Die Maßnahme

Gestern kommentierte ich auf dem Blog von Norbert W. Schlinkert, der eine in Teilen berechtigte Klage, vor allem aber eine Sorge Aléa Toriks hinsichtlich der materiellen Existenz von Schriftstellern/Schriftstellerinnen und meine polemischen Passagen auf Aisthesis freundlicherweise aufgriff und dazu Überlegungen von wertherschem Ausmaß anstellte. (Uns freilich, die wir einzig an einem unendlichen Text wirken und schreiben und niemals bereit sind zu lieben, uns Angestellten der Arbeiter- und Unfall-Versicherung ist dieses Verhalten schlicht fremd. Denn wir tragen die Krankheit zum Tode kalt jeden Tag mit Lust in uns aus. Ohne Assekuranz. „Das alte Recht sterben zu machen oder leben zu lassen“. Herrschaftsbereich des Souveräns: das Richtschwert und die sinnlose Augenbinde. Todesartenzyklus. Bei der Ankunft in New York, so sahen wir jenen steinernen Gast, das Weib, die Statue mit dem Schwert in der Hand, über den Wassern ragen. Aber das wieder ist ein ganz und gar anderer Film, den ich schiebe. „Im Kino gewesen. Geweint.“ Könnte mir nicht passieren.) Ich schrieb bei Schlinkert hinsichtlich des schriftstellerisch Prekären folgende Zeilen:

„Ich bin natürlich ein kreativer und ausgesprochen findiger Kopf, der dem Pessimismus der Intelligenz, die sich oft in Wut und Polemik entlädt, den Optimismus der Tat entgegenhält. Der guten Tat versteht sich. In einem früheren Jahrhundert, als solche Aktivität und Engagement sich noch in einer breiten Bewegung der Massen trugen und entluden, hätte ich es unter diesen Umständen gewiß zu größerem gebracht, hätte womöglich eine Karriere als Kultur-Kader einer kleineren Sozialistischen Volksrepublik gemacht. Bulgarien oder Albanien vielleicht. Aber von der Sprache her vermutlich doch eher Berlin, Hauptstadt der DDR. Nun aber gibt es für unsereins nichts mehr zu tun, als zu schreiben und zu nörgeln. Doch um die Frage zu klären „Was tun?“ (W.I. Lenin) und um Utopien oder schlichter und eine Nummer kleiner gefahren Vorschläge zur Verbesserung der allgemeinen Lage der schreibenden Klasse zu unterbreiten, möchte ich Sie, werter Herr Schlinkert, für morgen auf einen kleinen Artikel auf meinem Blog (Ost-Block sozusagen) aufmerksam machen, der die Aporien des Monetären aufzulösen sich anschickt und vorläufig oder aber endgültig und gewiß diesen Titel tragen wird: „Über eine Maßnahme wie dafürhin alles Leid und Klagen der Schriftstellerinnen und Autoren über das spärlich Materielle des Dichterlebens überflüssig gemacht werden könnte“. Es wird ein guter Text. Er wird zur Befriedigung aller ausfallen.“ (N.E. Bersarin)

Das Thema ist sicherlich zu ernst, um es in die Satire zu ziehen, und Schabernack liegt mir fern. Dennoch hielt ich jene Ausführungen für nicht uninteressant, die Walter Benjamin 1927 in der „Literarischen Welt“ lieferte, wie sich für Schriftsteller Abhilfe aus Geldnot schaffen ließe. (Sie kamen mir übrigens nicht im Zusammenhang mit Aléa Toriks Überlegungen in den Sinn, sondern als ich vor einigen Wochen in der „Dschungelwelt“ einmal wieder von den Klagen des ansonsten literarisch geschätzten Alban Nikolai Herbst las. Ich kann das alles nicht mehr hören, von Euch Schriftstellern, Eure scheiß Wehleidigkeit.) Ich greife dieses Capriccio Benjamins auf und gebe es zum besten. Insofern ist dies freilich nicht ganz mein Vorschlag, wie ich es vollmundig ankündigte. Ich habe diesen Aufsatz allerdings im Dickicht und Gestrüpp der Texte gefunden und herausgelesen:

„Wovon die Dichter eigentlich leben sollen, ist eine ebenso alte wie beschämende Frage, der man seit jeher nur mit Verlegenheiten hat antworten können. Ob man ihm selber oder ob man dem Staat die Sorge dafür anheimstellt: in beiden Fällen kommt es auf sein Verhungern hinaus.“

Das klingt hart und bitter, doch steht zu vermuten, daß Benjamin hier ganz richtig liegt. Ihm selber war dieses Problem dann in den Jahren des Exils, das ihm die deutschen Faschisten aufzwangen und das ihn am Ende in den schrecklichen, erzwungenen Freitod trieb, nicht unbekannt. Nun traf es sich für das folgende, daß in Spanien im Jahre 1927 die dortige (Lokal-)Regierung zu einer drastischen Maßnahme griff, um der Sittlichkeit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen:

„Wahrscheinlich hat Spanien die schönsten Zeitungskioske der Erde. Wer die Straßen von Barcelona entlangschlendert, ist von diesen windigen, buntscheckigen Gerüsten flankiert, Tanzmasken, unter denen die junge Göttin der Information ihren provozierenden Bauchtanz ausführt. Aus dieser Maske hat vor einigen Wochen das Direktorium den strahlenden Stirnreif herausgebrochen. Es untersagte den Vertrieb der fünf oder sechs deutlichen Kollektionen, welche die Liebe ohne … – – –, die weitverbreitete Morseschrift, die in der schönen Literatur ihrer Darstellung dient, behandelt haben. Bekanntlich wird diese Emanzipation von der Morseschrift in der Übermittelung geschlechtlicher Vorgänge mit dem Namen ‚Pornographie‘ belegt.“

Die schönen Schleier, Hüllen und Einkleidungen. Manchmal aber geht direkt besser und führt ins Ziel. Diesen Wandel formulierte Benjamin pointiert in einem einzigen Satz: von der Sittlichkeit zur Kriminalität. Seinen Artikel beendet Benjamin mit folgenden Überlegungen:

„Daher verlangen wir: Staatsmonopol für alle Pornographie. Sozialisierung dieser beträchtlichen Stromkraft. Der Staat verwalte dieses Monopol nach Maßgabe der Bestimmung, die diese literarische Gattung zum ausschließlichen Reservat einer Elite bedeutender Dichter macht. Der Literat erwirbt statt einer Sinekure die Erlaubnis, einen so und so großen Prozentsatz des statistisch ermittelten Bedarfs an Pornographie den zuständigen Stellen zu liefern. Weder im Interesse des Publikums noch des Staates liegt es, den Preis dieser Ware allzu niedrig zu halten. Der Dichter produziert für einen fixierten, nachgewiesenen Bedarf gegen Barzahlung, die ihn vor den ganz unberechenbaren Konjunkturen, die sein wahres Schaffen betreffen, sichert. Sein Unternehmen wird weit sauberer sein als stünde er von nahe oder fern, bewußt oder unbewußt, einer Partei, einer Interessentengruppe zu Diensten. Er wird als Sachkenner dem Amateur überlegen sein und dem unleidlichen Dilettantismus entgegentreten, der auf diesem Gebiete herrscht. Auch wird er, je länger je weniger, seine Arbeit verachten. Er ist nicht Kanalräumer sondern Rohrleger in einem neuen komfortablen Babel.“ (Walter Benjamin, Staatsmonopol für Pornographe)

Dieses Babel wollen wir, und zwar prall und drall. Zu vermuten bleibt aber, daß wir bereits genug solcher für Staat und Markt produzierenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Boot sitzen und rudern haben. Ebensoviele allerdings auch, die für einfachso dahin blutleer-anämisch assoziieren, disparat-dissoziieren (obwohl dies eigentlich positiv einzuordnen ist) und die in zehn oder zwei Jahren ins Nichts zerflossen sind. Orkus Orkus. Womit wir wieder am Anfang des Problems stehen. Welche Art von Text wir wollen (benötigen?); wie und in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Diese Frage allerdings betrifft bei weitem nicht nur die Schriftsteller. Oder doch ein Bitterfelder Weg? Geschichten aus der Produktion. Geschichtsphilosophie ohne den Hohlpathos der Subjektphrasen und das ewige ich-ich-ich. Nur in Diktaturen gedeiht gute Literatur. Das Schwert der Zensoren muß scharf und schlagkräftig sein. Da wir diese Extreme nicht wollen, benötigen wir also eine Literaturkritik, die endlich wieder zuschlägt und all den Ranz zerhackselt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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61 Antworten zu Die Maßnahme

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Ich habe gut reden, meine Leidenschaft ist die Medizin (also Diagnosen stellen) und die Literatur (also Diagnosen stellen) und wenigstens für eine diagnostische Tätigkeit bekomme ich ordentliches Geld.

    Bei Alea Torik habe ich vor eineinhalb Jahren schon – nach ihrer Veröffentlichung von Aleas Ich – den Krankheitsverlauf korrekt vorausgesagt: Der Literaturbetrieb wird sich an der Demaskierung rächen, liebe Alea, Du wirst Probleme bekommen. Übrigens kein neues Phänomen: Diagnosen, die nicht ausgehalten werden, verursachen entsprechende Aggression gegen den Diagnostiker. Genau das ist Dir passiert. Deine letzte Chance ist ein Roman über den Betrieb, über die personalen Zuschreibungen, darüber das derselbe Text mit unterschiedlichen Konnotationen eben unterschiedlich wahrgenommen wird.
    Ein Phänomen das übrigens nicht nur im Literaturbetrieb so zu beobachten ist: Wir wissen, dass Lehrer Fehler bei Schülern je nach Vornamen unterschiedlich registrieren. Einem Kevin, einer Jaqueline werden Fehler in einer Arbeit angestrichen, die bei einem Arztsohn mit Namen Franz sehr häufig „übersehen“ werden. Auch hier das Phänomen der biographisch-genealogisch-konnotierten Wahrnehmung, der Umfeldwahrnehmung, die dann das Beurteilen des eigentlichen „Produktes“ – sei es ein literarisches Werk, sei es eine Klassenarbeit – massiv beeinflusst.

    Zum Pornovorschlag: Ich hätte Angst, mich zu verlieren und nur noch lukrative zu schreiben, lukrativ in jeder Beziehung….

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    …..darüber KOMMA dass…. So ist dass wen mann mal schnel in die Tatstatur hakkt.

  3. ohneeinander schreibt:

    Vll vertreten einfach zu viele Kritiker die These, dass die Intelligenz (Herbst und Torik) in der Literatur störend wirkt?

  4. Die Scheißwehleidigkeit der Schriftsteller ist in der Tat unerträglich, vor allem weil diese Horden von Schmarotzer:inne:n daraus nicht einmal, wie die ebenfalls jammernden Musiker, ein ordentliches Lamento machen können – Lametta machen sie daraus, und selbst davon war früher mehr. Ist Ihnen eigentlich aufgefallen, wie elegant ich die beiden aktuellen Themen Literatenarmut und Freitod in einem Text verwob? – allerdings ohne die Hoffnung, damit, wie einstens Goethe, eine Karriere zu begründen. Man kann ja von Goethe halten, was man will, aber als armer und noch völlig unbekannter Literat einen Roman, also den Werther, zu schreiben, in dem sein Alter Ego sich leidenschaftlich umbringt, ist genial, vor allem auch, weil er damit eine Selbstmordwelle auslöste, die manch Konkurrenten dahinraffte. Goethe hat sein eigenes Massaker überlebt, mit blutigen Händen, und hätte Aléa Torik sich selbst im eigenen Roman in die Tiefe und damit in den Tod gestürzt, nur um dann eben doch weiter Romane zu schreiben, wer weiß, welche Karriere sie dann noch gemacht hätte. Hat eigentlich Walter Benjamin nach seinem Tod noch weiter geschrieben? Sehen Sie, da läge die Lösung: man muß als Autor auf der einen Seite tot sein, um auf der anderen trotzdem weiterzuschreiben. Wer das nicht hinbekommt, soll auch nicht bezahlt werden!

  5. Bersarin schreibt:

    Jeder kann wehleidig sein, wie er mag. Aber es muß dies fürs Publikum nicht unbedingt von Belang sein – es sei denn, ein Roman thematisierte die prekäre Existenz explizit. (Ich hoffe und bete freilich, daß da kein neuer Berlin-Künstler-Roman herauskommt.) Ansonsten regelt die Bezahlung für Schriftsteller der Markt. Wie alles in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Es gibt für einen Schriftsteller allerdings kein Anrecht auf Festanstellung. Sonst hätten sie oder er Beamter werden müssen. Ggf müßte man über ein Bürgergeld reden, das jedem Staatsbürger, jeder Staatsbürgerin der BRD zusteht. Dieser schwierigen finanziellen Situation eines Künstlers muß und sollte sich jeder bewußt sein, der Kunst macht. Das ist das Risiko. Wer den Ärmelkanal durchschwimmen will, muß robust gebaut sein und von guter Kondition. Ich zitierte bereits mehrfach Ulla Hahn: sich einen Brotberuf suchen und dann schreiben. Wenn es sich irgendwann trägt (und das tut es für die wenigsten Schriftsteller), kann man sicherlich den Brotberuf aufgeben.

    Das Problem, das ich, Aléa Torik und viele andere sehen, ist jedoch weniger das Geld, sondern vielmehr ein grundsätzliches des Literaturbetriebes, und zwar die Marktkonformität der Verlage, die auf Verkaufszahlen schielen. Und deshalb kommen derart großartige Bücher wie die beiden Romane von Aléa Torik nicht durch oder haben es zumindest schwer. Ob der Literaturbetrieb das, was Aléa tat, nicht verzeiht, wie summacumlaude schrieb, bezweifle ich. Der Betrieb der Feuilletons ist derart schnelllebig – er hat es morgen vergessen.

    Einen Verleger freilich, der nach „Das Geräusch des Werdens“ und nach „Aléas Ich“ das Talent dieser Autorin erkannte und den dritten Roman ablehnt, der hat eigentlich nicht mehr alle an der Waffel. Am liebsten würde ich mich selbständig machen, und das Buch verlegen.

    Um den Begriff Dichter/in, Schriftsteller/in übrigens noch einmal einzugrenzen: Dichterinnen, Schriftsteller sind solche Personen, die bereits mindestens ein Buch (Roman, Gedichtband, Essay) in einem Verlag veröffentlichten. Alle andren sind Aspiranten.

    Goethe hatte es leicht, denn es gab um ihn herum nicht viele. Allerdings war Goethe mit seinem „Werther“ als Schriftsteller in den deutschen Landschaften bereits hinlänglich bekannt. Heute meint jeder, der oder die eine Seite vollschreibt, er oder sie seien zum Dichter berufen. (Vielfach ziehen diese vielen Schreiber:innen die Literatur auf das Niveau der Volkshochschulen.) Ich kann Aléa Toriks und auch Herrn Herbsts Probleme und die vieler anderer nachvollziehen. Allerdings sehe ich in dieser Gesellschaft momentan Dringlicheres als die finanzielle Versorgung der Künstler, und es handelt sich um Partialinteressen von sowieso bereits Privilegierten. Insofern halte ich es für angemessen und wichtig, gesamtgesellschaftliche Fragen zu stellen.

    Was mich jedoch vielmehr stört und ärgert als die Fragen der monetären Existenzweise, ist ein Betrieb, der solchen Texten keine Chance gibt. Und zu diesem Betrieb gehören – nebenbei gesagt – auch die unzähligen Literaturblogs, die Text als Wohlfühlveranstaltung verstehen, die alles, was geschrieben wird in ihrer unseligen Empfindungsemphase weichspülen, die Texte wünschen, in denen sich Leserin und Leser wiederfinden dürfen. Mithin der Schulfall von Banausie, wenn sich das Identitätsprinzip perpetuiert und Verstand und Denken absichtsvoll ausgeschaltet werden. Und genau diese Blogs sind ebenso dafür mitverantwortlich, daß das Niveau der Literatur im Arsch ist, weil nämlich die meisten Rezipienten von der Art ihrer Lektüre im Arsch sind.

    Ich kann die Klagen über das liebe gute Geld gut verstehen. Aber es interessiert vermutlich außer den Schriftstellern nicht sonders viele Leserinnen und Leser.

  6. holio schreibt:

    NWS ad Goethe, das ist gewagt! War weder arm, der Großbürgersohn, noch völlig unbekannt, als er seinen Bestsellerroman nach dem wahren Leben schrieb. Denn Götz von Berlichingen war bereits erschienen und er als Kraftautor berüchtigt mit seinem Kraftausdruck, den wir noch heute im Munde führen, außer mit „am“ anstatt „im“. Werther im übrigen nicht gebildet nach dem gebildeten Schreiberling selbst, sondern wie Maxim Biller es tat, nach einer Person aus seinem Umfelde. Die Expressproduktion von vier Wochen nur spricht indes von einer Art Rausch, in die die Produktion den Produzenten versetzte, und wir dürfen uns freuen, dass er den Pseudo-Ossian so schön noch untergebracht hat, und nicht zu vergessen das romantische Bildnis der Lotte im Kreise der Kinder, die sie wie eine Kindergärtnerin sorgend und spendend betreut, was damals gar nicht so üblich gewesen sein soll, als frau mehr bella figura machen wollte denn sich am Nachwuchs bekleckern.

  7. ziggev schreibt:

    stimmt:

    „…, die Texte wünschen, in denen sich Leserin und Leser wiederfinden dürfen. Mithin der Schulfall von Banausie, wenn sich das Identitätsprinzip perpetuiert und Verstand und Denken absichtsvoll ausgeschaltet werden.“

    – Wenn sich alle Leserinnen und Leser in allen Sätzen eines Werkes („bei Erhaltung des Wahrheitswertes“) wiederfinden dürften (wenn das Ich der Leserinnen und Leser sich durch das Ich des als Ich auftretenden Erzählers „in allen Aussagen“ (Sätzen) ersetzen ließe), dann bliebe das Identitätsprinzip erhalten. Vorausgesetzt, wir stellten uns – wovon wir einander abraten – jetzt nicht alle möglichen Sätze des lesenden wie des erzählenden Ichs vor.

    (A und B bezeichnen genau dann denselben Gegenstand, wenn sich A für B in allen Aussagen bei Erhaltung des Wahrheitswertes ersetzen lässt.) (Wiki: nach Leibniz))

    Wisse also, dass ich Deinen Blog gern als Anlass nutze, um unterschiedliche Nachschlagewerke zu konsultieren. Der Banause galt im antiken Griechenland als der Freien Künsten nicht würdig, weil er nicht frei geboren war und damit gezwungen, einem Broterwerb nachzugehen. Ulla Hahn also umgedreht: Statt dass „freie Bürger“ (nebenbei erwähnt, „Dilettant“ hatte auch einmal einen positiven Klang) sich in Freien Künsten übten und Werke wie den Peloponnesischen Krieg“, „Wolken“ oder den „Gorgias“ hervorbrachten, sind dies nun Arbeitslosenversicherungsbeiträge Zahlende, mit dem Recht, sich auf der Agora auszutauschen, zu debattieren, oder während jährlicher Dionysien übers Drama. Dagegen moderne „Banausen“, die in den Tag hineinleben („irgendwas mit Medien“), vor lauter langer Weile nichts anderes zu tun wissen, als von Ich, sich, Ichsich, Sichich zu reden.

    Aber wir sind weg von der Sklavenhaltergesellschaft (ich will nicht ausblenden dass es heute ohne Zweifel noch und wieder Sklaven gibt!). Sollen jetzt also tatsächlich diejenigen mitreden, an denen nichts weiter ist als ihre Stärke (antik die körperliche gemeint, heute ist vielleicht an Marktmechanisem, Web 2.0 usw. in der Bloggerwelt zu denken) und ihre Vielzahl?

  8. @ holio
    Natürlich war Goethe nicht arm, im Gegensatz etwa zu Jean Paul oder Karl Philipp Moritz, aber nun ist er es einfach mal in diesem von mir gezeichneten Bilde, an dem herumzudoktern Ihnen der historischen Richtigkeit halber gestattet sei. Natürlich hätte ich auch Jean Pauls „Siebenkäs“-Geschichte zu einem zum Thema passenden Bilde umformen können, der Scheintod des Protagonisten und das Weiterleben als sein eigener Anderer, aber Jean Paul kennt ja keine Sau, also nahm ich den Goethe und verwurstete ihn ein wenig, damit eines klar wird: nur wer die Schriftstellerkollegen in den Freitod treibt und den eigenen allein literarisch statthaben läßt, hat ein Chance, das zu sein, was alle sein wollen, am Leben und erfolgreich nämlich.

  9. holio schreibt:

    Jean Paul au ned schlecht. Mein Liebling jener Fibel, Verfasser der Bienrodschen Fibel, die man ungefähr so umdichten könnte:

    A wie Autor,
    sei kein Tor.
    Schreibe Reißer,
    sei kein Scheißer.

    B wie Buch,
    ein Versuch.
    Vieler Schwemme
    führt zur Klemme.

    C wie Charisma,
    Schrift wie Antiqua.
    Sitzt die Frisur,
    gefällt die Figur.

    D wie Dissonanz,

  10. Bersarin schreibt:

    Freitod oder nicht – das bleibt für den Fortgang im Betrieb eine Marginalie. Vielmehr handelt es sich hier um literarische Motive und Szenen, mit denen gespielt wird. In unterschiedlichen Ausprägungen. Bei Jean Paul ganz anders als in Goethes Werther. Mit dem Tod Olgas schwer in Verbindung zu bringen. Aufspaltungen des Selbst und Wiedergänger sind insbesondere in der schwarzen Romantik des E.T.A. Hoffmann beliebtes Motive. Der Verlust des Schattens oder erkaltete, steinerne Herzen ebenfalls. (Hier treten schon eher die Selbstbilder einer Subjektivität unter den Zeichen kalter Moderne zutage. Werther hingegen wird von einer ungeheuren Empfindsamkeit getragen. Gut passend im Grunde zu den heutzutage Literaturbloggenden.)

    Und Goethe war zudem nicht arm, sondern ganz und gar materiell abgesichert. Und wie ich oben schrieb und wie Holio richtig ergänzte zudem hinreichend bekannt. Goethe war aufs Schreiben nicht angewiesen, um an Geld zu gelangen. Eine gute Voraussetzung wie ich finde. Das Problem bleibt dann nur noch der Verlag.

    @ ziggev
    Der Dilettant ist nicht zu verachten. Bei Thomas Mann immer wieder als Künstlertypus auftauchend. Der geniale Dilettant sozusagen.
    Das Banausentum hingegen verstärkte sich. Ableben der Bildung.

  11. Nix gegen Goethe, aber wenn ich ihn als armen Poeten benutze für ein sinnreiches Bild, dann ist er das auch, definitiv, nämlich arm! Für die Realität sind andere zuständig. Punktum. Die weitaus besseren Schriftsteller der damaligen Epoche kommen indes ohnehin aus der Armutsecke oder haben sich in diese hineingeschrieben, während Goethe immer noch in der bürgerlichen Wohlstandsecke steckt und ewig stecken wird, was man schon daran ersehen kann, daß er kein Autor der heutigen notwendigerweise armen Schriftsteller ist und somit allenfalls einer fürs (Möchtegern-)Großbürgertum.

  12. ziggev schreibt:

    @ bersarin

    die Frage ist, wer jetzt zum Lamento – zum Lametta“, wie Norbert W. Schlinkert lustigerweise schrieb – überhaupt berechtigt ist, und wer darüber entscheidet. Etwa diejenigen, an denen nichts weiter ist als ihre Stärke und ihre Vielzahl? Moritz, Jean Paul sind mir durchaus Begriffe. Goethe und Th. Mann langweilen mich bisweilen eher, wegen ihres „syntaktischen Zeremoniells“ (SZ), bei Goethe oft auf Kosten der Aussage, bei Mann auf Kosten der Pointe (die mannsche Ironie), es nie, nie aussprechen.

    „Dichtung und Wahrheit“, eine Lieblingslektüre von Wittgenstein, der übrigens sehr wohl Platon kannte, jedoch keine Zeile Aristoteles, dürfte uns hinlänglich aufklären. Den Werther fand ich jedenfalls einfach unerträglich, keine 15 Seiten geschafft.

    Was ohnehin jede/r wusste, die kleinen Unterschiede machen den Unterschied, schrie – jedenfalls wenn ich mir das Echo anhöre – Bourdieu einst heraus, als ließe sich die lange Weile nicht mehr steigern.

    Wer entscheidet also? – Diejenigen, an denen nichts weiter ist als ihre Stärke und ihre Vielzahl? Ich entscheide mich für diese Variante – obwohl ich immer noch lieber die Werke derjenigen lese, die finanziell dazu abgesichert waren

  13. ziggev schreibt:

    Wer über Geldsorgen klagt, ist eben kein freier Mensch und disqualifiziert sich damit zugleich für jeden schriftstellerischen Beruf. Nichts ist langweiliger als der Kult um Künstlerarmut. „Ästhetik des Widerstands“ würde ich meinen Kindern unter Androhungen von Prügelstrafe verbieten.

  14. modestio schreibt:

    Die These des literarischen Todes zur Herstellung von Größe ist hier gewiss zu krude vorgetragen, aber in gewissen Einzelfällen interessant genau zu betrachen. So schaffte es Monsieur Houellebecq gerade mit „Carte et Territoire“ über seine „Wehleidigkeit“ hinauszugehen, und das personale Leiden an einer (post)modernen Gesellschaft strukturell zu erschließen. Ja klar gab es auch in der „Extension du domaine de la lutte schon allgemeine Thesen über die kapitalistische (französische) Geselleschaft, nie wurde es aber so plastisch, und verdichtet wie bei „Karte und Gebiet“, was als Titel bereits programmatischer Hinweis ist auf die Überbrückung von personalem Leiden im „Gebiet“, und der strukturellen Ursachenverortung auf der Karte.

    Dem Protagnoist des Romans gelingt sein künstlerischer Durchbruch, indem er Karten fotographiert. Ein fiktiver Michel Houellebecq schreibt zu einem Sammelband dieser Fotographien ein Vorwort, und wird danach ermordert. Hier könnte auf der subjektiven Ebene des Autors eine Anerkennung des Vorrangs des Werks vor dem eigenen Leben behauptet werden. Der Mensch Houellebecq mag genauso lebensmüde sein wie der Mensch Raddatz (wahrscheinlich wesentlich müder), seine ästethischen Kategorien sind es aber nicht; und weil er sein Werk noch am Schreiben ist, ist er noch am Leben, so könnte es ein wenig zugespitzt gesagt werden: er hat noch etwas vor (sich). Er ist weder ein Fachmann noch ein Dilettant, sondern am ehesten der Träger seiner Texte. Insofern ist er auf der einen Seite als Autor tot, und schreibt weiter.

    Die Probleme einer solchen Analyse liegen auf der Hand: aus der Ferne wird über einen Autor in großen Thesen und wenig Kontextbetrachtung geschrieben. Dass Schriftsteller*innen die Konflikte ihrer Gesellschaft bewusst oder unbewusst in Ihrem Schaffen mitreflektieren, dass ohne gesellschaftliche Konflikte keine große entstehen können, das Künstler*innen diese Konflikte aushalten können müssen, da gehe ich gerne ein Stück mit, stehen bleibe ich allerdings bei der Unterscheidung zwischen monetärer Existenzweise und dem „Betrieb“. Ich möchte hier vorsichtig sein, aber es könnte so verstanden werden, als ob das kapitalistische Ordnungsprinzip vorrangig auf dem Markt zu finden sei, dass aber der herrschaftsförmige Literaturbetrieb aus einem anderen Problemfeld entestehe. Die prekäre Existenzweise vieler Künstler*innen entsteht doch gerade dadurch, dass sich auf dem Markt nicht freie und gleich teffen, sondern Besitzende und Besitzlose, dass diejenige die Nachfrage signifikant mehr beeinflussen können, die sich auf die Dimension des Gelderwerbs immer schon besonders eingelassen haben. Reflexiv bestimmt könnte dies von den Künstler*innen genau dadurch, dass sie Ihr personales Leiden im Gebiet mit den strukturellen Problemen auf „Karten“ verortbar machen, wie das der von mir sehr geschätze Max Linz in seinem Film „Ich will mich nicht künstlich aufregen“ (http://www.berlinale.de/de/archiv/jahresarchive/2014/02_programm_2014/02_Filmdatenblatt_2014_20148023.php#tab=filmStills) in Bezug auf den Filmbetrieb leistet. Auch die Klage über das gute böse Geld kann gehaltvoll sein!

  15. Imgrunde klagt ja kein Künstler primär über Geldsorgen, sondern über fehlende Beachtung und fehlende Wertschätzung. Wirklich arm ist ein Künstler nur dann, wenn er weder ausreichend Geld für die Bedarfsbefriedigung noch, daraus folgend, ausreichend Zeit hat, seinen Beruf auszuüben – aber dann kommt er auch nicht mehr dazu, zu klagen. Klagen tun also die, denen es noch gut genug geht, in ihrer dem Dasein abgetrotzten Arbeitszeit auf die schlechten Bedingungen hinzuweisen, unter denen sie arbeiten, und eben das kann man ohne jedes künstlerische Niveau tun (und dann am besten gleich Funktionär werden) oder eben auf möglichst hohem Niveau, essayistisch, mit kleinen oder großen Geschichten, mit Filmen, Fotos, Gemälden, Theaterstücken, Tänzen, Liedern, Opern, Performances und so weiter. Man kann es aber natürlich auch ganz sein lassen, das Klagen meine ich.

  16. belysnaechte schreibt:

    Ihr seid so niedlich

  17. summacumlaudeblog schreibt:

    „Ob der Literaturbetrieb das, was Aléa tat, nicht verzeiht, wie summacumlaude schrieb, bezweifle ich. Der Betrieb der Feuilletons ist derart schnelllebig – er hat es morgen vergessen.“
    Vorsicht, Vorsicht, der Betrieb will natürlich den Erfolg, den schnellen Erfolg. Deswegen die Schere im Kopf der Lektoren, eine heißt schlicht: Potentielle Verfilmbarkeit, weil eine Verfilmung die Absatzzahlen noch einmal katalysiert. Deswegen die Flottplotdominanz der derzeitigen Literatur. Sicher! Was interessieen die Schlägereien von gestern.

    Aber: Unterschätz nicht die Eitelkeit des Betriebs. Man will den Erfolg, man will aber auch den VERDIENTEN Erfolg, man will die Bestätigung, dass die Bestsellerliste in der Tat eine Widerspiegelung von Qualität ist. Wer daran zweifelt, darf des Neidvorwurfes sicher sein. Die ganze vesindelte Talkshowgesellschaft ist voller solcher Selbstaufdieschulterklopfer: Ich habe meinen Erfolg VERDIENT, weil ich GUT bin, dümmelt es aus Schweigers (z.B.) Mund! Glück? Haben höchstens andere!

    Alea erlebte ja vor eineinhalb Jahren auf Facebook genau diese Diskussion, angeworfen von Juli Zeh: Darf der das? Durch die Hintertür eintreten? Sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen einen Verlag ohne Verdienste ergaunern? Allein das Zulassen dieser Frage empfinde ich als skandalös, weil es, wie Alea damals schon richtig sagte, suggeriert, es gäbe auch einen Vordereingang, dessen Namen Qualität ist. Alle arivierten Schriftsteller seien diesen Vordereingang eingetreten, nur Alea habe sich den Zugang erschlichen, so die insgeheime Unterstellung. In dieser Unterstellung steckt übrigens schon unfreiwillig die Bestätigung meiner Vermutung drin. Denn damit geht man ja dinglich davon aus, DASS man sich im Literaturbetrieb mittels einer angeschrägten, „hochgejazzten“ (Gruß an ziggev!) Biographie Türen öffnen KANN. Folglich ist die Qualität der Sprache offenkundig nicht der einzige Türenöffner!!! QED

    Selbstmord hat sich als intellektuelle Antwort überholt. Klaus Mann appelierte 1949 als letzter in diesem Sinne. Der heutige Selbstmord ist meist eine unfreiwillige Überdosierung von Beschleunigern. Oder direkt eine Beschleunigung im Fahrgeschäft des Lebens. So manches Bungeeseil ist halt zu lang, so mancher Airbag funktioniert einfach nicht. Und mancher Airbag wird ausgeschaltet. Was immer man gegen Möllemann sagen konnte, das hatte schon was: Einfach den Fallschirm nicht zu öffnen. Faust hingegen hatte dann am Ostermorgen nicht die Traute, den Weg, der ihm durch Christus gewiesen, zu Ende zu gehen. Insofern ein Rückschritt zum Werther.
    Heiner Müller sah im Überlebenden Goethe versus den „auf den Tod hin schreiebenden“ Schiller übrigens das „bessere Modell“. In der Taschenbuchausgabe von „Krieg ohne Schlacht“ fragte Thomas Asseuer Müller nach dem „unverfälschten Leben“? Müller antwortete: „Ich verstehe die Frage, aber ich könnte so nicht denken…“ erzählt dann von einem „kleinen dicken jüdischen Sportreporter“ der nach Torpedierung seines Fluchtschiffes gerade noch auf einem Rettungsboot Platz findet. „Dann erschien noch eine Mutter mit einem Kind, und es war kein Platz mehr. Aber er hat sich stumm nach hinten fallen lassen, und es war Platz für sie. Das ist ein unvergeßliches Bild. Die Frage ist letzlich, ob man dazu fähig ist.“

    So ist es. Es gibt kein unverstelltes Leben, keinen verdienten Erfolg, keine vollkaskoversicherte Beschleunigung. Es gibt nur diese „unvergeßlichen Bilder“, dieses „stumm“ nach hinten Fallen, wohlgemerkt: stumm; wer überlebt und redet, gibt eben seinem Affen Zucker. Und der Rest ist Hamlet….

  18. Archivar schreibt:

    @ ziggev

    Dass Wittgenstein nie Aristoteles gelesen habe, ist eine von ihm selbst geschaffene Legende. Es ist keine Tatsache, aber vielleicht wahr (in der Bedeutung seines ethisch-ästhetischen Wahrheitsbegriffs) und in der Perspektive von „Lesen“ zu verstehen, die in den §§ 156-178 PU entwickelt wird. „Nicht die Bemerkung ist uns wichtig… sondern die, daß dies Verwickelte uns eine Evidenz ist.“ (Letzte Schriften über die Philosophie, 79; das zweite „die“ ist m. E. zu tilgen.)

    http://www.wittgensteinsource.org/box_view_url_shortener?u=1N

    Dies nur als Beispiel, auch in den Vorlesungen wird Aristoteles erwähnt.

    Bitte nur als kleine pedantische Korrektur verstehen, die den Sinn der Aussage nicht tangiert. Ergänzen ließe sich noch die durchaus seltsame und bemerkenswerte Weise des Umgangs mit Geld von Wittgenstein selbst. Dürfte aber hinlänglich bekannt sein.

  19. ziggev schreibt:

    @ Archivar – ich bin für Pedanterie! Außerdem ist Dein Kommentar ein Anlass, mal wieder in die PU reinzuschauen !! Es war dies eine der schönsten Legenden, nun ist sie zerstört, sei´s drum! Zur Pedanterie noch folgendes, ein paar Bemerkungen, geschrieben vor Deiner willkommenen Korrektur (aber auf „Dichtung und Wahrheit wollte ich dennoch hingewiesen haben):

    ach, weil die Zeit dahinrauscht (im Internet ist ja alles ach so schnell, was uns allen eigentlich Missbehagen einflößen sollte, die wir uns dieser Muße des Schreibens hingeben) und ich gerade ne Krankschreibung von ner Kollegin von summa ergattert habe (mit „von“ – macht sich gut bei der telephonischen Krankmeldung), jetzt noch schnell ein Kommentar.

    mir gefällt die bloggerwelt eigentlich ganz gut. Aliasse werden grundsätzlich kleingeschreiben. ich habe die Freiheit, ‚kleingeschreiben‘ zu schreiben, statt ‚klein geschrieben‘, aus Protest gegen die Rechtschreibreform und das Desaster, das sie angerichtet hat.

    In diesem Kommentarstrang sind mir lediglich zwei Fehler aufgefallen, die ich mir gemerkt habe, ein Kommafehler bei mir, einer bei bersarin, summacumlaude entschuldigte sich, nach alter, schätzenswerter Gewohnheit für seinen nicht korrekt hingeschriebenen dass-Satz.

    Was mir beim Eintritt in ‚Kleinbloggerdorf‘ (netbitch) allerdings auffiel: Manchmal machen sich selbst die schätzenswertesten der Schreibenden nicht die Mühe, sich zu überlegen, wie ein Satz in einem Kommentar anders aufzubauen wäre, als ihn mit „Ich“ zu beginnen (desh. „ich“ bei mir immer klein).

    Syntax, Interpunktion, Orthographie – wenigstens hier können, könnten wir gegenhalten gegen das, was manchmal selbst von renommierten Verlagen in Buchform auf den Markt gebracht wird.

    – ziggev fordert ein? nein, denn ich bin selbst durch zuviel Bloglektüren, was Stilistik, Interpunktion betrifft, mehr als nachlässig geworden. Ist natürlich niemandem eine Hilfe, gegen den Müll, den die inzwischen ja gar nicht mehr existierenden Lektorate durchgehen lassen, mit noch mehr Punk aufzumucken … ich weiß.

    Web 2.0 habe ich zuerst durch forum.dict.cc kennen gelernt. Dort werden Übersetzungsversuche alleinig zu dem einzigen Zweck veröffentlicht, damit sie nach Strich und Faden auseinandergenommen werden. Da Lektoren nicht mehr eingestellt werden – nun, wir werden unsere eigenen Lektoren !

    @ summacumlaude: langsam freunde ich mich mit der Vokabel „hochgejazzt“ an ;-)

  20. ziggev schreibt:

    Korrektur. in „KleinbloggerSdorf“ (netbitch)

  21. holio schreibt:

    Goethe sollte man nicht niedermachen. Er war Rebell. Harzreise im Winter, sich auf Französisch verabschiedet nach Italien, die Marienbader Eliebe zu einer 19-jährigen, das Metrumgeklöppel auf Faustinas Rücken, die Lebensgemeinschaft mit der Vulpius, nicht standesgemäß. Sein Interesse für Uninteressantes, Ginsengblätter, Morphologie der Pflanzen, Systemae, die wissenschaftlich nicht immer halten werden. Zu schweigen von dem Zwischendingsda. Doch seine These, es entwickle sich alles gegen Widerstände hin und herum, bleibt allemal gültig.

    Als G. starb, wissen wir nicht, ob er verlangte nach „mehr Licht“, oder sich beschied: „Mehr nicht.“ Das doch ein schöner Tod, nicht?

  22. ziggev schreibt:

    „Zu schweigen von dem Zwischendingsda“ – holio, you made my day, Das Zwischendingsda !

  23. Bersarin schreibt:

    @ Schlinkert
    Ich will nicht darauf herumreiten, doch Sie formulierten: „aber als armer und noch völlig unbekannter Literat einen Roman, also den Werther, zu schreiben,“ Sofern das nicht ironisch gemeint war, mußte diesem Satz widersprochen werden, weil er falsch ist. Natürlich kann man Bilder setzen, wie man mag, und dazu Basta oder Punktum sagen sagen. Nur kann es passieren, daß es sich um schiefe oder falsche Bilder handelt, die dann zu korrigieren sind. Ihre Einschätzung, daß der „Werther“ genial ist, teile ich. In diesem Werk inszeniert sich eine neue Weise von bürgerlicher Subjektivität und Selbstbewußtsein, und zwar über das Referenz-Medium der aufkeimenden bürgerlichen Epoche: dem Brief, in dem sich die Subjektivität wirkungsmächtig ins Bild bringt (auch mit den Aporien der Liebeswahl) und ihren Ausdruck finden kann. Dialektisch und vielschichtig wie Goethe nun einmal ist, nimmt er diese Subjektivität beim Wort und schreitet zugleich über sie hinaus. Anders aber als die Romantiker um Novalis. Wobei man dessen Schriften durchaus einer dekonstruktiven Lektüre unterziehen kann und nicht unbedingt Hegels und Goethens Vorbehalte gegenüber der Romantik zu teilen braucht. All das sind natürlich Aspekte, die sich ebenso mit dem Schriftsteller als Objekt der Literatur befassen. Der Tod einer Figur und der Tod eines fiktionalen Autors sind in diesen Rahmen aber nicht zentrales Thema.

    Richtig ist auch, daß es den Künstlern natürlich nicht primär um Geld geht, sondern um die Anerkennung. Fatale Dialektik: Alle möchten in den Betrieb, den sie kritisieren, zugleich hinein. (Manche freilich wollen zugleich auch einen anderen Betrieb.)

    @ ziggev
    Es muß niemand den „Werther“ lesen und mögen, und wenn solche Einschätzung nicht zu einem Urteil über die literarische Qualität eines Buches sich aufschwingt, ist das soweit ok. Arno Schmidt schrieb übrigens mal, Goethes Prosa sei eine Rumpelkiste. Hat mir damals in meiner antibürgerlichen Attitüde gut gefallen. Sofern Schmidt damit meint, daß Drama und Dichtung die Prosa Goethes überragen, hat er sicher recht.

    Egal ob ein Logiker und Linguist wie Wittgenstein nun damit kokettierte, Aristoteles nicht gelesen zu haben oder ob er den Stagiriten realiter nicht las: es bleibt traurig. Für einen Philosophen freilich ist diese Lektüre eine Selbstverständlichkeit.

    @ modestio
    Ich habe „Karte und Gebiet“ leider nicht gelesen, fand jedoch bereits den Titel ausgesprochen anregend, weil er auf zwei Arten der Topographie und der Ordnung von Raum verweist. Ansonsten: Sehr kluger Kommentar und gute Analyse.

    Das Klagen produktiv zu machen und im Subjektiven das objektive Moment zu realisieren, halte auch ich für wichtig, schrieb dies auch mehrfach und brachte es auf die Wendung „Wie wir leben wollen“, die ebenso mit ökonomischen Faktoren zusammenhängt, die Du thematisiertest.

    @ summacumlaude
    Vermutlich hast Du mit Deinem Hinweis auf den Betrieb recht und ich habe das zu pragmatisch gesehen. In der Tat bemißt dieser Betrieb mit zweierlei Maß. Das geschieht beim Feuilleton und in der Bildenden Kunst allerdings ebenso. Diese Zeh-Sache müßte ich nochmal bei mir im Blog aufgreifen. Eigentlich abartig, wie die Arrivierten sich ihr Revier erhalten.

    Danke für diese wundervolle Müller-Passage und vor allem für die Deutung derselben. Die Kunst zu leben und die, das Leben zu verlassen. Es gibt übrigens von Rüdiger Safranski ein interessantes Buch über den Zusammenhang von Leben und Literatur, über das Verhältnis von Denken, Text und Leben: „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“ 1990 erschienen. Darin er die Schriftsteller/Philosophen Jean Jacques Rousseau, Heinrich von Kleist, Friedrich Nietzsche und schließlich Franz Kafka nimmt und Werk samt Vita auf diesen Zusammenhang befragt. Befreiung macht Safranski einzig bei Kafka aus. Eine interessante Textualisierung von Leben und Werk und inwiefern Menschen an ihren Texten kollabieren können. Aber: Können sie das wirklich?

  24. @ Bersarin
    Selbstverständlich habe ich mit dem Bild des armen Poeten Goethe nach eigenem Gutdünken etwas aus dem Ärmel gezogen, das der sogenannten historischen Wahrheit der Literaturwissenschaft nicht entspricht. Aber die Idee, Goethe habe sich bewußt einiger Konkurrenten entledigen wollen, indem er sie durch seine Vorlage in den Schriftstellerselbstmord treibt, schmeichelt Goethe ja durchaus – sicher halte ich ihn für gewitzter, als er war. Ein Aspekt allerdings gilt für Goethe als eines wohlhabenden Sohnes ebenso wie für seinen armen „Bruder“ Karl Philipp Moritz und alle anderen Romanautoren, daß nämlich der Roman als Kunstwerk damals noch keineswegs den Rang hatte wie Jahrzehnte später, Goethe also unterhalb seines Standes agierte und eben deshalb auch, wie holio richtig anmerkt, ein Rebell war und eben nicht der angehimmelte Großschriftsteller. Ihn in gewissem Sinne „arm“ zu nennen, kann so falsch somit nicht sein. Ich habe Goethe also für meine Zwecke benutzt, das würde ich aber jederzeit wieder tun, selbst wenn Goethemißbrauch strafbar wird. [Alles hier von mir Geschriebene bewegt sich also immer noch im Kontext dieses Textes http://nwschlinkert.de/2015/03/01/huelfe-denn-womoeglich-eine-schriftstellerselbstmordwelle-frau-torik/ , insofern ich auch keine schiefen oder falschen Bilder in die Welt setzte, sondern solche mir gemäße über das trocken Wissenschaftliche hinaus, so wie ja auch der Text und die Entgegnungen auf Aléa Toriks Blog teilweise lamentierend-polemisch, ironisch oder wie auch immer genannt werden können.]

    In einem wissenschaftlichen Text käme so etwas frei Fabuliertes natürlich nicht infrage, in einem solchen wäre darauf einzugehen, wie Goethe in Nachfolge Lessings die von Ihnen angesprochene bürgerliche Subjektivität und das noch frische bürgerliche Selbstbewußtsein thematisiert – die Nähe zu Lessings „Emilia Galotti“ ist ja offen-sichtlich. Aber da ich Goethes „Werther“ im Rahmen meiner Forschungen zur Entstehung des poetischen Ich schon (eher kurz) beackert habe*, tue ich jetzt den nächsten Schritt und behandele ihn, den Goethe, frei nach Schnauze.

    *S.144ff., und zwar hier drin: http://www.wehrhahn-verlag.de/index.php?section=01&subsection=details&id=523

  25. JimKnopf13 schreibt:

    Zitat Bersarin: „Richtig ist auch, daß es den Künstlern natürlich nicht primär um Geld geht, sondern um die Anerkennung. Fatale Dialektik: Alle möchten in den Betrieb, den sie kritisieren, zugleich hinein. (Manche freilich wollen zugleich auch einen anderen Betrieb.)“

    Diese „fatale Dialektik“ greift sehr tief, wie ich meine. Es gibt kaum etwas neben dem „Betrieb“, und das, was daneben liegt, möchte nur allzu gern schleunigst geschluckt werden. Wo wären die Nischen, die tatsächlich abseits des Betriebes sich behaupten wollen? Demnächst findet wieder der „Indiebookday“ statt und die „fatale Dialektik“ wird wieder augenfällig. Einen Tag lang Indie-Literatur, die „Indie“ ist, weil sie eben nicht groß ist, nicht aus dem Betrieb kommt. Und wer zu einem guten „Indie-Buch“ gegriffen hat, wird am Ende vielleicht in seinen Blog schreiben, das Buch hätte genauso gut bei Hanser verlegt werden können. Das war ja gar nicht schlechter.

    Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass der Betrieb ja eigentlich großartig ist. Selbstverständlich macht zum Beispiel Hanser gute Sachen, selbstverständlich lohnt sich mehr als ein Blick in „Kruso“ oder in den neuen „Houellebecq“. Das hat Aléa auf Ihrem Blog ja gerade erst sehr schön mit den unterschiedlichen Rollen angesprochen. Wer nicht im Betrieb ist, will den doch nicht voreilig verdammen, vielleicht gehöre ich morgen ja dazu. Dann wärs blöd gewesen. Ich weiß nicht, ob jemand tatsächlich einen anderen Betrieb will, wie Du, Bersarin, mutmaßt. Wenige vielleicht. Die meisten dürften eher der Meinung sein, dass sie den Betrieb retten könnten, wenn man sie nur an wenigen Schräubchen drehen ließe.

    Selbst sehr viele Literaturblogs schielen allein auf den Betrieb, zu dem sie ja gar nicht gehören. Aber jetzt beginne ich gleich zeilenweise Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich überlege, dass eben ästhetische „Maßstäbe“ fehlen. Wie um Himmels Willen soll auch ein Text beurteilt werden, der sich nicht verkauft? Gibts noch andere Kennzahlen?

  26. Bersarin schreibt:

    @ Schlinkert
    Was des einen Goethes Bahnhof, ist des anderen Goethes Armut. Sie können es in Wissenschaft, Prosa, Essay, Hexametern oder launigem Kommentar nun drehen wie Sie mögen: Aber Goethe war zur Zeit seines „Werther“ weder arm noch unbekannt. Da hilft auch kein Schrödersches Basta oder die Dezision des Schreib-Willens. Exaktheit in Bildern ist sowohl im freien Essay wie auch in der Wissenschaft und in der Literatur unabdingbar und geboten.

    Natürlich bleibt es Ihnen unbenommen, Goethe frei nach Schnauze zu behandeln. Nur sollte man dabei nicht stolpern und nie auf selbige fallen. Bildlich gesprochen. Aber seien Sie getröstet: mir ist dennoch klar, was Sie zum Ausdruck bringen wollten. Ich besitze die gute Fähigkeit, auch zwischen den Zeilen zu lesen.

    Über das Rebellische von Goethes Texten wird man streiten können. Ich halte den Begriff zwar für ungeeignet, weil wir nicht im James Dean-Film sind – doch sei es drum. In jenem Jahrzehnt, als er den „Werther“ schrieb, war dieser zumindest eine Aufsehen erregende Prosa. Wie bereits zeitlich etwas davor Goethes „Götz“, wodurch er einem größeren Publikum bekannt wurde und die literarische Bühne als Dramatiker und Schriftsteller betrat.

    @ Jim Knopf
    Es gibt nichts anderes als den gegenwärtigen Betrieb. Wohl wahr und ich kann die unterschiedlichen Motive all der Künstler, Essayisten usw. gut verstehen, auf irgend eine Weise an der Produktion zu partizipieren und durch künstlerische Arbeit an Geld zu kommen. Es gibt in der Tat kein Draußen, ansonsten betriebe man das Schreiben eben als jenes Hobby, von dem Aléa Torik schrieb. Ich kann gut verstehen, daß wenige das so möchten. Dennoch. Es weisen die Partialprobleme der Künstler auf ein generelles Problem, nämlich die Weise wie diese Gesellschaft strukturiert ist und wie wir Arbeit organisieren und bezahlen wollen. Wer als Schriftsteller diese Fragen ausklammert, braucht kaum auf das Mitleid oder gar die Solidarität der anderen zu zählen. Bei der Lidl-Verkäuferin an der Kasse soll alles so bleiben wie es ist. Aber beim Schriftsteller soll alles anders sein?

    Ich verstehe zwar gut, was Du meinst und worauf Du hinauswillst und worauf auch Aléa Torik hinauswollte. Aber ein bißchen nur an den Stellschrauben gedreht, damit man selber auch drinnen ist? Das scheint mir zu kurz zu greifen. Ich kann das Klagen und Jammern all der Künstler gut verstehen, doch es rührt mich wenig.

  27. ziggev schreibt:

    Wenn eine Kunst nicht dem Selbstwertgefühl des Intelllektuellen zuarbeitet, wozu die sog. klassische Moderne noch zureichend war, muss das gegen diese Kunst sprechen. Gestehen wir es uns ein, dass im Zuge der Bildungsreformen z.z. des Wirkens Adornos z.B. die Intellektuellen-Karriere noch gesellschaftliche Annerkennung versprach. Die gestalterische Kunst bauchpinselt dem Intellektuellen schon lange nicht mehr den Bauch; in der Literatur bereiten diejenigen, die, wenn den wir dem Feuilleton glauben, viel versprachen, dem intellektuell Neugierigen zumeist eine Enttäuschung. Das Schielen auf den Betrieb, habituell sich angeeignet, als das Feuilleton noch etwas bedeutete, ist heute ein Antagonismus. Heutzutage den Anspruch, beachtet zu werden, einklagen zu wollen, wirkt etwas plump-unbeholfen. Wer heute unter einem anderen Motto als „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“ literarisch antritt, lebt in einer gestrigen Zeit. Die klassische Moderne versprach noch, es ließe sich ein Kanon an Kriterien erstellen, mit denen sich arbeiten ließe; über „den Betrieb“ überhaupt noch zu diskutieren, verrät eine solche Anhänglichkeit an Zeiten der „gesicherten“ Ansprüche. Zeiten vor Studiengebühren usw.

    Seine Freiheit vielleicht darin zu sehen, nicht beachtet zu werden, mit dem Nötigsten versorgt, arm zu sein, keinem Gott oder Tribun verpflichtet, auf diese Idee ist noch niemand gekommen?

    ich hätte auch gern eine Literaturszene von „freien Menschen“ im antiken Sinne einer Sklavenhaltergesellschaft. Ohne mich selber aber besserreden zu wollen, finde ich, müsen wir uns fragen, ob wir wirklich eine aristokratische Elite wollen, die über den Erfolg eines Buches entscheidet, denn genau dies bejaht das Bedürfnis, sich als erwählt betrachten zu dürfen, oder ob wir

  28. ziggev schreibt:

    Appendix: … ob wir uns der Wirren der Blog-Welt überlassen wollen.

  29. @ Lieber Bersarin, ich bin Ihres Trostes nicht bedürftig, denn es bleibt ja Ihre Sache, wenn Sie die kleine von mir vorgenommene Umdeutung um der Sache willen nicht akzeptieren können, die ich übrigens in voller Kenntnis der von Ihnen und anderen erwähnten goetheschen Umstände vornahm, denn ich kenne meinen Goethe und muß mich in Sachen spätes 18. Jahrhundert durchaus nicht verstecken und schon gar nicht belehren lassen; zudem besitze ich überdies noch die mir eigene ganz und gar gegenwärtige, anmaßende und damit grenzüberschreitende (künstlerische) Freiheit, mit diesem meinem Wissen – um den guten Schiller nicht zu vernachlässigen – zu: spielen. Hätte Raddatz den Goethe nicht aus Versehen zum Bahnhofsmenschen gemacht, aus ihm, dem Raddatz, wäre allein dadurch ein Dichter geworden!

  30. ziggev schreibt:

    Es extra falsch zu sagen, bringt Poesie hervor, oder kann dies zustandebringen. Natürlich war es falsch, über Goethe als über einen armen Menschen zu reden, aber wer kümmerte sich wirklich darum? Goethe flüchtet sich immerzu in seine syntaktische Beschönigungen, während er den Avancen von aus seiner Position Unterklassen-Mädchen sich regelmäßig nicht abgeneigt zeigte. Mit dicken Eiern immerzu nur hoch zu Pferde im „Werther“ zu schmachtenden Mädchen & Müttern hinzureiten, um sich dann im Selbstschmerz umzubringen, verlangt mit nicht genug Respekt ab, als dass ich Goethe für uns Heutige noch als relevant betrachtete.

  31. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Im Grunde ist mir der Betrieb relativ egal. Ich bin materiell hinreichend abgesichert – so mein Glück und alles Gute hält –, daß ich nicht unendlich werde in der Arbeiter-Unfall-Versicherung verbringen müssen und meinen Neigungen weiterhin nachgehen kann. Ich fertige Photographien und schreibe dazu. Ob all diese Dinge jemals zu sehen oder zu lesen sein werden, ist mir gleichgültig, denn mir geht es einzig darum, diese Texte zu schreiben, diese Bilder zu machen. Im Zustand des Photographierens bin ich glücklich und zufrieden. Und es setzt das Schreiben frei. Ich habe zudem das unverschämte Glück, daß dabei interessante Texte und Photographien herauskommen.

    Deine Sicht auf einen Verein freier Menschen teile ich. Als schöne Utopie. Uneinlösbar. Sozusagen als Mephisto gesprochen.

  32. Bersarin schreibt:

    Werter Herr Schlinkert, ich wollte Sie keineswegs realiter trösten, weil mir die Seelen der anderen materialiter beim Schreiben und Antworten in Blogs gleichgültig sind. Sie können gerne um Ihrer subjektiven Sache willen behaupten, wie es Ihnen beliebt. Es soll in entlegenen Winkeln der Scheibenwelterde sogar bekennende Ptolemäer geben. Warum nicht? Selbst Kreationisten sind mir untergekommen, und weshalb nicht auch Goethe in den sich bildenden Bildern als armer Poet? Im Lager des real existierenden Sozialismus war er vielleicht sogar ein armer Prolet. Da setzt sich jeder seine Sicht. Und so vereinigen sich die Dichter aller Länder in Anmut, Armut und Würde und assoziierten bis ans Ende ihrer und auch unserer Tage.

    Schiller ist interessant: Er scheint mir spieltheoretisch auf den (Börsen-)Broker mit Sinn für Kunst als Verkauf Vorlauf zu nehmen. Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt. Das ist im Konzept Schillerscher Ästhetik heute die Börse.

    Solange der Raddatz den Goethe nicht zum Besucher der Bahnhofsmission machte, bleibt alles im Lot, im Rahmen und wie es bisher war, ist und gewesen sein wird.

  33. Ich kann als materiell keineswegs abgesicherter Nicht-Goethe nur darauf bestehen, weiterhin meine Arbeit am Mythos zu verrichten, so unvollkommen diese auch sein mag! Zu diesem Behufe verweise ich auf Beckett, der in hohem Alter schrieb: All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.

  34. ziggev schreibt:

    oder (gewissermaßen von Beginn an aus dem Off sprechen):
    „Nachlass zu Lebzeiten“ (R. Musil).

  35. ziggev schreibt:

    danke für den Link – die Musil-Relektüre harrt schon so lange …

    ein paar deutliche Worte übrigens gerade beim che 2001 zum Thema (nur kurz überflogen, aber imho überzeugend).

  36. Ich habe letztes Jahr Musils ‚Mann ohne Eigenschaften‘ zum zweiten Mal gelesen, zwischen den beiden Lektüren lagen zwanzig Jahre, und tatsächlich mußte ich meinen ersten Eindruck nicht revidieren: der Roman ist das längste Essay der Welt und (u.a.) eben deswegen grandios!

  37. Bersarin schreibt:

    @ Schlinkert
    Die Arbeit am Mythos samt dessen Abtragung verrichte ich ebenfalls. Hoffen wir nur, daß weder Ihnen noch mir bei jener Arbeit irgendwann der Stein entgegenrollt, der Sie oder mich niederwalzt, oder daß wir vom Löwen verspeist werden oder Herakles uns erschlägt. Sirenen und Kirke sind nicht ganz so schlimm, da ich mich nur sehr selten locken lasse. Eiskalter Würge-Engel, der ich bin. (Ok, kinky games, sind irgendwie ja auch archaisch und grenzt an den Mythos, wenn wir da Freud hinzusetzen.) Als Freund der Literatur Becketts kenne ich – naturgemäß – dieses Zitat. Aus „Worstward Ho“ stammt es. Ein Text, der wie (fast) alles von Beckett in einem meiner Regale ruht und wartet, bis mein schweifender Blick wieder einmal zuschlägt und sich das Buch greift.

  38. @ Bersarin
    Ja, wie beackern den selben Weinberg, zur Sicherheit gelegentlich unter Berücksichtigung der Aspekte des Tarnens, Täuschens, Zurseitespringens und so weiter!
    Worstward Ho – die Selbstbehauptung des Geistes qua Sprache, die unentwegt behauptet, nur noch Ort und Körper zu sein.

  39. ziggev schreibt:

    nun aber ehrlich: ich will Farbebekennung! Wollt ihr wirklich die absolute Herrschaft der klassischen Moderne, samt und sonders all Eurer Beckett-Fehlinterpretationen? „Warten auf Godot“, z.B., hat ganz reale historische Hintergründe, wusstet Ihr das nicht ??

  40. Bersarin schreibt:

    Die Klassische Moderne brachte einen Schub an ungeheuren Werken hervor, vergleichbar wohl nur der Renaissance. „Warten auf Godot“ mag reale Hintergründe haben, es ehrt das Stück jedoch daß es sie ausklammert und niemand diese wissen muß. Kunst lebt doch genau davon, daß sie nicht im Modus eins-zu-eins fährt, sondern Bilder schafft, die über jedes konkrete Bild hinausgehen. Das ist wie bei Kafka: der Schock, den diese Prosa erzeugt sitzt derart tief in einem, ohne daß es nötig ist, von den Hintergründen und der Vita Kafkas nur ein Fünkchen zu wissen. Gleiches bei den Stücken Shakespeares.

    Daß auch die Spätmoderne oder wie manche sagen, die Postmoderne große Werke uns schenkt, bestreitet keiner.

    Nur noch Ort und (Text-)Körper: deshalb bloggen, schreiben, weiterschreiben.

  41. ziggev schreibt:

    „Die Klassische Moderne brachte einen Schub an ungeheuren Werken hervor, vergleichbar wohl nur der Renaissance.“

    Ja, die Renaissance, mit Montaigne, Machiavelli begann der eigentliche Niedergang der Literatur. Grimmelshausen setzte noch mal eine Note.

    Aber ehrlich, ab etwa bereits der Spätantike, Marc Aurel, den der von mir sonst über alle Maßen geschätzte Tschechov nicht müde werdend rezipierte, fange ich an, mich zu langweilen. Zu erwähnen wäre noch mit Sicherheit Proust, aber das ist einfach Arbeitssoll für uns Spätmoderne.

  42. ziggev schreibt:

    … ach, ich vergaß, Boccaccio,Jonathan Swift, noch mal zwei große Momente, aber danach, ich weiß es nicht und muss mein aktuelles Fieber ausschlafen. Die moderne Literatur bringt nur noch Werke für uns Moderne-geschulte hervor. In Siebenmeilenstiefeln zu sprechen wären hier Proust zu erwähnen, trotz aller Vorbehalte doch noch Th. Mann – aber da ist schon Ende im Karton.

  43. Bersarin schreibt:

    Dies scheint mir eine doch zu einfache Sicht. Daß sich die Bedingungen des Schreibens und die ästhetische Form von der Renaissance ins Jetzt änderten, ist nur folgerichtig. Das 20 Jhd ist das des Romans. Noch bis ins 19. Jhd galt selbiger gegenüber dem Epos, dem Drama und der Dichtung als verpönte Gattung.

    Langeweile ist keine ästhetische Kategorie, mit der man sich der Kunst nähern sollte.

  44. @ziggev
    Sie haben absolut recht, imgrunde hat das ganze Nachkriegswerk Becketts realhistorische Hintergründe, alles tief verwoben in die Absurdität des Krieges und Becketts Arbeit im Widerstand, seine Flucht usw. Ich schrieb dazu schon 2005 etwas, nämlich hier, S.76ff.: https://www.verlag-koenigshausen-neumann.de/advanced_search_result.php?XTCsid=1d0996fe231710c3547ed28dcc1dfb71&keywords=Schlinkert&x=0&y=0 Durch den jetzt erschienenen Beckett-Briefband „Briefe 1941-1956“ wird das Ganze noch klarer und ich frage mich, ob die Beckett-Forscher, die ich kennengelernt habe, das noch weiter ignorieren können. Mein Vortrag zu diesem Thema vor einigen Jahren wurde jedenfalls weitgehend ignoriert. http://nwschlinkert.de/2012/03/25/flucht-bewegung-und-tod-in-der-literatur-einblicke-in-texte-von-samuel-beckett-und-michael-lentz-essay/

  45. ziggev schreibt:

    .zunächst: ich habe unnötig etwas herumholterdipoltert, was natürlich auch mein begrenztes Wissen und meine daraus folgende nur bedingt zureichende Urteilsfähigkeit offenlegte. Zur Güte also:

    bersarin: „der Schock, den diese Prosa erzeugt sitzt derart tief in einem, ohne daß es nötig ist, von den Hintergründen und der Vita Kafkas nur ein Fünkchen zu wissen. Gleiches bei den Stücken Shakespeares.“ – agree, hier stehen wir aber dennoch vor einem Problem, denn wenn, was mir ebenso ergeht, einige Stücke von Kafka und allein schon eine vorsichtige Annäherung an Shakespeare, einem einen derartigen Chock versetzen, und zwar ohne dass dafür irgendwelche Voraussetzungen nötig gewesen wären, wie können wir uns dann anmaßen, Kriterien für eine solche Meisterschaft anzulegen?

    … Vielleicht sollte ich mich gar nicht über Literatur äußern, denn ich bin im Hauptdilettaten-Beruf Rock- und Blues-Musiker (jetzt kommt auch noch westafrikanischer Roots-Reggea hinzu!). Und deshalb habe ich nur wenig Verständnis für Besorgnisse um zuwenig Aufmerksamkeit von (angehenden) Schriftstellern. Wenn du auf der Bühne stehst, die Leute hören zu, sind fasziniert, klatschen, schreien, tanzen, dann tun sie das – oder eben nicht. actio und reactio sind zeitgleich. Nur habe ich das Glück, einen wirklich fähigen Gitarristen zu kennen, bei keinem Auftritt, selbst ohne vorherige Probe, bleibt die Anerkennung, wenigstens von einigen, nicht selten Spezialisten auf dem Gebiet, aus. Das ist gewissermaßen mein Anerkennungs-Brotberuf.

    Und: ich finde ja auch nichts langweiliger, als ein Werk nach seinem inhaltlichen Gesichtspunkten zu beurteilen, nein, nur wenn wir die formalen mit in Augenschein nehmen, imho ein, wenn nicht das Kennzeichen der Moderne, wird für uns Spätmoderne der Blutkreislauf angeregt, alle Glieder werden besser durchblutet, auch das Gehirn, und wir werden intelligenter, es gibt keine bessere Droge, als sich mit (vornehmlich antiker) Literatur zu beschäftigen.

    diese formalen Aspekte sind es, wie im Rock ´n´ Roll, die sofort ins Blut gehen. Ich gehe eigentlich immer zuerst von der handwerklichen Machart, die manchmal zur Meisterschaft gelangt, aus.

    Du, wir bleiben der Bequemlichkeit halber beim „Du“, bersarain, bist eine Art Experte für die Klassische Moderne und liebst naturgemäß Deinen Gegenstand. Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass modernistisch der formale Aspekt etwas zu sehr hervorgekehrt wurde. W. Schlinkert gibt mir sogar recht: Beckett, an dem wir zunächst lediglich Formales zu entdecken glaubten, schreib, um es mal übervereinfacht zu sagen, an einer Biographie. (ein Artikel in der FAZ griff das vor ein paar Jahren mal auf.)

    sich theoretisch hochzujazzen, „Postmoderne“, ist für mich nicht die Wahl. Zurück zu den „Inhalten“ ? – löst bei mir Angst und Schrecken und nächtlichen und täglichen Angstschweis aus.

    Zurück zum Handwerk, zu den großen Rhetorikern, zur Antike ! nicht der x-te Berlin-Roman, sage ich als bescheidener Hamburger.

  46. Bersarin schreibt:

    Sowohl bei Beckett als auch bei Kafka verhält es sich ähnlich: Man kann diese Texte mit dem Hintergrundwissen oder in Verbindung mit historischen Daten und Bezügen lesen: Das Wissen um Prag, um den Vater, um die ödipale Situation, um die Frau (F.B). Gleiches gilt bei Beckett. Aber man muß es nicht. Das Eindringliche von „Der Prozeß“ oder vom „Endspiel“ oder Godot“ stellen sich auch dann ein, wenn man gar nichts von den Umständen weiß, unter denen diese Texte entstanden. Dieses Wissen ist in einem bestimmten Sinne allenfalls ein Surplus. Von Shakespeare wissen wir nichts. Was wollte er mit dem Hamlet: Uns auf eine Staatskrise im Staate Dänemark aufmerksam machen? Doch wohl eher nicht. Das geniale an den Texten dieser drei Autoren (und vieler mehr natürlich) ist jedoch, daß sie diese Bezüge nicht im Modus eins-zu-eins abbilden wie in Borcherts sicher gut gemeintem „Draußen vor der Tür“, sondern es zeigen diese Texte lediglich die Einsprengsel der Wirklichkeit. Beckett macht in seinem „Endspiel“ eben keine simple Parabel zum Atomtod, ebenfalls spart er im „Godot“ die Hintergründe aus. Insofern lassen sich solche Stücke, sofern man sie politisch einsetzen will, auf zahlreiche Situationen beziehen, und deshalb konnte Susan Sontag 1993, mitten im Bosnienkrieg, Becketts „Godot“ passend in Sarajevo inszenieren. Gespenstischer Realismus, der zugleich die Grenzen von Kunst aufzeigt. Zum dem zeigen insbesondere solche Texte wie die oben genannten, daß der Wahrheitsgehalt eines Textes unabdingbar an einen Zeitkern gebunden ist. Schrieb Walter Benjamin. Und er hatte recht. Naturgemäß.

    Wobei es sich bei den Theaterinszenierungen noch einmal anders verhält. Unsägliche oder mißratene Theatertexte wie Brechts Lehrstücke, so die Johanne, so der Arturo Ui (und auch Borchert), können in einer guten Inszenierung ganz andere und neue Gehalte entfalten. Denn im Akt der Inszenierung steckt die Neuinterpretation und es reaktualisiert sich ein Stück. Das spannende am Theater: es können auf diese Weise so verschollene Dramatiker wie Hans Henny Jahnn zu ungeahnter Aktualität gebracht werden.

    Was die Frage der Form oder des Formalen betrifft: Völlig richtig ist es, Beckett nicht einzig darauf zu reduzieren. Keine Form ohne Inhalt und beide Aspekte stehen sich nicht unvermittelt gegenüber: Hie die Form, da der Inhalt.

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    Natürlich bleiben wir beim Du. Ich hatte lediglich den Herrn Schlinkert gesiezt. Aus Gewohnheit heraus. Mir ist es im Grunde egal, ob Du oder Sie. Manchmal hat dieser Sie-Gebrauch in der Blogwelt etwas Gekünsteltes oder Gauklerisches. Soll aber wohl die Distanz anzeigen. Mir ist es gleich, weil ich sowieso fremd bin und immer im Modus der Distanz fahre. Mein Lied: Eiszeit. Meine Frau: Die Schneekönigin mit ihrem Spiegel der Vernunft. Ich schicke sie, wenn ich es will auf den Strich. Mein Königreich: der Polarkreis. Ich bin das kalte Herz, das Euch die Frostschauer bringt. Und ich tötete Frau Holle, weil ich die märchenhaften Bilder vom Schnee hasse. Ich mag die „Eiswüsten der Abstraktion“ (W. Benjamin) und ich möchte Euch allen dabei zuschauen, wie Ihr erfriert und unterm Eis erstarrt: Und dann drapiere ich all die Frauenkörper in meinen Palast aus Eis. Mein Palast.

  47. holio schreibt:

    Mein Schatz.

    „Und als er ‚gollum‘ sagte, machte er ein schreckliches, schlingendes Geräusch (das hatte ihm auch seinen Namen eingebracht; sich selbst nannte er stets ‚mein Schatz‘).“, in der Übersetzung durch Walter Scherf mit einer Illustration von Klaus Ensikat drunter von Gollum als fetter Kröte, vor dem ein kleiner, schmaler Bilbo steht, die durch Andy Serkis grausam entstellt wurde.

    Doch die Verfälschung doch eher durch Ensikat geschehen, denn im Text beobachtet Gollum Bilbo „mit seinen bleichen Teleskopaugen“, kaum krötenhaft das. Er „wispert und zischt“ statt quakt, seine S sind im Schriftbild alle verdreifacht. Doch ist er „einsam und schleimig und hässlich“, was wiederum zu einer Kröte passen würde. Dann wieder nicht, als „er zischte vor sich hin, und doch konnte er nicht antworten [weil er nicht auf des Rätsels Lösung kommt]; er wisperte nur und gurgelte.“ Bilbo vergleicht Gollums unartikulierte Äußerung mit einem überkochenden Kessel.

    Gollum ist unähnlich einer Kröte in einem Boot über den Höhlensee gefahren. Er besitzt dicke, runde, bleiche Augen, lange Finger und lange, große Füße mit Schwimmhäuten, mit denen er das Boot paddelt. Das kommt Andy Serkis schon nahe, obwohl Gollum als abgesehen von den Augen dunkel wie die Finsternis beschrieben wird.

    Was auch gegen eine Kröte spricht, ist, dass Gollum bekleidet ist: „Er dachte an alles, was er in seinen eigenen Taschen hatte: Fischgräten, Orkzähne, nasse Muscheln, ein Stückchen Fledermausflügel, einen scharfen Stein, mit dem er seine Krallen wetzte, und anderes ekliges Zeug.“

    Vorher hatten wir erfahren, dass Gollum sich selbst „mein Schatz“ nennt, aber jetzt, da er seinen Ring vergeblich sucht, den Bilbo in der Hosentasche hat, verhaspelt er sich grammatikalisch: „Verschwunden ist er, mein Schatz, verschwunden, verschwunden! Donner und Blitz [seltsam für ein Wesen in Kavernen hausend!], mein Schatz ist verschwunden!“

    Dein Palast noch da.

  48. ziggev schreibt:

    Dass Susan Sontag eine brillante Inszenierung zustande brachte, spricht nur bedingt für diesen Text. Eben weil er nichts besagt, ist er interpretierbar. Das „Endspiel“, z.B., ist an Trivialität nicht zu überbieten, und Du kannst mir hier wirklich glauben, denn ich ich habe jahrelang Trivialliteratur übersetzt. Als Musiker, aber ist das wirklich eine andere Geschichte?, kann ich diesem Text jedoch nur Impulse abgewinnen: Phasen, Rhythmik, Perioden. Als beckettsches Statement vielleicht: keine Betonungen. Das ist aber auch alles.

  49. ziggev schreibt:

    mit Aristotes´ Poetik gegengelesen, kommt ein Nullsummenspiel bei ´raus. Mathematik also auf die Bühne gebracht, so hätte es wohl gerne der sokratische Unterstützer einer vermeintlich wissenden Herrscherklasse sich gewünscht, besagt aber nichts. Beckett wollte aber nicht dieses ‚Nichtsbesagen‘ seiner Texte. Denn ein solches würde nur die Möglichkeit bieten, „die da unten“ weiter zu unterdrücken. In ihrer Abstraktion, in die falschen Hände geraten, sind diese Texte nichts weiter als Mittel zum Zweck einer Sklavenhaltergesellschaft.

  50. holio schreibt:

    Na gut, wenn das Stichwort nun mal gefallen ist, empfehle ich nun doch Peter Weiss‘ Ästhetik des Widerstands, durch die man sich halt mal durchkämpfen sollte, wie du ja auch wolltest binnen Jahresfrist, Stadtkommandant.

  51. Bersarin schreibt:

    @ Holio
    Mittels Possessivpronomen bleibt der Palast an Ort und Stelle. Die objektlose Innerlichkeit der Phantasien versiegt nie. Das muß freilich nicht immer gut sein.

    Gollum fand ich immer lustig. Und tragisch. Nahe ist mir das Auge Saurons. Erinnert mich an Foucault: Überwachen und Strafen.

    Ich las Weiss bereits. Muß die Lektüre jedoch wiederholen, weil sie zu lange her ist.

    @ziggev
    Mein Reden: Das kommt dabei heraus, wenn man sich mit Trivialtexten übersetzend befaßt: da fällt es manchem ab einem bestimmten Punkt schwer, zwischen Qualität und Minderleistung zu unterscheiden. Was Du zu Beckett schreibst, ist schlichter Blödsinn.

    Allerdings gibt es Theaterstücke, die kann man nur ein einziges Mal schreiben und die lassen sich nicht wiederholen. Lies Becketts Endspiel häufiger und dann wirst Du die Tiefenstrukturen wahrnehmen! Vom Witz bis zum Spielcharakter. Mit Mathematik hat dieses Stück nur zu einem Teil zu schaffen. Viel jedoch mit Rhythmus und mit Bewegung.

  52. ziggev schreibt:

    Das ist der Blödsinn, den mir Beckett eingab. Natürlich war ich mir darüber im Klaren, dass ich mich angreifbar machen würde, als ich kundgab, dass ich Trivialtexte übersetzte. Die Herausforderung bestand dann immer darin, immer noch das Letzte herauszuholen, damit vielleicht intelligente Leute dennoch einen Rest Gefallen daran finden würden. Mein Angriff auf Beckett ist billig, zugegeben, aber der gegen mich vielleicht nicht minder, ich vermute sogar, obwohl ich es ja herausgefordert hatte, ein ad hominem-Argument.

    … und all das nach all den umständlichen, gutgemeinten Einlassungen! Es treffen sich drei Tote im Jenseits, die was miteinander hatten, und reden gelangweilt endlos miteinander darüber, gibt es etwas trivialeres? Die Rhythmik, die Perioden, all das ist das einzige, was bleibt. Alles keine Neuigkeiten, wenn Du mal ein Musikinstrument in der Hand gehalten hast.

    Für den Rest an „Blödsinn“ : Du stellst Dich einfach nicht der Frage, wer eigentlich über die Macht der Interpretation verfügt. Sollte diese angemaßte Autorität sich tatsächlich aus einer zutreffenden Lektüre der klassischen Moderne ableiten, dann, wenn nur dieser eingestandenermaßen bewundernswürdige Textkorpus als Maßstab gilt, drehst Du Dich im Zirkel. Das wäre mein QED.

  53. Bersarin schreibt:

    Ich bin es einfach Leid, Diskussionen über Literatur auf diesem Niveau zu führen. Es geht nicht um Interpretationsmacht, sondern um Texte. Über die Macht des Textes verfügt einzig der Text selber und die, die ihn zu lesen verstehen. Wer vom Lesen keine Ahnung hat, sollte einfach den Rand halten. Stichwort Kopf, Buch, Aufeinandertreffen: Da ist immer wieder Lichtenberg zu zitieren, ich mache das hier im Blog seit sechs Jahren zum gefühlten 1000 Mal: „Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“

    Wußtes Du übrigens, daß Miles Davis‘ Musik bloß dümmlicher amusischer Krach jenseits jeder Kunst und unsinniges Geklimpere und Getröte ist, das jedes Kind mit einer Kindertrompete genausogut hinbekommt?

  54. ziggev schreibt:

    wenn ein Trivialtextübersetzer an Beckett nur Trivialität erkennt, dann sollte das Dir vielleicht doch zu denken geben. Ansonsten hast Dur nur wieder bestätigst, was ich vermutete: den eifersüchtigen Ehrgeiz, die Literaturgeschichte, sagen wir, der letzten 100 Jahre interpretatorisch beherrschen zu wollen. Du bist einfach unfähig, auf die eingestandenerweise bescheidensten Ansätze des armen ziggev einzugehen. Nur on top, nur oben drauf, nur Herrschaftsbedürfnis. Keine philosophische Haltung, nichts, wie ich ja schon vermutete, aus dem wir lernen könnten.

    nebenbei erzählst Du mir über Miles Davis nichts neues, die Jazz-Musiker, die ich kenne, winken bei Erwähnung dieses Namens einfach nur ab: Gähn, das soll Jazz sein?

    Wenn wir schon dabei sind: Eine brillante Polemik im Stile des Nörglers wirst Du in diesem Leben nicht mehr hinbekommen. Beim Nörgler habe ich mich, wenn er mich fertigmachte, nie beleidigt gefühlt, denn er unterschritt nie sein Niveau. Das ist aber nun bei Dir der Fall. Oder nicht?

    Auf den geringsten Zweifel reagierst Du mit inkompetenter Polemik, auf genau diese Symptomatik reagiere ich in Voraus. Es ist einfach nur zu krass: Genau das, was ich Dir unterstellte, bestätigst Du noch dreimal. Ich habe vielleicht Beckett beleidigt, Du merkst nicht einmal, wenn W. Schlinkert ihn vom klassisch-modern-eingebildeten Sockel stößt und bist nicht bereit, eine Sekunde Dein Idol zu hinterfragen, stattdessen beleidigst Du mich. Albern, lächerlich. An Substanz haben Deine Einlassungen pro Beckett nicht das Geringste hergegeben. Glaubst Du wirklich, mich deshalb, wegen eines ?, beleidigen zu dürfen? – Um genau diesen Dünkel ging es mir.

  55. ziggev schreibt:

    Es geht hier also nur um den Herrschaftsanspruch. Etwas dürftig, aber viel mehr bleibt nicht, sorry.

  56. Bersarin schreibt:

    Auf genau diesem Niveau argumentierst Du:

    „Wußtes Du übrigens, daß Miles Davis’ Musik bloß dümmlicher amusischer Krach jenseits jeder Kunst und unsinniges Geklimpere und Getröte ist, das jedes Kind mit einer Kindertrompete genausogut hinbekommt?“

    Und Du bemerkst es nicht einmal.

    Du kannst kein einziges Argument dafür anbringen, daß Becketts Text trivial sei, redest lediglich von Deiner eigenen Befindlichkeit her, ergehst Dich in Behauptungen, die Du am Text nicht festmachen kannst und wunderst Dich dann wie der Ochse vorm Berg, daß man diese Deine Befindlichkeit beim Wort nimmt und ad hominem schreibt.

    Ich will Dich nicht beleidigen ziggev, sondern Deine Flachdenke langweilt mich ganz einfach. In meinen Augen ist diese Art des Denkens nicht einmal eine Polemik wert, denn diese setzt zumindest annähernd die Augenhöhe zum Gegenstand voraus, damit sie sich lohnt. Du hast, wie Du selber schriebst, keine Ahnung von Literatur. Das ist Dein gutes Recht. Aber wovon einer keine Ahnung hat, darüber möge er dann schweigen.

    Ich bin zudem nicht Dein Hauslehrer, sondern Du hast Dir gefälligst selber die Mühe des Denkens und Lesens zu machen.

    Ich führe solche dämlichen Diskussionen seit bald 35 Jahren. Angefangen damit, daß Photographie keine Kunst sei und daß abstrakte Malerei von Newman, Rothko oder Pollock jeder könne und immer einmal wieder, daß Kleist, Kafka, Beckett (weitere Autoren sind beliebig einzusetzen) nicht zu schreiben vermögen. Was meist die heraushauen, die selber kaum zu einem einzigen sinnvollen Satz und zu logisch Zusammenhängendem fähig sind.

  57. holio schreibt:

    Du hast mich warten lassen, sagte Mercier.
    Im Gegenteil, sagte Camier, du warst es, der mich hat warten lassen.
    (Ü: Elmar Tophoven)

  58. Bersarin schreibt:

    Großartiger Hinweis. Und solche Sätze sind alles andere als trivial. Wo es manchem im Zen und bei anderen ostasiatischen Praktiken, wenn ein Guru seinen Anhängern das Geld aus der Tasche zieht, gar nicht reduziert genug zugehen kann, um das Wesentliche in die Darstellung zu bringen, wird bei Beckett von Trivialität gesalmst. Bei Beckett hat man Asien für bereits Zehneuroachtzig. Einmal davon abgesehen, daß Becketts Stücke vor allem im Rahmen der europäischen Theatertradition zu betrachten sind. Aber wem der Blick für die ästhetische Form fehlt, der klammert sich halt an den unmittelbaren Inhalt und dessen vermeintliche Evidenz. (Bei Mercier und Camier handelt es sich allerdings um einen Roman, der freilich ins Theater ausgreift.)

  59. holio schreibt:

    Sagen Sie, haben Sie vielleicht Zugriff auf das Original? Weil ich hab ein Problem, folgende Stelle bei Tophoven zu verstehn:

    Wenn man in Frankfurt aus dem Zug steigt, was sieht man da, in riesiger Fraktur? Ein einziges Wort: HIER. (auf seite 72 im suhrkamp taschenbuch 943)

    Frankfurt und Fraktur weisen auf die Allgemeine hin, aber was meint das Wort hier? Wäre es französisch, meinte es gestern, passend zur Fraktur. Das deutsche hier, wäre es ici? Inwiefern taucht das im Titel der Frankfurter Allgemeinen oder am Bahnhof auf? Verstehe nur… Auf Englisch wäre hier here, auch nicht auszumachen.

    Maintenant jetzt könnte ich noch verstehn, wegen Main-. Hier und jetzt gleichsetzen hieße das eine durch das andere ersetzen spielend. Aber gewagt und leichthin brüchig, solcherlei Schlusskette.

    Und so stehen wir betroffen, Artisten unter der Zirkuskuppel ratlos.

  60. Bersarin schreibt:

    Interessante Frage zum HIER. Könnte man jetzt und hier philosophisch umschiffen, aufgreifen und ein Spiel der Dekonstruktion daraus machen. Leider liegt mir die Originalausgabe nicht vor. Ich habe bei mir die Beckett-Gesamtausgabe Taschenbuch, blaues Leinen, erschienen 1976.

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