Orpheus in der Unterwelt (1)

Gut, das klingt jetzt so pathetisch, als Überschrift gebastelt, aber im postdramatischen Zeitalter der Schwadroneure nicht unangebracht. Was mich daran erinnert, auf das interessante Buch von Karl Heinz Bohrer zu verweisen: „Das Tragische. Erscheinung, Pathos, Klage“. Urworte, orphisch, „Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch“ „Meint ihr, die Sterne samten ab vor Glück …?“ Der Weg geht hinab, hinab zieht’s den Blick und den Mann mit der Kamera. „Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt//Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.“

 

 

 

 

 

 

8 Gedanken zu „Orpheus in der Unterwelt (1)

  1. Da muss ich, ich kann nicht anders, die Quellen anbringen,
    Die vom Bäume bezwingende und Tote rührende Liede singen,
    Das Orpheus einst aus dem Munde erschallen ließ
    Und zu dem er die Finger in die Saiten stieß.

    Ja, es staunte selbst die Behausung des Todes und die innerste Tiefe des Tartarus, die Eumeniden, deren Haar mit bläulichen Schlangen durchflochten ist, und Cerberus selbst schwieg mit dem dreifach klaffenden Rachen still, und still stand selbst Ixions Rad im Winde. (Georgica IV, 480, übersetzt von Otto Schönberger)

    Während er so sang, zu den Worten rührte die Saiten,
    Weinten die bleichen Seelen, die Welle, die flüchtige, haschte
    Tantalus nicht, da stand Ixions Rad, nach der Leber
    Hackten die Geier nicht mehr, die Beliden setzten die Krüge
    Nieder, und, Sisyphus, du, du saßest auf deinem Felsen.
    (Metamorphosen X, 40, übersetzt von Erich Rösch)

    Harmonia caelesti hat der Aquinat es genannt,
    Pope Gregor hat es aus der Welt verbannt,
    Joseph Ratzinger wollte Klang mit Sinn versöhnen,
    Franziskus der Erste Liedgut nicht verpönen.

    Martin Luther hat die Noten verbrannt,
    Jean Cauvin hat keine Freude gekannt,
    Nur dem Gewissen folgten sie beflissen
    Und haben das Abendland entzweigerissen.

    So sorry. Der Pegasus geht mit mir durch. Seine Flügel nähern sich der Sonne, das Wachs schmilzt und ich falle.

  2. Ein Dönchen noch: Gen den Höhepunkt der Dotcomblase wollten wir fusionieren. Jede Firma 50 Mitarbeitende, also gleich auf der Waage => war neuer Name fällig. Auf der Get-Together-Party wurde er enthüllt, verkündet: Euphorion. … – … – War da nicht was? Am selben Abend noch, heimgekehrt, setzte ich mich ans elektronische Schreib- und Lesegerät und sandte eine Warnung an den Gründer: „Er ist abgestürzt. Guckst Du Faust II, dritter Akt, schattiger Hain.“ Nicht des Kaisers nackte Kleider, sondern Phorkyas verspricht: „Und kann ich die Talente nicht verleihen, verborg‘ ich wenigstens das Kleid.“ (9960-1) Vielleicht haben andere auch Einwände eingewendet, jedenfalls wurde ein anderer Name erkoren, ein deutlich prosaischerer. Nichts mehr mit den ollen Griechen, die der Σρ ja so gar nicht mag, sondern amerikanisch-pragmatisch.

  3. Durchsichtig im Grunde, was das Griechische in den Namen von solchen Dotcomfirmen soll. Tarnanstrich Farbe Bildung vermutlich. Ähnlich wie die unsägliche Zen-Camouflage, die zur Leistungsoptimierung eingesetzt wird. Schlimm sind nicht diese Dinge als solche genommen, sondern deren Instrumentalisierung. Aber gut: Schein und Design lautet das Motto, und es will die Welt betrogen werden. Die heutigen Tragödien spielen sich insofern anders ab. Also doch: Postdramatisches Zeitalter?

  4. Die „Unterwelt“ als Spaßarena – Raumnahme, Zeitvertreib und Spiel in einem.
    Die Fotos sind in der sukzessiven Reihung geradezu filmisch wahrzunehmen, mit viel Unschärfe, schrägen Linien und absichtsvollen Wacklern, der Dynamik zuliebe. Doch alles steht still, selbst die Rolltreppen. Unterschiedslos hält die Kamera fest, was ihr an Vorgängen vor die Linse gerät. Vielleicht liegt das Pathos der Fotografie in dieser immer wieder gewollten und vollzogenen Unterbrechung.

    Gruß, Uwe

  5. Im Grunde möchte ich Kälte und Tiefsee in den Blick bringen. Ich mag das kalte Neonlicht im Untergrund, was uns allen im ersten Blick zumindest, wenn wir uns durch diese Gänge bewegen, warm, weil leicht orange- oder gelbfarben erscheint, was aber bei längerer Sicht als Trug sich erweist. Insofern habe ich diese Photographien von der Farbtemperatur angepaßt. Photographischer Impressionismus. Na ja, so als Metapher gebraucht.

  6. Die angeschnittenen Personen auf einigen Fotos sind durchaus „impressionistisch“ zu nennen. Man denke an die Gemälde von öffentlichen Plätzen eines Edgar Degas, die wiederum den „zufälligen“, spontanen Blickwinkel der Kamera simulieren und damit anti-klassische Kompositionsprinzipien in die Malerei einführen.

  7. Stimmt. Es deckt sich diese Sicht der Impressionisten in ihren Bildern teils mit dem Photographischen. Der Piktoralismus versuchte ehemals eine solche Kunstwerdung der Photographie herbeizuführen, indem er von den Stilmitteln der Malerei borgte. Wobei das in diesem Zusammenhang wenig mit meinen Photographien zu schaffen hat, weil ich eigentlich in einer ganz anderen Weise arbeite. Fast könnte man sagen, daß sich mittels der Filterwut bei der digitalen Photographie so etwas wie ein Neo-Piktoralismus wieder herausbildet. Viel zu schöne und zu gelungene Bilder, bei denen jede Schärfe, jede Unschärfe durch den Einsatz von Filtern modelliert wird.

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