Vom Erhabenen, vom Schaudern und vom Vergehen in der Zeit

„Es ist ein vornehmlich in der frommen Sprache üblicher Ausdruck, einen sterbenden Menschen sprechen zu lassen: er gehe aus der Zeit in die Ewigkeit.

 Dieser Ausdruck würde in der Tat nichts sagen, wenn hier unter der Ewigkeit eine ins Unendliche fortgehende Zeit verstanden werden sollte; denn da käme ja der Mensch nie aus der Zeit heraus, sondern ginge nur immer aus einer in die andre fort. Also muß damit ein Ende  aller Zeit bei ununterbrochener Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein Dasein als Größe betrachtet) doch auch als eine mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio Noumenon) gemeint sein, von der wir uns freilich keinen (als bloß negativen) Begriff machen können. Dieser Gedanke hat etwas Grausendes in sich: weil er gleichsam an den Rand eines Abgrunds führt, aus welchem für den, der darin versinkt, keine Wiederkehr möglich ist (‚Ihn aber hält am ernsten Orte, Der nichts zurücke läßt, Die Ewigkeit mit starken Armen fest.‘ Haller); und doch auch etwas Anziehendes: denn man kann nicht aufhören, sein zurückgeschrecktes Auge immer wiederum darauf zu wenden (nequeunt expleri corda tuendo.  Virgil).“ (Immanuel Kant, Das Ende aller Dinge)

 Noch in der Theologie oder in der Lehre von den letzten Dingen (sowohl der Eschatologie, aber damit in Korrespondenz doch auch der Kosmologie) finden wir ein Erhabenes, und in den Bestimmungen ex negativo, daß es etwas gibt, welches in keiner Anschauung zum Bild gebracht zu werden vermag, verbreitet sich mittels der Phantasie und der Imagination zwar kein Positives, aber doch ein Weg des Denkens – gleichsam eine ästhetische Position. Die Einbildungskraft, so schreibt Kant, wirkt in der Dunkelheit sehr viel mächtiger als beim hellen Licht. Das Schaudern und der Schrecken der schwarzen Romantik und überhaupt der Prosa von Poe wirken darin nach. Kant – jener Alleszermalmer und bedächtige Metaphysiker. In der Zeit zu versinken, in den Gewalten des Chronos  sich zu wissen, der seine Kinder frißt und der blutig zerschlägt, bedeutet: Im Leben zu sein.

Der Stachel des Todes liegt darin, daß jenes Licht endgültig ausgeschaltet wird, das die Farben und den Schatten schafft, das Finsternis und Gleißen in einem produziert und im Strom der Bilder und in den Zügen der Zeit die Funken schlägt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Vom Erhabenen, vom Schaudern und vom Vergehen in der Zeit

  1. kulturgeschwaetz schreibt:

    Ah, so schön.

  2. Bersarin schreibt:

    Die Zeit des Triduum Sacrum bietet für den theologisch Aspirierten und philosophisch-kunstgeschichtlich Inspirierten eine Vielzahl an Bezügen. Deshalb schätze ich dieses Fest ausnehmend.

  3. ziggev schreibt:

    Was Kant offensichtlich nicht bedacht hat: die Möglichkeit (wenn wir hier von „Möglichkeit“ sprechen wollen) der Gleichzeitigkeit alles gewesenen. Damit wäre auch das Paradox der Dauer der Ewigkeit, in die Sterbende eingehen, aufgelöst. Wenn jeder Moment, jedes Ereignis alles gewesenen in einem Moment, in einem Jetzt ohne Zukunft, also einem ‚ewigen Jetzt‘, enthalten wäre, stellte sich auch nicht mehr das Problem der Dauer, genauer: der unendlichen Sukzession, also der zeitliche Aspekt der Ewigkeit, in die, wie vermutet wird, Sterbende eingehen. Sich Zenon entgegenstellend, der bekanntlich die Unmöglichkeit von Veränderung bewies (und damit damit die Nichtexistenz der Zeit), argumentierte bekanntlich Descartes, dass „die gesamte Zeit des Lebens in unzählige Teile geteilt werden kann, deren einzelne von denübrigen in keiner Weise abhängen“, sodass keineswegs gesichert ist, dass ich auch noch gleich, nach dem jetzigen Jetzt, weiterexistiere, „es sei denn, irgendeine Ursache erschafft mich in diesem Moment gewissermaßen erneut, will sagen; erhält mich“. (Quelle)

    Das ist die geniale Lösung der katholischen Lehre: wie es überhaupt sein kann, dass es ein Jetzt und eine Zukunft gebe. Dem Jetzt eignet Ewigkeitscharakter; es ist durchaus fraglich, weshalb es ein nächstes Jetzt geben sollte in der Zeit, bei der es sich, wie wir meines Wissens bei Aristoteles gelernt haben, um ein Kontinuum handelt. Die Dauer haben wir also durchaus unserem Schöpfer zu verdanken, nicht bloß, dass etwas ist, und nicht vielmehr nichts. Das Jetzt aber, als Kontinuumspunkt aufgefasst, könnte nicht Träger jedweden Seinsgehalts sein; wollen wir diese Trägerschaft des Jetzts aufrecht- oder beibehalten, werden wir über eine Dauer sprechen müssen. Nie anders denn als Träger von Seinsgehalten denken wir uns aber selbst jenes Jetzt, das wir meinen, führen wir dieses Wort im Munde. Der Gott, der über das erfüllte Jetzt wacht, trägt den Namen Kairos. Die Katholische Lehre spricht von der „erfüllten Dauer“ (s.o., Descartes).

    Besonders faszinierend fand ich folgende Idee: Irgendwann wird unser Universum den Zustand maximaler Entropie erreichen. Das heißt aber, dass einfach nichts, einfach gar nichts mehr passiert. Es findet nichts mehr statt, es gibt keine Veränderung mehr, Ereignisse sind unmöglich geworden. Man nennt diesen Zustand auch „Wäremtod“. Nun: wie konnte dieser Zustand nach dem letzten Ereignis eintreten? Wir können uns dies nicht anders denken, als dass gewissermaßen im Moment des letzten Ereignissen die Zeit stehenbleibt. Da wir aber in einem deterministischen Universum leben, werden alle vorangegangenen Ereignisse zu diesem letzten hingeführt haben und in ihm enthalten sein.

    Da haben wir sie also die Eschatologie, Wiederauferstehung der Leiber! Es wird irgendwann alles, einfach alles in einer ewigen Jetztkapsel eingefangen sein und zeitlos ‚weiter’existieren …

    Die ganze Ewigkeitskonzeption ad absurdum führend heißt es dann ja auch noch als Formel: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Konsequnt, eine Ewigkeit reicht einfach nicht aus, ich verstehe.

  4. Bersarin schreibt:

    Morgen gibt es eine Antwort. Im Augenblick ist die Zeit knapp. (Wie passend zum Thema.)

  5. Muskelmann schreibt:

    Das ist… ab- u. wegsehen vom Prozesscharakter der Materie. Das ist genau das, was zu nichts führt; Priestergeschwätz als Umschweif – zum hegemonialen Stuhl. Das waren die Knochen, die Hegel fort warf.
    Die Evidenz, die mit einem Schlage alles hin stellt, wird vermittelt sein oder sie wird nicht sein.

  6. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit alles Gewesenen ist und kann nicht das Thema Kants sein, weil dieser Modus in keiner möglichen Erfahrung gegeben ist. Ausgenommen im Raum der Phantasie und Phantastik.

    Man muß die Zeit wohl aus zwei bzw. drei Perspektiven betrachten: Einmal im Feld unserer europäischen-abendländischen Welt samt unserer Alltagserfahrung: darin läuft sie heutzutage meist linear ab. Aber bereits wenn wir es nur genauer anschauen, erweist sich dieses lineare Modell als Trug. Nahmen die Menschen die Zeit nicht vielmehr zyklisch wahr, bevor es Uhren gab? Weiterhin gibt es neben diesen Weisen der Zeit noch eine metaphysisch-theologische und eine Zeit der speziellen Physik geben, die sich an Raum-Zeit-Modellen und mehrdimensionalen Räumen orientiert.

    Möglicherweise gibt es aber noch einen vierten Part: den ästhetischen Modus und die Zustände des Rausches. Darin auch die Wiederkehr des Immergleichen sowie Dein Konzept von Zeit möglich zu sein scheint.

    Wieweit diese Positionen einer rein physikalischen Zeit des Sukzessiven im Raum zugleich die unterschiedlichen Zeitkonzepte der Lebenswelten (des Alltags) übersteigen und andere Perspektiven möglich sind, bleibt eine Frage nicht nur der Philosophie.

    Alles ist in der Zeit – selbst der Begriff der Zeit. Ausgenommen die Zeit selber. Die Zeit der Zeit ist nicht die Zeit. Mal so zengeraunt in den Raum gespielt.

    @Muskelmann
    Die Evidenz erreicht sich durch Denken. Zumindest in der Diktion Hegels und er stellte sich in jener Grabszene (ich schrieb hier im Blog letztens zu einem der Osterfeste darüber) gegen den kruden Empirismus, belustigte sich an jener Stelle in seiner „Philosophie der Geschichte“ über genau diese Kreuzfahrer, die das Lebendige beim Toten suchen. Dort nämlich findet sich der Geist nicht.

  7. Archivar schreibt:

    Zeit kann für Kant als Erfahrung ohnehin nicht gegeben sein, insofern trifft der Einwand auf Ziggev nicht.
    Das ist hier ein schöner Beleg für die Schwierigkeiten, die Kant aus der kritischen Methode erwachsen sind. Der Text behandelt „Zeit“ als etwas, was auch außerhalb des Subjekts ‚existiert‘, wogegen die KrV Zeit als apriorische Form der Anschauung vor dem und transzendentale Bedingung für den Erkenntnisvollzug definiert hatte – was, nebenbei bemerkt, dem geraunten Zen ziemlich nahe kommt. Analog zur Kategorie der Kausalität, die in der KrV ebenfalls als rein subjektiv aufgefasst wurde, dann aber auch als Garant dafür, dass „Dinge“, was immer sie sonst sind und tun, die Sinne „kausal affizieren“. Zeit und Kausalität sind also bei Kant doppeldeutig bestimmt, was schon Schulz in seinem „Anaesedimus“ 1792 verblüfft bemerkte und Fichte im Anschluß hieran zu seiner extremen Spielart der transzendentalen Subjektivität den Weg wies.

    Wittgenstein – der in diesem Blog ja leider nicht als Philosoph gilt – hat, obwohl ihm diese Diskussion gar nicht bekannt war, eine Möglichkeit zur Lösung vorgeschlagen, die Kants Unstimmigkeit dadurch vermeiden, dass sie diesen Pluralismus als notwendig aber nicht transzendental in der Erfahrung selbst verankern, mithin die Bedingung zur Möglichkeit der Erfahrung durch die Grammatik der spezifischen Lebensform und das heißt in letzter Instanz durch die Wahrheit der konkreten Situation bestimmen lassen.

    Im TLP hieß es noch:

    „6.36311 Dass die Sonne morgen aufgehen wird, ist eine Hypothese; und das heißt: wir wissen nicht, ob sie aufgehen wird.

    6.4311 Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.
    Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.
    Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.

    6.4312 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben auch nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondern vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raum und Zeit.
    (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)“

    Wieder sehen wir als Problem, dass es zwei oder sogar mehr Bestimmungen von Zeit gibt, die einander zu widersprechen scheinen: Lebenszeit, Welt- oder Geschichtszeit, wissenschaftliche oder physikalische Zeit.

    In seiner Wende zum Sprachspiel hat Wittgenstein daraus gefolgert, dass jede Bestimmung von Zeit eben dort verankert ist, wo über sie geredet, wo in ihr gelebt wird:

    „Denn die Bedeutung der Bezeichnung eines Zeitmaßes ist ja an ein Geschehnis gebunden: den Umlauf eines Zeigers, die Bewegung der Erde, etc. etc.; sagen wir aber “auf jede Stunde folgt eine nächste”, und haben wir die Stunde etwa durch den Umlauf eines bestimmten Zeigers (als Paradigma) definiert, so wollen wir mit jeder Aussage dennoch (doch) nicht prophezeien, daß sich dieser Zeiger in alle Ewigkeit so weiter drehen wird; — wir wollen aber sagen: daß er sich “immer so weiter drehen    kann  ”; und das ist eben eine Aussage über die Grammatik unserer Zeitbestimmungen. “
    (TS 212, 1891 (1))

    Es geht also um (quasianthropologische) „Dispositionen des Seins“ (Descola), Zeit ist immer nur dort, wo ein Sein ist und die sie prädizierende Bestimmung ist nicht unabhängig von diesem Sein zu denken. Damit sind wir schon fast bei Zizeks neuester Bestimmung des Seins in/als „Weniger als nichts“, die Einsteins Relativitätstheorie von Raum und Zeit zur Ontologie von Sein und Zeit im Ereignis analogisiert, ganz anders allerdings als Heidegger. Aber dies Thema wurde ja hier vor einigen Tagen schon angekündigt und kann daher warten.

  8. muskelmann schreibt:

    Es sei ergänzend darauf hingewiesen, daß die hier angeführte unterschiedliche Sicht von Größengleichungen offenbar auch mit der philosophischen Deutung des Zusammenhangs zwischen Raum-Zeit und Materie verbunden ist. Da die Geschwindigkeit allein ein Verhältnis zwischen Raum und Zeit ausdrückt, der Impuls aber die Materie bezüglich ihrer Masseneigenschaft einbezieht, so führt die gewöhnliche gedankliche Trennung zwischen Raum-Zeit und Materie zugleich auch die wissenschaftstheoretische Unterscheidung herbei, die in der Größengleichung für die Geschwindigkeit eine Definition, in der Größengleichung für den Impuls aber eine Sachverhaltsbeschreibung sieht. Dies drückt nun aber nur aus, daß man im Sinne des klassischen bürgerlichen Naturbilds Raum und Zeit nicht als wirkliche Gegenstände betrachtet und als wirkliche Gegenstände nur „in Raum und Zeit existierende“ manipulierbare Dinge.

  9. ziggev schreibt:

    @ bersarin

    „Die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit alles Gewesenen ist und kann nicht das Thema Kants sein, weil dieser Modus in keiner möglichen Erfahrung gegeben ist. Ausgenommen im Raum der Phantasie und Phantastik.“

    Dies ist ja nur das Q.E.D. Deines Beitrags, und doch

    gerade das ist ja das Thema Kants im Zitat, dass „Also […] damit ein Ende aller Zeit bei ununterbrochener Fortdauer des Menschen, diese Dauer aber (sein Dasein als Größe betrachtet) doch auch als eine mit der Zeit ganz unvergleichbare Größe (duratio Noumenon) gemeint sein [muß], von der wir uns freilich keinen (als bloß negativen) Begriff machen können.“

    Ich übersah einfach, dass ich mich eben in genau die Schwierigkeit Kants verwickelte, nur dass ich es diesmal mit der „Gleichzeitigkeit alles Gewesenen“, einem „ewigen Jetzt“ usf. versuchte, ohne das Moment der Dauer, worauf es mir ja ankam, also des Zeitlichen, dem wir uns in unserer Vorstellung nicht entziehen können, ableugnen zu können.

    Es hat mich allerdings schon immer gewundert, dass (sorry, der späten Stunde und der dito knappen Zeit geschuldet, meine Ausdrucksweise) so ein Big Deal daraus gemacht wurde, dass Kant umständlich solche evidenten Sachen wie die „Anschauungsformen“ von Raum & Zeit herausdestiliert hatte. Das lag doch eh´ auf der Straße, nach Descartes und Newton … Alfred North Whitehead etwa setzt hier mit einer interessanten Kritik an (die ich jetzt leider nicht aus dem Ärmel schütteln kann). Gedankenexperiment: versuche mal, Dir Descartes´(dreidimensionales) Koordinatensystem ohne einen Raum, in welchem Du es Die frei schwebend vorstellst, vorzustellen, der nicht eben einer soclchen cartesianischen Beschreibung des Raumes bereits folgt! Ich sehe hier eine Schwierigkeit, bei der ich mir nicht sicher bin, ob uns hier die berühmten kantianischen Deduktionen hin zu den Anschauungsformen und „möglichen Anschauungsformen“ wirklich weiterhelfen.

    Ansonsten folge ich Dir gerne ins romantische Reich der Schwärze und der Phantasie.

  10. Bersarin schreibt:

    @ Archivar/ziggev
    Der Einwand auf Ziggev – Kants Erfahrungs- und Zeitbegriff aufgreifend – trifft insofern, weil es ihm um ein (freilich ästhetisch-reflexionsphilosophisch nicht uninteressantes) Konzept von Zeit ging, das in der Erfahrung nicht gegeben ist. Kants Ansatz liegt nun darin, einerseits genau diese Erfahrungen zum Probierstein zu machen. Darin ganz Empirist und den wilden Spekulationen und den Träumen der Geisterseher, die seine Zeit beherrschten, zu entraten. All dem Obskurantismus oder dem Alltagsgebrauch einer gar okkultistischen Metaphysik oder einer solchen, die ihre Grenzen ohne Maß überschreitet und wilde Ozeanfahrten unternimmt. (Was nicht schlecht sein muß, wenn das in heuristischer Absicht geschieht.) Andererseits aber bei Empirie und Erfahrung nicht stehenzubleiben.

    All diese von Kant exponierten Begrifflichkeiten und diese Theorie einer Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, darin auch das Zeitkonzept, lag leider nicht auf der Straße. Kant setzte etwas und brachte hervor, das es so nicht gab (im Hegelschen An sich jedoch immer schon vorhanden), freilich auf Vorläufer samt Theorien zurückgreifend. Kant ging es darum, diese Insel, die im Ozean liegt auszumessen. Zeit ist für Kant im Bereich der Sinnlichkeit als Anschauungsform der innere Sinn. Das ist ein teils schwieriges problematisches Konzept, was jedoch im Kontext der Zeit Maßstäbe setzte und die Theorie weitertrieb.

    „Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbsten nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können insgesamt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer Möglichkeit) kann nicht aufgehoben werden.“ (KdrV § 4) Das mag sich nicht unbedingt mit bestimmten Bildern moderner Physik decken. Ich bin kein Physiker. Aber wie es im Pluralismus so schön scheint: Es werden sich sicherlich ebenso Physiker finden, die mit Emphase doch wieder auf Kants Zeitbegriff rekurrieren.

    Entscheidend bleibt für Kant die Ausdifferenzierung der Ebenen: sein Zeitbegriff entstammt in der Tat nicht der Empirie, auch wenn er diese nicht gering veranschlagte – darin Schüler der englischen Empiristen und insbesondere Humes. Er ergib sich nicht aus Beobachtung. Denn das Problem der Beobachtung ist, daß sie ad infintium erfolgen müßte, weil es immer einen Fall geben kann, wo etwas aus dem Rahmen gerät. (Siehe die schwarzen Schwäne.) Wenn wir beobachten, können wir nicht wissen, ob auch übermorgen wieder die Sonne aufgeht. Das Sinnliche trügt. Ich sehe den Ast im Wasser: und er ist gebogen. Ich nehme ihn heraus: Er ist es nicht mehr. Dieser Vorgang läßt sich nicht durch rein empirische Daten erklären. Natur- und auch Denkgesetze wie die der Logik lassen sich ebensowenig in der Empirie beobachten, sie finden dort jedoch ihre Anwendung. Insofern sind sie Über-Subjektiv. (Später wird das Konzept Kants dann kommunikationstheoretisch transformiert. Zumindest, was den Aspekt der Moral anbelangt.)

    Falsch ist die These, daß bei Kant die Kausalität rein subjektiv konzipiert sei. Gegen Hume wendet Kant nun gerade ein, daß jene Kausalität nicht ans Belieben des Subjekts gebunden ist und wir diese Kausalität lediglich als Gewöhnung oder aus subjektiver Gewohnheit annehmen, sondern daß sie einen durchaus objektiven Grund besitzt. Mit Kant den radikalen Konstruktivismus zu begründen, läuft an dem vorbei, worum es Kant geht. Man kann das zwar machen, aber man tut sich und der Theorie keinen großen Gefallen. Und es liefe das auf die doch triviale Annahme heraus, daß am Ende alles subjektiv ist, was durchs Subjekt geht. Die objektiven und das heißt dann, die allgemeingültigen Bereiche, die erst Formen der Subjektivität konstituieren, verkennend. Diesen Irrtum beging Fichte und zog die absolut-subjektive Verkapselung als Trugschluß aus Kants Theorie. Hegel war darin weiter, weil er die Vermittlungsleistungen bedachte und Kant gegen Kant, aber doch mit ihm las. Das Subjektive ist nicht einfach zu bannen. Ebensowenig aber bei ihm stehenzubleiben.

    Nein, Wittgenstein ist kein Philosoph, sondern Logiker und Sprachtheoretiker. Und er schrieb Aphorismen, die ich jedoch nicht für genuin philosophisch halte. Eher lose Überlegungen, die philosophisch ausdeutbar sind. Dieses Schwimmen zeigt sich bereits im „Tractatus“, und auch sein späteres Sprachspielkonzept bleibt auf einer allgemeinen Ebene des Beobachtens. Sein Lebensformkonzept ist sozial-pschychologisch sicherlich fruchtbar zu machen und wurde es auch gemacht. An eine fundamentale, gar transzendentalphilosophische oder dialektisch-logische Erklärung, weshalb es eben keine bloße Hypothese sei, daß die Sonne morgens aufginge, reicht Wittgenstein nicht heran. Hier liegt Kant sehr viel dichter. Das was im Rahmen der Zeit zu suchen ist, finden wir nicht in der Empirie vor, sondern es liegt in einem anderen Bereich.

    „… die Bedingung zur Möglichkeit der Erfahrung durch die Grammatik der spezifischen Lebensform und das heißt in letzter Instanz durch die Wahrheit der konkreten Situation bestimmen lassen“: Darin lassen diese Bedingungen der Möglichkeit sich, zumindest auf der erkenntnistheoretischen Ebene, sicherlich nicht finden. Die Situation ist lediglich situativ. Marx schrieb das „Kapital“ nicht durch intensive Beobachtung der Fabriken. Ebensowenig lassen sich die Sätze der Logik, die zudem ganz unabhängig von den spezifischen Lebensformen gelten, durchs bloße Beobachten gewinnen. Allerdings bestimmten diese Wittgensteinschen Lebensformen oder exakter gesagt, wie es bei Marx heißt, die gesellschaftlichen Bedingungen oder auch Formationen, wie wir es dann bei Foucault finden, dieses Denken und damit die Weisen der Subjektivität. Kausalität gibt es auch für den, der ein ganz anderes Konzept von Lebenswirklichkeit und Lebensform pflegt. Provokant könnte man sogar sagen, daß Begriffe wie Kausalität und Zeit in den modern ausdifferenzierten, westlich-rational geprägten Gesellschaften kaum eine Rolle spielen, weil diese Begriffe (oder auch: Sachverhalte) unbefragte Grundannahmen sind, die unsre Operationen genau aus diesem Grunde ermöglichen, weil sie ungewußt-gewußt präsent sind.

    Der Zahnarzt schaltet den Bohrer ein, nachdem die Zahnschmerzen da sind. Nicht vorher. Gut und schön. Aber sind diese Beobachtungen für die Philosophie, die mehr als Protokollsatz sein möchte, wirklich relevant?

    Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung liegen eben nicht der Erfahrung selber und sind dort vorzufinden wie Horizont, Sonne, Monde und Sterne. Darin überschreitet Kant den Empirismus. Erkauft ist dieser Schritt freilich mit einem extrem dualistischen Konzept.

    Über die unterschiedlichen Konzepte von Zeit schrieb ich in meiner Antwort an ziggev. Unter der Perspektive der Ebenendifferenz existiert Pluralität, die aber wiederum in ihren Differenzen und auch Ähnlichkeiten zu betrachten wäre. Wenngleich es wiederum Zeitempfinden in differenten Kontexten gibt, die dennoch ganz und gar ähnlich sind. Dem Liebende als auch dem Soldaten, der unterm Feuer von MGs und Granaten liegt und der die feindliche Siedlung stürmt, vergeht die Zeit wie im Fluge. Und dennoch können ihre Situationen konträrer nicht sein. So mag zwar im Hinblick auf die Zeit jener bekannte Satz von Augustinus gelten. Aber auch er versucht, in seinen Confessionen dieses Phänomen in eine Begrifflichkeit zu bringen. Aufs empirische Leben gerechnet, ist die Zeit immer zu kurz. Der Tod ist die Grenze der Lebenszeit. Die der Weltzeit nicht. Ihre Konzepte und die Theorien zu ihr überdauern in Schriften oder anderen Speichermedien. Auch das setzt Zeit voraus.

    Eine Theorie vom Ereignis ist insofern interessant und philosophisch bedeutsam, weil sie eine Aufsprengung des Zeitkontinuums verspricht, wie dies theologisch-revolutionär am klarsten wohl Walter Benjamin darstellte und wie dies im Rahmen der Ästhetik bei Adorno in seinen Überlegungen zum Kunstwerk aufscheint. (Heideggers Konzept des Ereignisses könnte man dazu kontrastieren. Und es ergäbe eine interessante Folie oder ein Gegenlicht aus der Anti-Moderne.)

    @ziggev
    „Ansonsten folge ich Dir gerne ins romantische Reich der Schwärze und der Phantasie.“ Ich habe da doch gemäß Arno Schmidts Etymtheorie und Freud im Anschlag gelesen: Ansonsten folge ich Dir gerne ins romantische Reich der Schwänze und der Phantasie. (Vielleicht weil tatsächliche Philosophie nur mit Männern möglich scheint. Der Gegenbeweis kam mir nur im Studium in den Philosophieseminaren unter. Und auch dort nur vereinzelt.)

  11. Archivar schreibt:

    Falsch ist die These womöglich, dass die transzendentale Kategorie der Kausalität rein subjektiv sein kann. Falsch und ein völliges Mißverstehen von Kant ist aber bestimmt, dass er hierfür einen objektiven Grund angegeben hätte. Der Prüfstein der Erfahrung ist auch nicht Kants Ausgangspunkt und für ihn kein ausgewiesenes philosophisches Kriterium. Darin würde er mit Dir übereinstimmen, wenn Du Dir selbst auch mehrfach darin widersprichst, dass die Bedingungen der Erfahrung nicht in der Erfahrung liegen. In der gesamten KrV taucht kein einziges aus der Empirie gewonnenes ‚objektives‘ Argument auf. Erst in den Schriften nach der KrV, besonders in den geschichtsphilsophischen Schiften, man denke nur an die Schriften zum Ewigen Frieden, den Streit der Fakultäten etc. Diese aber sind eben schon Ausdruck der genannten „logischen Kluft“ (Kondylis). Man kann bei Dieter Henrich sehr schön nachlesen, wie Kant an seiner eigenen Theorie gescheitert ist und wie das sehr schnell erkannt wurde, wenn Du Dich einmal in die Philosophiegeschichte einarbeiten möchtest.
    Kants Ziel in der KrV ist, der Philosophie den sicheren Gang einer Wissenschaft im Sinne der Newtonschen Physik zu geben. Wie Ziggev treffend und vielleicht etwas locker formulierte, lagen die Einzelteile hierfür „auf der Straße“. Das wusste schon der zeitgenössische Physiker Lichtenberg, als er schrieb, dass „Kant sich auch nicht für den Erfinder von allem ausgebe, sondern nur verbinde, was große Männer längst einzeln gesagt und gedacht“ hätten. Kant ist dabei aber Methodiker in der rationalistischen Tradition der Leibniz-Wolff-Schule. Er ist ganz und gar kein „Schüler Humes“, was philosophiehistorisch völliger Unfug ist. (Die Anekdote des dogmatischen Schlummers lasse ich weg, sie langweilt.) Deshalb eben setzt er vor jeder konkreten Erfahrung an, gerade dadurch zeichnet sich die tranzendentale Methode aus. Und so ergibt sich eben, dass die transzendentalen Kategorien keine objektive Realität besitzen können, sie wären sonst nicht Möglichkeit, sondern Ergebnis von Erfahrung. Das wäre aber zirkulär und würde die philosophische Methode Kants komplett ad absurdum führen.
    Dass Kant hier nur Worten glaubt, die Logik der Spache mit der Logik der Erkenntnis verwechselt, ist ein Wissen, das erst durch den „linguistic turn“ in die Philosophie Einzug gehalten hat. Ich erspare mir hier, die Positionen Nietzsches, Freges, Wittgensteins usw. aufzuführen, bin aber doch erstaunt, dass Philosophie für Dich offenbar nur aus Ästhetik besteht.

    Wer Philosoph ist, wird wodurch entschieden? Und wer, der eine „fundamental, gar transzendentalpilosophische oder gar dialektisch-logische Erklärung“, warum es eben keine Hypothese ist, dass die Sonne morgen aufgeht, geben würde, hätte sich nicht intellektuell vollkommen disqualifiziert, weil er Philosophie mit Physik verwechselt, weil er statt wahrscheinlichkeitsgestützte Prognosen zu geben die Zukunft prophezeit? Spekulative Kosmologie ist tatsächlich nichts anderes als der inkriminierte Obskurantismus
    Marx hat sein Kapital nicht aufgrund der Beobachtung einer Fabrik geschrieben, deshalb steht darin auch nichts über eine konkrete Fabrik, was also nicht besonders verwunderlich ist. Marx schrieb über den politisch-ökonomischen Diskurs seiner Zeit. Es finden sich dort Ansichten über Produktionsmittel und ihre Funktion innerhalb der Produktionsweise usw. Das von Dir vorgebrachte Argument ist also völlig inhaltsleer.
    Und daraus folgt dann auch, dass Marx nicht „exakter“ als Wittgenstein ist, sondern über völlig andere Dinge spricht. Das eben bezeichnet Sprachspiel, ein Begriff, den Du völlig falsch verwendest, zumindest ganz und gar nicht im Sinne Wittgensteins. Dazu ist auch keiner gezwungen, jeder kann sagen, er kenne Wittgenstein nicht, er verstehe darunter etwas anderes. Aber ein Urteil auf blanker Unkenntnis aufzubauen, ist nicht besonders interessant.
    Worüber reden wir eigentlich, ist die Frage, bevor wir wissen können, wie Begriffe verwendet werden. Um das obige Beispiel aufzugreifen: Du redest sicher nicht über Philosophie, wenn Du ‚beweisen‘ willst, dass morgen die Sonne aufgeht. Sie wird es wahrscheinlich, nur nicht für alle. Das ist ganz banal subjektiv.

  12. Bersarin schreibt:

    Ach, ich wollte Dir mit Wittgenstein nicht auf die Füße treten – es war dies lediglich ein kleiner philosophischer Spaß, den ich mir erlaubte. Allerdings scheint mir Wittgensteins Ansatz bzw. das, was Du in diesem Zusammenhang zitiertest, nicht unbedingt zielführend, um erkenntnistheoretische Fragen zu erörtern. Apriorische Bedingungen bzw. transzendentale Konstituentien lassen sich schwierig im empirischen Kontext von Lebensweltbezügen behandeln. Sprachspiele können allenfalls den Inhalt und den Kontext von Sätzen erläutern.

    „wenn Du Dir selbst auch mehrfach darin widersprichst, dass die Bedingungen der Erfahrung nicht in der Erfahrung liegen. In der gesamten KrV taucht kein einziges aus der Empirie gewonnenes ‘objektives’ Argument auf.“ Genau dies sage ich ja: die Bedingungen der Erfahrung liegen bei Kant nicht in der Erfahrung. Oder siehst Du dort Kategorien und die Formen der Anschauung herumtanzen und sich am Sonnenaufgang ergötzen und sinnieren, ob wohl morgen wieder die Sonne schiene? Vielleicht hören die zwölf Jungs von den Kategorien und die zwei Bengel von der Abteilung Anschauung aber auch Udo Jürgens: „Immer wieder geht die Sonne auf“.

    Allerdings bleibt bei Kant die Erfahrung der Probierstein jeder möglichen Erkenntnis und jeder Aussage und muß sich darin bewähren. Über die Unsterblichkeit der Seele können wir schlechterdings keine allgemeingültigen Aussagen treffen, die sich an und in der Erfahrung werden verifizieren lassen, und es ist das Los der Vernunft, so Kant, sich bei diesen Fragen in Widersprüche zu verstricken. Gleiches gilt für die im Hinblick auf die Zeit aufgeworfene Frage nach dem Anfang und dem Ende der Welt, wie Kant dies dann in der ersten Antinomie der KdrV darlegt. Diese Probleme sind Inhalt der transzendentalen Dialektik. (Die freilich nichts mit der Hegelschen gemein hat.) Und nebenbei weisen ebenfalls jene oben im Blogbeitrag zitierten Zeilen auf genau diesen Zusammenhang und ebenso der Text Kants von den letzten Dingen. Allerdings: es bleiben die Antworten spekulativ und können nicht Inhalt der Wissenschaft sein, und es sind dies und bleiben diese Dinge dennoch unabweisbare Fragen der Vernunft. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Kant denn doch immer wieder in ein metaphysisches, wenn nicht sogar theologisches Denken gleitet. Unabweisbarkeiten.

    Was die empirischen Beispiele in den Texten Kants betrifft, so finden sich dort zwar literarisch anregende Stellen, argumentativ jedoch oft ziemlich schwach gebaut und heute teils nicht mehr nachzuvollziehen. Seine Beispiele für die Schönheit hinken denn doch sehr: „In völliger Einsamkeit wird niemand sich sein Haus schmücken und ausputzen; …“ Dann ist Don Alphonso nun das erste Gegenbeispiel. Und was ich mit Studentinnen und Studenten über das Erhabene und das Schöne habe lesen und besprechen lassen, erregte bei diesen eher Erstaunen, führte eher zu Diskussionen um den Zeitgeist, denn daß es von einem Konzept des Schönen bei Kant noch handelte.

    Du hast allerdings in großen Teilen leider nicht richtig erfaßt, worauf ich hinauswollte, sondern ließest Dich vielmehr vom Zorn über meine Wittgensteinkritik tragen. Das ist nicht gut. Es ging in diesem meinem Kontext einerseits um ein Zeitkonzept bei Kant, das sich über die KdrV erschließt. Das sollte man zunächst einmal immanent nehmen und auch immanent kritisieren, anstatt Externes gewaltsam darüberzustülpen. Kritik an Aristoteles’ politischer Philosophie entkräftet sein Staatskonzept nicht dadurch, daß man dem Stagariten vorhält, er habe die Sklaverei gerechtfertigt bzw. vergessen zu kritisieren. Natürlich gab es zu Kants Zeiten keine Sprachphilosophie, wie wir sie dann bei denen finden, die darüber debattieren, ob der gegenwärtige König von Frankreich glatzköpfig sei.

    Andererseits ging es um die Grenzen der Subjektivität und darum, daß mittels der induktiven Methode bzw. durch reines Beobachten bestimmte Erkenntnisse sich nicht gewinnen lassen. Insofern taugt Wittgensteins Konzept nicht: „… die Bedingung zur Möglichkeit der Erfahrung durch die Grammatik der spezifischen Lebensform und das heißt in letzter Instanz durch die Wahrheit der konkreten Situation bestimmen lassen“, wie Du schreibst, verwischt die Ebenen. Vielmehr geht es im Kontext Kants um den Zusammenhang von Konstituens und Konstitutum. Wenn Wittgenstein den Sonnenaufgang, Todesbilder oder die Unsterblichkeit der Seele besprechen will, dann liegt das auf einer anderen Ebene als Kants Ausführungen zum Zeitbegriff in der transzendentalen Ästhetik und zu denen in der transzendentalen Logik zum empirischen und zum transzendentalen Ich. Das hat nichts mit der Grammatik der speziellen Lebensformen zu schaffen. Denn Sonnenuntergang oder fallende Äpfel finden (samt den Konstitutionsbedingungen) für jede Lebensform statt. In der Sprachphilosophie werden sich gewiß sehr viele schöne und anschauliche Beispiele finden lassen, in welchen Modi wir über Sonne und Apfel sprechen können.

    „Du redest sicher nicht über Philosophie, wenn Du ‘beweisen’ willst, dass morgen die Sonne aufgeht. Sie wird es wahrscheinlich, nur nicht für alle. Das ist ganz banal subjektiv.“ So ist es. Meine Kritik an Wittgenstein eben. Es ist keine Hypothese, daß morgen wieder die Sonne aufgeht, und das hat mit Kant nur minimal etwas zu schaffen. In der Tat wird Menschen, die den Aufgang der Sonne beobachten, selten die Frage in den Sinn kommen, ob das wohl morgen ebenfalls der Fall sein würde. Das wären dann schon sehr spezifische Sonnenanbeter. Weiterhin: es ging nicht um den Aufgang der Sonne als Frage der Philosophie, sondern um die Bedingungen der Erkenntnis und damit eben um eine transzendentalphilosophische bzw. fundamentale oder auch dialektische Lösung von Fragen: Daß die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und auch von Erfahrung eben nicht in selbiger liegen. Das berührt ebenso die Bedingungen, unter denen Naturwissenschaft stattfindet.

    Deshalb mein Hinweis auf die Differenz der Ebenen, die sich kaum mit dem Sprachspiel und einem Wittgensteinschen Perspektivismus, den wir nebenbei sehr viel ausgefuchster bereits bei Nietzsche finden, erklären lassen. Die Sonne geht weder jeden Morgen aus Gewohnheit auf, weil es ihr so gefällt (das wäre Mythos), noch ist es in den Zufall gestellt. Es ist nicht die „Wahrheit der konkreten Situation“, wie Du in bezug auf Wittgenstein schriebst, die bestimmte Denkgesetze und Naturgesetze oder auch soziale Daten bewahrheiten. Diese Situation ist lediglich Abgeleitetes. Insofern mein Beispiel, daß Marx nicht die die „Wahrheit der konkreten Situation“ suchte, indem er sämtliche Fabriken Englands bereiste, sondern er wählte einen anderen Weg. Diesen Vergleich hast Du leider nicht korrekt realisiert. (Dennoch geizte Marx nicht mit Beispielen. Siehe „Seniors letzte Stunde“ u.v.m. Aber diese spielen eben nur bei.)

    Du solltest, wenn Du Kritik übst, die Sätze schon genau lesen: Ich schrieb, daß Kant darin ein Schüler Humes sei, nicht insgesamt. Dieses „darin“ bezog sich auf den Empirismus, den Kant eben nicht krude im Sinne eines dogmatischen Rationalismus ablehnte. Insofern steht Kant nur bedingt in der Tradition der Leibniz-Wolffschen Schule rationalistischer Prägung, und es ist es korrekt, Kant in dieser Hinsicht als Schüler Humes zu betrachten. Er schrieb seine „Kritik der reinen Vernunft“ als eine Kritik und Möglichkeit von Metaphysik im Hinblick auf die Erkenntnisse Humes (auch als Kritik seines Kausalitätsbegriffes) und er formulierte : „Ich gestehe frei, die Erinnerung des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab.“ (Prolegomena …). Dies scheint mir ein nicht geringes Argument zu sein. Es als Anekdote unter den Tisch fallen zu lassen, ist dann als Argument in etwa von derselben Qualität wie der Satz: Die Sonne wird morgen nicht aufgehen, weil ich die Augen nicht öffnen werde.

    Der Begriff von Kantischer Objektivität läßt sich wohl gut durch sein Bild von der Kopernikanischen Wende erklären. Insofern meint Objektivität eben keine vorkantische: daß da die Wahrheit irgendwo in den Dingen lungerte. (Zumindest im Konzept von Kant. Ob man das nun teilt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.)

    Ich schrieb zudem nicht, daß Marx exakter als Wittgenstein sei, sondern, daß wir bei Marx einen Begriff von Lebensform finden, der diese nicht losgelöst von ihren gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen betrachtet und das dies eine exaktere Bestimmung dieses Begriffes ist als wir sie bei Wittgenstein finden. Daß beide auf unterschiedliche Bereiche zielen, wird kaum einer bestreiten. Der eine beschäftigte sich mit der Sprache, der andere mit politischer Ökonomie. Daß allerdings der Begriff der Lebensform bei Marx eine praktische Relevanz besitzt, die sich nicht nur ökonomisch zeigt, kann man gut insbesondere in seinen frühen Schriften wahrnehmen.

    „Kants Ziel in der KrV ist, der Philosophie den sicheren Gang einer Wissenschaft im Sinne der Newtonschen Physik zu geben.“ Nein, eben nicht nur. Der Kampfplatz Metaphysik bleibt. Nur erfährt dieses Feld Einschränkungen. Stichwort Notwendigkeit und Freiheit.

    Wenn alles das, was Kant in der Kritik der reinen Vernunft“ schrieb, bereits derart auf der Straße läge und evident wäre, verwundert es denn doch, daß dieses Sammelsurium bis zu Kant keiner aufhob und schrieb, und es verwundert dann ebenso die überschwengliche Reaktion auf diesen Grundlagentext der Philosophie. Mir will denn doch scheinen, daß Kant eine Art philosophischen „Mehrwert“ schuf und Dinge auf einen Punkt brachte, die weder der große Lichtenberg noch Newton so in der Perspektive hatten. Das Nachbeben, das er hinterließ, zeugte wohl ebenfalls davon. In der Philosophie verhält es sich oft so, daß alles an sich bereits versammelt daliegt, aber die Teile bisher keiner zum Band zusammenfügte. Nach Kant kam dann Hegel, der das dualistische Konzept ins Wanken brachte. Sinnlichkeit und Verstand, Subjekt und Objekt stehen sich nicht statisch gegenüber.

    Der sogenannte zu Tode zitierte lingustic turn ist als Wiederholung und Intensivierung bestimmter Denkmuster eine feine Sache, nur erschöpfen sich darin eben nicht die Erkenntnistheorie noch die Dialektik. Aber dies wußten bereits die Philosophen des Mittelalters. Erkenntnistheorie ist eben nicht nur als Sprachphilosophie zu haben. Wenngleich Sprache nun einmal eine notwendige Bedingung ist, um Erkenntnistheorie zu betreiben. Aber das scheint mir so trivial wie der Satz, daß man zum Hockeyspiel einen Hockeyschläger benötigt. Allerdings: es sollte im philosophischen Kontext die Sprache einer Sache nicht äußerlich bleiben. Was wiederum auf das Feld der Ästhetik bzw. auf Rhetorik und damit korrespondierend den Stil verweist.

  13. Archivar schreibt:

    Inwiefern ist Erfahrung der Prüfstein für eine synthetische Erkenntnis a priori, die ja den eigentlichen „philosophischen Mehrwert“ der KrV darstellt? Ist mathematische Erkenntnis für Kant keine Erkenntnis Deiner Meinung nach? Kann sich eine mathematische Aussage in der Erfahrung bewähren? In welcher? („Allerdings bleibt bei Kant die Erfahrung der Probierstein jeder möglichen Erkenntnis und jeder Aussage und muß sich darin bewähren.“)

    Wie können Wittgensteins Sprachspiele den Inhalt und den Kontext von Sätzen erläutern und was bedeutet dann Kontext und was Inhalt in diesem Zusammenhang? Welche Begriffe verwendet Wittgenstein für das, was Du vielleicht sagen willst? („Sprachspiele können allenfalls den Inhalt und den Kontext von Sätzen erläutern.“)

    Wo verwendet Marx den Begriff Lebensform überhaupt (“ da wir bei Marx einen Begriff von Lebensform finden“), exakt oder unexakt? Und wenn er den Begriff nicht verwendet, sondern etwa von der „Existenz des Menschen“ spricht, meint er dann das, was Wittgenstein mit Lebensform meinte? Inwiefern?

    Wie erklärt Kants Bild der Kopernikanischen Wende den Begriff von Objektivität? Wie kann ein Bild überhaupt einen Begriff erklären? Was bedeutet dann „erklären“? („Der Begriff von Kantischer Objektivität läßt sich wohl gut durch sein Bild von der Kopernikanischen Wende erklären.“)

    Was genau bedeutet „Differenz der Ebenen“ und wie lautet die Frage, die sich damit (dazu?) erklären (beantworten?) lässt, wenn auch nicht mit einem Sprachspiel? Womit dann? Was verstehst Du unter „Perspektivismus“ bei Wittgenstein? Wie zeigt sich der? Inwiefern ist der Perspektivismus Nietzsches „ausgefuchster“? („Deshalb mein Hinweis auf die Differenz der Ebenen, die sich kaum mit dem Sprachspiel und einem Wittgensteinschen Perspektivismus, den wir nebenbei sehr viel ausgefuchster bereits bei Nietzsche finden, erklären lassen.“)
    Was könnte Erkenntnistheorie in Wittgensteins Denken überhaupt bedeuten; ist dieser Begriff dort nicht völlig deplatziert? Wozu verwendest Du ihn?

    Wovon ist eine Situation abgeleitet? („Situation ist lediglich Abgeleitetes“)

    Inwiefern sind Bedingungen der Erkenntnis stets und notwendig auf transzendentale oder dialektische Herleitung festgelegt?

    Was bedeutet: „Der Kampfplatz Metaphysik bleibt“ und wie spricht dieser Satz gegen Kants Zielsetzung ihr den „sicheren Gang einer Wissenschaft“ zu geben (Vorrede KrV)?

    Was an Humes Anregung begründet ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen ihm und Kant?

    Wie sprach ich der KrV den bahnbrechenden Rang ab, wenn ich nur Ziggevs Annahme bestätigte, dass grundlegende Einzelteile vorab schon da waren?

  14. muskelmann schreibt:

    Da müsste man schon in Pulp Fiction stehen, um solch Maschinengewehrsalve von ???????? noch zu überleben.

  15. Bersarin schreibt:

    Es ist gut, Archivar, daß Du so viele Fragen an meinen Text hast. Dies ist zumindest ein Zeichen dafür, daß ein Text im Leser irgend etwas bewegt. Allerdings verhält es sich nun so, daß Du Dir die meisten der Fragen gut wirst selber beantworten können, wenn Du meine Texte gründlicher liest als bisher und es zunächst mal mit dem Nachvollzug versuchst. Sich dumm zu stellen, ist weder eine gute Lösung noch rhetorisch eine besonders geschickte Strategie. Ich kenne diesen Gestus zur Genüge aus den philosophischen Seminaren. Er langweilt mich insofern, weil er nicht erkenntnisfördernd ist. Die meisten sind allerdings schnell kleinlaut geworden, wenn man sie dann in ihren Fragen bei der Sache und beim Schlafittchen packte, indem man ihr Ablenkungsmanöver durchsichtig machte. Und noch etwas: Zitiere doch bitte meine Sätze im Zusammenhang und auch richtig. So wie ich sie formulierte. Und nicht in Abwandlung.

    Da Dir diese Dinge, von denen ich schrieb, nicht klar sind, solltest Du ansonsten ein wenig in den Primärtexten stöbern und lesen. Zur Lebensform bei Marx etwa: Die frühen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripte“, aber auch „Die Deutsche Ideologie“. Vielleicht noch jenes berühmte Vorwort „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859 und etwas plakativ ebenfalls das „Manifest der Kommunistischen Partei“. Da findest Du dann Gehaltvolles zu den Lebensformen samt deren gesellschaftlicher Konstituierung. Die bei Wittgenstein zur Gänze fehlt. Aber diese Bedingungen wollte oder konnte er nicht formulieren und denken. Wittgenstein war schließlich bloß Privatier.

    Zu Hume empfehle ich Dir die Einleitung der Auflage B in die KdrV. Weiterhin „Übergang der transzendentalen Deduktion der Kategorien“: Schüler haben übrigens nicht von Tag zu Tag vor ihren Lehrern gesessen, sondern sie nahmen diesen oder jenen Gedanken auf, der sie nachhaltig prägte und zu einer bestimmten Philosophie inspirierte. Du wirst es nicht wissen, aber Kant verließ Königsberg nicht und Hume wiederum weilte nie in Königsberg. Hättest Du das gewußt, kämst Du vielleicht auf die Idee daß man den Begriff des Schülers auch als Metapher nehmen kann. Und weiterhin beim Verhältnis Hume–Kant, sofern Du diesem von ihren Texten und Überlegungen nachzugehen gewillt bist, begreifst Du vermutlich auch, worin und wovon Kant durch Hume hinsichtlich des Empirismus inspiriert wurde. Von dort her wiederum kommst Du zu den Wendungen „Bestandteil möglicher Erfahrung“ und „innerhalb einer Erfahrung gegeben“. Ich bin mir da ganz sicher. Womöglich geht Dir dann auch auf, weshalb die bei Kant beschriebene Kopernikanische Wende ein Bild ist und kein Begriff und weshalb dieses Bild den Begriff von Objektivität bei Kant erklärt. Einfach vor dem Bild einen Schritt zurücktreten und Dir fallen die Begriffe zu. Vielleicht entdeckst Du dann sogar den Zusammenhang von Bild, Metapher und Begriff. („Auf dem Gipfel der Macht“ oder „in der Höhle des Löwen“ sind übrigens auch Bilder und nicht bloß aneinandergereihte Begriffe. Manche nennen das Metapher. Versuch mal darüber nachzudenken! Der Löwe spricht und wir verstehen ihn nicht. Sowas gibt es.)

    Wenn Du magst, trage das bei Marx und Kant Gefundene hier im Kommentarteil ein, fasse es zusammen. Ich schaue dann, ob Du es gut und richtig gemacht hast.

    Du hast, indem Du Wittgensteinsche Überlegungen auf Kants Theorie bezogst, etwas geschrieben, das so nicht haltbar ist. Dein Begriff der spezifischen Lebensform bei Wittgenstein paßte leider nicht zu Kants Transzendentalphilosophie, weil Lebensformen nun einmal im Bereich des Transzendentalen ausgesprochen selten anzutreffen sind (solltest Du dort welche kennen, bitte ich um Rückmeldung), die Zitate Wittgensteins gingen an der Sache vorbei und so vergaloppiertest Du Dich, hast Dich in Deinen Bemühungen überhoben. Anstatt den Kantischen Dualismus aufzulösen, wird er von Dir zu einer Seite hin abgetrennt. Solche Verhebungen sind in Blogs als Kommentar nicht weiter schlimm, das kann jedem passieren. Auch Dir. Auch mir. Ich mag steile Thesen durchaus. Du mußt Dich deswegen nicht schämen und dann wie das ertappte Kind schäumen. Es ist ja nun nicht so schlimm und ich sehe Dir den Wittgenstein nach. Vielleicht machst Du, was die Lebensformen und die Transzendentalphilosophie betrifft, ganz einfach Deine Argumente und Dein Denken etwas klarer, bevor Du mit einer Agenda 2025 der Fragen kommst, für deren Beantwortung in etwa zwei Semester Philosophie ausreichen dürften. Zumal selbst bei einer Antwort meinerseits zu vermuten steht, daß Du im Stand Deiner Reflexion weiterhin bei Dir selbst beharrst. Aber vielleicht ist das ja bloß eine Wittgensteinsche Lebensform oder ein lustiges Sprachspiel.

    Versuche Deinen Irrtum zunächst zu klären, und stelle dann Deine Fragen! Ich vermute, daß dies dann auch Deine Fragen ein wenig klarer und präziser macht. Du mußt es üben, mit philosophischer Kritik auch philosophisch umzugehen. Also, Archivar, auf in die Archive der Texte und an die Arbeit!

    __________
    @ Muskelmann
    Also, ich stehe auf Pulp Fiction. Aber wer macht nun die Leiche des Archivars weg? Diese Frage bleibt.

  16. Trolljäger schreibt:

    Begrabt die Leichen bei Sonnenaufgang

  17. Muskelmann schreibt:

    Es ist ja mit den Lebensformen hier so bestellt: auch die Vertreter des sog. linguistic turn –bei aller Mathematik, und die ist nötig und schwer-, auch diese Philosophen möchten haben, „dass, wenn alle Menschen sterblich und alle Griechen Menschen sind, dann auch alle Griechen w i r k l i c h sterblich s i n d“. Hinter dem rein psychologisch Konventionellen , d. i. hinter subjektiv-willkürlich gemachtem Denken macht keiner seinen Punkt.

  18. Archivar schreibt:

    Ich habe die Sätze, die ich von Dir zitierte, schlicht kopiert, da ist nichts abgewandelt. Ein Zusammenhang ließ sich nicht verändern, es gab keinen.

    Die ‚Diskussion‘ hat mich ebenfalls an die alten Zeiten im Seminar erinnert. Auf eine andere Weise allerdings. Auf die possierlichen Überheblichkeiten und onanistischen Spielchen Deines Textes – besonders am Ende – gehe ich daher nicht ein, denn wie sie „erkenntnisfördernd“ oder auch nur interessant sein könnten, erschließt sich mir nicht.
    Wie Dir ja sicher aufgefallen sind, handelte es sich um reine Sachfragen, das „Schlaffitchen“ ist also schon fest gepackt. Gerne komme ich also der Aufforderung nach, die Fragen selbst zu beantworten.

    Inwiefern ist Erfahrung der Prüfstein für eine synthetische Erkenntnis a priori, habe ich gefragt und kann sich eine mathematische Aussage in der Erfahrung bewähren? Denn Du schriebst ja: “Allerdings bleibt bei Kant die Erfahrung der Probierstein jeder möglichen Erkenntnis und jeder Aussage und muß sich darin bewähren.“ Die klaren Antworten auf meine klaren Fragen sind, dass Erfahrung natürlich nicht der Prüfstein für eine synthetische Erkenntis a priori ist – was ja wegen des Kriteriums des „a priori“ auch selbstverständlich ist – und sich mathematische Aussagen nicht in der Erfahrung bewähren können. Deine Aussage zu Kant ist also Unsinn.

    Wie kann Wittgensteins Methode der Sprachspielanalyse den Inhalt und den Kontext von Sätzen erläutern, war eine andere Frage, denn Deine Aussage lautete: „Sprachspiele können allenfalls den Inhalt und den Kontext von Sätzen erläutern.” Das können sie aber nicht. Sie erläutern gar nichts, weder etwas zum Inhalt noch zum Kontext; sie konstituieren eine Grammatik, bestimmen die Verwendung von Begriffen und die Bedeutung von Sätzen. Auch hier ist Deine Aussage also blanker Unsinn.

    „Wir finden bei Marx einen Begriff von Lebensform“, so sagtest Du und ich frug Dich, wo wir ihn denn finden. Statt der schlichten Antwort „nirgends“, wozu ein Blick ins Register der MEW vollkommen ausreichen würde, nennst Du viele Titel und unterschlägst die Frage. Das ist ein schönes Beispiel für Deine beeindruckende „Arbeit am Begriff“, die Du gern anderen auferlegst.

    Wie kann ein Bild einen Begriff erklären und was bedeutet dann erklären, lautete eine Frage auf die von Dir aufgestellte Behauptung: “Der Begriff von Kantischer Objektivität läßt sich wohl gut durch sein Bild von der Kopernikanischen Wende erklären.” Du antwortest, dass ein Bild auch eine Metapher sein kann und Begriffe Dir beifallen. Dazu fällt mir dann nichts mehr ein.

    And so on, das reicht wohl. Die Wertungen, Herablassungen, Empfehlungen und Meinungen, mit denen Du um Dich wirfst, sind sehr lustig angesichts Deiner doch sehr schlichten Denkart und Deiner offenkundig eklatanten Unwissenheit.

  19. Bersarin schreibt:

    Deinem Diskussionsverhalten liegt ein Motiv zugrunde: daß ich Dich nämlich kritisierte. Diese Kritik nun ertrugst Du schlecht, hast ihr bisher nichts entgegengebracht außer Fragen. Du kannst mit Kritik auf einer sachlichen Ebene, also der Sache gemäß, nicht umgehen. Deine Ausführungen zu Wittgenstein und der Bezug auf Kant waren nun einmal Blödsinn oder netter geschrieben: der Bezug war falsch. Darauf bist Du bisher leider nicht eingegangen, sondern hast, meiner Kritik ausweichend und wie man es – im Handbuch für PR abgeschaut – bei Politikern in den Talkshows findet, einen Nebenschauplatz mit Nebelkerzenwerfen eröffnet und Fragen konstruiert, die Du Dir auch gut selber wirst beantworten können. Du hast hier insofern keine Sachfragen gestellt, sondern schiebst ein bewußtes Mißverstehen vor, um taktisch die Diskussion auf ein anderes Terrain zu lenken. Ein Verhalten, das mir aus den Seminaren bekannt ist, indem auf Fragen und Kritik einfach mit Gegenfragen geantwortet wird. Wie ich zudem sehe, kennst Du die Textstellen bei Marx nicht, sonst wüßtest Du, was ich mit diesen Buchtiteln meinte. Mit ein wenig Nachschlagen, Nachlesen, Nachdenken kämest Du drauf, was bei Marx mit dem Begriff der Lebensform gemeint ist. Ein Blick ins Register oder über Suchmaschinen ist dafür freilich nicht ausreichend, weil sich der Bezug nicht durch Stöbern erschließt, sondern es erfordert die Lektüre. Dann findest Du in den Texten und Kontexten einen Begriff von Lebensform, der zudem nicht, wie bei Wittgenstein, freischwebend durch den Raum wabert, sondern der in der Marxschen Analyse gesellschaftliche und ökonomische Implikationen mit sich bringt. Ich bin nicht bereit, Dir die Denk- und Lesearbeit abzunehmen. Wenn Du das nicht leisten kannst, dann mußt Du es üben. Als Stichwort nur soviel: entfremde und unentfremdete Arbeit bei Marx.

    Daß sich synthetische Erkenntnisse a priori nicht in der Erfahrung finden und durch diese „beweisen“ lassen, sollte Dir eigentlich klar sein. Genau das schrieb ich die ganze Zeit über. Sie müssen sich allerdings in der Erfahrung bewähren und darin ihre Anwendung finden. Hier setzt die Erkenntnistheorie ein. (Und bei Kant ist eine durchführbare Metaphysik als genau diese Erkenntnistheorie möglich. „weil die Grundsätze, deren sie [die Vernunft] sich bedient, da sie über die Grenzen aller Erfahrungen hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen.“ Dies merkt Kant hinsichtlich eines Vernunftsgebrauchs an, der über die Erfahrung hinaus sich versteigt.) Die Verstandesbegriffe, etwa auf Noumena bezogen, bleiben erkenntnistheoretisch leer. Insofern ist diese Erfahrung ein „Probierstein“. Das ist doch eigentlich einfach zu verstehen. Ich führte dann im Anschluß an den von Dir zitierten Satz an: „Über die Unsterblichkeit der Seele können wir schlechterdings keine allgemeingültigen Aussagen treffen, die sich an und in der Erfahrung werden verifizieren lassen, und es ist das Los der Vernunft, so Kant, sich bei diesen Fragen in Widersprüche zu verstricken.“ Zudem verwies ich Dich auf die transzendentale Dialektik. Da haben wir nun – zumindest in Kants Diktion – synthetische Erkenntnis a priori, die sich nicht in der Erfahrung bewähren kann. Da liegt übrigens auch der Unterschied zwischen „beweisen“ und „bewähren“. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: entweder Du hast diese Bezüge tatsächlich nicht verstanden, dann tut es mir leid, daß ich mich für Dich derart undeutlich ausdrückte. Freilich habe ich Kenntnisse Kants vorausgesetzt. Oder Dein Verhalten ist mutwillig. Aus den o.g. Gründen.

    „Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch zu keinem anderen Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori konstitutiv sein (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die dynamischen), enthalten nichts als gleichsam nur das reine Schema zur möglichen Erfahrung; denn diese hat ihre Einheit nur von der synthetischen Einheit, welche der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Beziehung auf die Apperzeption ursprünglich und von selbst erteilt, und auf welche die Erscheinungen, als data zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in Beziehung und Einstimmung stehen müssen.“ (Kant) Insofern: „Allerdings bleibt bei Kant die Erfahrung der Probierstein jeder möglichen Erkenntnis und jeder Aussage und muß sich darin bewähren.“ (Bersarin)

    Da Du nicht an einer Diskussion über die Sache interessiert bist, da Du nicht Deine Position zu erklären und zu erläutern gewillt bist, die ich kritisierte, scheint mir ein weiterer Verlauf des Gespräches schlicht sinnlos. Retourkutschen, lieber Archivar, die sich als Fragen tarnen, sind eben keine Antworten und bilden auch nicht den Inhalt von Diskussionen. Zudem läuft es auf ein Hase-Igel-Spiel hinaus. Denn bei jeder Ausführung wirst Du Dich natürlich weiterhin dumm stellen.

    Es ist schade, daß hier im Blog Philosophieamateure nicht bereit sind, in die Tiefe zu gehen und ihr Unwissen als Wissen ausgeben. (Siehe den Unfug zu Kant und Wittgenstein, sowie das freischwebende, inhaltsleeren Lebensformkonzept, das mit Erkenntnistheorie und Transzendentalphilosophie zunächst einmal nichts zu schaffen hat.)

  20. Archivar schreibt:

    Ein Begriff, der in Marx‘ Texten nicht geschrieben steht, kann in Marx‘ Texten nichts bedeuten. Verstehst Du das? Genauso wie Deine wortreichen, inhaltsleeren oder schlicht unsinnigen Phrasen hier nichts bedeuten. Aber leider geschrieben wurden.

  21. Bersarin schreibt:

    Es ist schön, wie Du Dich hier selber demontierst und zum Archiv-Clown machst. Texte zu lesen, bedeutet, sie zu interpretieren. Das kommt bei Dir nicht an.

    Sei nicht traurig, lieber Archivar, daß es bei Dir mit der Lebensform und Wittgenstein nicht klappt. Du hast gewiß noch andere Qualitäten. Aber zeige die bitte woanders und nicht mehr hier im Blog. Es bedeutet Zeitverschwendung, sich mit Dir auseinanderzusetzen, weil Du in der Sache und zur Sache nichts Gescheites beizutragen hast.

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