Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (2). Against Interpretation?

„In dem Maße aber, in dem die philosophischen und die literarischen Werke, Kunstwerke überhaupt, für den Markt hergestellt und durch ihn vermittelt werden, ähneln sich diese Kulturgüter jener Art Information an: als Waren werden sie im Prinzip allgemein zugänglich. Sie bleiben nicht länger Bestandteile der Repräsentation kirchlicher wie höfischer Öffentlichkeit; genau das ist mit dem Verlust ihrer Aura, mit der Profanierung ihres einst sakramentalen Charakters gemeint. Die Privatleute, denen das Werk als Ware zugänglich wird, profanieren es, indem sie autonom, auf dem Wege der rationellen Verständigung untereinander, seinen Sinn suchen, bereden und damit aussprechen müssen, was eben in der Unausgesprochenheit solange autoritative Kraft hatte entfalten können.“(J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit)

Kritik und Kunst sind Schlüsselbegriffe der Moderne – aufeinander verwiesen, und das eine nicht ohne das andere zu haben, nachdem sich die Kunst von ihrer Zweckgebundenheit, vom Sakralen sowie vom Handwerklichen löste; von dem Punkt an als sie nicht mehr nur im Dienste von Fürsten und Kirche stand und in diesem Rahmen mehr oder minder deutungslos ins Korsett gezwängt repräsentierte, sondern Autonomie ausbildete. Wobei andererseits auch diese Autonomie in einem Kontext steht und damit im bürgerlichen Paradigma wiederum als zweckgebunden sich erweist. Zumindest jedoch verschob sich spätestens im ausgehenden 18. Jahrhundert, dem Beginn jener Sattelzeit, die Funktion der Kunst. So stand das Werk für sich, und es bedurfte einer Instanz, um das, was sich als Literatur zeigte und auf den Markt trat, zu sichten und dem Bürger (oder der lesenden Bürgerin) einsichtig zu machen. Die Geburt der Kunstkritik aus dem Geist des Salonsessels, um in Assonanz an jenen Nietzsche-Titel diesen in endloser Phrase und Paraphrase ein weiteres Mal zu variieren. Das bürgerliche Zeitalter als Motor einer Lesekultur, die als Instanz ebenso und notwendig die Literaturkritik etablierte.

„Der bedeutsamste Raum im vornehmen bürgerlichen Hause wird dagegen einem ganz neuen Gemach zugeteilt … Der Salon dient aber auch nicht dem ‚Hause‘, sondern der Gesellschaft; und diese Gesellschaft des Salons ist weit entfernt, gleichbedeutend zu sein mit dem engen, festgeschlossenen Kreis der Freunde des Hauses.“ So zitiert Habermas W.H. Riehl, Die Familie und fährt fort: „Die Linie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit geht mitten durchs Haus. Die Privatleute treten aus der Intimität des Wohnzimmers in die Öffentlichkeit des Salons hinaus; aber eine ist streng auf die andere bezogen.“ (Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit)

Als notwendig erwies sich für die erstarkende bürgerliche Öffentlichkeit samt ihrem Ideal von Bildung diese neue Art der Kritik auch deshalb, weil ein Werk nicht mehr nach den strengen Regeln eine verbindlichen Poetik konstruiert zu sein hatte, sondern vielmehr traten andere Kriterien wie die künstlerische Freiheit, ein Sujet so oder anders zu gestalten, die Ende des 18. Jhds im Begriff des Genies terminierte, oder binnenästhetische Aspekte wie die Beziehung von Form und Inhalt in den Vordergrund. Diese „Offenheit des Kunstwerkes“ führte notwendigerweise dazu, daß das Bedürfnis nach Deutung anwuchs. Was dann in der Kunst der Modernen des 20. Jahrhunderts zu der These führte, daß ein Kunstwerk – da von seiner Konstitution in Abstraktheit meist unverständlich – unweigerlich auf Interpretation angewiesen sei. So traten einerseits die Theorie als Werkerklärer (am pointiertesten sicherlich in den hermeneutischen Methodenlehren) und die Kritik der Feuilletons als Kunstvermittler auf den Plan. Doch zeigten sich die Schwierigkeiten frei operierender Kunst, nach eigenem Gesetz nun angetreten, bereits viel früher.

Ein prominentes Beispiel für eine allgemeine Kunstkritik jenseits der Regelpoetik in den Anfängen jener bürgerlichen Epoche findet sich in Lessings „Laokoon“ aus dem Jahr 1766, deren Untertitel lautete: „Über die Grenzen der Malerei und Poesie“. Darin fragt Lessing nach der Eigenart des Poetischen und wie dieses in seiner Verfahrensweise insbesondere im Hinblick darauf, wie das Schöne darzustellen sei, von der bildenden Kunst sich abgrenzt.

Zwar terminieren Lessings Ausführungen wiederum in eine Art von Regelpoetik, insofern er Bestimmungen der Kunst liefert, wie ein Dichter im Unterschied zu einem Bildhauer vorzugehen habe. Doch gründen sich diese Kriterien nicht auf einer bloßen Abstraktion, in der – gleichsam als ontologische Bestimmung von Kunst – Schmerz und Leid der einzigen und einen Weise gemäß abzubilden seien, sondern Lessing arbeitete – als Schriftsteller und Dramatiker, als Künstler eben – ein spezifisches Moment von Kunst heraus. Es ist nämlich der Gegenstand selbst, der in seiner jeweiligen Verfaßtheit dem Künstler das Maß liefert, statt daß abstrakte und der Sache am Ende äußerlich bleibende, gesetzte Regeln den Kanon konstituieren. Das Kunstwerk erlangt binnenästhetisch eine Eigendynamik, darin der Rezipient ebenso eine Stelle zugewiesen bekommt wie auch das Werk selber, welches einerseits als Rätselgestalt, andererseits als zu Deutendes auf eine Sichtung angewiesen ist. Dies eben bringt sowohl Literatur- und Kunstkritik auf den Plan. Wie überhaupt Lessing beide Tätigkeiten in sich band: die des Kritikers wie man etwa in seinen Abhandlungen „Briefe, die neueste Literatur betreffend“ nachlesen kann und die des Dramatikers.

Dieses Spezifische, die Möglichkeiten und Grenzen, wie Künstlerinnen und Künstler Stoff und Material formen, wird für die unterschiedlichen Kunsttheorien als auch für die Praktiken der Kunst des 19. und 20. Jahrhundert einen wesentlichen Maßstab abgeben. In diesen Fragen der Form samt des Inhalts gründet ebenfalls jenes Moment, das ich als Eigensinn der Kunst bezeichnete. Sprache eines Anderen, vom anderen Ort her, autonom, nur dem Gesetz der Form folgend, parteinehmend, realistisch, verrätselt, politisch, symbolisch, impressiv, tragisch, verspielt, harsch, streng, Slang, dialektisch und verdreht, manchmal sogar wunderbar kontraproduktiv, ambivalent, Kauderwelsch aus Kannitverstan, musikalisch, fremd, faszinierend, hermetisch. Ein gleichsam subjektiv-objektives Merkmal des Entzuges, das es (in Kritik und Essay oder aber in der Kunst selber als selbstreferentiellem Bezug) zu bewahren und gleichzeitig einzuholen gilt, dieses Etwas innerhalb von Ästhetik und Rezeption, was sich in der Tradition der Philosophie mit jenem individuum est ineffabile ausdrücken läßt, ohne dabei freilich im Modus des Unbestimmbaren und Vagen entschärft zu werden, und wofür in der wesentlich in Frankreich sich ausbildenden Geschmacksästhetik des ausgehenden 17. Jahrhunderts jene Wendung des „Je ne sais quoi“ stand. Eine Ästhetik nebenbei, die ebenfalls mit der Strenge der Regeln und der Vorschriften brach, nach denen ein Werk gefertigt sein mußte, und ein subjektives Moment sowohl innerhalb der Komposition von Kunst als auch in der stilvollen, formvollendeten Betrachtung von Kunstwerken zu installieren suchte, ohne derart freilich ins Beliebige eines Geschmacks abzugleiten, der seine repressive Toleranz in jenem „De gustibus non disputandum“ findet. Denn in der Kunstbetrachtung, da habe jeder seine Meinung. Kunstrezeption sozusagen als kontemplative Komplexitätsreduktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, Kunst als Entlastung von einer immer verhärteter sich gestaltenden gesellschaftlichen Wirklichkeit und um die Widersprüche umso besser ertragen zu können. Kunst als Kompensationsmodus, wie dies, durchaus positiv konnotiert, die Gehlens der Kunstbetrachtung gerne sähen. Ästhetisches Urteilen in einem irgendwie noch auf die Sache gehenden Sinne stört in dieser Selbstimmunisierung des Rezeptionswesen, das sich gerne als ästhetische Erfahrung verkauft, nur. Emphatische Kunst und ihre Kritik machen diese Bescheidung freilich nicht mit. Sie bleiben im Modus des Destruktiven, der Dekonstruktion und des Widerständigen, sie entziehen den Sinn. Das „De gustibus non disputandum“ bildet den ästhetischen Kitt einer deformierten Gesellschaft.

Adorno übertitelte einen seiner Aphorismen in den „Minima Moralia“ prägnant und um der Sache der Kunst willen De gustibus est disputandum:

„Auch wer von der Unvergleichbarkeit der Kunstwerke sich überzeugt hält, wird stets wieder in Debatten sich verwickelt finden, in denen Kunstwerke, und gerade solche des obersten und darum unvergleichlichen Ranges, miteinander verglichen werden und gegeneinander gewertet. Der Einwand, bei solchen Erwägungen, die eigentümlich zwangshaft zustandekommen, handle es sich um Krämerinstinkte, ums Messen mit der Elle, hat meist nur den Sinn, daß solide Bürger, denen die Kunst nie irrational genug sein kann, von den Werken die Besinnung und den Anspruch der Wahrheit fernhalten wollen. Der Zwang zu jenen Überlegungen ist aber in den Kunstwerken selber gelegen. So viel ist wahr, vergleichen lassen sie sich nicht. Aber sie wollen einander vernichten.“

Diese Bewegung gälte es nachzuzeichnen. Susan Sontag formulierte in ihrem Essay „Gegen Interpretation“ – freilich ohne Fragezeichen – die Kritik an einem Lektüreansatz, der das Kunstwerk in den Deutungen erstickt und damit ebenso den Eigensinn eines Kunstwerkes unterm Wust begräbt. Ich wies im ersten Teil dieses Essays darauf hin, inwiefern sich die sogenannten Diskurse des Sekundären an die Stelle des Werkes setzen. Leichtsinnig und sicherlich contrecœur verfällt Sontag damit jedoch dem Reflex amusischer Kunsterschlürfung, den „Anspruch der Wahrheit“ in Kunst preiszugeben. Richtig liegt Sontag zwar in ihrer Intuition darin, wenn sie den Umstand kritisiert, daß der Gehalt eines Kunstwerkes nicht nur verfehlt wird, sondern ebenfalls verloren geht, wenn ein Werk auf den je eigenen Referenzrahmen des Deuters reduziert und dort eingespannt wird, indem der Interpret externen Faktoren in Anschlag bringt oder aber die eigenen Theoriekonstruktionen ins Werk preßt. Ebenso verfehlt eine solche Interpretation das Werk regelmäßig, wenn in der Lektüre die Intention des Autors ermittelt werden soll. Was Dante oder Shakespeare uns als empirische Subjekte sagen wollten, sofern sie uns denn überhaupt etwas sagen wollten und es nicht vielmehr begehrten, daß die Dichtung selber beredt werde, läßt sich sinnvoll kaum ermitteln.

Dieses Gerüst reduktionistischer Theorie mag als Schafott ein jedes Kunstwerk um sein bestes bringen, sofern Text und Theorie sich dem Werk nicht als angemessen erweisen und mindestens genauso gut sind wie die Sache selbst. Dennoch: auch die Sprachlosigkeit vorm Werk ist nicht die Alternative, allenfalls als erster Reflex des Staunens, daß solch Ungeheures ist und nicht vielmehr nichts. Zur Kunst gehören Entdeckerwille, unbändige Phantasie, in der die Gedanken gleiten und schweifen. Diese Wendung bedeutet nicht, dafür zu plädieren, daß Theorie in einem unmittelbaren Sinne ästhetisch wird. Aber trotzdem steht sie in einer direkten Beziehung zu ihrem „Gegenstand“, der kein bloßer Gegenstand und kein Objekt bloßer Reflexion sein möchte.

Sontag schreibt: „Heute geht es darum, daß wir unsere Sinne wiedererlangen. Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Heute und gegenwärtig muß wohl niemand mehr befürchten, daß ein Kunstwerk in seinen Deutungen von Reflexion oder Akademismus erstickt und erdrückt würde, staubig-trocken, gefühllos und unsinnlich, sondern es ist in der ubiquitär über Kunst quasselnden Gesellschaft genau das Gegenteil der Fall: ein Smalltalk der Bedeutungslosigkeiten, Flauberts „Wörterbuch der Gemeinplätze“ entnommen, beherrscht vielfach das Kunstgespräch. Kuschelfaktor x hoch tausend. Kunst/Literatur dienen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen auf Seiten der Rezipienten als Wohlfühlfaktor, und so nähert sich das Kunstobjekt mehr und mehr an den Design-Gegenstand an. Oder aber sie markiert, wie es Bourdieu – freilich überspitzt – formulierte, die Lage einer bestimmten Gruppe oder Klasse, die Kunst benutzen, um Unterscheidungen zu markieren. Trotzdem – ganz so absurd wie es zunächst angesichts einer auf die Sinne geeichten Kunstschau erscheint, ist der Hinweis Sontags nicht. Denn dieser Satz beinhaltet, daß wir extrem genau hinschauen müssen, und nur eine solche intensive Sicht ermöglicht eine Lektüre von Kunst, mithin Kunstkritik, die mehr als bloße Deutung und Einordnung ins Schema sein möchte. Denn bei aller Kritik an der Interpretation schließt Sontag diese eben nicht vollkommen aus, sondern lediglich eine bestimmte Form derselben verfällt ihrem Verdikt.

Diesen Blick aufs Detail und ins Innere des Werkes, auf sein Gemachtsein, seine Anordnungen, den Sinn fürs Sinnliche konterkariert allerdings – so scheint es zunächst – das Eröffnungszitat, mit dem Sontag ihren Essay einleitet: „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ (Oscar Wilde). So gewitzt Wildes Dialektik der Sinnlichkeit sein mochte, wird er das Sichtbare kaum rein und als solches vor sich haben, sondern es zeigt sich gefiltert, gerastert. Hier das betrachtende Ich, da die Mannigfaltigkeit von Welt oder Werk, die roh daliegt und man brauche sie nur aufzugreifen, bleibt eine Illusion. Der Sinn des Sinnlichen liegt keineswegs im Sinnlichen, sondern an einem ganz anderen Ort. Zudem mag das Sichtbare manches Geheimnis bergen, und es mag das Geheimnis der Welt das Sichtbare sein. Doch genau an diesem Punkt fängt das Unsichtbare an. Ein für alle sichtbares Geheimnis ist eben kein Geheimnis, sondern Evidenz. Insofern scheint auch in Wildes Zitat etwas von der Vertracktheit im Kunstwerk auf. Kunstkritik löst dieses Rätsel und das Geheimnis nicht, sondern potenziert es vielmehr, indem es das Sinnliche des Kunstwerks, das sich als Schein manifestiert und verflüchtigt, Nähe und Ferne in einem, in seinem Spiel einsichtig macht.

„Als konstitutiv aber ist der Rätselcharakter dort zu erkennen, wo er fehlt: Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine. Rätsel ist dabei keine Allerweltsphrase wie meist das Wort Problem, das ästhetisch nur im strikten Sinn der von der immanenten Zusammensetzung der Werke gestellten Aufgabe zu verwenden wäre. Nicht minder strikt sind die Kunstwerke Rätsel. Sie enthalten potentiell die Lösung, nicht ist sie objektiv gesetzt. Jedes Kunstwerk ist ein Vexierbild, nur derart, daß es beim Vexieren bleibt, bei der prästabilierten Niederlage ihres Betrachters. Das Vexierbild wiederholt im Scherz, was die Kunstwerke im Ernst verüben. Spezifisch ähneln sie jenem darin, daß das von ihnen Versteckte, wie der Poesche Brief, erscheint und durchs Erscheinen sich versteckt.“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Diese Arbeit im Werk nötigt zur ästhetischen Theorie, zum Essay, das sich seinem Gegenüber gewachsen zeigt, ohne es zu ersticken. In diesen Passagen erweist sich Adorno als Schlegelscher Romantiker, dem die Kritik des Werkes genauso viel gilt wie das Kunstwerk. Kunst und Philosophie sind bei Adorno unabdingbar aufeinander verwiesen. Dazu nächstens mehr.

16 Gedanken zu „Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (2). Against Interpretation?

  1. Vielen Dank, sehr aufschlussreich!

    Und der Beitrag schließt zudem an Diskussion des letzten Artikels in mancher Hinsicht an: ziggev hatte gefragt, ob wir uns nicht den „Wirren der Blog-Welt überlassen“ wollten. Doch, gerne überließe ich mich, allein, es verwirrt mich zu wenig.
    Das meine ich im Sinne von Bersarins emphatischen Verständnis der Literaturkritik, die sich der Kunst gewachsen zeigen muss. Die Blog-Welt ist ja in vielen Fällen eben kein „Draußen“, kein „Gegenentwurf“ und in gewisser Weise überhaupt nicht selbstbewusst genug. Der Geschmack regiert, den man jedem am Ende des Tages lassen will, und nicht eine (vielleicht auch enge) Auffassung von Kunst, über die sich streiten ließe. Im politischen Bereich gibt m.E. viel eher Blogs, die tatsächlich das Spektrum der Stimmen erweitern (oft auch allzu eng, einseitig etc.).

    Oder ganz dumm gefragt: Woher bezieht Ihr die Anregungen, welcher Roman der nächste Gast in Eurem Bett ist?

    (Entschuldige, Bersarin, nun habe ich das Problem der Interpretation vollkommen banalisiert. Vor allem hänge ich noch dem Agorno-Zitat nach: „sie wollen einander vernichten“. Für welche literarischen Werke gilt das eigentlich [noch]? Und da wäre ich wieder bei ziggevs Kommentar zum letzten Artikel: Ist das nicht eine Auffassung, die zwar die Kunst der Klassischen Moderne trifft, aber für unsere Literatur als überholt gelten müsste?)

  2. @ summacumlaude
    Nein, nein, eher spät zu Bett. Ich habe nur die Veröffentlichung auf 5 Uhr gestellt. Du warst im Dienst, so vermute ich – Nachtdienst, Frühdienst.

    @ Jim Knopf
    Adornos Text ist einerseits eine Zuspitzung und er galt für eine bestimmte Epoche der Kunst, als diese inmitten der Moderne des 20. Jahrhunderts auf ihrem Höhepunkt war. Ich denke allerdings, daß sich auch heute noch großartige Romane und überhaupt Kunstwerke finden lassen. Allerdings verhält es sich wohl so, daß im Angesicht einer Überproduktion, sehr genau gesichtet werden muß. „Zauberberge“, „Prozesse“, „Schlösser“, „Verschollene“, „Ulysses“, „Namenlose“, Watt“, „Recherchen, „Männer ohne Eigenschaften“, „Flüsse ohne Ufer“, „Jahrestage“ und „Blechtrommeln“ gibt es selten.

    Ich denke, es müssen sich gute Literaturkritik in Zeitungen und solche in Blogs nicht ausschließen. Ganz im Gegenteil. Ich selber hole mir meine Anregungen aus vielen Medien, ziehe für die Auswahl von Büchern sowohl Blogtexte als auch Rezensionen in Zeitungen heran. Dann wieder gibt es Bücher, die ich mir auch ohne Besprechung kaufe, weil ich den Autor sehr schätze und insofern gespannt bin, wie es da weitergeht. So Clemens Meyer oder Judith Schalansky, Aléa Torik, Paul Auster, Don DeLilo und viele mehr.

  3. Ich stimme vollkommen zu! Es ist nur wirklich selten geworden, dass ich beispielsweise durch das ZEIT-Feuilleton Hinweise bekomme, welche Literatur ich demnächst lesen könnte. Es ist ja ganz konsequent, dass die großen Feuilletons sich in der Tendenz den großen Namen, den großen Verlagen zuwenden. Nichts dagegen einzuwenden. Allzu viele Literaturblogs, das nannte ich Mangel an Selbstbewusstsein, haben allerdings dem gar nichts eigenes entgegenzusetzen – als eben bloß Geschmack. (Die Ausnahmen sind bekannt.)

  4. Und zum zweiten (also eigentlich ersten): Ebenfalls meine volle Zustimmung. Große Literatur ist selten, aber sie existiert ganz sicher. Das Adorno-Zitat hatte ich aber auch noch anders aufgefasst, im Sinne eines „Unbedingten“, eines, schwierig das auszudrücken, absoluten Anspruchs. So wie man vielleicht sagen könnte, Kafka vernichte Kierkegaard oder Heine vernichte Eichendorff oder George vernichte Hofmannsthal. Mit Harold Bloom gedacht: Eine Fehllektüre des Anderen, über die man selbst dann – ein schiefer Ausdruck – ästhetisch Recht bekommt.

  5. Was dieses Vernichten der Werke untereinander betrifft, so sieht man das ganz gut in Museen und Sammlungen, wenn ein Bild unbezüglich neben einem anderen hängt. Zwar kann es geschehen, daß sich zwischen diesen Bildern Geschichten entspinnen. Aber z.B. im Kunsthistorischen Museum zu Wien die Petersburger Hängung in manchen der Räume: entsetzlich. Eigentlich benötigte jedes gelungene Gemälde eine eigenen Raum für sich.

    Die Gefühligkeit und die Geschmacksästhetik in ihrer beliebigen Variante (es gibt auch eine produktive und Subjekt samt Objekt befördernde. Christoph Menke schrieb dazu einen Aufsatz. Ich habe das hier im Blog auch referiert.) mag ein Anfang sein, wie eben junge Menschen mit Kunst und Denken beginnen. Doch schnell sollte das als Kinderkrankheit sich auswachsen und überstiegen werden. Manche freilich kommen davon bis ins hohe Alter nicht gut lost. Sei es drum. Die Welt ist groß und ich muß mit diesem Defekt zum Glück nicht leben. Aus diesem Grunde ist für mich der Begriff der Entfremdung so ungeheuer wichtig: sich selber fremd werden und die Dinge wie Fremdes wahrnehmen. Die Distanzen und Disparitäten bemerken, die narzißtischen Spiegelbilder brechen: dies bedeutet: sich bilden, sich ausbilden. Geist, der auszog, das Fürchten zu lehren. Das kann man von Hegel über Marx bis hin zu Benjamin, Adorno und Bloch gut lesen, wie es funktioniert. Bei Bloch noch in der einfachsten Variante. Philosophie für Anfänger und Langsamdenker sozusagen. Wer nicht nur Mofa fahren will, der schwenkt dann rüber zu Hegel, um die Rennmaschine zu besteigen. So zumindest ging mein Bildungsweg. An Hegel bin ich in der 11. Klasse ganz wunderbar gescheitert. Es war das schönste und beste Scheitern, denn ich wußte nun, welche Wege ich nicht wollte. Also: intensive Lektüre dieser Texte. So und nicht anders geht es auch in der Kunst. Allerdings erfordert diese Weise zu denken, zu leben und wahrzunehmen eine sehr kostbare Ressource: nämlich Zeit.

  6. Pingback: Laokoon | Kritik und Kunst

  7. … es gab doch diesen Künstler, dessen Name mir jetzt nicht einfällt, obwohl ich gestern mich mal wieder (nach ca 20 Jahren) in der hamburger Underground-Avantgarde-Szene rumtrieb, der extra Skulpturen oder Settings schuf, wobei die Skulpturen einander gegenüberstanden: Sie sollten einander vernichten …

    Das mit der Zeit: ich kann bestätigen, dass Kunst Zeit benötigt. Stell dir vor, du beschäftigst dich Jahrzehntelang z.B. mit dem Erbe der afroamerikanischen Musik, obwohl du nur mittelmäßig begabt bist … in einem Dorf wie Hamburg kennst du dann plötzlich die besten Leute auf dem Gebiet.

    Ähnliches gilt fast sogar für die Bildende Kunst. Doch (ooch, der olle ziggev mal wieder höchst subjektiv) in der Literatur ist es etwas anderes. Während ich keine Zeit kenne, in der ich nicht sofort, in der bildenden Kunst nach 2,5 Sekunden, in der Musik nach 12,5, erkannt hätte, ob ein Werk Qualität besitzt – das ist das, was Du, werter bersarin, „Eigensinn“ nennst – ticken die Uhren in der Literatur anders, imho.

    Bei Proust, z.B., kann es schon mal sein, dass es ein paar Jahrzehnte braucht (nach der Drittlektüre), damit sich eine Änderung der Wahrnehmung einstellt: Ah, so, – so könnte man den Wert dieses Werkes auch sehen.

  8. Die Lektüre von Literatur samt Erkenntnis, zu lesen, Spuren zu deuten, Bezüge zu sehen, benötigt ebenfalls Zeit. Es geht beim Lesen ja nicht darum, einfach nur zu lesen. (Wenngleich man das natürlich machen kann; das ist wie bei der Musik, wir können einfach zuhören, ohne etwas zu wissen und uns vom Rhythmus oder vom Sound tragen lassen. Dazu muß ich kein Qualitätsbewußtsein haben. Genauso kann ich ein Buch einfach weglesen. Dagegen ist nichts überhaupt einzuwenden, solange aus dem eigenen Lesegeschmack keine Qualitäten des Werkes abgeleitet oder aber verneint werden. Ich kann in diesem Modus dann allenfalls sagen: das Buch ist meine Sache nicht.)

    Wenn ich in der Literatur, in der bildenden Kunst oder auch in der Musik urteilen will und wenn ich mit Kritik und Kommentar ein Werk erweitere, auslote, seinen Gehalt freillege, es mithin in der Interpretation fruchbar mache und damit dann auch seine Beschaffenheit, mithin seine Qualität besehe, dann muß ich sehr viel tiefer in die Kunst einsteigen. Und da kann es dann nicht nur schaden, einiges an Wissen und Kenntnis mitzubringen, sondern dies ist geradezu unabdingbare Voraussetzung. Diese Form des Wissens ergibt sich über Lektüre-Praktik.

    Kunstkritik ist allerdings kein Sport, der nach Schnelligkeit geht, sondern erfordert ebenfalls Zeit.

  9. das ist ja das geniale an Proust, dass sich alle diese Bezüge zunächst im Werk selber herstellen lassen können. D.h., dass es überhaupt nicht notwendig ist, über irgendwelches Vorwissen zu verfügen. Meine Urteilsfähigkeit in Sachen (bildener) Kunst, Musik ergibt sich aus jahrelanger Beschäftigung mit denselben. Bei Proust nur aus der Beschädigung mit Proust. Insofern wäre Proust der Prototyp des modernen Kunstwerks.

  10. oder um es mal mit den Worten eines Osho-Schülers zu sagen: Es gibt nichts Unanständigeres, als sich ein Urteil zu bilden oder zu bilden zu wollen. Wir gehen einfach zurück in dieselbe Materie, die auch mit Kunst zu tun haben könnte. Fragt wirklich irgendwer nach einem Urteil? Das Gute an den Künsten ist ja, dass sie sich selbst erziehen. Wenn nicht, na gut, dann ist es eben Kindergarten.

  11. das ist ja fast so brillant wie Prousts „Kommen unmöglich, Lüge folgt“! – Aber natürlich, Buchmesse geht vor.

  12. Pingback: unbedingte hochaktuelle Leseempfehlung: Proust, und nochmals Proust! – (Proust lesen und sterben) | wortanfall

  13. Eine Antwort ist – allerdings eher in einem weiteren Sinne – mein heutiger Blogtext. Er liefert zudem Gründe, weshalb ich Urteile in Dingen der Kunst für unabdingbar halte. Ohne daß jene gleich in ein verdinglicht-rationales Prozedere münden.

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