Metaphysische Séance des Daseins: Die Gespenster, die uns bleiben und reiten

„Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, daß uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.

 Dies alles begreifen wir, wie gesagt, dann und wann einmal und wundern uns sehr über alle die schwindelnde Angst und Hast und über den ganzen traumartigen Zustand unseres Lebens, dem vor dem Erwachen zu grauen scheint und das um so lebhafter und unruhiger träumt, je näher es diesem Erwachen ist. Aber wir fühlen zugleich, wie wir zu schwach sind, jene Augenblicke der tiefsten Einkehr lange zu ertragen und wie nicht wir die Menschen sind, nach denen die gesamte Natur sich zu ihrer Erlösung hindrängt: viel schon, daß wir überhaupt einmal ein wenig mit dem Kopfe heraustauchen und es merken, in welchem Strom wir tief versenkt sind. Und auch dies gelingt uns nicht mit eigner Kraft, dieses Auftauchen und Wachwerden für einen verschwindenden Augenblick, wir müssen gehoben werden – und wer sind die, welche uns heben?“
(F. Nietzsche, Schopenhauer als Erzieher)

 Diese exzeptionellen Zustände eines anderen Tones können sich (unter anderem) im Ästhetischen finden oder aber – gleichsam als Bewegung eines Textes – wenn wir bestimmte Autoren lesen und mit einem Male alle Verblendung abspringt, der Schleier der Maya sich hebt. Die wenigsten aber tauchen heraus. Die wenigsten versenken sich in die Texte. Wer je Hegels Vorrede und seine Einleitung in die „Phänomenologie des Geistes“ las, ahnt worauf ich hinauswill.

Für Nietzsche sind es diese Momente, diese Augenblicke des Daseins, einer nach dem anderen, im Fluß der Zeit, die uns dargeboten und die beredt werden. Die meisten Menschen ertragen die Einsamkeit schlecht, geschweige, daß sie die daraus klingende  Sprache vernehmen. Doch diese Augenblicke allein reichen eben nicht aus. Es tritt etwas hinzu. Gedanken, Denken. Anderes Denken, das uns verabgründet. Auch Kunst wirkt als Abgrundstruktur, und ästhetische Theorie als Verabgrundung von Kunst. Leider geschehen diese „Verzückungsspitzen des Daseins“ vermittels der Kunst und der Texte nur selten. Das meiste hinterläßt uns schal und ist kunstgewerblich gefertigt. Aber darum geht es Nietzsche nicht einmal primär, denn es bleibt dieses Denken in der Logik des Subjekts und seiner Narzißmen und Selbstbespiegelungen verhaftet. Das Subjekt in der Diktion Nietzsches ist ein Effekt. Diskurseffekt, ein Wesen, das auf dem Rücken des Tigers durch einen Dschungel reitet, wie es in seinem Aufsatz zu Wahrheit und Lüge heißt. Dieses Bild birgt sicherlich Wahrheit in sich.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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20 Antworten zu Metaphysische Séance des Daseins: Die Gespenster, die uns bleiben und reiten

  1. ziggev schreibt:

    „Either you are mad or not. If you don’t know aloneness, there is something of madness in you.“

    Als abgewichster Osho-Kenner fiel mir natürlich auf, dass Nietzsche – „Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind – vom Alleinsein sprach, Dir jedoch das Wort „Einsamkeit“ unterlief. An anderer Stelle (Osho äüßert sich an 1363 Stellen übers Alleinsein):

    „I will tell you of one incident in Rabindranath Tagore’s life. His father was a great landlord. Their estate consisted of hundreds of towns and thousands of miles, and there was a beautiful river flowing through their estate. Rabindranath often used to go on his small houseboat and live for months on the beautiful river, surrounded by thick forest, in absolute silence and aloneness (Hervorhebung vom mir, zigg). One full-moon night, it happened: he was reading a very significant contribution to the philosophy of aesthetics, by Croce.

    Croce is perhaps the most significant philosopher who has thought about beauty. His whole life’s work was concerned with finding the meaning of beauty — not truth, not good. His sole concern was with what is beautiful. He thought if we can find what is beautiful we have found what is true, because truth cannot be ugly, and we have found what is good, because the beautiful cannot be evil. A beautiful conception …and with this foundation he worked his whole life to find out from different angles what beauty is.
    Rabindranath himself was a worshiper of beauty. He lived a very beautiful and aesthetic life. He not only created beautiful poetry, but his life itself was a beautiful poem. He was a very graceful man.

    On that full-moon night with a small candle inside his houseboat he was reading Croce. In the middle of night, tired from Croce’s very complicated arguments, he closed the book and blew out the candle. He was going to his bed to sleep, but a miracle happened. As the small flame of the candle disappeared, from every window and door of the small houseboat, the moon came dancing in. The moon filled the house with its splendor.
    Rabindranath remained silent for a moment …it was such a sacred experience. He went out of the house, and the moon was immensely beautiful in that silent night amongst those silent trees, with a river flowing so slowly that there was no noise. He wrote in his diary the next morning, „The beauty was all around me, but a small candle had been preventing it. Because of the light of the candle, the light of the moon could not enter.“

    This is exactly the meaning of nirvana. Your small flame of the ego, your small flame of the mind and its consciousness, is preventing the whole universe from rushing into you; hence the word nirvana — blow out the candle and let the whole universe penetrate you from every nook and corner.“

    Osho fasst den Unterschiedz zwischen Alleinsein und Einsamkeit folgendermaßen: Einsamkeit bedeutet Abwesenheit, Alleinsein bedeutet Präsenz:

    „Mulla Nasrudin went to his psychiatrist once and said, ‚Doctor, I wonder if you can split my personality for me?‘
    ‚Why? Why would you want to do that?‘ asked the doctor, surprised.
    ‚Because,‘ said the Mulla, ‚I am so lonesome.‘

    Man feels very alone without God, and to find the real God is arduous. It is very easy to create a pseudo-God which looks like God, which appears like God. It at least gives consolation that you are not alone. Have you watched your concept of God? Has it arisen out of the experience of your own being, or has it arisen out of your experience of your loneliness? This is the criterion: if you believe in God because you feel lonely, your God is going to be false; if you believe in God because you have experienced Him in your aloneness, if it has come out of your own being, then the God is real. Then let Nietzsche declare that God is dead; your God can never be dead. Your God is alive in you. How can Nietzsche declare that God is dead? But he could declare, and not only declare; his declaration became a prophecy. Within a hundred years, his declaration has become a reality. The God of the churches is dead, the God of the temples is dead, the God of the books is dead. Nobody has ever been so prophetic as Nietzsche has been. God is disappearing; the very word has become ugly.“

    Der Tiger, im Dschungel, in einer Vollmondnacht?

  2. Bersarin schreibt:

    Weil die Einsamkeit der Zustand ist, den Nietzsche in Wahrheit meinte. Das Alleinsein ist nicht existentiell (oder muß es nicht sein, das ist am Ende immer eine Frage der Interpretation und mit welchem Klang, Ton und Konzept ich das Wort verbinde.) Die Einsamkeit weist jedoch auf etwas Drastisches, ein reines Für-sich-sein. Ganz bei sich zu sein, dieses Verlassene eben auch zu spüren, und dennoch dabei und darin etwas wahrzunehmen. Dann erst geht in diesem Zustand etwas auf. Allein bin ich im Aufzug, wenn keiner mit darin ist, allein bin ich auf dem Klo bin oder wenn ich allein wohne. Aber an all diesen Orten bin ich erst einmal nicht einsam.

    Nietzsches Kollektivsingular „Wir“ ist allerdings interessant. Es ist jeder einzelne, für sich und doch nicht. Das, was bei Heidegger das Man ist.

  3. ziggev schreibt:

    janun, deshalb lese ich Nietzsche in Deinem Zitat eher als Kulturkritiker. Osho findet dennoch fast weitergehende und deutlichere Worte. Es gereicht uns jedoch immernoch zu irgendeinem Vorteil, dass Nietzsche so drastisch dazwischenfunkte, ich glaube aber, dass es ihn schon etwas nervte, dass er etwa 100 Jahre voraus war. Das Programm aber: Einer gegen alle (ihr habt mich alle verlassen!), ist für uns nicht mehr so wegweisend.

  4. Bersarin schreibt:

    Nietzsche ist auch – aber eben nicht nur – Kulturkritiker.

    Einer gegen alle oder wie auch immer, wer gegen wer, ist nicht eine Frage des Selbertuns,sondern es geht um den Blick auf diese Spielarten der Macht: wer gegen wen und aus welchen Gründen. In diesem Sinne konnte Adorno Nietzsche als einen jener schwarzen Schriftsteller des Bürgertums bezeichnen, die ihre eigene Herkunft und ihre eigene Klasse genealogisch sichtbar machen. Mit all ihren Fehlstellungen. Aus diesem Grunde auch rekurrierte Foucault auf Nietzsche.

    Nietzsche ging es nicht unbedingt um den Kampf aller gegen alle oder eines Menschen gegen alle, sondern um Selbstpraktiken, die auszubilden wären. Im Grunde also auch die Frage nach dem geglückten Leben. Der Blick auf Gesellschaft wiederum ist – bis heute aktuell – im Denken nur möglich, wenn man sich absondert und nicht unmittelbar gemein macht mit allem: Oder besser noch beides: Dabeisein ohne dabeizusein und mitzutun. Teilnehmende Beobachtung und zugleich „Herausspringen aus der Totschlägerreihe“ (Kafka).

  5. Peter schreibt:

    Bersarin schrieb: „Das meiste hinterläßt uns schal und ist kunstgewerblich gefertigt.“ und so scheint es auch aktuell hier: http://www.newtopia.de, dort toben sich idealistische Werte über eine utopische Geschellschaft auf medialbewusster Form wieder absolut zeitgemäß aus. Allerdings, wie ich kürzlich erst feststellte, haben diiese „Pioniere“ von Newtopia eine eigenständige Homepage erstellt und erst ab heute haben die Pioniere ihre Profile online gesetzt, und mich erinnert die Überschrift zu dem Beitrag hier vom Sound sehr an diese eine Pionierin, der ich auch einige Male im (gratis) Livestream lauschen konnte. Ohne jetzt hier abzuschweifen, nur kurz ein Auszug davon: “ […] Ich bin hier, um immer wieder aufzufordern, sich Selbst und seine Bedürfnisse besser kennenzulernen und Individualität nicht mit Egoismus zu verwechseln. Die eigenen Wahrnehmungen, Gefühle, Intuitionen und Impulse zu respektieren und anzunehmen. Es gibt nur 2 Grundgefühle – 1. Liebe oder 2. Angst. […]“

    Von der Homepage zitiert: http://www.newtopia-pioniere.de/pioniere/conny/

    Jeder kann sich aber recht schenll ein eigenes Bild dort machen. Interessant auch dieser Candy: Politologe mit Dreadlocks und John-Lennon-Gedächtnisbrille. In aufreizend trägem Singsang sinniert er über die Beschaffenheit einer zu gestaltenden Gesellschaft, das Wichtigste ist ihm Autonomie.

  6. Bersarin schreibt:

    Ich weiß nicht, was Nietzsche mit sat1 und Newtopia zu tun hat. Zumal hier im Blog keine Lebensformen und Utopien proklamiert werden, sondern ganz im Gegenteil jegliche Festsetzung und Befindlichkeitsranz samt Lebensform derselben lustvoll dekonstruiert werden, was Dir hätte auffallen müssen, wenn Du in diesem Blog regelmäßig liest.

    Bevor Du Dich also als Reflexleser und -Kommentator äußerst, beschäftige Dich mit den Inhalten von Sätzen. Zunächst mit Nietzsche. Dann mit meiner Kommentierung.

  7. Peter schreibt:

    Nun denn, das nehme ich gern so hin, ein Reflex war es wirklich. Dann versuche ich dein Rat wenigstens an deinem letzten Kommentar, ich gebe mir mehr Mühe: 1.) Nietzsche+sat1+Newtopia: dieses Dreigespann im Verbündnis exisitert tatsächlich, indem ein Pionier (der Hartz IV Empfänger) auf der Sat1-Seite Zitate Friedrich Nietsches als Lebensmotto vorgibt. („Wir leben in einem System, in dem man entweder Rad sein muss oder unter die Räder gerät.“ oder „Was mich nicht umbringt, macht mich härter!“). 2.) Utopie/vorgelebte Lebensform: die Dekonstruktion oder dystopisches Darstellen, hat jetzt in meiner Welt irgendwie miteinander korresponidert. 3.) Noch zu Nietzsche: was für Nietzsche Effekt ist, ist für diese Pionierin Conny multidimensionales „Wesen“.

  8. Bersarin schreibt:

    Der Mensch kann alles mit allem in Beziehung setzen. Ob das freilich immer sinnvoll und gelungen ist, steht dabei auf einem anderen Blatt. Wer Philosophie in ein Lebensmotto preßt oder als Slogan und Parole an die Wand sprüht, hat von eben dieser Philosophie wenig verstanden.

    Das Zitat heißt „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“. Reißt man diese Stellen bei Nietzsche zudem aus dem Zusammenhang, sind sie für jeden Unfug zu gebrauchen. Das siedelt zwischen NS-Härte-Kitsch der Allzuschwachen, wirrer Lebensphilosophie oder dümmlicher Frauenfeindlichkeit (siehe Weib, vergessen, Peitsche).

  9. ziggev schreibt:

    ach, bersarin – ich habe immer Probleme, mir anzugewöhnen, dass die Betonung auf dem a liegt, also bersárin -, ich fand Deinen Text eigentlich ganz schön improvisiert, locker hingeschrieben, Aspekte hier oder dort aufgreifend. Daher die Verlockung, weil ich ich den Eindruck hatte, Du könntest in den Verdacht geraten, es mit einer Art Kunstreligion zu tun zu haben, die etwas überlangen Osho-Passagen zu zitieren. Du weißt, nur als seichte Provokation gemeint. Wir wollen also nicht groß weiter über diesen nichtsdestotrotz charmanten Mann des Altertums reden, will da auch nicht weiter nerven. Bei Dir aber dennoch die Thematisierung dieser „spirituellen Momente“ ((in) der Einsamkeit) – sie scheinen immernoch und immerwieder die Funktion eines wie auch immer gearteten ästhetischen Prozesses zu sein, deswegen zitierte ich Osho, weil auch für ihn auch kein geringener als Gott Himself nur mit Mitteln der Schönheit anschaulich werden kann. Gewissermaßen als Warnung vor dem Vorwurf, es handele sich bei Dir um Kunstreligion. Ich sehe aber andererseits auch nicht, wie wir auf die Idee kommen könnten, Gott als Möglichkeit auszuschließen. Das wäre wirklich präpubertäres Omnipotenzphantasie-Gehabe.

    Lesen wir aber noch einmal Nietzsches „Vom Wege des Schaffenden“ aus dem Zarathustra. Ein Text, der sich explizit an den Einsamen richtet – der Titel könnte irreführend sein. Nietzsche warnt den Einsamen vor der Rache der Mitmacher und -läufer. Zurecht. Dennoch missbehagt mir die hier angelegte Heroisierung des Einzelgängers. Als ginge es Nietzsche um ein avantgardistisches Einzelgängertum, So, glaube ich, nicht. Das Einsamsein in der Masse ist nicht notwendig Einsamkeit. Es ist das Alleinsein; nicht nummerisch aufgefasst im Gegensatz zur Einsamkeit, es fahren nicht die Anzahl Personen 1 plus minus null im Fahrstuhl. Das Alleinsein fasst dieses „Ganz bei-sich-Sein“ viel besser als die Einsamkeit, denn letztere setzt als Privatio immer schon eine wie auch geartete unio voraus, sei es in der Vergangenheit, von der sie sich avantgardistisch abzusetzen zu bestreben hat, oder sei es in der Zukunft, um ihr nachzuhecheln. Dieses „sei in der Welt, aber nicht von dieser Welt“, es zu vermögen, auch in der Masse „bei sich selbst bleiben zu können“ ist kein Mangelphänomen. Das Potential der Einsamkeit, von der Nietzsche spricht, ist das Alleinsein, der Schaffende, nicht führt eine ästhetische Existenz notwendig zur Einsamkeit.

  10. Bersarin schreibt:

    Ja, dieser Text ist insofern improvisiert oder aber als Interludium gedacht, weil er sich an einem Zitat entlangschreibt (wie es häufig hier im Blog geschieht) und dem Text einen weiteren Text hinzufügt. Die Texte in diesem philosophisch-ästhetischen Blog sind insofern Fragmente, die in einem losen Zusammenhang stehen. Man kann diesen Blog als unendliches Buch lesen, das eines ans andere koppelt, die Blickrichtungen und die Bezüge zwar wechselt, aber meist kreisen all diese Überlegungen und Zitate um einige wenige Aspekte.

    Kunstreligion ist naturgemäß das Gegenteil von Kunst. Worum es gehen muß, bleibt: aus der Kunst das bloß Anbetende oder kulinarisch Genießerische auszuschließen: Daß Kunst geschlürft werde, daß sie der Erbauung oder der Kompensation diene. Alles im Grunde auratische Aspekte von Kunst. Dennoch scheinen mir die Akte der Aurazertrümmerung nicht einfach und mühelos vonstatten zu gehen. Es gälte eher einen verschütteten auratischen Aspekt an der Kunst wiederzugewinnen. Ihre Verrätselung, ihr radikal hermetisches Moment.

    Nietzsches „Zarathustra“ bleibt ein Massiv für sich. Leicht zu kritisieren, ob seines hohen Tonfalles, vielfach in seiner rhetorischen und literarischen Dimension verkannt. Es handelt sich um einen der wenigen Texte in der Philosophie – neben Adornos „Minima Moralia“ – wo die Grenze zwischen Poesie/Literatur und Philosophie nicht mehr starr ausfällt und dualistisch die Systeme fortgeschrieben werden. Ergänzen wir diese Einsamkeit im Text Nietzsches um einen Satz aus Adornos „Minima Moralia“:

    „Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu bewähren vermag. Alles Mitmachen, alle Menschlichkeit von Umgang und Teilhabe ist bloße Maske fürs stillschweigende Akzeptieren des Unmenschlichen. Einig sein soll man mit dem Leiden der Menschen: der kleinste Schritt zu ihren Freuden hin ist einer zur Verhärtung des Leidens.“

  11. ziggev schreibt:

    trotzdem, nur weil Adorno gut schreiben konnte, handelt es sich immer noch nicht um Philosophie. Und wie sehr liebte ich, immer im Rhythmus bleibend, Nietzsches Interpunktion, insbesondere auf einen Punkt folgend den nächsten mit einem Gedankenstrich beginnen zu lassen, ich kann´s nicht lassen, es ist epigonenhaft, werde es aber immer wiedertun. – „Der kann wenigstens noch schreiben“, kann doch nicht alles gewesen sein.

    Dennoch scheint mir Adornos Enthaltsamkeit der Einsamkeit nichts – weil der Anstrebung nicht zugänglich – Anstrebenswertes zu sein. Und ich bleibe misstrauisch ob dieses so sehr dem Verdacht der eitlen Enthaltsamkeit sich aussetzenden Heroentums.

    Es vermeint dies sich so leicht nachahmen zu lassen, es fehlt aber die Benennung des Ekels und der Abscheu. Nietzsche, und vielleicht Adorno epigonenhaft, haben diese Geste der Verneinung paradigmatisch durchgehalten, sodass sogar der Schreibende hinter dieser Geste, diesem Stil verschwindet. Es bleibt der Stil, seltsam in sich kreisende Sätze, und sind wir wirklich bereit, dieses heroische Opfer, das sich niemandem opfern will, anzunehmen?

    Natürlich nicht. Nochmal: der heroische Künstler-Philosoph als erratisch sich hochstreckende Gestalt? Nicht mit mir, denn alles, was dann folgt, muss epigonenhaft wirken. Es scheint, ähnliches ist Heidegger passiert.

    Es bleibt ein gut zu lesendes Schlusskapitel einer bestimmten Philosophiegeschichte: der Stil. Der Lektor (den ich billiges Bier auf einem unserer Konzerte für den Bodensatz der Gesellschaft trinkend traf) – für die Financial Times Germany – meinte, als ich ihn nach guter Lektüre zum Training in solchen Sachen traf: „tja, mag nicht jeder, aber: Heidegger.“

    Mir schwebt da eher ein „fröhlicher Positivist“, vielleicht im foucaultschen Sinne, mindestens aber wie wir ihn zuletzt in Gestalt von Bruno Latour kennen lernen durften, vor.

  12. Bersarin schreibt:

    Bei diesen Texten Adornos aus den „Minima Moralia“ handelt es sich nicht bloß um schön Geschriebenes und um die Kunst, gut formulieren zu können, sondern diese zitierte Passage ist in die Philosophie Adornos eingebettet und insofern deren Bestandteil, wenn wir davon ausgehen, daß Adorno nicht in Demenz schrieb und seine „Dialektik der Aufklärung“ sowie die „Philosophie der neuen Musik“ bereits wieder vergessen hatte. Ich vermute, er hatte sie im Hinterkopf und baute hier gleichsam kompositorisch die Motive auf, die er dann in unterschiedlichen Formen durch- und anspielte.

    Adorno hat die Geste der Verneinung sicherlich nicht epigonenhaft durchgehalten, sondern sie gründet sich auf eine philosophische Tradition: nämlich Hegel und Marx. Adorno schreibt diese Negativität nicht nur als Geste fort, denn eine Geste ist da und dann wieder fort und verschwunden, sondern er verfestigt diese Negation. Und liefert Gründe dafür. Das Problem der „,Minima Moralia“ liegt allerdings darin, daß viele sie für Slogans mißbrauchen und die Gehalte des Textes sowie den gesellschaftlichen geschichtlich-konkreten Zusammenhang nicht zu denken gewillt sind, sondern die Sätze eins-zu-eins übernehmen. Das geht meist nicht so gut aus. Man merkt dies insbesondere an den Kritikern Adornos. Zudem stellt dieses Buch keine Handlungsanweisung bereit. Es ist kein Ratgeberbuch.

    Für Heroismus ist bei Adorno kaum Platz. Allenfalls für Skepsis und Zweifel, so wie in dieser zitierten Stelle im Angesicht von Faschismus und Stalinismus. Diese Skepsis läßt sich heute unter anderen Bedingungen mit Adorno und darüber hinaus fortschreiben. Aber das eben ist dann auch wieder nicht alles, wenn wir an die von ihm entfalteten Bilder im Schlußteil seiner „Negativen Dialektik“ denken, insbesondere seine Überlegungen zur metaphysischen Erfahrung.

    „Auch im Bewußtsein der Subjekte wählt die bürgerliche Gesellschaft lieber den totalen Untergang, ihr objektives Potential, als daß sie zu Reflexionen sich aufschwänge, die ihre Grundschicht bedrohten. Die metaphysischen Interessen der Menschen bedürften der ungeschmälerten Wahrnehmung ihrer materiellen. Solange diese ihnen verschleiert sind, leben sie unterm Schleier der Maja. Nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles.“

    Dieses Denken scheint mir denn doch gehaltvoller und ebenso stilistisch ansprechender als die Heideggersche Seinsberaunung.

    Heideggers Texte als Training für den Stil zu nehmen, entbehrt durchaus nicht einer (womöglich unfreiwilligen) Komik. Aber in der Tat ist Heidegger eine gute Übung: Allerdings ex negativo. Wie nämlich auf keinen Fall zu schreiben sei, um nicht in den Gesinnungskitsch zu verfallen. Bei Heidegger zeigt sich aufs schönste, inwiefern Sprache und Inhalt des Denkens aufs Extrem auseinander klaffen. Allerdings: es liegt in seinen Texten eine Intuition und ein Aspekt, den ich durchaus für bedenkenswert halte. Bei Heidegger tritt die Kluft zwischen empirischem und transzendentalem Charakter einmal mehr deutlich zutage.

    Wer seinen Stil schulen will, der lese Karl Kraus, Nietzsche, Schopenhauer, Freud, Marx und Bersarin.

  13. ziggev schreibt:

    Das Alleinsein ist eine mathematische Rechenaufgabe: Es sind mehr als keine und weniger als zwei unterwegs, die nicht wieder teilbar sind.

    Nietzsche lassen wir es noch durchgehen, von „Einsamkeit“ zu sprechen. Aber wenn vom „gesellschaftlichen geschichtlich-konkreten Zusammenhang“ die rede ist, dann nicht mehr. Dieser Begriff läßt sich durch jede noch so gekonnte Gesellschaftskritik nicht mehr einholen. Es bleibt keine Einsamkeit, es bleibt nur das Alleinsein. Nur dort passieren jene „Verzückungsspitzen“, nur dort. Es gibt keine Einsamkeit. Sie ist eine Erfindung der schönen Worte.

  14. Bersarin schreibt:

    Der Unterschied ist der: Einsam kannst Du auch unter vielen sein. Allein bist Du nur alleine: Wenn Du lebendig begraben wirst, im Keller zum Kohlenholen, auf dem Klo oder bei der Selbstbefriedigung – wobei ich es mag, einer Frau dabei zuzusehen. Dann aber sind wir nicht mehr allein, können aber in dieser Handlung sehr wohl noch einsam sein. Einsamkeit meint einen Zustand, deshalb schreibt Adorno eben nicht „allein sein“. Der Intellektuelle fährt eben nicht in eine Hütte nach Norwegen: Menschenverlassen und abgesondert von allem, also allein. Er oder sie muß dort aber keineswegs einsam sein: er kann die Hasen und die Igel beobachten, er kann Rentiere jagen, sofern es da welche gibt. Er kann die Natur betrachten: Dabei ist er allein. Aber nicht unbedingt einsam, sofern sich in diese Betrachtung nicht ein bestimmter Zustand mischt. Das hat zunächst nichts mit den Verzückungsspitzen zu tun. Diese sind sowohl im Alleinsein als auch in der Einsamkeit erfahrbar. Zudem gibt es Zustände, in denen sich die Begriffe synonym verwenden lassen. In der kalten Tundra oder der heißen Wüste oder im deutschen dunklen Wald, durch den ich alleine gehe, kann ich mich ungemein einsam fühlen: als sei ich der einzige Mensch auf dieser Welt. Diese Einsamkeit wäre dann eine Verlassenheit, wenn ich den Verlust von allem Menschlichen bedauere.

    Wenn Du den Begriff der Waldeinsamkeit nimmst, wird vielleicht noch einmal ein Aspekt dieses Begriffes deutlich.

  15. Bersarin schreibt:

    So vielleicht auch noch:

  16. ziggev schreibt:

    bersarin, in Deinem obigen Blog findet sich der folgende Eintrag:

    „Die meisten Menschen ertragen die Einsamkeit schlecht, geschweige, daß sie die daraus klingende Sprache vernehmen. Doch diese Augenblicke allein reichen eben nicht aus. Es tritt etwas hinzu. Gedanken, Denken. Anderes Denken, das uns verabgründet. Auch Kunst wirkt als Abgrundstruktur, und ästhetische Theorie als Verabgründung von Kunst. Leider geschehen diese „Verzückungsspitzen des Daseins“ vermittels der Kunst und der Texte nur selten.“

    „Es tritt etwas hinzu. Gedanken, Denken.“

    Immernoch mit Szondie beschäftigt, gibt mir diese Lektüre die Idee ein, dass es etwas gebe, wo es weder Alleinsein noch Einsamkeit gibt, das (klassische) Drama; – so schreibt Szondi, „Das Zwischenmenschliche (2) ist im Drama absolut, weil weder Inner- noch Außermenschliches nebem ihm stehen. Indem sich das Drama der Renaissance auf den Dialog beschränkt, wählt es die Sphäre des ‚Zwischen‘.“

    Die Krise des Dramas (des ausgehenden 19. Jahrhundertes) sieht Szondi nicht zuletzt als auf die „Kräfte zurückzuführen, die die Menschen aus dem zwischenmenschlichen Bezug in die Vereinzelung treiben“, und kommt im Verlauf seiner überaus konzisen Analyse, für die er u.a. Hauptmann und Strindberg heranzieht, zur Diagnose, dass „das Drama des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts in seinem Inhalt, was es, aus Treue zum Überlieferten, formal weiter aussagen will [verneint]: die zwischenmenschliche Aktualität.“ So gelange in der Technik Strindbergs (die „Stationentechnik“) die Vereinzelung des Menschen, das isolierte Ich, nicht zum thematischen Ausdruck, sondern die entfremdete Welt, der es gegenüberstehe. Andererseits: Als den ‚expressionistischen‘ Aspekt Strindbergs charakterisiert er an einer Stelle (das ist jetzt hier natürlich arg verkürzt), dadurch, dass die Personen „Ich-Ausstrahlungen des Unbekannten (dies der Name des Ich-Protagonisten, Anm., zigg) sind, das Werk also als Ganzes in der Subjektivität des Helden beheimatet ist“. Dennoch bleibe nur die entfremdete Welt thematisch möglich, welchen Gedanken er mit einem Zitat aus der Minima Moralia vorbereitet: „‚So real das Individuum‘, heißt es dort, ‚in seiner Beziehung zu anderen sein mag, es ist, als Absolutes betrachtet, eine bloße Abstraktion‘. Das Ich ‚wird umso reicher, je freier es‘ in der Beziehung zum Objekt ’sich entfaltet und sie zurückspiegelt, während seine Abgrenzung und Verhärtung, die es als Ursprung reklamiert, eben damit es beschränkt, verarmen lässt und reduziert‘.“

    Aber jener Widerspruch (ich fasse schroff zusammen) sei „die Paradoxie der Subjektivität, die Selbst-Entfremdung in der Reflexion, das Gegenständlichwerden des ins Auge gefassten eigenen Ich, das Umschlagen der potenzierten Subjektivität ins Objektive. Daß das Unbewusste dem bewussten Ich (d.h. das sich seiner selbst bewusst werdende Ich) sich selber als ein Fremdes begegnet, verrät die Psychoanalyse schon in ihrer Terminologie, …“)

    Vielleicht meintest Du mit dem „Verabgründen“ unserer anhand von Gedanken oder Kunst soetwas, – wie sich bei Szondi in der Theorie sich unsere Einsamkeit spiegelt, im Drama der Krisis des Dramas. Darum, glaube ich wenigstens, jetzt bei erneuter Lektüre, war ich von Szondi damals so beeindruckt. Für die Einsamkeit des epischen Ichs gibt es keine Worte, weil das Absolute des Zwischenmenschlichen unmöglich geworden ist, dem das Inner- wie das Außermenschliche äußerlich sind.

    Und die Einsamkeit bleibt selbstverständlich, wenn wir in „existenzieller Enge“ (Szondi zufolge ein Lösungsversuch der Krise) aneinandergekettet zu einer zwischenmenschlichen ‚Dialektik‘ (Szondi bezieht sich ier auf Hebbel) gezwungen sind, zu der wir nicht mehr fähig sind.

    All das nur, weil ich versuchte, anhand meiner derzeitigen Mittagspausen-Lektüre versuchte, nachzuvollziehen, was Du gemeint haben könntest.

    Aber sind wir denn wirklich einsam i.S.v. allein, wenn wir uns übers fehlen von zwischenmenschlichen Bezügen beklagen oder freuen, uns dann noch „verabgründen“ (ist ja, keine Frage, ein schönes Wort), im Denken, der (Selbst-)Reflexion uns verheimaten, in der Selbst-Entfremdung verdoppeln?

    klar, ich war immer schon zwei Öltanks, und brauchte nie einen Psychiater, wir Mulla Nasrudin, um meine Persönlichkeit aufzuspalten, damit ich nicht so lonesome wäre …

    Vielleicht liegen wir tatsächlich in diesem Punkt auseinander: ich meine die Einsamkeit (für die ich eben „Alleinsein“ einsetze) selbst als ästhetischen Erfahrungsraum, während Du eine Art Einsamkeit als Bedingung für weitere ästhetische Erfahrungen (Reflexionen und dergleichen mehr mit eingeschlossen) darunter versanden haben willst. Du schriebst ja zuletzt:

    „Der Intellektuelle fährt eben nicht in eine Hütte nach Norwegen: Menschenverlassen und abgesondert von allem, also allein. Er oder sie muß dort aber keineswegs einsam sein: er kann die Hasen und die Igel beobachten, er kann Rentiere jagen, sofern es da welche gibt. Er kann die Natur betrachten: Dabei ist er allein. Aber nicht unbedingt einsam, sofern sich in diese Betrachtung nicht ein bestimmter Zustand mischt.“

    Wittgensteins Norwegenaufenthalte, in einer Hütte nahe eines Fjords oder See, waren also nicht die eines „Intellektuellen“. Er wolle bloß allein sein, um sich besser konzentrieren zu können, wie auch immer …

    Bei Dir kommt es auf die mentale Stimmung, die geistige Haltung … des Intellektuellen an.

    Ich halte dagegen: Du kannst überall einsam sein, während eines bescheuerten Disco-Besuchs, in enervierender Gesellschaft, in „Norwegian Woods“ – Du bist aber nicht notwendig im emphatisch verstandenen Sinne „allein“. All jene „zwischenmenschlichen“ Bezüge können – als Negation – immernoch vorhanden sein, und sei es die zu Deinem „objetivierten Selbst“, ich bin zwei Öltanks. Du kannst im Himalaja den „einsamen“ Eremiten in seiner Einsiedelei aufsuchen, in dieser Einsamkeit wirst Du aber nicht allein sein können, wenn Du unter diesem Alleinsein eine Einsamkeit verstehst, die bedeutet: Frau und Kinder sind nicht anwesend, ich habe meinen Beruf aufgegeben, all meine Kollegen, die besten Freunde, z.B. XY, all dieses Marktplatzgewusel, das ich so liebte, ist jetzt nicht mehr da …

    Einsamkeit kann das genaue Gegenteil von Alleinsein bedeuten. Während Alleinsein ebenso im Gewusel einer Kirmes möglich ist, was landläufigerweise immer nur der Einsamkeit zugeschrieben wurde. Warum? Weil dann die Einsamkeit umso mehr erlitten wird als Abwesenheit – von etwas, das gerade darum umso mehr das Alleinsein verhindert, als erlitten erfahren wird und sich deshalb umso mehr ins Gedächtnis eingräbt, ein triviales Stereotyp.

  17. ziggev schreibt:

    oder das?

  18. Bersarin schreibt:

    „dass es etwas gebe, wo es weder Alleinsein noch Einsamkeit gibt, das (klassische) Drama“

    Interessanter Gedanke, der mir gefällt, weil er auf eine dritte Position zwischen oder über den Begriffen verweist.

    Wittgenstein interessiert mich ehrlich gesagt nicht die Bohne, in seinen Texten fehlt mir die Komplexität. Sein joviales Geduze in den „Untersuchungen“ ist enervierend. Dieser Art des Schreibens kann ich nichts abgewinnen. Nein, er ist kein Intellektueller. Aber er wollte es auch nicht sein.

    Ich denke, wir gebrauchen die Begriffe „allein“ und „einsam“ unterschiedlich und schieben ihnen eine Referenz unter, die der andere anders gewichtet. So als wäre der Abendstern für Dich der Morgenstern. Und für mich der Morgenstern der Abendstern. Über diesen Gebrauch kann man weidlich hin und her disputieren. Ich halte solche Dispute jedoch ab einem bestimmten Punkt für unergiebig, weil sie nicht in die Philosophie gehen, sondern entweder zum Detailfetischismus sich hinabtreiben oder aber auf krude Rechthaberei hinauslaufen. Interessanter ist es da dann doch, zunächst anzuerkennen, daß unterschiedliche Sprechweisen, differente Erkenntnisarten und -interessen im Raum stehen und zu schauen, wo Widersprüche, Differenzen oder Gemeinsamkeiten vorliegen und was die (intrinsischen) philosophisch-ästhetischen Motive sein könnten, die das unterschiedliche Sprechen erzeugen und erlauben. Ein Sprechen, das bis hinein ins Idiom sich zu steigern vermag. Das Zerfleddern und Erklären der Begriff führt meist nicht weit. Besser ist es, sie in der Darstellung, also im Text selber zu entfalten. Oder kann einer in wenigen Sätzen Begriffe wie Dialektik und Konstellation erklären? Und selbst wenn man es könnte, sind Definitionen philosophisch-ästhetisch unbefriedigend.

    Wie gesagt: der Szondi ist spannend, liegt jedoch bei mir lange zurück. Er hat sich in Berlin in einer der Seen ertränkt. Ich glaube am Lietzensee. An Szondis Individualisierungs- und Entfremdungsthese ist sicherlich etwas dran. Interessanterweise wird diese mon(ad)ologische Verkapselung des Subjekts dann gerade bei Becketts „Endspiel“ wieder aufgebrochen und in einen Raum dialogischer Kommunikation geführt, bei der der eine auf den anderen immer angewiesen und verwiesen bleibt. Bei gleichzeitiger Reduktion und Entfremdung in der Handlung und der Szenerie. Allein zumindest sind Hamm und Clov nicht und sie sind auch nicht einsam.

  19. ziggev schreibt:

    ich sehe Einsamkeit wie lange Weile. Praktisch. meine Wohnung ist immerhin groß genug, damit ich gedankenverloren auf- und abschreiten (Grübeln aufschnell) kann, ohne dabei mehr als zweimal die Richtung ändern zu müssen. Aber ich widerrufe (fast) alles bisher gesagte: Es kann auch Alleinsein in Einsamkeit zurückverwandelt werden: in dieser Schwärze verschwindet selbst der Alleinseiende.

  20. Bersarin schreibt:

    Ich mag diese Schwärze. Zumindest an manchen dieser Tage.

    Eine große Wohnung, in der man spazieren und gehen kann, ist ein ein Schatz, ein ungeheures Privileg. Ich mache das bei mir ebenfalls. Den Flur entlang, der einer düsteren Kegelbahn gleicht, wo manchmal die Würfel fallen oder aber die Köpfe beim Kegeln rollen, wie in jenem Märchen von dem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Diese Märchen habe ich als Kind geliebt.

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