Unbeugsame Bildnisse (1)

Es ist eine der schönsten Skulpturen des Barocks: Die peneïsche Nymphe, Daphne, ihres Zeichens Priesterin der Gaia und Tochter des Peneiosʼ, im Trieb und in Leidenschaft, liebestoll verfolgt, nein, gejagt, gehetzt und begehrt von Apollon.

IMG_20150525_0002Copyright: Bersarin 1983, aufgenommen auf Ilford FP 4

„Die Augen von Feuer erglänzend schaut er, licht wie Gestirn. Er schaut den Mund, und Genüge findet er nicht vom Schaun. Er preiset die Finger und Hände, preiset den Arm und die Achsel entblößt bis über die Hälfte. Was sich verbirgt, dünkt schöner ihm noch.“ (Ovid) Entzugserotik: Während die Nymphe entweicht, so heißt es, wie ein Lufthauch, davonschwebt und steht nicht still im Fluchtreflex, greifbar höchstens als Bild: ein in den Moment fixiertes Ereignis, als Bildnis in Stein fest gebannt, geschlagen in weißen Marmor von Gian Lorenzo Bernini (1598–1680), und in der Villa Borghese in Rom ausgestellt. Liebkosung und Begehren nach der Haut, [ob der Gott wohl und gerne in ihre Brustwarzen bisse, würde er der Nymphe habhaft? Ob er sich zwischen ihre Schenkel schmiegte, eingrabend und die dichtbehaarten Wölbungen berührte und leckte?] unter dem Wahn und dem Wunsch, die der Liebespfeil ins Fleisch grub, und wild flieht die peneïsche Nymphe, ebenso von einem Pfeil getroffen, den Cupido, der mal schalkhafte, mal zornige Venusknabe im Wettstreit mit dem Apollon auf den einen und auf die andere schoß:

 „Sprachʼs und säumte nicht und teilte rasch mit bewegten Schwingen die Luft und stand auf der schattigen Höhʼ des Parnassos. Zwei der Geschosse entnimmt er dem pfeilumschließenden Köcher, ungleichartig an Kraft. Eins scheucht, eins weckt die Liebe. Welches sie weckt, ist golden und glänzt mit spitziger Schärfe; welches sie scheucht, ist stumpf, und Blei ist unter dem Rohre. Dieses versendet der Gott zur peneïschen Nymphe; das andre schnellt er durch das Gebein ins innerste Mark dem Apollo. Der fühlt Liebe sogleich; sie flieht vor des Liebenden Namen: Nur an der Wälder Versteck und am Fang des erbeuteten Wildes findet sie Lust nach dem Bilde der stets jungfräulichen Phoebe. Fesselnd schlang sich ein Band um das kunstlos liegende Haupthaar. Viele wohl warben um sie; doch jene, den Werbenden abhold, flüchtig und scheu vor dem Mann, durchstreift Einöden der Wälder, und sie bekümmert sich nicht um Hymen und Amor und Ehe.“ (Ovid, Metamorphosen)

 Es bleibt das Hymen – das, was ganz unsinnlich Scheidenklappe genannt wurde – als Haut des Inneren unangetastet und bewahrt. Jungfernmythos. Eine Berührung, in weißen Marmor gemeißelt, ich habe sie vor über 30 Jahren zum ersten Mal in Rom geschaut, während ihre harten kleinen Brüste sich unter ihrem engen, dünnen Sommerkleid abzeichneten und rund wölbten, Brustwarzen durch den Stoff stachen, und männliche Finger, die nach der Haut des köstlichen Weibes streben, das sich windet, wandelt, unter südlicher Sonne und wie der Körper ins Geäst und Gehölz sich verzweigt zu organischer Materie schmiegend: hölzern: Hylemorphismus, morphisch, nicht Schlaf, sondern neue Gestalt bildend. Es bleibt die unwiederbringliche Transformation. Stein, Holz, Materie ohne Fleischgehalt. Der Gott geht leer aus. Mit jenem sprießenden Lorbeer bekränzt sich der Sänger, der Bogenschütze und Lyraspieler Apollon.

Frauen agieren im männlichen Mythos als Wirkgrund. Der Bergnymphe, die der Erde einzig dient, bleibt nur die List, die aus der Gnade der Natur und der Herkunft erwächst. Metamorphose des Entzuges, wie Publius Ovidius Naso sie dichtete. Aber es ist die Liebe nicht frei, sondern beide regen sich wie unter Zwang und folgen einem höheren Gesetz als der Autonomie des Willens oder der Willkür von Lust: kein bürgerliches Liebesspiel und kein Liebeswerben, nicht Individualcharakter, sondern ein Schicksal oder anders noch eine Gegenmacht drängt. Von der Liebe bleibt nur Trieb und verblendete Gier. Das mag im Heute parallel laufen und äußert sich trotzdem ganz anders. Dennoch können wir gegenwärtig, was diese eigenwilligen Verstrickungen betrifft, diese Geschichten in einer Welt, wo Mythen abwesend oder sich in andere Bilder oder Monetäres sich transformierten, in dieser Weise einer Verhängnisverfügung nicht mehr schreiben. Wie sähe ein solcher Text aus? Es bleibt der wunderbar schimmernde, kühle, glänzende Marmor. Der zur Flamme entfachte Gott. Und dies Wesen der Natur, der Erde, der Bäche und Berge, welche Haut, Körper, Poren und Öffnung verschließt? Während der Gott den Körper der Frau unter der Macht seines Blickes preist, bleibt der Frau der passive Part. Zu verschwinden. In Natur und Stofflichkeit verwandelt. Oder in einer Häuserwand, irgendwo, wie in Wien im Ungargassenland. Call it hot stuff. Stoff in seinen verschiedenen Wendungen. Auch dies sind Metamorphosen. Selbstreferenz des Mediums und, wenn wir die Geschichte von Flucht, Verfolgung, von Treiben und Vertreibung ins Hier projizierten, vom Bild in den Text, der die Bilder zu Metaphern und Metonymien gruppiert, Spiegelungen bis in den Abgrund.

„Phoebus liebte zuerst die peneïsche Daphne, für die nicht blindes Geschick ihn entflammt, nein rächender Zorn des Cupido; …“ Eine über die Position des Dritten vermittelte Liebe sozusagen. Nicht aus dem sinnlichen Selbst heraus geschöpft. Was machen wir heute daraus? Das Thymotische realisiert sich als Eifersuchtsdrama. Ansonsten dünken die Liebenden sich autonom.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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