Ein Sturm, der vom Paradies her weht

Was ich von Jahresrückblicken halte, die aus privater Gestimmtheit öffentlich in der Welt des Internets geschrieben werden, läßt sich in wenigen Worten zu Papier bringen: Gar nichts. Die schönen und angenehmen Dinge, die sich Haut an Haut mit Menschen zutragen, spielen sich nicht in der Welt der Blogs und der Texte ab. Insofern gehören sie nicht in einen Blogtext – sofern der Referenzrahmen nicht das Poetisieren ist, wo mit den doppelten Böden und mit den Fallstricken, den Schleiern und den Segeln gespielt wird.  „Voile“, so bezeichnet der französische Begriffe beide Substantive gleichermaßen. Das aber sind Praktiken des Textes. Mehr nicht. Verwiesen sei nur auf dieses wahre Wort. Denn auch diese Spiele sind manchmal unangemessen und überflüssig.

Mich aber interessieren die Theorien, die diese Welt in ihrer Struktur lesbar machen und im selben Zuge auch wieder verrätseln. Dennoch besitzen Rückblicke einen ganz eigenen Reiz, sofern sie sich mit einer Bedeutung aufladen, die das bloß Private oder Privative sprengen. Das gilt für die Literatur, das gilt für literarisch-philosophische Schreiben. Den intensivsten und schonungslosesten Rückblick – freilich nicht auf ein vergangenes Jahr, sondern auf Vergangenes überhaupt, das ins Äon ragt – tätigte wohl jene Figur, die Walter Benjamin in seinem letzten zu Lebzeiten geschriebenen Text „Über den Begriff der Geschichte“ nannte:

 „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Metaphysik, Theologie und Materialismus durchdringen sich in diesem grandiosen und pointieren Text-Bild Benjamins und zeichnen die Konturen einer Welt wie sie ist und wie sie wurde sowie einer ganz anderen Welt, ohne die Details freilich auszupinseln. Utopie – bilderlos, so könnte man schreiben. Aber nicht, wie bei A. Schlegel konzipiert, als reine unschuldige Utopie eines Märchens, befreit von jeglicher Geschichtsphilosophie. Benjamin setzt sich in seinem Verfahren von einer Geschichtsschreibung ab, die rein historisierend und bloß überliefernd verfährt und im Titel eben diesen Namen trägt: Historismus, der eine Begebenheit der Geschichte additiv an die andere reiht. Der Historismus „hat keine theoretische Armatur“ schrieb Benjamin in der XVII. geschichtsphilosophischen These, die für sein Verfahren eines dialektischen Materialismus sowie seiner Theorie einer „Dialektik im Stillstand“ zentral ist. Das „Kontinuum der Geschichte“ aufzusprengen.

Zugleich kritisiert Benjamin – zumindest implizit, jedoch ohne ihn beim Namen zu nennen – das Heideggerschen Seinsgeschehen, welches Geschichte als Geschichtlichkeit ontologisch aus der Welt aussiedelt. Heideggers in „Sein und Zeit“ ausformulierte Quasi-Transzendentalphilosophie einer übergeordneten Geschichtlichkeit im Seinsbezug ursprünglicher Vorgänglichkeit verfehlt die materialistische Perspektive: Daß nämlich Geschichte immer (auch) konkret ist und sich in den ökonomischen Faktoren spiegelt und zugleich darin als Geschichte sich ereignet und einer Welt die Strukturen und Dispositive vermittelt. Für Benjamin ist in diesem Zusammenhang die Kategorie der Ware zentral, die er in seinen Texten zu Paris als Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts konstellativ zur Darstellung bringt: sei es über die Dichtung, Baudelaires, über die Pariser Passagen, über Schaufenster, Lumpensammler, Sammler und Flaneure, die Architektur Haussmanns, die Eisenkonstruktionen, die Prostitution. Alles dies wird ihm zum Material einer historisch-materialistischen und zugleich dialektischen Geschichtsschreibung, die sich – über Zitate zunächst – konstituiert und in ein Bild bringt. Dieses in den Details Aufblitzende einer Vergangenheit vermittelt sich bei Benjamin wesentlich über Texte. Über die Einsichten in das Leben der Großstadt und in die diese Großstadt beschreibende oder von ihr borgende Poesie Baudelaires weist Benjamin auf das warenförmige Verhältnis einer Gesellschaft, die ihre Werte monetär vermittelt und dabei verdeckend und verschleiernd nicht müde wird, von den wahren Werten zu schwadronieren.

Aus der Vergangenheit erzeugt sich das Bild unserer Gegenwart.

„…, der Historiker ist der rückwärts gekehrte Prophet. Er kehrt der eigenen Zeit den Rücken; sein Seherblick entzündet sich an den ins Vergangene verdämmernden Gipfeln der früheren Ereignisse. Dieser Seherblick ist es, welchem die Zeit deutlicher gegenwärtig ist als den Zeitgenossen, die mit ihr Schritt ‚halten‘.“ So schreibt es Benjamin in einem seiner nichtpublizierten Fragmente zu „Über den Begriff der Geschichte“.

In diesem Jahr will ich mich verstärkt den Texten Walter Benjamins widmen, mit Nebenwegen, mit Umwegen, hin zur Photographie, ins Passagenwerk hinein und über eine Theorie des dialektischen Bildes, was sowohl für das Medium Text wie auch Photographie bedeutsam ist. Insbesondere seine Fragment gebliebenen geschichtsphilosophischen Thesen möchte ich nachzeichnen: Den Ort, wo Metaphysik, Theologie und Materialismus erkenntniskritisch sich verbünden. Vor 75 Jahren brachte sich Walter Benjamin, auf der Flucht über die Pyrenäen, am 26. September 1940 in Portbou um sein Leben. Das ist 75 Jahre her.

1975, also vor 40 Jahren, erschien der erste Band von Peter Weissʼ „Die Ästhetik des Widerstands“. Auch dies sollte mit Texten und einer Würdigung bedacht werden.

_________

Wenn ich auf die Literatur des Jahres 2014 zurückblicke, so sind es diese drei Bücher, die ich bedingungslos empfehlen möchte: Großartiges Erzählen von Thomas Hettche mit „Pfaueninsel“ sowie das wunderbare, grandiose, sprachgewaltige Debüt von Lutz Seiler mit „Kruso“. (Eine intensivere Besprechung als diese Skizze werde ich noch schreiben.) Wer freilich Freude an Experiment und Feldforschung hat und seinen phänomenologischen Blick schulen möchte, der oder dem seien „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar empfohlen. Eines der phantasievollsten und witzigsten Bücher des Jahres 2014. (In einer zweiten Besprechung zudem hier nachzulesen.)

Abschließend will ich es nicht versäumen, meinen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr zu wünschen. Und in der Hoffnung darauf, hier im Blog weiterhin qualifizierte und in der Sache weiterbringende Kommentare und Diskussionen lesen zu können. Einige Ausnahmen gab es leider – wie immer. Diese werden von mir  weiterhin mit unsachlicher Bosheit gestraft, auf daß sich durch dieses Verfahren die Spreu vom Weizen, die Trolle von der geübten Schreiberin, dem geübten Schreiber trennen, so daß solche Gestalten sich hier nicht mehr herverirren mögen. Und bitte bitte: Erzählt mir  auch dieses Jahr nicht, daß Benjamin und Weiss nicht schreiben können, daß X nicht malen kann oder daß meine Texte zu lang sind. Ums nochmal klarzumachen: Ich betreibe keinen Aphorismen-Blog und auch keinen für Gefühlsdinge. Diese gehören in den Bereich der Face-to-Face-Kommunikation. In diesem Sinne: Die besten Wünsche für alle die Leserinnen und Leser, die ich schätze und als Kommentatoren und auch als Opposition und Gegentext mag. (Ein Aquino-Disput steht ja noch aus!)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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22 Antworten zu Ein Sturm, der vom Paradies her weht

  1. hANNES wURST schreibt:

    Frohes neues Jahr. Die Texte sind zu lang.

  2. Bersarin schreibt:

    Dies wünsche auch ich Ihnen. Ihrem Einwand kann ich nur entgegnen, trotzdem das Lutherjahr erst 2017 sein wird: Hier stehe ich und kann nicht anders. Es muß sein, es liegt diese Länge in der Not der Sache gegründet. Insofern ist die länge notwendig.

    Allerdings weiß ich von Ihnen, daß Sie in der Tat ein Meister der Vernappung und des Apercus sind. Auch dieses Verfahren besitzt seine Stärke. Und da Sie einer der längsten und treuesten Kommentatoren auf diesem Blog sind, versuche ich – von Zeit zu Zeit – Ihre Anregungen aufzugreifen.

  3. alterbolschewik schreibt:

    Ha, das mit Benjamin freut mich. Da können wir die Fetzen fliegen lassen, denn ich halte ihn für den überschätztesten Autor im Umfeld der Kritischen Theorie – aber aus diesem Dissenz läßt sich sicherlich einige Erkenntnis gewinnen.

    Dir auch ein gutes neues Jahr. Und die Texte sind zu kurz.

  4. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank! Auch ich wünsche Dir ein gutes neues Jahr.

    Benjamin ist sicherlich ein schillerender Autor. Böse könnte man sagen, daß sich bei ihm schädlich der Einfluß von Brecht als auch Scholem niederschlug. Aber vielleicht war diese Mischung aus Matererialismus und Judentum gerade die Stärke seiner Texte. Das Bündnis von Theologie/Metaphysik und Matererialismus. Zudem bleibt Benjamin ein rätselhafter Autor mit einer ungemein poetischen Kraft, was sich insbesondere in seinen Aphorismuen in „Einbahnstraße“ oder „Berliner Kindheit“ zeigt. Es wird da gewiß Dissenz geben.

    Tja – die Kürze, die Länge von Texten … Ich weiß mir da auch keinen Rat. Leser/innen lesen nicht endlos lang, andererseits passen manche Dinge nicht in 500 Zeichen, sofern man keine Aphorismen schreibt.

  5. holio schreibt:

    Weiss‘ Ästhetik sollte ich nun auch endlich einmal lesen. Steht schon lange im Regal, als NF 501 der edition suhrkamp mit 14 x 21 x 3 cm, macht 882 ccm, aber vollständig gelesen hab ich es fürchte nie. Es ist undurchgehend paginiert, sondern bandweise, der erste hat 360 Seiten, der zweite 330 und der dritte 270, macht 960 summa summarum. Will man rechnen, kann man eruieren, fast 1 ccm pro Seite. Kommt mir sehr viel vor. Wenn ich an verschiedenen Stellen aufschlage … keine Absätze. Schnelle Blicke lassen Ähnlichkeit erahnen zu Fluchtpunkt und Abschied von den Eltern. Sehe ungern, aber immerhin Möglichkeit, es geschützt vor Regen in einer Plastiktüte zur Arbeit zu tragen und beim Pendeln zu lesen, wenn ich unbedingt will.

  6. Bersarin schreibt:

    Ja, drei Bände sind es. Der letzte erschien 1981. Im Grunde reizt mich bei diesem Buch am meisten der Titel: ich glaube nicht mehr an die Macht des Widerstands auf großer Ebenen. Und auf der kleinen nur noch bedingt. (Es bloggen ja alle nur noch politisch und mähren herum. Da fehlt dann leider die Zeit, irgendwie seinen Arsch hochzukriegen.) Es siedeln sich diese Aspekte von Kampf und Widerstand in der Ästhetik an. Die großartige Szene, wie im ersten Buch der Pergamon-Altar beschrieben wird: Der Kampf zwischen den Giganten und den Göttern. Macht gegen Macht, gebannt im Bild, gebannt im Text. Und auf welche Weise ein Arbeiter zur Bildung kommt.

  7. Skalpell schreibt:

    Vielen Dank fürs Schreiben, ich habe im letzten Jahr viele Anregungen mitgenommen (wenn ich auch nicht aktiv kommentiert habe). Auf deine (Duzen oder Siezen? In Berlin greift das Duzen ja immer weiter um sich, und auch ich ertappe mich dabei…) Überlegungen zu Walter Benjamin bin ich sehr gespannt. Zwar werden die „Thesen zur Geschichte“ ja wirklich alle naselang referenziert (gerade auch im akademischen Betrieb), doch darin ist noch viel „Unabgegoltenes“, was gegen common sense und Tagespolitiken stark gemacht werden kann. Die Konstellation Walter Benjamin – Peter Weiß ist natürlich interessant, gerade vielleicht auch noch unter Einbeziehung Brechts, der im direkten Vergleich zwar eher hemdsärmelig erscheinen mag, meiner Meinung nach aber doch auch originelle Beiträge zu den Möglichkeiten von Dialektik und Materialismus geliefert hat (man muss ihn nur von den Lesarten der DeutschlehrerInnen befreien!) – ein Dissenz den wir ja dann gern disktuieren können.

  8. Bersarin schreibt:

    Duzen oder Siezen: es ist mir gleich. Es hängt von den Umständen ab. Vielen Dank zunächst für’s Lob. Brecht gehört auf alle Fälle in den Umkreis mit hinein, und mit Dir bin ich der Meinung, daß Brecht von der Deutschlehrer/innen-Lesart befreit werden sollte. Interessant scheint mir im Hinblick auf Brecht die dekonstruierende Lektüre, etwa so wie Castorf an der Berliner Volksbühne es mit „Die Maßnahme“ tat. Brechts Materialismus ist in der Tat an vielen Stellen von sehr einfacher Struktur. Auch hier gilt wohl wieder meint Wort: Brecht gegen Brecht zu lesen. Bei vielen seiner Lehrstücke bin ich freilich skeptisch. Allerdings geht es auch da, wie die Heiner Müller-Inszenierung des „Ui“ zeigt.

  9. Bjenny schreibt:

    Die Skizze zu Kruso liest sich ja eher skeptisch, nun eine Empfehlung, wurde das Buch dann noch so viel besser?

  10. Bersarin schreibt:

    Ich habe zunächst etwas gebraucht, um in den Text zu kommen. Sowieso ist eine Buchbesprechung meist ein komplexer Prozeß, der sich nicht bloß im „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ erschöpft.

  11. Bjenny schreibt:

    Oh nein, in diese Richtung von Daumen rauf oder runter war meine Frage auch nicht gemeint. Im Gegensatz zu Ihnen kam ich irgendwann nach einhundert und noch was Seiten nicht weiter, die poetische Sprache empfand ich als hinderlich, ich irgendwann das Buch fast schon ärgerlich abbrach und weglegte, der Impuls weiterzulesen kam bei mir einfach nicht auf. Aber da Sie nun doch dieses Werk als „grandios“ bezeichnen und ich große Stücke auf Ihre Einschätzungen halte, wollte ich lediglich erfragen, ob es da einen besonderen Moment im weiteren Verlauf des Buches gab, dass es zu diesem Urteil kam.

  12. Bersarin schreibt:

    Daß mich dieses Buch immer mehr einnahm, war ein Prozeß. Anfangs störte auch mich diese Sprache, die alles und jedes poetisiert und versucht, eine gelungenen Wendung zu finden. Es gibt zwei Tendenzen: entweder diese amerikanische Charles Bukowski/Hemingway-Schreibe, derer sich ein Großteil der jungdeutschen Schriftsteller/innen bedienen. (Bestes Beispiel ist Karen Köhler, die sicherlich viele Begabungen hat, sie mag eine gute Schauspielerin sein, aber sie ist eine schlechte Schriftstellerinnnendarstellerin) oder aber der so hohe Rilke-Ton, wo jedes Ding und jedes Kling eine ausgesteigerte Bedeutsamkeit – oh reine Übersteigung – erfährt. Rilke hat gute Gedichte, aber leider ebensoviel Kunstgewerbliches und abgelebte Form. Bei Seiler ist es nun nicht so. Aber ich war vom Gestelzten Anfangs nicht angetan. Aber irgendwann kippte das um und diese Geschichte bekam einen kräftigen Sog. Ich hoffe, ich schaffe dazu demnächst eine Rezension, dann können Sie die Gründe für mein Loben und Preisen erfahren.

    Es freut mich, daß Sie meine Buchkritiken schätzen.

  13. holio schreibt:

    Kleinigkeit gebloggt zur ÄdW: http://wp.me/p5fzPV-J

  14. bersarin schreibt:

    Vielen Dank für den Hinweis!

  15. ziggev schreibt:

    zu Dunlop/Cortázar

    bersarin – fast hätte ich vergessen, mich für diesen Lesetipp zu bedanken! Es handelt sich wirklich um ein ganz wundervolles Buch. Insbesondere fällt auf, dass es sehr gut übersetzt und auch sehr liebevoll editiert ist. Ich hätte es beinahe schon aufgegeben, Neuerscheinungen zu lesen, sofern es sich um Übersetzungen handelt. Die Übersetzung von Against the Day von Pynchon „Gegen denTag“ (Rowohlt) fährt gleich mit dem ersten Satz mit Vollkaracho an die Wand. (Und dann veranstaltet der dlf auch noch eine lange Sendung zu diesem Buch bzw. der Übersetzung (LCB)). Erschöpft entgleitet das Buch bereits nach c.a. 9 Zeilen meinen Händen. Dann die Übersetzung einer französischen Autorin, die durchaus neugierig und hoffnungsvoll gestimmt ich zu lesen begann, bringt auf den ersten drei Seiten jeweils am Ende eines längeren Absatzes in jeweils längeren Sätzen exakt dieselbe syntaktische Struktur. Sowas gehört sich einfach nicht. (Th. Mann macht das erst nach c.a. 15 S., was mich bereits mit einer gewissen Anfangsenttäuschung weiterlesen ließ, ein paar hundert Seiten später stellt sich dann aber heraus, dass es sich ebenso um ein Kompositionsprinzip handeln könnte.)

    Auch darf ich jede Befürchtung zerstreuen, das Buch könnte auf einen überangestrengten und in der länge überstrapazierten Klimax am Ende hinauslaufen. Das scheint ja z.z. jeder / jede so zu machen. Besonders abschreckend etwa Theresa Mora. Aber auch der ansonsten hoch schätzenswete Sorokin. Nein, es erinnert eher an die an Stärke abnehmenden Adjektive in Aufzählungen von Madame de Sévigné, auf die Proust aufmerksam macht (und wessen Stilmittel er sich selber bedient?).

    Dadurch, dass es ein Tagebuch, eine quasi wissenschaftliche Dokumentation, Reisebeschreibung, poetische Meditation zweier Autoren ist, ergeben sich natürlich verschiedene Ebenen. Kurz, es handelt sich um ein Buch, das eben auch vom Machen (ein unschönes Wort, man darf, sollte vielleicht, es aber hier verwenden) eines Buches handelt. Diesem Umstand trägt diese wunderschöne Ausgabe bei Surkamp vorbildlich Rechnung. Natürlich nicht nur das. Wir dürfen mit den Autoren auch sprachlich auf Entdeckungsreise gehen. Dieses Ineinanderverweben und Übereinanderlagern der verschiedenen Ebenen unter dem Aspekt der verschiedenen Ebenen, der Herstellung, des Konzepts, der Erzählung, Magie und Poetik ist sprachlich noch einmal ein besonderer Genuss. Deswegen ist m.E. die editorische Leistung des Surkam-Verlags hoch zu loben.

    Auf das Fehlen eines Bombast-Klimax´ habe ich ja schon hingewiesen. Allerdings finde ich es immer etwas schade, das Ende zu verraten. Es plätschert jedenfalls nicht bloß so leise aus. Mit diesem Schluss verbunden möchte ich aber darauf aufmerksam machen, dass Cortázar/Dunlop das Kunststück gelingt, tatsächlich von einem „Zen-Moment“ zu sprechen, ohne dass es abgeschmackt klingt oder ein solcher bloß herbeizitiert wird und in Anführungszeichen stehen müsste. Das soll erstmal jemand nachmachen! Auch schreibt Cortázar (ich glaube er ist es) über Lerchen (das sind Vögel, die im Fliegen singen). Über Lerchen zu schreiben, hätte ich mir nie getraut, sonst hätte ich schon längst mal was über Billlie Holiday geschrieben (von der er Hörkassetten mit dabei hat) – ihm gelingt es. Ein erstaunliches, ein unglaubliches, ganz wunderbares und liebevoll editiertes und ausgezeichnet übersetztes Buch, das, was mich betrifft, einen glücklichen Leser zurückließ.

  16. Bersarin schreibt:

    Ein ganz und gar großartiges, zartes, leises und doch witziges Buch, in der Tat, mit einem Ausgang, der traurig stimmt. Aber es geschieht dieser Abschied auf eine stille und anmutige Weise. Anders als im heutigen Ton der Zeit die Herrndorferisierung der Gefühlswelten. Wer nicht mindestens eine Todeskrankheit hat … Aber Krankheit adelte im Schreiben immer schon und erzeugt den Mythos: Ob Davos (Tuberkulose als Krankheit der Feingeistigkeit) oder aber ganz drastisch Kafka, um nur die prominentesten Beispiele zu nennen. (Wohingegen Kafka kein Aufhebens von sich macht. Er verschwindet irgendwann in seinen Texten, so wie jener Maler, der in sein Zen-Bild eintaucht und für das Publikum plötzlich auf dem Weg, der zum Hause führt zu sehen ist. Winkend, lächelnd.)

    Übersetzungen sind eine große Kunst. Ich selber lese allerdings fast nie mit dem Original gegen, sondern verlasse mich auf den Text. Manchmal stellt sich beim Lesen ein Unwohlsein ein, rein klanglich schon oder in der Konnotation des Begriffes, und ich frage mich, ob ich diesen Satz in dieser Weise übersetzt hätte. Dabei orientiere ich mich am Klang des Textes, an seiner „Musikalität“, dem Rhythmus, am Bedeutungsgehalt der Begriffe. Es gibt Varianten, da läßt sich das französische Esprit mit Geist, in anderen mit Gemüt übersetzen. Insofern ist es unmöglich, einfach nur interlinear zu übertragen, weil jegliche Begriffswahl bereits eine Interpretation voraussetzt, die sich aus dem Zusammenhang der vorhergehenden und der nachfolgenden Sätze generiert.

    Die Übersetzung ist eine hohe, leider nur gering beachtete Kunst.

  17. ziggev schreibt:

    manchmal finden sich in Übersetzungen Sätze, die dem Leser sofort klarmachen: Es handelt sich um eine Übersetzung. Denn so hätte wahrscheinlich kein Autor einen Satz konstruiert. Das finde ich oft völlig legitim. Denn der Übersetzer oder die Übersetzerin hatte ja dann kaum eine andere Wahl, wenn der betreffende Satz sich, ohne das Sprachgefühl der Leser allzu arg zu verletzen, syntaktisch quasi 1 zu 1 und ohne auf Umschreibungen angewiesen zu sein (etwa wegen einer unübersetzbaren Vokabel), übertragen lässt. Es kann dadurch ein Text gewinnen, daß gewissermaßen sich der Duktus der Ursprungssprache sein Recht verschafft. (Ich glaubte, besonders am Anfang solche Passagen zu entdecken.) Andererseits ist es manchmal erforderlich, Sätze ziemlich weitgehend umzubilden, um einen Satz weiterhin lesbar zu machen, also nicht gegen Grundregeln des Stils und überhaupt die Grammatik zu verstoßen. Und am Schluss soll, alle Widerständigkeit mit hineingenommen, ein stimmiges Ganzes entstehen. So entstehen immer wieder unlösbare Schwierigkeiten. Einige (unterbezahlte?) Übersetzer werfen dann einfach die Flinte ins Korn, so will mir oft scheinen, und lassen die hässliche Gestalt einfach stehen. Andere bemerken sie vielleicht gar nicht …

    Und ja, es ist die „Musikalität“, die auch meiner Meinung nach ein guter Prüfstein sein kann, um nach der Qualität einer Übersetzung zu fragen. Es kommt natürlich darauf an, wie „musikalisch“ ein Text gemeint ist. Ich achte da immer zuerst auf die Syntax; was Begrifflichkeiten angeht, verlasse ich mich eher aufs Gefühl.

    Bei der vorliegenden Übersetzung habe ich jedenfalls keine solche auf Faulheit oder Unfähigkeit zurückgehende Ungestalt angetroffen, es nirgends regte sich sogar nie auch nur der leiseste Verdacht, zugleich blieb eine gewisse Widerständigkeit erhalten. Insgesamt fühlte ich mich während des ganzen Textes sehr gut aufgehoben.

  18. ziggev schreibt:

    bersarin, kannst Du mir bitte folgenden Satz erklären: „Anders als im heutigen Ton der Zeit die Herrndorferisierung der Gefühlswelten.“ Ich will gar nicht kritisieren, sondern verstehen.

    define:Herrndorferisierung

    Nachdem nun nach 250 Jahren Familiengeschichte meine männlichen Vorfahren (seit 1. Generation) endlich den Ausstieg aus dem geistlichen Amt geschafft haben, kehrt das jetzt von allen Seiten wieder?

  19. ziggev schreibt:

    oh, ich hatte mich verlesen. Kommentar gegenstandslos, kannst rausnehmen, wenn´s nichts ausmacht. Ganz verstehen tue ich den Satz aber dennoch nicht.

  20. bersarin schreibt:

    Ich schrieb diesen Satz weniger gegen Herrndorf als gegen eine bestimmte Rezeptions- und Lesehaltung, die ich die der Empfindsamkeit oder der Gestimmtheit nennen möchte, wobei dies eigentlich noch recht harmlose Ausdrücke sind.

    Übersetzer sind unterbezahlt. Diesem Satz ist nichts hinzuzufügen. Die Schwierigkeit des Übersetzens besteht einerseits darin, von einer Grammatik in die andere zu übersetzen, ggf. Zeitformen übersetzen zu müssen, die es im Deutschen nicht gibt und dabei dennoch einen bestimmten Stil zu wahren. Um das Eigentümliche eines bestimmten Idioms zu wahren, das ein Autor pflegt, kann es dann sogar erlaubt sein, gegen die Konventionen der eigenen Grammatik zu verstoßen und eine Syntak zu erzeugen, die auf den ersten Blick willkürlich zerrüttet und von der Abfolge der Wörter her befremdlich anmutet. Auf eine interessante Weise geschah dies bei der Übersetzung von Derridas „Postkarte“ ins Deutsche.Der Übersetzer stand bei diesem Werk vor der Schwierigkeit, die Mehrfachbedeutungen, die mancher Begriff im Französischen hat, ins Deutsche zu bringen. Im Grunde analog zum Begriff der Aufhebung, der sich in diesem dreifachen Wortsinn nicht einfach ins Französische bringen läßt. ODer umgekehrt bleibt der Begriff der Différance unübersetzbar.

    Hinzuweisen bleibt auf zudem auf Walter Benjamins Aufsatz „Der Übersetzer“.

  21. che2001 schreibt:

    Benjamin war der einzige Vertreter der Kritischen Theorie, den die 68er liebten, während sie von Horkdorno und Marcuse lernten. Die Übrigen sind außerhalb der Philosophie und ihrer Nebenwissenschaften nur noch Geschichte. Wer kennt denn noch Neumann, Hans Meyer oder Max Scheler?

  22. bersarin schreibt:

    Was Du zu Benjmin schreibst, stimmt. Bis in meine Studienzeit hinein galt es, daß er sehr viel freundlicher aufgenommen wurde als Adorno. Auch von Menschen, die sich tendenziell als links und kritisch-theoretisch zur Gesellschaft positioniert verstehen. Vermutlich haben sie ihr eigenes Scheitern an der Philosphie Adorno voll und ganz zur Kenntnis wahrgenommen. Daß die „Arbeit des Begriffs“ (Hegel) eben Arbeit und keine Klassenfreizeitfahrt ist, daß Philosophie nicht aus der Pistole geschossen kommt, sondern der intensiven Leküre bedarf. (Schwerverständlich, so heißt es. Als ob das ein Kriterim wäre, um den Gehalt eines Textes darzulegen.) Allerdings trügt der Schein bei Benjamin. Die, die ihn liebten, lasen meist nur sein sehr viel leichter zu rezipierendes späteres Werk. Bei seinem Trauerspielbuch und den Aufsätzen zur Sprachtheorie wären auch dort schnell das Ressentiment aufgekeimt. Benjamin gibt es aber nur als Ganzes, und es läßt sich aus dem messianisch-verrätselten nicht nur der materialistische heraussezieren. (Schlechter Einfluß von Brecht, wie Adorno nicht müde wurde, den doch manchmal sehr kruden Materialismus von Benjamin abzutun.) Dennoch: Benjamin ist und bleibt nicht nur ein herausragender Philsoph, sondern ebenso ein großer Aphoristiker und vor allem ein Beobachter. Ob das nun die Reisebilder, die Einbahnstraße, der Zentralpark oder die Berliner Kindheit ist. Literarisch aufgeladen freilich sind sie beide und ein philosophisch-essayisitisch Schreiben praktizierend: Adorno und Benjamin.

    Zu den Vergessenen gehören ebenso Leo Löwenthal und Siegfried Kracauer. Max Scheller würde ich allerdings nicht zur Frankfurter Schule rechnen. Er war zwar Soziologie, gehört aber in ein anderes Umfeld. Das der Wertethik z.B. und n’büschen Kathole auch.

    Hans Mayer gehört ins Umfeld, war eher Literaturwissenschaftler und -kritiker. Adorno nannte ihn leicht despektierlich den jüdischen Anwalt aus Köln.

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