh geht ES nicht. Meine Güte der Abend war lang. 😄

  3. Bersarin schreibt:

    Schlimm ist diese Unfähigkeit der Kritiker zu differenzieren. Dadurch entlarven sie sich allerdings selber. Und ich möchte eigentlich nicht auf der Seite solcher intellektueller Minderleister stehen oder irgendwie damit in Verbindung gebracht werden. Das ist aber nicht einmal das furchtbarste, denn es handelt sich nur um meine Wengigkeit. Schlimmer ist es, daß durch Leute wie Krause, Schramm, Helm et al. ein sinnvoller Begriff von linker Politik und Kritik beschädigt wird und daß man sich noch dazu veranlaßt sehen muß, Leute wie Rönne, die mir nicht unbedingt nahe stehen, zu verteidigen, um zu demonstrieren, daß Linkssein eben doch nicht nur Dummsein bedeutet.

  4. metepsilonema schreibt:

    Ich vermute, dass Frau Krause weiß wie Medien funktionieren; ich weiß nicht welche Interessen oder Netzwerke da im Hintergrund vielleicht noch ein Rolle spielen (Literatur, Verlage, Redaktionen, Konkurrenz, öffentliche Meinung, Kaufverhalten, …); dann gibt es wohl eine stattliche Zahl von Journalisten die ein Engagement für die richtige Sache für das Grundlegendste halten und dem alles andere hintanstellen (es ist wohl nicht immer Unfähigkeit, sondern auch Interessenswahrung).

    „Der Feminismus“ hat trotz seines im Grundsatz berechtigten Anliegens, das man schlicht Gerechtigkeit nennen kann, ein Grundproblem: Er ist in seiner in der Öffentlichkeit verbreiteten Form längst zu einem Gruppen- und Seilschaftsdenken verkommen (oder war das womöglich auch schon immer). — Eine solche Art von Denken wird keine gesellschaftlichen Probleme lösen und keinen Ausgleich schaffen können (dann sind wir wieder bei der Reinheit, bei Schmitt und beim Freund-Feind-Denken).

  5. Gregor Keuschnig schreibt:

    Nur kurz: 1. Guter Text. 2. Es heißt „TDDL“ statt „TDLL“ (Tage Der Deutschsprachigen Literatur – dieser Name beruht auf einer Verfügung aus dem Jahr 2000 der Bachmann-Erben: s. hier). 3. Kommentar kann gelöscht werden.

  6. summacumlaudeblog schreibt:

    Das Verteidigen von Leuten, die einem nicht nahe stehen, ist ja der Effekt solcher Krawall-Diskussionen. Womit den undialektischen Krawalldiskurslern ja gleich schon wieder etwas „bewiesen“ scheint. Nämlich… ich muß ja gar nicht weiter schreiben. Du weißt es ja. Du Neu-Rechter.
    Zum Abschluß ein Selbstzitat : Einmal mehr landet eine dialektische Diskussion in der Krawallsackgasse. Schade.

  7. Bersarin schreibt:

    @ Gregor Keuschnig
    Danke für den Hinweis, ich habe es korrigiert. Eigentlich prüfe ich solche Dinge sorgfältig. Traurig freilich, daß ich stattdessen DSDA und GNTM richig buchstabierte.

  8. Bersarin schreibt:

    @ metepsilonema
    Wie in fast allen Bereichen auch im Umfeld von der „Aufschrei“-Initiatorin Wizorek: es geht nicht mehr nur um die Sache, sondern um eine gute mediale Plazierung. Julia Schramm hat das mit ihrem Buch „Klick mich“ ideal vorgemacht. Das ist alles nicht weiter schlimm, das macht die andere Seite genauso und es scheint zum Spiel dazuzugehören. Dennoch sollte man das zuweilen auch benennen. Ich habe nun das große Privileg nicht zu der Gemeinde dazuzugehören. Meine Seilschaft ist meine Bibliothek. Insofern kann und muß ich mich nicht strategisch oder taktisch positionieren. Manchmal besitzt diese Art der Unabhängigkeit des 1-Mann-Betriebs große Vorteile.

  9. M schreibt:

    Feminismus LOL

  10. Bersarin schreibt:

    Geht es auch in vollständig und formschön gebildeten Sätzen oder kommen als nächstes Urlaute?

  11. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank. Es scheint mir dies jedoch eine Minimalanforderung. Man muß Rönnes Texte nicht mögen. Ich tue es auch nicht. Aber solche Logik des Verdachts, wie Anna-Mareike Krause das praktiziert – als Journalistin wohlgemerkt, als die sie sich auf ihrem Twitter-Account bezeichnet – ist die untere Schublade. Ich bin immer gut für Polemik zu haben, für einen flotten Austausch, manchmal mag man auch übers Ziel hinausschießen, aber diese Art, eine Kausalität herzustellen und zudem Rönne bei der Jury zu diskreditieren, geht nicht.

    Zudem: Sollte sie sich als eine gute Schriftstellerin erweisen, interessiert mich ihre politische Gesinnung nicht, da wir in der Kunst keine Haltungsnoten vergeben, sondern die Struktur und das Gemachtsein von Texten – sinnlich und verstandesmäßig – uns betrachten wollen. Strukturen zu erkennen und Geschmack auszubilden.

  12. metepsilonema schreibt:

    @Bersarin
    Ich denke mir an so manchem Tag, dass ein solcher Betrieb nur Vorteile hat.

    Dass Platzieren ist an und für sich nicht weiter schlimm; fast jeder würde einen seiner Texte gerne in einer vielgelesenen Zeitschrift unterbringen; das lautstarke Werben und Platzieren alleine sollte allerdings nicht diskursentscheidend sein (wirken).

  13. Bersarin schreibt:

    @ metepsilonema
    Das ist richtig. Auch ich wäre nicht abgeneigt, eine Buchbesprechung von mir in der FAZ oder der „Zeit“ zu lesen. Andererseits ist es mir dann auch wieder egal: denn mir geht es um den Akt des Schreibens, ums Formulieren, um die Sentenzen, die Bezüge und Verquickungen, die ich in einem Buch entdecke und wie all das, was mir in der Phantasie und beim Lesen und Notieren durch den Kopf schießt und mich umtreibt, am Ende zu einem Text sich verdichtet und transformiert. Ob der dann im „Merkur“, in der „Zeit“ oder in meinem Blog steht, ist mir im Grunde und am Ende des Prozesses egal. Der Blog hat den Vorteil, daß ich schreiben kann wie ich es mag und keiner Vorgabe verpflichtet bin. Der Nachteil ist, daß es keine Disziplinierung gibt. „Überwachen und Strafen“ kann für einen Essayisten manchmal ein gutes Prinzip sein, um die Strenge der Form weiter zu steigern.

    Ich habe das große Glück, vom Schreiben nicht leben zu müssen. Weder literarisch, noch als Essayist.

  14. Brasch & Buch schreibt:

    Den Hinweis auf eine „linke“ Öffentlichkeit, nicht nur kritische, habe ich an dieser Stelle nicht verstanden – auch wenn er dann noch mal im Kommentar etwas erläutert wird. Denn weder sehe ich in Ronnies Polemik eine ideologische Haltung noch in der Reaktion von Frau Krause eine ideologische Vertretung.

    Vielleicht stört es mich aber auch, weil ich den suggestiven Pleonasmus „kritische und linke Öffentlichkeit“ nach 30 Jahren gesellschaftspolitischer Teilhabe nicht mehr mittrage. Mein Erfahrung vermittelte mir, wer sich ideologisch verortet, denkt selten noch diskursiv und ausreichend kritisch.

  15. Bersarin schreibt:

    Doch, Rönnies Text hat natürlich eine ideologische Haltung. Es ist die des Thatcherismus und einer neoliberalen Ökonomie. Wer sich zum Egoismus bekennt, muß dann auch die Folgen tragen. Weshalb sollte sich die Gemeinschaft um diese Person kümmern, wenn sie nichts mehr leistet? Weg damit. Minderleister. So zumindest könnte man ableiten.

    Der Netzfeminismus ist ein Projekt, das links angesiedelt ist. Krause ebenfalls. Wer eher in diesen Kategorien denkt, sollte es vermeiden, auf die gleiche Art zu arbeiten, wie der Gegner. Deshalb kritisierte ich Krauses Vorgehen. Sie soll sich inhaltlich mit Rönne auseinandersetzen. Ihre Texte zur Literatur sind etwas anderes als ihre Texte in der Welt.

    Wertfreies Schweben zwischen den Sphären ist leider sehr schwierig. Wenngleich es richtig ist, daß sich erkenntnistheoretische Wahrheit oder ästhetische Wahrheit nicht nach einem politischen Wert bemessen.

    Sich für Unterdrückung, für Minderheiten und Aufklärung einzusetzen, kann von vielen Seiten erfolgen. Meist ist es jedoch die politische Linke, die das macht. Stichwort Homoehe und CDU. Als eines der harmlosen Beispiele. Da werden Werte hochgehalten, die läppisch sind und von den Konservativen souverän selber unterlaufen werden. Frau Merkel: Kinderlos.

  16. metepsilonema schreibt:

    @Bersarin
    Ja, es geht um den Akt des Schreibens (der allerdings kaum unbefangen davon bleibt, ob den Text jemand oder gar viele andere lesen werden). Ich weiß nicht, ob ich ohne die Illusion der Blogöffentlichkeit schriebe (manche Texte wahrscheinlich, andere sicherlich nicht). Darüber hinaus liegt mir viel an ergänzenden oder kritischen Kommentare bzw. Diskussionen.

    Das Nicht-davon-leben-müssen hat den Vorteil (ökonomischer) Zwangfreiheit, allerdings den Nachteil weniger Zeit aufwenden zu können (eventuell auch einen Mangel im Handwerk).

  17. Pingback: Hasskultur? Hasskultur! | Kritik und Kunst

  18. wolfdieter schreibt:

    @Bersarin (1.6. 7:00) – bei Ronjas Text gibts wie überall eine gewisse Interpretationsbreite. Aber gleich Thatcherismus? Harsche Worte.

    Der angesprochene Text mag nicht ihr bester sein; bei erster Lektüre fand ich ihn wohl etwas flach, interpretierte ihn im Grundsatz aber in dem Sinn, in dem ich den Netzfeminismus auch sehe: sie fordern aus Freude am Fordern.

    Abgesehen von formalen Schwächen finde ich den Text nicht konkret schlimm.

  19. Bersarin schreibt:

    @ metepsilomena
    Der Zeitaufwand ist eine Frage der Einteilung von Zeit. Die ist bei mir nicht das Problem. Das Handwerk auch nicht. Denn wer eine flotte, schnelle, gute und sowohl am Essayistischen wie am Journalistischen geschulte Schreibe hat, bekommt das gut hin. Zumal man sich in Blogs nicht den Spielregeln unmittelbarer Verständlichkeit fügen muß, wie das in der Tagespresse gefordert ist. (Denn in Zeitungen dürfen nur die wenigsten wie Adorno, Derrida oder Diederichsen schreiben.) Derjenige, welcher als Ein-Mann-Betrieb arbeitet, hat allerdings das Problem, daß er von vielen Quellen und Kontakten abgeschnitten ist.

    Die Öffentlichkeit ist für Blogs (insbesondere für solche, die sich mit Literatur, bildender Kunst und Philosophie befassen) ein entscheidender Faktor. Insbesondere die Diskussion. Da hat der Blog der Zeitung in der Tat mehr voraus. Und das wird das Modell der Zeitungen noch einmal wandeln. Andererseits sind in bestimmten Blogs wie bei der FAZ oder bei SpOn aufgrund der Masse die Kommentare irgendwann nicht mehr rezipierbar. Da hat der Blog viele Vorteile. Überschaubare Zahl. Und meist antwortet der Blogbetreiber auf jedem Kommentar. (Zumindest halte ich es hier bei mir so.)

    @ wolfdieter
    Thatcherismus = Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen. Selbst wenn Thatcher diesen Satz so nie sagte, ist dies doch das Prinzip, was dahintersteckt. Staat immer nur dort, wo es denen mit Geld und Privilegien gut paßt. Wer jedoch für den Egoismus votiert, sollte dann auch die daraus folgenden Konsequenzen für sich selber in Kauf nehmen. Der konsequente Egoismus wäre – überspitzt geschrieben – Hobbes‘ Bellum omnium contra omnes. Das sieht dann aber für die Reichen nicht mehr so gut aus. So spricht der Plünderer und Räuber, während er in die gute Stube eindringt: „Es gibt keinen Staat mehr, nur Individuen!“ Wer dafür votiert, soll das klar aussprechen.

    Nein, der „Welt“-Text Rönnes ist für einen Mann nicht schlimm, der sich nicht mit Problemen herumschlagen muß, die eher typisch für die Berufs-, Arbeits- und Lebenswelt von Frauen sind. Spätestens mit zwei Kindern, vom Mann sitzen gelassen und ohne Halt in der Familie wird Frau Rönne über das Schicksal von Frauen und deren Möglichkeiten in dieser Gesellschaft anders denken. Ebenfalls was die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit betrifft – das sind nicht Frau Rönnes Lebenswelten. Dennoch gibt es diese Diskrepanz. Den eigenen Blick, die eigene Subjektivität und den eigenen Individualismus zum Maßstab von Gesellschaftskritik und -sicht zu machen, scheint mir nicht nur arg einfältig, sondern ist zudem von der Theorie her unterkomplex.

    Aber egal: das wächst sich raus. Sie schreibt flott und provokant als Journalistin, sie wies auf Fehlstellungen des Feminismus hin. Über alle diese Dinge läßt sich debattieren. Ihr den Zuspruch von der falschen Seite reinzusemmeln, ist vom Niveau her untere Schublade. Zumal von den Menschen, die im umgekehrten Falle sich über die Hater beklagen und fairen Umgang einfordern. Möchte der Frankfurter Pastor, der die Morddrohung schrieb, eigentlich auch damit in Verbindung gebracht werden, daß er bei sich im Blog die DKP und die SDAJ auf der Bloggroll hat? Zwei totalitäre Parteiorganisationen, die den Unrechtsstaat DDR bis heute verteidigen.

    Rönnes Thesen freilich sind mehr als naiv. Das ist Thema. Nicht ihr literarischer Text, den bisher niemand außer der Juror kennt, noch ihre Claqueure. Beifall von der falschen Seite kann man sich nicht aussuchen.

  20. metepsilonema schreibt:

    @Bersarin
    Zeit und Handwerk sind nicht zwingend ein Problem, allerdings hat ein Autor der davon leben kann mehr Zeit übrig um zu üben, auszuprobieren, umzuarbeiten, etc. (er muss sich seine Brötchen nicht auf anderem Weg verdienen).

    Journalistischer Stil ist zwar immer wieder angemessen, aber nicht Ziel oder Sinn und Zweck (ein Blog muss da fast zwingend von der Norm, vom Gewohnten abweichen).

    Der große Vorteil der Blogs sind die regelmäßigen Kommentatoren, die man schon kennt, die Wesentliches beisteuern und mit dem Hauptautor eine Art Gemeinschaft bilden, die einen anderen Austausch ermöglicht (im Gegensatz zu den erwähnten Foren der Zeitungen).

  21. Bersarin schreibt:

    Diese Regelmäßigkeit halte auch ich für einen wichtigen Zug bei Blogs. Sie beleben einen Text. Was mir weniger behagt, ist eine Art von Wettkuscheln und ein gegenseitiges Über-den-Kopf-streicheln, das ich in bestimmten Blogs, insbesondere im Bereich des literarischen Schreibens und bei den Blogs, die Literatur besprechen, beobachte. Da will man einander nicht weh tun. Wie aber auch in der Literaturkritik lebt dieser Diskurs manchmal von der heftigen und wilden Polemik und wenn ein Kommentar auch mal zuspitzt. Doch diese Pointierungen, die mit Geist, mit Witz, mit Esprit auftreten, werden leider oft gescheut und sind selten. Ich denke, ich bin einer der wenigen Blogger, die das trotzdem machen. Dabei ist solche Kritik das Salz, der Pfeffer, der Koriander, der Kardamom in der Textsuppe. Diese Verzückungsdeklamationen: „Das hast du aber so wunderbar geschrieben“ usw. et al. sind meines nicht. Ich halte sie fast schon für kontraproduktiv. Aber man soll natürlich und sicherlich auch mal loben, wo was gut ist. Wobei natürlich dazu zu sagen ist, daß eine Polemik als Kritik schon die Sache treffen muß und nicht nur Rant sein sollte. Zudem sollte sie sich auf den Text beziehen und nicht einfach im Sinne des Unibluffers ein irgendwie eigenes Wissen, das nichts mit dem ursprünglich Geschriebenen zu tun hat, über einen Text stülpen. Solche Kommentarkritik ist im Grunde schwierig. Die meisten haben und können sich diese Zeit nicht nehmen. Was schade ist.

  22. wolfdieter schreibt:

    @Bersarin (2.6. 17:43) – Thatcherismus – finde ich wieder im Schlussteil Wirtschaft ist nicht niedlich. Plausibel, auch wenn ich dem niedlichen Mädchen sowas nicht tutraue. Meine Interpretation des Schlussteils war eher: misslungene Denkfigur, um die gequirlte Fürsorgedenke der Online-Emanzen zu antizipieren. (Misslungene Denkfiguren sollen schon vorgekommen sein bei Selbstdarstellung.) Daher mein Urteil: formale und inhaltliche Mängel.

    Zum Argument – mit zwei Kindern, vom Mann sitzen gelassen – habe ich eine sehr persönlich geprägte Haltung. Nach Trennung war ich alleinerziehend. Kein reines Zuckerschlecken. Gerechtigkeit muss sein, aber bei romantischem Mitgefühl gegenüber alleingelassenen Mädels halte ich mich stark zurück.

  23. wolfdieter schreibt:

    Nicht Mängel, sondern Schwächen. Sorry.

  24. wolfdieter schreibt:

    @Bersarin – ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit […] Dennoch gibt es diese Diskrepanz – sorry, diese Aussage ist für den Bereich Tariflohn ist überprüfbar falsch. Sagt dir jeder Arbeitsrechtler.

    Oberhalb des Tarifs wird das Einkommen frei verhandelt (ab mittleres Management aufwärts). Der übertarifliche Part ist aber kein Anrecht, sondern hängt am Verhandlungsgeschick.

    Nach meiner Berufserfahrung haben AT-Kollegen real deutlich mehr Abeitsstunden geleistet als Tarifler. Das ging so weit, dass ab einer bestimmten Stufe die Zeit nicht mehr gestempelt wurde.

    Das kann ich nicht mit Zahlen belegen (sowohl Zeit-Stunden als auch Gehälter wurden vertraulich behandelt), aber in der Sprache der Statistik: die Korrelation zwischen Gehalt und Arbeitsstunden lag in meinem Sichtbereich auf Ordinalniveau. Das reicht, um die Aussage zu widerlegen, dass es sich um gleiche Arbeit handelt.

  25. El_Mocho schreibt:

    Ich habe hier etwas zu Fraub Rönne geschrieben:
    https://allesevolution.wordpress.com/2015/04/09/warum-mich-der-feminismus-anekelt/
    und bin in diesem Fall so ziemlich der gleichen Meinung wie Bersarin.

  26. Bersarin schreibt:

    Ha, ha, der Tariflohn. Der war gut. Sofern die Unternehmen noch im Tarifverband sich befinden, mag das angehen. Das aber sind in den entscheidenden Segmenten die wenigsten Unternehmen. Es gibt für die vielen kleinen Unternehmen auch gar keinen Grund, in diesem Verband zu bleiben oder ihm überhaupt erst beizutreten. Daß Männer und Frauen für die gleiche Arbeit weniger verdienen, ist kein Mythos oder das Konstrukt von ach so bösen Frauen, sondern die soziale Realität.
    Ohne nun groß recherchiert zu haben, und doch eher des sogenannten Feminismus unverdächtige Quelle neueren Datums:
    http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/gleichstellung,did=88096.html
    Quelle älteren Datums:
    http://www.zeit.de/karriere/beruf/2009-10/lohnungleichheit-in-bildern

    Vom Einzelnen das Allgemeine zu folgern, ist ein klassischer Fehlschluß: Wenn ich in der Oper aufstehe, kann ich besser sehen. Wenn alle in der Oper aufstehen, können alle besser sehen. Womit ich zum nächsten Punkt komme, nämlich den subjektiven Befindlichkeiten:

    „aber bei romantischem Mitgefühl gegenüber alleingelassenen Mädels halte ich mich stark zurück.“ Gerade wenn man selber weiß, was Ungerechtigkeit heißt, sollte man offen für das Leid anderer sein. Sofern Männer alleinerziehend sind, mögen sie ähnliche Probleme haben, Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen. In der Regel und in den meisten Fällen kommt dies jedoch bei Frauen vor. Ich könnte Dir hier unzählige Fälle nennen, wo Frauen derb benachteiligt sind: Bei blöden Blicken und Sprüchen von Männern angefangen, die sie sich gefallen lassen müssen und die nicht eben nur nett flirtend sind, sondern übergriffig und scheiße. (Ich gebe zu, ich gehöre manchmal ebenfalls zu denen, die bestimmte Körperteile intensiv und mit Freude betrachten und ich schaue Frauen, die ich erotisch finde, auf den Hintern. Meine Geliebte und Einzige liest hoffentlich diese Zeilen nicht, sonst darf ich vermutlich nächstens die 64 km zum Badesee mit ihr zusammen doch nicht mit dem Auto fahren, sondern muß mir ihr das Fahrrad nehmen. Aber das sei nur so als eine Abschweifung am Rande dargebracht.) Wie gesagt: in der Regel sind es Frauen, die mit den Kindern alleine dastehen. Daß sich in den letzten 30 Jahren viel gebessert hat steht außer Frage. Trotzdem existieren immer noch Probleme. Das beste ist es, sich einmal mit dem Blick einer Frau zu bewegen und in deren Augen die Welt zu sehen. Oder einfacher noch: Frauen zu befragen. Da ich Soziologe bin, mache ich das immer sehr gerne.

    @ El Mocho
    Es zeigt eben doch, daß Deine unentwegte Lektüre meines Blogs am Ende segensreiche Wirkungen brachte. Das freut mich. Aber nicht, daß Du Dir morgen noch die ersten Foucault- und Adorno-Bücher kaufst!

  27. Wolf-Dieter schreibt:

    Meine persönliche Haltung bitte nicht als Folgerung missverstehen – ich habe die Gerechtigkeit audrücklich vorangestellt. Ich wollte nur sicher gehen, dass bei deiner mit zwei Kindern verlassenen Frau unvermutet ein Tränlein quillt.

  28. Wolf-Dieter schreibt:

    Tarif – wenn der Arbeitgeber aus dem Arbeitgeberverband austritt, gibts halt einen Haustarif, in der Regel geringer als der gewerkschaftliche. Sicher ein Missstand. Aber auch hier gibts keinen Geschlechtsunterschied beim Lohn. Allenfalls sind Geschlechter unterschiedlich vertreten. (Falls doch, ein gefundenes Fressen für einen Arbeitsanwalt.) Beispielsweise hat mein Sohn (soeben fertig ausgebildeter Industriemechaniker) ausschließlich männliche Kollegen.

  29. Bersarin schreibt:

    Es quellen keine Tränen, weil mich Moral nicht interessiert, sondern die Umstände des Sozialen: es können auch drei oder vier Kinder oder ein Kind nur sein: die Situation und die Verwerfungen bleiben die gleichen. Und wer sich mal das Scheidungsrecht der 50er, 60er, 70er Jahre in der BRD betrachtet und wie mit Frauen umgegangen wurde, die ein Mann in der Ehe mißhandelte, der wird schnell begreifen, wie es um den Stellenwert der Frau bestellt ist. Und eine Bitte bitte noch: Bitte nun nicht mit dem Iran, mit Indien oder mit irgend einem Land in Afrika kommen. Ich blogge nicht aus dem Iran, aus Indien oder aus einem Land in Afrika, sondern es geht ums hier. Und es geht mir darum, nicht böswillig mißverstanden zu werden, wie das heute in der Blogosphäre leider ein beliebtes Spiel ist: erst nicht lesen, dann nicht richtig die Zusammenhänge denken können und als drittes Stuß schreiben. (Damit meine ich hier nicht Dich.)

    Schau Dir die Zahlen an, auf die ich verlinkte und frage Frauen in Betrieben, die nicht im Tarifverband sind wie es um ihren Lohn steht. Daß es bei Dir nicht so ist, wie ich es beschrieb, freut mich. Dies ist deshalb jedoch nicht die Regel: siehe Oper, Sitz, sehen, aufstehen. Schön wenn es Deinen Sohn nicht trifft. Weshalb sind keine Frauen in diesem Betrieb? Wie sieht es mit den Zugangschancen aus? Sind Frauen für diese Arbeit nicht geeignet?

  30. wolfdieter schreibt:

    Link 1 – BMFS – listet als Ursachen für geringeren auf:

    1) Unterschiedliche Berufswahl,
    2) familienbedingte Erwerbsunterbrechung,
    3) Schlechte Karrierechancen,
    4) Rollenbilder.

    Kein einziger Fall ist ungleicher Lohn für gleiche Arbeit.

    Familienbedingte Erwerbsunterbrechung ist ein Ist-Zustand. Der Karriere-¨Schaden¨ hat etwas von höher Gewalt an sich. Einge Regeln gleichen das tendenziell aus, z. b. absoluter Kündigungsschutz bei Schwangerschaft etc. Wenn du mehr willst, erhebe dein Wort.

    Schlechte Karrierechancen ist eine Schlussfolgerung, richtiger wäre: geringere Karriere-Quote. Längeres Thema, passt nicht in diese Antwort, evtl. späterer Post. Es gibt dazu was zu sagen.

    Rollenbilder – dagegen wären Ethik-Richtlinien denkbar (wer sich daneben benimmt, fliegt), nicht jedoch Gesetzesregelungen. In Amiland sind Ethik-Richtlinien gang und gäbe.

    Fazit: sämtliche genannten Probleme sind entweder nicht oder technisch lösbar, ohne den Damen eine Extrawurst zu braten, die gegen den grundgesetzlichen Gleichheitsgrundsatz verstößt.

  31. wolfdieter schreibt:

    Link 2 – Zeit – ¨Gleicher Job, 1000€ weniger¨ – das pay gap von 23% ist die unbereinigte Zahl. Steht gleich im ersten Absatz nach der Grafik.

    Der Grund für das ungleiche Einkommen steht genau einen Absatz weiter (Frauen arbeiten weniger).

    Schließlich! Statistiken liefern keine Aussage über Diskriminierung! Statistiken sind allenfalls Ausgangspunkte für Recherchen! (Ich bin die Ruhe in Person … mantra …)

  32. Bersarin schreibt:

    Wenn dies bereits die Bundesregierung eingesteht, möchte ich nicht wissen, wie es in den Niederungen aussieht:

    „Die Lohndifferenz von 22 Prozent ist damit ein Indikator für die unterschiedliche Präsenz und ungleiche Einkommensperspektiven von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt. Aber auch bei gleicher formaler Qualifikation und ansonsten gleichen Merkmalen beträgt der Entgeltunterschied immer noch 7 Prozent – ein klarer Hinweis auf versteckte Benachteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt. Die statistische Entgeltlücke ist gesamtwirtschaftlich belegt und kann – mit den gleichen Mustern – in den meisten Unternehmen beobachtet und nachgewiesen werden.“

    Die Untersuchungen benennen strukturelle Ursachen für ungleiche Bezahlung von gleichwertigen Tätigkeiten. Dies ist zunächst das Thema. Dann kommt noch der Fall hinzu, wo zwei an der Drehbank stehen und ungleich verdienen. Für gleiche Arbeit. Auch diese Fälle gibt es. Vielleicht nicht bei Dir, aber woanders. Insofern: logischer Schluß: existiert in mindestens einem Fall eine ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Und nun geht es an die statistische und sozialforschende Arbeit, dies für weitere Fälle nachzuweisen.

    Es ist zudem so erstaunlich, daß Damen eine Extrawurst wollen, die doch angeblich bereits alles gut haben und so viel besser gestellt sind als Männer. Es geht hier jedoch nicht um Extrawürste, sondern um ein Faktum in der Welt der Arbeit, das nicht nur den Niedriglohnsektor betrifft. Dort, wo zwei das gleiche arbeiten und wo ein Betrieb nicht mehr im Tarifverband sich befindet, verdienen Frauen häufig (wenn auch nicht immer, aber das behauptete auch keiner) weniger als Männer. Deshalb läuft niemand, der irgendwie bei Verstand ist und seinen Arbeitsplatz behalten möchte, zum Anwalt. Daß eine Schrauberin und ein Schrauber bei VW in Wolfsburg das gleiche verdienen, bestreitet niemand. Stehen Gewerkschaften und Betriebsräte mit beiden Beinen im Betrieb, so sieht nämlich die Sache ganz anders aus. Aber um diese Bereiche nun ging es gerade nicht.

    Ethikrichtlinien sind juristischer Unsinn. Entweder sinnlos oder einfach überflüssig. Entweder ich kann diese Richtlinien justiziabel durchdrücken, dann brauche ich jene Richtlinien nicht, weil es bereits Gesetze gibt. Oder ich kann sie nicht durchsetzen und habe damit nur den Anspruch einer Richtlinie, die einer einhalten kann, aber nicht muß. Dann benötige ich keine solche Richtlinie. Bei Rollenbildern helfen sie schon gar nicht. Diese lassen sich kaum dadurch ändern. Dazu sind öffentliche Diskurse und Argumente erforderlich, so wie sich in der BRD von den 60ern zu den 00er Jahren vieles wandelte. Gesetze können nur Rahmen schaffen. Ein gutes Unternehmen zahlt aus Klugheitsgründen sowieso einen angemessenen Lohn. Ansonsten und falls nicht gilt und dazu kann ich jedem nur raten: „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr herauszuholen!“ (Erich Honecker)

    Statistiken liefern zunächst Werte. Wie in solchen quantitativen Verfahren solche Zahlen erhoben werden, muß man sich allerdings sehr genau ansehen. Aus diesen Zahlen lassen sich, wenn man sie hinreichend geprüft hat, Ergebnisse ableiten. Und daraus lassen sich natürlich, sofern man diese Statistiken zu lesen versteht, auch Aussagen über Diskriminierungen bei der Bezahlungen von Arbeit ableiten.

    Deine Thesen scheinen mir eher ideologisch motiviert, denn von der Sache her. Was willst Du mir mit Deinen Thesen sagen: daß Frauen viel Wind um nichts machen?

  33. Bersarin schreibt:

    Im Gegensatz zu wolfdieter scheint das Statistische Bundesamt eine ideologisch verblendete Gurkentruppe von lauter Feministinnen zu sein. Unglaublich, wer hätte das gedacht! Vielleicht haben das aber bloß Frauen gemacht und sich ausgedacht, die schlechter als ihre männlichen Kollegen bezahlt wurde. So aus Rache.

    Nein, nein, wenn bereits eine so ideologisch unzuverlässig und notorisch schlampig arbeitende Institution wie das Statistische Bundesamt solche Fehler macht, wie soll es dann erst in den Niederungen linker Gewerkschaftsarbeit zugehen?

  34. wolfdieter schreibt:

    Zwo Mann A und B, eine Werkbank W, zwo Löhne L1 und L2 – klar: A ist fest angestellt, B ist Leiharbeiter. (Aber A und B sind beide männlich. Das pay gap ist nicht geschlechts-, sondern Schröderspezifisch.)

  35. wolfdieter schreibt:

    @Bersarin, wenn ich störe … ein Wort genügt, dann ziehe ich mich zurück.

  36. Bersarin schreibt:

    „Der Grund für das ungleiche Einkommen steht genau einen Absatz weiter (Frauen arbeiten weniger).“ Und wenn Du dann nur einen Satz weiter liest, findest Du auch den Fortgang der Argumentation: „In die Berechnung fließen jedoch nur Stundenlöhne ein, so dass Teilzeitbeschäftigung hier keine Verzerrung darstellen kann.“

    Dein Schröder-Argument ist natürlich richtig. Das ist noch eine zweite Seite, die hinzutritt. Und wenn wir diese Differenz untersuchen, dann finden wir auch dort Benachteiligungen. Das heißt nun nicht, daß Frauen die bedauernswertesten Wesen der BRD sind. Aber es deutet zumindest auf Schwierigkeiten. Darum geht es mir.

    Noch was übrigens: wenn ein Manager oder ein Vorgesetzter seine Untergebenen anfährt und einen harten Ton trifft, gilt er als führungsstark und durchsetzungsfähig. Macht eine Frau genau dasselbe, dann heißt es häufig: Hysterische Zicke, kann sich nicht beherrschen, ihr fehlt die männliche Kontrolle. (Ihre Untergebenen rundgemacht freilich haben beide.)

  37. Bersarin schreibt:

    Besser wäre es in der Tat, wenn Frauen und Männer gegen die sich organisieren, die ihre Arbeitskraft einkaufen und sich aneignen. Darin läge die wahre Emanzipation. Der Gegensatz Mann/Frau bei der Bezahlung ist nur Teil eines grundsätzlichen Problems. Als Salonmarxologen gesprochen. (Um mit diesem Begriff den geschätzten Nörgler zu zitieren.)

  38. wolfdieter schreibt:

    In die Berechnung fließen nur Stundenlöhne ein – langsam komme ich nicht mehr mit: bereinigt oder unbereinigt? Die bereinigte Statistik habe ich gar nicht ausmachen können im Artikel. Ehrlich gesagt, Klarheit geht anders. (Bezieht mich auf den Artikel, nicht auf dich.)

  39. metepsilonema schreibt:

    @Bersarin
    Ich habe einmal in einem „Literaturblog“ einen Verbesserungsvorschlag für ein Gedicht gemacht; danach wurde mir vorgeworfen ich nähme dem Autor die Feder aus der Hand. — Man kann lernen mit Kritik umzugehen, auch welche Ansprüche man eingeht, an denen man dann logischer Weise gemessen wird. Der Kritiker sollte zwischen Person und Text trennen (der Kritisierte natürlich auch). Ich bin kein guter Polemiker und lasse das meist (es entspricht weder meinem Naturell, noch meinem Stil); gute Polemiken lese ich gerne, sie sind notwendig, alleine allerdings nicht hinreichend, will sagen: Analysen oder Essays sind gehaltvoller, „gewinnbringender“.

    Zur Diskussion um die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Entlohnung: Ich habe bislang, inklusive der oben angeführten Links, kein Zahlenmaterial gesehen, dass diese Unterschiede tatsächlich und eindeutig auf das Geschlecht zurückführen könnte; wenn ich etwa Köche und Köchinnen vergleiche, aber nicht näher untersuche wo, wer, was, wie lange und in welchem Dienstverhältnis arbeitet, dann ist das nicht seriös, weil viele verschiedene Bedingungen die Zahlen beeinflussen und diese Bedingungen nicht ausgeschlossen werden (ich weiß also nicht, woher die Unterschiede kommen). Darüber hinaus muss man aufpassen, dass man nicht Ursache und Wirkung verwechselt; gesellschaftliche Umstände und Rollen bewirken womöglich Unterschiede in der Bezahlung, die man reflektieren und diskutieren muss, erst dann wird sich etwas ändern (vielleicht ist es ja so, dass die derzeitigen Ansprüche an Führungspositionen Männer bevorzugen, etwa weil sie im Durchschnitt aggressiver und rücksichtsloser sind; wenn das stimmt, dann wären Frauenförderprogramme eine Sisyphosaufgabe). Man müsste also viel fundamentalere Fragen stellen. — Klar ist, dass für gleiche Arbeit unter gleichen Bedingungen (abzüglich individuelles Verhandlungsgeschick) das Gleiche bezahlt werden soll.

  40. Bersarin schreibt:

    Ein Stundenlohn ist ein Stundenlohn ist ein Stundenlohn. Wenn eine für 24 Stunden Arbeit pro Woche 1.100,- EUR Brutto verdient und ein anderer für 40 Stunden 2.800,- EUR bei gleicher Arbeit, dann läßt sich der differierende Stundenlohn klar ausrechnen.

  41. Bersarin schreibt:

    @ metepsilonema
    Für die viel fundamentaleren Fragestellungen plädiere ich ebenfalls.

    Was die Literaturblogs betrifft: interessantes Feld! Wenn solch ein Vorschlag, der eine andere Sicht oder andere Begriffe im Rhythmus aufzeigt, vom Text getragen wird und nicht der Besserwisserei geschuldet ist, dann sollte ein solcher Blog sich, sofern der Vorschlag irgendwie sinnvoll ist, der Diskussion stellen. Ansonsten verstehe ich nicht, weshalb ein Literaturblogger sein Gedicht online stellt. Wer nicht debattieren will, kann einen Gedichtband veröffentlichen oder aber es läßt sich die Kommentarfunktion abstellen. So wie ich Sie hier im Blog lese und erlebe, gehören Sie nun gerade nicht zu den Bösewichten und Schwätzern, auch wenn ich Ihre Ansichten und Thesen nicht immer teile. Sie sind sehr sachlich, ruhig und präzise. Das mag ich. Letzteres bin ich zwar auch. Aber um das Feld zu sichten, schicke ich zunächst mal die Kavallerie und Salven der Artillerie voraus, um zu schauen, was dann übrig bleibt.

    Insofern liebe ich Polemiken. Und ich bin dazu ein arger Bösewicht und Raufbold. Wenn aber gute Argumente und Sachhaltiges kommen, freue ich mich.

    Dichter jedoch, auch sogenannte, selbsternannte ohne Buchveröffentlichung – und gerade die – sind zum Bedauern der Mitlebewesen oft eitel. Da nützen Ihre Reflexionen leider wenig.

  42. El_Mocho schreibt:

    Bersarin, mein Beitrag stammt vom 9. April, deiner vom 30. Mai, in sofern ist meiner nicht von deinem beeinflusst.

    Die Bücher von Adiorno und Foucault habe ich schon vor längerer Zeit gelesen und kürzlich entsorgt, um Platz im Bücherregal für wichtigeres zu schaffen.

    An den Gender Pay Gap glaube ich übrigens nicht, bei näherer Betrachtung schrumpft er auf Größen zusammen, wie sie zwischen Beschäftigten gleichen Geschlechtes auch vorkommen.

    http://www.n-tv.de/politik/Warum-Frauen-weniger-verdienen-article10330401.html

  43. Bersarin schreibt:

    Ganz klar ist Dein Beitrag dem Einfluß meines Blogs und der Lektüre Adornos geschuldet. Du brauchst es nicht zuzugeben, aber es freut mich natürlich dennoch, daß jahrelange Wühlarbeit und Adornoreferieren am Ende sich auszahlten. Schönster Beweis, daß es sinnnvoll ist, pädagogisch sich zu betätigen. (Also, das ist jetzt nicht im Sinne der Grünen gemeint, falls jemand Pädagoge und Päderast verwechseln sollte.)

    In bezug auf die Bezahlung müßte man sich die Zahlen genauer ansehen und die betroffenen Frauen bzw. Gruppierungen mal befragen. Es geht in diesem Dingen nichts über die Empirie. Da sich bisher hier keine Frauen zu diesem Thema äußerten, scheint es keine weitere Relevanz zu besitzen.

  44. summacumlaudeblog schreibt:

    Bin ich im Kommentarteil der Wirtschaftswoche gelandet? Die Geschlechterunterschiede bestehen schon – Wolf-Dieter hat aber mit dem prinzipiell gleichen Tariflohn natürlich recht.

    Nach meiner Erfahrung sind die „informellen Unterschiede“ in der Berufslaufbahn z.B. durch familiäre „Belastungen“ in den Folgen deutlich höher anzusehen als formale Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau, die es auch noch gibt. Aber der „Hopphopp-Doppeljob“ also die Dauerbrennerei durch Doppeljobbelastung, die eben v.a. die Frauen betrifft, hat den größeren Effekt. Da gibt es keine Diskussion.
    Das bedeutet andererseits, dass es diese Laufbahnbenachteiligung durch z.B. Kinderbetreuung THEORETISCH auch für Männer geben müßte, wenn sie denn die Kinderbetreuung auf die Zeit jenseits des Samstagnachmittags ausweiten würden.
    Und das ist auch PRAKTISCH so! Wie ich – nun ja – sehr genau weiß!!!!! („Was heißt hier Kinderbetreuung? Haben Sie keine Frau?“ – und dann wird ganz schnell ein anderer Oberarzt, der eben nicht mit den Kindern stundenlang im Wartezimmer abhängt und dafür frei braucht. So siehts aus.)
    Für diese Tatsache, dass die Frauenbenachteiligung in der Berufslaufbahn sich auch auf die Männer ausweitet, wenn die Männer dieselben Neben“jobs“ wie die Frauen haben (Kinder, Küche, Kaufmannsladen), scheint die Gesellschaft noch nicht reif zu sein. Das Gesagte bitte ich aber als reine Analyse, nicht als Gejammere aufzufassen. Wenn ich eines aus Stilgründen nicht mag, dann ist es substanzloses Gejammer!

  45. hf99 schreibt:

    Streitet Euch nicht, krtszt Ech lieber die Augen aus… Oay, dumer Erich-Käster-Spruch.

    Also:

    Was die Welt angeht, so ist sie komplex…

    Was mache ich, wenn Sybille und Meike partout weder mathematik noch Ingenieurswissenschaften studieren wollen, sondern eben Knstgeschichte und auf Lehramt?

    Was mache ich wenn ca 85 % aller mathe-Studentinninninninnen männlcih sind? Eine Quote einführen? Welche Quote? eine Job-Quote? (85-15 oder 50-50?) Eine Zulassungsquote? 50-50? Wenn sich nicht genug weibliche Mathe-Bewerberinnen finden lassen, werden alle weiblichen Abitiurientinen eines jeden Jahrgangs solange öffentlich vermöbelt, bis die Quote erfüllt ist? Oder eher solange alle männlichen Bewerber, bis sie ablassen von ihrem frauenfeindlichen Tun?

    Sorry für die „Ironie eines Trampeltiers“ (Thomas Mann), aber mich nervt die Debatte derzeit. Frauen werden in dieser Gesellschaft in summa derzeit weiterhin benachteiligt, stimmt…aber für die bildungs- und besitzbürgerlichen Zuckerpüppchen gilt das eben nicht! Genau denen aber wird mit dem (in summa berechtigten, richtigen, zutreffenden Benachteiligungsdiskurs!) der Karriereweg geebnet! Ich darf mich hierzu jetzt aus auf der Hand liegenden Gründen nicht deutlicher äußern – soviel sei erlaubt: Als Eltern ist man heute froh, ne Tochter zu haben und keinen Sohn. Den besitz- und bildungsbürgerlichen Töchtern gehört die Zukunft. Das weiß auch jede und jeder, die und der derzeit Töchter und Söhne hat. Ich frug schon vor knapp dreißig Jahren: Ob die derzeitige Männergeneration wirklich die Zeche zu zahlen habe für die unstreitigen frauenfeindlichen Bösartigkeiten der letzten Jahrtausende. Auf der anderen Seite sagt mein Sinn für historische Gerechtigkeit: Ja, okay, wir zahlen die Zeche. Das war wirklich übel! Allerdings sollte man dann auch so fair sein, zu sagen, dass das, was derzeit stattfindet, in gewisser Weise – jetzt fällt das böse, böse Wort! – „männerfeindlich“ ist. Ich fand es jedenfalls nicht gut, dass mein kleiner Sohn per „girls day“ gehalten war, seine „männliche“ (jüngliche) Existenz als problematisch wahrzunehmen. Ich nenne es die Inhumaitätsprobe: Inhuman ist jede – jede! – Ideologie, die einem Menschen sagt: Du bist so, wie du bist, ein Problem!

    Ferner:

    Über 50 % aller Abiturienten sind derzeit bekanntlich weiblich. Dafür gibt es konkurrierende Erklärungsmodelle.

    Frauen sind qua Natur intelligenter. Ja, okay, können wir drüber reden. Genetik voran!

    Oder: Die weitaus meisten Grundschullehrer (die, die die Gymnasialempfwehlung aussprechen) sind weiblich. Könnte es sein – ohne dass böse Absicht dahinter steht – , dass Frauen un/vor/bewusst Mädchen und deren Verhaltensweisen präferrieren?

    Frauen verdienen weniger als Männer? Stimmt! Aber warum stimmt es? Weil Frauen auch heute noch systematischn und vorsätzlich benachteiligt werden? Zu Teil sicherlich. Aber das hat inzwischen nicht geschlechtsspezifische Gründe, sondern hat mit der Reproduktion des Menschengeschlechts zu tun. Summa brachte ein Beispiel. Totale Verfügbarkeit der Arbeitskraft – darum geht es. wer Kinder hat, hat die Arschkarte gezogen – trotz vordergründiger gesellschaftlicher Belobigung.

  46. hf99 schreibt:

    Speziell im ersten Teil meines Kommentars fürchterliche Tippfehler. Sorry for that.

  47. El_Mocho schreibt:

    Könnte es evtl. sein, dass Frauen einfach andere Interessen haben als Männer und deshalb eher die schlechter bezahlten Berufe ergreifen? Es gibt da ja das sog. norwegische Gender-Paradoxon. In Norwegen gibt es besonders viele Frauenförderungsprogramme, Quoten usw., und trotzdem wollen dort nicht mehr Frauen Inginieurin oder Informatikerin werden als in anderen Ländern.

    Worauf diese Interessenunterschiede zurückgehen ist eine interessante Frage, biologische Faktoren dürften eine Rolle spielen.

    Im übrigen stellt sich hier natürlich wieder mal die Frage nach der Verteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft. Meine Frau ist Kindergärtnerin und verdient verdammt wenig für diese doch recht schwere Arbeit, da könnte schon mal was getan werden.

  48. summacumlaudeblog schreibt:

    Zunächst Errata. „…Für DAS WAHRNEHMEN dieser Tasache….scheint die Gesellschaft noch nicht reif…“ muß es natürlich im letzten Absatz heißen.

    Männerfeindlich – mh, ich weiß nicht. Ich habe das alltägliche Kümmern um die Kinder durchaus auch als Bereicherung empfunden. Lächerlich wirds aber, wenn behauptet wird, dass diese Kinderbetreuung sich nur bei Frauen karriereblockierend auswirkt und bei Männern nicht, repektive behauptet wird, Männer täten das nicht.
    Zusammengefasst: Vor 5-10 Jahren gab es für ein von Männern geäußertes Bedürfnis nach Zeit für die Kinderbetreuung mehrheitlich kein Arbeitgeberverständnis. Mit entsprechenden Karrierefolgen. Mag sich gerade ändern….

    Abschließend aber muß ich, wenn schon die bürgerliche, also berufliche Karriere Thema ist, meine grundphilosophische Despektierlichkeit bezüglich des bürgerlichen Karrierebegriffes klar stellen. So wichtig ist der Kram nicht!!!!

  49. Bersarin schreibt:

    „Eine Frau, die denkt, ist wie ein Mann, der sich schminkt“, schrieb seinerzeit der alte Schopenhauer. In heutigen Zeiten schminken sich sogar die Männer. So ändern sich die Zeiten.

    Kindergärtnerinnen verdienen genug. Sie erhalten zudem, wenn sie gut sind, die Liebe und die Aufmerksamkeit der Kinder. Was kann einer Frau schöneres widerfahren als dies?

    Nun aber zu ernsterem: die Zahlen sind das eine, das andere sind die Ursachen. In einer Gesellschaft gehen Veränderungen, die grundsätzliche Paradigmen betreffen, nur langsam vonstatten. Das war beim Umweltschutz so, das ist in den Fragen der Gleichberechtigung nicht anders. Von gegenderten Kindergärten halte ich gar nichts. Jungs spielen mit Panzern, Treckern, Technikdingen, Mädchen manchmal auch. Das aufzuzwingen halte ich für dumm und führt zudem am eigentlichen Problem vorbei.

    „Ich fand es jedenfalls nicht gut, dass mein kleiner Sohn per “girls day” gehalten war, seine “männliche” (jüngliche) Existenz als problematisch wahrzunehmen.“ Einmal davon abgesehen, daß ich solche ritualisierten Tage für das Ritalin des Denkens und für Schwachsinn halte: wie sah das konkret aus? Dieser Satz klingt etwas sehr hart. Einem Kind sein Geschlecht als problematisch erscheinen zu lassen, ist in der Tat problematisch. Kinder toben. Jungs mehr als Mädchen. So ging meine Beobachtung im Kindergarten.

    Ich habe keine Kinder, ich wollte niemals welche, weil mich in meinem nächsten Umfeld ihr Geschrei und ihr ganzes Dasein stört. Es ist mit meinem Leben nicht vereinbar. Insofern ist diese Diskussion nicht ganz die meine. (Das heißt nicht, daß ich keine Kinder mag und kinderfeindlich bin. Im Gegenteil. Es muß viel mehr getan werden, damit Kinder gefördert werden, insbesondere, solche, die aus schlechten Verhältnissen kommen. Wobei die „Zeit“ letzter Woche schrieb, daß solche Defizite auch durch Förderung und gute Kindergärten nur schwierig auszugleichen sind. Wer sein Kind vor dem Fernseher parkt, der tut damit bereits seinem Kind wenig Gutes.)

  50. hf99 schreibt:

    Hallo, es war eine etwas rhetorische Formulierung dessen, was ich nicht nur am Girls(oder Boys) day wahrnehmen musste: Dass Jungen schon früh dazu angehalten werden, schon im Kindergarten, ihre, nunja, zum Beispiel Wildheit kritisch zu reflektieren. Ein Eriehungswissenschaftler, in kritischer Absicht und mE zutreffend: „Wenn in der Kita mal durch einen Fussball eine Scheibe zu Bruch geht, wird doch gleich der Morgenkreis einberufen.“

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/boese-buben-wohlfuehl-kuschel-paedagogik-geht-jungs-gewaltig-auf-die-nerven-a-545037.html

    Lesebefehl! Nicht, um es unkritisch nachzuplappern, aber mal als anderer Blick auf die Sache!

  51. hf99 schreibt:

    „männerfeindlich“ ist jetzt nicht ganz das rechte Wort, ich weiß nicht, wie man das besser benennen soll. Ich will den Frauen nix von dem wegnehmen, was sie sich bitter und mühsam erarbeitet haben.

  52. hf99 schreibt:

    Gegen Bergmann ist kritisch anzumerken: Sein klammoffenes Bejubeln des männlichen geht so natürlich auch nicht. Die Antifeministin Camille Paglia äußerte sich einmal ähnlich: Immer, wenn sie über eine Brücke gehe, denke sie: MÄNNER haben das gemacht. Tja, Kunststück, wenn es zugeht wie noch eine Generation vor mir: Mein Vater war eines von 6 Kindern, drei Jungs, drei Mädchen. Regel: Die Jungs kriegen n Studium, die Mädels bloß ne Ausbildung, bestenfalls, denn die heiraten ja sowieso (was eine der drei gar nicht tat…). Dass das heute nicht mehr so ist, ist gut so und richtig so. Dahin will niemand, die und der noch bei Troste ist, zurück.

    Despite this aber sind einige von Bergmanns Fragen anregend und mE beachtenswert.

  53. Bersarin schreibt:

    Ich kenne mich in diesem Feld nicht wirklich aus, weil es nicht mein Gebiet ist. Absurd zumindest scheint es mir, daß Jungs das Toben zu verbieten. In den Kindergärten und Grundschulen arbeiten leider zu wenige Männer – das ist richtig.

    Dies halte ich für einen bedenkenswerten Satz:

    Wenn heute in Sachen Jugendgewalt bei Schlägereien noch hemmungslos zugetreten wird, wenn der andere schon am Boden liegt, hat das zum Teil auch damit zu tun, dass die Jungs gar nicht mehr wissen, was sie dem Gegenüber damit antun. Es fehlt ihnen an der eigenen körperlichen Erfahrung. Wenn ich hyperaktive Kinder oder jugendliche Computersüchtige habe, schicke ich sie reihenweise zu den Pfadfindern, weil dort noch das Erleben von Körperlichkeit möglich ist. Ich kann mich doch nur mit nach außen gewendeten Aktionen selbst als Körper erfahren. Erst dadurch entwickeln Jungs eine eigene Empfindsamkeit, die sie brauchen, um sich in den anderen hinein zu versetzen.

    Andererseits muß und soll man Jungen nicht zu Raufbolden erziehen. Es gibt ebenso solche, die körperliche Gewalt meiden oder sie schlicht für unsinnig halten. Wichtig scheint mir vor allem Pluralität. Ich selber gehörte zu den Kindern, die mit anderen Kindern nicht viel zu tun haben wollten. Ich mochte meine eigene Welt lieber. Es war die der Phantasie und des Geschichtenerzählens. Ich konnte weitgehend in dieser Welt verbleiben, ohne großen Repressionen ausgesetzt zu sein, ich spielte trotzdem von Zeit zu Zeit mit anderen Kindern. Die 70er Jahre waren in dieser Hinsicht eine deutlich entspanntere Zeit als heute, wo bei jedem Vorfall ein fünfköpfiges Team von Schulpsychologen einfällt.

    Rollenmodelle sind einerseits veränderbar, andererseits gibt es natürlich biologische Mechanismen, die einen Körper prägen. So wie es durchaus aggressive Mädchen gibt, existieren ebenso sanfte Jungen, die eher friedliebend spielen. Aber darüber gibt es sicherlich ebenfalls Statistiken. Nur wie es eben so ist: mit nichts lügt sich besser als mit einer Statistik.

  54. hf99 schreibt:

    „Die 70er Jahre waren in dieser Hinsicht eine deutlich entspanntere Zeit als heute, wo bei jedem Vorfall ein fünfköpfiges Team von Schulpsychologen einfällt.“

    Hierzu Privatmail. Ich will und werde – da ich selber mit Klarnamen blogge, was ich so manches mal verwünscht habe – niemanden bloß stellen.

  55. ziggev schreibt:

    ich erinnere mich an einen „Männeranwalt“ – ich weiß nicht mehr, wie sich das nannte, jedenfalls war es ein Bursche, der „Männerinteressen“ vertrat -, und der sehr zurückgenommen in jener TV-Diskussion zur guten Sendezeit auftrat: Nix gegen Feminismus, die Ungleichheit – z.B. was die Bezahlung betrifft – und die offenkundige Ungerechtigkeit nicht nur dies betreffs dürfe keinesfalls abgeleugnet werten.

    Aber: – ich habe selber auf größeren Baustellen gearbeitet und weiß, dass es stimmt – es sterben bei der Arbeit dann doch zumeist Männer. Und sie sterben.

    Da war dieser Typ, den ich aus der Jugendzeit kannte, er berichtete, von einem Unglück, das bei einer Sicherheitsübung auf einer Bohrinsel mit Todesfolge passiert war – er lebte inzwischen auf der Isle Of Man, arbeitete für einer Rederei und telefonierte, worin hauptsächlich sein Job bestand, viel mit Gewerkschaften. Alle in der Runde waren schockiert. Meine wenigkeit jedoch erwähnte, dass Todesfolge beim Betrieb „größerer Anlagen“ voraussehbar sei und wahrscheinlich miteinkalkuliert würden. Antwort: Ja, genauso sei das.

    Dann war ich als Praktikant im Bereich Vermessungswesen unterwegs auf der hamburger Flughafenwerft. „ach ja, da (da oben) ist letzte Woche jemand ´runtergefallen.“ Tot. Und dann war da dieser psychiatrische Fall, eine Art Vorarbeiter in einer dieser „größeren Anlagen“, den ich kennen lernte, der sich verantwortlich fühlte – und dann plötzlich vor einem Häufchen Menschenmatsch gestanden hatte: „runtergefallen“.

    Ich möchte diese netten Anekdoten nicht als Argument oder Hilfsargument verstanden wissen. Wer macht die Drecksarbeit? könnte man fragen. Das ist aber vielleicht nicht immer so interessant: Wer stirbt bei der Arbeit? Es sind vermutlich ausschließlich Männer. Diese Todesfälle werden einkalkuliert.

  56. Bersarin schreibt:

    Insgesamt sollte es bei der Analyse zugleich um die Welt der Arbeit gehen und wie diese Beschaffen ist. Hartz IV und Niedriglohnsektor – von den frauenbewegten GRÜNEN und der SPD durchgedrückt – treffen Männlein wie Weiblein. Arbeitswelten und Ausbeutungen von menschlicher Arbeitskraft fragen nicht nach primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen.

  57. El_Mocho schreibt:

    Bersarin, weißt du was eine Kindergarten-Erzieherin verdient? Etwas über 1000 € für 30 Stunden Arbeit pro Woche (unverheiratete noch etwas weniger). Das ist wahrlich nicht üppig, aber es würde schon helfen, wenn die Gruppen verkleinert würden. Dass die Hälfte der Kinder kein Deutsch versteht, ist schon länger normal (die bekommen besondere Sprachförderung), aber in letzter Zeit kommen immer mehr Kinder, die nicht wissen, wie man ein Klo benutzt, die mit den Fingern essen und ständig aggressiv sind (vor allem Jungen aus muslimischen Familien). In sofern sage ich: Go Ver.di go!

  58. ziggev schreibt:

    El_Mocho, ich arbeite z.z. in sonem Problembezirk und sage Dir: Stinken tut es aus den Wohnungen von Leuten, die wir mit Recht als white trash bezeichnen. So ist das. – Gestank, den Du für Wochen nicht vergisst, wenn dieser Fettberg auch nur 10 Meter an Dir vorbeigegangen ist.

    Der gewöhnliche menschliche, stinkende Abfall ist für gewöhnlich deutsch und weiß.

  59. El_Mocho schreibt:

    Mag ja sein. Und deshalb brauchen die Erziehereinnen keine Lohnerhöhung?

  60. ziggev schreibt:

    mein derzeitiges Berufsziel ist: Erzieher. wäre ein echter Aufstieg, denn z.z mache ich nur Biopolitik für die SAGA, menschliches Material usw. was Erzieherinnen verdienen, interessiert mich weniger.

  61. metepsilonema schreibt:

    Das bislang Gesagte deutet ja recht deutlich darauf, immer beide Seiten mitzubeachten (-denken): Gesellschaftliche Erzählungen über die Rolle von Männern und Benachteiligungen derselben gibt es auch, erstere sicher nicht immer zu deren Glück; einseitige Forderungen werden daher immer auf Widerstand stoßen (manchmal berechtigt, manchmal unberechtigt). —- Drüber hinaus müssen wir uns (als Gesellschaft) fragen, ob die Möglichkeit freier Wahl nicht irgendwo immer Ungleichgewichte erzeugen wird und wie wir mit ihnen umgehen wollen: Ob und wie weit wollen wir in das System Gesellschaft eingreifen? Ab wann wird das problematisch? Was ist ein legitimes Ziel solcher Eingriffe?

    [Kinder sagen schon was oder womit sie spielen wollen (die brauchen keine Vorgaben, maximal Vorschläge).]

    @Bersarin
    Ich habe einfach aufgehört den betreffenden Blog zu lesen. Dass man Ansichten und Thesen nicht teilt, sich also Differenzen auftun, ist ja gerade wertvoll, weil fruchtbar, allerdings ohne Sachlichkeit nicht zu haben. Ich kann, wenn es unbedingt notwendig ist, schon die Kavallerie schicken, aber es ist nicht meine Art, darüber hinaus kann ich anderes besser (und ich glaube, dass die Kavallerie auch nicht immer angebracht ist). — Jedenfalls merkt man recht bald, ob hinter der Kavallerie auch anderes steckt und das tut es bei Ihnen.

  62. Bersarin schreibt:

    @ metepsilonema
    Eine differenzierte Analyse ist ganz gewiß eine gute Voraussetzung, um einen Sachverhalt zu sichten und in die Tiefe eines Problems einzudringen. Unterschiedliche Meinungen und Ansätze können in bestimmten Konstellationen eine Diskussion beleben und den Blick sämtlicher Diskussionsteilnehmer erweitern, da verschiedene Blickwinkel sich zeigen. Andererseits gibt es zuweilen derart differente Perspektiven und Denkansätze, daß Verständigung oder Übereinkunft kaum noch erzielt werden können. Wer – wie auch ich es tue – die Weise der Lohnarbeit innerhalb des Kapitalismus grundsätzlich anzweifelt und wer diese Form der Wirtschaft für ungeeignet hält, wird mit einem Vertreter der freien Marktwirtschaft oder mit einem Sozialdemokraten wenig Berührungspunkte, Schnittstellen, geschweige denn eine gemeinsame Position finden. Die Frage ist in diesem Falle dann, wieweit man überhaupt noch einen pragmatischen Konsens findet.

    Ungleichgewichte sind in Prozessen der Gesellschaft sowie in den Entwicklungen unausweichlich. Bei grundsätzlichen Enteignungen von Privateigentum werden sicherlich genügend Leute anderer Meinung sein – insbesondere die, denen man volkswirtschaftlich bedeutsame Produktionsmittel wegnimmt. Auch in der Französischen Revolution, die die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft bildete, ging es nicht zimperlich ab, um die alte Ordnung durch eine neue zu ersetzen. In diesem Zusammenhang verweise ich immer und gerne auf Goethes Novelle „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ sowie Eichendorffs „Das Schloß Dürande“.

    Mit der Kavallerie ist es so eine Sache – da spielen eben die unterschiedlichen Temperamente und Ansätze eine große Rolle. Wichtig ist in der Tat, daß Polemik gelernt sein will. Wie die auf anregende Weise funktioniert, kann man bei Karl Kraus wunderbar studieren und mit Genuß lesen.

  63. metepsilonema schreibt:

    @Bersarin
    Vielleicht findet man manchmal fast nur Dissens, aber dann weiß man wenigstens wo (und auf welchen Grundlagen) man steht und was meine Position von der des anderen trennt (u.U. bis zur Erkenntnistheorie hin). Dafür braucht es Geduld und Ausdauer, es wird auch eher die Ausnahme sein, denn die Regel, nur sollte man in diesem Fall die Kavallerie in der Kaserne lassen (ebenso wie die Moral). — Die Frage nach einem politischen oder gesellschaftlichen (praktischen) Konsens ist freilich eine andere Sache.

    [Dass die weitgehende Ökonomisierung unserer Gesellschaften schädlich ist, ist mittlerweile ein Gemeinplatz (es ändert sich dadurch allerdings erstaunlich wenig). — Enteignungen schaffen wahrscheinlich neue Besitzer und viel Leid; zudem sichert die weitgehende Verfügbarkeit über Sachen und Dinge (Besitz/Eigentum) unsere Privatsphäre und unsere Rückzugsräume; es scheint mir, den Finanzkapitalismus, Aktiengesellschaften, usf., im Auge, auch als eine eher altertümliche Methode.]

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