Daß die Welt für einen Augenblick verharre – Colm Tóibíns Erzählung „Marias Testament“

Toibin_24484_MR.inddEs wäre möglich, anhand dieses Buches eine hitzige Debatte darüber zu führen, ob Männer aus der Perspektive einer Frau und insbesondere einer Mutter schreiben können und weiter noch: ob sie dies überhaupt dürfen. Diese Debatte hätte jedoch nichts mit der Literatur selbst und mit künstlerischen Prozessen zu schaffen, sondern verhielte sich eher moralisch. Darf einer das? Kann einer das? Ja, natürlich. Die Arbeit der Künstlerin und des Künstlers ist es, aus einer bestimmten Warte heraus zu schreiben und die Figuren lebendig werden zu lassen, auf daß sie sich zu Charakteren gestalten. Absurd sich an Flauberts „Madame Bovary“ zu stoßen. Ob ein Schriftsteller es vermag, die Gedanken einer Frau zu erfassen und stringent in einen literarischen Text zu transformieren, zeigt sich am Text selber. Was, wenn Flaubert eine Frau wäre? Flaubert war eine Frau, als er „Madame Bovary“ schrieb. Geschlecht ist in den Rahmungen der Ästhetik keine biologische Konstante, sondern sozial verfaßt. [Und was müßten wir dann erst zu Dietmar Daths „Die Abschaffung der Arten“ sagen? Steht es denn einem Menschen zu, aus der Perspektive der Tiere zu schreiben?]

Colm Tóibíns kleiner Roman, der freilich eher eine Erzählung ist – Unsitte der Verlage jeden Text als Roman zu deklarieren: so auch Hanser – berichtet bereits im ersten Satz aus der Perspektive jener Maria, die die Mutter Jesu ist. Doch ist dies eine ganz andere Maria, als wir sie aus der Überlieferung kennen. Rückblickend – im Alter und nicht mehr viel vom Leben vor sich, ihr Sohn bereits tot und sein Körper ans Kreuz geschlagen, denn vor den Müttern sterben die Söhne, und so verkehrt sich die Ordnung der Welt – weilt jene Frau, die nach dem inszenierten Grauen aus Jerusalem flüchtete, weitab vom jüdischen und damit auch ihrem heimatlichen Boden in Ephesos. Maria opfert im Tempel der Artemis jener vielbrüstigen Statue der Göttin: die mit den ausgestreckten Armen. (Ein Mythos ist nicht leicht zu stemmen und zu schreiben, es bedarf dazu breiter Schultern.) Gleichgültig im Grunde so zeigt sich Maria in ihren Tempelgängen gegenüber den Religionen: der alten des Judentums wie auch der neuen des Christentums. Das eine so gut oder schlecht wie das andere, solange der Mensch nur in Frieden leben könne und frei von Häschern und Verfolgern sei. In Ephesos opfert man der Artemis, wie man in Bethlehem in den jüdischen Tempel geht und den Sabbat in Stille und Tatenlosigkeit begeht. Gerne würde sie noch einmal, so wie einstmals im Kreis der Familie, denSabbat-Tag feiern und heilig halten. Doch all das ist Vergangenes. So lebt Maria abseits und verborgen in ihrem Schmerz, der in die Sprachlosigkeit, die Apathie und zur Fassungslosigkeit sich steigerte.

Bis bei ihr jene zwei Gestalten auftauchen, die etwas Rohe, Hungriges und Brutales haben. Sie verköstigen Maria zwar, kommen für ihre Kleidung auf, beschützen sie auch. Doch sie sind zugleich ihre Aufseher, damit die Lehre durch nichts Unbedachtes in den Worten Marias beschädigt würde. Sie fragen Maria aus und sie wollen eines: Geschichten und neue Wahrheiten, denn der Sohn der Maria war eben kein gewöhnlicher Sohn. Sie wünschen Geschichten von ihrem Sohn, die sie in ihrem Sinne umzudeuten gewillt sind, indem die beiden Männer einen neuen Mythos, ein Bild konstruieren, das alle bisherigen in den Schatten stellt. Allerdings ist die Sicht Marias, auf das, was geschah, eine komplett andere als die ihrer Besucher. Es ist nicht der Jesus von Nazareth, den wir aus der Bibel kennen, der Gesalbte, der Messias, der Gottessohn, sondern der Sohn einer Mutter, der sich in seinen Predigten überhob, der eine Zahl an Menschen um sich sammelte, der die Staatsmacht herausforderte, der eitel vom Ruhm und von Macht sich übersteigerte und der am Ende brutal und vor den Augen dieser Mutter ums Leben kam. In jenem Testament, das Maria hinterläßt, finden wir den radikalen Blick einer Frau auf eine Welt der Männer: „dass ich mein Leben lang, wann immer ich mehr als zwei Männer zusammen sah, Dummheit gesehen hätte und Grausamkeit, aber das Erste, was mir ins Auge fiel, sei ihre Dummheit gewesen.“ So Maria zu ihren beiden Besuchern.

Die Männer, die sich um Jesus scharrten, nannte sie eine Versammlung von Mißratenen und Nichtsnutzen. Unverbesserliche, die, anders als ihr Sohn, vom Leben nicht den blassen und notwendigen Schimmer besaßen. Kindsköpfe. Aufruhr und Unruhe waren im gesamten Land zu spüren, es brach eine neue Zeit an, Aufstand gegen die Römer, Aufstand gegen die jüdischen Schriftgelehrten, und es sollte ihr Sohn darin eine zentrale Rolle spielen. Dabei war es doch einzig und allein ihr Sohn. Mehr nicht. Wie weit können die Geschichten gehen? Aus der Sicht von Maria waren die vollbrachten Wunder nichts als ein Spuk und Gerüchte, die von einem zum anderen getragen wurden, die sich übers Hören und Sagen verbreiteten, bis irgendwann alle dies glaubten und bis es gefährlich wurde. Oder es waren diese überlieferten Wunder und Geschichten, die erzählt wurden, schlicht ein Betrug, um Menschen zu ködern. Die Hochzeit von Kana – eine Massenhysterie. Rätselhaft ebenfalls für Maria ist die Auferstehung des Lazarus. Ein Mann, der den Tod überlebte und der nun doppelt und dreifach dem Tod geweiht war. (Nicht daß es ihm nach der Ausfahrt aus dem Grab besser ginge.) Die Auferweckung des Lazarus ist allerdings eine zentrale Szene für das Christentum , denn sie weist auf das, was dann im Kreuzestod und der folgenden Auferstehung, theologisch verdichtend, sich zuträgt und dafür bedeutsam wird, damit eine neue Religion sich stifte. Für Maria freilich ist dies ohne Sinn und Bedeutung. Das einzige, was sie weiß, ist der Umstand, daß ihr Sohn in großer Gefahr schwebt, von der Obrigkeit gefangengenommen zu werden, wie man ihr zuträgt.

Der Titel des Buches deutet darauf, daß Maria gestorben sein wird, wenn Leserinnen und Leser diese Zeilen zu Gesicht bekommen. Und es ist ihre Art des Testamentes, das andere in anderer Weise schreiben werden und das nicht bloß als Literatur wirkungsmächtig sich entfaltet. Aufgeschrieben von anderen, die eine andere Geschichte zu erzählen gewillt sind. Einer dieser Apostel begleitete Maria bis zu ihrem Tod. Ungehalten wird er, wenn die Geschichte, die Maria erzählte, sich „nicht völlig mit dem deckt, was er verfügt hat.“ Es ist das Authentische zwar in Gestalt jener Mutter nötig, um zu beglaubigen; in jene Schrift transponiert, die der Besucher niederschreibt und die Maria nicht lesen kann, „was auf dem Hügel geschah, an den Tagen davor und den Tagen, die folgten. Ich habe ihn gebeten, mir die Worte vorzulesen, aber er will nicht. Ich weiß, dass er von Dingen geschrieben hat, die weder er noch ich gesehen haben.“ So steht das eine Testament gegen das andere. Revolutionärer Kampf, Pathos des Revolutionsführers, Opfer, Martyrium und Verklärung. So könnte man den Text auch, ganz und gar weltlich transformiert, lesen.

Bei allem Schmerz über den Tod ihres Sohnes, der in dieser Mutter zehrt, bleibt sie in der Art, wie sie in ihrem Testament berichtet und erzählt – mithin in der Konstruktion – dennoch seltsam unbeteiligt, unwillig vor allem gegenüber den Mystifizierungen. Pointiert tritt dieser fast unbeteiligte Blick bei der Kreuzigung des Menschensohns zutage. Wie abwesend, kalt fast, abgeklärt, resigniert oder in Schockstarre harrt sie vor diesem Bild des Schreckens, wenn die handspannenlangen Nägel an dem Körperpunkt hineingeschlagen wurden, wo die Hand in den Unterarm überging. Vielleicht eine niemals mehr aufzulösende und in den eingebrannten Bildern auszulöschende Schockstarre. „Er war der Junge, den ich geboren hatte, und er war jetzt wehrloser als er damals gewesen war.“ Den Blick auf ihr eigenes Kind gerichtet, dessen Sterben sich hinzog. „Ich versuchte sein Gesicht zu sehen, während er vor Schmerzen schrie, aber es war so qualvoll verzerrt und mit Blut besudelt, dass ich niemanden sah, den ich gekannt hätte. (…) Wir sahen zu, weil wir keine andere Wahl hatten. Weder schrie ich noch lief ich los, um ihn zu befreien, weil es nichts geändert hätte.“ Stumm, reglos. „Ich sah die Gestalt am Kreuz kein einziges Mal mehr an. Vielleicht hatte ich genug gesehen. Vielleicht tat ich recht daran, mich selbst zu retten, solange ich noch konnte.“ Und es vermischen sich in diesem Schrecken und unter der Folter die Bilder zwischen Bewußtsein und Traum: eine Pièta-Szene entsteht. Im Schlaf, im Rausch des Schmerzes:

„Ich habe geträumt, ich sei dort. Ich habe geträumt, dass ich meinen zerschlagenen Sohn in den Armen hielt. Als er ganz blutig war, und dann wieder, als er gewaschen war, dass ich ihn wiederhatte, dass ich sein Fleisch berührte und meine Hände an sein Gesicht legte, das jetzt, wo sein Leiden vorbei war, eine hagere Schönheit gewonnen hatte.“

PN1_1Kollektive Bilder und gleichzeitig das unteilbare Leid einer Mutter. Dies ist es, was diese Geschichte von Tóibín erzählt. Die Individualperspektive. Bilder und Realien, die sich unendlich wiederholen. Mit unterschiedlichen Hintergründen und in den verschiedenen Kontexten von Krieg und von Gewalt. Immerzu.

Daß es anders wäre? Ein Traum und ein Wunschbild bleiben residual im Strom der Endorphine: „… sein Leib wie Marmor oder Elfenbein in seiner kostbaren Blässe. Sein Körper wurde allmählich steif und leblos, aber ein anderer Teil von ihm, den er uns in jenen letzten Stunden gegeben hatte und der aus seinem Leiden hervorgegangen war, schwebte in der Luft um uns wie etwas Süßes, das uns Trost gab.“ Der verklärte Leib und der erlöste Körper steigern sich zu einem surrealen Wunschbild, das sie zusammen mit jener anderen Maria träumt. Gleichsam ein kollektives Träumen der Frauen. Daß da noch Leben sei. Aus dem Grab heraus und darüber hinaus. Bilder, in Rausch und Traum, um die Gewalt und dessen Immanenz zu transzendieren oder schlicht, um das Unerträgliche zu sublimieren. (Handhabbar läßt es sich nicht machen.) Doch die Worte reichen nicht hin: Das, was wirklich geschah, bleibt für die Mutter unvorstellbar. Die, die übrigblieb – eigentlich nur noch auf den Tod wartend, zornig über die Verklärungen des sterblichen Körpers, der ihr Sohn war.

Diese Perspektive sowie die Profanisierung des Jesus Christus mögen die Crux dieses Buches abgeben: Dieses „Was-wäre-wenn?“ Was wenn dieser jüdische Wanderprediger nichts als ein Mensch gewesen wäre? Daß eine kontrafaktische Annahme durchaus eine realistische sein kann. (Was es für das Judentum durchaus ist. Denn der Messias und die Rettung der Welt im messianischen Licht stehen aus.) Es bedurfte der nachträglichen Inszenierung einer profanen Szene, um diese zu jenem Ereignis werden zu lassen, das in der Geschichte einen Einschnitt bedeutete. Für diese Maria freilich bleibt der Schnitt ohne Bedeutung, denn der Mensch, der da starb, war ihr Sohn.

Ob in dieser Überlegung, wenn eine uns bekannte Geschichte gegen den Strich gebürstet erzählt wird, nun das Ungeheuerliche steckt, wie der eine oder andere Kritiker mutmaßte, sei dahingestellt. In der Welt der Gläubigen mag diese Verkehrung und Umkehrung (Metanoia) eine Rolle spielen. Im Berliner Dschungel der abgeklärten Großstadtatheisten und der Freiheit von jeglichem theologisch-metaphysischen Wissen – selbst noch dort, wo in Mitte, fast Prenzlauer Berg am Sonntag zahlreich die Gläubigen in die Zionskirche strömen – bleibt dieses Buch ein bedeutungsloser Nebenschauplatz. Das metaphysische und damit zugleich auch das revolutionäre Sensorium ist abhanden gekommen.

Als Idee, die Perspektive einer Mutter zu zeigen, die ihr Kind verliert, sehenden Auges, wie ein Kind seinen  ihm gemäßen Weg geht und die dem nichts entgegenzusetzen vermag, funktioniert dieses Buch. Es lebt von seinem Inhalt, von der ungewöhnlichen Story. Von der Form her ist es konventionell gearbeitet. Der Trick besteht sozusagen darin, die Blickrichtung umzukehren. Man hätte es auch eine Novelle nennen können: Jene unerhörte Begebenheit, die dem Tod des Kindes in die eine oder in die andere Richtung hin Sinn verleiht oder dieses Ereignis als etwas vollständig Sinnloses sieht, von dem diese Familie hätte verschont bleiben können. Die Frage der (Leibnizschen) Theodizee gleichsam: Warum wir? Was, wenn es einen anderen Verlauf genommen hätte? In dieser besten aller möglichen Welten.

Tóibíns Text wurde zudem als Bühnenfassung am Broadway gegeben. Ohne diese Inszenierung gesehen zu haben, wird sie, so vermute ich, konventionell ausfallen. Bereits der Text von Tóbín schleift auf der Grenze. Um so nachgiebiger wird die Theaterinszenierung sich erweisen. In seiner Lakonie ist sein Text sicherlich an der Schreibweise amerikanischer moderner Short-Storys und literarischer Berichterstattungsverfahren geschult, wie sie auch von deutschsprachigen Schreibern insbesondere in den 90ern und ins nächste Jahrhundert hinein eifrig betrieben wurde. Vom Sujet her freilich ist diese Geschichte einer Umpolung des bedeutsamen theologischen Ereignisses zwar spannend.

Doch es bleibt ein Unbehagen: etwas fehlt und geht nicht auf. Bleibt in der Lakonie und im theologischen Scheinszenario stecken, das am Ende auf den Effekt schielt. Aber womöglich läßt sich der Schmerz einer Mutter nur noch in den Bildern und Sätzen der Lakonie zur Darstellung bringen. An jenem Punkt, wo alles erschöpft ist, wenn im unendlichen Ermatten die Grenzen zwischen Zorn und Gleichmut ins Nichts verschwimmen. „Wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war.“ Die Perspektive der (religiösen) Revolution steht hier gegen die Individualperspektive. Mit Adorno gesprochen läuft es auch in solchen Fällen der religiösen Umpolungen und der theologischen Szenarien und nicht nur in der revolutionären Praxis darauf hinaus, jegliches Opfer abzuschaffen. Auch jenes Opfer für die gute und für die gerechte Sache. (Was sicherlich eine kontrafaktische Annahme ist.)

Colm Tóibín, Marias Testament, Hanser Verlag, 14,90 EUR
Copyright Photographie: World Press Photo des Jahres 2012, Samuel Aranda

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Daß die Welt für einen Augenblick verharre – Colm Tóibíns Erzählung „Marias Testament“

  1. flowerywallpaper schreibt:

    Mir hat der Roman, oder Novelle wie du schreibst außerordentlich gut gefallen. Erstens einmal die Idee dieser Sichtweise und dazu ist dieses sehr zum Nachdenken anregende Thema. Wunderbar leicht und locker erzählt. Auch deine Beschreibung und Gedanken hier im Blog finde ich hervorragend. Gratuliere.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, ich sehe allerdings ebenso die Schwächen des Buches. Es hat mir in Konstruktion und Sprache etwas gefehlt. War vielleicht zu sehr auch auf den Effekt der Gegenposition beschränkt. Der Gedanke jedoch der Mutter, die ihren Sohn verliert und keinen Heiland, keinen Gesalbten, der hat durchaus etwas. Auch in der theologischen Dimension.

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