Preis der Leipziger Buchmesse 2015. Ursula Ackrill, „Zeiden im Januar“. Reiner Stach, „Kafka“

Morgen ist es wieder einmal soweit: Es werden wieder Preise verliehen. Es wird der unvermeidliche Hubert Winkels wieder sprechen, es werden wieder Reden und Elogen folgen und geschwungen. Es werden im lichtgefluteten Hallenfoyer viele Menschen auf hellen Stühlen sitzen und warten. In drei Kategorien gibt es Preise: Sachbuch, deutschsprachige Belletristik, Übersetzungen. Eine Neuerung allerdings brachte die Jury. Diesmal ist in der Auswahl ein Band mit Gedichten dabei, und zwar Jan Wagners „Regentonnenvariationen“. Das ist unüblich, als Idee und Ansatz aber nicht schlecht. Von der Prosa las ich Michael Wildenhains „Das Lächelnd der Alligatoren“. Ich hoffe, ich schaffe demnächst eine knappe Besprechung. Es ist ein politisches Buch, es ist ein Buch von Jugend, Liebe und Lebensweg, von den Zeiten des Widerstands und wie ungewünschtes Leben beseitigt wurde.

Gelistet ist zudem Teresa Präauers Roman „Johnny und Jean“, der mich vom Plot her zwar und sicherlich interessierte, denn das Leben der Berliner Bohème samt des unbedingten Willens zur Kunst, den freilich viele wollen, ist immer eine Ohrensesselreise wert. Doch erwarte ich am Ende wieder einen dieser raketenangelnden oder aus anderer Leute Blog klauenden Berlinromane, die im Dummstrom schwimmen. Herr, laß die Klischees zerklirren und verschone uns vor Künstlern und Dichtern, die sich selber wichtiger nehmen, als sie es sind. Ich hätte niemals geglaubt, diesen Ausruf zu tätigen, aber so geht es am Ende: Bitte schlagt in der Literatur einmal wieder den Bitterfelder Weg ein! Nur so zur Abwechslung und um in anderes Fahrwasser zu gelangen als die Blasenwelt eines verwöhnten Mittelstandes, der unendlich und im Echo-Narziß-Duo-Haivieh-Ton des unermüdlichen Dichters stereotopisiert. (Vielleicht aber irre ich mich in Teresa Präauers Text böse, alles ist ganz anders, und ich erliege meinem Vorurteil gegenüber der nivellierten Literatenmittelstandsgesellschaft.)


9783803132680 Weiterhin las ich Ursula Ackrills Debüt-Roman „Zeiden, im Januar“. Es ist das Buch in einer schreib-speziellen Weise konstruiert. Sein Ton irritiert: ein kreisendes, tastendes, zunächst und anfangs im Schreiblaut irritierendes, sich annäherndes Erzählen an ein Kapitel düsterer Geschichte in Rumänien. Lebenswelt und Verleugnung. Die Siebenbürger Sachsen und wie sie sich unter der faschistischen Diktatur verhielten. Faschistisches Rumänien und faschistisches Deutschland. Diese beiden Zentren bilden den Bruch in der Geschichte. Herrenvolk möchte jedes sein, die einen vom alten Rom sich ableitend, und es findet sich das Bündnis, in dem jedes seinen nationalen Mythos schmiedet und in Konstruktion fabuliert. Es ist das Jahr 1941, kurz vor Ausbruch des Krieges gegen die UdSSR, die meisten Prosa-Szenen des Buches kreisen um den 21. Januar 1941, und die Menschen dieses Ortes Zeiden spüren, daß zukünftig Übles hereinbricht und sich in ihrer aller Leben demnächst etwas entscheidend verändern wird.

Diese Sprünge und Fragmentierungen des Textes, das Mähliche dieser Geschichte, die zerklüftete Sprache, die manchem in der Rezeption Schwierigkeiten bereiten mag, sind allerdings der geniale literarisch-ästhetische Trick dieses Romans, um zu schildern: in Andeutungen und in Versatzstücken, fremdelnd, hart im Ton, Zeit aufsplittend, ohne, in chronologischer Reihenfolge ausgreifend, bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, erzählen zu müssen, hinein in die Welt nach Kakanien, in jene k.u.k.-Habsburg-Monarchie schweifend und wieder zurück in die erzählte Gegenwart dieser 40er Jahre: Geschichte ist unendlich und erschöpft sich nimmer, und es lassen sich die Bezüge zurückschreiten bis in die Tiefen der Zeit. Andeutungen und Episoden konstituieren diese Prosa, schildern Zeit und fügen sich zu einem Bild, das sich in der Lektüre langsam aufbaut. Ein entwendeter Schreibtisch, ursprünglich aus dem Wien der Habsburgerzeit,  Design der Wiener Werkstätten, als Ding, als Objekt des Lebens, über Jahrzehnte, verbracht von Ort zu Ort und am Ende enteignet, um in der Schreibstube eines deutschen Offiziers der faschistischen Wehrmacht in Bukarest zu protzen – ausgerechnet aus den Wiener Werkstätten, die ein Vorläufer des Bauhaus waren. Bilder und Szenen schieben sich aneinander und bauen die Klimax auf, in die all das mündet.

Zwar sehen wir das entscheidende Bild, auf das es in dieser Prosa hinausläuft und in dem sich Grauen verdichtet, deutlich und kraß gezeichnet bereits in der ersten Szene des Romans, als IV. Kapitel firmierend, die in einem Transportwaggon der Deutschen Reichsbahn beginnt. Lauter junge Männer, neunzehnjährige Halunken, die als Hilfs-SS demnächst und nach Ankunft KZs bewachen werden, und eine Leontine Philippi, 1888 in Kronstadt geboren, die Heldin oder besser Protagonistin dieses Romans ist und die das Spiel des Nationalismus und des Deutschtums der Auslandsdeutschen nicht mitspielt. Sie ist keine Widerständlerin. Aber sie bleibt beharrlich und ist immun gegen einen unsäglichen Zeitgeist, einer alten Welt entstammend, die mit der k.u.k.-Monarchie und dem Vielvölkerstaat unterging.

Die Sprache, in der sich das Geschehen, die Geschichte herauskristallisiert, klingt zunächst trocken, ungewohnt in Satzbau und Grammatik, vielfach als wäre es falsches Deutsch, eigenwillig in der Syntax, manchmal holprig, sperrig, wenig sinnlich im Laut. Gegen den Strich gebürstet, fremd vielleicht deshalb, weil Fremdes thematisiert wird. Und genau aus diesem Grunde sind diese Sätze nicht schief willkürlich gebaut, als verstünde die Autorin die Grammatik des herkömmlichen Deutsch nicht gut, sondern sie behandeln eine uns unbekannte Welt – die der Siebenbürger Sachsen, die in einer Region siedelten, die zu verschiedenen Ländern gehörte, zu Habsburg, zu Ungarn, zu Rumänien, heimisch in ihrem Deutschtum. Eine Bevölkerung, die fünf Jahre später Vertriebene sein werden, die sich schuldig gemacht haben werden. Fremd. Diesen Sound, diesen Rhythmus versucht Ursula Ackrill in eine Literatur zu setzen. So spricht und klingt es im Dialekt – egal ob der nun erfunden ist oder ob es tatsächlich der Sprechton Siebenbürgener Sachsen sein soll. Gegen die Schreibschulenübungen aus Leipzig und Hildesheim bleibt das, was Ursula Ackrill machte, allemal erfrischend. Vor allem aber: endlich ein ungewohnter, verstörender Ton, der zudem ein Thema findet, das nicht unmittelbar auf der Schwelle approbierter Textvarianten abgelegt ist.

Die Fragmentierungen, das Versetzte und sich erst aus den Andeutungen und den gestreuten Geschichten Ergebende sind Programm dieses Buches. Fremdheit, Heimat, in der sich Menschen gegen andere behaupten müssen, um zu siedeln, und wie sich eine Geschichte Zug um Zug, in Wendungen zusammensetzt. Juden. Judenhaß der Rumänen, die faschistische Legion, in der seinerzeit in den 30ern auch E.M. Cioran mittat, die eingeschlagene Judenfresse des Judenbengels, dessen Vater in Bukarest enteignetes Judeneigentum an Reichsdeutsche Offiziere verhökert. Opfer und Täter in einem. Am Ende Opfer, nichts als Opfer. Das zersplittert sich in der Erzählart. Darin das junge Ding Maria, die Rumänin, gerade mal 17, quirlig nach Leben Ausschau hält in Zeiten, die dem Leben nicht allzu viel zu bieten haben. Es bleibt ihr der Blick auf Todesarten und das Grauen.

Hinzuweisen sei ebenfalls auf das Moment der Zeit, das sich über die genauen Datumsangaben im Roman, die teils bis in die Stunden reichen, ergibt, als setze sich da eine Regionalchronik zusammen, die protokollarisch von einem Ereignis berichten möchte. Und Marie, das rumänische Mädchen im Kreis von Leontine, das manchmal zu ihr zum Besuch kommt, um Deutsch zu lernen, sie vernimmt all dies, was geschieht – heimliche Chronistin und Überbleibende zum letzten Zug hin. „Im Garten vergräbt Maria im nächsten Sommer eine Schatulle mit Papieren, in ein Kleid gewickelt, das mit Blut und ausgeschmetterten Zähnen verfilzt ist. Drei Sommer später ziehen Russen durch Zeiden und fragen sie: ‚Wie weit bis Berlin‘“ Zähne eines Judenbengels. Ein Ende, in poetisch verdichteten Bildern, die auf’s Wesentliche zielen. Fremdheit und daß nichts behaust ist.

Auffällig bei der Leipziger Buchpreisauswahl scheint, daß drei nominierten Bücher ausgesprochen in der Geschichte bzw. im Politischen verhaftet sind. Ob nun Norbert Scheuers Roman „Die Sprache der Vögel“, der vom Krieg in Afghanistan handelt, oder in Wildenhains Roman, der jene BRD der 70er Jahre bis hinein in die 90er zur Geschichte macht, exemplarisch erzählt  als Liebesroman mit letalem Ausgang. Oder aber die 30er und 40er Jahre in Siebenbürgen, wie Ackrill sie verdichtet und beschreibt. „Juden raus“.

9a083fdbb60705ab7394feac01d43e2ev1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2Weiterhin in der Lektüre, in der Rubrik Sachbuch, befindet sich bei mir Reiner Stachs letzter Band seiner Kafka-Biographie, der die Jahre von 1883 bis 1911 beleuchtet. Es wäre der Sachbuchpreis sicherlich für diese voluminöse Gesamtleistung fällig, das Leben eines der facettenreichsten und bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, filmisch fast, mäandernd, erzählerisch-erfrischend und mit zahlreichen Abzweigungen und Nebenwegen versehen, in drei Bänden nachgezeichnet zu haben. Kafka – das ist Literatur als eine Kraft, als Intensität und Gewalt, sprachlich so einfach, wie eine Erzählung aus J. H. Hebels „Schatzkästlein“, nur unendlich verschachtelter, eine Prosa, wie sie später in den Formungen selten wiederkehrte und in der Lektüre uns ansprang.

u1_978-3-10-075130-0.36606182 Stach nimmt ein Wagnis auf sich, diese frühen Jahre in eine Biographie zu bringen, von denen kaum Dokumente existieren, die belastbar sind. Wenngleich ich, trotz dieses gewaltigens Versuchs, den jungen Kafka in einen Text zu bringen, gestehen muß, daß mich der dritte Band in bezug auf Kafkas Vita teils enttäuscht hat. Es ufert aus, ohne daß Material vorhanden ist. Was sich in den ersten beiden Büchern bereits andeutete, aber noch gedeckt war durch reichlich Dokumente und Zeugnisse, zerfranst sich im letzten Teil. Zu weit schweifen die Bezüge in Nebensächliches, und es verliert sich das Leben Kafkas in den Zwischentönen und in den Nebenströmen. Erzählerisch durchaus geschickt gebaut zwar. Obgleich das dann stellenweise weniger eine Kafka-Biographie ist als ein Panorama Prags und der k.u.k.-Monarchie, der jüdischen Lebenswelten, Stadtplanung im Judenviertel Prags, Gymnasialsystem, Sprachdisput zwischen Tschechisch und Deutsch, Reformbewegung, Franz Brentano-Kreis, Bürgertum, Judentum, samt Antisemitismus bei Tschechen und Deutschen, der Konflikt zwischen den Nationalcharakteren, und es deute sich an, daß eine Zeit auseinanderbricht. Kafka zwar dabei, aber als Gestalt bleibt er weitgehend leblos. Anders als in den ersten beiden Bänden. Im Strom von Stachs Text verliert sich das Objekt: Kafka. Je nach Perspektive mag man dieses Verschichtete und Ausschweifende in Stachs Biographie als Gewinn und Reichtum sehen, oder aber es verzetteln sich die Bezüge, sie ufern aus. Salomonisch würde ich sagen, daß man zuerst Wagenbachs Kafka-Monographie bei Rowohlt lesen sollte, und mit diesen Eckdaten läßt sich dann wunderbar ausschweifend und stöbernd bis ins Detail bei Stach wildern, lesen, versinken. Stach gebührt am 12.3.2015 für ein gigantisches Werk, für jahrzehntelange Recherche, für eine umfassende Biographie, die sprachlich ausholt, stilistisch geschliffen sich schreibt und nicht dröge Fakt auf Fakt schildert, dieser Preis.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Preis der Leipziger Buchmesse 2015. Ursula Ackrill, „Zeiden im Januar“. Reiner Stach, „Kafka“

  1. Herr Hund schreibt:

    Fassliche und brauchbare literarische Herantragungen, deren Stichhaltigkeit sich durch verständige Lektüre meinerseits erst erweisen bzw. widerlegt werden würde. Ob es dazu kommt, ich hinke stets furchtbar hinterher, soll nicht behauptet werden, ist aber angedacht.
    Vorläufig danke ich
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

  2. Bersarin schreibt:

    Gerne geschehen. Zu empfehlen sind alle drei Bücher, wobei man sich bei Ackrill eben auf die Prosa und den Stil dieses Schreibens, auf die Form einlassen muß.

  3. Herr Hund schreibt:

    Dieses „Sich Einlassen“ sollte, nehme ich an, wohl immer gelten. Es können und ob es ein lohnenswertes ist, ist die Frage.

  4. Archivar schreibt:

    Falls es der Aufmerksamkeit bisher entgangen sein sollte:

    Dieses Buch

    http://www.chbeck.de/Felsch-lange-Sommer-Theorie/productview.aspx?product=13675866

    sollte unbedingt hier besprochen werden. Es bietet sicher eine gute Gelegenheit zur historischen und theoretischen Reflexion des im Blog propagierten Anspruchs von Theorie und Kritik.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Herr Hund
    Sich einlassen sollte natürlich immer gelten. Es gibt jedoch Bücher, die einem geradezu entgegenfliegen. Trotzdem sie sperrig sein mögen. So war das bei mir mit Thomas Mann und mit Proust und in der Philosophie mit Hegels Text. Dann wieder gibt es Texte, die Anstrengung erfordern. Das waren bei mir Joyce und Woolf. Hier mußte ich mich auf die Form einlassen.

    @Archivar
    Dieses Buch steht bei mir weit oben auf dem Zettel. Zudem noch „Adorno in Neapel“. Wobei ich Martin Mittelmeiers Blick auf Adorno für eher oberflächlich halte. Bereits der Anfang des Buches verfehlt die Philosophie Adorno völlig. Als ob Philosophien und Texte irgendwelche Moden wären wie Bärte, Kaschmirschal, Adidasjacken und Cordhosen, die gerade passen oder eben nicht. Die Idee hinter dem Buch ist ganz witzig. Netter Nebenweg.

  6. Archivar schreibt:

    Ich bin nicht so sicher, dass man das modische Moment aus der Philosophie vollkommen ausschließen kann.
    Zuerst müsste man allerdings klären, was man in diesem Zusamenhang unter diesen Begriffen verstehen will. Die Philosophiegeschichte hat einen relativ festen Kanon, das stimmt, da unterscheidet sie ich von der erheblich offeneren Literaturwissenschaft. Von dem, was sich unter dem Label ‚Kulturwissenschaften‘ alles versammelt, lässt sich überhaupt keine feste Aussage machen. Philosophie als einsames, radikales und fundamentales Denken ist ohnehin eine eigene Angelegenheit.
    Philosophie verstehe ich hier aber eher in einem diskursiven Sinne, einem öffentlichen Gespräch über die gerade relevanten Fragestellungen, den ‚Zeitgeist‘, egal ob wissenschaftlich, politisch, ökonomisch oder kulturell, sofern sich das überhaupt trennen lässt. Hier sind Konjunkturen unverkennbar. Nach Kants Tod etwa dominierte öffentlich und universitär Hegel in Deutschland. Erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts ging man unter der Fahne des Neukantianismus ‚zu Kant zurück‘. Seitdem ist die Zeit schnellebiger und die sich ablösenden vorherrschenden ‚Paradigmen‘ – als trivialisierter Begriff nach Kuhn verwendet – werden immer kurzlebiger und zahlreicher. Ob man das nun ‚Mode‘ nennt oder ‚turn‘ – linguistic, iconic whatever – ist dabei nicht so entscheidend. Wichtiger ist, dass Philosophie, sofern sie die esoterischen Zirkel der grundlegenden Denkarbeit verlässt – selbst dort ist sie nicht außerhalb der Welt-, immer auch geellschaftlichen Einflüssen unterliegt, genau wie sie selbst deren Begrifflichkeiten in gewissem Maße prägt. Philosophie findet immer in einer konkreten Gegenwart statt.
    Gerade „Paradigmenwechsel“ – um das Beispiel wieder aufzugreifen – wurde als sehr speziell definierter wissenschaftshistorischer und epistemologischer Terminus entwickelt, stand gleichzeitig quasi reflexiv für den Abschied einer amerikanischen Philosophengeneration vom strikten analytischen Neopositivismus eines Rudolf Carnap und war in seiner Semantik lange nur einer kleinen Gruppe von Leuten bekannt. Heuten wird bei jedem beliebigen Wandel vom Paradigmenwechsel gesprochen.
    Gerade an solchen Wechselwirkungen ist das Buch von Philipp Felch interessiert, zumindest nach den Auszügen, die ich bisher las (Interview auf dem unsäglichen Sofa hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2345448/Philipp-Felsch-auf-dem-blauen-Sofa#/beitrag/video/2345448/Philipp-Felsch-auf-dem-blauen-Sofa). Vor dem Hintergrund von Politik und Pop, Universitäts- und allgemeiner Kulturgeschichte – auch unter Berücksichtigung von Ökonomie und Medienwandel – stellt es eine vielleicht nur auf anekdotischer Evidenz basierende, doch nichtsdestoweniger aufschlussreiche Geschichte vom Aufstieg und Fall einer philosophischen Mode dar. Wer zu jung ist, das selbst erlebt, dennoch und gerade auch deswegen alt genug, die dort erwähnten Theoretiker ernsthaft studiert zu haben und wiederum zu alt, um deren Banalisierung im Feuilleton der Gegenwart genießen zu können, der findet hier vielleicht eine Gelegenheit, eine ‚Suche nach der verlorenen Zeit‘ mit reflexiven Ambitionen zu unternehmen. Ich zumindest erwarte mir das.

  7. Bersarin schreibt:

    Die Mode ist nach Baudelaire das notwendige Korrektiv zur Ewigkeit, zur immerwährenden Wahrheit, sie weist aufs jeweilige „geistige Leben“. Die sich perennierende ewige Idee, welche in immer neuen Ausprägungen sich entäußert, ist mit jener Mode behaftet. Insofern muß der Philosophie die Mode wesentlich sein, will sie den Geist und den Ton der Zeit im Denken erfassen. Ohne daß sie dabei modisch sich ranschmeißt freilich, wie das heute leider beliebt ist. (Gilt eigentlich für jede Wissenschaft und noch für die Lektüre von Kunst, deren Rezeption mehr und mehr den Status von Erbauung annimmt, um von den Anstrengungen des Lebens zu kompensieren. Kunst als Sofaerholungsheim.)

    Ich würde das Philosophieren in drei Bereiche differenzieren: Philosophie lebt als Gespräch, dann als Lektüre, damit etwas da ist, worüber gesprochen werden kann, und in der Interpretation des Gelesenen, die ins eigene Philosophieren mündet und damit dann in Texte oder aber wiederum in Gesprächen sich entäußert, in denen das Gedachte, das Interpretierte, das Gelesene besprochen und debattiert wird. Philosophie ist (einerseits) immer Kind ihrer Zeit, also in gewissem Sinne auch der Mode verhaftet, in der sich Denksysteme in einem bestimmten Ton der Theorie manifestieren. Doch ebenso gilt der Satz Hegels, wenn wir diese Welt in den Blick nehmen, wenn wir sie interpretieren und verändern:

    „Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug. alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

    Zu diesem Satz läßt sich dann gut die 11. Feuerbachthese gegensetzen. Als Gegenströmung zum Neukantianismus nicht zu vergessen Franz von Brentano, aber ebenso Lotze. Hernach waren die Philosophie von Hegel und Marx eine Zeit lang abgehakt. Aber Verdrängtes (und Ewiges) kehrt nicht nur in der Logik des Unterbewußten wieder. Insofern handelt die Philosophie nicht nur vom (Zeit-)Geist, sondern ebenso von den Wiedergängern.

    In der Tat: der Begriff „Paradigmenwechsel“ wurde einmal für exzeptionellen Wandel in Denksystemen eingeführt und ist nicht so sehr in sich selber bereits schief, sondern erst in seinem inflationären Gebrauch: Denn weil das Wort satt klingt, wird es auf alles angewandt, bald noch bis hin zur Mode: in Berlin von der Bartlosigkeit der Jugend bis in die frühen 00er Jahre, hin zum Vollbartträger: Paradigmenwechsel. Von Kreuzberg nach Neukölln verlagerte Ausgehszene: Paradigmenwechsel.

    Bei den Begrifflichkeiten und im Theorie-Slang und -Sound wird etwas zu einer Mode, weil ein bestimmtes Wissen in den allgemeinen Diskursen sich sedimentierte. Es beginnt dann (häufig) der undifferenzierte Gebrauch von Begriffe. Keiner hat das bei den Studenten der 60er Jahre genauer registriert als Adorno. Wenn Dialektik und Entfremdung zum Slogan werden, dann läuft etwas aus dem Ruder, und es ist angeraten, die Begriffe wieder schärfer zu fassen und darauf zu bestehen, daß die Sprache nicht in Münzwörtern und Symbolwörtern den Zusammenhang gesellschaftlicher Wirklichkeit reduziert.

    Mode ist für die Philosophie in ihrer emphatischen Variante, da wo sie aufs ganze geht, ein schlechter Ratgeber. Überholt und veraltet ist Philosophie sowieso niemals. Bei jenen, die dieses Aus-der-Zeit-sein der Kritischen Theorie (insbesondere Adornoscher Provenienz) vorhalten, steht zu vermuten, daß der Stacheldieses Denkens noch viel zu tief sitzt und auf diese Art die Abwehrreflexe und Entschärfung einsetzen. Daß nämlich die Einrichtung dieser Gesellschaft gründlich mißlang. Und bis heute mißlungen ist. Diese Kränkung wird insbesondere von unseren Sozialdemokraten und Sozialtechnokraten schwer ertragen. „Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos.“ (Walter Benjamin)

    ************************

    Zu Felschs Buch folgen demnächst ein paar Zeilen. Ich bin einerseits skeptisch, Theorie auf Mode und Zeitgeist zu reduzieren. Es mag diesen Akzent gegeben haben. Aber dafür sind diese Texte denn doch zu komplex, um sie einfach als Accessoire mitzuschieben. Hegel-Gestus oder Foucault-Sound erzeugen im Kreis der Freunde nun nicht gerade die Töne der Freude. Selbst nicht in den wilden 80ern und 90er Jahren. Die meisten bevorzugten, wie auch heute, ihre kleine und gemütliche Unmittelbarkeit. Die Arbeit des Begriffes war den meisten zu mühsam. Richtig ist allerdings, daß viele dennoch von einem Theoriestrom partizipieren wollten und im Gestus nachmachten, mitmachten, um dabeizusein. (Ähnlich wie heute in der Welt der Dichter und Dichterinnen, in Literatur und bildender Kunst.) Die Arbeit des Bewohners im Grandhotel Abgrund besteht darin, solches Geschwätz als das zu entlarven, was es ist: Geschwätz. Insofern hat das Buch von Felsch, was Theorie als Accessoire betrifft, vielleicht doch wieder recht. Ich werde sehen.

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