Berliner Buchhandlungen – Teil 1. Mit einem zufälligen oder aber gewollten Abschweifer zum Weinfachgeschäft

Da dieser Blog seit einiger Zeit steigende Besucherzahlen aufweist, möchte ich dieses Vertrauen an meine Leserinnen zurückgeben, die Gunst vergelten nicht nur mit wohlfeilen guten Worten, Wissen, Weisheit, kritischer Ästhetik und W-Alliterationen, sondern ebenfalls mit einem Schuß Service und Nähe zur Praxis aisthetisch und helfend aufwarten. Zumindest für die Menschen, die in Berlin leben. Naturgemäß. Keine Zeitschrift, keine Illustrierte, die nicht etwas für ihre Kund(inn)en tut, um Bindungen zu festigen. Dies soll auch auf „Aisthesis“ geschehen: Der Bewohner des Grandhotels Abgrund testet und begibt sich in die Buchhandlungen Berlins; durchstreift im Dickicht der Städte den Dschungel der Lesewelten und zeigt die unterschiedlichen Konzepte, wie Bücher verkauft und präsentiert werden. Aufzuschreiben, was an jener Buchhandlung gefällt und an dieser mißfällt. In gewohnt elitärem und sich mit niemandem gemeinmachendem Gestus unerhörter Arroganz und Menschenfeindschaft. Ekel und Idiosynkrasie, aber ebenso die Leidenschaft und der staunende Blick des Skeptikers bilden weiterhin die Kraft der Philosophie wie auch der phänomenologischen Betrachtung von Welt. Neben der Analyse und ästhetischer Kreativität. Versteht sich.

Prenzlauer Berg. Am Hang, am Weinbergpark: quatsch, das ist ja noch Mitte –  Veteranenstraße, Invalidenstraße, Ecke Brunnenstraße. Schiefe Lage oder Schieferlage? Ich weiß das gar nicht mehr so genau. Eigentlich wollte ich zur Buchhandlung „Ocelot“, um dort zu stöbern, aber etwas anderes bannte mich, zog mich geradeaus, im Gang über die Kreuzung. Blicke aus Augenwinkeln in die Auslage gestreut, gleiten hinein und da war was. Ich stand vor der Weinhandlung „Baumgard & Braun“ in der Invalidenstraße, kurz vor der Kreuzung zur Ackerstraße, über die ich an dieser Stelle berichtete (freilich über den Westteil, hier und an dieser Stelle des Textes befinden wir uns im ehemaligen Osten der Stadt) und dachte, wenn Du da jetzt hineingehst, dann wirst Du mit Hilfe von Wörtern und Begriffen, Dir dort einen Wein kaufen, und es gibt kein Zurück. Gepflegtes Trinken mit Hang zum Ausschweifen ist eine der feinsten Lebensweisen, dachte ich mir weiter. Wir wollen lieber in Reichtum und Schönheit zugrunde gehen, trunken, taumelnd, textwärts, versnobt Gutes erstehen und derart in Gedanken ward die Tür aufgestoßen: ich betrat das Geschäft, worin ein Kaufmann stand, der eher in eine rheinländische Bierbude passen würde denn in eine Weinhandlung. Nein, nicht ganz, etwas weiter östlich gelagert, in eine meiner Lieblingsregionen der BRD: Dieser Mann erinnerte mich an das Ruhrgebiet und in gewisser Weise vom Aussehen an Armin Rohde. Im Hintergrund lief im Fernseher Fußball, die Bundesliga. Paderborn hörte ich eine Stimme reden. Ich denke mir: „Also Schieferlage und mineralisch soll es sein“, und ich denke an die Sätze vom Nörgler, daß die besten Riesling-Weine nun einmal aus der Pfalz kämen. Meine Gedanken teilte ich dem Weinhändler, der wie ein Bierverkäufer aussah, mit. Die Beratung erschien mir knapp, aber kompetent. So wie ich es schätze, wenn mir mein Gegenüber egal ist. Es gab kein sinnloses Gequatsche und Geplänkel, sondern einfache Gesten: der da und der da, so deutet er, kämen in Frage. Also nahm ich diese beiden vom Verkäufer vorgeschlagenen Flaschen. Den einen aus der Pfalz, den anderen von woanders, von der Mosel. Auf der Homepage, wo ich später, wieder Heim gekommen, nachschaute, um Informationen zum Geschäft zu finden, las ich bei den Angaben, wann die Weinhandlung geöffnet hat: „Sprechzeiten“. Das amüsierte mich. Als ob der Kauf von Alkohol in einer Arztpraxis erfolgte. Doch stimmt dies sogar: Weine sind Therapie. Können es sein, sofern sie vielschichtig und schmackhaft ausfallen. Deshalb war es ein guter Einfall vom vorgezeichneten Weg um ein geringes Stückchen abzuweichen.

Flugs brachte ich die Flaschen in den Kofferraum des Wagens. Schaute, ob irgendwo eine Politesse schlenderte. Niemand da: Der Risikofaktor ist gering, denke ich mir, in der Veteranenstraße gibt es heute keine Kontrolle. Mit Parktickets ist es wie mit Pferdewetten: Man muß wagen und intuitiv aufs richtige Pferdchen setzen. Es gibt in den Städten zwei Dinge, die ich verabscheue: Dreißigerzonen auf vierspurigen Hauptstraßen und Parkzonen. Die Flaschen verstaut, begann ich mit dem Spazieren. Diesmal ohne vom Weg abzukommen. Von der  Veteranenstraße bog ich in die Brunnenstraße, die rechts in den schrecklichen Wedding geht und links nach Mitte hinein führt: zum Rosenthaler Platz, auf die Torstraße und dann zum Alexanderplatz. Diese Richtung wählte ich. (Ich liebe diese Achsen  und Verknüpfungen von Straßen, schon als Kind tat ich das: wie man von der einen Straße, wo man wohnt, wenn man häufig genug abbiegt und lange genug fährt über eine Anzahl von Straßennamen plötzlich weit ab vom Ausgangspunkt landet. Das geht in ungezählten Möglichkeiten, wenn ich wollte, könnte ich in Gedanken auf Karte und oder real auf Gebiet bis nach Wladiwostock reisen.) Gleich zu Anfang auf der rechten Seite der Brunnenstraße gegenüber dem Volkspark am Weinberg befindet sich die Buchhandlung „Ocelot“. Sie war insolvent, nun hat sie einen neuen Betreiber. Ich trete ein. Schönes Interieur. Modern, frisch, trotz der dunklen Möbel und Regale. Das Interieur wirkt geräumig und weitläufig konzipiert, keine Enge herrscht, keine Menschen drängeln sich. Ansprechend in der Aufmachung.

RS368_115_Berlin_Ocelot_039Allerdings sind die Regale, wie ich beim Betrachten der Reihen bemerke, nur mit wenigen Büchern bestückt. Zu wenig Literatur bei derart viel Platz. Es wird dies vermutlich Programm der Buchhandlung sein – auch um sich von der kleinen, engen, dunklen Schmöckerhöhlen abzugrenzen. Gut zwar, daß es viel Platz gibt, alles ansprechend und gediegen modern ausschaut, aber es sind eben doch zu wenige Bücher, um intensiv zu stöbern, wahnhaft besetzend hineinzusinken in Texte wie Totem und Tabu: Buchfetische, sich in den Reihen, den Titeln und den Namen zu verlieren, an die sich all die Assoziationen knüpfen. „Ach, der Hettche, ‚Nox‘ damals, diese Existenzen, die Zeiten. Berlin Berlin, diese eine Nacht. Mordsmäßig“ „Ja, is gut jetzt!“ Es existiert ein großer Bereich mit Belletristik, ein paar Regale, die Lyrik enthalten. „April is the cruellest month, breeding//Lilacs out of the dead land, mixing//Memory and desire, stirring//Dull roots with spring rain.“ Nun haben wir April, aber weshalb sind diese Tage der Geburt grausam? Natur bricht aus, das macht das Grau der Stadt gefällig. Brüchigkeiten und Mischverhältnisse. Ja, die Lyrik. Sie fristet dürftiges Dasein. Das ist bedauerlich, doch sind leider im Geist der Gegenwart die meisten Gedichte übel zusammengeklaubt. Von Maggi gibt es die Fünf-Minuten-Terrine, das leckere Fertiggericht (rhetorische Figur der contradictio in adiecto), in der Lyrik schreiben wir das Zwei-Minuten-Gedicht: immer auf ungeheuer bedeutsam getrimmt, den verstohlenen Moment gebannt und gezaubert. Die Buchauswahl bei „Ocelot“ ist gut konzipiert, die Neuerscheinungen liegen parat. Auch Abseitiges finde ich. Für jeden etwas, allerdings mit Blick auf den typischen Prenzlauer Berg- und Mittekunden. Modern, ansprechend. Schade daß ich keine dieser schön gestalteten Lyrik-Bände aus dem KOOKbooks Verlag sah. (Aber vielleicht habe ich sie nur übersehen, ich will mich auf diese Behauptung nicht versteifen.)

Bei den Kinderbüchern liegen ausgesprochen schöne, kunstvolle und mit Gespür gestaltete Exemplare. Kinderbücher, wie ich sie mag. Ich werde meinen Kindern welche kaufen, denke ich mir. Paula und ihrem Zwillingsbruder. Bis mir einfiel, daß ich gar keine Kinder habe. Ob man die auch mittels Sprachspielen erzeugen kann? Das wäre weniger mühselig. Ich überlege, ob ich hätte Kinder haben wollen. Nein. Ich wäre kein guter Vater. Ein Vater sollte für seine Kinder da sein. Ich bin ein Verfechter der typischen Kleinfamilie. Vater, Mutter, Kind und vielleicht noch eins und noch eins. Drei oder zwei Kinder sind immer gut.

RS369_115_Berlin_Ocelot_055Weiter in den Gang hinein finden wir eine Krimiabteilung und auch eine Regalwand mit fremdsprachlicher Literatur. Von allem etwas. Kunstbuch und Photographie sind leider spärlich, mehr als spärlich mit Büchern ausgestattet. Der Theoriebereich ist restlos unterbelichtet, und es gibt deutlich zu wenige Berlin-Bücher. Gerade in dieser Ecke, wo es von spanisch, russisch, chinesisch, englisch, französisch sprechenden Menschen nur so wimmelt. Das hätte ich anders konzipiert. Ich hätte mir eine fette, abgefahrene Theoriewand gebaut, fein für den post-postmodernen Mitte-Hipster, den es vom „St. Oberholz“ vom Apple-Computer weg tatsächlich zum gedruckten Buch verschlägt. Foucault für Anfänger und für Laien vielleicht. Überwachen und Strafen für Chefs. Wahnsinn und Gesellschaft inmitten einer Partynacht. Lacan für Nerd. Und für den prenzelberger Sozialdarwinisten mit irgendwas in Medien und katholischem Einschlag: Carl Schmitt. Der Nomos der Erde – das sind Krieg, Raum und (Arbeits-)Lager. Leider ein wenig autoritätsdisponibel und dem Hörigkeitscharakter zuneigend. Texttheoretisch ist der opportunistische Gott-sei-bei-uns-Faschist aus Plettenberg dennoch nicht uninteressant.

So schwelgend, greife ich ins Regal, zunächst noch unentschlossen, schiebe die gezogenen Bücher wieder hinein, ziehe neue. Schließlich erstehe ich zwei Bücher, einmal „Butchers Crossing“ von John Williams und den Titel des anderen Buches habe ich wieder vergessen – es liegt in einem meiner Bücherstapel, die einzusortieren wären. Wer Kaffee trinken, einen Kuchen essen und Zeitungen lesen möchte, findet im vorderen Bereich der Buchhandlung Stühle und Tische, dahinter, die Theke, wo man sich seine Kaffee/Kuchen-Bestellung holen kann. Die Verkäufer_innen sind freundlich und hilfsbereit. Das ist alles nicht schlecht gedacht, insbesondere der großzügig konzipierte Platz, sehr modern im Ambiente, doch meine Lieblingsbuchhandlung wird es nicht werden. Zum unendlichen Stöbern ist mir die Auswahl zu gering und es fehlt der spezifische Charme. Was aber schwerer wiegt: es fehlt eine klare Linie im Aufbau und in der Konzeption, die eben für jenen spezifischen Charme sorgen würde. Ich hätte mich als Buchhändler in dieser Lage auf Berlin-Buch und auf Lyrik spezialisiert. Gerade für dieses Klientel, das es auf die Schnelle will und nicht den langen Atem für den großen Roman, die dicke Theorie oder ausschweifendes Sachbuch mitbringt, sondern die knappe Sentenz schätzt, ist Lyrik die bevorzugte Option. Insofern sage ich, vom Zeitgeist her gemutmaßt, diesem Genre Zukunft im Verkaufsgeschäft voraus. Geringe Textmengen, sofern es sich nicht um iliasgleiche Epen handelt, kurze Sätze, hohe Mitredekompetenz, und niemand erwartet mehr das Wissen um Gedichtformen wie Sonett oder Stanze, geschweige denn Wissen um Versmaß. Doch Töne erspüren vermögen qua Pop die meisten. Also: Lyrik ist der neue Roman.

Ich schlendere mit meinen Erstehungen die Brunnenstraße entlang, entsichere meinen Photoapparat und beginne damit, mich in den photographischen Blick zu versetzen. Die Bilder dieser Tour gibt es auf „Proteus Image“ zu sehen. Nach zwei Stunden geht es wieder in Richtung meines Wagens.

Ich halte den Prenzlauer Berg und diese Ecke von Mitte für gar nicht so schlimm, wie das bei vielen der Fall ist. Ich bin eigentlich sogar froh, daß dort viele Touristen sich aufhalten. Ich hoffe, das geschieht in den abgelegenen Gebieten Neuköllns irgendwann genauso: dann gibt es schöne Ladengeschäfte mit feinen Auslagen, die wir gerne zum Einkaufen betreten. Gut wäre es freilich, wenn auch die mit weniger Geld, soviel Geld hätten, um an den schönen Dingen teilzuhaben. Dazu allerdings müßten die mit dem weniger an Geld irgend etwas unternehmen. Da sie das nicht tun, müssen sie mit dem vorlieb nehmen, was übrigbleibt. Das ist schade, aber es ist so, denke ich mir traurig, während ich den Zündschlüssel herumdrehe und bemerke, daß hinter dem Scheibenwischer kein Parkticket klemmt.

Die Photographien sind der Internetseite bluespot entnommen.

8 Gedanken zu „Berliner Buchhandlungen – Teil 1. Mit einem zufälligen oder aber gewollten Abschweifer zum Weinfachgeschäft

  1. Ich kannte den Laden nur vor dem Besitzer-Wechsel, aber gerade das „Zuwenig“ an Büchern fiel mir auch auf. Lyrik ist ein tolles Konzept (auch weil vor dem Konkurs da sogar meine Bücher zu finden waren ;)), aber das scheint mir (vorerst ?) wirtschaftlich nur schwer machbar. Inwieweit das Geschäft für Touristen fußläufig attraktiv ist, vermag ich nicht zu beurteilen, glaube aber es liegt schon zu weit ab vom Brennpunkt Rosenthaler Platz. Ich hoffe sehr, die regelmäßigen und meist gut gewählten Lesungen werden wieder stattfinden.

  2. Danke für die Ergänzungen.

    Die Buchhandlung liegt zwischen Rosenthaler Platz und Weinbergpark, zudem kann man über die Brunnenstraße auch die Bernauer gut erreichen. Insofern mutmaßte ich und es gingen zu dieser Zeit als ich flanierte, viele Touristen umher. Was aber kein Kriterium sein kann, denn es könnte sich ebenso um einen Zufall gehandelt haben.

    Das Konzept Berlin-Buch (als Roman oder auch als Sachbuch) mag nicht originell wirken, aber ich denke man könnte dort ebenso viele Berlin-Texte von nicht ganz so bekannten Autorinnen und Autoren positionieren.

    Ich denke, es wird eine Weile brauchen, bis es zum Lyrik-Boom kommt. Aber er kommt. Vorzeichen sind Twitter und die neue SMS-Sprache auf 140 Zeichen. Die wengisten plagen sich, aufgrund eines Mangels an Zeit noch mit „Unendlicher Spaß“ oder „2666“ herum. Was schade ist.

  3. Lyrikwellen gab es schon viele und die nächste werden wir höchst wahrscheinlich noch erleben. Ein Gedicht wird aber „gemacht“ (Benn) und das Machen kann lange dauern, das Machen eines Twittereintrags hingegen dauert meist nicht länger als das Lesen desselben. Was den auf Aktuelles reagierenden Twittereintrag eben doch vom Gedicht unterscheidet.
    Viel Freude bei Tocotronic heute Abend, jener Band, der auch ich herzlich zugeneigt bin.

  4. Ich weiß – Lyrik will gemacht sein und ein gutes Gedicht bedeutet neben einer gewissen Inspiration noch viel mehr Arbeit. Dennoch scheint es mir, daß die Texte flüchtiger werden, weniger von Arbeit als von beliebiger Assoziation und vom bloß launigen Einfall getragen werden. Zusammengeklaubtes. Zumindest gilt dies für die Sphäre der Blogs. Im Buchbereich mag die Angelegenheit anders gelagert sein.

  5. Wobei man auch bei den Blogs differenzieren muß. Alles über den Leisten zu schlagen, ist nie hiflreich. Am Ende muß man sich einzelne Gedichte nehmen.

    Worum es ginge: Literatur und Lyrik von dem Wellen der Mode soweit freizuhalten, daß es nicht bloß modisch und im „Wir haben Raketen mit Judith Hermann und Helene Hegemann geangelt“-Sound bleibt. (Wenngleich wir die Mode nicht unterschätzen sollten, weil sie uns soziologisch, philosophisch und ästhetisch genommen immer auf den Geist dieser oder jener Zeit verweist und man anhand ihrer die Physiognomik eines Zeitalters schreiben und lesen kann. Siehe Walter Benjamin.)

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