Die Tonspur zum Sonntag – Tocotronic in Concert: Atlantic City oder Zabriskie Point?

Der Betreiber dieses Blogs wird seine Leserinnen und Leser am 1. Mai diesen Jahres leider nicht mit Photographien von der ungemein revolutionären 1. Mai-Demo versorgen können, wie bereits letztes Jahr und Male davor, weil er an diesem Tag beim Konzert von Tocotronic im SO 36 in besinnlicher Gestimmtheit, vom Ereignis träumend, zuschauen wird. Denn am 1. Mai kommt die neue Platte der Band heraus, und da gibt es in Berlin ein Auftaktkonzert und da gehen wir hin. Naturgemäß. Wenngleich eigentlich zu alt für diese Dinge. Die Platte heißt, passend zum Datum, aber leider doch etwas zu kokett gewählt „Rotes Album“. Aber womöglich löst sich der Titel im weiteren der Stücke in andere Richtungen hin auf. Allerdings ist das mediale Eröffnungsvideo zur Platte ungemein anregend und fein gemacht, es erinnert mich stellenweise und assoziativ an „Zabriskie Point“ von Antonioni. Faszinierend an diesen getexteten und gefilmten Sequenzen ist es, daß sie gleichermaßen sehr junge wie auch die in den 80ern und 90ern poststrukturalistisch studieren Menschen ansprechen. Bild/Text-Schere. Es gibt die Revolution nur noch im Kinderzimmer und in den Sprachfetzen. Wir Abgeklärten wissen dies und sinnen sentimental. Während die Jungen wild den Traum des Anderen und vom Ereignis träumen. „Zabriskie Point“ ist abgelebt. Es blieb ein Reigen der Bilder, ohne Tat. Keine Explosionen der Hochkomfortzone, kein Fernseher, der implodiert oder im Bilderreigen der zerstiebenden Dinge explodiert und Fetzen schleudert, keine Bilder, die zerspringen und sprengen und destruieren. Dafür eine blonde Frau mit dunklen Augenbrauen, die mein Reiz-Reaktionsschema bedient und die in Abwandlung oder Erinnerung fast so ausschaut wie die, mit der ich vor über 20 Jahren Becketts „Endspiel“ im Takt von Adorno referierte, kontemplierte. Odradek oder Žižek? Meeresgrund und Tiefenrauschen. „Wir werden das System durchschaun!“. Ereignis, Fischgrund, Fischgeruch deiner Scheideninnenwand.

In rund einem Monat, das Konzert:
Ich freue mich auf diese Ekstase//dieser wilden Abtanzphase//Im Vollzug die Photos machen//1. Mai und wilde Sachen. Na ja. Gut.

Vom Duktus her ist diese Lyrik von Tocotronic zwar assoziativ, aber die Koppelungen sind mit Sinn und Verstand gebaut. Wie immer bei dieser großartigen und klügsten deutschsprachigen Band, für die ich eigentlich zu alt bin. Ausbruch und Sandweg und im Phantasma der Bilder geht die Welt auf. Unter dem Pflaster und kein Strand. Glycerine.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Die Tonspur zum Sonntag – Tocotronic in Concert: Atlantic City oder Zabriskie Point?

  1. holio schreibt:

    liest mann nur die godard-liken einblendungen:
    zittern, schalentiere, tiefe, wüste, widersetzen, tiefe, wind sich dreht, liebe wird das ereignis sein
    ergibt sich tatsächlich keine politische botschaft.
    wobei sie leicht silbern blickt, nicht? wie leslie malton ehedem.
    dass ihnen der kontrast dunkle braunen blonde wellen gefällt, verstehbar.
    (mir musik als zu emotionshaschend zuwider. mehr der textmensch.=)

  2. Bersarin schreibt:

    Ich komme nicht von der Musik her, kenne mich darin weniger als Null aus. Und ich gehöre zu den wenigen Menschen, die, wenn sie sich mit etwas nicht so gut auskennen, eher still sind. Dies ist im Internet leider ein sehr selten anzutreffendes Phänomen, denn dort wissen entweder alle beständig Bescheid oder aber sie streichen Ahnungslosigkeit, Unwissen und Unbildung als Triumpf heraus und als ob man sich etwas darauf einzubilden habe. Halbbildung ist jedoch, wie der Kommentator Nörgler einmal schrieb, nicht die Hälfte von Bildung, sondern dessen Gegenteil. Das aber nur als Exkurs. Ich fand das neue Tocotronic-Stück von der Art der musikalischen Aufsteigerung her interessant: erst sanft und fast freundlich im Ton, doch es schwingt bereits etwas an Irritation mit. Brüchiges, Musik, die wir zur Nacht hin gerne hören. Beim Autofahren durch die einsamen Gegenenden und wenn ich mit der Kamera Ausschau halte. Der Hinweis auf Godard ist richtig. Tocotronic sind Meister des Anzitierens. Sie sind eben: Pop im guten Sinne.

    Ansonsten ist mir der Pop als Emotionshasch ebenso zuwider wie Ihnen. Da scheinen wir in der Ablehnung ähnlich.

    Ich werde also irgendwann hier auch vom Ereignis schreiben müssen: Von Heidegger her, von Zizek her. Und all diese Intensitäten eines Überstiegs. Heidegger ist lange nicht abgegolten. Wenn ich nun all die Heidegger-Dresche lese, dann gehe ich ins Gegenteil: Jetzt erst recht! Mit Heidegger, über Heidegger hinaus. Das eine ist seine Philosophie, das andere seine (verhängnisvolle) Vita. Und gerade hier macht es das Zusammenspiel beider so ungeheuer interessant. Demnächst hier im Blog: „Jetzt erst recht: Heidegger!“

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