Ein Nachtrag zu Herfried Münkler und zum Blog Münkler-Watch

Herfried Münkler ist eine schillernde, intellektuell interessante, freilich ebenso kritisierbare Person. Jedoch nicht nur eine Person des öffentlichen Lebens, mithin in Talkshows und in Zeitungsinterviews präsent, sondern er ist ebenfalls ein Hochschullehrer, der für die Produktion bzw. für die Vermittlung von Wissen zuständig ist. Beide Bereiche werden sicherlich nicht immer trennscharf auseinanderzuhalten zu sein, weil Menschen nicht aufspaltbar sind – mögen sie sich auch in unterschiedlichen diskursiven Rahmen bewegen. Dennoch können und müssen wir in der Lehre andere Standards fordern als in einer Talkshow oder in einem Feuilleton-Artikel. So wie es sich bei Literaturkritik in Zeitungen, Zeitschriften und Blogs nicht um Literaturwissenschaft an Universitäten handelt.

Sinnvoll bei einer Kritik ist es, und darauf wies in einem Kommentar metepsilonema zu recht hin, die zu kritisierenden Bereiche zunächst einmal zu trennen, sofern unterschiedliche Ebenen vorliegen. Eine Vorlesung und ein Seminar von Münkler sind keine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Was Münkler im Fernsehen oder in Zeitungen äußert, kann und muß eine Öffentlichkeit mit Argumenten kritisieren. Dazu sind Zeitungen, Blogs und andere Medien geeignet. Hier wäre sehr viel mehr kritischer, nachhakender, nachfragender Journalismus angebracht, und leider sind die meisten Talkmaster und Interviewer eher Erfüllungsgehilfen ihrer Gäste denn kritische Journalisten. Auf 3sat bei Kulturzeit fällt mir da immer wieder die seichte und betuliche Tina Mendelsohn ein. Andererseits jedoch erwarte ich mir von bestimmten Medien und Moderatoren nicht viel.

Solche Kritik an Münkler hat unbedingt zu erfolgen. Sie kann polemisch und auch böse sein, sofern sie dabei Inhaltliches und Zentrales in seinen Äußerungen trifft. Münkler wird das aushalten und nicht weinend zu Hause sitzen. Er ist ein alter Raufbold, so wie auch Bersarin einer ist. Was nun die erforderlichen Nachweise bei Sätzen betrifft, die Münkler angeblich oder auch tatsächlich gesagt hat, so müssen ganz einfach Belege gebracht werden. Das scheint mir denn doch eine elementare Regel für eine Auseinandersetzung. Äußerungen in Talkshows und Zeitungen sind in der Regel gut überprüfbar, weil es Sendeaufzeichnungen und Verschriftlichung gibt. In Vorlesungen und Seminaren ist das anders. Da ist die Öffentlichkeit auf glaubhafte Zeugen angewiesen. Sofern diese Dinge denn relevant für die Öffentlichkeit sind. Womit ich wieder bei der Ebenen- und Mediendifferenzierung angelangt bin.

Lehrinhalte von Vorlesungen, insbesondere solche zur Einführung, werden erst einmal rezipiert, weil es in ihnen darum geht, Wissen und Kenntnisse des Faches zu erwerben, ob man die dargestellten Theorien inhaltlich nun teilt oder nicht. (Ich halte weder von Wittgenstein noch von Popper besonders viel. Dennoch muß ich mir zunächst einmal anhören, was sie zu sagen haben.) Zudem sind Vorlesungen nicht öffentlich wie etwa ein Radiovortrag. Es herrscht in Vorlesungen und Seminaren eine gewisse „Privatheit“. Da können in polemischer Absicht auch einmal Dinge gesagt werden, die nicht jedem zusagen. Das werden auch zarter besaitete Seelen aushalten müssen, ohne sich getriggert zu fühlen. Sofern in solchen Vorlesungen nicht explizit rassistische, sexistische oder anderweitig diskriminierenden Statements verbreitet werden, die nicht nur auf Interpretation, Mutmaßung und Verdacht beruhen, muß Kritik an den Inhalten von Theorien (und möglicherweise auch Kritik an der Auswahl von Texten) sowie an der Argumentation innerhalb einer Theorie in den dazu begleitend stattfindenden Seminaren geäußert werden. Studentinnen und Studenten, die sich dies nicht trauen, sind vielleicht doch nicht so gut an einer Universität aufgehoben. Das Gerede von der Übermacht Münklers scheint mir zu hoch gegriffen. Und wenn schon: Wollt Ihr Spatzen erlegen oder nicht doch lieber Wölfe? Wissenschaftlich widerlegen lassen sich bestimmte Thesen aber auch im stillen, etwa mit Seminar- und Hausarbeiten. Eine sozusagen „herrschaftsfreie“ Kritik ist in autonomen Seminaren möglich, die die Studenten selber organisieren. Es gibt also genug Formen, um mit den Positionen Münklers umzugehen.

Dennoch: Ich bleibe dabei, daß Dispute im akademischen Bereich (zunächst) auch in diesem selber ausgetragen werden sollen. Selbst wenn es im akademischen Bereich Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Professoren haben an den Universitäten in der Tat eine besondere Stellung. Sie zu kritisieren, kann vielfach übel aufgenommen werden. Bei den Juristen ist dies noch ausgeprägter als in anderen Fachbereichen, und es herrscht dort ein viel stärkerer Standesdünkel als etwa in den Geisteswissenschaften. Insofern ist die Anonymität des Blogs Münkler-Watch eine Position, die zunächst nachzuvollziehen ist. Aber was Eure Befürchtungen betrifft, keinen Arbeitsplatz zu bekommen: Diejenigen Arbeitgeber, liebe Studentinnen und Studenten, die klug genug sind und wo es für Euch zudem erstrebenswert ist zu arbeiten, werden ihr Personal nicht danach auswählen, ob es ihnen nach dem Mund redet, sondern sie werden eigene Meinungen zu schätzen wissen. Ich gehe mal davon aus, daß ihr nicht anstrebt, bei den Transatlantikern oder in einer Lobby für Rüstungsgüter oder bei Heckler & Koch einen Arbeitsplatz zu ergattern. Und im übrigen sei noch dazu gesagt: Am Ende Eures Studiums werden die meisten von Euch sowieso angepaßt genug sein, daß Ihr Euch diese Fragen gar nicht mehr stellt. Gender Studies sind dann eher das Ticket für den Posten einer Frauenbeauftragten oder für Netzfeminismus, mit dem man dann gut Klick-mich oder Aufschrei-Bücher verkauft. Ihr übrigen werdet da arbeiten, wo es irgend nur geht. Und wenn es schlecht läuft sogar bei den Transatlantikern oder in einer Lobby für Rüstungsgüter oder bei Heckler & Koch im PR. (Ich will es aber nicht hoffen.)

Wie an den jeweiligen Universitäten die Besetzung eines Fachbereichs mit diesen oder mit anderen Professoren ausschaut, ist noch einmal ein anderes Thema. Daß die Lehrstühle kaum bis selten mit kritischen Theoretikern, Neomarxisten, qualitativen Sozialforschern besetzt werden, ist ein leider trauriges Faktum. Gesellschaftskritische Theorie kommt in den Professorenkreisen nur begrenzt zum Einsatz. Gerade hier aber haben Studentinnen und Studenten die Aufgabe, eine ernstzunehmende Gegenöffentlichkeit herzustellen. So jedoch, daß Argumente sich entfalten und nicht mit Niederbrüllen und durch lächerlichen Vorlesungsboykott. Etwas Dümmeres gibt es nicht. Wenn ich seinerzeit in den späten 80ern noch an die genial bis sehr gut argumentierende „Marxistische Gruppe“ denke, die zwar oft nervte, die aber eloquent und klug wenigstens sich präsentierte, und wenn ich dann heute Euch auf Münkler-Watch lese, dann stimmt mich der Verfall der Kritik und von Bewußtein traurig.

Warum könnt ihr nicht besser sein, klüger, gescheiter, schlauer, polemischer, bissiger, witziger, so daß man den Wunsch hat, Euch zuzuhören? Weshalb ist Euch der Hegelsche Denkzusammenhang, seine Fähigkeit zur Analyse sowie die Marxsche Polemik so sehr abhanden gekommen? Weshalb klopft Ihr Texte nach Rassismen, Sexismus usw. ab, anstatt dort pfiffige Argumente und Gegenargumente zu finden und auf Entdeckungsfahrt zu gehen? Man kann Texte, die nicht behagen, strategisch nutzen. Weshalb wohl hat gerade eine bestimmte Linke sich an die Texte von Carl Schmitt herangemacht? Ist Nietzsche etwa nicht lesenswert, nur weil er Sätze schrieb von einer Frau, zu der man geht und von der mitzubringenden Peitsche (das ist übrigens eine Metapher und hat eher mit Nietzsches Konzept von Wahrheit denn mit Misogynie zu tun)? Nur weil Nietzsche davon schrieb, daß das, was fällt, gestoßen werden müsse? Weshalb legt Ihr Euch und anderen Denk- und Sprechverbote auf? Habt Ihr soviel Angst, sowenig Zutrauen zu Euch und zur Fähigkeit immanenter Kritik? Ihr beklagt Euch über Zensur und seid selber unablässig am zensieren und unterdrücken. Ihr meint, weil ihr Faschistenschwein sagt, sei der andere bereits ein Faschist? Das ist simple Wortmagie. Weshalb scheut Ihr Argumente und Diskussion?

Ja, es stimmt schon, viele der Medien sind in eine Hysterie ausgebrochen, als sie über Euch berichteten. Keine Angst – es versinkt mit Euch nicht das Abendland und der akademische Diskurs. Aber es herrscht ein Klima der Vorzensur. Der Zinnober des Rassismusschnüffelns erinnert mich an Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“.

Münklers Äußerungen im „Zeit“-Interview letzter Woche sind schlicht dumm und oder es handelt sich um aufrüstungsrhetorisches Geschwätz: Die gegenwärtige Situation ist natürlich nicht mit 1933 vergleichbar. Ein Politologe, der so etwas öffentlich in den Medien behauptet, ist entweder ein äußerst unwissender oder schlicht ein dummer Politologie. Im Grunde hat Münkler mit dieser Äußerung allerdings die Notwendigkeit gezeigt, sich seine Vorlesungen genauer anzuhören. Dies allerdings gibt mitschreibenden Studenten nicht das Recht, Dinge falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren. Münklers Widerlegungen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe in dem Interview scheinen mir plausibel.

Es geht mir nicht darum, Münkler, der weiß Gott eine andere und mächtigere Position hat als eine handvoll Studienanfänger, prinzipiell gegen Kritik zu verteidigen. Gerade Münkler muß sich Kritik gefallen lassen. Aber sie muß nachprüfbar erfolgen. In der Weise, wie das hier geschah, läuft es auf eine Logik des Verdachts hinaus.

Meine Meinung geht dahin: Mir ist ein geistreicher, witziger, eloquenter, kluger und belesener Professor, der zuweilen einen mehr als dummen oder nicht ganz korrekten Witz macht, allemal lieber als eine intellektuelle Schlaftablette, die nichts als dröge Aufbereitetes zu bieten hat. Bei ersterem lernt man allemal mehr, und dieses Mehr sollte man sich als Studentin oder Student rhetorisch und intellektuell zunutze mache. Gut wäre es freilich, wenn es zu solchen konservativen Positionen an den Universitäten ebenso ein linkes Gegengewicht gäbe. Leider habe ich noch keinen Lehrauftrag für Philosophie und Ästhetik. Ich arbeite aber daran. Das Krakele eines Gesinnungswächterrates jedoch ist mir mehr als zuwider. Ich habe diese Schweinebande in meinem Studium mehr als genug erlebt.

Wie mir übrigens gestern die Frau, die mich liebt und die ich wegen ihrer scharfen und wilden Küsse ebenfalls liebe, mitteilte, wird unter der Hand und in etwas besser unterrichteten Medienkreisen gemunkelt und gemutmaßt, daß es sich bei Münkler-Watch um eine journalistische Aktion von Jan Böhmermann handelt. Das ist und bleibt ziemlich top secret. Passen aber würde es. Dabei sind dann, wie immer, alle Beteiligten in ihren unterschiedlichen medialen Erregungsposen ertappt worden. Das Medium füttert sich selber.

Für strikte Aufnahmeprüfungen an den Universitäten war ich übrigens schon immer. Ich möchte im Seminar nicht neben Menschen sitzen, die besser Bankangestellte geworden wären, die in ihrer pietistischen Rechtschaffenheit keine Texte ertragen, die ihren Überzeugungen zuwiderlaufen oder es aber aus Mangel an Möglichkeiten und wegen anhaltender Unlust auf Anstrengung (Irgendwas-mit-Medien-in-Kreuzberg-aber-mit-wenig-Arbeit) in die Seminare der Geisteswissenschaften verschlagen hat.

Lest mal Otto Weininger und den versauten George Bataille – das kann interessante Erkenntnisse bringen, die vielleicht sogar dichter am kritischen, antibürgerlichen Bewußtsein liegen als Ihr es bisher ahntet.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Ein Nachtrag zu Herfried Münkler und zum Blog Münkler-Watch

  1. che2001 schreibt:

    Mein einziger Kontakt zu Herfried Münkler bestand darin, dass er meine Forschungsergebnisse zur NS-Rassenhygiene nicht veröffentlichen oder diskutieren wollte, weil der aktuelle Forschungsstand zu den Verstrickungen von Biologen, Anthropologen und Medizinern in die NS-Mordpraxis kein Thema der Politikwissenschaft sei, sondern wissenschaftsgeschichtlichen Charakter habe. Anderen AutorInnen räumte er zum selben Thema sehr wohl Platz ein. Was sich mir da in einem sehr viel weiteren Kontext offenbarte, auch im Kontakt mit anderen ProfessorInnen, ist die Claim- und Fellowship-Komponente: Zwar steht meine Dissertation als Referenzliteratur zum NS in der Library des London Institute for German History, aber das tut nichts zur Sache. Wer als Historiker zur NS-Geschichte in Deutschland eine Stelle bekommen will, muss zwingend einer Schule angehörigen, d.h. der persönlichen Adlatenclique eines einflussreichen Profs und regelmäßig nach dem Seminar mit dem in die Kneipe gegangen sein. Mensch muss in Bielefeld promoviert haben oder in Niedersachsen zur Weisbrod-Clique gehören, Götz Aly näher kennen oder etwas in der Art. Weil ich das alles nicht bin oder nicht getan habe, bin ich mit Magna cum Laude Dissertation zur NS-Rassenhygiene heute Handelsvertreter und Dozent in einem gewerkschaftlichen Bildungswerk. Schlimmer ist das bei den Anthropologen: Da zählt Blutsverwandtschaft.

  2. Bersarin schreibt:

    Dieser Umstand ist bei kritischer Forschung an den Hochschulen leider sehr ausgeprägt. Zudem auch die Lobbyarbeit der verschiedenen Fraktionen. Dies motiviert sicherlich auch die Fraktion Gender, die dort ebenfalls eine Platz ergattern möchte. Sie gehört zu den Kritikern des Betriebes. Das mag zunächst gut klingen. Leider sind die Ansätze dieser Fraktion derart unterkomplex, daß man diese Leute vermutlich gerade deshalb gewähren läßt, weil sie intensiv dabei sind, sich selber und damit zugleich die kritische Forschung ad absurdum zu führen.

  3. che2001 schreibt:

    Der Sündenfall feministischer Wissenschaftskritik begann schon um 1990, als sich zeigte, dass sich mit dem Frauenticket Karriere machen lässt. Insofern sprach der Film und Roman „Der Campus“ eine Wahrheit aus.

  4. Bersarin schreibt:

    Auch das, che, sind Äußerungen, die man nur unter Sanktionen machen darf: denn es nütze sowas, wie Du schriebst, ja bloß den Falschen. Eine verdrehte Argumentation, um die eigene Umtriebigkeit zu kaschieren. Und man muß diesen Disclaimer für die, die nicht weiter als bis zur nächsten Ecke denken können, gleicht mit dazu sprechen: Nein, wir sind nicht dafür, daß sexuelle Belästigung nicht geahndet wird.

  5. modestio schreibt:

    „Gut wäre es freilich, wenn es zu solchen konservativen Positionen an den Universitäten ebenso ein linkes Gegengewicht gäbe. Leider habe ich noch keinen Lehrauftrag für Philosophie und Ästhetik. Ich arbeite aber daran.“

    Vielen Dank für Deinen Nachtrag. Es wäre schön nicht nur mehr kritische Student*innen um sich zu wissen, sondern auch mehr kritische Professor*innen.

    Wenn eine subversive Praxis einmal eine Bresche schlägt, können auch neue, bissige und raffinierte Praktiken folgen. Seid nicht immer so fatalistisch, so endgültig, so abgeklärt: gebt den Student*innen Zeit sich zu verbessern, kritisiert sie solidarisch, öffnet selbst Spielräume für Diskursverschiebungen und erlegt Wölfe.

    Mit Pathos, Nietzsche und Wölfen ist auch Modest zu locken

  6. alterbolschewik schreibt:

    Das ist alles so absurd. Warum macht ein kleines Blog, das ohne den Rummel vielleicht ein Dutzend Leute lesen würde, derart Furore? irgendwie scheint Münkler-Watch, trotz all seiner Schwächen, einen neuralgischen Punkt zu treffen.

    Ich gehörte ja auch einmal so einer Gruppierung an, die versuchte, die Universität in Grund und Boden zu kritisieren. Allerdings gingen wir mit offenem Visier in die Seminare. Gut vorbereitet. In der Regel besser vorbereitet als die Dozenten. Damals habe ich empirisch gelernt, was ein „autoritärer Charakter“ ist. Selbst wenn man direkt am Text belegen konnte, daß der Dozent Unsinn redete, glaubten 90% des Studentenpacks trotzdem dem Dozenten. Weil der war ja der Dozent und wir nur irgendwelche linksradikalen Nörgler. Insofern ist auf eine sachliche Kritik innerhalb des Universitätsbetriebs geschissen.

    Vielleicht sollte man den Münkler-Beobachtern eines erklären: Für Anonymität gibt es wirklich keinen Grund. Die meisten Dozenten lieben Kritik, selbst dort, wo sie komplett over the top ist: Da kommt wenigstens Leben in die Bude. Gelegentlich haben wir’s aber offensichtlich übertrieben: Am lustigsten fand ich ein Gespräch mit einem Dozenten, der uns bat, sein Seminar zu verschonen, weil unsere Kritik die Studenten überfordern würde (der Dozent hat übrigens später den Uni-Bettel hingeschmissen; ich bin heute noch gut mit ihm befreundet).

    Bei Münkler-Watch bin ich, aufgrund dieser Vergangenheit, zwiespältig. Einerseits finde ich die Sache vom Ansatz her gut: Natürlich sollte man die Lehrinhalte (und auch das Lehrpersonal) kritisch hinterfragen. Und wenn man das verschriftlicht, fällt die Kritik auch leichter als in der direkten Konfrontation mit einem rhetorisch geschulten Gegner. Von mir aus kann das auch anonym sein – das nimmt der Kritik, wenn sie denn stichhaltig ist, nicht ihren Wert (es macht aber, unterm Strich, weniger Spaß als die direkte Konfrontation).

    Das Problem ist, wie Bersarin ja zur Genüge angemerkt hat, teilweise das Niveau der Kritik. Wenn in der jüngsten Vorlesungskritik am Münkler kritisiert wird, daß er bei der Diskussion von Locke Indianer als solche bezeichnet statt als Indigene, dann ist das einfach nur peinlich. Tatsächlich hat sie Münkler an dieser Stelle anscheinend links überholt, indem er die offensichtlich kolonialistischen Implikationen von Lockes Eigentumsbegriff klar auf den Punkt gebracht hat.

    Die Kritik ist aber nicht immer so plump. Wenn sie an anderer Stelle Münkler kritisieren, daß er politisches Handeln allein und ausschließlich als Verdichtung auf strikt binäre Entscheidungssituationen reduziert, dann ist ihre Kritik durchaus treffend. Sowohl theoriegeschichtlich, insofern sie diese Differenzierung als Neuauflage der Schmittschen Freund-Feind-Unterscheidung aufdecken. Als auch faktisch: Tatsächlich funktioniert Politik gerade nicht so – wie Angela Merkel jeden Tag auf’s Neue belegt. Da hätte man noch tiefer eindringen und Münklers Versuch einer Heroisierung der Politik zerlegen können. Aber das zeigt, daß es innerhalb der Gruppe durchaus Ansätze gibt, die nicht komplett beknackt sind. Und diese finden durchaus mein Wohlwollen…

  7. Bersarin schreibt:

    @ Modestio
    Ich habe das bereits mehrfach angemerkt: Der Unterschied besteht zwischen berechtigter Kritik und Schmähkritik oder aber falscher Wiedergabe von Sätzen. Wenn diese doch sehr einfachen Bezüge von den Studentinnen und Studenten schwierig zu verstehen sind, frage ich mich allerdings, wie dann erst Texte von Hobbes oder Kant begriffen werden wollen.

    @ Alter Bolschewik
    Dies sehe ich genauso. Besser vorbereitet zu sein als Dozent oder Professor, war seinerzeit die Devise und sollte es heute immer noch sein. Dazu müßten sich die Münkler-Kritiker aber zunächst mal an die Texte heranmachen, die sie sich, aus was für Gründen auch imme,r nicht zu lesen sich getrauen. Wer derart scham- und angstbesetzt ist, sollte jedoch besser das Feld der Universitäten meiden und sich ein Alpaka zum Kuscheln suchen, statt mit Theorie und Gesellschaft sich abzugeben. Ich hoffe, die Münkler-Kritiker werden nicht irgendwann 200 Jahre später – sofern es dann noch Menschen gibt – von Sprachwächtern gemessen, die deren Begrifflichkeiten für vollkommen unangemessen halten und die Würde der menschlichen Intelligenz für beleidigt ansehen. (Wenngleich letzteres bereits jetzt ins Feld geführt werden kann.)
    Die Schmittsche Freund-Feind-Unterscheidung ist insofern interessant, weil sie von links häufig kritisiert, dann aber im nächsten Atemzug in Anspruch genommen wird. Ich halte diesen Feinbegriff – zumindest im Feld des Politischen – nach wie vor für wichtig. Andererseits findet sich diese Unterscheidung bereits bei Marx gut ausgeprägt. Klassenkampf ist eben kein Klassenkuscheln. Es sind die Antagonismen, die Bewegung erzeugen.

    Auch Merkels Politik funktioniert nach dem Freund/Feind-Schema. Sie läßt es nur nicht so heraushängen. Kriege werden nur dort offen geführt, wo der Gegner nicht wirklich gefährlich für den Westen werden kann. Ansonsten geschehen sie versteckt. Richtig ist es allerdings, daß der Politikbegriff in den Kontexten der Spätmoderne (oder der postdemokratischen Gesellschaften) komplexer ist und sich nicht nur auf jenen Dualismus reduzieren läßt.

    Eine Welt, in der diese Schmittsche Unterscheidung sich überhöbe und realiter aufhöbe (also nicht nur scheinbar verschwände, indem die Differenz verdeckt wird), wäre allerdings eine weitaus angenehmere Vorstellung.
    ___________
    Also wir als Kinder haben damals immer nur „Weißer heterosexueller Cowboy und Indigener“ gespielt.

  8. modestio schreibt:

    „Dazu müßten sich die Münkler-Kritiker aber zunächst mal an die Texte heranmachen, die sie sich, aus was für Gründen auch imme,r nicht zu lesen sich getrauen. Wer derart scham- und angstbesetzt ist, sollte jedoch besser das Feld der Universitäten meiden und sich ein Alpaka zum Kuscheln suchen, statt mit Theorie und Gesellschaft sich abzugeben.“

    Es scheint mir nur, dass eine derart allgemeine und zudem unpräzise Analyse von psychischen Dispositionen von Münkler-Watch gerade auch zu einer „Schmähkritik“ werden kann.
    Es ist das Ziel des Blogs eine polemische und inhaltliche Kritik zu leisten: das gelingt mitunter besser und schlechter, wie der „alte Bolschewik“ darlegt. Interessant finde ich in Bezug auf den Eintrag zu „Vertrag und Erzählung“ auch, dass eine allgemeine Kritik am Studiengang skizziert wird, beziehungsweise inwiefern widersprüchliche Verhältnissen der Gesellschaft im Feld der Universität reproduziert werden.

    „Angela Merkels ‚Politik‘ der Alternativlosigkeit“ ist natürlich eine verschleierte Entscheidung. Insgesamt wäre da herauszustellen, inwiefern ökonomische Interessen das Feld des Politischen strukturieren, dominieren und begrenzen.
    Die Freund-Feind-Unterscheidung läuft auf einer anderen Ebene; wie sich schwach wertebesetze westliche Gesellschaften auf einen „war on terror“ stützen, mag zeigen, wie sehr der „Feind“ konstitutiv ist für das Imago der eigenen Gesellschaft.

  9. Bersarin schreibt:

    Wer es sich nicht zutraut, sich an Kants Texte zu setzen und diese in einer Einführungsveranstaltung zu lernen und zu rezipieren, der ist in seinem Studienfach falsch aufgehoben. Die Gründe dafür sind mir relativ egal. Vegetarier sollten auch keine Fleischereifachverkäufer werden. Sollten in einem solchen Text Begriffe wie „Neger“ oder „Indianer“ vorkommen, so ist das von heute her gesehen sicherlich bedauerlich, aber als Faktum und historischer Bezug hinzunehmen. Bevor ich etwas kritisiere, muß ich es überhaupt einmal verstehen. Danach kann man dann inhaltliche Kritik üben. Dieser basale Sachverhalt ist heute anscheinend nicht mehr selbstverständlich. Insbesondere in der Blogosphäre, wo die Existenz des Vollpfosten sich evolutionär auszudifferenzieren scheint.

    Inhaltliche Kritik an Münkler oder an den Texten sollte zunächst in einem Seminar vorgebracht werden. Wenn Studenten dazu nicht fähig sind, weiß ich nicht, ob sie an einer Universität wirklich gut aufgehoben sind. Münkler ist für diese Studenten leider vier Nummern zu groß.

  10. che2001 schreibt:

    Es geht in erster Linie um das Erzeugen von Aufregung, die wiederum Aufmerksamkeit generieren soll. Seitdem ich eine PoC-Aktivistin erlebte, die Diskriminierungssituationen nicht nur gezielt sucht, sondern selber aktiv herbeiführt, um Wasser auf ihren argumentattorischen Mühlen zu bekomme fällt mir da nicht mehr sehr viel zu ein.

  11. Bersarin schreibt:

    @ che
    Das ist genau der Punkt. Dies hat nichts mehr mit Antirassismus zu schaffen, sondern es dient der Inszenierung des eigenen Egos.

    Mich erinneren solche Szenen sehr an die Mohrenlampengeschichte. Pädagogisch klug wäre es gewesen, der armen Fachschaftsfrau, die in der Öffentlichkeit plötzlich wie die größte Rassistin dastand, klarzumachen, weshalb solche Lampen problematisch sein können und welchen Eindruck sie erwecken. Verbaler Antirassismus, da wo es nicht weh tut, wird hier praktiziert. Mehr nicht.

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