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Kunst ist nicht für alle da. Dies sollte durchaus nicht ihr unfreiwilliges Schicksal sein, sondern formbewußt ihrem Entstehungsgrund eingegeben. (Botho Strauß)

Das kann man als elitäres Denken lesen. Immer beliebt, solch ein Vorwurf, von der demokratischen Volks- oder Kunstgemeinschaft geäußert, sobald jemand mehr einfordert als das gesellschaftlich Approbierte und sobald Kunst mehr als bloßes Entertainment ist, sondern als Arbeit sich erweist – eine lustvolle freilich. Vielmehr geht es diesem Denken um eine Kunst, die sich dem bloß Assoziativen, dem Zufälligen oder dem banalen Abfassen von dem, was gerade durch den Kopf wirbelt oder was der Alltagsfall ist, entzieht: Kunst ist Konstruktion und Bewußtsein von Form, und eine Literatur, die mehr als ein Aufschreibsystem der Gegebenheiten ist, reflektiert unter den Bedingungen der Moderne ihren Entstehungsgrund als Text mit, diesen dabei im selben Zug versinnlichend. Literatur – das ist Sinn(lichkeit) und Form. Und zugleich zerstört sie im idealen Fall die Sinnbezüge, um eine Welt nach ganz eigenem Maße zu schaffen. Dazu reicht es als Reflexionsreferenz freilich nicht aus, ein wenig im Aischylos, im Sophokles („Viel des Ungeheuren ist …“), im Homer, im Ovid, im Shakespeare, Proust oder anderswo zu wildern, die zweiseitengelesen im Buchschrank stauben, um des Grundes ansichtig zu werden oder dem, was unterschwellig wirkt und pulsiert wie unterirdisch der Vulkan, der selten nur ausbricht, aber dennoch die Erde in den Hitzestrom setzt. (Aber, aber: nichts gegen die gekonnte, verspielte Referenz und die Kunst als autopoietisches System, Literatur als Kritik der Literatur, wie es bereits F. Schlegel im Sinne einer Transzendentalpoesie entwarf, sofern solche Literatur nicht nur Effektmarke ist, um Belesenheit anzutäuschen. Die Grenzen sind nicht immer leicht auszumachen.)

Die Arbeit der Referenz bleibt, wird sie lediglich als Spiel von Assonanz und abgehackter Assoziation des Verschiedenen betriebsam durchgeführt, bloß leer und spielt ein selbstbezügliches Spiel. (Die wäre die schlecht verstandene Postmoderne – sofern man solchen Verschlagwortungen aufsitzen möchte.)

Die griechische Antike ist in der Tat der Maschinenraum unseres europäischen Denkens; die Poetik des Aristoteles der formale Urgrund von Kunst. [Wobei wir uns Europa zugleich als jene junge Prinzessinnen-Frau vorstellen müssen, die auf dem Rücken des Zeus nach Kreta verschifft wird. Tierlieb-fromm das Striegel-Fell fassend, auffahrend, Stierhoden, Stierraub, übers schäumende Meer die Lustfahrt, durch Tag und Nacht gleitend, die doch bloß die Lust des Mannes ist, als Raubzug bewerkstelligt. Dem die weibliche Verweigerung folgt. Auch dies ist als Mythos mitzulesen. Europa ist eine Frau, die sich dem Götterbegehren auf ihre Art wiedersetzte. Denn die Liebe, die Liebe, die höret nimmer auf. Allerdings läßt sie sich ebensowenig zwingen. Geraubte Küsse gibt es nur im Kino.] Wenngleich diese Poetik des Stagiriten in ihrer Sprache nüchtern und ohne ästhetisches Zierrat auftrat, teils dunkel zwar, dennoch analytisch und die Strukturen sichtend, wollte sie eine Bestimmung liefern, die dem platonischen Moment von Dichtung als göttlicher Inspiration des Dichters, wie Platon es im Dialog „Ion“ entwickelte, die Arbeit der Form entgegenstelle. Ganz und gar gegen den Musenkult gerichtet. Die erste Ästhetik, die nicht, mythologisch noch verhaftet, dem Ingenium des Dichters das Wort redete. Autorin oder Autor beseelt von einem ganz anderen her.

Inwiefern sind wir noch fähig, diesen Grund konsistent zu realisieren, in Sprache zu fassen und zu verstehen? Vom Begreifen einmal ganz abgesehen, wobei die meisten in diesem Verb nicht mehr das Substantiv Begriff (als Sprachform und als com-prehendere) lesen, sondern das Betatschen von Dingen. Sensorismus und Taktilität der Kunst als Erlebnisraum. Der Seinsgrund von Kunst stellt sich den Beliebigkeiten des Einfalls entgegen wie auch dem umstandslosen Zugriff. Wobei der Einfall, der als Assoziation oder Inspiration zugleich mit dem Moment des Nicht-Handhabbaren in Verbindung steht, in der Arbeit des Denkens immer in eine Form gebracht werden muß, wenn er sich denn realisieren möchte und nicht als bloße Geste oder als assoziativer Einfall, wie ihn allenfalls die Psychoanalyse noch zu deuten vermag, in den Raum der Lektüre gestellt wird. Absichtsvolle Inszenierung des Absichtslosen. Etwas, das wie natürlich und anmutig in sich selbst wirkt und das dennoch durch und durch poiesis, Gemachtes, in der Konstruktion Erzeugtes ist – das ist der Zauber der gelungenen Kunst. Wandlungsmoment und Transmission. (Insofern ist der Grund der Kunst zugleich ein magischer.)

Die Literatur ist demgegenüber vielfach blind geworden, und das Internet, jener Ort da alles sofort verfügbar ist, nährt leider eine Ubiquität des Schreibens, die jegliches Schreiben leer werden läßt und es in den Quasselton preßt. Keiner, der nicht ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur schreiben kann, die klingen, wie ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur klingen sollen. Doch es bleiben Textsimulationen, die Anmut und jenes absichtsvoll Absichtslose antäuschen. Aber es bleibt als Effekt durchsichtig. Wie in den 70er- und 80er Jahren Malen-nach-Zahlen bei Kindern hoher Beliebtheit sich erfreute, so gibt es heute ein gleichförmiges Schreiben, das nach Schablonen funktioniert. Literaturmarkt und Internet sind die zwei verschiedenen Ausdrücke derselben Form.

So vieles schwingt und tönt, und das liest sich wie zwischen literarischem Katzenkalender und Tieftauchversuchen von Tauchamateuren, die am Ende der Fahrt jedoch als Blasenblubbern sich erweisen. Unendliche Fahrt und Rausch erweisen sich lediglich als Surrogat.

Andererseits ist unsere postmoderne Moderne plural verfaßt. Neben dem streng gebauten Text eines Celan oder eines Grünbein steht der lyrisch-assoziative Ton eines R.D. Brinkmann oder Brasch, die freilich auch anders können. „Die Maßgaben der Kunst“ erweisen sich als brüchig. Das ist gut, wenn es darum geht, nicht mehr nach Regelpoetik und Formenkanon zu schreiben – was ebenso für die Literaturkritik (als eine Form der Kunst) gilt.

Vielleicht aber fraß sich dieses „Anything goes“, das als Slogan einer vulgären Postmoderne, die den Beliebigkeiten frönte – eines so gut oder schlecht wie das andere und jeder ein Künstler (was naturgemäß Humbug ist) –, tief ins Gemüt, und vielleicht sind ebenso der ästhetischen Kritik die Maßstäbe abhanden gekommen. Es lassen sich gegen oder für ein Gedicht von Benn, Bachmann, Brasch, Celan, Rühmkorf oder Grünbein so viele gute wie schlechte Gründe finden. (All das gegenwärtige Textschreiben von renommierten Autoren/Autorinnen oder auch von solchen, die nur das Internet als Publikationsort sich erwählten, ganz zu schweigen.) Daß der formale Aufbau eines Gedichts stimmen sollte, ist schon lange kein Kriterium mehr dafür, ob es glückte oder nicht. Wir haben die Gewichtung vom Werk weg und hin auf die ästhetische Erfahrung gelegt. Diese Verlagerung koppelt sich an das Geschmacksurteil, dessen objektiver Grund zunehmend uneinsichtig wurde. So bleibt es subjektiv und der Unterschied zwischen dem literarischen Katzenkalender und einem Brecht, Brasch oder Mayröcker ist ins Belieben gestellt – je nach Präferenz. Selbst die Sprache erweist sich selten noch als Kriterium. Wobei freilich – andererseits – die Kunst des ästhetischen Disputs nicht gering zu setzen ist, denn nur aus den kontroversen Diskussionen, sofern sie denn klug, geistreich, produktiv und mit Argumenten geführt werden, schält sich eine vielschichtige Interpretation von Text heraus, nicht im Unisono der Kritikerstimmen. Dennoch. Die „Maßstäbe“, sofern man diesen Begriff überhaupt wählen mag, sind im Rahmen der ästhetischen Kritik so brüchig geworden, wie auch die Kunst der Spätmoderne es ist.

Aber wir Dichter imitieren die fremden Töne, borgen vom Anderen. Kunst ist Mimesis. Kunst ist Bewußtsein von Form. Genau beobachtete Bilder, die nicht als Bild belassen und nicht eingängig gemacht werden, Kunst ist der Gegen-Ton, in Zeiten wie diesen sicherlich eher die hermetische Verweigerung und strikte Komposition von Texten, statt des Karen-Köhlerischen oder Hegemannschen Herangeschmeißes, wo es nicht einmal mehr an die Antike reicht, sondern auf dem Flachland dümpelt und die bedeutungserzeugenden Symbole und Szenen bewußt marktgängig und aufs Publikum geschielt, initiiert werden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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32 Antworten zu Members Only

  1. JimKnopf13 schreibt:

    Aber die „Schablonen“ aufzuzeigen – das wäre doch schon etwas für eine Literaturkritik. So eine Form der Kritik, die den Abstand von den Schablonen bemisst (um nicht Originalität zu sagen) oder den Grad des „Fehllesens“, mit Bloom gesprochen, lässt sich doch auch – und gerade – unter den derzeitigen Umständen praktizieren. Die Vorbilder sind vielfältig, die Töne sind vielfältig, was aber nicht heißt, dass jeder, der nun schreibt, einen eigenen Ton findet. Im Gegenteil, meist ist da nichts, kein Ton, geschweige denn ein Stil. Ohne eine eigene Ausdrucksweise aber kann ich einen Text vielleicht mögen, liebhaben und liken, jedoch nicht als ästhetisch gelungen beschreiben.

    (NB.: Aber die Literaturkritik, die Du hier betreibst, ist ja auch weit davon entfernt, keine „Maßstäbe“ zu haben, nicht zu wissen, wie die Form gewertet, gewichtet sein will. Von Deinem eigenen Blog schreibst Du gar nicht, oder? Sondern von „der“ Literaturkritik, wie sie allüberall getrieben wird!?! Das „wir“ verwirrt mich ein wenig… als wäre das Standortbestimmung, wo dieser Blog doch in anderen Gewässern unterwegs ist)

  2. bersarin schreibt:

    Ich schreibe über oder von einer bestimmten Literaturkritik, wie sie vielfach im Feuilleton der Zeitungen vorkommt. Diese Kritik ist stellenweise marktgängig und seicht, oftmals auch dümmlich und an der Oberfläche bleibenden, wie etwa die von Georg Diez, bei dem ich bis heute nicht weiß, wie eine solche Null damals in die „Zeit“ gelangen konnte. Oder aber – und das ist meist der Fall – es ist Literaturkritik einfach nur eine nichtssagende Zusammenfassung mit Sternchenwertung. Blogs lasse ich mal außen vor: es gibt extrem grottige, wo die Betreiber:innen ihre eigenen Befindlichkeiten und Anwandlungen als Maßstab und Nabel der Welt nehmen und gespreizt zur Schau stellen, ohne daß diese „Kritk“ irgendwie in der Sache gründet, und es gibt Blogs, die sich außerordentliche Mühe machen, wo man dann zwar nicht immer einer Meinung ist, aber zumindest doch inhaltliche Debatten möglich sind, weil ähnliche Ansprüche an die Qualität eines Textes gesetzt sind. (Wobei diese Ansprüche der Sache der Literatur eben nicht äußerlich bleiben dürfen.) Gleiches gilt beim literarischen Schreiben. Ich nenne, was die schmale Lyrik und die belanglose Prosa-Miniatur betrifft, keine Blognamen oder Blogger:innen, weil das ungerecht ist gegenüber den Ansprüchen. Blogs sind teilweise Übungs- und Skizzenbücher für größere Arbeiten, die dann schon als Buch veröffentlicht werden sollten. Anders sieht es in der professionellen Literatur aus, die auf den Markt gelangt. Als Beispiel mag hier der jüngst besprochene Erzählungsband von Karen Köhler dienen. Alledings schreibe ich selten Verrisse.

    Das, was ich mache ist nicht unbedingt der klassische Besprechungsartikel in einer Zeitung, der schnelle Informationen vermitteln muß, sondern es geschieht eher in der Form des Essays, der ausladender verfährt.

  3. bersarin schreibt:

    Wie alle diese von mir zunächst nur stichwortartig und formal kritisierten Aspekte inhaltlich und im Detail auszusehen hätten, kann man nur anhand bestimmter Werke zeige – eben indem man sich meine Buchbesprechungen nimmt und liest. Ansonsten bleibt es eher abstrakt. Eine komplexe ästhetische Theorie der Literatur zu schreiben – dafür reicht ein Blog nicht aus. Das kann nur ein Buch leisten. Allenfalls kann der Blog als Essay bestimmte Aspekte anschneiden oder umkreisen und in eine Art Versuchsanordnung bringen. Vielleicht auch konstellativ und kaleidoskopartig Details in eine Form bringen.

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    „Keiner, der nicht ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur schreiben kann, die klingen, wie ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur klingen sollen. Doch es bleiben Textsimulationen…..“ vollfiesefiesefiese, da fühle ich mich doch glatt angesprochen.
    Immerhin: Die Nähe der Kunst zum Dilettantismus – also zur Liebhaberei – macht die Gratwanderung aus. Auch die Nähe zum politischen Dilettant, nachzulesen in Th. Manns Jahrhundertessay „Ein Bruder“.

    Wahrscheinlich fällt dem Dilettanten das Texteverfassen leicht, dem Künstler schwer und genau das ist der Unterschied.

  5. Bersarin schreibt:

    Es ist sicherlich gemein, und ich selber möchte mich da mit meinem Schreiben einschließen. Was ich benennen will, ist diese Ubiquität und die Beliebigkeit. Jeder, der sich ein bis zwei Jahre oder auch Monate mit dem Schreiben beschäftigte, kann ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur fertigen. Um Warhol abzuwandeln und mit ein wenig Beuys zu vermischen: Jeder ist ein Künstler – und sei es auch nur für 15 Minuten.

  6. summacumlaudeblog schreibt:

    Und doch ist der Unterschied zum Dilettant schwer zu erkennen. V.a. weil man selbst sehr schnell in dessen Fahrwasser ist. Man sollte wahrscheinlich das Gesamtwerk nicht mitteln und dann beurteilen, sondern nur die beste literarische Leistung eines Autors bewerten, allem möglichen Dilettantentum, das diesen fiktiven Autor sonst „auszeichnet“, zum Trotz. Ein gutes Gedicht macht einen guten Autor – die 99 schlechten sind dann eben stillschweigend zu entsorgen.
    Nur leipziggestählte Textfabrikanten halten immer ihr (Mittel)mass. Sie haben halt die Fehlervermeidung begebracht bekommen – und so schreiben sie dann auch: Risikolose Fehlervermeidungsliteratur!

  7. JimKnopf13 schreibt:

    Das denke ich unbedingt! Man wird ja – gerade in der Lyrik – kaum einen Autor finden, der großartige Gedichte geschrieben hat, der nicht auch vollkommen verunglückte Gedichte verfasst hat. Rilke ist sicherlich kein schlechtes Beispiel dafür, sogar bei Stefan George findet man missratenes, bei Trakl komme ich gerade ins Grübeln, ob die These stimmt.

    Die meiste wirklich große Literatur geht wahrscheinlich ein gewisses (ästhetisches) Risiko ein – das kann schiefgehen. Fehlervermeidungsliteratur wäre aus der Sicht eine fatale Wertung.

  8. bersarin schreibt:

    Eigentlich geht es mir weniger darum, daß sozusagen jederman/jederfrau mal einen schlechten Schreibtag hat. Habe ich auch gerade, weil ich EBV-krank bin. Und es existieren von Rilke, Trakl, Brasch und von Benn Gedichte, die mittelmäßig sind. Das ist nicht das Thema. Thema ist vielmehr qua Internet die Allgegenwart von Texten und daß uns im Grunde jegliche jegliches Maß an Kritk abhanden gekommen ist. Nehmen wir ein Debüt wie das von Karen Köhler: Im Feuilleton hoch gefeiert, während andere Bücher von anderen Autoren in die dritte oder hinterletzte Reihe gedrängt werden.

    Ich weiß nicht, ob ein gutes Gedicht einen guten Autor, eine gute Autorin macht. Ich würde hier eher sagen: nein, denn in den wilden Assoziationen, im patchworkhaften Zusammenschustern, im Aufgreifen der besonderen Alltagsszene (denn Lyrik: das ist zunächst Verdichtung von Wirklichkeit) und in den Permutationen von Sprache findet auch das blinde Huhn ein Korn. Ein Autor wird gemacht, wenn aus dem Formwillen heraus die 99 schlechten Texte sich in gute transformieren. Und dann entsteht daraus ein Gedichtband mit 100 gekonnten, gelungenen, verspielten, verkopften, durchtriebenen, doppelbödigen Gedichten.

    Wo hier in der Kommentarleiste gerade ein Pingbäck zu Monika Zeiner sich befindet: dieses Buch ist ein wunderbares Debüt. Es ist, ohne banal zu werden, leicht erzählt, obwohl es Schweres und Trauriges transportiert. Es ist philosophisch aufgeladen, ohne daß man sich im bemühten Ton oder in artifiziell hochgeschraubter Sprache, deren Zweck man bereits im voraus ahnt, eines Mittelseminars wähnt und es ist vom Stoff her durchaus unspektakulär: eine verspätete Comming of Age-Geschichte im Studentenmilieu, wo man sagen kann: na ja, das ist – wie auch bei Köhler – auf eine bestimmte Ziegruppe geschielt. Aber bei Zeiner funktioniert das, anders als bei Hegemann, Köhler, Herrmann. (Deren erstes Buch allerdings ok war.) Zeiner versteht es zu erzählen.

    Ach, wenn all die Schreibschülerinnen und Schreibschüler aus Hildesheim und Leipzig ihren Thomas Mann doch nicht nur intensiv lesen, sondern ihn auch verstehen würden. (Wobei ich nichts gegen Leipzig gesagt haben will, denn dort kommt der großartige Clemens Meyer her.)

  9. summacumlaudeblog schreibt:

    Die Aussage „1:99“ war übertrieben-pointiert „gemeint“ gewesen. Auf keinen Fall gilt der Umkehrschluß. Ein schlechtes Gedicht macht noch lange keinen Dilettanten.

    Ich würde sagen, dass ein großes Werk, ein One-hit-wonder zumindest das Potential ahnen lässt. Warum es bei manchen nur zu einem großen Werk reicht? Vielleicht sind es einfach nur die Lebensumstände, die ein vollständiges Entfalten nicht zulassen (Geldverdienen müssen, Alkoholprobleme z.B.)

    Über die Zuschreibungen und das Hypen im Lit.-betrieb ist hier – auch von mir – ja schon viel geschrieben worden. Auch dieses Argument brachte ich vor längerem schon: Franz Kafka, Thomas Mann oder James Joyce sind in Leipzig oder Hildesheim einfach unvorstellbar. Auch wenn Clemens Meyer (und Juli Zeh) der Leipziger Kaderschmiede entstammen.
    Martin Lechner hat den zugesicherten Platz in Leipzig übrigens abgelehnt, und das beim Suchen nach einem Verlag wohl auch zu spüren bekommen.
    Grüße aus dem Dienst!

  10. Bersarin schreibt:

    Es ist richtig, daß ein gutes Buch, ein gutes Gedicht von einer Debütantin, von einem Debütanten das Potential ahnen lassen. Es existiert ungeheuer viel von diesem Potential, denn ale fühlen sich zum Schreiben berufen. Und im selben Zuge werden diese Möglichkeiten (häufig) durch marktstromlinienförmiges Schreiben kaputt gemacht. Selbst bei dem gar nicht schlechten Debüt-Roman von Katja Petrowskaja „Vielleicht Esther“ ist dieses Schielen nach einer bestimmten Marktgängigkeit qua Schreibweise des Buches anzumerken. Sowas kann dann nur bei der Ulla in Berlin erscheinen. Suhrkamp ist übrigens ebenso symptomatisch für dieses rein Marktförmige. Versuch mal dort noch die komplette gebundene Rilke-Gesamtausgabe zu bekommen. Njet, niente, nichts. Nur noch einzelne Bände. Gleiches gilt für Paul Valéry, für August Strindberg. Dieses Gerede von der Institution Suhrkamp ist eigentlich ziemlich absurdes Gewäsch, das künstlich erzeugt wird, um einen Anschein aufrechtzuerhalten, der lange schon vorüber ist.

    Und was die Literatur betriffet: nehmen wir einen völlig überschätzen Autoren wie R. Goetz, der einzig im Strom der Mode mittreibt. War gestern Techno, so schwamm Goetz mit, war vorgestern Theater en vogue, so war Goetz dabei, war vor 100 Jahren Provokation, so schnitt Goetz sich die Stiern auf, war es Mode, sich die Haare zu färben, so färbe Goetz sich die Haare. Seine ganze Prosa ist mäßig. Gehypt, dem Zeitgeist geschuldet lediglich.

    Ja, die Arbeit. Ulla Hahn riet angehenden Schriftstellern einem Erwerbesberuf nachzugehen und dann zugleich zu schreiben. Das ist anstrengend, das erfordert eine Entscheidung, Disziplin und eine zu treffene Wahl, die in den Zeiten der übersatten Erfüllung und im Zeichen der Kreuzberger Medienbohème niemand mehr einzugehen bereit ist.

    Weshalb sich der eine Schriftsteller entfalten kann und der andere es nicht so leicht hat, ist schwierig auszumachen. Sicherlich hat der Markt eine Funktion und im klassischen Feuilleton werden eigentlich nur die Bücher einiger weniger großer Verlage besprochen. Die happy few und immer die selben Namen. Als Rausreißer allenfalls mal ein Autor, eine Autorin aus einem Verlag, den kaum einer kennt. Ich selber mache es in meinem Blog nicht anders. Leider. Kenne allerdings auch zu wenige Schriftsteller. Ansonsten, wäre ich besser vernetzt, schriebe ich Besprechungen von wenig bekannten. Eine von Hartmut Finkeldeys Ostseeripper und von Matthias Grabows Hanna wären fällig.

  11. JimKnopf13 schreibt:

    Ich würde Summacumlaude gerne beipflichten: Nicht nur: „Ein schlechtes Gedicht macht noch lange keinen Dilettanten.“ Sondern ich denke sogar, dass hier tatsächlich ein Problem der Marktförmigkeit liegen könnte. In Hildesheim lernt man, zugespitzt, wie man eben keine schlechten Bücher schreibt. Also das, was Summacumlaude „Fehlervermeidungsliteratur“ genannt hat. Der Ton ist möglichst ein Berlin-Sound, ohne weitere Ecken und Kanten, der Plot ist realistisch etc. etc. Auf diese Weise vermeidet man jedes Risiko, jeden Fehler. Und das ist ja auch DAS Argument bei Verlagen: das verkauft sich doch nicht, also besser kein Risiko, keine Fehler, keine Wagnisse etc. Das wissen wir ja im Prinzip alles. Nur ist tatsächlich die Frage spannend, die Bersarin stellt, wie geht denn die Literaturkritik damit um? Was wird wahrgenommen, was fällt durchs Raster? Und warum? Und welche „Maßstäbe“ sollte man sinnvollerweise anlegen, um eben nicht in so eine Falle zu tappen, in der das, was ausreißt, chancenlos ist.

    Die Hinweise auf „Suhrkamp“ finde ich übrigens sehr interessant… ich würde mich bislang zu den Verblendeten dieses Mythos zählen, denen diese Dinge noch überhaupt nicht aufgefallen sind. Dankeschön!

  12. ziggev schreibt:

    vergleiche:

    „Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man urteilt; wir ziehen uns aber auch vom ‚großen Haufen‘ zurück, wie man sich zurückzieht.“ (Sein und Zeit, S. 127 – zitiert nach Wicki: Sein und Zeit, Seitenangabe von dort übernommen.)

    „Keiner, der nicht ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur schreiben kann, die klingen, wie ein Gedicht oder eine Prosa-Miniatur klingen sollen.“ bersarin, oben.

    die Ähnlichkeit jener Sentenzen fiel mir natürlich auf, weil ich mich kürzlich heimlich bei wicki über Sein und Zeit informierte. Intendiert, Zufall? (Manchmal kann es einem so gehen, dass man die Grundgedanken gewisser Philosophen schon so verinnerlicht hat, dass einem selbst das Zitat gar nicht mehr auffällt.)

    Ich ziehe hieraus den vorsichtigen Schluss, dass Heideggers Analysen des Man bzw. der Uneigentlichkeit nun doch weniger an die Entstehungszeit von Sein und Zeit gebunden sind, wie ich lange geglaubt oder mir jedenfalls als Lesehypothese vorgenommen hatte. Mit phänomenologischen Mitteln gewissermaßen Nietzsches Prognose bestätigt. Die Moderne, gerade noch im Begriff, erst ihr Haupt zu erheben, hätte einen ihrer ersten Kritiker gefunden. Nach WW I (ver)zweifelte man bereits an der Moderne, eine gewisse Radikalität fand Anhänger, eine Entschlossenheit zu einer Art „Unbedingtheit“, den ich als typisch für jene Zeit auszumachen vermeinte. Es sei z.B. vielleicht auch an DaDa zu denken.

    Eine solche Kritik Heideggers lässt sich jedenfalls wohl kaum früher als im 20. Jh. (oder vor Nietzsche?) geprägt denken. Gehört ja eigentlich in den anderen thread; aber hier hätte ich schon ganz gerne reingehört, in Heideggers Sound zw. WW I & WW II …

    Lustigerweise heute über Perlentaucher zwei Links zum selben Thema dieses threads:

    http://www.buchmarkt.de/content/61191-das-sonntagsgespraech.htm

    http://www.lesenmitlinks.de/buchmarkt-joerg-sundermeier/

  13. Bersarin schreibt:

    @ Jim Knopf
    Ärgerlich ist nicht so sehr das Verlagsprogramm von Suhrkamp, sondern der Mythos der Suhrkamp-Kultur, auf dem herumgeritten wird. Denn diese Suhrkamp-Kultur gibt es schon lange nicht mehr. Zudem hing diese weniger mit Suhrkamp, sondern mit einer bestimmten Zeitströmung zusammen. Schließlich war es nicht nur der Suhrkamp-Verlag, der seinerzeit ein ambitioniertes Programm fuhr.

    @ziggev
    Das Problem bei Heidegger ist, daß er in seinen Äußerungen über das Man den geschichtsphilosophischen Gehalt dieses Begriffs verfehlt und ebenso das, was dieser unter sich zu befassen vermeint. Vor allem aber bleibt Heideggers Denken kulturkonservatives Palaver und Ressentiment gegen die Moderne. Heidegger hat die Dialektik von Aufklärung Moderne nie begriffen oder zumindest in seinen Schriften öffentlich nicht entfaltet, was daran liegt, daß Heidegger primär aus der Phänomenologie und nicht von der Dialektik herkommt, die viel ausgeprägte als jene die Flüssigkeit und die Übergängigkeit von Begriffen aufzuweisen vermag: Daß die Moderne ein Janusgesicht besitzt. Daß mit ihren besten Kräften sich zugleich ihr Schlimmstes entfesselt.

    An welcher Stelle wir die Moderne ansetzen wollen, scheint mir nicht ganz einfach zu bestimmen. (Bei Heidegger wahrscheinlich mit Platon und Aristoteles.) Kam sie mit dem neuen Humanismus des ausgehenden Mittelalters, mit der Renaissance, mit dem Beginn der industriellen Revolution (also jener Sattelzeit zwischen 1750 und 1870), damit einhergehend mit der Französischen? Oder können wir sie als literarische Moderne, wie dies Adorno und Benjamin machen, in Frankreich in der Mitte des 19. Jhds ansetzen? Mit Baudelaire und Flaubert? Sicherlich gehört Heidegger in die Riege der Kritiker der Moderne. Leider ist es die der Klages‘ und Spenglers. Im Grunde also auch bei Heidegger nur ein etwas hochgestocheneres „Früher vor den Vorsokratikern war alles besser“. Aus genau diesen Gründen geht mein Plädoyer dahin, sich mit Heidegger weiterhin zu befassen, ihn aber gegen sich selbst zu lesen und ihn zu dekonstruieren, zu fragmentieren, wie ein Patchwork oder ein Mosaik neu zusammenzusetzen.

    Danke für die Links, ich werde diese mir in Ruhe durchlesen.

  14. ziggev schreibt:

    … Ihn aber gegen sich selbst zu lesen, das habe ich schon seit Jahren für Baghwan/Osho vorgeschlagen. Diesen hochgebildeten Inder (in Indien bestand das Philosophiestudium zu jener Zeit ja einfach nur darin, die Philosophiegeschichte, die er lehrte, zu lernen, deren Geschichte ist dort ja auch nicht zu jung) kann man, wenn man einfach den Eklektizismus weglässt, der ihm vorgeworfen worden ist und an dem sich seine Jünger unersättlich ergötzten, ganz leicht erkennbar auf den Kaschmirischen Shivaismus zurückführen, wo ja auch Tantra eine gewisse Rolle spielt. Wenn man ihn liest.

    Ich verstehe also nie ganz die Häme über die hirnlosen Esoterik-oder-Zen-Adepten, die versuchen, ihr Hirn zu entleeren, obwohl es ja gerade darum in der Meditation geht. Sollte es Missstände (Trippel-S, sorry, kann ich nichts dafür) in Eso-Szenen geben, dann ist leider Osho unerlässlich, um dieselben genau zu verstehen. Also: Osho gegen Osho lesen !!!

    Ist es aber wichtig, Heidegger zu lesen, destruierend, bitte!, weil er so vehement rezipiert wurde (die Analogie wäre die Bhagwan-Bewegung, die nicht wenige aber durchaus beklagenswerte Opfer zu verzeichnen hat!), wäre es also nicht vielleicht angebrachter, Heidegger wirklich immanent zu lesen, den muffigen Geruch seiner Zeit miteinbegriffen, und nicht, also es zu vermeiden, seine Rezeption gleich mit, die uns zu unserem unbegreiflichen Luxus, sich auf ihn berufend, auch noch die Mittel zur Destruktion mitliefert?

    ich vermute hier nen „Heidegger-Zirkel“ und werde mich, wie immer, wenn, dann ohne jede Schutzvorkehrung, jedem Text erbarmungslos ausliefern, . und bleibe skeptisch …

  15. Bersarin schreibt:

    Ich kenne jenen Osho nicht, weiß auch nicht, wie es sich bezüglich der ihm zugeschriebenen Äußerungen über Schwule verhält und ob sein Lob eines kruden Sozialdarwinismus tatsächlich in seinen Schriften oder Reden Platz fand. Allerdings halte ich es bei einem Philosophiestudium für angemessen, die Geschichte der Philosophie zunächst an Primärtexten zu studieren und dann verschiedene Autoren, die zur Geschichte der Philosophie schrieben, zu Rate zu ziehen. Selbst als Adorno nahestehender Philosophierender würde ich niemandem raten, nur die von Hegel und dazu noch Adornos Philosophische Terminologie zu lesen. (Empfehlenswert sind übrigens Blochs Leipziger Vorlesungen zur Philosophie in vier Bänden, da hat Bloch großes geleistet. Zudem auch sein Text zu Avicenna.)

    Der Unterschied zwischen Baghwan und Heidegger liegt sicherlich darin, daß die Heidegger-Adepten und -Jünger mitnichten Heidegger ihr Geld zum Bau von Schwarzwaldhütte in den Rachen warfen oder einen doch nennenswerten finanziellen Beitrag zum Kauf von Häkelgarn für Schwarzwald-Denkerkäppis leisten. (Manche Studentinnen damals dachten, als ich sagte, ich ginge zur Hegelarbeitsgruppe, ich würde häkeln. Soviel zum Bildungsniveau. Es wäre besser, wenn die Menschen, bevor sie sich den asiatischen Weisheitslehren hingeben und dann im trüben Nichts versinken, zunächst in die Geschichte europäischer bildender Kunst, Musik, Literatur und Philosophie sich einläsen.)

    Ob Meditation Philosophie ist, vermag ich nicht zu sagen. Es handelt sich sicherlich darum, daß hier eine Form von Wissen praktisch wird. Dann wäre allerdings auch der revolutionäre bewaffnete Kampf Philosophie, weil darin die Schriften von Sunzi, Clausewitz, Hegel, Marx, Lenin, praktisch werden.

    Zu Oshos Schriften vermag ich nichts zu sagen, da ich sie nicht kenne. Bei der Lektüre philosophischer Texte schlage ich immer diese Reihenfolge vor: Zunächst intensiv, Satz für Satz, Zeile für Zeile lesen. Soviel verstehen zu versuchen wie es geht. Das, was wolkig bleibt, im Hinterkopf behalten und weiterlesen. Sich zwar festbeißen, aber wo es nicht weitergeht, dann weiterlesen. Ab einer bestimmten Stufe, wenn ein erstes Verständnis da ist, kann mit dem Text diskutiert werden. Am besten mit anderen Leserinnen und Lesern zusammen, und so entwickeln sich anhand des Primärtextes Fragen und Problemstellungen, Aspekte, die dieser Text nicht realisierte, mögliche Fehlschlüsse. Abfragen zudem des Textes auf Gemeinsamkeiten, Gegensätze darin und Widersprüche. Sich die Strukturierung ansehen, den Aufbau. Sich fragen, wo der Text dynamisch und an welchen Stellen er statisch verfährt.

  16. ZEN schreibt:

    „Ich verstehe also nie ganz die Häme über die hirnlosen Esoterik-oder-Zen-Adepten, die versuchen, ihr Hirn zu entleeren, obwohl es ja gerade darum in der Meditation geht.“ (ziggev)

    Die verstehe ich auch nicht, wobei als Adepten verstehe ich mich nicht.

    Auch im Feuilleton wird viel zu viel hochgefeiert, das stimmt.
    Die FAZ-Werbung: „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ wird gerne mißverstanden: Der Leser fühlt sich geschmeichelt, da er nur all zu gerne glaubt, er wäre gemeint.
    Vermutlich ist es aber der Herausgeber, der sich mit dem Spruch auf die eigene Schulter klopft ;-)

  17. ziggev schreibt:

    bei dem, was Du schreibst, ist vieles wahre zu finden und sind berechtigte Fragen gestellt.

    vielleicht damit angefangen, dass es doch angeraten sei, sich zuerst einmal mit der abendländischen Traition auseinanderzusetzen. Dem stimme ich natürlich vollumfänglich zu. Ich habe unter Anhängern manchmal Leute getroffen, deren Bildungsstand bedauerlich gering war. Das waren Leute, die durch den „Guru“ zum ersten mal mit etwas in Berührung kamen, das zumindest entfernt mit Philosophie zu tun hat, überhaupt mal lasen und so z.B. mit der Textsorte des Kommentars – eines klassischen Textes aus dem Kaschmierischen Shivaismus oder des tibetischen Buddhismus – bekannt wurden. Es war dann so, dass sie überhaupt gar kein Bewusstsein davon hatten, dass Bhagwan auch mit kritischer Distanz rezipiert werden könnte, obwohl Osho ja indirekt geradezu dazu aufforderte, indem er sich selbst andauernd widerspricht und dies ganz offen zugibt. Das waren natürlich perfekte Opfer all der „kleinen“ Diktatoren, die sich bald überall aufspielten. Ich meine, eine solche kritische Distanz hätte geholfen, so manche himmelschreiende Dummheit, die jene Diktatoren von sich gaben, zu durchschauen. Bildung soll ja ermöglichen, eine solche zu entwickeln. In der Tat: Zivilisationsflüchtlinge, wie es verschiedentlich hieß.

    Andererseits ist Bhagwan ja im Verhältnis zum damaligen Indien fast schon „westlich“. Die Techniken sind bei Abwesenheit irgendeiner „Lehre“ dazu gedacht, dass auch Westler Bekanntschaft mit Meditation machen können, sich in Religiösität ohne Religion(!) zu üben. Für Leute, die zwischen Broterwerb und grauem Alltag eingezwängt, möglichst effektiv sich für Meditation öffnen wollen. Der ganze asiatische kulturelle Background wird mehr oder weniger als Ballast angesehen. Osho führt Jesus, Nietzsche, Freud, Reich, Hegel, Berkeley – sogar Heidegger – an. Manchmal arg verkürzt (Heidegger, „one of the most importend european Philosophers“), so dass tiefere Kenntnis unerlässlich wäre, um seine Kommentare im Verhältnis zur abendländischen Tradition richtig einschätzen zu können. (Oder auch um zu bemerken, dass er die Anekdote von Diogenes und Alexander dem Großen großzügig ausschmückt.)

    Auch verlangte er Intelligenz, die, wie die Dinge liegen, nur im eigenen Kulturkreis entwickelt werden kann, zeigte sich regelmäßig genervt von Dummheit/Dummköpfen. Meditation verlangt Intelligenz.

    Auf direkten Sozialdarwinismus bin ich nicht gestoßen. Allerdings hat er für jemanden wie Mutter Theresa nur Hohn und Spott übrig. Spirituell sei da null Komma Nichts zu holen, er bezweifelt ihre Aufrichtigkeit. Der Korrutionsskandal von vor ein paar Jahren scheint ihm recht zu geben. Er bringt das Standart-Argument gegen Armen-Hilfe: Letzlich würde ihnen nicht geholfen, das könnten sie nur selbst (so in etwa). Das aber ist Politik, und es kann sich jede/r selber eine Meinung bilden. Auch hier bin ich allerdings auf die Auswirkungen von mangelnder Bildung gestoßen: Leute, die sich das unbefragt zueigen machen. Ein besonders peinlicher Fall: Peter Sloterdijk …; wie auch z.B. manche sich dazu berufen fühlen, sich Oshos recht harsche Kritik an den Verhältnissen in Indien anzueignen, ohne zu bemerken, dass es etwas anderes ist, wenn ein Inder Indien kritisiert, als wenn es z.B. jemand aus Europa tut.

    Ich glaube, hier kann man durchaus auch eine Prägung durch indische Verhältnisse mit in Rechnung stellen. Er stammte aus einer Familie von Tuchhändlern, wahrscheinlich also aus der Händler-Kaste (natürlich kritisiert er das Kastensystem). Und es wurde behauptet, dass er während seiner Zeit als „reisender Therapeut“ irgendwann Geschmack am Luxus gefunden hätte, da er von hochstehenden Persönlichkeiten und eben Reichen Leuten eingeladen wurde, bei ihnen eine Zeit lang zu wohnen (in „Live of Osho“). Bis dahin hatte er in einem kleinen mit Büchern vollgestopften und unaufgeräumten Zimmer gehaust. In einem solchen Fall rät er, das Licht soweit abzudunkeln, dass der Dreck nicht mehr zu erkennen ist. Eigener Auskunft zufolge hatte er nicht einmal irgendwo ein Bankkonto. Die 99 Rolls Royce´ sind natürlich als Kommentar zu einer Moral des Verzichts zu verstehen gewesen, der er die Zunge rausstreckte. Ihm schwebte eine Synthese von Buddha und Zorba The Greek vor. Was hätte der auch mit all dem Geld anfangen können? Er saß – zumindest während der Zeiten in Poona/Poone – die meiste Zeit in seinem fast leeren Zimmer in einem kleinen Häuschen, neben einem kleinen Bücherregal, las Zeitung oder saß da einfach nur herum, wenn er nicht seine Discourses abhielt oder kleine Gruppen von Leuten im persönlichen Gespräch empfing. Ach ja, er fertigte kleine Bunststiftzeichnungen an und hatte eine ziemlich umfangreiche Bibliothek.

    Homosexualität nennt er in einem Atemzug mit Perversion. Auch hier wäre möglicherweise die indische Herkunft in Anschlag zu bringen. Sicherlich spielt auch das Konzept der Tranformation von Sexualität, das offenbar aus dem Kaschmierischen Shivaismus stammt, eine Rolle und die große Bedeutung von Devi, also Shakti, der weibliche Aspekt vieler indischer Götter. Homosexualität ist spirituell nicht vorgesehen.

    Wie gesagt, Sozialdarwinismus kenne ich da nicht. Aber er baute z.T. in späten Jahren merklich ab. Das kann mit verschiedenen Krankheiten zu tun haben; oder mit seinem Lachgaskonsum. Der Autor von „Life of Osho“, das seltsamerweise nicht mehr im Netz zu finden ist, hält denselben für erwiesen, berichtet von hinter seinem Haus sich aufstapelnden Ampullen. Dieser Autor scheint allerdings mit ihm eine Rechnung offen gehabt zu haben – was ihn nicht davon abhält, von seiner großen Bewunderung und von einer höchst seltsamen Bewusstseinsveränderung in O.´s Gegenwart zu sprechen. Oshos später humpelnder Gang scheint ein Symptom zu sein, das den Lachgaskonsum nahelegt. Auch die Co-Abhängigkeit zw. ihm und den Sannjasins scheint ihren Teil beigetragen zu haben.

    Und aus dieser Zeit stammen auch die bizarrsten Einlassungen Oshos. (Die frühen Discurse sind auch die besten.) Z.B. ist sein „Discourse“, den er nach der Gefängnisodysse in den USA in Athen hält, eher mitleiderweckend. Und, besonders schockierend, er ergeht sich in Menschenzüchtugsphantasien. Meditierende sollten intelligent sein. Es könnten also in seiner Sekte intelligente Menschen gezüchtet werden …

    Meditation kann jedenfalls helfen, die Intelligenz zu schärfen. Durch Achtsamkeitsübungen wird es möglich, die Affekte und das Denken besser zu kontrollieren, indem gelernt wird, die Gedanken einfach nur zu beobachten. Dadurch verlangsamt sich der Bewusstseinsstrom und dünnt immer mehr aus. Ein Nebeneffekt ist, dass dann nach der Meditation es leichter fällt, sich zu konzentrieren, was auf der Erfahrung beruht, wie viele kindische und überflüssige Gedanken das Alltagsbewusstsein bevölkern. Es gibt sogar Techniken, durch die man das Träumen zu kontrollieren lernt. (hab´s ausprobiert – funktionierte) Meditation ruft nicht selten Euphorie im Sinne des Grundlos-froh hervor, bei Osho oft mit körperlicher Aktivität verbunden, kathartischen Techniken … die auch schon mal dazu animieren können, beim Abwasch zu Tanzen, also mit dem Arsch zu wackeln, womit soll man denn sonst tanzen?, – zur Freude meiner damaligen Freundin. Kein trübes Nichts, in welchem man versinken würde.

    Zu den Primärtexten: Es ist nicht leicht, sich im Pali-Kanon zurechtzufinden. Z.B. die Lehrrede Buddhas zur Achtsamkeitsmeditation, die Erich Fromm in „Vom Haben zum Sein“ anführt, dann im Katalogsystem i.d. Uni auch tatsächlich zu finden, erfordert schon Geduld. Hier sind wir bei einer anderen Schwierigkeit, weshalb Dein Vorschlag, wie an einen philosophischen Text hearanzugehen wäre, auch bei Bhagwan schlecht anzuwenden wäre: Ich vermute, weil Buddhas Reden ein paar Jahrhunderte auswendig gelernt und müdlich weitergegeben wurden, wimmelt es nur so von Redundanzen, die das Auswendiglernen erleichtern sollten. So findet sich eben auch bei den frei gehaltenen Vorträgen des „Gurus“ sehr sehr viel Redundantes.

    Und etwa von Tilopas Gesang oder dem Vijnana Bhairava Tantra erfahren wir ja erst durch Bhagwan. Wahrscheinlich auch von den vielen oft recht kurzweiligen Zen-Anekdoten. Er scheint, bildlich gesprochen, immer, nach einer Frage oder einem vorgelesenen Abschnitt, einmal tief Luft zu holen, und beginnt dann oft: „Zuallererst muss verstanden werden, dass …“, nicht selten gefolgt von einem „für jedes X gilt Y“ oder „Y ist der/die größte (oder ein anderer Superlativ) …“ Diese Allaussagen oder Superlative, die sich durch alle seine Reden ziehen, stehen allerdings nicht im Widerspruch zueinander, soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, da ist er also doch konsistent. Dann kommt eine weitschweifige Erläuterung, gespickt mit Witzen und Anekdoten; aber er bleibt beim offenbar vorher festgelegten Konzept und verliert – fast – nie den Faden.

    Das Projekt, Bhagwan philosophisch zu rekonstruieren, ist kaum zu realisieren, weil Aussagen z.B. zur Identität von Körper und Geist meist als Behauptungssätze auftreten und über das ganze Werk vertreut sind. In Zeiten des Internets ist es aber möglich, Quellen, zum Beispiel den Kaschmierischen Shivaimus, aufzufinden. Bei letzterem finden sich dann viele Entsprechungen. Da es sich um indische religiöse Systeme handelt, scheint mir dennoch eine philosophische Rekonstruktion nicht unmöglich. Sie aber im Sinne abendländischer Philosophie durchzuführen, würde – da gebe ich Dir natürlich recht – eingehende Kenntnis derselben voraussetzen. Z.B. findet sich eine, wie ich finde, höchst lesenswerte „Philosophiekolumne“ im Merkur, Heft 12. Dez. 2014 zum Thema und Adornos diesbetreffende Dialektik. Auch könnte Alfred Noth Whiteheads Philosophie des „Ereignisses“ gegengelesen werden, welches mit dem buddhistischen Dharma im Zusammenhang gebracht wurde. Auch könnte überprüft werden, inwiefern etwas dran ist, dass Heidegger mit dem Taoismus in Verbindung gebracht wurde. Natürlich nur in erster Annäherung. Osho ist hier einfach eine reiche Quelle (zugegeben: an Interpretationen).

    Meditation ist bei Bhagwan weniger praktische Philosophie als praktische Religiösität – ohne Religion, Theologie spielt nur eine nebengeordnete Rolle. Es geht eigentlich immer um Praxis. So sei die Lehre vom Schleier der Maya nicht philosophisch aufzufassen, sondern praktisch. Im Wicki-Artikel zum Kaschmierischen Shivaismus finden wir dann den Satz: „Die Welt stellt sich hier nicht als eine Illusion (Maya) wie im Advaita-Vedanta dar, sondern die Wahrnehmung der Dualität wird als die Illusion angesehen.“ Meditation ist eher ein Mittel, um gewisse Lehren existenziell zu überprüfen. Z.B. dass der „Verstand“ (mind) ein automatisierter Prozess sei, den man aber kontrollieren könne. Die Überprüfung ist aber nicht das Ziel. Die „Lehren“ können als Suggestionen dienen. Dass etwa Gedanken, emotionale Regungen nicht eigene Gedanken und Stimmungen sind, eher Gäste, die kommen und gehen, kann als Suggestion dabei helfen, „seine“ Gedanken lediglich zu beobachten ohne sie irgend zu bewerten. So halte ich es jedenfalls mit jenen „Lehren“. Es ist alles ein Spiel. Heiterkeit, so hieß es wohl einst, sei eine typisch philosophische Geisteshaltung.

    ————————-

    Deine Leseanleitung philosophischer Texte entspricht ziemlich meinem Naturell. Anstreichungen in einem Text mache ich grundsätzlich nie (und wenn, dann bereue ich es meistens) bei der ersten Lektüre. Erst wenn ein (partielles) Grund- oder Vorverständnis da ist und ein Wissen darüber, was nicht oder schlecht verstanden ist, mache ich frühestens bei der zweiten Anstreichungen im Text. Das ist freilich etwas zeitraubend; wäre ich im Gespräch mit Leuten zum selben Text, würde ich es vielleicht anders halten.

  18. Bersarin schreibt:

    @ Zen
    Um das zu verstehen und auszudrücken, bedarf es eben des Hirns, und um die Zusammenhänge zu begreifen eines klugen Kopfes. Das freilich ist nicht jedem gegeben.

    @ ziggev
    Danke für die umfangreichen Hinweise zu Osho.

    Davon einmal abgesehen, daß es mir als Philosoph schrecklich erschiene, wenn sich in meinem Namen hunderte oder tausende zusammenschlössen, was ja ebenso für die drei Buchreligionen gilt, scheint es mir richtig, daß Meditation nicht dazu dienen kann, als einziges Ziel das gestreßte, funktional gestörte Ich des Westlers wieder ins Gleichgewicht zu bringen, damit es wieder arbeitsam die nötige Leistung bringt. (So „work hard – play hard“-mäßig) Mediation ist eine Praktik, die in einen kulturellen Rahmen und in ein bestimmtes Denk-System eingebunden ist. Zumindest sollte im Umfeld und in der theoretischen Reflexion der Meditation ebenfalls die Frage nach deren Funktion innerhalb einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft gestellt werden.

    Ja, Meditation und Erkenntniskritik, so könnte man diese Haltung als eine Form der Praxis nehmen. Diese Meditation im Sinne der indischen oder asiatische Lehre auszuüben, setzt jedoch für mich und wohl für die meisten Europäer eine intensive Kenntnis jenes anderen Kulturraumes voraus, was bedeutet, darin eine bestimmte Zeit auch gelebt zu haben. Am besten mitten unter den Menschen und dann in einem Zen-Kloster. Meist fängt man auch dort, wie man mir sagte, als Geringster an und säubert Klos, putzt und lernt in Praxis. Die Praxis der Mediation verweist zwangsläufig auf eine kulturelle Praxis. Wobei Meditation ebenso dem christlichen geprägten Raum nicht fremd ist. Siehe etwa die in Europa nach der Mode der asiatischen Meditation sich einstellende des christlichen Pilgerns und des auf eine bestimmte Dauer begrenzten Lebens in der Zelle eines Christenklosters.

    Was all diese Formen des Meditierens zeigen, ist zum einen Verlust von Sinn, der (vom Westler) in einem leicht exotisch Angehauchten gesucht wird, und damit korrespondierend ein Übermaß an Zeit, das nicht mehr sinnvoll ausgefüllt ist, weil die wenigstens noch als Bauer der Natur das Leben abtrotzen müssen oder als Arbeiter mit wenig Lohn einem 12-Stunden-Arbeitstg nachgehen oder als Bürger unablässig geschäftig ihr Geld vermehren. Zudem zeigt es, daß das Wesen Mensch einen Hang zum Spirituellen zu besitzen scheint, sofern Geist und Körper noch nicht genug geweitet sind, um in der dialektischen Einheit der Philosophie zu bestehen und diese Entgrenzung, Kontemplation und Konzentration auf Körperpunkt und Text zu vollziehen.

    Für meinen Teil ist die Lektüre Hegels oder Aristoteles‘ und anderer Philosophen solche Meditation. Freilich ohne den zenschen Hirnabbau. Denn, um von der Meditation zu berichten oder diese Erfahrung zu kommunizieren und damit lehrbar zu machen, bedarf es eben beider Dinge: Der (meditativen) Praxis (denn Schwimmmen lernt man nicht ohne denn Sprung ins Wasser am Beckenrand) und der diskursiven Sprache, die qua Hirn, qua Sprache und Begriff, die Vermittlungsleistungen erbringt. Ein wenig also strukturiert wie das Verhältnis von Kunst und Philosophie. Denn in gewisser Weise ist auch Kunst eine solche begriffslose, ichauflösende Meditation und bedeutet sowohl in der Produktion als auch in der Rezeption (zu einem Teil zumindest) Eintauchen. Sich ins Werk zu versenken, wie es heißt. Was zum Inhalt hat, in einem Museum nicht 40 Bilder abzuschreiten, sondern sich eines oder zwei stundenlang zu betrachten.

    Daß die Ärmsten der Armen sich nur selber helfen können, ist richtig und falsch zugleich. Ohne jemanden, der Hilfe zur Hilfe bietet und ohne theoretisch und praktisch geschulte Köpfe wird die Organisation der Armen, der Arbeiterinnen und Arbeiter kaum möglich sein. Das gilt für Indien als auch für Europa oder Amerika. (Wobei ich in diesem Zusammenhang nun nicht für Mutter Theresa optiere.)

    Mit den Überlieferungen zu bestimmten Lehren Buddhas verhält es sich vermutlich ähnlich wie mit denen der Reden und Taten Jesu. Was in den Evangelien berichtet wird, muß vermutlich mit einem Maß an textkritischer Skepsis betrachtet werden. (Was kluge hermeneutische geschulte Theologen in ihrer Exegese eben tun.) Das wäre in etwa so, als wenn uns die Texte von Marx einzig durch Wiedergaben von Willy Brandt und Helmut Schmidt zugänglich wären.

  19. ZEN schreibt:

    Um „das“ zu verstehen und auszudrücken und um die Zusammenhänge zu begreifen, lade ich jeden gerne ein auf meine Seite ein, um dort den Weg zu studieren.

    Auch wenn noch nicht alles dort fertig gestellt ist, aber wann ist sowas auch schon, kann zumindest erkannt werden, wie „im Umfeld und in der theoretischen Reflexion der Meditation ebenfalls die Frage nach deren Funktion innerhalb einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft“ ganz individuell für den Zustand verstanden werden kann.

    (http://neu-staat.jimdo.com/weitere-themen/gemeinwohl-politik/, http://neu-staat.jimdo.com/weitere-themen/eigentum/ und auch ganz wichtig: http://neu-staat.jimdo.com/der-staat/16-staatliche-kommunikation/)

  20. ziggev schreibt:

    natürlich wird immer wieder kolportiert, dass O. dazu überredet werden musste, ein Ashram zu gründen. Er wollte nicht. Denn eine Lehre konnte es nicht geben. (Ich persönlich glaube daran, es könnte allerdings eine spätere Hinzufügung zur Osho-Story sein, um ihn von den späteren, haaresträubenden Vorfällen reinzuwaschen.) Dann kamen die Psycho-Leute aus Europa (in deren Gefolge dann Sloterdijk); und um so ein Ashram zu unterhalten, muss Geld her; daher dann die „Workshops“ und der eklektizistisch-postmodern-beliebige Mischmasch aus westlichen Psychotechniken und O.´s Techniken, die sich aus Elementen zusammensetzten, die er von seinen ersten Schülern sich abgeschaut hatte, wenn er sie bei seinen frühen Vorträgen dazu aufgefordert hatte, z.B. zu tanzen, um insgesamt etwas gelöster zu sein.

    Natürlich kann Meditation helfen, das „funktional gestörte Ich des Westlers wieder ins Gleichgewicht zu bringen, damit es wieder arbeitsam die nötige Leistung bringt. (So “work hard – play hard”-mäßig)“. Das haben ich und mein funktional gestörtes Ich genauso gemacht. Vielleicht darf ich aber erwähnen, dass das Gesunden vom „Burn Out“ und depressiver Episode einfach eine 1 1/2-Jahre währende Dauerparty (ohne Drogen) gewesen ist.

    Davon aber ab: Es ist ja nur allzu berechtigt, zu fragen, welche Funktion Meditation in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft haben kann. Und was „work hard – play hard“ angeht, ist die Diagnose klar. Was Osho jedoch betrifft, muss man wissen, dass er von früher Jugend an ein Rebell gewesen ist. Ich vermute (klar erzählt er auch entsprechende Anekdoten), dass sein Rednertalent ihm zur Philosophieprofessur mit verhalf. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass, nachdem er zwei Messerstichattacken überlebt hatte, offenbar ausgeübt, weil er für eine (spirituelle) Befreiung der Sexualität – insbesondere der Frauen in Indien – eingetreten war (das war vor dem Ashram), ihm die Ideen der „Hippie“-Generation entgegen kamen. Die Techniken enthalten oft kathartische Elemente, Schütteln, Tanzen, Sitzen, Liegen; chaotisches Atmen; sinnlose Silben von sich geben (Quatsch reden)… jew. ne 1/4 Stunde lang, Lachen – es sollte darum gehen, gesellschaftliche „Konditionierungen“, „Programmierungen“ abzuwerfen. Er wollte einen „neuen Menschen“: Ein spiritueller Rebell! Für den Westler, sich einfach nur hinsetzen und Versenkung üben? Allerhöchstwahrscheinlich keine Chance! Womöglich fressen sich Verhärtungen nur noch tiefer hinein, es grenzt schon an Masochismus, sich ihrer auch noch bewusst zu werden – ohne etwas dagegen zu tun zu können, außer abzuwarten.

    Meditation kann dich stromlinienförmig machen. Ok., stimmt. Sie kann dich aber auch erkennen lassen, dafür sensibilisieren, was die Gesellschaft vor hat, dir anzutun. Meditation kann dann ein Schutzmechanismus sein, aber auch eine Stärkung, um gewisse Mechanismen zu unterlaufen, um ein Bewusstsein von Widerstand zu kultivieren, weil du weißt, dass „die Kultur“, „die Gesellschaft“ dich in deinem innersten Kern zerstören will.

    Jemand wollte Schüler eines Meisters in seiner Einsiedelei in den Bergen werden; ihm war aufgetragen worden, Frau, Kinder, sonstige Verpflichtungen, Freunde, zurückzulassen. Als er den Meister besuchte: „Ich hatte Dir doch aufgetragen, alle zurückzulassen, hier aber wimmelt es wie auf dem Marktplatz, wo Du jetzt hier bist!“ – Es wimmelte natürlich nur so in seinem Kopf: No Chance!

    Einfach nur „auszusteigen“, was ohnehin eine Illusion ist, bringt spirituell nichts, nicht für diejenigen, die nicht von früh auf mit einer Kultur verwachsen sind, in der der Weg in die Einsiedelei noch gangbar, ein Teil derselben ist, und die Vorbereitung auf so ein Projekt eine lebendige Praxis innerhalb derselben.

    Und (bzw. aber): Meditation ist eine asoziale Praxis. Genau aus diesem Grunde seien Ashrams eingerichtet worden, – weil der Zustand eines Meditierenden kurz vor der „Erleuchtung“ – was immer das auch sei und falls es soetwas überhaupt gibt – nicht von dem eines Wahnsinnigen zu unterscheiden sei. Erfahrene Leute sind dann dabei und leiten alles in die richtigen Bahnen.

    Du, bersarin, sprichst als abendländischer Kulturmensch, und ich schätze es über alle Maßen, dass es solche überhaupt noch gibt; aber vielleicht ist es doch eine Projektion, daraus, dass notwendig Meditation eine Praktik ist, „die in einen kulturellen Rahmen und in ein bestimmtes Denk-System eingebunden ist“, zu schließen, dass Meditation, wie seit Zeiten vor Buddha gelehrt, alleinig in dem entsprechenden kulturellem Rahmen funktioniert bzw. möglich ist. Eine Projektion, weil Du als abendländischer Kulturmensch einfach nicht anders kannst, als Dir die Achtung vor einer anderen, sich von Deiner unterscheidenen Kultur abzunötigen, weil ohne Mühe, Anstrengung es nunmal nicht passieren wird, dass jemand die Früchte der eigenen, der abendländischen, die zu ernten in der Tat dann ja möglich ist, genießen wird. Ich unterstelle Dir keine Eitelkeit. Aber einen gewissen Respekt nötigt sie einem doch ab, die abendländische Kultur, Aristoteles, Platon, …

    … Hier hast Du allerdings den Finger in eine nicht geringe Wunde gelegt. Ich sehe ein, aussteigen geht nicht, jede, auch die meditative, Praxis ist notwendig in einen kulturellen Rahmen eingebunden. Osho aber, der Rebell, hat gesagt: Fuck off! Vergiss Religion. Es ist alles erlaubt, lass alles zu (sei gelöst und entspannt!), praktizieren das große Bejahen, sag zu allem „ja!“ (insbesondere zum Körper und der Sexualität). Wie wir wissen, bildete sich eine „Subkultur“, unvermeidlich. In der Buddhismusszene hieß es dazu z.B., dass das auch spirituell gefährlich sei. Wir wissen aber, was wirklich geschah: Es schlich sich in diese „Sekte“ etwas ein, das ich mit nur geringer Scheu ‚teuflisches Prinzip‘ nenne. Es fehlte der kulturelle Rahmen, die Sache verselbstständigte sich … Prostitution, Drogenhandel …

    Andererseits hinwiederum aber verweist Du auf einen „Verlust von Sinn, der (vom Westler) in einem leicht exotisch Angehauchten gesucht wird“, und hier glaube ich eine gewisse Kritik an jenen „Zivilisationsflüchtlingen“ mitzuhören, die da in etwa besagt: Es wird nie gelingen, sich in eine andere Kultur vollkommen einzufühlen; das muss oberflächlich bleiben. Und genau diese Oberflächlichkeit ist es eben, die ich jenen Ungebildeten, die nichteinmal Häkeln von Hegel unterscheiden können, diagnostiziere.

    Es gab aber nicht nur solche Idioten unter den Osho-Anhängern. Sondern aus aller Welt, aus Israel, Südamerika, natürlich aus den USA und England (die die Machtpositionen innehatten, das waren keine Deutschen), Kasachstan, nicht wenige aus Indien, aber auch aus Japan. Also auch Leute, die auf eine lange asiatische spirituelle Tradition ihrer Heimatländer verweisen konnten, aber trotzdem O.´s spirituellen Nihilismus akzeptierten. Du brauchst nicht auf Deine Kultur zu verzichten, bei mir gibt es nur „Technik“. Inzwischen ein Allgemeinplatz, der Dalei Lahma: besser Du bleibst bei Deiner angestammten Religion, das ist insgesamt besser als zu „fremdeln“.

    Die unkritische Akzeptanz irgendwelcher Angebote auf dem Eso-Markt, bei denen es sich in Wirklichkeit um westliche Psychotechnologien handelt, Stichwort „work hard – play hard“, die die Oberflächlichkeit jenes exotischen feelings übersieht, die sie vermitteln, ist nur möglich qua eines überaus beklagenswerten Mangels an Bildung. Bei Osho stand das „Anything Goes“ noch in großen Lettern auf den Fahnen. Jede/r konnte wissen, worauf er oder sie sich einlässt – „I´m a Madman“, „I am not a serious person, not at all!“ – im Namen der Rebellion. Es fehlt einfach das lustvolle Genießen von postmoderner Beliebigkeit aus Mangel an Reflexion, die bei Osho wenigstens noch möglich war. Der zensche Hirnabbau, den Du beklagst, hirnloses Om-Mantra-Gesinge, sich von irgendwelchen armseligen Idioten mit irgendwelchen Psychotechniken für bessere Stromlinienförmigkeit verarschen zu lassen, ist für jemanden wie mich, der ich die Osho-Story (einschließlich dem schließlichen Absturz) ganz gut kenne, einfach nicht drin.

    Über das, was einige heute noch betreiben, hat Bhagwan bereits in den 80ern (oder früher) das Urteil gesprochen: Mantras (Om-Gesänge) sind nichts weiter als „chemistry“, wenn Du ein Schlafmittel brauchst, kannst Du Dir genausogut vom Arzt eins verschreiben lassen. Zen („die schönste Blüte des Buddhismus“) ist tot. Er ist erstarrt in seinen Formen.

    Alles, was Du beklagst, hat Osho schon vor Jahren exakt so diagnostiziert.

    Für Dich, bersarin, scheint mir, ist eher Buddha der Mann. Buddha gilt als der Intellektuelle, der Philosoph unter den Erleuchteten. Osho glaubte (wieder Entsprechungen im Kaschmierischen Shivaismus) an die notwendige magische, alchimistische Übertragung vom Meister auf den Schüler. Buddha hat Worte (Begriffe). Wenn man nicht direkten Zugang hat, ist es schwer, sich in die verwirrend vielfältigen Strömungen im Hinduismus oder (tibetischen) Buddhismus etwa qua Wicki hineinzudenken. Es ist eine Scholastik, hinter der die abendländische zu verblassen scheint. D.h., dass die Begriffe alle schon systematisiert sind. Wir Westler stehen aber vor der Schwierigkeit, mit Absicht Absichtslosigkeit zu erreichen. Und solche Paradoxien erfordern eben Intelligenz. Ist solche nicht vorhanden, werden wir Opfer von Psychotechnologen. Osho empfahl die „Düsenjet-Methode“ – es gab ne ziemliche Bruchlandung.

    Die mystische Erfahrung ist ohne Begriffe, jenseits der Worte. Buddha hat aber keine Probleme damit, Klartext zu sprechen:

    Die vier Versenkungsstufen werden (in M 36 I p.247) wie folgt beschrieben:

    Stufe I: Aufhören sinnlicher Lust und unheilsamer Regungen;
    Vorhandensein von Nachdenken und Erwägen; aus der Loslösung
    resultierende Wohlbefindensfreude.

    Stufe 2: Aufhören von Nachdenken und Erwägen; Entstehen von
    Geistesruhe und Konzentration; aus der Meditation resultierende
    Wohlbefindensfreude.

    Stufe 3: Aufhören der Freude zugunsten der Freiheit von Affek-
    ten; gleichmütiges und achtsarnes Verweilen in körperlichem
    Wohlbefinden.

    Stufe 4: Aufhören von Wohlbefindens- und Leidensgefühlen;
    Entstehen freud- und leidfreien Gleichmuts in Achtsamkeit und
    Reinheit.

    (zitiert nach: Hans Wolfgang Schumann, Der historische Buddha – Leben und Lehre des Gotama, Dietrichs, 1989)

    PS
    „… um in der dialektischen Einheit der Philosophie zu bestehen und diese Entgrenzung, Kontemplation und Konzentration auf Körperpunkt und Text zu vollziehen.“ – Danke für diese Skizze einer Perspektive.

  21. Bersarin schreibt:

    Die asiatischen Weisheitslehren interessieren mich aus rein ästhetischen Gründen und um z.B. Kunst aus Japan besser zu verstehen bzw. ihren anderen Ressonanzraum begrifflich zu machen. Ansonsten bin und bleibe ich dem abendländischen Denken verhaftet. Das Denk- und Kultursystem ist komplex genug, um sich Jahrzehnete damit zu befassen.

    Wer Meditation, Akupunktur oder anderes verwendet, um sich zu heilen oder damit es einem Leidenden besser geht: Wer bin ich, darüber zu urteilen? Allerdings urteile und kritisiere ich, sobald jemand mit Geltungsansprüchen auftritt, die dann auch eingelöst werden müssen. Wer mir als Sinnsucher erzählt, im Himmel sei Jahrmakrt oder wie der Unternehmensberater Fritjof Capra, daß asiatischen Denken und westliche Physik zusammengehen müssen und dies hat allein den Zweck, Leistungen zu optimieren und im Sinnlosen trübsinniger Erwerbsarbeit, die dazu dient, den Profit von anderen zu mehren, den Menschen Schwachsinn als Sinn zu verkaufen, der oder die müssen freilich mit Widerspruch rechnen.

    So wie Du für Dich diese Praktik des Meditierens ausübst, ist dies allein Deine Sache. Ich lasse mir schließlich auch nicht in meine Spaziergänge durchs wunderbare Potsdam mit seinen liebenswerten Parks dreinreden, um aus dem Drecksloch Berlin für eine kleine Weile zu entfliehen. Dies ist für mich Meditation. Die Lektüre von Philosophie wiederum ist beides: Arbeit des Begriffes und ein Versenken in den Text: sich seinem Geist, seinen Worten zu überlassen. Die komplexe Philosophie des Abendlandes ist meine Herkunft. Und zugleich darf nicht verleugnet werden, daß es ebenso im Osten (von hier aus gesehen) komplexe und kluge Denksysteme gibt. Interessant können die kulturellen Durchdringungen werden. Dazu freilich sind Menschen aus dieser Region nötig und nicht selbsternannte Asien-Experten aus dem Abendland. Jedem Europäer würde ich insofern raten, zunächst den eigenen Kulturkreis, der wahrlich komplex genug ist, zu begreifen. Denn wer das Eigene nicht kennt, wird kaum am Fremden seinen Anteil adäquat zu finden wissen. Sich mit diesem asiatischen Denken dann zu befassen, kann sicherlich ein großer Gewinn sein.

  22. holio schreibt:

    Oder, mit Kolumbus zu sprechen, auch im Westen.

  23. Bersarin schreibt:

    Das kann ich so nicht akzeptieren, indianischer Schamane. Lockst die Menschen nur noch weiter in den Westen! Und schließlich landen wir alle auf dem west-östlichen Divan. Mit mehreren Frauen, wie es sich geziemt. Freilich. Insofern gehört der Islam natürlich zu Europa. Wer bin ich, alter Mormone, daß ich dies leugnete, bei solch köstlichen Angeboten?

  24. holio schreibt:

    Bin ja auch gegen Vergötterung asiatischer Weichspülweisheit, aber ziggev passt nicht so eigentlich in dieses Feindraster.

    Man sollte sich immer, immer, an die Quellen halten, ad fontes! Das ziemt sich, auch für bovi. Also denne:

    Warum nennt man Laozi den Begründer des Daoismus?

    Lao Dan war ein berühmter alter Philosoph unseres Landes und der Begründer der daoistischen Denkschule. Historisch wurde er „Meister Lao“ (Laozi) genannt. Laozi lebte in der Periode der Frühlings- und Herbstannalen, einer Übergangszeit von der Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus. Es war eine Zeit heftiger sozialer Umwälzungen. In der Politik verfocht er das Prinzip „Regieren durch Nichtstun“. Laozi meinte, „der Weg“ (das Dao) sei der Urgrund aller Dinge. Obwohl das eine idealistische Auffassung ist, enthält seine Philosophie doch nicht wenig schlichte Dialektik. Seine Lehre hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung der chinesischen Philosophie.

    Die nächste Frage lautet übrigens: Warum nennt man Konfuzius einen „Heiligen“? Das Buch, aus dem die Seiten sind, heißt 《儿童十万个为什么》, ungefähr „Die hundertausend Warums der Kinder“. Anders als bei uns im Westen, wo große Zahlen in Schritten von drei Nullen benannt sind (Tausend, Million, Milliarde (amerikanisch billion)), geht es in China in Viererschritten (一 yi eins, 十 shi zehn, 百 bai hundert, 千 qian tausend, 万 wan zehntausend, 亿 yi 10^4*10^4 = 10^(4+4) = 10^8 hundert Millionen) voran und daher muss die 100 000 mit zwei Zeichen geschrieben werden: 十万 (wenn kleinere Zahl vor größerer steht, ist zu multiplizieren, andernfalls zu addieren; so wäre 万十 10 010). Sorry für diesen Exkurs!

    Etwas will ich noch erzählen. Laozi soll, der Menschen überdrüssig, in die Wüste gegangen sein. Bert Brecht schreibt 1938 darüber und auch Lu Xun hat 1935 die alte Geschichte neu erzählt. Sie ist sehr schön. Der Philosoph hatte mündlich gelehrt, seine Lehre war in seinen Schülern inkorporiert. Nun sieht der Zöllner auf seinem einsamen Außenposten den dicken Alten auf einem Ochsen gemächlich herantrotten. Wolle mer ihn nauslasse?, fragt er sich. Der Zöllner verlangt, dass Laozi zuerst einmal seine Lehre vortragen solle, und versammelt all seine Untergebenen. Doch das Brabbeln des Alten findet wenig Anklang. „Einer der Zollbeamten gähnte herzhaft; der Abschreiber schlief ein, wobei ihm Messer, Pinsel und Holztafel laut krachend auf die Matte fielen.“ Der Grund? „Doch da er keine Zähne mehr hatte, war seine Aussprache undeutlich; in seinem aus Hunan- und Shaanxi-Dialekt gemischten Akzent verwechselte er das ‚l‘ mit dem ’n‘, außerdem unterstrich er alle seine Ausführungen mit einem ‚Erh‘.“ Daraufhin verlangt man, er solle seinen Vortrag niederschreiben, weil ihn niemand verstanden habe. So „schrieb er in ein und einhalb Tagen […] fünftausend große Schriftzeichen.“ Damit wird er entlassen. „Bald ging der Ochse mit großen Schritten schnell davon. Die anderen sahen ihm vom Pass aus nach. Als Laozi schon sieben oder acht Meter weit entfernt war, konnten sie immer noch sein weißes Haar und sein gelbes Gewand, den dunklen Ochsen und den weißen Sack erkennen. Dann wirbelte Staub auf, in dem Mensch und Tier verschwanden und alles grau wurde. Da sahen sie dann nur noch gelben Staub – nichts anderes mehr.“ Das ist so traurig!

    Weiter erzählt Lu Xun, dass Laozi die Mauer eigentlich seitlich der Schranke überwinden wollte: „Er hoffte darüber steigen zu können. Die Mauer war nicht allzu hoch, und auf dem Rücken des Ochsen stehend hätte er sich gerade so hinüberziehen können. Aber dann hätte er den Ochsen innerhalb der Mauer lassen müssen. Um ihn auf die andere Seite zu bekommen, hätte er aber einen Kran gebraucht, und zu jener Zeit waren weder Lu Ban noch Mo Di geboren, und Laozi war nicht dazu fähig, sich so etwas zu ersinnen. Kurz gesagt gelang es ihm nicht, wie sehr er auch sein Philosophenhirn anstrengte, einen Ausweg zu finden.“ Lu Ban war ein begabter Handwerker und Erfinder, Mo Di der Begründer des Moismus, vielleicht eine Art Sophist, Lu Xun hat ja Humor. Kollektiv übersetzt im Verlag für fremdsprachige Literatur, Peking.

  25. Bersarin schreibt:

    Ziggev zähle ich auch nicht zu diesem Feindbild. Er beschäftigt sich, intensiv und in seiner ihm eigenen Weise mit diesen Dingen.

    Diese asiatischen Geschichten klingen häufig schön und seltsam zugleich. Daß sich Brecht daran delektierte und sie als Parbeln benutzte, verwundert insofern nicht. Sie lassen Leerraum und sind doch belehrend. Verfremdungseffekt eben.

    Seestück mit Schiff: Ich selber bin zu sehr im Abendland gewurzelt, lausche den Sirenen und verfalle der Kirke, Prometheus ächzt an der Wand des Kaukasus, ich küsse Medea und Aphrodite, die schaumgeborene, mit heißer Zunge und verteile manchmal Äpfel, sofern man mich bittet: Call it hot stuff. Call it wet-shirt-contest. Ich mag es groß und gewölbend und unten rum haarig, Raubkunst. Thessalischer Argonaut. Denn aufs Meer zieht’s den Seenmann. Daß er darin verschwinde oder aber mit seinem Bogen heimkehre. Zur Legendenbildung. In apollinischer Struktur.

  26. holio schreibt:

    Äpfel sind gefährlich, memento Pari, zwei werden immer gräßlich grollen und die Fatwa sprechen.


    (Hoffe, mein Fotofetisch stört Sie hier in Ihrem Heim nicht ALLzu sehr.)

  27. ziggev schreibt:

    der verfremdungdseffekt-oder der chinesische Humor?

    meine Quelle sagt, dass der Buddhismus erst durch die Landschaft des nicht selten derben chinesischen Humors hindurchgen musste, um dann „die schönste Blüte des Buddhismus“, den Zen, hervotzubringen.

    Danke, Holio, für die Beispiele

  28. Bersarin schreibt:

    Nein, die Bilder stören nicht,vor allem, wenn sie ihn ihrem Verschwommenen von der Unschärferelation all der Dinge zeugen. Benennbar und entgleitend in eins.

    Fatwa ist schön. Aber im Islam darf der Mann mehrere Frauen haben. Insofern mag die Wahl immer wieder unterschiedlich ausfallen, und wir müssen die Wahl des Paris beständig neu malen und neu erzählen. Wir dürfen uns den Künstler als einen glücklichen Menschen vorstellen.

  29. holio schreibt:

    Apropos Häkeln mit Hegel. Ein Pendant findet sich auf Seite 177 des zweiten Bands der Ästhetik des Widerstands: „Matthis hatte Brunius, der Leiterin des Dramatischen Theaters, das Manuskript des Galilei übergeben, und, religiöse Stücke spielen wir nicht, war ihre Antwort gewesen. Er, es handle sich nicht um die Galiläer, sondern um einen italienischen Wissenschaftler der Renaissance.“ :D Vielen Dank noch mal für den Leseanstoß, den ich Ihrem Ausblick aufs Jahr MMXV entnommen habe.

    Für eine literarische Technik, die ich noch nirgends wo propagiert gesehen habe, möchte ich bei dieser Gelegenheit vielleicht mal eben eine Lanze brechen: Fehler fehlen, anlässlich Klagenfurts verfasst, weil wir eingangs den Stand der deutschsprachigen Literatur beklagen kurz.

  30. ZEN schreibt:

    „Die mystische Erfahrung ist ohne Begriffe, jenseits der Worte. Buddha hat aber keine Probleme damit, Klartext zu sprechen:“ schrieb Ziggev

    Die habe ich insofern auch nie gehabt, man siehe dort: http://neu-staat.jimdo.com/staatseite/reife/geistige-reife-1/

    Und um mich damit nicht aus dem Zusammenahng zu verstehen und weil hier öffter zudem von Bildung die Rede ist, sei das: http://neu-staat.jimdo.com/der-staat/13-entfaltung-bildung/ mitgedacht.

  31. Bersarin schreibt:

    @ Holio
    Wie schon häkeln und hegeln, so auch der Galiläer: Schöner Malapropismus. Und sowieso: Fehler können ungeahnte Quellen der Inspiration abgeben

    @Zen
    Dieser Blog ist keine Verkaufsveranstaltung, keine Butterfahrt, hier werden keine Heizdecken verkauft und es handelt sich bei den weißen Stellen im Kommentarbereich nicht um Werbeflächen. Die nächste Verlinkung lösche ich entweder oder werde buddhistisch-brüderlich gestimmt ein entsprechendes Honorar für plazierte Werbung/Anzeigen in Rechnung stellen.

  32. ZEN schreibt:

    @ Bersarin, ich entschuldige mich dafür, das wird nicht mehr vorkommen.

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