Die Fiktion des Autors und der doppelte Boden der Erzählung. Vorblick auf Eduardo Halfons „Der polnische Boxer“

„Die Erklärung des Werks wird immer auf seiten desjenigen gesucht, der es hervorgebracht hat, als ‚spräche sich‘ durch die mehr oder weniger durchsichtige Allegorie oder Fiktion hindurch letztlich immer die Stimme ein und derselben Person ‚aus‘, nämlich des Autors.“ (R. Barthes, Der Tod des Autors)

Was ist die Instanz, die schreibt, wirkt und den Text webt? Welchen Teil einer Erzählung denke ich mir oder eben ein anderer als Instanz des Erzählers aus, welcher Part der Geschichte ist wahr, fand genau in der Weise statt wie ich es schilderte? Real life fiction. Oder ähnlich zumindest, in den Unschärfenrelationen, subtil oder strikt gebrochen gezeigt, prismatisiert oder gebündelt im Strahl, oder es löst sich diese Ebene des Reale ab und erhält ein ganz eigenes Maß, das sich von der Autorenarbeit freisetzt, denn wir kennen sie ja: Nietzsches Philosophie der Perspektivität, auf die sich nicht nur ein lebensweltlicher und auch philosophischer Pluralismus gründet, sondern genauso eine komplexe Ästhetik, die sich in den Fragen der wechselnden Stile (Nietzsche, der als eine Frau schrieb, so Derrida) und in ein plurales, mehrschichtiges Erzählens ausgliedert. Es geschieht in solcher Literatur die Auflösung jeglicher Gewißheit, Akira Kurosawas „Rashomon“ veranschaulicht dies als Film auf besondere Weise – zumal darin über den Blick des Zuschauers noch zwei ganz und gar unterschiedliche Kulturen in Korrespondenz treten, deren eine, nämlich die japanische, dem westlich geschulten Blick zunächst unverständlich oder zumindest schwierig anmutet. Es wird erzählt, und es ist jeder Teil des Erzählten gleichermaßen wahr und unwahr in eins. Die Film-Kamera will jenes „Es-ist-so“ beglaubigen, ihre Fahrt authentifiziert und ist doch zugleich nur das Bruchstück einer in sich verschachtelten Realität, die als plurales Narrativ in Facetten und Ausschnitten sichtbar wird. Und wie wir seit Nietzsche und Lacan wissen, kann man auch in der Wahrheit lügen, und es beruht ein solches Sprechen und Schreiben zugleich auf bestimmten Konventionen , die bekannt sein müssen, um einen Text oder einen Kommunikationsstrang (zunächst) lesbar zu machen.

„Dieser Ort ist nichts anderes als der Ort der signifikanten Konvention, wie offenbar wird in jener bitteren Klage eines Juden an seinen Bruder: ‚Wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg. Nun weiß ich aber, daß du in Wirklichkeit fahren willst nach Krakau. Also warum lügst du?‘“ (Jacques Lacan, Schriften II)

Paradoxien der Kommunikation, und es verstrickt sich auf diese Weise das Erzählen in eine merkwürdige Fabel von dieser Welt.

Wieweit können sich der Eigenname einer Figur oder einer Figuration und Autorenname decken? (Wir hatten diese Konstellation bereits bei den zwei Romanen von Aléa Torik durchgespielt, die als Autorin wesentlich mit dieser Aufspaltung oder Multiplizierung arbeitet.)

Muß eine Geschichte tatsächlich wahr sein oder sollte sie bloß wahr wirken? Konsistent gebaut eben, daß es in der Form nicht allzu laut klappert. Wir lesen, als sei diese Geschichte wahr. Literatur ist immer das große Als-ob. Immer noch sitzen wir mit einer Gesäßhälfte am Lagerfeuer. (Dieses Als-ob berührt die Struktur sowohl von ästhetischer als auch lebensweltlicher Erfahrung. Walter Benjamin beschrieb in seinen Essays „Erfahrung und Armut“ und in „Der Erzähler“, wie uns die Fähigkeit zu erzählen nach dem Schock des Erstens Weltkrieges abhanden kam.) Kann eine Fiktion sich am Ende einer Erzählung in der Tat als Wirklichkeit erweisen oder ist jede Wirklichkeit, alles was sich (auto)biographisch zutrug, Fiktion, sobald es in den Text transformiert und im Medium des Romans gewandelt wird?

Hier stellt sich sicherlich die Frage nach den Transmissionsriemen, und an dieser Stelle stehen wir mitten in unserer postmodernen Moderne – wobei freilich die Frage nach den Leistungen des Poetisierens und die nach der Figur des Poetisierens des Poetisierten samt einer Verknüpfung von Literatur und deren Kritik in der romantischen Transzendentalpoetik Schlegels bereits gestellt wurden. Es handelt sich insofern bei der Frage der Fiktionalität von Autor und Geschichte, die gleichsam die überlieferte Literatur auf den Kopf stellt, und bei der Kritik der überkommenen Romanform nicht nur um eine postmodernistische Spielerei, wie wir sie seit Mitte des 20. Jahrhunderts in unterschiedlichen Ausprägungen – seien es Queneau, Flann OʼBrien, Italo Calvino, Borges, Auster oder Pynchon – kennen, sondern diese Art des Spiels mit der Konstruktion weist weit zurück. Bereits in Cervantes „Don Quichote“ finden wir es. Der Erzähler ist nicht nur, wie es Thomas Mann zum Beginn des Zauberbergs jene schildernde, anonyme Instanz sagen läßt, „der raunende Beschwörer des Imperfekts“, sondern es thematisiert sich zuweilen dieses Erzählen als Erzählen im Medium der Literatur selbst – Autopoiesis und Selbstreferenz der Literatur. Manchmal geschieht dieses Erzählen von den Bedingungen des Erzählens ganz und gar verborgen, indem erzählt wird und dabei unter die erste Schicht des Geschilderten eine zweite gelegt wird.

Egal in welcher Variante uns die Narration der Welt begegnet: Erzählen heißt, wie wir wissen, eine Welt zu poetisieren, einen Rahmen zu erzeugen, eine Geschichte zu erfinden, die in genau dem Augenblick, wo sie erzählt wird,  wahr ist. Aber es liegt im Erzählen zugleich ein Geheimnis gebunden, das auf ein Gleiten und eine Region der Unschärfe verweist. Mit diesem Spiel des Geheimnisses, mit jener anderen Welt, die man dem magischen Realismus der südamerikanischen Literatur zuschreibt, mit jenem doppelten Boden, der freilich (manchmal) noch diese Dopplung reflektiert, strukturiert die Literatur der sogenannten Postmoderne ihre Texte – womit wir bei dem letztes Jahr ins Deutsche übersetzten Roman „Der polnische Boxer“ des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon wären, den ich in der nächsten Folge vorstellen möchte und wofür ich hier eine Art essayistische Einleitung schrieb.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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