Short Cuts. Rolf Dieter Brinkmann zum 75. Geburtstag

Geboren in Vechta. Das zeichnet. Wie jeder Ort sich einschreibt und Bilder zeugt. Call it hot stuff. Am Ende kommt es darauf an, was wir mit diesem Stoff anstellen werden.

Die Frage nach dem Schreiben war zunächst eine nach den Objekten oder an die Dinge, die in den Fokus des Dichters zu rücken wären und wie sie sich realisierten. Eigentümliche Dinge, in den frühen 60er Jahren, so zwanzig Jahre nach dem zweiten großen Krieg des 20. Jahrhunderts, von den vielen kleinen ganz abgesehen, da waren die Szenen einer verhaßten Kleinstadt und die Übermächtigen der Schreibzunft aus der Flakhelfergeneration oder später geboren, gegen die es einen eigenen Sound, einen Ton zu etablieren galt, der in Drastik und Lakonik so bisher nicht da war. Impressionen und das Objekt als Objekt das zum Verwechseln einlädt:

Verwechslung
In dem kleinen
Obstladen der Seitenstraße
kurz nach Ladenschluß, sagte sie.
Zur gleichen Zeit
überquert ein Mann
die Kreuzung.
Obstläden solcher
Art gibts viele.

(in: Le Chant du Monde, 1963/64)

Das sind Texte, die noch tasten. Die, wie in seinem ersten Gedichtband „Ihr nennt es Sprache“ sich ihres Ortes vergewissern. Reimzone 1962. Schreibversuch des Dichters als junger Hund, denn „Am Anfang war das Wort“, so Brinkmann. Abgelebte Theologie im Gedicht ins Profane treibend. Doch selbst abgelebte Theologie bleibt im Profanen eben jener Theologie verbunden.  In die Sphäre der „Kulturgüter“ mischt sich bei Brinkmann eine Rebellion gegen genau diese Kultur; eine Revolte, die sich aus dem Geist der populären Musik speist, für die wir den Namen Pop wählen, welcher sich als universale Spielmarke erweisen wird. Weltengesang eben. Kultur der hohen Art degenerierte bloß noch zum Effekt und zum Distinktionsmerkmal, das ahnte der frühe Nicht-68er Brinkmann. Lakonisch-frech die Gesten und Zeichen benennend, kurz nach Stunde null, die keine war. (Daß Pop nie hält, was er verspricht, konnte Brinkmann nicht wissen.) Despektierlich den Müll auf den Müll, der sich Kultur nennt, türmend, wie in seinen Comic-Gedichten im Band „Die Piloten“ von 1968. Kultur degradiert zur Abfolge und zu Effekten:

 Kulturgüter
Eine Sonate von Stockhausen
drei Preise für Böll
das Dementi von Andersch
zwei Schmierzettel von Faßbender
Marylin Monroe ist tot
ihre roten Morgenröcke
das Vermächtnis von Borchert
von Bense die Theorie
ein Jahr die Frankfurter
Ohrenschmalz von Enzensberger
die Lyrik Heissenbüttels
ein Fötus in Spiritus

(in: Ihr nennt es Sprache, 1962)

Rotzfrech für einen 22jährigen. Nicht Wohlklang mehr und „Kein Dinge sei, wo das Wort gebricht“, sondern eine krude Reihung, keine Entscheidung in der Wahrheit der Situation und in der Entschlossenheit oder was der Pathosgeladenheiten dieser Zeit noch mehr ist, keine „Gruppe 47“, zu der Brinkmann, anders als der zwei Jahre jüngere Peter Handke, nie geladen wurde und die er sicherlich fluchend zerlegt hätte. (Das tat dann in Princeton Handke. Aber anders.) Ein Ausbruch, neue Zeit. Und welch ein Kontrast zur hermetischen Lyrik und insbesondere zu Paul Celan. Unvereinbarkeiten.

Für die beginnenden 70er Jahre und bis in die 80er Jahre hinein trat, nach dem Scheitern der Revolten und als der lange Marsch durch die Institutionen sich anschickte, auf den Weg sich zu machen, weil die Verwirklichung der Praxis versäumt ward, als Schreibweise der Literatur die Wendung hin zu einer „Neuen Subjektivität“ auf den Plan. Diese Art des Schreibens machte sich radikal an die eigenen Befindlichkeiten heran – ausdeutend, ausbeutend – und münzte sie in Literatur. Das spielte sich als autobiographisches Schreiben und in den sogenannten Verständigungstexten ab. (Dazu etwa Ralf Schnells instruktive Literaturgeschichte der BRD). Ein Subjekt trat auf den Plan, das sich seiner eigenen Empfindungsfähigkeit zu versichern suchte. Ausdeutend, ausbeutend, noch einmal und immer wieder im Duplex-Verfahren. Großspurig, kleinkariert. Doch es gibt diese Ausnahmegestalten: Großartig, dicht gebaut, kreisend, kreiselnd, tastend nach dem Ausdruck bei Peter Handke: dem großen Versucher des geglückten Augenblicks. Und eben auch bei Rolf Dieter Brinkmann. Freilich in einer ganz und gar anderen Weise.

Dessen Tonlage allerdings änderte sich in den 70er Jahren. Seine Texte wurden vom Rhythmus her und in der Anordnung der Zeilen musikalisch-beweglich, teils synchron zu lesen, wie jenes Gedicht namens „Westwärts“. Das Erstarrte und das Direkte im Ausdruck der frühen Texte, fast wie Protokollsätze, verflüssigte sich, gewann Form. In den Text Brinkmanns schlich sich, neben seinen wunderbaren Elogen auf die Schönheit eines Augenblicks zugleich diese uneinholbare Melancholie ein:

Trauer auf dem Wäschedraht im Januar
Ein Stück Draht, krumm
ausgepannt, zwischen zwei
kahlen Bäumen, die

Bald wieder Blätter
treiben, früh am Morgen
hängt daran eine

Frisch gewaschene
schwarze Strumpfhose
aus den verwickelten

Langen Beinen tropft
das Wasser in dem hellen
frühen Licht auf die Steine

(in: Westwärts 1&2, 1975)

 Haikuhaft fast: Prosa in Poesie, Prosaischwerden der Welt oder deren Poetisierung als Alltag, „Ihr nennt es Sprache“: Ja, aber mehr als das, beglückt von dieser wunderbaren Emanation eines derart Profanen mit einem Blick auf eine Zeit im Stillstand, auf den Augenblick und sein Gefrorenes, und doch zugleich eine Zeit, die zyklisch immer weiter rinnt (die zwei kahlen Bäume, die bald wieder Blätter treiben: grün) samt dem Verlöschen jeglicher Zeit im Tod. (Die frisch gewaschene schwarze Strumpfhose.) Eine Anordnung in Text, die zunächst ganz und gar ohne Rätsel scheint. Direkt eingewoben in diesem einen Bild, das auf den Punkt kommt. Und trotzdem oder gerade aufgrund dieser (Zeit-)Kontraste: Eine Feier der Gegenwärtigkeit. Aus lyrischer Sprache geformt wird ein zur höchsten Intensität gesteigertes Bild, das einen im Grunde unscheinbaren und bedeutungslosen Augenblick festhält – aus dem Alltag gegriffen. So wie viele von Brinkmanns Gedichte solche ganz und gar profanen und alltäglichen Szenen in einem lyrischen Ton, fast zart schon, beschreiben, die aber gerade dadurch, daß sie in dieser Weise vom lyrischen Ich, das da spricht, wahrgenommen werden, eine besondere Bedeutung erhalten – eben jene Bedeutung noch des unscheinbaren Augenblicks, der vergeht, der in die Vergessenheit gerät.

In seinem späten (und  posthum) veröffentlichten Gedichtband „Westwärts 1&2“ zeigt sich im Vergleich zur frühen Dichtung deutlich der Fortschritt in der Konstruktion: um wieviel subtiler die Texte gebaut sind und vor allem verlassen sie das Feld der Miniaturen, formen sich zu Langgedichten, die man freilich ebenso als Prosaskizzen bezeichnen kann. Überhaupt scheint „Westwärts 1&2“ ein Skizzenbuch. Angefangen mit diesen schlecht geschossenen jeglicher Photographieästhetik entbehrenden Schnappschüssen. Ein Nebeneinander von Ungleichzeitigem, nicht einmal gewillt, diese Photoszenen irgendwie typographisch angemessen zu ordnen. Augenblicke eben. Augenblickverdichter. Das setzt sich in der Dichtung als Komposition fort. Doch diese Szenen, dieser Moment, wie der auf dem Wäschedraht im Januar, erhält sich und bleibt qua Sprache als Bild, unabdingbar, wie bei photographischen Schnappschüssen, die wir von einem eigentlich eher unbedeutenden Moment fertigen oder zu einem besonderen Anlaß oder aber für einfach so machen, um etwas festzuhalten, das in dieses Sekunde uns bedeutsam erscheint. Szenen, die als Erinnerung bewahrt werden. Aufbahrungen. Schauplätze und Szenen, die sonst unserer Wahrnehmung entgehen und ihr im Fluß der Zeit entgleiten. Chronosfraß und Saturnalien des Gewöhnlichen. Man denke nur an Brinkmanns „Hymne auf einen italienischen Platz“: Piazza Bologna – ein lauter, ein häßlicher Ort inmitten Roms, unweit der Villa Massimo, wo er als Stipendiat weilte. (Dieser Aufenthalt schlägt sich etwa in seinem Collage-Buch „Rom Blicke“ nieder, jenes Tage- oder Dokumentationsbuch, das seinen Aufenthalt in Rom, sein Stipendium an der Villa Massimo festhält.) Es ist nicht das Rom der Touristen, nichts, was da in der Figuration dieses Platzes bella figura sich spreizt und im Schönen scheint, sondern einzig Alltag und lärmendes Treiben herrschen auf dieser Piazza. Aber neben dem Profanen, das in eine exzeptionelle Anordnung gebracht wird, gibt es in Brinkmanns Texten oft etwas, das ist verstört und traut dem Frieden nicht mehr. Bereits der Alltag selber, der zum Inhalt dieser Lyrik wird, mag den aufs Erlesene getrimmten Leser des feinen hohen Tones zunächst verschrecken. Aber selbst darin zeigt sich fürs lyrische Ich stellenweise die Verunsicherung. Augenblicke wie Photographien, die festhalten, bannen, sich der Wirklichkeit vergewissernd, aber es haftete am Blick immer diese Fremdheit: Eines wie das andere: „In Rom dachte ich an London. In London dachte ich an Rom. Als ich in Köln war, dachte ich an Amsterdam.“

[Da sich unmittelbar an Brinkmanns 75. Geburtstag am 23. April 1975 sein 40. Todestag knüpft, fügt es sich, an diesen Textteil einen zweiten anzuschließen.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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Eine Antwort zu Short Cuts. Rolf Dieter Brinkmann zum 75. Geburtstag

  1. holio schreibt:

    Hi,
    habe es auch zum Anlass genommen und Stellen besucht:
    https://zwzxgz.wordpress.com/2015/04/16/spuren/

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