Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (1)

Ich führe diese Sichtung Heideggers bzw. den Komplex „Heidegger und das Politische“ nicht als Selbstzweck durch und betreibe diese Lektüre nicht deshalb, weil ich das Feuilleton und bereits in anderen Medien Geschriebenes schlicht wiederkäuen möchte, um diesen Blog zu füllen. Sondern ich stelle mir immer wieder die Frage, wieweit in einem philosophischen Text die politischen Verstrickungen eines Autors bereits eingeschrieben sind – explizit oder implizit. Auch im Sinne einer Logik des Unbewußten. Zumal das Vokabular der Texte Heideggers manchem Aspekt der NS-Ideologie gefährlich nahe kommt. Adorno zeigte in seinem „Jargon der Eigentlichkeit“ auf polemische Weise recht gut auf, wieweit bestimmte Denkfiguren und Begriffe kontaminiert sind – nicht nur bei Heidegger selbst, sondern ebenso in dessen Umfeld und einige Stufen tiefer gelagert auf der Ebene der ganz gewöhnlichen Entschlossenheit der Volksgemeinschaft, die sich einige Jahre später dann mühelos in die kleinbürgerlich-akademische Gesellschaft der 50er-Jahre-BRD verwandelte und in hohen Ton, aber in anderer Verkleidung dennoch das Konservative weiter proklamierte. Jargon eben, der als Schmiermittel funktioniert, um die Interessen der Rackets in der „verwalteten Welt“ geschminkt oder ungeschminkt durchsetzen zu können.

Wie aber können Antisemitismus  – sei er nun seinsgeschichtlich gewirkt oder eher, wie bei Heideggers Frau Elfriede, Bewußtseinskonstante – und kleinbürgerliches Denken dennoch einen der bedeutenden philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts hervorbringen? Oder ist, wie Habermas schrieb, der Philosophie Heideggers der Faschismus qua einer bestimmten Begrifflichkeit und Denkweise bereits eingeschrieben, so daß die Biographie per se schon den Gehalt seiner Philosophie tangierte? Es ist diese Diskrepanz zwischen Text und Vita, die mich immer wieder zu dieser Frage hinzieht. Auch bei der Lektüre der „Schwarzen Hefte“. Gleiches gilt für die Haupttexte Heideggers und für seine Vorlesung. Vieles läßt sich in Heideggers Text kritisieren. Vieles jedoch bleibt im Text Heideggers faszinierend (ich schrieb darüber) und legt im Sinne eines fast schon dichterischen Sprechens, das Wahrheit nicht mehr nur als Aussagewahrheit kontextualisiert, die sich kommunikativ-mitteilend oder diskursiv vermitteln läßt, eine Dimension der Philosophie frei, die auf eine Dekonstruktion abendländischer Rationalität abzielt. Womöglich stehen sich in einigen Aspekten Ideologiekritik, Dekonstruktion und Heideggersche Destruktion näher als man für gewöhnlich denken mag, ohne daß freilich sich nun alles in eins und als dasselbe überführen ließe, denn dazu sind die philosophischen Voraussetzungen bereits zu unterschiedlich gebaut.

Ja, ja, durchaus – es ist vieles, fast alles bereits gesagt zum Komplex „Heidegger und der Nationalsozialismus“. Aber nicht ganz. Bisher galt bei jenen, die zwar Heideggers Haltung, sein Denken, sein Kleinbürgertum, seine heimattümelnde Politik, seinen Jargon des Eigentlichen und Ursprünglichen nicht teilten, aber dennoch nicht von vornherein von den Texten lassen wollten, die Differenz zwischen Leben und Werk. Das eine war jene opportunistische Lebensform eines zutiefst Konservativen, der vielfach Worte für jene Soldaten von Hitlers faschistischer Wehrmacht fand, die in der Sowjetunion in Gefangenschaft waren, aber kein einziges kam ihm über die Lippen, nicht der winzigste Ton zur Shoah. Dem doch wohl zentralen Ereignis des 20. Jahrhunderts, dem eine seinsgeschichtliche Dimension eingeschrieben ist, so daß es sich kaum wortlos ignorieren läßt. Das andere sind seine Texte, die in der Zeit des deutschen Faschismus und davor geschrieben wurden.

In den „Schwarzen Heften“ nun fanden sich Passagen eindeutig antisemitischen Inhalts, die zumindest andeuten, daß dem Seyns-Denken Heideggers bestimmte Figuren des Antisemitismus nicht fremd gewesen sind. Und so stellt sich die Frage, inwieweit sich Anzeichen eines solchen Antisemitismus ebenso in bestimmten Passagen seiner Texte finden, die in der Gesamtausgabe veröffentlicht wurden. Bisher gab es keine expliziten Hinweise darauf, daß nachträglich Texte umgeschrieben wurden. Andererseits gibt es keinen Einblick in die Editionspraxis der im Klostermann Verlag erschienenen Heidegger-Gesamtausgabe. Wieweit in der Abschrift der Handschriften Heideggers durch seinen Bruder Fritz bestimmte inkriminierende Stellen in weiser Voraussicht und opportunistisch mit Billigung Heideggers, der den Text gegenlas, vom Bruder getilgt wurden, bleibt im Dunkel, solange Forscher keinen Einblick in die Ursprungsmanuskripte nehmen können und dürfen, sofern diese noch zugänglich sind. (Kritiker dieser Kritik werden vermutlich anführen: „Diese Retusche geschah doch um der Sache des Denkens willen.“ Doch ganz so einfach gestaltet es sich hier nicht.)

Inzwischen jedoch scheint die Frage, wieweit bestimmte Texte in der Gesamtausgabe nachträglich bearbeitet wurden, aufgrund eines Textfundes im Literaturarchiv Marbach ein wenig anders sich darzustellen. Die „Zeit“ der Ausgabe vom 13. November 2014 berichtet darüber in einem Artikel von Eggert Blum. So entdeckte die an der Universität Siegen lehrende Wissenschaftlerin Sidonie Kellerer im Literaturarchiv Marbach Belege für eine solche Textkorrektur, sprich nachträgliches Beschönigen:

„Der 36-jährigen Philosophin Sidonie Kellerer ist es gelungen, eine solche Retusche an einem für die Nachkriegsrezeption Heideggers entscheidenden Punkt nachzuweisen. 1950 erschien im viel diskutierten Sammelband Holzwege Heideggers Vortrag über die Zeit des Weltbildes, den er 1938 in Freiburg gehalten hatte. Heidegger, bis 1945 Mitglied der NSDAP und darum bemüht, sich neu zu inszenieren, versucht darin, sein Publikum davon zu überzeugen, dass er schon zwölf Jahre zuvor die nationalsozialistische Weltanschauung öffentlich kritisiert und vor den Gefahren der modernen Technik gewarnt habe.

Sidonie Kellerer bekam Zweifel an dieser Version und untersuchte 2010 im Literaturarchiv Marbach, wo Heideggers Nachlass liegt, seine Manuskripte. Fassung eins, Fassung zwei, weitere Abschriften. Sie findet schließlich heraus, welche Version 1938 tatsächlich vorgetragen wurde. Das Ergebnis ihrer philologisch-philosophischen Kärrnerarbeit: Der 1950 in den Holzwegen veröffentlichte Text weiche in wichtigen Passagen vom ursprünglich gehaltenen Vortrag ab. Heidegger, so Kellerer, fügte hinzu, strich weg, formulierte subtil um – und verschwieg all dies dem Leser. So sprach er 1950 vom ‚planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen‘ und ‚von einer technischen Herrschaft über die Erde‘ – doch im Redemanuskript von 1938 steht laut Kellerer nichts davon.

Damit nicht genug. Verlangt Heidegger 1938 von den Deutschen, auf der Höhe der Neuzeit zu sein, die ‚entarteten‘ Formen der Subjektivität zu bekämpfen und sich dabei der ‚totalen Mobilmachung‘ und der ‚Züchtung‘ zu bedienen, so behauptet er zwölf Jahre später, er habe den Nationalsozialismus als Höhepunkt einer von der Technik beherrschten Moderne kritisiert. Auch in der späteren Gesamtausgabe findet sich kein Hinweis auf die Manipulationen.

Bei ihrer Arbeit im Literaturarchiv Marbach stieß Sidonie Kellerer noch auf eine weitere Geschichtsfälschung. Für seinen Vortrag Die Zeit des Weltbildes, so behauptete Heidegger nach dem Krieg (und so steht es auch in der Gesamtausgabe), sei er 1938 von der NS-Zeitung Der Alemanne heftig angegriffen worden, und die Universität habe ihn gegen diese Attacke nicht verteidigt.

Tatsächlich stimmt das Gegenteil. Die Universität hatte das Kampfblatt sehr wohl scharf gerügt und sich vor ihr NS-Dozentenbunds-Mitglied Heidegger gestellt. Kellerer kann dies anhand der Korrespondenz zwischen dem Pressesprecher der Universität und Heidegger nachweisen; aber der Briefwechsel, der das belegt, wurde ihr im Literaturarchiv Marbach nur versehentlich ausgehändigt, sie hätte ihn gar nicht einsehen dürfen, weil er bisher nicht in der Gesamtausgabe veröffentlicht wurde – und dort steht er auch weiterhin nicht auf dem Editionsplan.“

Diese Art einer nachträglichen Umschrift aus rein opportunistischen Gründen wirft zumindest einiges an Fragen auf, und der Artikel von Blum geht noch weiter, indem er zeigt, wie die Publikation von eindeutig antisemitischen Äußerungen Heideggers verhindert wurde. So stieß Marion Holz, Professorin in Siegen, im Archiv zu Marbach auf eine Mappe mit Seminarprotokollen, die ihr lediglich durch einen Zufall und „versehentlich“ ausgehändigt wurde. Es schreibt Blum:

„Die Mappe enthielt studentische, von Heidegger korrigierte und somit autorisierte Nachschriften. In diesem im Wintersemester 1933/34 gehaltenen Seminar propagiert Heidegger Nationalsozialismus, Führerstaat und Antisemitismus. Die Juden nennt er ‚semitische Nomaden‘, denen ‚die Natur unseres deutschen Raumes vielleicht nie offenbar wird‘.

Bis heute fehlt dieses Seminar in der Gesamtausgabe, und dabei soll es laut Verlag auch bleiben, weitere Seminare Heideggers sollen dort nicht mehr publiziert werden. Damit blieben auch die Unterlagen zu mindestens fünf weiteren Seminaren des NS-Dozenten Heidegger der Forschung versperrt. Sidonie Kellerer nennt das eine Zensur, die die Erforschung eines wichtigen Kapitels deutscher Geschichte blockiere.“

Die Bereinigung des Denkens um des puren und reinen Heideggerschen Seyn-Denkens willen tut der Philosophie Heideggers keinen Gefallen. Im Gegenteil. Es erzeugt sich auf diese Weise des Weißwaschens von Texten lediglich der weitere Vorbehalt. Erst wenn auch diese drastischen, antisemitischen, völkischen Passagen in einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, wird man dem Umfang der Philosophie Heideggers, ihrem Antimodernismus, ihrem Ressentiment ebenso wie ihrer Tiefe bzw. ihrem Wahrheitsgehalt gerecht werden können: dem Teil, worin sie irrte und dort, wo sich fruchtbar anknüpfen läßt, indem Bedingungen einer Struktur freigelegt werden, die die abendländische Philosophie in ihren Ausprägungen maßgeblich bestimmte. Solche (kritische) Sichtung kann jedoch lediglich dadurch vonstatten gehen, indem sämtliche Texte Heideggers in einer kritischen, kommentierten Ausgabe öffentlich publiziert werden. Ebenso die inkriminierenden Passagen und solche, die nicht ins Bild zu passen scheinen.

So einfach, billig und reduktionistisch jedoch wie Roger Behrens in einem schmalspurigen Beitrag (im ansonsten durchaus anregenden) Webzine „Beatpunk“ vorgeht, Heidegger mit populistischer Geste insgesamt als Nazi ad acta zu legen, sollte man es sich als Philosophierender nicht machen. Es ist dies lediglich der Facebook-Attitüde des „Daumen hoch“, „Daumen runter“ geschuldet: Ausdruck verdinglichten Denkens eben und insofern das Gegenteil von Philosophie. Wer Philosophie lediglich an ihrem politischen Statement mißt und wieweit sie sich unmittelbar gesellschaftskritisch zu engagieren vermag, im Modus eins-zu-eins, verfehlt nicht nur die Philosophie, sondern ebenso die Politik samt einer grundlegenden Kritik der Gesellschaft. Gut kann man solche blickverengte Fehllektüre etwa an der Philosophie Nietzsche lesen: Nietzsche schlicht dem Faschismus zuzuschlagen oder ihn als Protofaschisten zu labeln greift nicht nur zu kurz, sondern ist schlicht dumm. Was nicht heißt, das Nietzsches Philosophie frei von solchen Passagen wäre. Dies zeigt etwa das Buch von B. Taureck, Nietzsche und der Faschismus (Junius Verlag) gut auf. Als Georg Lukács diesen sowie Schopenhauer, Schelling, Kierkegaard in seinem Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ allesamt des Irrationalismus zieh, schrieb Adorno, daß an dieser Stelle wohl eher die Vernunft Lukács zerstört gewesen sein mußte.

Im zweiten Teil mehr zu Heidegger.

13 Gedanken zu „Nationalsozialismus und Philosophie – Heideggers Faschismus (1)

  1. Danke für den Hinweis – ich hätte es vermutlich übersehen. So kann ich es aufnehmen und dann demnächst schauen. Zumal A. Schmidt am 18.1. seinen 101. Geburtstag gehabt hätte. Letztes Jahr 100er. Ich habe es übersehen. Doch kann einer nun einmal nicht über alles schreiben.

  2. Auf meinem arte läuft heute abend etwas anderes. Ich kann diese Sendung leider nicht finden. Schade, denn ich hätte sie gerne gesehen.

  3. Die Herausgabe der schwarzen Hefte führte vielfach zu einer Überprojektion der Person Heidegger, auch und gerade dann, wenn zwischen dem Nazi-Sein und dem Seynsdenken keinerlei Verbindung hergestellt wurde. Ich schrieb damals auf einer anderen Seite.

    In der FAZ amüsiert sich Jürgen Kaube (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/martin-heideggers-schwarze-hefte-beweisen-den-antisemitismus-des-philosophen-12844017-p4.html?printPagedArticle=true) darüber, dass ein bekannter deutscher Philosoph seine Todtnauberger Hütte elektrifizieren ließ. Wenig amüsantes kann er dagegen in den sogenannten Schwarzen Heften finden; da geht es dann nur noch um die Nuance des Schwarztons; nur Rassist oder auch Antisemit, nur Gelegenheitstäter, oder auch systematisch verankerter Rassenhass? Wenn letzteres der Fall ist, wird es überlegenswert, dass Knaube über die „Überlegungen“ befindet, dass es ihnen recht geschehe, wenn nur noch über ihren Denker und nicht ihr Denken diskutiert wird.

    Dabei wäre es gerade interessant die Relationen zwischen Denker und Denken zu betrachten, inwiefern sich Person und Text gegenseitig mit-bestimmen. Texte lassen sich selbst bei der kritischen Exegese vielfach biegen, aber doch nur selten brechen. Nietzsche – und hier wäre wohl noch wichtiger Marx zu nennen – leisten also in gewissen Passagen und Formulierungen bestimmten philosophischen und p o l i t i schen Lesarten Vorschub. In Bezug auf seine Heidegger-Lektüre sagt einer der großen französischen Philosophen der Gegenwart:

    „Ja, wenn ich Sein und Zeit lese, spüre ich darin die Vorkriegsjahre, nicht mit dem Verstand und der Erinnerung, sondern physisch: ich empfinde unwiderstehlich den Geruch jener Jahre; fragen Sie Menschen meines Alters, die genau in diesem Moment in Frankreich gelebt haben, die später in den Gymnasien die Hymnen auf den Marschall Pétain singen mussten, bevor sie bei den Feiern zum Tag der Befreiung zu Ehren der Résistance marschierten, immer flankiert von denselben Erwachsenen – wie sollte man diese nicht verachten, sie sollte man nicht mit zehn Jahren schon alt werden und erfahren und weise an ihrer Stelle?“ (Michel Serres, Aufklärungen. Gespräche mit Bruno Latour, S. 9f.)

    Bedeutsam ist das dann auch, weil die sogenannte „linksheideggerianische“ Tradition – im gleichen Jahr wie Michel Serres ist auch Jacques Derrida geboren – davon betroffen ist. In mehr wissenschaftlicher Weise spricht Derrida in „Heideggers Ohr“, davon wie für diesen sich das deutsche Wesen erst im Kampf sich sammelt, und er zitiert Heidegger wie folgt: „.“ (Politik der Freundschaft, S. 466, *= im Original auf Deutsch).

    Das ist wirklich eine differenzierte Betrachtung, und ich bin gespannt, was Ihre kritische Sichtung noch zu Tage fördert. Dann gerne auch weitere Kommentare zur Rezeption in Fr. bonné anné M. Bersarin

    Modest

  4. Kaubes Artikel scheint mir einerseits in vielen Punkten richtig zu sein. Heideggers Privatfaschismus ist auf alle Fälle eine Betrachtung wert. Ebenfalls scheint mir das Buch von Peter Trawny lesenswert, der es unternimmt, Heidegger gegen Heidegger zu lesen und zugleich nichts an seinem „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ und am völkischen Denken Heideggers zu beschönigen. (Da eben liegt Heideggers großes Problem: er besitzt keinen angemessenen Begriff von Geschichte.) Die künftige Heideggerforschung wird einzig diesen von Trawny vorgezeichneten Weg gehen können, will sie weiterhin mit dem Text Heideggers produktiv umgehen. Ansonsten bleibt es die pure Akklamation der Heidegger-Apologeten, die seinen Text wie die Bibel nachbeten.

    Andererseits bleibt es eine Verkürzung, Heidggers Werk auf sein Leben herunterzubrechen, so wie Kaube es in verengter Fokusierung betreibt. Jeder Text ist zwar einerseits von einer Vita beieinflußt, aber zugleich führt jeder Text ebenso ein Eigenleben, löst sich von diesem Leben. Sein Wahrheitsgehalt bleibt nicht an diese Vita gebunden. (Um Aristoteles‘ zu lesen, um seinen Text zu verstehen, müssen wir nicht zwangsläufig wissen, welche Intentionen und welches biographische Begehren diesem Text eingeschrieben ist.) Wenn schon Kritik, dann sollte diese immanent am Text Heideggers erfolgen. Am Begriff der Entschlossenheit und an dem des Volkes, dasion Heideggers Diktion naturgemäß nur das deutsche sein kann – was denn sonst? – läßt sich sicherlich zeigen, daß in der Philosophie Heideggers der nationalkonservative Ton weht. Heideggers Text bleibt vielfach einer Agrarontologie verhaftet, der der Bauern und Viehzüchter. Weiterhin läßt sich immanent aufweisen, daß die ontologische Ebene des Seins denn doch vielfach einer ontischen Subreption unterliegt.

    Die Elektrifizierung der Schwarzwaldhütte in Todtnauberg entbehrt nicht eines hohen Maßes an Komik: „Mehr Licht“ kann man da nur sagen.

  5. Ps: das verschluckte Heidegger Zitat: „Die Auseinandersetzung [Auseinandersetzung* ist die von Heidegger autorisierte Übersetzung für polemos] trennt weder, noch zerstört sie gar die Einheit. Sie bildet diese, ist Sammlung* (logs). Polemos und Logos sind dasselbe.“ (Einführung in die Metaphysik). Für Derrida, dessen Kritik an Heidegger immanent angelegt ist, scheint das Problem aus der negativen Kehrseite der Agrarontologie, wie Sie es nennen, zu resultieren. So werde über das Mit-Sein als Volk in Sein und Zeit §74 gesagt, dass es um eine Schicksalsgemeinschaft geht, die eine Kampfgemeinschaft ist. Für Derrida ist die Suche nach Alterität das bestimmende Moment seiner Untersuchung, und dann um das Aufeinandertreffen von Subjekt und Anderen. Das scheint ein zweiter blinder Fleck bei Heidegger zu sein, die mangelnde theoretisierung von intersubjektiven Praktiken. Während sich diese Lücke immanent schließen, oder öffnen, könnte, scheint das Problem der mangelnden Historizität grundlegender. Eine entsprechende externe Kritik, die ebenso gegen andere Denker des sogenannten Poststrukturalismus erhoben werden kann, ließe sich übrigens aus einer post-marxistischen Perspektive vortragen. Damit könnte dann noch einmal aus einer anderen Richtung Kritische Theorie Licht ins Dunkle bringen, oder das Dunkle ans Licht. Es gefällt mir auch.

  6. Ihre Sicht auf Derrida ist, was die Alterität betrifft, richtig. In diesem Motiv steht er nahe zu Emmanuel Lévinas, der ebenfalls stark von Heideggers Philosophie geprägt wurde. Allerdings würde Derrida vermutlich nicht unbedingt vom Subjekt sprechen, da ihm dies zu sehr im Dualismus Subjekt/Objekt verhaftet bleibt.

    Mit den intersubjektiven Praktiken ist es so eine Sache: Bei Heidegger wird die Dialektik systematisch ausgeblendet. Der Kampfplatz bleibt bei Heidegger: Phänomenologie versus Dialektik., (Wobei Heidegger den Text Hegels nicht abstrakt negiert.) Eine Habermasche, von Hegel gleichsamm heruntergebrochene, ihn simplifzierende und kommunikativ verwässerte Intersubjektivität gibt es weder bei Heidegger noch bei Derrida in dieser Form. Und ebensowenig bei Adorno. Allen drei Philosophien ist ein starkes Mißtrauen in die Kraft gelingender Intersubjektivität gemeinsam – freilich aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Wobei sich Adorno und Derrida über die Kategorie des Sinns, der in die Kritik gerät, und des Übersteigens einer Hermeneutik in einigen – freilich nicht in allen Aspekten – sehr nahe stehen.

    Post-Marxismus und Poststrukturalismus stehen in einem eigenwilligen Verhältnis. So viele Berührungspunkte wie Differenzen existieren – insbesondere was die Herkunft der Theorien anbelangt. In der postmarxschen Theorie eben Hegelsche Dialektik und Kritik der politischen Ökonomie, in Frankreich Strukturalismus, Nietzsche, Heidegger und Phänomenologie, allerdings mit Schlenkern zu Hegel und Marx hin. Es gab gute Gründe, weshalb in den 80er und 90er Jahren manche der Adornoschen Jünger bzw. der Kritischen Theoretiker:innen – so auch der Betreiber dieses Blogs – sich den poststruktural gestimmten Franzosen in die Arme warfen: Weil hier ein Potential bereit lag, um das sich die Kritische Theorie gut erweitern ließe. Insbesondere qua Freud und einer neuen Kritik am Subjektbegriff. Da hinein spielt dann auch wieder marginal Heidegger. Die klügsten der Kritischen Theoretiker machten den Dualismus Adorno oder Heidegger nicht mit.

  7. Vielen Dank für den Link. Eigentlich müßten meine Leserinnen und Leser hier im Blog noch viel mehr solcher Gaben bei- und zusteuern. Bei all dem Service und der Qualität, die Aisthesis unermüdlich, wöchentlich, über die Jahre bot, weiterhin bietet und geboten haben wird – bis ans Ende der Tage.

    Figals Rücktritt aus der Heidegger-Gesellschaft ist schon eigenartig. Als ob man erst seit den Schwarzen Heften wußte. Dabei schwappt eruptiv immer einmal wieder eine solche Welle der Heidegger-Verstrickungs-Kritik auf. Interessant zu verfolgen allemal, wie sehr und eigenartig Text und Mensch voneinander abweichen. Empirischer und intelligibler Charakter sind wohl doch nicht so sehr aufeinander im Bezug.

    „den ehemaligen Lehrstuhl Heideggers nunmehr in eine Juniorprofessur für Logik und sprachanalytische Philosophie umzuwandeln.“ Da ist gut. Wir haben ja in der BRD so wenige solcher Lehrstühle. Andererseits: für die Junioren und unsere lieben Kleinen reicht diese Philosophie ja auch. Da braucht es nichts Komplexeres.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.