Das, was bleiben wird, ist immer wieder, in jedem Augenblick neu: diese Literatur zwischen Realismus und Phantastik. Zum Tode von Günter Grass

Es wird genug geben, die nun von hinten herum oder auch offen ihre Häme verbreiten, manchmal als Trauerrede getarnt, und sich auf zwei oder drei Aspekte seines Lebens kaprizieren. Es wird ebenso viele geben, die kaum eine Zeile seines Werkes kennen und dennoch in die Lobhudeleien ausbrechen. Dies ist beides egal. Es starb einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller. Bildhauer und Graphiker zudem. Gewaltig seine Bücher, selbst noch die schlechten waren häufig besser, als manche der besten von unseren jungen und mittelalten Schriftstellern. Grass war ein Mann der literarischen Form. Nicht nur in Prosa, sondern ebenfalls in der Lyrik. Das Lachen mancher der Jüngeren über den alten Mann ist denn doch billig, wenn wir einmal anfangen, mit der genauen Elle die Texte des einen und die der anderen und was sie bereits in die Waagschale werfen können, zu messen. Da würde manch spöttische Stimme schnell leiser werden.

Ich halte es aus binnenästhetischen Gründen für falsch, wenn Menschen Kunst mit Politik verwechseln. Dennoch gehörte Grass zu denen, die Prosa und Poesie klug schrieben (nicht immer freilich, nein, wer vermag das schon?), die sich der Kunst verschrieben und die trotzdem Werke schufen, die nicht bloß beim Agitprop aufsprangen. Vor allem aber gehörte er zu den Schriftstellern, die sich einmischten, die nie still waren. Das mag mancher im Pathos, im Deklamatorischen und in dieser Apodiktik heute kitschig und unangemessen finden. Manchmal war es das auch. Doch andererseits kolportiert sich in dieser Haltung der Abgeklärten zugleich viel Vorurteil. Zudem ist mir ein lauter, polternder Grass immer noch lieber als all die arschlochhaften, schnöselig popmodernen (oder pupsmodernen) Leisetreter, die im erstbesten Arschloch drinnenstecken, das ihnen gute Vertragskonditionen bietet. Ein solcher Grass ist mir immer noch lieber als jene dümmliche und seichte Ironie der Abgeklärten.

Grass war in diesem Sinne eine laute Stimme. Und das war gut so. Es ist, zumindest was das Alltagsgeschäft anbelangt, vor allem diese politische Stimme, die uns fehlen wird, oft in einer Tonlage, die polarisierte und dabei dennoch, selbst wenn sie irrte, Debatten anwarf. Auch 1989, als es um Deutschland-einig-Vaterland ging und viele nicht schnell genug an die Futtertröge und die Westmark herankommen konnten oder betroffenheitstrunken von Brüdern  und Schwestern schwafelten. Ein paar Jahre später dann hieß V.E.B plötzlich anders: Vatis ehemaliger Betrieb, von westlichen Treuhandrafkes abgewrackt. Grass sparte nicht mit deutlichen Worten. Es gibt heute kaum noch solche Köpfe im allgemeinen Gemurmel von Twitter und Facebook und den Vielzuvielen. Alle nehmen sich ungemein wichtig und sind es am Ende denn doch nicht. Haben nichts zu sagen. Ein furchtbarer Egalititarismus hat sich breit gemacht. Mir sind freilich diese zornigen alten Männer (zu denen ebenfalls Martin Walser gehört) sehr viel lieber als all diese Leisetreter, die im Flüsterton kaum noch hörbar und was noch viel schlimmer ist: die in Vollkommenheit unwichtig sind.

Grass irrte oft, sein Faible für die SPD – jene Hartz-IV-Partei – nicht nachvollziehbar mehr im Grunde seit den 70ern. Manche werden immer wieder seinen mißratenen Text „Was gesagt werden muß“ hervorholen. Daran Grass zu messen, ist freilich nicht nur unfair, sondern zeugt zudem von literarischer Dummheit und Einfaltspinselei, sein Schreiben einzig auf das Politische zu reduzieren und mit wichtigtuerisch fuchtelndem Finger zu wedeln. Ein Gestus freilich, der in unserer Medienmoderne der ständigen Aufgeregtheiten weit verbreitet sich zeigt. Als hätte Grass nichts anderes als diese Zeilen geschrieben! Ich selber kritisierte hier harsch, polemisch und in der Sache richtig liegend.

Dennoch muß ich im Rückblick gestehen, daß er inhaltlich in vielem, was er in diesem Text schrieb (nicht in allem), recht hatte. Wenige nur trauten sich, diese scharfe, aber berechtigte Kritik an Israel zu äußern: Ein Land, das de facto und vielfach auch de jure ein Apartheitssystem errichtet hat.

Aber das eben waren nicht die wesentlichen Texte von Grass. Immer wieder wird gesagt, Grass wäre ein bundesdeutscher Intellektueller gewesen. Dies ist schlicht falsch. Grass war niemals und wollte niemals ein solcher Intellektueller sein. Grass war ein Mensch der Sinne, ein Schriftsteller, ein Bildhauer, ein Graphiker, der mit dem Einsatz seines Körpers arbeitete. Ganz und gar. Und wenn man es im Duktus der philosophischen Ästhetik sagen wollte, gar ein postmoderner Kritiker der Postmoderne avant la lettre. Zumindest in dieser einen  Szene. Denn zum Schreiben von Literatur heißt es in der Blechtrommel gleich im ersten Kapitel mit dem schönen Titel „Ein weiter Rock“, (wir erinnern uns, was auf dem weiten Feld unter diesem Rock Wundersames geschah):

 „Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen, und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften. Man kann sich modern geben, alle Zeiten, Entfernungen wegstreichen und hinterher verkünden oder verkünden lassen, man habe endlich und in letzter Stunde das Raum-Zeit-Problem gelöst. Man kann auch ganz zu Anfang behaupten, es sei heutzutage unmöglich einen Roman zu schreiben, dann aber, sozusagen hinter dem eigenen Rücken, einen kräftigen Knüller hinlegen, um schließlich als letztmöglicher Romanschreiber dazustehen. Auch habe ich mir sagen lassen, daß es sich gut und bescheiden ausnimmt, wenn man anfangs beteuert: Es gibt keine Romanhelden mehr, weil es keine Individualisten mehr gibt, weil die Individualität verloren gegangen, weil der Mensch einsam, jeder Mensch gleich einsam, ohne Recht auf individuelle Einsamkeit ist und eine namen- und heldenlose einsame Masse bildet. Das mag alles so sein und seine Richtigkeit haben. Für mich, Oskar, und meinen Pfleger Bruno möchte ich jedoch feststellen: Wir beide sind Helden, ganz verschiedene Helden, er hinter dem Guckloch, ich vor dem Guckloch; und wenn er die Tür aufmacht, sind wir beide, bei aller Freundschaft und Einsamkeit, noch immer keine namen- und heldenlosen Masse. Ich beginne weit vor mir; denn niemand sollte sein Leben beschreiben, der nicht die Geduld aufbringt, vor dem Datieren der eigenen Existenz wenigstens die Hälfte seiner Großeltern zu gedenken, Ihnen allen, die Sie außerhalb meiner Heil- und Pflegeanstalt ein verworrenes Leben führen müssen, Euch Freunden und allwöchentlichen Besuchern, die Ihr von meinem Papiervorrat nichts ahnt, stelle ich Oskars Großmutter mütterlicherseits vor.“

 Eine Sentenz gegen die Menschen in Masse und gegen eine bestimmte Weise der Literatur, die den Menschen in eine Struktur einverleibt sieht: Noch einmal es versuchen: Erzählen, von einem Helden, denn der ist ja, seit dem Epos, aus dem der bürgerliche Roman erwuchs, das eigentlich Sujet all der Geschichten. Ein Individuum, das sich, den Tücken und Widrigkeiten trotzend, den Mächten und dem Schicksal entringt, um Charakter zu gewinnen. Eine Geschichte, einstmals in Versmaß gebunden erzählt. Und diese Geschichte klingt uralt und nach Äonen; doch ist sie immer wieder neu: eine Geschichte, die die unsrige ist. Auf einer rotweißen Trommel geschlagen. Ach, es sind dieselben Fragen, dieselben Probleme wie heute, und ein Realismus der es sich eben nicht darin bequem macht und sich dem realistischen Prinzip fügt, sondern der die Phantastik der Literatur hochhält und bewahrt. Diesen Ton in die deutschsprachige Literatur gebracht zu haben, macht die Größe von Grass aus. Nicht nur bloß bundesrepublikanisch und provinziell. Sondern auf dem Parkett der Weltliteratur.

14 Gedanken zu „Das, was bleiben wird, ist immer wieder, in jedem Augenblick neu: diese Literatur zwischen Realismus und Phantastik. Zum Tode von Günter Grass

  1. „Es wird genug geben, die nun von hinten herum oder auch offen ihre Häme verbreiten, manchmal als Trauerrede getarnt, und sich auf zwei oder drei Aspekte seines Lebens kaprizieren.“
    ist bereits automatenhaft geschehen. Das Vorraussagbare ist das Triviale: Grass wird von einigen, gnädig spät geborenen Rotzlöffeln als reine Moralmaschine verstanden, die 2006 angeblich tief stürzte. Dieselben Rotzlöffel würden sich auf Nachfrage selbstredend gegen Kindersoldaten aussprechen. Dass das „Dritte Reich“ in seinem Ende Kindersoldaten zur Waffen-SS rekrutierte und Grass einer von diesen gewesen war, wird nicht wahrgenommen. Statt dessen wird einem Kindersoldaten die Zugehörigkeit zu eben dieser Truppe vorgeworfen.

  2. als ohne jede gnädige Absicht Spätgeborener war ich bereits früh von der Verfilmung versaut (meine erotischen Phantasien wurden nun für einige Jahre von Brausepulver, ausgerechnet Brausepulver! beherrscht) und so kam es nie zur Grass-Lektüre.

    Noch jung genug, um mit bejahender Einstellung jedwedem Experimentierwillen gegenüberzustehen – lass die drüben doch mal ers´mal selber was ausprobieren, vielleicht werden einige gute Ideen bei ´rauskommen, so demokratische Sachen, die hier westlich bereits gefährdet oder untergegangen sind -, fand ich dennoch Grass´ Auftritt im TV wirklich peinlich. Er fühlte sich dadurch persönlich gekränkt, dass es nun nicht so laufen würde, wirkte trotzig-beleidigt, anstatt dass er „Kante zeigte“, den streitbaren Demokraten machte. Obwohl ich „der Linken“ – aus ganz ähnlichen Gründen wie denen, die Che und Hartmut zu ihren jeweiligen Verhaltensänderungen bewogen und von welchen sie berichten – innerlich schon lange gekündigt hatte, fand ich´s einfach unerträglich.

    Das konnte einfach nicht sein! Der „Weltgeist“ war vollkommen rücksichtslos über die linke habituelle Rechthaberei hinweggegangen. Ich vermute hier bis heute überzogene Ansprüche in diesem eifersüchtigen Rechthabenwollen, das so symptomatisch für „die Linke“ ist, als hätte dieses innerliks so über alle Maßen umstrittene Rechthaben den Demos irgendwie oder irgendwann interessiert. Also diejenigen, „an denen gar nichts weiter ist, als ihre Masse und ihre (körperliche) Stärke“ – so in etwa darauf einigen sich Kallikles & Sokrates im „Gorgias“, was von solchen Leuten zu halten sei. Man hatte wirklich geglaubt, man könne Einsicht in etwas „höheres“ haben als das, was diese Leute, „an denen gar nichts weiter ist …“, unmittelbar entscheiden. (zu Kallikles und Sokrates: Bruno Latour: „Die Hoffnung der Pandora“)

    Und hier zeigte sich dann doch eine eher verharmlosende Haltung gegenüber den Zuständen im Osten – davon, den Versuchungen solcher Haltung nachgegeben zu haben, will ich mich ja gar nicht freiszusprechen versuchen -; zu bequem hatte man es sich eingerichtet, im Westen, solange es noch die Mauer gab, konnte eins sich immer noch und immer wieder (wohl zu oft?) mit der Theorie, mit den teleologischen (wie Hegels Geschichtsphilosophie nonchalant in angelsächsischer Sphäre charackterisiert wird) Philosophemen Marxens und Hegels in der Sicherheit wiegen, „Recht behalten“ zu haben.

    Nichts gegen Marx (hier pflichte ich Adornos Gemeinplatz über denselben bei) oder Hegel – nur hatten deren Rezeption in den psychischen Haushalten „der Linken“ katastrophale Auswirkungen (jedenfalls was Marx betrifft, bei Hegel würde ich den Vorwurf abschwächen: trotz erheblicher Leistungen der Hegel-Followeres, z.B. im Bereich der Ästhetik, finden sich, seltsam abgetrennt davon, immer wieder Unterwerfungsrituale und „Argumente“ aus Absurdistan).

    Die Verführung, nun schlicht und einfach (fast immer) recht zu haben, ist einfach zu groß gewesen, so dass welche wie Grass, zu sehr gewohnt an die „eingebaute Vorfahrt“ (früher nur für Mercedes), es dem „Weltgeist“ persönlich übel nahmen, sie verlassen zu haben. Wie kleinlich – letztlich. Ganz genau dasselbe war unter Linken nach Bushs Angriff auf Saddam – Kein Krieg für Öl! – zu spüren gewesen: beleidigtes Gekränktsein. Dass im Café (in HH-Altona) nebenan, das leer war, ein kränkelnder Typ bediente, der Saddam nur mit knapper Not entkommen war, passte einfach nicht.

    Häme wg. der Kindersoldaten ist aber nie meine Sache gewesen. Zuerst hatte ich es immer nur schade gefunden, dass durch all diese Ereignisse ich mich nie mit Grass als Schriftsteller beschäftigt hatte. Denn diese Haltung entspricht durchaus meinem Naturell: erst den Fisch vielleicht sogar selber fangen, dann beim Ausnehmen (oder Sezieren) oder beim Aufessen denselben gekonnt zeichnen, dann ihn, wie gesagt, zubereiten und essen, und dann einen Text schreiben !!

    Gelesen habe ich nur Auszüge der Übersetzung von „Beim Häuten der Zwiebel“ ins Amerikanische, im New Yorker oder so, die den O-Text aber bereits kürzte. Ich sah keinen Grund, nicht noch mehr davon zu lesen zu wollen.

    Für mich stehen eher Salman Rushdie und Thomas Pynchon an.

  3. Niemand muß Grass lesen. Wer ihn gelesen hat, weiß ihn zu schätzen. Nicht alles, aber viele seiner Bücher.

    Grass‘ Gestus in Diskussionen mag manchmal befremden, er mag rechthaberisch sein. Aber viele fand es seinerzeit wichtiger, sich über Franz Josef Strauß, über die Verherrlichung südamerikansicher Diktaturen, über fortwirkenden Faschismus in der BRD, über die Liederlichkeit der SPD, über Türken, die in ihren Wohnungen verbrannt werden, über die Methoden der Bild-„Zeitung“, über Karl Carstens, über die Einschränkung des Asylrecht aufzuregen als über Günter Grass. Aber es gibt sicherlich auch Menschen, die dieses für wichtiger setzen.

    Was überhaupt ist denn DIE LINKE (westdeutsch)? Der KBW, die DKP, die Spartakisten, die Maoisten, die KPD/ML, die Autonomen, die KPD, die Spontis, die Anarchisten, die SPD? Haben all die Linken, die in den 60ern und 70ern etwa Wolf Biermann hörten, diese Zustände im Osten verharmlost? Wohl kaum. Weder Böll noch Grass haben die DDR verharmlost. Aber sie haben sie ebensowenig dämonisiert. Man sollte immer gut hören, wer da spricht. Gut wäre es zudem, bei solchen politischen Fragen die Ebenen zu differenzieren. Wenn ich Zustände der BRD kritisiere, dann kritisiere ich nicht die in Kenia oder in der DDR, sondern die in der BRD: Wer allerdings die Atomwaffen und -werke des Westen böse und schlimm findet, aber die im Osten ungemein fortschrittlich, der hat in der Tat ein Wahrnehmungsproblem, und meines Wissens war das ein kleiner Teil der sogenannten Linken, die sich derart verhielten.

    Diese Ostlinke/Westlinke bzw. DDR: gut/ DDR: böse-Diskussion ist so langweilig wie sie alt ist. Vor allem aber ist sie nicht erkenntnisfördernd. Zumal es mir immer als besser erscheint, sich über konkrete Ausprägungen zu unterhalten und sich nicht in Allgemeinplätzen und Nullsätzen zu ergehen. Wenn man über die Mauer reden will und über die Stasi und über die Repressionen dort, so kann man das gerne tun. Allerdings hat Grass eben nicht in der DDR gelebt, sondern in der BRD. So wie Wolf Biermann nicht viel über Berufsverbote und über die Situation in der BRD gesungen hat. (Sieht man mal von einigen wenigen Stücken ab, die er vor 76 schrieb.)

    Welchen Gemeinplatz Adornos über Marx meintest Du konkret?

    Hegels Ästhetik ist leider der schwächste Teil seines Systems bzw. seines Denkens. Fruchtbar zu machen natürlich dennoch, insbesondere was seine These vom Ende der Kunst betrifft.

  4. wie gesagt, ich, jüngeres Semester, habe es eher bedauert, nicht Grass gelesen zu haben, – auch als er sich in seiner empfindlichen linken Selbstgerechtigkeit gekränkt fühlte und sich dergestalt blamierte.

    all die Thematisierungen Franz Joseph Strauß´, der Verherrlichungen südamerikansicher Diktaturen, des fortwirkenden Faschismus in der BRD, der Liederlichkeit der SPD, der Türken, die in ihren Wohnungen verbrannt werden, der Methoden der Bild-“Zeitung”, Karl Carstens´, der Einschränkung des Asylrechts – sind absolut wirkungslos geblieben.

    Das hilft alles nichts, Du wirst mich nicht in ein politische Diskussion hineinzwingen. All die ´89 vorangegangenen Diskusionnen interessieren mich nicht die Bohne, denn ich habe kein Interesse daran, in irgendeinem dieser Punkte irgendwie rechtzubehalten. Lange vor ´89 verachtete ich „die Linke“ bereits recht herzlich. Eine „konkrete Ausprägung“ ist beispielsweise Grass´ Haltung. Ich stand nie vor dem Problem des Renegatentums.

    Frag nicht mich, wer „die Linke“ war, ist, KBW, KP, KPD/ML … – es ist mir einfach gleichgültig. – Weil schlicht und einfach ohne geschichtswirksame Auswirkungen auf den späteren Verlauf. Ich bin gezielt politisch und paradoxerweise Geschichtsuninteressiert. Zu meinem Bedauren hat mich dieser Ekel davon abgehalten, Grass zu lesen. Andererseits finde ich es über alle Maßen interessant, wie Leute, die glauben, dass das Politische für sie und für andere noch wirklich etwas bedeuten könnte, ihre Geschichte (reflektiert) rekapitulieren. Urgesteine, die ich lese, z.B. manchmal Dich (im letzten Kommentar), Che oder shifting reality.

    Ach, wie schön wäre es, liefe die Geschichte „logisch“ ab, wie sich so manche Hegelianer, allem Anschein nach, sich wohl träumten. Sie ist aber nur eine Aneinanderreihung von Irrtümern, Kontingenzen usw. Du wirst immer Menschen begegnen, die das anders sehen und die, anders als Grass, tragisch (und nicht zum Fach der Komik gehörend) enden. Diese tragischen Gestalten interessieren mich – nicht die politischen Ansichten des alten Bolschewiken, des Che oder die Deiner. – Nein! Ich war, ich bin unpolitisch, wenn unter „politisch“ fürderhin „links“ verstanden wird, was bis heute Selbstverständlichkeit ist und ich unterschreibe, immernoch.

    Mich interessiert nur nicht die Geschichte dieser Irrtümer. Mich interessiert die – tragische – Geschichte jener Menschen, die, irrtumsvoll oder nicht, einfach immernoch gegenhalten, wo ich – letzte Absteige

  5. wo ich letztlich aussteige …

    Adornos Gemeinplatz (frei formuliert) : Die Beschäftigung mit Marx ist einfach notwendig, um das Funktionieren des Kapitalismus richtig zu verstehen.

    Gerade in der Exposition zu seiner „Theorie des modernen Dramas“ von Peter Szondi – welches ich jetzt gerade rekapituliere, weil ich da hinsichtlich meiner launischen Bemerkungen zu Beckett offensichtlich Aristoteles mit Szondi verwechselte – finden sich solche kruden „Schlussfolgerungen“, die sich offenbar aus dem „theoretischen“ Hegel herleiten, nicht aus dem konkreten, in die Materie einsteigenden, wie in der Ästhetik, ansonsten sauber grarbeitet und höchst aufschlussreich.

  6. In diesem Falle muß ich dafür sorgen, ziggev, daß Du in ein Umerziehungslager kommst. Sei mir nicht böse, aber ich habe als Tschekist Quoten, die muß ich erfüllen.
    Spielakt 1: Die Maßnahme. Morgendliche Verhaftung und Abführung des Ziggev.
    Spielakt 2: Die Probleme des Realismus und weshalb Kafka denn doch ein Realist ist. Oder: Die Strafkolonie – 15 Jahre sind kein Tag.
    Spielakt 3: Die Aufhebung oder die politische Läuterung des ziggev.
    Spielakt 4: Ziggev, der Agitator. Dem Großen Parteitag entgegen.
    Spielakt 5: Die kommende Revolution wird eine ästhetische sein. Sie findet nicht über Twitter statt.

    Aristoteles mit Szondi zu verwechseln, scheint mir als Leistung schon bemerkenswert. Diese Vertauschung gelang nur wenigen, und das ist derart wild und schlimm, daß es schon wieder gut ist. Kann man das, gleichsam metaphorisch genommen, von der Theorie des Dramas ins Musikalische gewendet, eine Enharmonische Verwechslung nennen?

    Wenn Adorno diesen Satz irgendwo so geschrieben haben sollte, so hat er naturgemäß recht. Wenngleich ich es mir nicht vorstellen kann, daß er es in einer derart unidirektionalen Weise äußerte. (Meist wird ja Marx‘ Kapital leider immer wieder auf das Kapitel zum Warenfetischismus herungergebrochen und es wird dabei überlesen, daß die Funktionsweise von Gesellschaft und damit naturgemäß auch von Lebensformen und vom Spezifischen jeglicher Regung ebenso durch andere Aspekte noch mitbestimmt wird und daß sich das Kapital eben nicht auf jenen Fetischismus reduziert.)

    Ansonsten: Es ist dieser Blog nun nicht dafür bekannt, daß er sich ausgiebig und ausnehmend mit Politik befaßt, sondern wir machen Politik. Was tun? Souverän ist, wer über den revolutionären Ausnahmezustand bestimmt. Was ist ein Ereignis? (Metaphysisch und realiter verhandelt.)

  7. okay, cool! darf ich mich dann ggf. in dem Plot selber spielen? die Verwechslung hängt wohl auch damit zusammen, dass ich die beiden Reklam-Bändchen vor-oh-Schreck c.a. 15 Jahren (=1 Tag?) im selben Sommer las (über jenen Sommer werde ich vielleicht einmal berichten) und von beiden recht beeindruckt war. leider habe ich aber den Fehler begangen, einen Job, anzunehmen, anzunehmen also, bei dem das Lesen, auch wenn´s nix zu tun gibt, nicht gestattet ist, ob Smartphone, Reklam-Bändchen oder Netbook. dass es sowas überhaupt noch gibt …

    daher wird es noch ein wenig dauern, für eine um die Sache bemühte Antwort. aber Szondi scheint mir für eine solche ein guter Ausgangspunkt, obgleich mir Hegels Dialektik Teils eher als Metatheorie als Konstrukt aufzutreten scheint, sodass ich mich frage, ob ich wirklich Lust dazu haben werde, im Einzelnen, in der Durchführung Schritt für Schritt nachzuprüfen, ob die Verbindung dieser Beiden Ebenen, wie Szondi sie darstellt, nichthegelianisch reformuliert werden kann, ob also die „Metatheorie“ nicht lediglich als bloße Behauptungen auftritt, wie es zunächst scheint, oder ob Hegel hier wirklich kohärent Anwendung findet. Ohne bisher Hegels Ästhetik hinzugezogen zu haben (ich verwechselte in Wirklichkeit Aristoteles mit Hegel!), scheint mir hier in Teilen ein typischer Fall von „Vermeidung von um Klarheit und logische Eindeutigkeit bemühte Konvention“ vorzuliegen, wie Theoloniuos Monks Kompositionen als „unter Vermeidung von melodischer und harmonischer (und rhythmischer! Anm. zigg) Konvention“ bezeichnet wurde. Ist Philosophie also doch nur sowas wie JAZZ Mitglieder der Schreiberzunft?

    Ich forsche aber noch, wo genau mich da welche Verbindung fasziniert hatte und ob die nicht lediglich biographischer Natur gewesen ist.

  8. Du wirst es Dir nicht wünschen, Dich selber zu spielen, wenn ich der Regisseur des revolutionären Dramas bin.

    Wie gesagt: Hegels Ästhetik ist lesenswert, nur leider der schwächste Teil seines Systems. Aristoteles darf man mit Hegel verwechseln. Ist ja im An sich angelegt.

    Die Lektüre von Peter Szondis Texten ist mehr als lohnend.

  9. Ich wünsche mir immer wieder, dass nicht jeder Kunst- und Kulturschaffende, die ihm zur Verfügung stehenden öffentlichen Plattformen für politische Äußerungen nutzt: Die Wortmeldungen sind oft genug hanebüchen.

    Debatten anstoßen muss man können, man braucht ein Gespür für das, was tatsächlich wichtig (gesellschaftlich), nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft, ist; auf den Tisch hauen ist dann und wann geboten, als Methode wird es irgendwann lächerlich. — Also: Bedacht und Gespür für die richtige Sache im richtigen Moment.

    Grass ist, wenn ich dem Urteil eines Bekannten traue, vielleicht irgendwann alt geworden (was man ihm kaum zum Vorwurf machen kann, eher schon, dass er es nicht erkannt hat).

  10. Es ist richtig, daß die Ausführungen von Grass in bezug auf Israel nicht unbedingt als Analyse eines Politikwissenschaftlers, geschweige denn als die eines Kenners dieser Region gelten können. In diesem Falle aber würde ich es doch anders gewichten als die Äußerungen eines störrischen, alten Mannes. Zumal wir in den Räumen des Medialen, mal abgesehen von einigen wildgewordenen Handfegern der Linkspartei, wo die Zuschreibung „antisemitisch“ durchaus einige Berechtigung hat und auf der anderen Seite bei der extremen Rechten, nur wenige Stimmen hören, die Israel explizit und vor allem auch drastisch kritisieren, ohne dabei ins Ressentiment gegen Juden zu verfallen. Wie schon mehrfach geschrieben: Es ist zu unterscheiden zwischen einer berechtigten Kritik an Israel und wie es mit den Arabern umgeht, wie Grass sie, freilich zugespitzt und teils extrem betrieb, und antisemitischer Kritik, die das Vorgehen der Israelis als intrinsische Eigenschaften des Juden setzt.

    Die Form des Gedichts dafür zu benutzen, habe ich seinerzeit stark kritisiert. Formal taugt dieses Gedicht nichts. Besser wäre es, Grass hätte es eine Entgegnung, eine Sentenz oder einen Einwurf genannt – da bleibt dann die Sprachform offen. In Dingen der Kunst, hier des Gedichts jedoch, sollte man den Text auch ästhetisch beim Wort nehmen

    Schwierig zu sagen, was Künstler sagen und wie sie sich gesellschaftlich zu äußern haben. Die Instanz des kritischen Intellektuellen halte ich nach wie vor für wichtig, solange er sich nicht zum Mandarin aufschwingt. Der politisch engagierte Künstler, der dieses Engagement auch in seine Kunst hineinpreßt, ist mir jedoch aus dem Grunde suspekt, weil er sowohl das Gesellschaftliche als auch das Ästhetische verfehlt. Grass‘ „Blechtrommel“ hingegen und überhaupt seine Danziger Trilogie vermitteln diese Aspekte auf eine Weise, die funktioniert. Grass pumpte in diese Texte nicht primär die Politik und die Zeitgeschichte hinein, sondern er formte, arbeitete an der Sprache, schuf eine Sprache und Wörter, die ihresgleichen suchen.

    Da Grass sich Zeit seines Lebens in Dingen der Politik und der Gesellschaft äußerte, scheint es mir nicht weiter verwunderlich, daß er sich auch zu Israel zu Wort meldet.

    Das Dumme am Leben: Wir werden alle alt. So Grass, so ich, so Du. Ja, Grass nervte manchmal. Er ist mir aber allemal lieber als viele unsere alerten, leisetretenden Schriftsteller, die nach einem Platz auf dem Markt oder quoten- und verkaufstechnisch nach guter Positionierung ihrer Bücher schielen. Grass war streitbar. Aber er war, so sagen es Menschen, die ihn kennen, kein Besserwisser. Man konnte mit ihm heftig diskutieren. Und dieser Part fehlt. (Vermutlich auch deshalb, weil es diese Art von Schriftsteller nicht mehr gibt. Im pluralen Betrieb, wo jeder, der zwei Zeilen zu Papier brachte, sich bereits als Dichter bezeichnet und sieht.)

    Ich habe allerdings schon blödsinnigere Auslassungen von sehr viel klügeren und intellektuell besser ausgebildeteren Leuten als Grass gehört, der übrigens nie als Intellektuellen sich begriff. Man denke nur an das Schwadronieren von Sloterdijk, der im vermeintlich klugen Gestus Nichtigkeiten produziert.

  11. Bei Grass‘ Gedicht denke ich mir: „Si tacuisses…“, einmal abgesehen davon, das Grass kein Philosoph war. Da war sachlich gesehen nicht viel dran, wäre es nicht von Grass gekommen, es hätte sich kaum einer darum gekümmert und man kann sagen: Obwohl es von Grass war, man hätte sich viel weniger darum kümmern müssen; aber es war dann doch ein schöner Aufreger, gut für die Klickzahlen, ein toller Aufhänger, usw., was mitten in unsere Medienwelt führt und eigentlich nicht das Thema war … Künstler und Kulturschaffende haben die Stimme, die Gewalt, die Emotionen, sie können gestalten, formen, literarisieren, aber ob ihre Art zu denken immer angemessen oder geschult genug ist? Eine Einlassung von Grass (Künstler) und Habermas (Intellektueller) zu EU und Europa hätte sich grundlegend unterschieden, glaube ich. Wobei: Ich meine nicht, dass Künstler zu schweigen hätten, ich will auch nicht sagen, dass Grass seine öffentliche und politische Sache schlecht gemacht hat und dass das alle anderen täten, aber das skizzierte ästhetisch-gesellschaftliche Dilemma setzt sich vielleicht in den öffentlichen Äußerungen fort (sich als Schriftsteller in einem literarischen Duktus zu einem aktuellem politischen Thema sachgerecht zu äußern, ist vielleicht unmöglich).

    Drastik ist nur dann von Wert, wenn sie sich auf Argumente beruft, dennoch ist die Streitbarkeit über die Konformität zu stellen, klar (ansonsten teile ich das, was Du über die berechtigte oder nicht berechtigte Kritik an Israel schreibst).

    Ich kenne Sloterdijk zu wenig, um ein berechtigtes Urteil fällen zu können, aber das was ich gelesen habe klingt sprachlich oft nach mehr als dahinter zu stecken scheint (gerade bei einem Philosophen sehr merkwürdig).

  12. Was Du für Grass feststellst, ist nicht ganz falsch. Ohne nun zu viel der Harmonie herstellen zu wollen, denke ich, daß wir da nicht so weit auseinander liegen. Grass ist halt einer, der heraushaut und zuspitzt. Darin kann manchmal sogar grell etwas aufblitzen, das in den leiseren Tönen eher verborgen bleibt. Zumal Grass häufig Themen anspielt, die nicht gerade common sense sind. Wobei ich hier keine Grass-Verteidigung gegen möchte. Mir ist er häufig zu grob und zu undifferenziert. Simpel manchmal. (Er selber sagt freilich von sich, daß er kein Intellektueller sei.) Zirkus des Medialen eben. Aber unter dieser Zirkuskuppel gibt es dann doch Schlimmere, über die ich mich mehr aufrege, weil die, anders als Grass, reale Medienmacht haben. Grass läßt man dann halt mal als den provokanten Clown für die Pausenshow zu Worte kommen. Was das Mediale anbelangt, geht es mir in diesem Falle mehr um die Stimme selbst als um die Art der Darbietung oder den inhaltlichen Aspekt. Auch mir wäre allerdings in bezug auf Israel die Ausführung eines Intellektuellen, eines politischen Philosophien lieber gewesen.

    Sloterdijk hast Du, denke ich, ganz gut auf den Punkt gebracht: Viel Metapher, viel Geklimper, wenig dahinter. Wobei ich bei ihm, wie auch bei Heidegger denke, daß man aus dem Falschen ein richtiges Moment und eine richtige Intuition herausschlagen kann. Die von Sloterdijk hergestellten Bezüge entbehren nicht eines gewissen Witzes und sind oft geistreich. Manchmal sind sie im besten Falle schlich dumm oder – was schlimmer ist – sie zeugen von einem feudalistischen Weltbild, wie seine Vorschläge zur schenkenden Tugend. Ob Sloterdijks Auslassungen und Funken freilich zu mehr als einem kleinen Ideenfeuerwerk taugt, wage ich zu bezweifeln.

  13. Bei Heidegger denke ich mir, ohne allerdings auch ihn gut genug zu kennen, dass man manches als durchaus als fruchtbringende Kritik einiger Entwicklungen innerhalb der Moderne lesen oder interpretieren kann (könnte).

  14. Das ist richtig. Allerdings gibt es ebensoviel Problematisches bei Heidegger. Heideggers Kritik der Aufklärung läuft ohne die Aufklärung ab. Anders als bei Adorno und Horkheimer, die sehr viel konkreter und an den geschichtlichen und gesellschaftlichen Momenten ausgerichtet, die Probleme der Subjektivität darstellen. Ohne in ohne in den Obskurantismus des Seinsgeraunes zu verfallen und sich zu den Vorsokratikern zu flüchten.

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