Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (2)

Vom Krankenlager aus über Heidegger schreiben? Nun – es wird sich schon nicht um das Sein zum Tode handeln; wenngleich wir alle – trivialerweise – dahinein gehalten sind, mit jener Barke übersetzen, über den Fluß, Lethe entlang, Styx oder Phlegethon, flammenzüngelnd, allesverbrennend, und dem Fährmann Charon eine Münze in die Hand gedrückt, und wenn unsere Bezüge unaufhörlich in dieses Schwarze rinnen, so daß unsere Welthaltigkeit ins Unaussprechliche zerfällt. Allenfalls im Vorlauf auf den Tod vermögen wir zu poetisieren. Das, finde ich, habe ich schön formuliert. Aber meist wird über den Tod im Tone der Afterphilosophie reflektiert und geschrieben. Manche lieben es zu herrndorfisieren. Tja, reiner Widerspruch der Rose//am Ende heißt es tote Hose. Rilke für Schaulustige, auch mal eine neue Rubrik, neben Rilke für Gestreßte oder Rilke im Winter oder Rilke auf dem Krankenbett oder Rilke für den Hausgebrauch. Egal wie. Mit dem Begriff des Todes sind wir bereits dicht am Thema.

pmdesa3nazis2coverDas Magazin „Philosophie“ brachte im Januar eine Sonderausgabe auf den Markt, und zwar widmet sich dieses Heft dem Zusammenhang von Philosophie und Nationalsozialismus. Für den halbgebildeten Laien mag der eine oder andere Beitrag brauchbar sein und Instruktives zutage fördern. Leider jedoch kratzen solche Magazine lediglich an der Oberfläche von Themen, und deren Inhalte bleiben am Ende der Sache weitgehend äußerlich. Kursorisch wird mal dies, dann wieder das gesichtet, ohne daß es in die Tiefe geht, was freilich ein solches Magazin nun auch gar nicht leisten kann und möchte: insofern will ich hier keine Inhalte überfrachten sowie Verknüpfungen und Bezüge einfordern, die ein populärwissenschaftliches Magazin nun einmal nicht herstellen kann. Verhehlen will ich dennoch nicht mein Unbehagen, das sich bei solchen Magazinen strikt einstellt. Immerhin findet sich in dem Heft eine Auswahl an Primärtexten: Ein Auszug aus Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen, von Adorno eine Passage aus seiner Vorlesung „Metaphysik. Begriff und Probleme“, wo er eine kritische Einschränkung seines Satzes vornimmt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Von Agamben lesen wir einen Text über das Lager als Nomos der Erde, und unvermeidlich ist Celans „Todesfuge“ dabei, der dieses Gedicht am liebsten gar nicht erst geschrieben hätte, wenn er geahnt hätte, auf welche Weise es instrumentalisiert und zur Erbauungslektüre verbreitet wurde, so daß die Schrift des Gedichts sich verflüchtigte. Eine passendere Auswahl für dieses Heft wäre vermutlich Celans „Engführung“ gewesen, das ebenfalls, aber auf eine hermetischere Weise die Shoah ins bildlose Bild bringt. Die Sprache der „Engführung“ erzeugt sehr viel rätselhafter einen Ton, vielschichtig und interpretatorisch doch offener als die „Todesfuge“. Andererseits sagt die Drastik der „Todesfuge“ alles das, was an Grauen herrscht: schwarze Milch und jener Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, „dein blondes Haar Margarete//dein aschenes Haar Sulamith“.

Zumindest lassen sich aus den zahlreichenPrimärtexten, von Karl Kraus über Jean Améry, John Dewy, Hannah Arendt und Vladimir Jankélévitch unterschiedliche Positionen und Aspekte herauslesen und in weiterführender Lektüre der Primärtexte dann eben auch vertiefen.

Zu lesen gibt es zudem ein Interview mit dem Philosophen Volker Gerhardt über Nietzsche und die Nationalsozialisten, darin es um die Vielschichtigkeit Nietzsches und die Möglichkeiten geht, dessen Philosophie faschistisch zu vereinnahmen, was freilich dem, wie Gerhardt es nennt, Pluralismus von Nietzsches Philosophie widerspricht. Weiterhin wird die Politologin Barbara Zehnpfennig über Hitlers „Weltanschauung “ und über „Mein Kampf“ interviewt. Im ganzen sicherlich ein Strauß, aus dem sich das eine oder andere herausziehen läßt.

Zudem finden wir in dieser Ausgabe einen Exkurs zum „Fall Heidegger“. Darin kommt ebenfalls Sidonie Kellerer zu Wort, die einen kleinen Text beisteuert. Bedauerlich ist es, daß in diesem Aufsatz nicht weiter den Möglichkeiten (oder eben: Unmöglichkeiten) einer kritischen Ausgabe der Werke Heidegger nachgegangen wird, die in der „Zeit“ vom November 2014 angesprochen wurde. (Ich schrieb an dieser Stelle darüber.) Hier hätte sich der Leser mehr gewünscht. Lediglich die verborgenen und zugleich verbogenen Wahrheiten im Text Heideggers werden angedeutet sowie die Legendenbildung, die er über seinen 1938 als Vortrag gehaltenen Text „Das Zeitalter des Weltbildes“ inszenierte, worin Heidegger die nationalsozialistische Weltanschauung vorgeblich ablehnte. Allerdings sind in diesem Text Passagen nachträglich umgeschrieben worden: das, was Heidegger 1938 vortrug, und das, was dann 1950 in dem Band „Holzwege“ veröffentlicht wurde, weicht in einigen Stellen voneinander ab, wurde nachträglich und beschönigend retuschiert. Ungenau und unsauber ist es freilich, wenn Sidonie Kellerer den Derrida-Schüler Philippe Lacoue-Labarthe zitiert, der Heidegger attestierte, dieser habe begriffen, daß die Shoah den Höhepunkt der aufklärerischen Moderne darstelle, ohne jene Heidegger gegenüber kritischen Passagen aus Lacoue-Labarthes Buch „Die Fiktion des Politischen“ (und insbesondere auch in späteren Aufsätzen von ihm) zu nennen. „Nicht mehr und nicht weniger als das Wesen des Abendlandes ist es, was sich in der Apokalypse von Auschwitz enthüllt hat – und sich seitdem unaufhörlich weiter enthüllt. Und bei dem Denken dieses Ereignisses hat Heidegger versagt.“ (Lacoue-Labarthe, Die Fiktion des Politischen)

Interessant zu lesen ist die Zusammenfassung jenes philosophischen Disputes zwischen Heidegger und Cassirer in Davos. Unterschiedlicher als der manierliche Cassirer und der emporstrebende Heidegger können zwei Denker kaum sein. Rivalitätsszenarien des Philosophiebetriebs zwischen zwei ganz und gar unterschiedlichen Strömungen des Denkens oder Auseinandersetzungen in der Sache? Als Serviceleistung dieses Blogs: Abgedruckt finden sich diese Gespräche zwischen Heidegger und Cassirer im Anhang des Bandes „Kant und das Problem der Metaphysik“

Treffend in bezug auf die Philosophie Heideggers ist sicherlich das in diesem Heft abgedruckte Zitat vom Heidegger-Schüler Karl Löwith aus seinem Text „Der europäische Nihilismus. Betrachtungen zur Vorgeschichte des europäischen Krieges (1940)“. Darin schreibt Löwith über Heideggers 1933 an der Freiburger Universität gehaltene Rektoraktsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ und bringt den nicht nur latenten Faschismus Martin Heideggers auf den Punkt:

„Der ‚Arbeits-‘ und ‚Wehrdienst‘ wird eins mit dem ‚Wissensdienst‘, so daß man am Ende des Vortrags nicht weiß, ob man Diels‘ Vorsokratiker in die Hand nehmen soll oder mit der SA marschieren. (…) Gegenüber Heideggers substanzieller Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Stimmung und Denkweise war es unangebracht, seine politische Entscheidung isoliert zu bemäkeln oder auch zu beschönigen, statt sie aus dem Prinzip seiner Philosophie zu erklären. Nicht Heidegger hat ‚sich selber mißverstanden‘, als er für Hitler eintrat (…), sondern diejenigen haben ihn nicht verstanden, die nicht begriffen, warum er dies tun konnte.“

Da mag etwas dran sein und es wird sich diese Philosophie zwar einerseits fragen lassen müssen, wieweit ihr als Subtext solcher Faschismus mal manifest, also deutlich sichtbar, dann wieder latent eingeschrieben ist. Während im selben Zuge der Text Heideggers rekonstruktiv und in Dekonstruktion zugleich in die Lektüre gebracht werden muß. Kritik kann nur dialektisch sein oder aber sie ist gar nichts.

 Philosophie Magazin, Sonderausgabe: Die Philosophen und der Nationalsozialismus, 9,90 EUR

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (2)

  1. che2001 schreibt:

    Hattest Du den Film über Hannah Arendt gesehen, der kürzlich im Fernsehen lief? Da kam „Martin“ wie er dort nur hieß wenn auch nur in wenigen kurzen Szenen in seiner ganzen Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit deutlich rüber.

  2. bersarin schreibt:

    Nein, diesen Film hatte ich verpaßt. Schade, wenngleich ich bei solchen Vita-Filmen eher zurückhaltend bis skeptisch bin und nichts Großes erwarte. Meist bleibt das Gezeigte marktgängig. Was ich übrigens immer dann nicht verstehe kann, wenn es doch sowieso um sogenannte Special-Interest-Themen geht, die für die gemacht sind, die irgendwie in der Sache sich befinden und denen man einen Zacken mehr und schärferes zumuten kann. (Also scharf nicht als Porno, sondern im Sinne von komplex und dem Gehalt der Sache angemessen.)

  3. che2001 schreibt:

    Nein, der Film war aber richtig gut. Für meinen Vater und mich ein Hochgenuss.

  4. ziggev schreibt:

    Diese in letzter Zeit mehr und mehr zutage beförderten und deutlicher werdenden Wahrheiten über Hedegger verleiden mir nun schließlich mein lange gehegtes Vorhaben, endlich einmal „Sein und Zeit“ zu lesen, von welcher Lektüre ich mir ziemlich genau das versprach, was Br. Latour, wie ihn der Kommentator ‚Modest‘ im vorigen thread zitiert, dieses Werk Heideggers aus der Zeit zwischen WW I und WW II lesend erleidet: Diese Zeit zu spüren, zu schmecken, jene Atmosphäre mit dem Geruchssinn in mich aufzunehmen.

    Mir fiel irgendwann auf, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, die von einer Entschlossenheit zum Unbedingten gepackt gewesen zu sein scheint, wie wir es seitdem nicht mehr erlebt haben. Eine Entschlossenheit, die auch eine gewisse Kälte mitbedingte. Ich denke dabei sogar an Edith Stein, obwohl sie hier sicherlich eine Ausnahmeerscheinung ist, der man nichtsdestoweniger mit hanebüchenen psychologisierenden Interpretationen versuchte Herr zu werden, und vielleicht nicht in diese Reihe gehört; aber auch an den jungen Wittgesntein, der noch im Kriegsgraben an seinem Traktatus zu schreiben begann, sodann an Ödön von Horvath, aus dessen Werk einen die Kälte nur so anweht, aber auch an die Schriften der Weiße Rose, deren Radikalität und Entschlossenheit mich immer wieder schockiert. Die Lakonie Musils rechne ich jetzt einfach mal mit hinzu.

    So, wie es Arno Schmidt gelang, die 50er, 60er – ebenfalls mit einer gewissen Verachtung für jede Gefühlsduselei – einzufangen, hatte ich mir dann die Lektüre von Sein und Zeit irgendwann vorgenommen, weil ich mir versprach, anhand ihrer ein möglichst genaues und umfassendes Bild der Stimmung jener Zeit machen zu können, die WW II voranging.

    Dieses Projekt einer Zeitreise im Modus der Imagination ist nun aber bis auf Weiteres „auf Eis“ gelegt.

    Ganz einfach: das tue ich mir jetzt nicht mehr an. Aber nicht Heidegger nicht lesen, weil ich glaubte, Heidegger „mit Heidegger gegen Heidegger zu lesen“ sei keine geeignete Methode einer philosophischen Lektüre (kannst Du hier vielleicht beispielhaft andeuten, wie H. mit H. gegen H. gelesen werden könnte; ich kann´s mir jetzt ad hoc nicht vorstellen, wie), wie ich auch nicht Dekonstruktion für ungeeignet halte. Ebensowenig jedoch fasse ich eine philosophische Lektüre als eine sportliche Disziplin auf und in dieser Weise als Herausforderung: Funktioniert nun diese oder jene Art der Lektüre, ist Heidegger „schaffbar“, ja oder nein? Und wenn nein: bist am Ende Du, als Lesender, der betreffenden Methode denn überhaupt gerecht geworden?

    Nicht mit mir – mit Aristoteles, Adorno, einem scholastischen Philosophen oder Vertreter der Analytischen Philosophie ist es etwas anderes – und nicht mit Heidegger. Mir ist auch jedes Verlangen nach und Lust an Heidegger-Witzen vergangen. Heidegger machte bestimmt keine Witze, und ab einem bestimmten Punkt überwiegt, so befürchte ich, der „performative impact“ eines Textes, so dass jeder Zweck von Lektüre von Philosophie von vorneherein ad absurdum geführt ist. Bitte ganz unpathetisch verstehen: ich habe die ganz alltägliche Erfahrung gemacht, dass Lektüren, die Beschäftigung mit Sprache(n) einem humanen Ziel dienen kann. Ich muss nicht Heidegger lesen, ich werde es bis auf Weiteres lassen.

    H.´s „substanzieller Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Stimmung und Denkweise“ – so Löwith, wie oben zitiert, hätte aus „dem Prinzip seiner Philosophie“ erklärt werden können, und – wie ich Löwith verstehe – sollen. Denken wir an die lange Liste der Synonyme für „Prinzip“, die Aristoteles in seiner Metaphysik angibt, so erübrigt sich eine Erklärung der Bedeutung von „Prinzip“. Wenn aber Löwith recht hat, dann war H. entweder kein Faschist und vielleicht ein Philosoph, oder nicht. Eine „faschistoide Philosophie“ ist eine Konjunktion konträrer Termini.

  5. Bersarin schreibt:

    Ich bezweifle, daß man anhand einzelner philosophischer Werke den Geist der Zeit zu „schmecken“ vermag. Zwar mögen philosophische Text auch Ausdruck ihrer Epoche sein, und dem Text ist eine bestimmte Wahrheit ebenso als Zeitkern und Geist jener Zeit eingeschrieben. Aber wesentlich geht es in einem philosophischen Werk denn doch um eine systematische Fragestellung und um einen ganz bestimmten philosophischen Problembereich. Zudem müßten, wenn der Geist jener Zeit qua verschiedener Werke erfaßt werden soll, eine Vielzahl an Büchern rezipiert werden. Über Bloch und Lukács, die Lebensphilosophie Klages‘, des Neukantianismus von Rickert und Cohen, Wittgenstein, Wiener Kreis, Adornos Kierkegaardbuch, die Schriften Benjamins und und und.

    Um jenen Geist der Zeit in den Blick zu bekommen, scheint es mir geeigneter, die Literatur jener 10er, 20er, 30er Jahre zu lesen. Joyce, Kafka, Th. und H. Mann, Brecht, Benn, Döblin, A. Zweig. Vielleicht sogar Kästners „Fabian“, der zwar literarische eher mau ist, aber doch ein gutes Bild jener Zeit liefert.

    Die Kälte, sofern nicht jede Epoche einen Teil derselben produzierte, ist eine feine Sache. Es kann gar nicht kalt genug zugehen, denn es sind die anderen mir viel zu flauschig, zu kuschelig. Der Flauschreflex hat seinen Grund sicherlich in einem wahren Moment, der den Flauschler:innen manchmal reflexhaft aufblitzt: daß diese Kälte schmerzt und nicht sein sollte. Aber der Flausch und die Plüschigkeit sind leider dagegen keine passenden Mittel, weil sie lediglich Kuhstallwärme verbreiten. Der Kälte läßt sich – zumindest in den Bereiche, wo wir uns bewegen, in Kunst und Philosophie – nur mit Kälte begegnen: „Mimesis ans Tödliche“ wie Adorno schrieb.

    Eine Art, Heidegger mit Heidegger und zugleich gegen ihn zu polen, bestünde darin, den anderen Seyns-Anfang der Philosophie als ursprünglicher Ursprung, an den es – in anderer Weise freilich als im zugreifenden Rückbezug – zu gelangen gälte, nicht als Ursprünglichkeit, sondern als ursprünglich-nichtursprüngliche Differenz zu lesen und zudem die Kategorie der Destruktion zwar beizubehalten, aber sie kritisch umzupolen, etwa mit Kant, indem in der Philosophie einzig der kritische Weg noch offen sei, wie es in der KdrV heißt. Begriffe nicht als gegebene zu nehmen. Bswp. in der Art, wie es Foucault und Derrida mit dem Subjektbegriff taten. Weiterhin scheint mir seine Hölderlin-Lektüre stellenweise geeignet, weitergedacht zu werden: wenn es etwa um den „freien Gebrauch des Eigenen“ geht, so steckt darin doch auch ein emanzipatorisches Potential, das sich gegen eine verdinglichte Gesellschaft und ihre Zwangsmechanismen richtet. Was Heidegger geschichtsphilosophisch und im konkreten Detail nicht in den Blick bekommt, wie etwa Adorno/Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, sondern nur abstrakt als Seinsvergessenheit, als Machenschaft als Technik negiert. (Wobei der Begriff der Technik bei Heidegger nicht ganz eindeutig ist, denn es existiert bei ihm eine durchaus positive Variante derselben.)

    Eine Lektüre bestimmter philosophischer Texte allerdings aus ideologischen oder rein privativen Gründen abzulehnen, ist eine Haltung, die sich für die Philosophie nicht geziemt und ihrer unwürdig ist. Zumal es darin nicht um mögen/nicht-mögen oder Daumen-rauf/Daumen-runter geht, sondern wesentlich ist es der Philosophie, den Gehalt eines Textes einerseits immanent zu begreifen und zugleich immanent zu kritisieren.

    Eine Philosophie, die zu den Prinzipien des Faschismus als kompatibel sich erweist, kann eine faschistische Philosophie sein. Aber sie muß es nicht sein, wie sich bei Nietzsche zeigt. Es gibt Passagen bei ihm, die legen durchaus eine geringe Distanz nahe, dennoch ist Nietzsches Philosophie nicht faschistisch. Der Ausdruck „Prinzip“ trifft es bei Löwith schlecht, da eine Philosophie, die halbwegs gelungen ist, sich nicht in Prinzipien fassen läßt. Denn sonst bräuchte kein Philosoph, bräuchte keine Philosophin lange Bücher zu schreiben, sondern es reichte ein Thesenpapier aus. Philosophie jedoch ist immer ihre Darstellung und das heißt dann ihre sprachliche Form wesentlich.

    Faschistische Philosophie mag eine contradictio in adiecto sein, wenn man den Begriff der Philosophie emphatisch faßt. Das ist richtig. Allerdings sprach hier niemand von faschistischer Philosophie, sondern es ging um Berührungspunkte.

    Ich halte Löwiths Satz für ungenau. Es gibt in Heideggers Philosophie Motive und Passagen, die faschismuskompatibel sein können und es existiert dort teils eine fragwürdige Begrifflichkeit. Aber damit sind die verschlungenen und vielschichtigen Gedanken von Heideggers Philosophie noch lange nicht erledigt.

  6. ziggev schreibt:

    vielen Dank für die ausführliche (was die Sache betrifft sicher eher geraffte) Antwort auf meine Bitte, mir eine Idee davon zu geben, wie im Falle Heideggers ein Autor mit demselben zugleich gegen ihn gelesen werden kann! Sonstige Einwendungen vielleicht noch morgen.

  7. che2001 schreibt:

    Was sich mir überhaupt nicht erschließt ist die Heidegger-und Schopenhauer-Adaption durch eigentlich postmarxistische Philosophen wie Derrida und Foucault, die die Existenzialphilosophie und Ontologie dieser Richtung in dekonstruktivistischen Kontexten anwendeten, die eigentlich eine Neuinterpretation des Freudomarxismus meinen. Von Levy-Strauss über Heidegger und einem anders gedachten Marx z.B. zur Gendertheorie, der Connex erschließt sich mir nicht.

  8. summacumlaudeblog schreibt:

    Den Geist der Zeit zu atmen über die in ihr entstandenen Werke, selbst wenn diese keinen direkten Bezug zum Tagesgeschehen haben, ist sicherlich erlaubt – wenngleich auch problematisch. Erkenntnis geht immer über die Zeit hinaus – und ist ihr zugleich verhaftet. Zumindest in der Beziehung, dass so manche Zeit so manche Wahrheit einfach nicht haben wollte. Und erst die nächste Generation erkannte dann die „unzeitgemäßen Betrachtungen“ als – zeitgemäß! Deswegen ist wahrscheinlich die Rezeption der Heideggerschen Philosophie in den Dreißiger Jahren eine entscheidende Fragestellung. Wurde er von den Eliten des Dritten Reiches massenhaft gelesen oder ist sein Einfluss eher in der Person, in dem Prominentendasein begründet? Wirkte er also direkt über seine Schriften oder nur informel über sein alltägliches Dasein? Oder – und das ist ja die entscheidende Frage – ist das nicht zu trennen? Auch ich wollte mich wie ziggev zu Heidegger hin bewegen und werde nun stutzig, gehe erst einmal beim Danziger shoppen (das dumme Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen).

    Interessant übrigens wie diejenigen, denen sonst die Philosophie nur substanzloses Geschnacke ist, mittenmal beim Thema Heidegger genau dieser Philosophie Deutungs- und Realmacht unterstellen, so als hätte eine andere Heideggersche Philosophie den Hitler aufhalten können! Das ist natürlich nicht der Fall, entbindet aber die Philsophie im allgemeinen und Heidegger im besonderen nicht von der Verantwortung. Nach nochmaliger Gesamtsicht der mir zur Verfügung stehenden Fakten bleibe ich bei meiner Interpretation von vor über einem Jahr: Kein Freispruch für Heidegger aber auch keine Verurteilung als Hauptkriegsverbrecher. Er war – der Kreis schließt sich – eben ein Kind seiner Zeit.

    Der letzte Roman des von ziggev erwähnten Ödön von Horvath hieß übrigens „Kind seiner Zeit“ und in der Tat erfriert das „Kind seiner Zeit“, ein Soldat, dann ja auch in der Abschlußszene. Demgegenüber hatte es Heidegger in seinen Hütten deutlich komfortabler…..

  9. Bersarin schreibt:

    @ che
    Schopenhauer spielt für Derrida und Foucault kaum eine Rolle. Wesentlich ist jedoch Nietzsche, der als Gegenpol zur Hegelschen Dialektik fungiert, die freilich bei Foucault ausgesprochen unterbelichtet ist. Derrida erweist sich hier als sehr viel geschickter und genauer und stößt diese Dialektik in einer Absetzbewegung und als abstrakte Negation nicht einfach fort, wie dies drastisch Deleuze betreibt und eben auch Foucualt.

    Der Bezug Derrida/Foucault – Heidegger läuft zum einen über die Philosophie der Phänomenologie (also auch über Husserl, Derrida schrieb zu Anfang seiner Philosophie einige Bücher über Husserl) und andererseits über eine von Heidegger umfassend betriebene Metaphysik-Kritik, die unter dem Stichwort Verwindung/Überwindung der Metaphysik steht. (Wobei Heidegger diese Metaphysik durchaus anerkennt. In den „Beiträgen zur Philosophie“ spricht er davon, daß die „großen Philosophien ragende Berge, unbestiegen und unbesteigbar“ sind. Es geht dieser (Heideggerschen) Auseinandersetzung mit dem anderen Anfang dabei nicht darum, diese „Metaphyisk“ als einen „Irrtum“ nachzuweisen. Verkürzt kann man sagen, daß Heidegger wesentlich eine Descartschen Dualismus kritisiert. (Wobei man mit der Descartes-Schelte der sogenannten Postmodernen bzw. der Poststrukturalisten vorsichtig umgehen muß, denn es läuft bei Descartes nun einmal nicht nur auf eine Dualismus hinaus, sondern es geht um die Begründung eines cogito, eines sich selbst reflektierenden Subjekts, was dann in der formalen Arbeit bis hin zu Kants transzendentalem Ich reicht. Insofern ist bei Descartes unbedingt auch die aufklärerische Absicht mitzulesen. Auch hier wieder zeigt sich: Kritik muß dialektisch sein, oder sie ist gar nicht.)

    Stichworte bei Derrida, die sich teils mit Heideggers Philosophie in Verbindung bringen lassen, sind die ontologische Differenz zwischen Sein und Seiendem als Grundproblem der Philosophie sowie die zwischen Anwesenheit/Abwesenheit. Die Präsenzillusion der abendländischen Metaphysik sozusagen, die Derrida annimmt. Darin teilt er mit Heidegger (und auch mit Freud), daß es ein unter der Tradition Verborgenes in den Blick zu nehmen gilt. Sozusagen der verdrängte Text, der unsere Systeme und auch unsere Oppositionsbildungen wie Subjekt/Objekt, Kultur/Natur, Schrift/Stimme strukturiert. Forschung nach Gründen und nach Strukturen. Wobei jedoch diese „Strukturalität der Struktur“ bei Derrida nicht statisch oder irgendwie ursprünglich bzw. ursprungsontologisch konzipiert ist. Diese Sichtung der Philosophie schließt (wie auch bei Heidegger, der hier jedoch einen deutlich konservativeren Ton pflegt) eine Kritik von Herrschaft ein: der des Subjekts über Natur etwa. In diesem Motiv existiert eine starke Nähe zu Adorno, wenngleich sich dieser und Derrdia in ihren Begrifflichkeiten und von den Denksystemen her stark unterscheiden.

    Den Zusammenhang Derrida – Heidegger zu entfalten, ist nicht ganz einfach, weil da komplexe Bezüge herrschen, die ich in einem Kommentar nicht in ein oder zwei Sätzen darstellen kann. Zur Lektüre würde ich bei Interesse etwa die beiden Aufsätze „Die différance“ (darin zugleich eine grundsätzliche „Einführung“ in das „Werk“ Derridas) und „Finis hominis“ in den „Randgängen zur Philosophie“ sowie die Heidegger-Kritik in dem Buch „Vom Geist. Heidegger und die Frage“ empfehlen.

    Vielleicht werde ich bei mir zu dem Komplex Derrida/Heidegger bei mir demnächst etwas schreiben.

  10. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Danke für Deinen gelungenen Kommentar, dem ich nicht viel hinzuzufügen habe. Auf den Punkt gebracht. Insbesondere, was die Wirkungsmächtigkeit von Philosophie betriff. Denn natürlich scherten sich die deutschen Faschisten einen Dreck um Heideggers Texte, und Heideggers Anspruch, den Führer führen zu wollen, erwies sich als lächerliche Selbstüberschätzung, sozusagen ein verborgener Platonismus Heideggers, der den weisen Philosophen-Politiker annahm. Heidegger als Kind seiner Zeit. Man kann ihn naiv, durchtrieben oder voll von Selbstüberschätzung nennen. Zumindest bringt der Name Heidegger eine bestimmte deutsche und konservative Strömung gut auf den Punkt. (Man kann das auch in die andere Richtung drehen: All die Seghers und Brechts in der frühen DDR, die hätten von Stalin wissen können, wie schon Gide, Malraux und Koestler, und die dennoch großherzig schwiegen.)

    (Wobei ich dennoch für eine Lektüre von Heidegger plädiere. Sein Text übt eine Faszination aus, und zugleich quält stellenweise dieser Jargon. Merkwürdige Ambivalenz, der ich versuche nachzugehen und die die Widersprüche des Denkens setzt und umtreibt.)

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