Zum Ende hin, am Rand unseres Lebens, die Mystik des Ichs. Ernst Tugendhat zum 85. Geburtstag

Gestern, am 8.3., beging der Philosoph Ernst Tugendhat seinen 85. Geburtstag. Nun ist es allerdings so, daß ab einem bestimmten Alter bei einem Philosophen im Denken und im Korpus seiner Texte nicht mehr viel sich ändert – wenig Neues tritt hinzu, um das Werk zu weiten. Mit 85 hat man meist sein Alterswerk erreicht, und überschritten sind Rubikon und Zenit schon lange. So bietet es sich insbesondere für einen Blogger an, bei solchen Rückblicken, Anlässen und Geburtstagen, an denen wir ein Werk kritisch würdigen, den Blick auf die eigenen, auf die alten Texte zu lenken. Denn bereits vor 5 Jahren schrieb ich zu Tugendhats 80. Geburtstag eine Würdigung. Damit sie nicht in der Struktur des Blogs versinken und vermodern, erinnere ich an diesen Text und verweise  geneigte Leserin und Leser darauf. Leider hat es sich nicht erfüllt, daß Tugendhat weitere Buchprojekte entwarf, wie ich es in meinem Schlußsatz hoffte. Es erschöpft sich bei manchem im Alter die Kraft. Wozu auch weiter schreiben, wenn im Grunde alles gesagt ist oder wenn alles weitere Geschriebene die sich immer neu wiederholende Variation des einen Satzes ist?

In Tugendhats letzten Büchern – „Egozentrizität und Mystik. Eine anthropologische Studie.“ (C. H. Beck, 2003), „Über den Tod“ (Suhrkamp, 2006) „Anthropologie statt Metaphysik“ (ebenfalls Beck, 2007) – ging es zunehmend um das, was wir „ich“ nennen, wenn wir von uns selber sprechen. Mit den Mitteln der (sprach-)analytischen Philosophie versuchte er, dieses Gebiet zu umfassen, was im Hinblick aufs Ich für Tugendhat bedeutete, die Philosophie unmittelbar im Bezug zu sich selber praktisch werden zu lassen. Aber nicht mehr gegründet in der Tradition der Metaphysik oder eines Heideggerschen raunenden Überstiegs, einer Verwindung, die zu den Anfangsgründen zurückkehrt, um dort etwas ganz anderes zu entdecken, zu bergen, freizulegen als jenes (platonische, aristotelische oder cartesianische) Subjekt. (Zu den Leistungen Tugenhats gehörte es ja, so disparates wie die sprachanalytische Philosophie und das Denken Martin Heideggers zusammenzubringen, wie etwa in „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“.) Ebenso wenig freilich geschieht bei Tugendhat dieser Bezug zum Ich als Selbstpraktik, in der das Leben zu einer Art postmodernem Kunstwerk gemacht wird – jene ars vivendi oder als Ästhetik der Existenz konzipiert, wie dies Foucault in seinen späten Schriften zu umfassen versuchte. Koppelung von Philosophie, Ästhetik und Ethik, statt der Ausdifferenzierung der Sphären. Tugendhats Weg ist ein völlig anderer.

„In der Philosophie des deutschen Idealismus und in der Psychoanalyse ist von dem Ich gesprochen worden, aber dadurch wird die irrige Vorstellung nahegelegt, daß man in sich ein Ich habe. In der heutigen analytischen Philosophie wiederum ist manchmal von einem „Ich-Begriff“ die Rede. Zunächst ist aber „ich“ ein Wort der Sprache, und ich weiss nicht, ob wir, wenn wir das Wort nicht hätten, von einem solchen Begriff reden würden.“ (E. Tugendhat, Egozentrizität und Mystik)

Die Struktur einer Sprache, ihre Grammatik und in welcher Weise wir Sprachregeln ausbilden, bestimmt qua dieser ausdifferenzierten Begrifflichkeiten unsere Weise, Wirklichkeit so oder auch ganz anders wahrzunehmen, zu ordnen und vermittels dieser Sprache samt den Regeln überhaupt erst wirklich werden zu lassen. Ohne den abendländischen Begriff eines Ichs, eines Subjectums, eines Zugrundeliegenden, einer Substanz fielen unsere Bestimmungen vollkommen anders aus, und es wären in solchen uns fremden Referenzrahmen womöglich nicht einmal die philosophischen Überlegungen möglich, wie Platon, Aristoteles, Marc Aurel, Montaigne, Foucault, Tugendhat und andere sie anstellten. Die Selbstreflexivität einer abendländischen Philosophie ist ganz gewiß eine andere als die jener Völker, die die Linien der Traumpfade beschreiten oder die animistisch die Welt der Dinge zum Leben erwecken, um in der Furcht vor und inmitten der Allmacht der Natur bestehen zu können, ihre Systeme der Götter ausbildend.

Tugendhat bleibt in „Egozentrizität und Mystik“ diskursiv, begriffsanalytisch bestimmend und auf eine eigenwillige Weise in seiner Sprache und im Denken ganz und gar unmystisch. Böse und grob könnte man annehmen, Tugendhat zeige sich seinem Gegenstand nicht gewachsen, weil er in der Art, wie er diskursiv an die Mystik herangeht, ihren Zauber des Außer-sich-seins, die Versenkung als Punkt-Konzentration und als Transgression jeglicher Grenzen verfehlt. Diesen exzeptionellen Zustand der Versenkung wird man sprachlich nur mit ästhetischen, und das heißt dann literarischen und rhetorischen Mitteln einholen können, um ihn einsichtig zu machen und auf diese Haltung performativ, gleichsam gestisch, zu verweisen. Zurückhaltender gesprochen ließe sich jedoch ebenfalls behaupten, daß Tugendhat die Rationalität des praktischen Verhaltens und des Selbstverhältnisses selbst bei einem Thema wie Ich und Mystik nicht preisgeben mag zugunsten einer radikalen Ästhetik oder schärfer noch: einer Ästhetisierung der Vernunft. Diese theoretische Rationalität wiederum ist freilich ebenfalls eine Haltung, wie ja bekanntlich schon im Text des Aristoteles das Streben nach Wissen, die Theorie eben, zugleich als eine Lebensform sich erweist. Gegen eine überbordende (postmoderne) Ästhetik, die sicherlich Nietzsche als einen ihrer Ahnherren nennt, die selbstgefällig und am Ende einzig selbstbezüglich kreisend ihr Spiel in sich selber spielt, ist diese diskursive Haltung sicherlich ein Korrektiv. Allerdings bleibt es bei Tugendhat notwendigerweise unvermittelt. Der letzte Denker und Philosoph, bei dem Selbstpraktik und Theorie, praktische Theorie und theoretische Haltung sich durchdrangen und in all ihren Widersprüchlichkeiten sich vermittelten und zugleich abstießen, weil objektive Widersprüche innerhalb einer Gesellschaft sich notwendigerweise in den Subjekten und damit auch in der Theorie widerspiegeln müssen, war Theodor W. Adorno.

Tugendhart mag begriffsanalytisch scharfsinnig vorgehen, er mag, wie in seinen „Vorlesungen über Ethik“, zugleich und neben der radikalen Rationalität einer Habermasschen Diskursethik ein a-rationales bzw. aller ratio widerstreitendes Moment in der Ethik ausmachen, das als Konstitutivum wirkt und zu moralischem Verhalten nötigt (hier wäre insbesondere der Bezug zu Schopenhauers Mitleidsethik bedeutsam), doch bleiben die antagonistische Gesellschaft und ein grundsätzlich deformiertes Bewußtsein, das allenfalls in jenen ästhetischen „Verzückungsspitzen“ und in angespanntester Reflexion auf die Sache selbst auszubrechen vermag, Parameter, die Theorie nicht vernachlässigen sollten. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Das tangiert auch diejenigen, die diesen Satz aussprechen, und es berührt noch unser Sterben. Bis in den Tod hinein.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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