Servus, Helmut Dietl!

Mit seinem Film „Rossini“ konnte ich wenig anfangen – zu viel Münchener Chichi und Schickeria-Schnickschnack. Nicht die Welt, die mich im Film interessierte und die ich für relevant halte – nicht einmal im Gebiet der seichten Unterhaltung –, zu selbstreferentiell war dieser Film in bezug auf die Münchener Film- und Glamourwelt, noch in der Satire. Die simple Verdoppelung dessen, was sowieso schon der Fall ist. Aber das da, das war in seiner Derbheit und Genauigkeit exakt mein Humor, als ich diesen Filmanfang 1992 im Kino sah: „Er brennt nicht, Herr Obersturmbahnführer!“ „Was brennt nicht?“ „Der Führer!“

Diese Auftaktsequenz mit dem in Trümmern liegenden Berlin und dem im faschistischen Deutschland gerne gespielten Durchhalte-Song von Zarah Leander, während die Städte unter Bomben begraben waren, die im Geist von Coventry und Warschau langsam aufs Reich zurückfielen. Darauf zu kommen, mag nicht allzu schwierig sein. Aber es eiskalt und ironisch mit dieser Musik in diese Bilder zu bringen schon. Nicht minder köstlich ist jene Szene aus dem Redaktionsalltag.

Der kalte, schmallippige, schmierige Redaktionsleiter weist bereits auf Kommendes, das sich in den Redaktionsstuben ereignen wird. Aber das ist andererseits Quatsch – diese Typen gab es immer schon. Was sich änderte, sind die Durchstrukturierungen in den Unternehmen, genauer, in den Zeitungskonzeren, die solchen Menschen Auftrieb geben. „Schtonk!“ fing diese Charaktere einer aussterbenden 80er-Jahre-BRD gut ein: vom journalistischen Trüffelschwein, das seine eigenen Lügen am Ende selber frißt, so wie den Dreck, den es den Leserinnen und Lesern liefert, bis hin zu den ein wenig durchs Ohr Genagelten und all den Karrieristen. „Schtonk!“ bleibt unvergessen und ist eine der wenigen gelungenen, ausgesprochen witzigen deutschsprachigen Filmkomödien, genauer geschrieben Satiren der 90er Jahre. (Und die Serie „Kir Royale“ eine der besten deutschsprachigen Serien.) Mit leichtem Blick gleitet „Schtonk!“ über ein absurdes Kapitel deutscher Zeitungsgeschichte, flott erzählt und mit einem Plot, den in seinen absurden Wendungen nur das Leben selber derart in Szene zu setzen vermag. Hätte diesen Film jemand vor den Hitler-Tagebüchern als Drehbuch und Skript eingereicht, wäre er sicherlich verlacht worden, angesichts solcher Ungeheuerlichkeiten, die im gründlichen deutschen Redaktionsalltag naturgemäß nahezu ausgeschlossen sind. Aber wie es so ist: Hitler-Devotionalien und NS-Artikel gehen immer. „Schtonk!“ zeigt dies in einer amüsanten und durchaus anregenden Weise, er überspitzt in den Zeichnungen der Szenen und der Charaktere und ist gerade dadurch um so näher dran. Dietl produzierte Unterhaltungskino und -fernsehen. Aber das machte er mit „Schtonk!“ und „Kir Royale“ auf eine großartige Weise. Danke dafür.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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