Abspann Halfon. Text und Vita: Borderline-Gänge zwischen Philosophie und Literatur

Ein Text, der in die (Auto)Biografie ausgreift oder eine (Auto)Biografie, die sich in die Literatur transformiert? Es verwischen die Linien. Solche Unschärfe-Relationen scheinen mir für die Betrachtung von Literatur interessant: an dem Ort das Denken einsetzen zu lassen, wo die überkommenen, hergebrachten Formen der Literatur sich auflösen und wo sich die Grenzen von Literatur erweitern – die Romanform vorantreibend. Ein Roman als Doku-Fiktion? Sozusagen der umgekehrte Weg einer als authentisch aufgeschriebenen Geschichte, wie zum Beispiel die Holocaust-Biographie von Binjamin Wilkomirski „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“, pur, hart und aus dem Leben gegriffen, die sich dann 1998 als frei erfunden erwies. Mag Literatur noch so sehr dem Spiel verhaftet sein und mögen die Erzählungen und Romane mehr als einen doppelten Boden besitzen, gar einen drei- oder vierfachen oder aber in sich selber verschlungen, wie das Möbiusband verschachtelt, gar als mise en abyme arbeiten, so bleibt eine Linie, die nicht überschritten werden kann.

Wo Roman draufsteht, da muß nichts stimmen. Wo einer im Modus der Autobiographie spricht, „Ich beschreibe hier mein Leben“, da müssen die Fakten korrekt sein. So lautet der Imperativ, der die Referenzrahmen setzt. Zu recht. Denn Vita, Geschichtswissenschaft oder oral history bedeuten nicht, Dinge zu erfinden, wenngleich die Autobiographie immer von einem gesetzten Fiktiven und Fiktionalen lebt. (Der Historiker darf jedoch in keine Richtung hin auf die Aussagen hereinfallen oder ihnen ungeprüft Glauben schenken, sondern er muß die Quellen zu deuten und zu befragen wissen.) Denn unverstellt, authentisch oder unmittelbar ist nichts zugänglich, weil jeder Sachverhalt oder das, was wir als Tatsache ansetzen, bereits vermittelt ist: durch eine Instanz, eine Ordnung ein System, eine Technik gefiltert und bearbeitet. Erinnerungssysteme sind Sprachsysteme. Erzählen heißt insofern immer: in einer bestimmten Sprache, die einer bestimmten Grammatik und bestimmten Regeln unterliegt, aufzuschreiben oder zu erzählen. Fingieren. In jenem Modus des Als-ob ein Gebilde in Sprache erschaffen. Ob jener von Halfon erzählte polnische Boxer real existierte, ob er nur im Rahmen dieser Geschichte auftrat oder ob er darin konstruiert wurde? Es bleibt diese Person in jedem Falle eine Geschichte konstituierende Leerstelle, in gewisser Weise ein Hitchcockscher McGuffin, verwandt aber ebenso dem Poeschen Brief.

Eine Erzählung beziehungsweise das Epos setzen ein Maß an Phantasie und zugleich ein Überborden derselben voraus, das sich nicht mit dem decken muß, was sich Lebenswirklichkeit nennt. Wer Kafkas Prosa lediglich darauf hin liest, nein „lesen“ möchte ich diesen Vorgang nicht nennen, sondern positivistisches Abklopfen oder Abgleichen trifft es genauer: wer also Kafkas Geschichten darauf abklopft, ob man wohl in „Urteil“ und „Verwandlung“ die Vaterproblematik wiederfinden würde, der begibt sich nicht in Kafkas Text, sondern treibt sich bestenfalls im Biographischen herum, verdoppelt den Text, hin zu den Fakten und zu dem, was sowieso schon der Fall ist. Kafkas Vaterproblem, sofern er denn eines hatte, wirft kein zusätzliches Licht auf den Text, sondern er verdeckt vielmehr diesen Text, seinen Gehalt und die Vielfalt seiner Bezüge. Das Vaterproblem  macht den Text weder interessanter noch erweitert es diesen um einen Deut. Allenfalls für den amusischen Voyeur mag’s von Bedeutung sein, was Kafka privat umtrieb. (Was übrigens nicht gegen die hervorragende dreibändige Kafka-Biographie von Reiner Stach spricht, die ich jedem Leser ans Herz lege. Hier wird ein ganz eigener Film gefahren und ein weiterer Subtext aufgespannt. Fast bin ich geneigt, Kafkas Leben als ein Stück Literatur zu betrachten.) Interessanter freilich wird es, wenn aus diesem Spiel zwischen Leben und Werk, da wo ästhetisch die Grenzen durchlässig werden, wiederum ein Text gebaut wird, wie wir es bei Alban Nikolai Herbst oder bei Aléa Torik finden. Bei beiden über die Verquickung Blog samt geschildertem Leben oder Lebensepisoden (von denen wir freilich nicht wissen, ob erfunden oder wahr) sowie den Romantexte. Bei Herbst sind diese Transformationsprozesse noch einmal anders gelagert als bei Aléa Torik, die es auf einen bestimmten Punkt hin forcierte und die Frage nach Autoren(identität), Erzählerin und Romanfigur in bisher zwei Büchern in eine Konstellation gebracht hat, die im Grunde noch offen ist. (Die Konstruktion und die Erzählweise dieses Buches habe ich in meinen Besprechungsessays dargestellt.)

Von Halfon freilich wissen die meisten seiner Leserinnen und Leser hier in Europa sogut wie nichts. Und das ist für die Lektüre von „Der polnische Boxer“ nicht für einen Deut und nicht um einen Zug notwendig. Je weniger das Leben noch lebt, so möchte ich fast schreiben, desto mehr gieren die Subjekte, welche schon lange keine mehr sind, nach dem wahren Leben, das sie in die Literatur gepreßt finden wollen und dem sie im univoken Modus nachjagen und es in den Äußerlichkeiten suchen. Literatur zu lesen als sei es ein Tagebuch. Autoren zum Anfassen. Protestantischer Bekenntniszwang. (Mir sind die Lügen des Katholizismus und das Literatur-Leben-als-Experiment des Sascha Anderson sehr viel näher als dieses positivistische Begrapschen von Büchern. Wobei Anderson einen Grenzfall darstellt: Wenn einer es erzählt, was es an Betrug, Schein und Hinterhalt gab, eine Existenz, die halb an das Verfließen der Grenzen glaubte, halb sich Vorteile erschlich, so scheint es einen besonderen, interessanten und zugleich perfiden Alltag des Prenzlauer Bergs widerzuspiegeln. Wem Sascha Anderson widerfuhr, der sieht es als Bespitzelter ganz und gar anders.)

Allerdings: es gibt Texte, da ereignet sich eine perfekte Kombination verschiedener Elemente, die sich durchdringen: Texte des Lebens, Texte der Theorie und der Prosa, als Kolumnen gebunden, in der Weise etwa, wie Derrida in „Glas“ Genet und Hegel engführt. Eines der interessantesten Prosa-Philosophie-Experimente. Staubtrocken, würden die womöglich rufen, die der Sinnlichkeit zugetan sind. Das allerdings ist ein Irrtum. (Wie schon bei Hegels „Phänomenologie“, die im Grunde ebenfalls ein Stück weit Prosa ist.)

Denn Texte sind nur in einem ausgesprochen vermittelten Sinne sinnlich. Sinnlichkeitssurrogate allenfalls. Zumindest handelt es sich bei Derrida et al. nicht um leerlaufende Subjektivität, die ihre Erregung in Äußerlichkeiten sucht, sondern es werden in diesem Texten Aspekte auf eine kreative Weise verknüpft und zusammengelesen, die im Grunde strikt getrennt genommen werden. Die Vita und die Philosophie Hegels wie auch die Vita und der Text Jean Genets verdichten sich zum philosophisch-literarischen Text. So wie Derrida dies bereits in seiner „Postkarte. 1. Sendung“ im Hinblick auf Heidegger und Lacan schrieb, um an diese Namen, als Bewegung und Struktur eines Textes, die Frage nach der Tele-Kommunikation anzuknüpfen. Ein Kartenverkehr als Geschick und als Gespensterpost(en). Grenzgang zwischen Literatur und Philosophie. (Was nicht bedeutet, daß die Grenzen nun einzuziehen oder überflüssig seien, wie man es dem Denken Derridas gerne unterstellt.)

Dem professionellen Leser ist es bei der Geschichte des Großvaters im Text Halfons egal, ob gut erfunden oder als wahre Begebenheit des Lebens erzählt. Es ist gleich, ob es wahr ist oder nicht, wenn es nur gut geschrieben ist, wenn die literarische Form und die ästhetische Konstruktion paßgenau gearbeitet wurden. Uns interessieren die Grenzgänge, da wo die Form sich erweitert, wo ein Text über sich selber hinausgeht und das in der Konstruktion derart furios vermag, wie in Aléa Toriks letztem Roman „Aléas Ich“. A-lethisch, athletisch. Zerstreichung des unverbrüchlichen Subjekts, Transgression der Zonen und der Randgebiete in einem philosophischen Sinne, der Literatur, Kunst, Ästhetik verquickt und in eine neue Form schreibt und nicht als Gequassel empfindsam sich geriert und von individueller Lesart schwätzt, wo lange schon kein Individuum und kein Subjekt mehr ist.

Dieses Überbordende, Wilde versucht auch Halfon. Die Vergleiche Halfons freilich mit Roberto Bolaño, wie sie zuweilen in der Rezeption angestellt werden, führen nicht wirklich weiter. Und was nützen sie auch?

„Die Literatur zerreißt die Wirklichkeit“ – so hieß eine Konferenz, zu der Eduardo geladen wurde. Aber wir lesen diesen Satz ebenfalls in der Gegenrichtung. Wie nämlich eine solche Geschichte wie die vom polnischen Großvater, der nun in Guatemala lebt, zu erzählen sei. Wörter und Begriff, Sprache retten und bewahren eine Wirklichkeit, die ins Vergessen zu sinken droht, und es ist ein Leben dann am Ende als wäre es niemals gewesen, und wenn der letzte Mensch, der sich noch an diesen einen, der all das erlebte, verstorben ist, und keine Erinnerung und kein Archiv dieses Leben bewahrte, dann ist es vorbei und verloschen. Die folgende Geschichte eben mittels einer bestimmten Erzählweise darzustellen und in ein Bild, in einen Zusammenhang zu setzen: „Es war mir also gelungen, die Wirklichkeit in die Literatur zu verwandeln. Es war mir gelungen, mithilfe der Literatur in eine bestimmte Wirklichkeit einzudringen.“ Laut Eduardo. Der Großvater, so bricht es im Text heraus, erzählt dann in einem Interview mit seinem Enkel, er habe Auschwitz überlebt, weil er ein so geschickter Schreiner gewesen sei. Mehr nicht. Aber auch das ist eine Erzählung, und wir erinnern uns bei dieser Passage an Mark Twain und die Kunst des Schwindelns. „Die Literatur ist ein guter Trick“ konstatiert Eduardo.

Allerdings bleibt bei Halfon dieses Spiel zwischen Fiktion und Realität, diese Frage, was nun der Biographie geschuldet (und damit real) und was rein ausgedacht sei, auf der Ebene der literarischen Konstruktion stellenweise zumindest äußerlich. Zudem plaudert und plätschert der Roman teils in einem leider oft zu leichtfüßigen Sound vor sich hin. Das lapidare „oder so“, das manchen Sätzen angefügt ist, mag die Relativität und Perspektivität der Prozesse andeuten, taugt aber als Stilmittel nicht wirklich, weil zu leichtgewichtig. Auch was die formale Seite betrifft, läuft nicht alles rund: In der Art, wie Halfon die Figuren anlegt und in bezug auf die Konstruktion der Geschichte ist es im Grunde egal, ob all das nun wahr oder erfunden ist. Einzig der Umstand, daß der Protagonist eben Eduardo heißt, weist auf dieses Autorenspiel. Ansonsten hätte es genausogut eine stellenweise durchaus spannend kombinierte Erzählung in zehn Runden sein können, die einen mehr oder weniger erfundenen Plot erzählt, gespickt mit (postmoderner) Literaturtheorie, und die die Frage nach dem, was wirklich ist und was wirkt, stellt. Die Geschichte eines Großvaters, den die Deutschen nach Auschwitz verfrachteten und der das Lager, so erzählt der Großvater, mit Hilfe jenes Boxers überlebte. Was einst wirklich und damit ein Leben berührte und was Lüge sein mag, ist in diesem Buch in Bezug auf eine reale Vita im Grunde unerheblich. (Aber andererseits will diese Geschichte als crux genau darauf hinaus: Il n’y a rien en dehors du texte. Horla eben als Leerstelle.)

Die Story ist durchaus spannend und tricky erzählt, flott geschrieben, sofern überhaupt solche Adverbien etwas über die Qualität eines Buches auszusagen vermögen, doch der doppelte Boden bleibt bloß ein doppelter und ein aparter Zaubertrick. Trotzdem: der polnische Boxer liefert im Text-Spiel einen ziemlich fiesen McGuffin, bei dem wir nicht wissen, ob es uns angesichts dessen schaudern muß oder aber, ob es sich um eine List handelt, die das Schreckliche zu überspielen trachtet, weil es ansonsten nicht auszuhalten und in keine Begriffe zu bannen ist. Wie vom Lager sprechen?

„Genau so ist die Literatur: Beim Schreiben wissen wir, dass es in Bezug auf die Wirklichkeit etwas sehr Wichtiges zu sagen gibt, und wir wissen auch, dass dieses Etwas durchaus erreichbar ist, es befindet sich ganz in unserer Nähe, auf der Zungenspitze, und wir dürfen es nicht vergessen. Aber wir vergessen es trotzdem jedes Mal, zweifellos.“

Aktives und passives Vergessen in einem Zuge, um darin eine Sprache zu finden, die die Sache trifft. Genau trifft und anordnet für einen Augenblick in der Zeit .

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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38 Antworten zu Abspann Halfon. Text und Vita: Borderline-Gänge zwischen Philosophie und Literatur

  1. hf99 schreibt:

    Du kennst meinen einzigen Einwand gegen Gonzo: Wenn einerseits das Oszillierende zwischen fact und fiction beschworen, aber andererseits die Dinglichkeit harter Fakten in Anspruch genommen wird – übrigens gerade auch fürs Marketing in Anspruch genommen wird. („Ich bin wirklich Auschwitz-Überlebender“ – war sie/er aber gar nicht! Wilkomirski/de Fonseca undsoweiter…) Doessecker hätte seinen Text selbstverständlich veröffentluichen ‚dürfen‘ – wer will es ihm verbieten -, nur eines durfte er nicht: Authentizität für sich in Anspruch nehmen.

    Ich schreibe ja gerade an meinem Roman 1988-91. Einige wenige äußere Rahmen „stimmen“, was immer das besagen mag: ja, ich war damals wirklich, zusammen mit meinem 5 Minuten jüngeren, 2 Zentimeter größeren „Brüderchen“ und einigen Freundinnen und Freunden, Fluchthelfer (übrigens nicht-kommerziell, worauf ich Wert lege). Und da ich weiß, dass der eine oder die andere hier mit liest: Ansonsten „lüge“ ich, dass Gottundnietzsche erbarm! Insbesondere ist „sie“ natürlich nicht „sie“. Ich bin ja nicht einmal ich! (Moralisch verkommen, wie ich bin, mache ich mich natürlich viel besser, klüger, reifer, als ich damals wirklich war. Es handelt sich um ein Tagebuchroman mit analytischem Rahmen. Die Tagebücher eines Langzeitvermissten, inzwischen für tot erklärten werden herausgegeben. Da ich nicht langzeitvermisst noch gar tot bin, scheine ich der Verfasser dieser Tagebücher nicht zu sein…oder? Von meinen „Original“ – aber was ist original? – Tagebüchern sind derzeit ca 30 Zeilen halbwegs 1 zu 1 in den Roman gewandert..,.lauter reflexive Zeilen ohne persönlichen Bezug, zT habe ich sie in meinem Blog schon zitiert.)

    Also: In der Kunst ist alles erlaubt. Aber dann muss sie sich auch als Kunst ausweisen. Erinnerst Du Dich noch an Thor Kunkels „Endstufe“? Ich habe Thor Kunkel immer verteidigt…als Künstler! Sooo dolle fand ich den Roman jetzt nicht…aber gut. Sobald er jedoch, ua mit Hilfe dieses idiotischen Mythos von den nicht-existenten „Sachsenwaldfilmen“, Authentizität für sich in Anspruch nahm, wurde es mehr als fragwürdig.

  2. Pingback: Verkaufsanzeige | Kritik und Kunst

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Ja, es geht um den Anspruch Authentizität. Ob es die gibt oder nicht sei einmal dahin gestellt. Sie wird aber behauptet, um in die Talkshows zu kommen und da wird es dann ärgerlich. Wir kennen ja noch die unverfälschte Stimme der Jugend namens Hegemann. Man kann schimpfen oder nicht, das Kalkül (als solches eindeutig erkennbar) ist jedenfalls aufgegangen: Frau Hegemann schreibt in der Zeit, während wir uns in den Blogs tummeln und von den „Qualitätsjournalisten“ (die im Fall Hegemann ja copypastejournalisten sind) ZEITweise immer noch als Dilettanten denunziert werden.

  4. Bersarin schreibt:

    Werte Kommentatoren, ich antworte,da ich von einer Reise zurückkehrte, später.

  5. hf99 schreibt:

    no need to answerf, ich habe hier lediglich eine Werbeanzeige hinterlassen, also geschpämt. Dauert aber noch bis Herbst. herzliche Grüße

  6. Bersarin schreibt:

    Knapp fällt die Antwort aus, weil wir uns in dieser Position, was Literatur und was eine Dokumentation sei und was in letzterer geht und was nicht, vermutlich einig sind. Literatur kann und darf alles: in der Wahrheit lügen, in der Lüge und in der Fiktion die Wahrheit schreiben. Groß in Mode ist im Moment dieser Modus des eins-zu-eins: der neue Realismus der Literatur. Ohne Trick und doppelten Boden – leider. Aufs Authentische pochend. Da wird, wie beim Debüt eines US-amerikanischen Jungautors, jedes Tüpfelchen eines belanglosen Alltags in eindimensionaler Sprache aufs Papier geklatscht, lauter Banalitäten werden produziert, eins-zu-eins-Realismus, und das ist dann ein Stück Literatur. Ich hörte Teile dieses Textes in einer Radio-Lesung, ich habe selten etwas Schrecklicheres und Unliterarischeres vernommen. Vom Feuilleton wurde das teils in Entzückungstönen hochgejazzt. Zum Glück habe den Namen des Autors vergessen.

    Ob wahr oder erfunden, bleibt in der Literatur zweitrangig. Grundsätzlich muß und brauche ich von einem Autor biographisch und was der Positivismen mehr sind – Thomas Pynchon ist da ein gutes Beispiel – nichts zu wissen als daß es eine Instanz gibt, die da schreibt und die das Manuskript irgendwo publizierte. Mit allen Spielen, Tricks und Kniffen, sofern diese erforderlich sind. Was das Avancierte der Literatur anbelangt, so kann man sicherlich mit dieser Instanz des Lesers und des Autors auf eine spannende Weise spielen. Gleichsam einen Hyperrealismus bzw. dessen Transgression erzeugen. Eine Literatur als Dokument und als Fiktion. Aber egal, wie ich es trickreich drehe, im „Huckleberry Finn“, im „Don Quichote“ oder wie in Texten von Borges, es bleibt Literatur und damit in einem Modus des Fiktionalen.

    Sicherlich kann ich dieses Spiel zwischen Fiktion und Realität einen Zacken schärfer noch setzen, indem ich eine Sascha Anderson-Variante spiele, schreibe und diesen Herren in eine Textwelt transformiere, die diese Zeit im Prenzlauer Berg zu einem Stück der Literatur macht. Changierend, zwischen den Linien und über diese hinaus gleitend und ausgreifend. Es offenlassen: als Dokument, als poetisierendes Ausgreifen: ist das nun alles wahr oder restlos erfunden? Wieder eines dieser schönen Projekte, für die ich Zeit benötigte, mindestens vier Jahre, um zu recherchieren, zu schreiben und zu konstruieren. Wer Lust hat, mir vier erwerbsarbeitsfreie Jahre zu alimentieren, der möge sich bei mir melden. Ansonsten müßte ich das neben meinem Beruf machen und das würde mich dann diesen Blog kosten.

    Für Deine Arbeit an diesem Text wünsche ich Dir natürlich viel Erfolg. Es wird harte Arbeit werden. Aber das ist gute Literatur immer.

  7. ziggev schreibt:

    hf99 wünsche ich natürlich gutes Gelingen! Über Wort wie „hochgezzast“ ärgere ich mich trotzdem…

  8. Bersarin schreibt:

    Dem Begriff „hochgejazzt“ wohnt etwas Lautmalerisches und klanglich Ansprechendes inne. Deshalb gebrauchte ich ihn. Man könnte ihn ebenso nehmen, weil es sich um eine Logik der Improvisation handelt, die dem Jazz nicht ganz fremd sein dürfte. Um einen launigen Einfall, der dem Feuilleton zeitgeisthaft in den Sinn kommt, um einen neuen Trend hochzuschreiben. Ob freilich dieser Begriff dem Jazz nun wirklich gerecht wird, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich nicht von der Musik her komme. Insofern, gebe ich zu, nahm ich diesen Begriff wohl auch in leicht polemischer Absicht.

  9. summacumlaudeblog schreibt:

    „hochgejazzt“ bedeutet in meinem Wörteruniversum, dass man versucht, einem Werk, dem an sich keine Qualität inne wohnt, durch klangliche Manipiulationen eine behauptete Qualität einzuschreiben. Hierbei steht der Wortteil Jazz für die Qualität, denn Jazz ist qualitäts- und gehaltvolle Musik, und das Praefix hoch für die Manipulation.
    Man kann auch sagen: Es wird Jazz – also Qualität – behauptet, wo eigentlich keine drin steckt.

    Folglich wird nach meinem Sprachgebrauch nicht der Jazz, sondern lediglich das hiermit attributisierte Werk verunglimpft – und das meistens zu Recht.

  10. holio schreibt:

    Eine Akademia dot edu gibt als Verwendungsbeispiel im Sinne von Aufpeppen oder Aufpimpen an:
    „Helmut Lang commissioned conceptual artist Jenny Holzer to jazz up their new parfumerie.“
    Ein freies Dictionary dagegen gibt als Synonym an, etwas zeitgemäßer, für Zeitgenießende attraktiver zu machen. Das wäre dann keine Höherwertigkeit mehr (weil Jazz etwa etwas Besseres wär), sondern allein eine „Modernisierung“:
    „Let’s jazz this room up a little bit.“
    „They jazzed up Donna till she looked like a rock star.“
    Im Ursprung bedeutete jazzig, obwohl die Grimms es noch nicht kannten, wohl so was wie fetzig. Also schwungvoller und abwechslungsreicher als Vergils sonore Distichen, ups, Hexameter.

  11. Bersarin schreibt:

    Danke für die Hinweise, ich wäre gar nicht so tief eingestiegen,aber da zeigt sich wieder einmal,w wie sehr es sich lohnt, in eine Sache zu versenken. Gut so und danke.

    Und wie gesagt, ziggev: es ist nicht gegen den Jazz gerichtet. Ich würde gerne mit dem Jazz und dem Pop abrechnen, aber ich kann das von meiner Kapazität her nicht leisten. Würde mich ja freuen, wenn Du mal etwas zu Jazz und Adorno schriebst.

  12. ziggev schreibt:

    für mich hat ‚hochjazzen‘ einen etwas anderen Klang als englische, wahrscheinlich amerikanische ‚to jazz sth. up‘.
    oxfordlearnersdictionaries dot com/ gibt folgendes aus:

    1.) to make something more interesting, exciting or attractive
    Jazz up the room with some new furniture

    2.) to make a piece of music sound more modern, or more like popular music or jazz
    It’s a jazzed up version of an old tune.

    dict dot cc : aufmöbeln, aufpeppen, verjazzen

    ‚verjazzen‘ ist zwar eine passende Übersetzung für 2.); Niemand würde aber ‚hochjazzen‘ für ‚verjazzen‘ nehmen, auch wenn ‚verjazzen‘ eine korrekte bzw. passende Übersetzung ist – zumindest für einige Kontexte der Ursprungssprache.

    Für ‚hochjazzen‘ kommt m.E. nur 1.) infrage. Und es steht m.E. außer Zweifel, dass es sich um einen Anglizismus mit beschränkter Übereinstimmung mit der ursprünglichen Bedeutung handelt, denn für viele Kontexte für ‚to jazz up something‘ würde im Deutschen ‚hochjazzen‘ einfach nicht passen. „Wir jazzten das Zimmer mit neuen Möbeln hoch (wortschöpferisch: ‚-auf‘ wie in aufmöbeln?)“ würde niemand sagen.

    Und so hatte ich ‚hochjazzen‘ tatsächlich für eine deutsche Wortschöpfung gehalten. Ähnlich wie ich mir nicht vorstellen kann, dass Arno Schmidt (der Blogbetreiber weiß, wie sehr ich ihn schätze und bewundere) ‚verjazzt‘ (figurativ) im Sinne von 2.) bzw. als Anglizismus (mit eingeschränkter oder abgewandelter Bedeutung gegenüber der Ursprungssprache) gebraucht hat. Schmidt spricht irgendwo von der ‚verjazzten‘ Jugend (soweit ich mich erinnere). Mir kam da die deutsche Wortschöpfung ‚verjudet‘ in den Sinn.

    Ach, und da ich sowieso gerade div. Wörterbücher konsultierte, nun auch noch den einzigen Beleg, den Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (retro dot dwds dot de/) bringt (‚hochjazzen‘ ist unbekannt):

    o.A., Kulturpolitik, Allgemeines [28.05.38], in: Archiv der Gegenwart 8 (1938), S. 3577

    Zurückblickend erklärte Dr. Goebbels weiter, daß man sich heute gar nicht mehr vorstellen könne, daß einst die stumpfsinnigste Atonalität wüste Orgien feierte, daß deutsche Klassiker verkitscht und verjazzt wurden und daß die deutsche Volksmusik fast ausschließlich von jüdischen Elementen beherrscht worden sei. An Stelle eines öden atonalen Expressionismus trete nun wieder die künstlerische Intuition und vielleicht beginne von hier aus die Rettung der abendländischen Musik vor drohendem Verfall.

    Vielleicht beeinflusst von A. Schmidt bin ich davon ausgegangen, dass ‚hochjazzen‘, aus der Nachkriegszeit stammt. (obwohl: unbekannt im dwds, die Belege im wortschatz dot uni-leipzig dot de/ stammen aus 2011.) Und davon, dass eine negative Konnotation mit im Spiel ist: aufpeppen, „aufpimpern“. Etwas soll mehr hermachen, als es für sich genommen ist. Jazz war damals z.T. [jat͡s] und nicht [d͡ʒæz], nicht „dschäss“, sondern „Jats“. – Zumindest machten einige der Old-Time Leute diesem Unterschied. [jat͡s] für die gerne auch mal etwas zickig gespielten Old Time Jazz. Auch sollte vielleicht hervorgehoben werden, dass es sich eben um das deutsche revival des Jazz, des Old Time Jazz handelte (bewusst retro, fast Regression).

    Und ‚hochjazzen‘ i.S.v. ‚hochschreiben‘, ‚hypen‘, also um etwas einen Hype veranstalten, wie es im hier nebenbei beanstandeten Kommentar benutzt wurde und wie es auch für meine Ohren am zutreffendsten verwendet wird, passt, auf den Musikstil bezogen, am ehesten auf den Old Time Jazz: künstlich Aufregung veranstalten, die, den Künstler davon berauscht, dazu dient, für noch mehr Aufregung zu sorgen. Spätere Stile besaßen aber noch viel mehr und unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. Besonders die (polyphone) Kollektivimproviasationen von Klarinette, Posaune u. Trompete oder Sax im Old Time konnten diesen Eindruck, dass die Instrumente einander hochschaukelten, erwecken. ‚hochjatsen‘ [jat͡s] wäre daher in meinen Augen (für meine Ohren) am passendsten.

    Natürlich habe ich dabei auch Adornos kritische Attitüde in Bezug auf die hot moments im Kopf.

  13. Bersarin schreibt:

    Adornos Kritik ist keine Attitüde. Man kann die Kritik kritisieren, aber es handelt sich kaum um eine Regung, die aus lauter Jokus kapriziös formuliert wurde.

    Summacumlaudes Deutung und Erläuterung kommt dem Begriff am nächsten.

  14. ziggev schreibt:

    @ Bersarin: Vielen Dank für diesen Vertrauensvorschuss, den diese Anregung ja auch bedeutet !!

    Bei mir würde es sich natürlich bloß um einen Versuch handeln. Aber etwas zu schreiben, kann ja auch Funktion haben, sich angreifbar zu machen; zumal wenn es um die Lektüre jemandes vom Schlage Adornos handelt. In der Tat hatte ich mir bereits einen solchen Versuch vorgenommen. Derzeit bin ich aber zuförderst sauer, weil D. Dietrichsen und ein gewisser Karl Bruckmaier, letzterer mit seinem Buch „The Story of Pop“, meinem Vorhaben, meine Pop“theorie“ dereinst in meinem Blog auszubreiten, zuvorgekommen sind. (ich meckerte – obzwar recht gut gelaunt – die Tage in Sachen D.D. und Pop ziemlich rum beim che – insgesamt aber eine recht nette Diskussion …) Zugespitzt: Pop ist Jazz und Jazz ist Pop.

    Ich glaube, die Hauptschwierigkeit bestünde für mich darin, Adornos eher essayistische Texte richtig und ohne lediglich Anlass zur Polemik suchend zu interpretieren. Mir wollte es immer so scheinen, dass hier die Adorno-Kritiker und diejenigen, die ihm unverbrüchlich die Stange hielten, aneinander vorbeiredeten. Das Problem: Einige Adorno-Apologeten, so schien es mir immer, übernahmen die Missverständnisse der Kritiker! Die ersteren verstanden nichts von Jazz oder gar von Musik überhaupt, beide jedoch, so meine Hypothese, nicht so ganz und gar seine Gesellschaftskritik bzw. Kulturdiagnostik.

    beim Che schreibe ich etwas launisch:

    „Aber hier handelt es sich, so will mir scheinen, um eine Kulturkritik, die auf eine Gesellschaftskritik hinausläuft; – nicht um eine Gesellschaftskritik oder -theorie, die sich als Kulturkritik konkretisiert. Adornos musikalische Terminologie ist nicht ganz der Standardterminologie angepasst und daher, was immer noch den Jazz betrifft, einfach zu ungenau, manchmal einfach falsch.“

    Nun, was seine Terminologie betrifft, so muss in Anschlag gebracht werden, dass er sie sicherlich manchmal in polemischer Absicht gebraucht, – manchmal also extra nicht ganz zutreffend. Wenn ich es richtig sehe, gebraucht Adorno in seiner (essayistischen) Kulturkritik und -diagnostik häufig Metonymien, die aber in ihrer wörtlichen Bedeutung missverstanden wurden. Dennoch aber kann m.E. an Adorno abgelesen werden, dass seine Analysen des Jazz auf einer nicht umfassenden Kenntnis des Phänomens beruhen.

    Ein solcher Versuch wäre jedoch mindestens ein Anlass zur konzentrierten Adorno-Lektüre. Denn schließlich müsste herausgearbeitet werden, wo er sich weniger auf das vorhandene Material bezieht und mehr auf seine Kritik der Bewusstseins-Industrie. Und hier liegt er ohne Zweifel, was einige Erscheinungsformen des Jazz in den 30er-Jahren betrifft, nicht selten richtig. Beispielsweise einigten der Alte Bolschewik und ich uns einmal darauf, dass es Adorno weniger um die Musik ging; vielmehr stößt ihn das Phänomen des Jazz-Fans ab – was ich nachvollziehen kann.

    Last but not least wäre also eine Lektüre Der Dialektik der Aufklärung vonnöten – und der Ästhetischen Theorie. Habe mich ehrlich gesagt bei DA-Versuchen bisher immer irgendwie gelangweilt; irgendwie schein er immer Dinge zu sagen, die eh´selbstverständlich sind … Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der ÄT stimmte mich viel optimistischer. Aber zum millionsten Mal darzulegen, dass die klassische Definition der Synkope nicht das trifft, was im Jazz bei Betonung der unbetonten Zählzeit passiert, wäre einfach zu wenig. Möglicherweise sitzt Adorno demselben Missverständnis der Jazzfans auf, bei denen die Betonung der unbetonten Zählzeit unansehnliches zuckendes Herumgehampel hervorrief (als würde jemand Nackenschläge austeilen). Ohne es zu merken, vielleicht, handelte es sich um einen durchaus polemischen Gebrauch des Begriffs „Synkope“. Denn der Jazzfan begriff offenbar nicht deren eigentümlichen Charakter, der ihr im Jazz zukommt (es geht nicht um Nackenschläge, und wir sollten auch einmal nach der Polyphonie fragen).

    Frage: Den einzigen Text von Adorno zum Thema (außer der ÄT S. 93,177,322,473), der mir vorliegt, ist: „Zeitlose Mode: Zum Jazz“, in: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. Gibt es noch andere wichtige Texte?

  15. ziggev schreibt:

    … ich gebrauchte „Attitüde“ durchaus in der englischen Bedeutung. Oft gebrauche ich eher vage, nichtfachterminologische Begriffe, wenn ich das Ganze etwas in der Schwebe halten möchte … (es ist nicht immer alles gewollte aber ungekonnte Polemik.)

    http://www.dict.cc/?s=attitude

  16. Bersarin schreibt:

    D.D. ist ein kluger Kopf, insbesondere gefällt mir sein Umgang mit Adorno, der bekanntlich für Pop wenig übrig hatte. Im Grunde nimmt Diederichsen Adorno genau und dialektisch beim Wort, macht ihn da fruchtbar, wo es geht, ohne ihn abstrakt und damit eben undialektisch zu negieren. Nicht die ewiggleiche Adorno-Abwatschung wie: Das langweilt mich oder aber Adorno hatte keine Ahnung vom Jazz. Richtig ist wohl, daß Adorno in den 30ern nur eine bestimmte Variante des Jazz wahrnahm.

    Zum Jazz gibt es den besagten Aufsatz in den Prismen, und dazu „Replik zu einer Kritik der ‚Zeitlosen Mode'“, in GS Band 10, dann noch „Über Jazz“ in GS Band 17 sowie diverse verstreute Äußerungen, insbesondere in den „Dissonanzen“ (Band 14). Die Ausführungen über Pop bei che habe ich noch nicht gelesen.

    Empfehlen kann ich das vor 1 1/2 Jahren erschienene Pop-Buch von D.D.

  17. ziggev schreibt:

    dass auch mir nicht an einer banalen Adorno-Abwatschung gelegen wäre, hoffte ich mit meinem Synkopen-Beispiel klargemacht zu haben. Auch glaubte ich nicht, extra darzulegen zu müssen, dass lange Weile bei einer Lektüre nie ausschließlich gegen den Text sprechen muss, sondern vielmehr zuerst einmal Anlass geben müsste, nach der möglicherweise mangelnden Lektüreanstrengung des / der Lesenden zu fragen.

    „insbesondere gefällt mir sein Umgang mit Adorno“ (bersarin zu D.D. über Pop) : gerade hier – ich wiederhole, was ich drüben schrub, falls Du nicht dazu kommst, Dir dortig alles durchzulesen – sehe ich das Problem, dass sich in erster Linie die Tauglichkeit einer Theorie bestätigt. Das kann aber nicht alles gewesen sein! Obwohl mir klar ist, dass ich noch einiges nachholen müsste, um nicht ewiggleiche kritische Ansichten zu Adornos Jazzkritik zu wiederholen, sollte ich einst Adornos Texte dazu in der Absicht, etwas dazu zu schreiben, sichten, dass also für mich zunächst die DA drankäme, und ich nicht bezweifle, dass D.D. ein kluger Kopf ist, glaube ich eher, dass eine gelungene Popkritik besser ‚literarisch‘ vorgehen sollte. Dass also eine solche sich ihrem Gegenstand anähneln sollte, einfach etwas von seinem „sound“, – was Pop betrifft – die spezifische Rebellion spürbar machen sollte.

    D.D. unterstelle ich aber, dass er in der post“heroischen“ (wie er – über die Wortwahl lässt sich streiten – die Anfangsphase des Pop bis in die 80er zutreffend nennt) aufgewachsen ist und kein Verhältnis mehr zur Geschichte hat (90er-Jahre-Theorie, nie wirklich sich durch die 60er durchgehört). Abgesehen von der Wortwahl kommen, so legt jedenfalls die Diskussion beim Che es nahe, die Pop-Intellektuellen zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie ich. „Selbstreferenziell“ z.B. klingt ja sowas von neu und nach 90er-Jahre „PopTheorie“; ohne es vielleicht je auf den Begriff gebracht zu haben, war das allen Pop-Narren, wie ich einer bin, aber schon immer klar, denn ohne Bewusstsein von camp, dessen Begriff Selbstreferenzialität miteinbegreift, ist es kaum möglich, irgendetwas mit Emphase über Pop zu sagen.

    D.D. (nicht Adorno) muss warten. Vorher will ich meine seit c.a 20 oder 30 Jahren fertige Pop“theorie“ darstellen. Dann werde ich D.D. et al gegenlesen. So sieht mein Versuchsaufbau aus. Dann käme die (Auseinandersetzung mit der) Theorie. Am D.D.´schen Ausdruck ‚Gegenkulturalismus ohne Gegenkultur‘, ich zitiere futuretwin, für die postheroische Pop-Ära, ist bereits abzulesen, dass es sich um die Kohärenzaufrechterhaltung einer Theorie oder zumindest eines bestimmten Sprachstils handelt. – Nicht um die Formulierung eines Überzeugungstäters; und alle Popmusiker waren Überzeugungstäter.

  18. ziggev schreibt:

    D.D. hat i.d. 80ern erhebliches geleistet. Das war die Zeit, als Punk vorbei war, es aber dennoch weitergehen musste. Ein Cut, der große Schnitt. Sich völlig abkapseln von der Tradition. Alles „neu“ – NDW goes DADA ! Und es war eine wirkliche Revolution. Irgendeine Dorfkapelle machte was mit deutschen Texten, idiotisch, dadamäßig, randale, pogo – es wurde von späteren Intellektuellen, z.B. von D.D., rezipiert. Es war dies eine Pflichtübung. Ein Rest an Popbewusstsein.

    Es gab ein, zwei (weltweite) Hits von Trio. Der Rest versank irgendwo im Vergessen. Die Leistung von D.D. und anderen, die ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Generation gerecht wurden, ist unbestritten. Wir sollten uns aber klarmachen, dass D.D. aus dieser Zeit stammt. D.h. aus einer Zeit, als tragischerweise und forciert der Pop zugrabegetragen wurde. Der Cut war einfach zu radikal. Es war um nichts Geringeres als die totale Zerstörung gegangen. Also blieb nichts als der Weg der Theorie. Dies war aber ein doppelter Verrat: an der Theorie wie am Phänomen als solchem.

    Einen wirklichen Wegweiser finden wir in den Hervorbringungen der 50er-, 60er-Jahren. Als D.D. die rezipierte, wenn er es je ernsthaft getan haben sollte, war er einfach bereits zu alt dafür, – ohne Theorie ging für den nichts mehr.

    Theoretische Haltung als Pop-Gestus – das hatte nur in den 80ern oder als Folge derselben in Deutschland sich ereignen können. Es handelt sich um ein ganz spezielles Phänomen, dass Intellektualität zum Pop-Phänomen wurde. Wir sind aber hier auf Abwegen, wenn wir glauben, von Pop zu reden.

  19. summacumlaudeblog schreibt:

    In den 90er Jahren went die Werbeindustrie DaDa. „Sei Dudu – Fanta“ hieß es seinerzeit. Da wars dann aus mit dem aggressiv-progressivem Potential des Pop. Casting ersetzte die Punk-Dorfkapelle. Gitarre spielten technisch beschlagene Studiomusiker und unterlegten den Gesang der hübschen, gecasteten Gesichter. Kein Dorfpunk rutschte mehr auf dem Griffbrett auf und ab.

    Eine Frage an Ziggev: Wie siehst Du Techno in diesem Zusammenhang? War Techno der Pop, der Rock’n’Roll der 90er, weil der Pop durch fast flächendeckende Kommodifizierung ins gesellschaftsbejahend-harmlose gekippt war?

    Und wo siehst Du heute den Underground, wollte sagen:Den Pop?

  20. holio schreibt:

    Mein Onkel, Deutschlehrer, hat sich im Italienurlaub empört über Trios Zeilen „Da da da“. Fast war ich versucht, die drei Männer zu verteidigen. Nun ziehe ich selber Goethe und Konsorten, das Gute, Wahre, Schöne vor.

  21. holio schreibt:

    Mit erweitertem Kunstbegriff freilich auch hier ehrende Visite und kleine Münzspende möglich:

  22. Bersarin schreibt:

    Muß man nicht vielmehr zwischen Pop und Pop-Musik unterscheiden? Oder sind beide Begriffe synonym im Gebrauch? Bezeichnen beide Begriffe gleichermaßen Umfassenderes als bloß die Musik: nämlich ein Lebensgefühl, eine Haltung, eine Lebensweise? In gewissem Sinne ja auch konfektioniert, weil zu dem Musikstil X oder Y (Mod-Musik, Wave, Techno, Rock und Roll etc.) eine bestimmte Ausstattung gehört? Oder geht das eine eher auf die Jugendkultur und das andere rein auf die Musik? Pop und/oder Pop-Musik? Pop als Haltung und Pop-Musik als die spezifischen Stile und Arten der Musik? Man muß sich zunächst über die Begriffe verständigen. In der Tat scheint mir die Theorie über Pop und Pop-Musik ein spezifisches Phänomen der späten 70er und dann insbesondere der 80er Jahre zu sein. Mochte es vorher zwar eine Soziologie der Jugend und ihrer „Kultur“ gegeben haben, so ist die Pop-Theorie der 80er Jahre eine solche, in der die Beobachtenden zugleich die Teilnehmer sind. Plattensammlungen, auf Konzerten sein. Diederichsen beschreibt diese Phänomene, an denen er intensiv partizipierte in seinem jüngst erschienenen Buch. Er nennt sein Buch „Über Pop-Musik“. Nicht „Über Pop“. Auch dies stellt eine Entscheidung dar. Diederichsen skizziert diese Geburt des Pop aus dem Geist des Jugendzimmers samt den sich herausbildenden Subjektintensitäten und dem Wunsch nach Distinktion ungemein instruktiv. Es geht ihm ja gerade um diesen Raum von Erfahrung und Lebensweise. Diese Theorie-als-Praxis-Konstellation bei D.D. koppelt sich natürlich an eine Zeit, in der ein bestimmter Theorie-Sound herrschte, der wesentlich auch aus Frankreich herüber wehte.

    Natürlich hängen die intellektuelle Betrachtung, ein bestimmter Gestus samt den Praktiken wie Kleidung, Habitus, Konzertwesen sowie Abhängen, die Theorien und die Musik miteinander zusammen. Im Grunde schon seit den 60er Jahren. Man nehme die ersten Pop-Literaten in der BRD, wie etwa Brinkmann. Oder in den USA die Beatniks samt ihrer Lyrik um Allen Ginsberg et al. Ich denke insofern schon, daß in einem bestimmten Umfeld, gerade dort, wo Kunst gemacht wurde, es eine Verquickung zwischen Pop, Pop-Musik, Kunst und Pop-Theorie gab. Gerade aus der Punk-Zeit der 80er würde ich das, aus meiner eigenen Erlebnisebene, die ich freilich nicht verallgemeinern will, bestätigen. Wir lebten und machten unsere Theorien-Patchworks, hörten diese oder jene Musik. Wobei ich selber mehr für die Theorie zuständig war.

    Auf alle Fälle scheint mir Pop-Musik immer (auch in ihren zunächst subversiv auftretenden Varianten) ein Stück der Kulturindustrie. Ches Definition von Pop, drüben in seinem Blog, teile ich nicht: „Pop ist für mich jedenfalls nicht Jazz und nur in einem begrenzten Maße Rock. Sondern eher eine von Vornherein auf Kommerzialität, Mainstream-Hörgewohnheiten, gute Verkäuflichkeit und Tanzbarkeit angelegte Musik, …“ Und bei „Dienstag, 10. Februar 2015, 14:36“: „In dem Kontext ist auch New Wave mitnichten Pop. Denn die New Wave ging aus dem Punk hervor, einem subproletarischen Frontalangriff auf Pop, insbesondere Disco, und ebenso den damaligen Opera Rock.“ Selbst die Subversion gehört zum Pop. Denn das Wesen des Pop ist es ja gerade, einerseits einen Gegenstrom zu der herrschenden oder elterlichen Kultur zu erzeugen und zugleich Disparates und Abgelegenes, Subkulturen und Widerständiges zu integrieren, indem ihm ein Ressonanzraum gegeben wird. Insofern ist Pop eines der interessantesten gesellschaftlichen Phänomene; besitzt in letzter Instanz (freilich oft gegen seinen Willen) eine sedative Funktion, damit der Druck im Kessel nicht steigt. Zumindest nicht so, daß es irgendwann knallt. Die Rebellion inszeniert sich symbolisch. Immer schon dafür ausgelegt, von der Industrie, vom Markt vereinnahmt zu werden.

    Auch Rock und Roll oder Disco besaßen einst ihr subversives Potential. Waren rebellisch. Aber wie schrieb es Adorno aus seiner Schulzeit in den „Minima Moralia“: die Schüler, welche zu Schulzeiten am rebellischsten und aufmüpfigsten waren, erwiesen sich später als die, die am meisten im Rahmen der Anpassungen mittaten. Insofern und auch aus anderen Gründen vertraue ich wenig auf diesen rebellischen Impuls der Jugendkulturen. Forever Young bleibt ein nicht einholbares Begehren und füttert die Wunschmaschinen: Süßer Vogel Jugend.

    @ holio
    Danke für das feine Bildchen. Ist’s nun ein trauriges oder doch ein schönes und für den Zentro- oder Oberdada passendes Grab? Egal wie – Baargeld wirkte in Berlin. Pop avant le Pop.

  23. ziggev schreibt:

    @ summacunlaude

    techno fällt für mich kaum in die Kategorie „Pop“. Es waren einach irgendwann diese Beats da und jede Subkultur machte daraus, was ihr gerade passte. Insbesondere war es keine explizite Jugendkultur. Acid war in Deutschland allerdings jedenfalls teilweise anfangs eine Sache für die Youngsters. Aber jede Szene erzählt eine andere Geschichte. Z.B. etwa auch Momo (Schwerpunkt House). Sicherlich spielte hier auch hip hop eine Rolle, Detroit (als einer, neben z.B. Kraftwerk, der Ursprünge), House. Im House haben wir aber wieder die schwarzen Beats – und teilweise (souligen) Gesang, sonst im Techno ein Fremdkörper. Ich habe nie viel von der buchhalterischen Klassifizierung von Pop-Musik („Pop“ in Ermangelung einer besseren Kategorie), wie wir sie etwa im Hard-Rock kennen, gehalten. Dann geht es nur noch um die Differenz zu einer anderen „Pop-Musik-Kultur“ – die Jugendrebellion ist verlorengegangen. In dem Moment, indem sich Pop-Musik selbst in Klassen eines klassifikatorischen Systems wie dem einer empirischen Wissenschaft diverzifiziert und benennt, ist die Kategorie eine leere Menge geworden.

    Im Techno – als Oberbegriff – würden wir uns einfach sofort verzetteln; da ich solche Klassifizierungen immer ablehnte, kenne ich die verschiedenen Namen auch gar nicht, geschweige denn, dass ich die betreffenden Stile unterscheiden könnte. Im House/Detriot-Feld spielte die Clubszene eine entscheidenden Rolle, im Goa-Trance waren es openair-events. Als es, soweit ich weiß, diese Begriffe noch gar nicht gab, spielten sie in Christania (Kopenhagen) mehr oder weniger, das, was später (Goa)-Trance hieß (also ne Hippie-Nummer). Es kamen aber auch russische DJs dran, je später die Nacht wurde, desto härter, minimalistischer und schneller dann alles. Dort hörte ich aber ebenso die hip hop-Geschichte wie Hippie-Gewäsch (die musik sei ein einem „conscious state of mind“ entstanden). In Goa, hörte ich dann später, sei irgendwann nur noch sehr minimalistischer Techno gespielt worden, also nur noch Beats und ab und zu mal ein Geräusch oder etwas melodie- oder harmonieähnliches. Ich kannte zwar Leute, die mit der visuellen Ausstattung der Partys nicht schlecht verdienten; insgesamt aber verachtete ich die Szene. Einfach zu viele Drogen, und sehr schnell nur noch das schnelle Geld – jedenfalls der Versuch – über immer größere Partys. (ich selbst habe natürlich nie irgendwo irgendetwas bezahlt.) Die Organisatoren der VOOVE, eine der größten, wenn nicht die größte Party in Norddeutschland haben vor ein paar Jahren das Handtuch geschmissen.

    Jedenfalls soziologisch kann Techno nicht in die Kategorie Pop eingeordnet werden, einfach zu viele „Pop“-Stile.

    Auf den Pop im engeren Sinne hatte allerdings „Techno“ dennoch Einfluss. Es lief dann Mitte der 90er im Pop-Radio z.B. Blümchen und deren Nachfolgerinnen. Blümchen, noch minderjährig, wurde auf einer 80er-revival-Party angesprochen, ob sie nicht Lust hätte, bei ner Produktion mitzumischen; es hatte wohl Leuten gefallen, wie sie tanzte, und die Geld witterten. Immerhin eine Möglichkeit, kommerziell noch aus der Technogeschichte Kohle rauszuhohlen, als sich abzeichenen begann, dass die Partys, die zu Geldmachmaschinen verkommen waren, nichts mehr bringen würden: hochgepitchte-superschnelle Technomusik mit Girliestimme, ich nannte es insgeheim immer popp-Pop.

    Sowas lief ne Zeit lang stundenlang auf n-joy radio (ein Hamburger Jugendsender).

    Triggerwarnung: Wer Pop im eher negativen Sinne, wie von Che aufgefasst, sieht und ihm eher skeptisch gegenübersteht, der oder die sollte sich das ruhig ersparen. Hier hat Che recht:

  24. ziggev schreibt:

    traurig: „Blümchen“ verbrachte dann tatsächlich ein paar Wochen (oder Monate) in Goa (Goa gilt als eine Gegend in Indien, wo die Engländer weniger brutal in Sachen Moral wüteten, eine portugiesische Kolonie, daher dort die Hippie-Kommunen …), als wollte sie ihren „Ursprüngen“ nachforschen, die sie in ihrem Alter ja gar nicht haben konnte. Sie trug mit Anfang 20 Klamotten, als wollte sie verdecken, dass sie nicht mehr so sexy war, wie eine Frau nur mit Anfang 20 wundervollerweise sein kann. Natürlich war sie Anfang 20 und genauso wundervoll und sexy. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist. Wünsche ihr auf jeden Fall aber alles Gute.

  25. Pingback: Ballade vom Zentrodada | ad acta

  26. holio schreibt:

    Ist angekommen. Sie hat Samstag in St. Moritz den Schweizer Unternehmer Frank Sippel (42) geheiratet.

  27. Bersarin schreibt:

    Ich begegnete, da ich mich an diesen Orten gerne bewege und meine Zeit vertue, Frau Blümchen vor drei Jahren auf der Pferderennbahn. Sie saß eine Reihe vor mir.

  28. che2001 schreibt:

    @ziggev et al: Wenn ich Begriffe wie Popmusik verwende, dann tue ich das einerseits als Alltagshistoriker, der sehr eng am ursprünglichen Begriffskontext arbeitet, und andererseits auch aus meinen eigenen subjektiven biografischen Erfahrungen heraus. Und in meiner Jugend war das halt so, dass Pop für uns eine ziemlich eingegrenzte Musikrichtung war, die etwa im Gegensatz zu Rock stand (Rocker und Popper als jugendkulturelle Bewegungen sind dann noch etwas ganz Anderes, wobei hier der Bedeutungswandel auffällt – bei Rockern denken die Leute heute an Hell´s Angels oder Bandidos, aber nicht an eine Jugendsubkultur, aus der die Headbanger hervorgehen sollten). Ich würde auch bezogen auf die Achtziger und später nie den Begriff Hippies verwenden. Hippies waren eine spezifische Subkultur der Sechziger, die bis auf in Höhlen auf Kreta und Gomera lebende Aussteiger die Siebziger nicht überstanden. Schon die Doors waren Ausdruck eines Bruchs mit der Hippiebewegung. Langhaarige, peacige, soft auftretende junge Leute nach 1975 kenne ich unter Bezeichnungen wie Freaks, Ökos, Müslis, Teesocken, Alternativniks, aber definitiv nicht mehr Hippies. Und im Gegensatz zu den Normsetzungen der „Popdiskurse“ vermischte sich deren Lifestyle und Outfit mit Punk, Heavy Metal/Headbanger, Rockertum und Rasta in den linken Szenen die ich so kenne in den Achtzigern und Neunzigern problemlos innerhalb ein und derselben Gruppe und mitunter bei ein und derselben Person (ich hatte mal den Spitznamen „Der Ökoskin“). Einen Bruch stellte hingegen Techno da, und die linken Gruppen mit diesem Hintergrund, z.B. die jüngere Generation der Autonomen Antifa (M) trat dann in Adidas-Trainingsklamotten und schwarzem Latex auf, was auf die Altlinken so irritierend wirkte, dass sofort der Vergleich mit Star Trek gezogen und ein eigenes Theaterstück „Raumschiff Cloppenburg“ inszeniert wurde.

  29. Bersarin schreibt:

    Was dieses Phänomen der Pop-Kultur anbelangt, so hängt sicherlich vieles daran, wie wir unsere Begriffe einsetzen. Nehme ich die Subkultur und ihre Widerstände, die sich gegen das popular des Pop richten, so hast Du sicherlich recht. Pop-Musik ist eben die populäre, eingängige und vor allem von vielen gehörte Musik.

    Nimmt man jedoch den gesamten Umfang einer Musik der Jugend und der Jugendkultur, dann setzt sich der Begriff, auch im Sinne des Habitus und der Lebenswelten samt den Ritualen und den Jugendrebellionen, anders zusammen. Ich plädiere insofern für meine Variante des Pop-Begriffes, weil zunächst auch der Rock ’n Roll und auch der Jazz (Bebop, etwa) als Gegenkulturen gedacht waren. Man lese, was den Bebop samt gespielter Musik und dem Lebensgefühl ausmacht, nur Boris Vian, wenn er vom Paris der 40er und 50er Jahre schreibt.

    Dieses Moment des Gegen, der Gegenkultur einer Jugend existierte allerdings bereits lange bevor es Pop überhaupt gab. Man denke zu Beginn des letzten Jhds an die Jugendbünde, die Wandervögel (die einen wandern, die anderen vögeln), die an Nietzsches Lebensphilosophie anknüpfenden Naturbewegungen, ebenso wie die Arbeiterjugend. Interessant war dazu in den 80er Jahren die Ausstellung „Schock und Schöpfung. Jugendästhetik im 20. Jahrhundert“ samt einem interessanten, ausgesprochen texthaltigem Katalog. So einfach und unidirektional zuzuordnen wie in den guten alten Zeiten ist es für die rebellische Jugend nicht mehr.

    Dialektisch-vertrackt und wunderbar wild kündete davon in den 90er die wunderbare Band Tocotronic: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

    Absolut, immer noch cool, uneinholbar

  30. ziggev schreibt:

    @Che

    che, ja, diese Semantik kenne ich ja aus meiner Biographie auch, nicht zu gering. ich fiel vom Glauben ab, als Madonna Pop zurückholte in die Plastikwelt der „Popper“. Damals, als ich noch jung war, hätte mich eine Frau, die nur auf ihr Äußeres achtet, nicht die Bohne interessiert. Madonna war DER Verrat!

    Du musst aber wissen, dass ich in einer relativ reichen Gegend aufwuchs, und als sich der Popper-Stil wandelte zur 60-Mode (über Mod), hatten gewisse Leute einfach die Kohle, sich original zu kleiden wie in dem Film „Blow Up“. (Mit maßgeschneidertem Anzug in die Schule kommen, große Hemdkragen, die Schuhe, das Passende Gefährt (Auto oder Roller) usw. … Vor Stil aber habe und hatte ich aber immer Respekt …)

    Spätere, ich wiederhole: spätere, trivialpostmoderne affirmative Besprechungen von Madonna in „Frauenzeitschriften“, beim Zahnarzt gelesen, gingen meines bereits damaligen Erachtens am Phänomen vorbei. Tatsächlich war Madonna eine Pop-Arbeiterin erster Güte, nur war ihre Performance zunächst, oder schien, dies zu sein, nichts weiter als eine Konsumaufforderung, ein Appendix der Industrie.

    Ich wiederhole: Eddie Cochan, Chuck Berry waren noch Teil und Hervorbringer derselben Kultur, deren Konsumprodukte sie besangen. Madonnas Verhältnis war da, verglichen, eher sklavisch.

    Der erste Versuch, die Popmusik (einfach nur als „Pop“ bezeichnet) als Gesamtphänomen zu behandeln, stammt aus dem Jahre 1969, Nik Cohns „Pop History“ ! Gerade um Pop einmal „affirmativ“ zu verstehen, schlage ich diesen Weg vor. Denn Pogo, Dietrich Dietrichsen sind letztlich Popphänomene. Die Konsequenz ist freilich, dass wir auch dem Punk ff. jede politische Relevanz absprechen müssen.

    Zu den „Hippies“, Zitat:

    „Und im Gegensatz zu den Normsetzungen der “Popdiskurse” vermischte sich deren Lifestyle und Outfit mit Punk, Heavy Metal/Headbanger, Rockertum und Rasta in den linken Szenen die ich so kenne in den Achtzigern und Neunzigern problemlos innerhalb ein und derselben Gruppe und mitunter bei ein und derselben Person (ich hatte mal den Spitznamen “Der Ökoskin”)“

    — Erst jetzt – im Jahre des Herren 2015 – kommt dieser Typ von der Efenbeinküste an, und will mich zum Rasta machen – – wir lachen uns jedesmal schlapp über die Idee. (Aber vielleicht wirds ja noch was mit dem Band-Projekt.)

    Selbst die Osho-Leute waren keine Hippies mehr. Hippietum gilt heutigentags als eher ein denunziatorisch-polemischer Begriff für allzu Naive. Analogerweise scheinst Du „Pop“ aufzufassen: das waren halt „die Popper“. Wenn wir jedoch, darauf möchte ich ja gerade immer wieder hinweisen, Pop von seinen Anfängen her zu verstehen versuchen, stellt sich die Sache ganz anders dar. Seiner affirmativen Grundgestalt – wenn ich mal so sagen darf – eignete immer noch eine gewisse U n s c h u l d. Ein Aspekt, den ich noch gar nicht erwähnt hatte, der aber absolut wesentlich ist.

    In derselben Zeit, als sich Deine Pop-Begriffe bildeten, hing ich mit z.T. Alt-Freaks rum, auf den Partys kamen also – i.d. 80ern! – geschminkte, querflötenspielende Freaks in Gewändern auf LSD vorbei und die wilden Kerle mit den Motorrädern, alles stattfindend auf dem Grundstück eines alten Kommunisten (oder war er einfach nur ein Krimineller gewesen den 30ern?).

  31. ziggev schreibt:

    @ bersarin – Du sprichst über Jazz ?! – Obwohl Du das ja gerade immer ablichtlich versäumst, da Du ja in Sachen Musik so unbewandert wärest? Du liegst aber absolut richtig, denn ich verstehe gerade den Jazz auch als Pop-Phänomen.

    Das Geniale am Bebop ist dann wieder, dass er nicht nur Pop war, sondern dass das Neue, Revolutionäre auch noch tatsächlich musikalisch gegründet war. Und desh. auch der Kult um eine Person wie Thelonious Monk – es gibt praktisch keinen Bebop-Musiker, der nicht bei ihm in die Lehre gegangen war -, der aber andererseits noch ganz tief z.B. in der Stride-Tradition des amerikanischen Klavierspiels stand – zugleich aber fast ins Antonale hineinreichende, ganz eigenwillige Kompositionen schuf.

    Diese Erkenntnis ist für mich absolut zentral. Ich meine es erst: Pop wieder an den Jazz zurückbinden.

  32. Bersarin schreibt:

    Klar spreche ich. Aber nicht in der Binnenstruktur der Musik, was die Komposition und die Ästhetik anbelangt, sondern als Phänomen der (vermeintlichen) Subversion und der Jugendkultur, etwa in all den Clubs rund um Saint-Germain-des-Prés. Literatur, Leben und Musik in jenem Paris der 50er Jahre, das damals bereits eine Art Klischee des Film Noir war. Stille Tage im Klischee sozusagen. Mich interessieren diese Verquickungen zwischen Musik, Kunst und Theorie. Beim Punk war das ebenso. Kippenberger etwa. Heute ranzt sich das herunter auf Ben Beckers schwachmatisches KIppie-Lied. Man könnte kotzen.

  33. che2001 schreibt:

    Ich verwende keinesfalls den Begriff „Pop“ synonym zu Poppern, wie ich ja auch „Rock“ nicht mit Rockern gleichsetze. Sondern ich unterscheide zwischen Pop als gesamtgesellschaftlichem Phänomen bzw. Popkultur und Popmusik. Begriffe ändern sich im Lauf der Zeit, mag ja sein, dass ich da nicht mehr up to date bin. In den Siebzigern unterschied das Verkehrsradio bei Stauwarnungen zwischen zähfließendem Verkehr, grober Zähflüssigkeit, Stop-and-Go und Stau, Begrifflichkeiten, die in dieser Trennschärfe heute niemand mehr kennt. Manisch-depressiv heißt heute Bipolare Störung. Und in der Zeit, in der Musik noch für meine Selbstidentifikation sehr wichtig war, in den Siebzigern und Achtzigern bezeichnete der Begriff Popmusik eine andere Musik als Rock oder Jazz, war definiert durch die Abgrenzung davon. Ich mache hier also mal eine Schlagworthalde auf, um auszudrücken, was ich meine.

    1) Pop bzw. Popkultur

    Mitte der Fünfziger Jahre, und es ist historisch bedeutend, dass das nach dem Ende des Koreakriegs war, der eine Zeitenwende markiert, kam eine soziokulturelle Bewegung auf, die das Faible für eine bestimmte Musik mit einem allgemeinen Lebensgefühl, Mode und einer in einem sehr weiten Sinne oppositionellen politischen Haltung verband. Ganz neu war das nicht, Vergleichbares hatte es in den Zwanzigern z.B. in Deutschland mit der Wandervogel-Bewegung, der Bündischen Jugend und selbst im NS mit den Wilden Cliquen gegeben, neu war aber, dass solche Strömungen zu kulturellen Trendsettern wurden. Zunächst waren die Beatniks in den USA und die Existenzialisten in Frankreich noch minoritäre, avandgardistische Strömungen von Intellektuellen und Künstlern (die hörten auch Jazz, vor allem Hard-Bop und Cool Jazz, die beide aus dem Bebop hervorgegangen waren), spätestens mit dem Rock`n Roll und dem Beat wurden das Massenbewegungen vor allem von Jugendlichen, für die die Identifikation mit dieser Musik, einer damit zusammenhängenden Art sich zu kleiden und zu frisieren und einem allgemeinen Hedonismus zum Ausdruck einer Revolte gegen den Lebensstil der Eltern wurde. Sexuelle Befreiung, anders leben wollen, Antiautorität und Musik gehörten von da ab zusammen. DAS IST POP. Und in der Folgezeit änderten sich die Formen des Hipstertums, die Musikrichtungen und die Moden, die Ziele der Revolte, auf Rock`n Roll folgte Beat, dann Hard Rock (worunter in den 60ern etwas völlig anderes verstanden wurde als heute, damals Stones und Doors), Opera Rock und Punk. Diese Musikrichtungen wurden zumindest zum Teil mit politischen Programmen verbunden, der frühe Punk war etwa explizit anarchistisch (Anarchy in the UK). Post Punkt bedeutete eine enorme Diversifizierung in New Wave, Heavy Metal, Classic Rock usw. mit jeweils auch unterschiedlichen Lebensstilen, aber die unbedingte Bindung eines Lebenstils an eine bestimmte Musik verschwand weitgehend.

    2) Popmusik

    Den Begriff Popmusik kenne ich hauptsächlich als Abgrenzung von Rockmusik. Mit Rock hat Pop die Rhythmik gemein, also den Beat, der sofort ins Tanzbein kracht, im Gegensatz zum althergebrachten deutschen Schlager (für den, Ziggev, ich nicht Frau Valente, Gitte, Udo Jürgens oder Milva für archetypisch halte, sondern Rudi Schurickes Caprifischer). Was die Pop- von der Rockmusik unterschied war die Sanftheit der Harmonien und die Tatsache, dass keine Rebellenhaltung eingenommen wurde, sondern eher das fröhliche Hier und Jetzt gefeiert wurde. Die Geburt des Pop würde ich bei den Searchers verorten, die mit „Eve of destruction“ und „Needles and Pins“ musikalische Meisterwerke schufen, die sich in ihrer harmonischen Komposition vom Grundsound der Beat-und Rockmusik absetzten. In der Folgezeit wurde Popmusik dann die sanftere, konsumierbarere Variante von Populärmusik auf RMB-Basis im Unterschied zum härteren Rock.

    3) Popper

    Also die habe ich so als den Prototyp der Yuppies erlebt, allesamt Upperclass-Arschlöcher mit in die Fressehaubedürfnis. Mit einer speziellen Ausnahme, schreib ich noch was drüber.

  34. Bersarin schreibt:

    @ che
    Nach Deiner Bestimmung im Hinblick auf Mainstream samt Gefälligkeit und als Gegenbewegung dazu dem widerständischen Potential in der Musik, insbesondere über die Art und Form der Musik – atonaler Krach etwa oder industrial, die nichts mehr mit schöner Melodie zu schaffen haben –, hat Deine Definition des Phänomens Pop sicherlich etwas für sich. Pop und Popper sind natürlich nicht das gleiche. Dies sehe ich ebenso. Allerdings waren auch da bei einigen Bands die Zuschreibungen nicht einfach: Bands, die nicht eindeutig zuzuordnen waren, zwar in der Punk-Szene agierten oder und doch aussahen wie Popper (von den Hard-Core-Punks um The Damned, Exploited, Crass bei Konzerten allerdings regelmäßig als Verräter verprügelt): Palais Schaumburg etwa, die mit den Stilen spielten. Und auch die Einstürzenden Neubauten hatten in einer bestimmten Punk-Szene der Crass-Hörer es schwierig.

    Weshalb ich den Begriff Pop dennoch für beide Weisen der mit Musik verbundenen Jugendkulturen verwende – sowohl die eher rebellierenden als auch den eher braven Jugend, die lediglich ihre Musik hören will: Weil dann genau jemand wie Madonna oder auch Disco-Musik eindimensional eingeordnet werden. Denn zu einer bestimmte Periode gehörte eben auch Madonna zum Widerstand gegen eine bestimmte Form von Musik – zumindest in ihren Zielgruppe. Und um Zielgruppen geht es beim Pop ja wesentlich, weshalb ich sämtlichen Pop auch den widerständigen der Sphäre der Kulturindustrie zurechne, selbst so unterschiedliche Bands wie Slime, Einstürzende Neubauten oder FSK. Bei Disco hatten wir diese Diskussion seinerzeit bei Momorulez. Für die Schwulenbewegung war Disco eine Möglichkeit und eine Form der Musik samt Habitus, Kleidung, Bewegung, Rhythmus, die Körperlichkeit auszuleben und sich diesseits des Macker-Rocks zu positionieren. Und insofern hatte es Gründe, daß in den USA eine bestimmte Gruppe von Homophoben diese Platten in Stadion kollektiv verbrannte. Disco und andere Musikstile, die wir von ihrem Sound her eher als harmonisch ansehen, bieten trotzdem Unterschlupf und Potential, um dort Subversives zu lagern. Wie weit das am Ende wirkt oder nicht vielmehr doch von der Warenzirkulation und vom Markt eingeholt wird, wäre ein Aspekt für sich. Auch Madonna fällt ja in diese Richtung mit hinein. Was zeigt, daß es mit den Subversionen im Pop nicht so einfach ist.

    Für das faschistische Deutschland muß man neben die wilden Cliquen natürlich auch noch die Swing-Jugend stellen, die tatsächlich durch die Art der Musik inmitten eines ordnungsneurotischen Systems mit mörderischem Zwangscharakter ihr Leben aufs Spiel setzte. Wie geschrieben: ich empfehle unbedingt den Katalog „Schock und Schöpfung“.

  35. che2001 schreibt:

    Das können wir auch ruhig nebeneinander stehen lassen, meine Popmusikdefinition ist ja auch nur als Genrebestimmung gemeint und richtet sich nicht gegen den Begriff der Popkultur an sich.

  36. ziggev schreibt:

    @ Che

    danke für die soziokulturelle Bestimmung; damit können wir m.E. zum derzeitigen Stand der Diskussion etw. anfangen:

    „kam eine soziokulturelle Bewegung auf, die das Faible für eine bestimmte Musik mit einem allgemeinen Lebensgefühl, Mode und einer in einem sehr weiten Sinne oppositionellen politischen Haltung verband.“ – – „… Sexuelle Befreiung, anders leben wollen, Antiautorität und Musik gehörten von da ab zusammen. DAS IST POP.“

    Und darauf können wir uns im Prinzip einigen. Vor allem: wir müssen nicht „Pop-Art“ mithinzuzählen, obwohl The Who & Frank Zappa manchmal „intellektuelles“ Geschwurbel abließen – selbstverständlich lediglich als Witz gemeint.

    Und es stimmt natürlich, Umfänge, Gehalte von Begriffen ändern sich mit und im Laufe der Zeit. Für mich gab es aber schon immer die zwei Bedeutungen: der Pop, gegen den sich Avantgardismen richteten; dann der Pop als der all dies umfassende Begriff. Ich bin aber dazu gekommen, den letzeren dem ersteren vorzuziehen. Denn jene „Avantgardismen“ stellten gewissermaßen einen „Verrat“ gegenüber dem ersten dar und waren somit nicht immer dagegen gefeit, sich der Peinlichkeit preiszugeben.

    Nik Cohn erzählt beispielsweise die Geschichte der Gruppe „Moby Grave“ mit „Avantgarde-Tendenz“, in die Colunbia 200.000 $ investiert hätte, mit all den „üblichen Tricks, Posters und Anstecknadeln“ usw. „Und was passierte: Genau nichts: das progressive Publikum war viel zu hip, um sich von so offensichtlichem Werbeschmus einwickeln zu lassen. Es fiel nicht darauf hinein. – Auf jeden Fall gibt es in der Underground-Szene einen beständigen Snobismus, das Gefühl, alles, was in den Charts ist, kann nicht besonders sein, (…)“

    „Wenn man den Bubblegum-Markt auch gewinnen kann, indem man einfach lauter schreit, sich protziger, auffälliger und vulgärer gebärdet als die Konkurrenz, so muss man doch die Avantgarde mehr aus dem Hinterhalt gewinnen, durch intellektuelle Schmeichelei, durch Andeutung, daß nur Leute mit feinstem Geschmack das angebotene Produkt zu schätzen wissen. Auf dieser Basis ist die Intelligentsia vielleicht noch leichter zu übertölpeln als die Teenies.“ – Geschreiben 1969, und genau das ist mein Verdacht: Im Pop ist Avantgarde eben doch bloß Pop.

    Zu J. Morrison: „Ein großartiger Sänger war er nicht, und die Doors waren keine besondere Gruppe – sie hatten ein paar Hard Rock-Singles gemacht, sie hatten ein paar beeindruckende Riffs drauf, sie konnten was, aber wenn man ihr Album genauer betrachtet, sind ihre Möglichkeiten begrenzt gewesen, und Morrisons mehr poetische Songs waren einfach schauderhaft (Hervorh. von mir, weil Zustimmung!).

    Wirklich, ein weiterer Fall, daß eine solide Rock Band – sexy aber nicht clever – ruiniert wurde von ihrer eigenen Zwangsvorstellung, Kunst machen zu müssen. Langsam wurden ihre Songs immer plumper, (…) Übersättigt von Exzessen fingen alle an zu gähnen, (…)“

    Wir können also festhalten, dass „Pop gegen Pop“ – wie ich Avantgarde-Pop nennen will – nicht erst in den 70ern oder den 80ern zu finden ist, sondern bereits Ende der 60er recht kritisch rezipiert wurde. Es ist aber ohne Zweifel richtig, dass Pop i.d. 80ern mit Bubblegum, Transistorradios und Plastik identifiziert wurde (also irgendetwas „künstlichem“ – im Gegensatz zu „echter“(?) Rock-Musik). Und eigentlich wurden diese speziellen Poptugenden ja von NDW wieder aufgegriffen, Mitschülerinnen von mir fuhren ´82 nach Berlin, um sich neonfarbene Strümpfe zu kaufen! Das war eine Pilgerreise und Kulthandlung zugleich! Bald begriff ich die Poesie, die all dem Plastik-Pop-Trash und dem „fröhlichen im Hier und Jetzt“ innewohnte. Irgendeine Cola-Dose, weggeworfen, am Wegesrand, die sich anfängt zu verfärben, ist Poesie, Pop-Poesie.

    Hier finden wir die Selbstreferenz im Pop, sind wir bei meiner lieblings Def. des Pop (die von mir stammt): Pop ist das Feiern, Darstellen, Ausleben und Erzeugen eines Lebensgefühls zugleich. Das Wesen des Pop lässt sich somit vielleicht am besten in der Pop-Hymne zusammenfassen. Beispiel: Madonnas „Holiday“

    Und natürlich Chuck Berry (Hail, hail Rock ´n´ Roll, Roll over Beethoven, usw.)

    Das „Grundlos-Froh“, das hier zelebriert wurde, faszinierte mich bald, und hier finden sich reichlich Beispile im Pop der 80er. Die insistierende Geste der Wiederholung, die immer nur bloß die Wiederholung meint – die die Zeit stehenbleiben lässt …

    Ich würde also über bersarins Argumente dagegen, Pop, wie von Dir vorgeschlagen, genremäßig (und an eine bestimmte Zeit und Rezeption gebunden) zu definieren, hinausgehen. Um bersarin beizupflicheten: man lese sichmal den Text von „Like a Virgin“ durch. Was mich bei Madonna ankotzte, war das Sex-Sells auf den Plakaten. Die Songs waren aber (zumindest am Anfang) durchweg gut. Allein eine Zeile wie „‚Cause we are living in a material world // And I am a material girl“ hatte schon ne eindeutige Aussage. Jedenfalls ließ ich mich ziemlich schnell von einer solchen Simplizität einfangen. Dabei bitte bedenken, dass ich eher aus der Greatful Dead, Allman Brothers, Johnny Winter, Ten Years After – Ecke stammte (der Jazz kam dann kurz darauf). Momente, die für mich alles änderten, waren Hendrix´ Band Of Gypsies (live), „Blaue Augen“ von Ideal und „Grauschleier“ (Es hängt ein Grauschleier über der Stadt/Den Deine Mutter noch nicht weggewaschen hat) und „Hutschläger“ (Das Telefon ist heiß / Das Telefon ist heiß, heiß, heiß, heiß) von Fehlfarben.

    Wie ich schon übern Techno sagte: Pop, der sich gegen Pop abgrenzt, solche Attitüden, stehen für ein grundsätzliches Missverstehen des Pop. Anstelle die Eltern, Autoritäten zu bekämpfen, wird die ganze Sache politisch: Wessen Revolte ist die bessere? So zu fragen ist, aus Pop-Perspektive, eine Sache von Intellektuellen, Selbstzerknirschungsdiskurs, um mit Hartmut zu sprechen. Ich plädiere also dafür, Pop als Gesamtphänomen sprechen zu lassen. „Pop gegen Pop“ ist bereits in den End-70ern, den 80ern eine altbekannte Konstruktion gewesen.

    Um aber mein Konzept aufrechterhalten zu können, muss ich mich fragen, warum der Pop erst mit dem Rock ´n´ Roll losging. Sonst müsste ich mich ja auf eine Bestimmung qua eines bestimmten Genres festlegen. Cohn sagt über die Anfänge folgendes:

    „Mit dem Rock ’n‘ Roll in der Mitte der fünfziger Iahre begann die moderne Popmusik. Sie war eine Verknüpfung von zwei Traditionen – dem Rhythm ’n‘ Blues der Neger, abgekürzt R&B, und dem romantischen Schnulzenggsang der Weißen, dem schwarzen Beat und der weißen Sentimentalität.

    Neu waren an ihr Aggressivität, Sexualität und der rücksichtslose Lärm, und das meiste davon kam vom Beat. Dieser war nämlich stärker und lauter als je zuvor, weil er elektrisch verstärkt wurde. Das wesentliche Element der Popmusik waren die elektrischen Gitarren.

    Sie gab es natürlich schon länger – seit Jahren wurden sie in der Jazzmusik benutzt, und auch auf einigen weißen Hits waren sie zu hören, bei Les Paul zum Beispiel. Aber nie zuvor hatten sie die Basis einer ganzen Musikrichtung gebildet. Grob, kraftvoll und unendlich laut tauchten sie auf wie musikalische Monstren des Raumzeitalters, und mit einem Schlag wischten sie all die unverbindliche Höflichkeit fort, die ihnen
    vorangegangen war.

    Von den dreißiger Iahren an war die Tanzmusik in der Ära der großen Tanzpaläste steckengeblieben – im goldenen Zeitalter der Big Bands, als alles gedämpft war, anheimelnd und sentimental, nichts als trügerischer Schein.

    Es ist eines der Klischeegesetze des Schaugeschäfts, daß alle seine Produkte rührselig werden, wenn die Zeiten hart sind. Und das waren sie damals während der Depression und dann im Krieg und in der Nachkriegszeit. Die Leute waren in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, und so trieb sie das Bedürfnis, sich im Dunkel der Tanzhallen aneinanderzuklammern, um sich gegenseitig zu ermutigen, um sich wenigstens
    dort sicher fühlen zu können. Auf die harte Realität draußen konnten sie ohne weiteres verzichten.

    Und genau das war, wie immer, die Situation, in der das Geschäft von Tin Pan Alley blüht. Lieder von Mondlicht, Sternenschein, Rosen und gebrochenen Herzen wurden eilig und in Massen produziert. Die Big Band-Musiker formierten sich und sahen aus wie die Pinguine, die Schnulziers klebten sich die zurückgekämmten Haare mit Pomade an
    den Kopf, der Hintergrundchor jaulte dazu «Uu-wah, uu-wah››, und alle Leute tanzten selig vor sich hin. Es war warm und gemütlich wie unter einer Wolldecke.

    Manchmal aber wehte auch durch die Tanzpaläste ein eigenartig frischer Wind, dann gewannen sie eine gewisse Unschuld (Hervorh. von mir, weil absolut zentral), (…) Wenn es jedoch schlecht war, und das war es fast immer, dann war es nur scheußlich.

    Meistens dauert eine solche Tanzmusikära ein paar Jahre, höchstens vielleicht zehn, aber diesmal zog es sich immer länger hin, und nichts, überhaupt nichts schien sich verändern zu wollen. Der Krieg schien alles einzufrieren. Er brachte den Big Bands einen zweiten Frühling, und zu Beginn der fünfziger Jahre stand endgültig alles still.

    Während dieser ganzen Zeit wurde die-Musikindustrie von ältlichen Geschäftsleuten kontrolliert, die an irgendeiner Veränderung nicht das geringste Interesse hatten,

    (…) Das Showbusiness überlebte aus Gewohnheit.“

    Nik Cohn berichtet dann von ersten Kravallen bei Frank Sinatra-Konzerten, der fast ausschließlich weibliche Fans gehabt habe …

    Mit dem Rock ´n´ Roll, so Cohn, begann die moderne (!) Popmusik. Wir müssen uns also nicht unbedingt an einen genreorientierten Gattungsbegriff halten. Natürlich war auch Jazz in einigen seiner Ausprägungen – die, wie es aussieht, Adorno im Blick hatte – Pop.

    Es ist schon klargeworden: Nik Cohns Buch „Pop History“ von 1969 ist nicht nur ein Standardwerk, sondern auch ein leider vergessener Klassiker.

  37. holio schreibt:

    Alan Posener heute für die Welt: „der Gegensatz wirkt heute angestrengt, künstlich, unerheblich. Wie der zwischen Beatles und Stones, Punks und Poppers,“

    Und: „Ein Reihenhaus ist ein Reihenhaus ist ein Reihenhaus“.

  38. Bersarin schreibt:

    Natürlich gibt es Oppositionen, die sind künstlich erzeugt, wie die zwischen Omo oder Ariel, zwischen Pepsi- und Coca-Cola. Im Pop beruht vieles auf bloßer Setzung. Ist aber andererseits auch der Sache geschuldet. Popper und Punks – da finden über Palais Schaumburg und andere Bands gewiß Übergänge statt.

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