Urbane Räume (6)

„Lumpensammler traten in größerer Zahl in den Städten auf, seitdem durch die neuen industriellen Verfahren der Abfall einen gewissen Wert bekommen hatte. Sie arbeiteten für Zwischenmeister und stellten eine Art Heimindustrie dar, die auf der Straße lag. Der Lumpensammler faszinierte seine Epoche. Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.“
(Walter Benjamin, Das Paris des Second Empire bei Baudelaire)

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Copyright für die vierte Photographie: „Steinbrueck Wuerzburg“ von Renredam in der Wikipedia auf Deutsch. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Urbane Räume (6)

  1. ziggev schreibt:

    also: so finde ich das stillos: ich gehe immer nur nach Einbruch der Dunkelheit, mit dunkler Tasche (und natürlich immer nur in Des-nachts-sind-alle-Katzen-grau-Grau oder ganz in schwarz) und mit Taschenlampe (zum Reinleuchten in Abfalleimer) los. Meine schwarzen Klamotten sind immer gebürstet. Du darfst darauf schließen, dass der Bursche, den Du photographiert hast, ich kenne solche Typen (obzwar lediglich hier, in HH), schwer psychisch erkrankt ist. Aber: Elend, Armut, psychische Erkrankung, Unfähigkeit, zu leisten, Hunger, überhaupt erbärmliches Dasein : es ist heute alles dasselbe.

    Ich verstehe zwar die Perspektive. Walter Benjamin (bitte englisch aussprechen) zu Baudelaire zu zitieren, oder welches Unterfangen hier wie motiviert ist. Aber warum lese ich hier kein Zitat von Orwell oder Genet? Du hast einfach einen nach heutigen Kriterien schwer psychisch Erkrankten photogrphiert; er kann oder könnte aber auch so nichts mehr leisten. – Also ist er einfach nur arm. Als solcher muss er dann eben auch gelten.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich denke, in Fragen der Not und des Elends geht es kaum um Stil oder Ästhetik. Wer ihn zu bewahren vermag, hat in gewissem Sinne Glück und besitzt einen starken Willen. Warum nicht tagsüber und offensiv sammeln, damit es alle sehen, wie es steht? Am besten mit Schildern um den Hals. „Wir wählten SPD“ oder „Wir wirkten bei den GRÜNEN“. Oder „Gesponsort von HARTZ IV“. (Daß CDU und FDP nicht minder schlimm sind, brauche ich nicht dazu zu sagen. Aber im Gegensatz zur SPD und zu den GRÜNEN – der widerlichsten Partei, die mir je untergekommen ist und ich bin froh, sie niemals in meinem Leben gewählt zu haben – zeigen sie wenigstens offen, wofür sie stehen. Anders als SPD und GRÜNE, die Partei der moralisierenden besserverdienenden Biederen.) Meine These nach wie vor: Hätte die CDU/FDP nach 1998 weiterregiert, wäre uns Hartz IV erspart geblieben.

    Ob der von mir abgelichtete Mann psychisch krank ist, weiß ich nicht. Zumindest ist er körperlich deformiert. Es will mir aber scheinen, daß es ganz egal ist, ob eine/r psychisch krank oder gesund ist, ob sie oder er nachts, tagsüber, wann auch immer Flaschen sammeln müssen. Der Umstand als solcher ist bereits beschämend und schlimm, daß Menschen sich in dieser Weise am Leben erhalten müssen. „Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“ (W. Benjamin)

    Ich weiß nicht, inwiefern Genet oder Orwell dazu etwas schrieben, aber im Zusammenhang mit diesem Benjamin-Zitat und mit den Photographen machte ich den Pauperismus zum Thema. Die letzte Regierung und auch diese betreiben hier ihre Experimente, und zwar genau in dem Sinne, wie Benjamin es schreibt: „Die Blicke der ersten Erforscher des Pauperismus hingen an ihm wie gebannt mit der stummen Frage, wo die Grenze des menschlichen Elends erreicht sei.“ „Wie weit können wir gehen?“ so laufen ihre Planspiele. „Welche Bedingungen müssen wir schaffen, damit die Menschen jede Arbeit bei jedem beliebigen Niedriglohn akzeptieren?“ Die Verarmung durch Hartz IV, die beständigen Kontrollen, Überwachungen und Schikanen an den Hartz-IV-Beziehern, die von den Staatsbütteln ausgeübt werden (von vielen, aber nicht von allen, denn auch auf diesen Ämtern gibt es solche, die man als Menschen bezeichnen kann), sind ja ein Teil dieses Systems, um den Faktor Arbeit so billig und so günstig zu machen, wie es nur möglich ist. Besser als Hartz IV ist es dann allemal jede noch so schlechtbezahlte Arbeit anzunehmen. Manche mögen einwenden, daß dies alte Begrifflichkeiten sind, unter denen analysiert wird. Mag sein. Aber solange auch die Zustände die alten bleiben, taugen diese Begriffe immer noch am besten, um diese Gesellschaft und ihre Mechanismen zu begreifen.

    Weshalb sollte man Walter Benjamin englisch aussprechen? Er war Deutscher, er schrieb auf deutsch. Sein Hang nach Frankreich war sicherlich größer als der in die USA oder nach England.

  3. ziggev schreibt:

    Als ich mal mit der Musikkomposition (ein sehr kleines Projekt, ich gebe also bloß mit einer Nebensächlichkeit an) für ein Theaterprogramm in Liverpool unterwegs war, sagte John, ein Lehrer an der „drama school“, als ich ihm berichtete (auf Nachfrage, was ich denn so beabsichtigte von wegen Philosophie), es würde in HH ein Seminar zu W. Benjamin und Nietzsche (Martin Seel) stattfinden, was mich neugierig gemacht habe, denn ich hätte keine Vorstellung, was nun Benjamin ausgerechnet mit Nietzsche zu tun hätte ? – John sagte also nur „ahhh, Uwalter Bendschamin !!!“ Das habe ich einfach nie vergessen. Benjamin ist nicht nur „unser“ Benjamin, vielleicht vergessen wir die internationale Rezeption, z.B. Beispiel las ich neulich zu Benjamin und dessen (internationale) (Über?)Rezeption von jemandem aus Chile …

    hab nun mal diese anglophile Ader. trotz ihres jungen Alters (geb. ´37) wurde meine Mutter letztlich während ihres c.a. 4 Jahre währenden Aufenthalts in England in den 50ern als Au Pair-Mädchen – wenn Du meine Großmutter kennengelernt hättest, würdest Du mir glauben – entnazifiziert.

    Wenn ich „Walter Benjamin“ auf englisch ausgesprochen höre, dann fühle ich mich auf eine Art wie zu Hause. Es ist wie ein warmes Bad – versetzt mit englischen Badesalzen, deren es ja so viele gibt. Es ist nicht „unser“ Benjamin.

    Genet berichtet (in Tagebuch eines Diebes), dass die „Penner“ (wie wir heute sagen würden), die er in (ich glaube) Spanien traf und wo und mit denen er abhing, „die Sprache der Klassiker“ gesprochen hätten, klar glorifiziert er; ich kann Dir aber bestätigen, dass Du unter Pennern manchmal Formen findest, die längst verschüttet und vergessen schienen, in der untersten Schicht findest Du manchmal Formen, die selbst ein Germanistik-Professor mühsam ´rausklamüstern müsste, mit anderen Worten, reinstes, obzwar etwas altertümlich, Deutsch, für das sich jener Professor erstmal richtig ins Zeug legen müsste.

    Mir ist da vor ein paar Jahren jemand weggestorben, der Ausdrücke benutzte, für die ich beim Kommentarschreiben mindestens eine Zigarettenpause einlegen müsste. belive me! Gepflegtestes Hochdeutsch.

    George Orwell wurde bekanntlich halbfreiwillig zum „Tramp“. Seine klassische Sozialreportage: Der Weg nach Wigan Pier. Er berichtet, ich glaube, irgendwo anders – infrage kommen: “ Down and Out in Paris and London“, „A Clergyman’s Daughter“, “ Coming Up for Air (Auftauchen um Luft zu holen)“ -, davon dass Du als „Tramp“ nicht nur nicht von Frauen nicht beachtet wirst, sondern bloß einfach nicht existierst. Orwell hatte halbfreiwillig diesen Perspektivwechsel gewählt und hielt das für erwähnenswert. Unfreiwillig habe ich das aber auch während eines Zeitraum von c.a. 10 Jahren, mensch, und ich war jung!, erfahren.

    Die Statistiken sprechen eine eindeutige Sprache: mindestens 60% der Obdachlosen sind schwer psychisch erkrankt.

    Es muss einfach verstanden werden, dass, wer sich solche Demütigung antut, keine materielle, die natürlich auch!, sondern zuerst seelische Unterstützung benötigt. Manchmal, wie bei der Ersten Hilfe, sind die Dinge ganz einfach.

    – Und: Es gibt in der Tat coole Hartz – IV -Zuständige, meiner wollte ich schon einen Heiratsantrag machen … Einfach nur die Mitelklasseherkunft kultivieren, charmant sein, Meditieren, die kosmische Energie im Alleinsein in Dich aufnehmen – und wieder dankbar ausschütten -, am Abend vorher Sport treiben, ausschütten, ganz leer sein, sie muss denken, dass die Sonne untergeht, wenn Du ihr Büro verlässt …

    am Ende haben die mir sogar 3200 € (keinTippfehler!) Gasnachzahlung bezahlt. – Ich zog die Konsequenz und nahm den nächsten Mindestlohn Job an. Von diesem Moment an wurde ich von Harzt IV-Behörde wie Arsch behandelt. Zu arbeiten ist ein Fehler, belive me!

  4. bersarin schreibt:

    Dein Bezug zu Benjamin leuchtet mir ein. (Magie des Namens, um in Benjamins Sprachtheorie zu gleiten.) Das ist ein schöner Kontext, der Benjamin sicherlich gefallen hätte und insofern sollte man den Namen Walter Benjamin ebenso englisch aussprechen. Was vielleicht sogar schöner klingt, als wenn wir ihn französisch intonieren. Natürlich ist Benjamin nicht nur „unser“ Benjamin. Ein „Unser“ kann es zudem gar nicht geben für jenen, der aus dem faschistischen Deutschland floh und an diesen Umständen zu Tode kam.

    Ich kenne mich – abgesehen von ein paar Unterhaltungen und Gesprächen – im Milieu der Obdachlosen wenig aus. Es geht mir um eine allgemeine Tendenz. Natürlich bedarf es der unmittelbaren Hilfe, die mehr als Brot und Geld gibt. Ich möchte aber ebensowenig in das Horn der Sozialdemokratie stoßen: hier ein bißchen Stellschraube drehen, Brot sowie Gehör und alles wird gut. Zugleich aber ist die kleinste Linderung von Leiden, Armut und psychischer Not immer noch besser als das Verrecken von Menschen in Kauf zu nehmen, damit um eines höheren Prinzips willen die Menschen sich erhöben und rebellisch würden. Dieser Widerspruch wird sich nicht auflösen lassen.

    Die Beobachtungen Orwells mögen stimmige und wichtige Aspekte eröffnen und sie dienen als Dokument, wie auch Engels Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Die „Analyse“ Orwells jedoch, wie er sie laut Wikipedia betreibt, teile ich nicht. Das ist der ewig-alte simple Hut. Unterkomplex im Ansatz. Die vermeintliche Kompliziertheit von Texten und Begriffen wird kaum den Ausschlag dafür geben, daß Empörung nicht in Revolution umschlägt.

    Tja, Genet ist so eine Sache. Ich tue mich schwer damit, als Mensch, der nicht aus dieser Ecke und aus dieser Lebenswelt kommt, das auf meine Fahne zu schreiben und mich als Outlaw oder Vagabund zu inszenieren. Denn darauf läuft es bei vielen leider hinaus: daß sie an etwas partizipieren, was nicht das ihre ist und das sie als szenige, popkulturelle Witzigkeit im Spiel inszenieren, sich aneignen, ohne davon eine Ahnung zu haben, wie immer mal wieder der sogenannte Heroin-Chique. Das „On the road“ von Kerouac schließt virtuell bereits den Reaktionär in sich ein, der Kerouac dann am Ende seines Lebens wurde. Insofern bleibe ich bei all den Außenseiterglorifizierungen ebenso skeptisch wie bei den Verklärungsszenarien der Offiziellen und Etablierten.

    Genets Erfahrungen und Texte sind etwas sehr Besonderes.

    Ich bin – leider – kein empirischer Sozialforscher (das war ich mal vor langer Zeit), sondern befasse mich wesentlich mit Theorien, mit Ästhetik und mit den Formen des Denkens.

  5. ziggev schreibt:

    …denn, was Du da – sprachlich – geboten bekommst, … ich weiß gar nicht mehr, wie man das höflich-angemessen ausdrückt, solche Fälle sind in meiner Erziehung jedenfalls nicht vorgesehen.

  6. ziggev schreibt:

    „… befasse mich wesentlich mit Theorien, mit Ästhetik und mit den Formen des Denkens.“

    Ja, ist ja klar, während meiner nicht ganz leichten Zeiten habe ich immer nur darauf vertraut, dass es immer noch Leute gebe, die sich mit sowas beschäftigen, sonst wäre es echt nicht so leicht gewesen.

  7. bersarin schreibt:

    Ich denke, dies sind schwierige Dinge. Wenn ich mich rühme und mir auf die Schulter kloppe, weil ich regelmäßig oder auch manchmal nur in den Becher eines armen Menschen Geld hineinzulegen, dann ist das ein eher schales Bekenntnis und macht das Traurige dieser Szenen im Grunde nur noch trauriger.

  8. bersarin schreibt:

    Denn ich empfinde es als beschämend für Gebenden und dem, welchem gegeben wird, Almosen zu verteilen.

  9. ziggev schreibt:

    heute hatte ich nen Erste Hilfe-Kurs, Botschaft: Du kannst 100% Leben retten, oder eben nicht, Pech gehabt, dann eben nicht, minus 100% Überlebende, D. h., der oder die da stirbt jetzt sofort. Mir geht es nicht um eine Kritik Deines theoretischen Ansatzes, wir erinnern uns an Sokrates Theoria, Es geht nicht um eine klingelnde Münzen in irgendwelchen sammelnden Beuteln – davon könnte meine Familiengeschichte seit über 250 Jahren berichten – und darum, ob wir Theoretiker (die nicht minder Spaß denn Sokrates am Beiwohnen der Aufführungen des unnachahmlichen Aristophanes haben) die Situation richtig einschätzen.

    Den Beweis, ob der Weg über die Ästhetik, wie von Dir beschritten, uns irgendetwas bringen wird, wird nur diese Methode allein erbringen können. – Also sind alle Vorhänge offen.

    der Realisationen

  10. bersarin schreibt:

    Wir sollten versuchen, der Entweder-Oder-Logik zu entkommen. Die nämlich ist die Ursache manchen Übels. Insbesondere dann, wenn sie verabsolutiert wird. Was im konkreten Fall bei einem Unfall und für die Ersthelfer gilt, muß im Denken und ebenso in anderen Aspekten der Praxis keinerlei Gültigkeit besitzen.

  11. Charlie schreibt:

    Dazu passt:

    Die Käuferin

    Ich bin eine alte Frau.
    Als Deutschland erwacht war,
    Wurden die Unterstützungen gekürzt. Meine Kinder
    Gaben mir ab und zu einen Groschen. Ich konnte aber
    Fast nichts mehr kaufen. Die erste Zeit
    Ging ich also seltener in die Läden,
    Wo ich früher täglich gekauft hatte.
    Aber eines Tages dachte ich nach, und dann
    Ging ich doch wieder täglich zum Bäcker, zur Grünkramhändlerin
    Als alte Käuferin.
    Sorgfältig wählte ich unter den Esswaren,
    Griff nicht mehr heraus als früher, doch auch nicht weniger,
    Legte die Brötchen zum Brot und den Lauch zum Kohl, und erst
    Wenn zusammengerechnet wurde, seufzte ich,
    Wühlte mit meinen steifen Fingern in meinem Lederbeutelchen
    Und gestand kopfschüttelnd, dass mein Geld nicht ausreiche,
    Das Wenige zu bezahlen, und ich verließ
    Kopfschüttelnd den Laden, von allen Kunden gesehen.
    Ich sagte mir:
    Wenn wir alle, die nichts haben,
    Nicht mehr erscheinen, wo das Essen ausliegt,
    Könnte man meinen, wir brauchten nichts.
    Aber wenn wir kommen und nichts kaufen können,
    Weiß man Bescheid.

    (Bertolt Brecht, zuerst erschienen in der deutschen Exilzeitschrift „Die Sammlung“, hg. von Klaus Mann, Heft 12, 1934)

  12. Bersarin schreibt:

    Danke für dieses Brecht-Zitat, das einerseits zwar paßt. Ich weiß allerdings nicht, ob es sich bei diesem Text um Literatur handelt oder um ein Dokument des Sozialen. Letzteres beschreibt treffend; ersteres würde ästhetisch genommen arge Probleme bereiten und dem Gesinnungskitsch verfallen, wie so manche Prosa des Sozialistischen Realismus.

  13. Charlie schreibt:

    @ Bersarin: Der Text ist beides, wie so oft bei Brecht. Dein Werturteil „Gesinnungskitsch“ ist allerdings weder literaturwissenschaftlich, noch „ästhetisch“ – was auch immer das in diesem Zusammenhang auch sein mag – begründbar, sondern fußt offenbar einzig auf Deinem persönlichen Geschmack. Der ist Dir freilich unbenommen, besitzt hier aber keinerlei thematische Relevanz.

    Nach der ersten Lektüre einiger Deiner Beiträge in diesem Blog, das ich erst vor einigen Tagen durch einen Leserkommentar bei mir entdeckt habe, hätte ich Dir einen so plumpen Ausfall gar nicht zugetraut.

    Erstaunte Grüße!

  14. Bersarin schreibt:

    Es ist dies kein Ausfall, sondern eine objektive, in der Ästhetik gegründete Beschreibung. Als „Gesinnungskitsch“ bezeichne ich eine Literatur, die im Sinne pamphlethafter Parteinahme agiert, abgenutzte ästhetische Formen verwenden, zu einfach gestrickte und zu oft schon benutzte Bilde gebraucht oder einen schlecht gemachten Realismus, der uns die Realität eins-zu-eins abpinselt und mit dem moralischen Zeigefinger winkt. Ob das nun der Bitterfelder Weg ist oder die unidirektionale Darstellung von Elend. Das mochte zu Balzacs Zeiten in den 30er Jahren noch eine gewisse ästhetische Relevanz besitzen, spätestens aber seit Baudelaires „Blumen des Bösen“ fand sich eine ganz andere Schreibweise, wie sich das Soziale im autonomen Kunstwerk manifestierte.

    Brechts Text gehört da zwar noch zu den besseren, und es ist ihm vom Vers und der Sprache her eine ästhetische Relevanz nicht abzusprechen. Brecht unterläuft den avancierten Stand moderner Kunst jedoch immer dann, wenn er engagiert schreibt. So der „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ oder die „Johanna“. Als ob Faschismus und Kapitalismus in dieser lehrstückhaften Weise abliefen. Dieser Mangel im Text ist einem Vulgärmaterialismus geschuldet, der sich selber um die Dialektik bringt. Da liegt die Schwäche Brechts.

    Um Elend und soziale Mißstände – berechtigterweise – anzuklagen, bedarf es nicht der Kunst. Das ist wie mit Grassens „Gedicht“ über Israel. Das gut Gemeinte ist in der Kunst eben nicht das gut Gemachte.

  15. Bersarin schreibt:

    Und um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Mir geht es nicht darum, Kritik an der Gesellschaft abzubügeln, sondern lediglich um eine unidirektionale Form in der Kunst. Wenn sich vor mir ein Liedermacher mit Gitarre auf der Bühne aufbaut oder irgend ein Popstar singt: „Die Welt ist schlecht und überall verhungern Kinder“, so erfüllt mich sowohl dieser Umstand wie auch die Art dieser Darbietung mit Grausen. Gleiches gilt bei einer Kunst, die mich unterkomplex belehren will. Ich bin kein Kind und es sollte den Rezipienten genug Verstand zugetraut werden.

    Für die Darstellung von Elend und um deren Ursachen zu benennen, ist die Dokumentation ein sehr geeignetes Medium. Oder eben die Sozialreportage, wie sie maßgeblich Günter Wallraff in der BRD prägte.

  16. Charlie schreibt:

    @ Bersarin: Du schreibst es ja selbst: Du bezeichnest dieses Gedicht als „Gesinnungskitsch“ – von einer objektiven Betrachtungsweise kannst Du schon anhand Deiner eigenen Worte gar nicht weiter entfernt sein; ganz abgesehen davon, dass es so etwas wie Objektivität in der Beurteilung oder Bewertung von Kunst – in einem gewissen, sehr weit zu steckenden Rahmen – schlechthin gar nicht gibt und auch nicht geben kann. Ich bin mir fast sicher, dass ich Dir das nicht näher erläutern muss. Umso erstaunter bin ich, dass Du weiterhin in einer so absurden Weise argumentierst.

    Was Du als vorgebliche „Schwäche Brechts“ generalisierend in die Welt posaunst, gilt anderen gerade als dessen Stärke. Dasselbe – und auch dessen Umkehrung – lässt sich für die Formalien sämtlicher Werke der Literatur, Malerei, Musik etc. postulieren. Es ist mir wahrlich schon lange nicht mehr passiert, jemandem zu begegnen, der ernsthaft der Ansicht zu sein scheint, die eigene Wahrnehmung und Interpretation eines künstlerischen Werkes sei die „richtige“ oder „einzig gültige“. Das ist geradezu bestürzend, passt nebenbei aber leider vortrefflich in unsere neoliberal verseuchte Zeit der irrsinnigen „Alternativlosigkeit“.

    Ich habe anlässlich meiner kleinen Wortmeldung – wenn überhaupt – eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem überaus wichtigen, brennenden Thema erhofft und nicht eine derartig überflüssige Diskussion über formale Vorlieben, die vielleicht in der 8. oder 9. Klasse noch eine gewisse pubertäre Berechtigung haben kann, ansonsten aber ihrer offensichtlichen Redundanz wild kreischend erliegt.

    Um es dadaistisch mit den Worten Ernst Jandls auf den Punkt zu bringen:

    ottos mops klopft
    otto: komm mops komm
    ottos mops kommt
    ottos mops kotzt
    otto: ogottogott

    Grinsende, dennoch ernüchterte Grüße!

  17. Bersarin schreibt:

    Amigo Charlie, ich habe diese Auseinandersetzung bisher inhaltlich und sachlich geführt. Nur bist Du aus Unkenntnis über Kunst und deren Theorien auf die in der Sache der Ästhetik gegründeten Entgegnungen hinsichtlich der Probleme des Realismus leider nicht eingegangen. Das ist schade für Dich.

    Klar, wer sich von der Kunst die Parolen liefern lassen muß, die er selber nicht auf’s Transparent bringt, und als Surrogat dazu noch die tiefen Gefühle der Rührung samt richtiger Gesinnung vorgesetzt bekommen möchte, der soll das so machen. Deine Sicht allerdings stimmt weder subjektiv noch objektiv und sie hat mit ästhetischer Theorie und Kenntnis der Kunst nichts zu tun. Oder sollte etwa ein Gedicht wie dieses gelungen und ästhetisch richtig sein, nur weil die Reimform gewahrt ist, der Verfasser es als Gedicht bezeichnet und ein pathetischer lyrischer Ton darin schwebt?:

    Asylanten an den Grenzen
    lungern da mit leeren Wänsten
    Strömen frech ins deutsche Land
    bringen uns an Bankrottes Rand

    Fressen vom Kopf uns alle Haare
    Kosten Geld uns all die Jahre
    Während deutsche Kinder in Armut darben,
    Deutsche an Hartz IV starben,
    hungernd Flaschen von der Straße sammeln,
    die Asylanten dealend im Görlie gammeln.

    Undsoweiter undsofort. Ist ja nur subjektiv und eine Sache des Geschmacks: Der eine mag Brecht, der andere was anderes. Was Du als die Schwäche rechtsextremer Lyrik in die Welt posaunst, gilt anderen als deren Stärke. Und was unterscheidet dann Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ von irgend einem anderen Gedicht?:
    Wir zieh’n durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt,
    Das ist unsre‘ Nacht, wie für uns beide gemacht, oho oho
    Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu
    Küsse auf der Haut, so wie ein Liebes-Tattoo, oho, oho.
    Was das zwischen uns auch ist, Bilder die man nie vergisst
    Und dein Blick hat mir gezeigt, das ist unsre‘ Zeit

    Ist doch ein sinnlicher, bezaubernder Text, der den Moment und die Schönheit der Nacht hymnisch besingt, und er frönt zudem dem lebensbejahenden Hedonismus. Was spricht dagegen? Die Gründe weshalb das mißlungen ist, wirst Du kaum angeben können, wenn Dein persönliches, subjektives Gefallen und politische Anschauung, die einer als die richtige pachtet, das ästhetische Kriterium bilden. Da steht dann ein Meinen neben dem anderen. Faktum Deiner Ausführungen bleibt: Du kannst außer Deiner vermeintlich guten und politisch vermeintlich rechtschaffenen Haltung keinerlei ästhetische Kriterien angeben. Und das kippt bei der Textwahl dann in den Gesinnungskitsch.

    Kunst ist jedoch keine Gefühlsangelegenheit. Laß Dir das gesagt sein und nimm das als kostenlose Lehre mit nach Hause! Bessere Dich und versuche das Denken zu aktivieren, anstatt politische Bubi-Parolen des Lampenputzerrevoluzzers mit dicker Hose zu verbreiten! In Deinem Falle hat sich die dicke Hose als vollgeschissene erwiesen.

  18. Bersarin schreibt:

    Genau solche Gedichte meinte ich. Danke für die Illustration. Erst dachte ich, das sei ein Gedicht aus dem Expressionismus und wollte eine gewisse Milde walten lassen. Wer aber 1957 noch so schreibt, als wehte der spitze Hut vom Kopf des Bürgers: Tja, an dem ist irgendwie der Zug der Zeit vorbeigefahren. Das haben viele Dichter mit der SPD und den GRÜNEN gemeinsam.

  19. Jacomo schreibt:

    Du haettest auch vollkommen emotionslos eine Kuechenschabe zertreten koennen.

  20. Bersarin schreibt:

    In diesem Falle waren es Wirbellose.

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