Aufgeblasene Subjekte samt Vorblick auf Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin

In der Blogosphäre ist es in Ermangelung an Sachgehalt und Substanz beliebt, als Referenz und Ausweis die eigene Subjektivität ins Spiel zu bringen, anstatt sich einmal nur auf eine Sache selbst einzulassen und diese beredt werden zu lassen, sie also zum Sprechen und zum Klingen zu bringen – sei das nun ein Buch, ein Film oder ein Bild, was auch immer. Die vorgespielte Naivität nach dem Modus „Feuerzangenbowle“ („Da stelle mer uns mal janz dumm …“, so der Lehrer Bömmel) ist nicht der Ausweis des authentischen Zuganges und eines tiefen, offenen Bewußtseins, das um den richtigen poetischen Ausdruck beständig und ach so mühevoll ringt und ringt und ringt, sondern einfach nur Naivität, die ihre eigenen Mittel und den Kanon der Formen nicht beherrscht oder schlicht zu faul und zu feist ist, sich darauf einzulassen. Die gespielte Naivität fabuliert gerne von den eigenen Erfahrungen und den authentischen Wahrnehmungsweisen, die sich am Ende als doch recht austauschbar und als ebenso standardisiert erweisen.

Häufig läuft es auch in Blogs auf den Twitter-Sound hinaus: „Im Kino gewesen. Popcorn gegessen.“ Was Kafka noch in seiner Weise dem Tagebuch anvertraute, sei es um einen Moment des Tages abzubilden oder um Begebenheiten für irgendwann später als Notiz und Struktur festzuhalten – Passagen eben, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren –, lesen wir heute zuhauf, und es zelebriert sich das Banale, das Langweilige spreizt sich und am schlimmsten: es geriert sich die Durchschnittlichkeit als exzeptionell. „Buch angefangen, nicht zurechtgekommen.“ Ich muß gestehen – so ganz und gar subjektiv –: es interessiert mich in den meisten Fällen nicht den Deut, wenn Menschen mit Texten und Bildern ringen, wenn sie Tentatives von sich seihen , wenn sie ihren Frühstücksquark oder ihren Tagesablauf beschreiben oder daß die Nachbarin in der Wohnung nebenan gerade gehustet habe, daß Frau Reschke aus dem dritten Stock verstorben sei, kundtun. Wer will’s lesen? Nun gut, Publikum ist vorhanden für diese „Stunde der wahren Empfindung“. Mir jedoch ist „die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“ weitaus lieber. Am besten statt Stunden: die Monate oder Jahre. Egal wie – nur weit weg. Mich interessiert anderes: Wenn eine oder einer sein Schreiben auf eine Weise subjektiviert, das es mehr als der Ranz reiner Privatheit ist, wenn man fiktionalisiert, objektiviert und philosophisch oder ästhetisch etwas in eine Form bringt, wie wir diese causa bisher nicht fanden (solche Texte sind zu machen), mich interessiert, wenn sich die Grenzen zwischen Welt, Körper und Fiktion verwischen, wenn sich Bestandteile verschieben und verschiedene Bilder verdichten. Mich interessieren Erfahrungen, die nicht den Standards entsprechen und die in einer Sprache oder in Bildern sich niederschlagen, die es so bisher nicht gab. Morgen mehr zu solchen Verschiebungen und Verdichtungen in einer Besprechung zu Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin. Dies kann man gut in Anknüpfung an das hier lesen. [Allerdings können auch Bilder und Photographien massiv scheitern und gegen die Wand fahren.]

8 Gedanken zu „Aufgeblasene Subjekte samt Vorblick auf Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin

  1. Meine auch. Es scheinen sich die Nachbarinnen dieser Welt zu ähneln. Selbst in den individuellen Regungen schlägt das Kollektiv durch. Um so größer die Sehnsucht der verwechselbaren Menschen nach Unverwechselbarkeit. Extremer Keuchhusten wäre eine Alternative! Ich möchte eine Nachbarin mit Keuchhusten und Masern.

  2. Bersarin gelesen. Geweint.

    Wusste ja nicht, dass jemand auf meinen Blog stößt. Und nun versteinert vor der Tastatur ringe ich um einen Ausdruck, eine Antwort. Vielleicht so: Die (vielgelesenen) Blogs, die „Ich, ich, ich“ sagen, sind vielleicht mehr als Beziehungsarbeit aufzufassen, denn als Literaturkritik. Das literaraische Werk ist Anlass der Kommunikation, ist ihr Inhalt, aber nicht unbedingt ihr Ziel. Wenn gelungene Literaturkritik dabei herauskommt – wunderbar! Wenn nicht, sind die Beiträge nicht unbedingt verfehlt, denn das schreibende Subjekt steht tatsächlich im Mittelpunkt, nicht zufällig. (Dass Dein Anspruch in ganz anderen Sphären anzusiedeln ist, ist klar.)

  3. Eine gute Freundin und Impfgegnerin hat gerade Keuchhusten. Ihr Sohn auch. Ebenfalls dessen bester Kumpel und Kitafreund und die Mutter des Freundes. Vll veranstalten die dort in Südthüringen spezielle Partys auf denen revolutionäres Gedankengut ebenso geteilt wird wie das Bakterium Bordetella pertussis. Auf alle Fälle wird mancherorts anscheinend noch ganz real, banal geteilt und wenns der Rotz des Nachbarn ist….

  4. @ Jim Knopf
    Ach, kein Grund zum Weinen! Ich meinte nicht Blogs wie den Deinen oder solche, die ihre private Sicht auf Literatur formulieren, aber daraus nichts weiter ableiten, als daß es eben ihre eigene Sicht ist. Gegen das rein subjektive Geschmacksurteil – dem Gegenpart zum objektiven, wobei objektives Geschmacksurteil zunächst wie eine Contradictio in adiecto klingt – ist ja nichts zu sagen, wenn daraus nichts über das Werk als solches und seine Qualitäten gefolgert wird. Und wenn sich Bloggerinnen und Blogger auf die ihnen genehme Weise über Bücher austauschen wollen: Weshalb nicht? Das kann in vielen Fällen zu ausgesprochen sympathischen Blogbeiträgen führen. Wenn aber dann so Blog-Gestalten auftreten, die mit Thesen um sich hauen, die die Meßlatte ungemein hoch anlegen und dann nicht darüber passen, sondern dem Wurmfortsatz gleich darunter durch glitschen und ihre Auslassungen für den Nabel der Welt nehmen, dann kann es passieren, daß es mich ärgert und ich dagegen etwas schreibe. Es gibt Menschen, die rütteln mit dummen Thesen unablässig am Ohrfeigenbaum. Ich vermute, die brauchen das. Quintessenz: Wer mit starken Geltungsansprüchen und steilen Thesen auftritt, die sich am Ende als schief gebaut erweisen und dem Dummsprech oder dem Mangel an Denkkraft geschuldet sind, muß mit Widerspruch rechnen. Ebenfalls nervt es mich, wenn Menschen ihre Banalitäten des Alltags mit einer Bedeutung aufladen, die schlicht und ergreifend nur gekünstelt ist.

    Aber andererseits hast Du sicherlich recht: die Welt ist groß und weit.

  5. @ Frau Wunder
    Ist ja immer die Frage, was man teilt: Keuch, Husten oder revolutionäres oder ästhetisches Bewußtsein? Manchmal alles zusammen. Manchmal auch dieses wunderbare … hust, hust, hust (Eine Folge aus der Serie „Hustler“)

  6. Deinem Widerspruch stimme ich ja in vielem völlig zu: Literaturkritik sollte auch nur dasjenige genannt werden, was dem zumindest nahe kommt. Wer Literaturkritik behauptet, zumal mit steilen Thesen, dem ist Widerspruch zu wüschen, wenns nur heiße Luft ist.

    So ein Widerspruch, wie Du ihn immer wieder äußerst, ist ja auch selten. In den Literaturblogs herrscht in der Regel nicht nur ein freundlicher Ton (den ich erfreulich finde), sondern eine vollständige Kritiklosigkeit (ganz anders als in anderen Blog-Diskursen). Das liegt sicherlich auch daran, dass der naive Zugang zur Literatur vollkommen gleichberechtigt neben dem Zugang des Experten steht. In der Blogosphäre ist tatsächlich so etwas wie eine Demokratisierung der Lektüre zu beobachten. (Darüber hattest Du ja schon einmal geschrieben. Das ließe sich vermutlich noch weiter ausleuchten.)

    Tränen sind getrocknet.

  7. Der freundliche Ton ist sicherlich erfreulich, gut und angebracht, wenn es in der Sache Übereinstimmung gibt, und er sollte als Höflichkeit ebenso in der Differenz gewahrt werden. Dort wo es um die Sache geht. Wenn sich jedoch Menschen auf Behauptungen versteifen und mit gravitätischer Miene das Märchenspiel „Des Kaisers neue Kleider“ aufführen und uralten Wein in neuen Schläuchen als den letzten Schrei und als eigenes Denken verkaufen wollen, dann ist Polemik und Bosheit angebracht. Ebenfalls dort, wo Naivität als Inszenierung und damit im Grunde parvenühaft auftritt.

    Es freut mich aber, daß Deine Tränen getrocknet sind. Aber sowohl Kafka als auch Du haben in diesen Tränen recht, denn es steckt in dieser Erfahrung eben auch ein Moment der Wahrheit.

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