Die künstlichen Paradiese – Citylights

„Zum Crépuscule du soir: die Großstadt kennt keine eigentliche Abenddämmerung. Jedenfalls bringt die künstliche Beleuchtung diese um ihren Übergang  in die Nacht. Der gleiche Umstand bewirkt, daß die Sterne am Himmel der Großstadt zurücktreten; am allerwenigsten wird ihr Aufgang bemerkt. Kants Umschreibung des Erhabenen durch ‚das moralische Gesetz in mir und den gestirnten Himmel über mir‘ hätte so von einem Großstädter nicht konzipiert werden können.“ (W. Benjamin, Passagen-Werk)

 Es gibt in der Großstadt kaum Sterne mehr, wenn wir den Nachthimmel betrachten, und die Farben dieses Himmels schimmern in einer Großstadt ganz und gar anders. Wer je nachts durch Industrie- oder Gewerbegebiete streift, wie ich es manchmal mache, der wird sofort diesen anderen Schein eines gelblich-fahlen Lichts kennen: Wie die Leuchtbogenlampen, die den Zebrastreifen nachts erhellen sollen. Herrliches Licht-Inferno, das die Schlote und Industriegebäude erleuchtet, wenn von fern aus diesen Stätten der Arbeit die Geräusche der Maschinen dringen. Baudelaires „Die Abenddämmerung“ in den „Blumen des Bösen“ ist sicherlich das Gegenbild zu solcher Kantischen Konzeption des Erhabenen: Einsam auf der Klippe das tosende Meer zu betrachten: Der gestirnte Himmel über und das moralische Gesetz in mir. Hier mag das Ethische in dieser Mondscheinszenerie mit prachtvollem Sternenhimmel ästhetisch sich noch in ein stimmiges, gar bruchloses Bild bringen lassen. Im Schein und im Schimmer der Großstadt ist solches Schreiben bzw. solche Korrespondenz nicht mehr möglich. Die Textszenen ändern sich. Was sich insbesondere an Baudelaires Bild von der Natur zeigt. (Eine Rehabilitierung des Naturschönen für die Ästhetik finden wir dann in einem umfassenden Sinne erst wieder bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“) Aber es bedeuten diese Szenarien der Großstadt,  die Gassen, der Wirbel in den Straßen, der Ameisenhaufen Mensch, Theater, Orchester, Huren und Gauner, so Baudelaire, zugleich einen ganz anderen Begriff von Heim und damit auch von Heimat. „Und die meisten haben nie des Heimes Süße erfahren und haben nie gelebt.“ So endet „Crépuscule du soir“ Bei Baudelaire jedoch sind es die künstlichen Paradiese, die den Zwischenraum schaffen:

 „Diese Schärfe des Verstandes, diese Begeisterung der Sinne und des Gemüts müssen den Menschen zu allen Zeiten als der Güter höchstes erscheinen. Weshalb er auch die Blicke nur auf die Lust des Augenblicks richtete, und ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Gesundheit in der Physik, der Pharmazeutik, in den gewöhnlichen Branntweinen, in den zartesten Parfüms, unter allen Klimaten und in allen Zeiten die Mittel suchte, um, und wäre es für einige Stunden nur, seiner muffigen Wohnung zu entfliehen und, wie der Verfasser des „Lazarus“ sagt: das Paradies auf einen Streich zu gewinnen. Ach! die Laster des Menschen, mögen noch so grauenvoll sein, dennoch liefern sie uns (und wäre es nur durch ihre unendliche Verbreitung!) den Beweis für sein Verlangen nach dem Unendlichen; nur ist dies leider ein Verlangen, das oft den rechten Weg verfehlt.“ (Ch. Baudelaire, Die künstlichen Paradise)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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