Feuerwerk, das nicht zündet – Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“

KarenKoehler_U1_08AprilEigentlich schreibe ich selten Verrisse von Büchern – schon gar nicht bei Erstlingswerken. Der Debütroman, in diesem Falle ein Band mit Erzählungen, ist nun einmal ein zartes Pflänzchen. Hier aber ist ein Buch so gründlich mißlungen und stellenweise seicht auf die Erwartungen eines bestimmten Publikums geschrieben, daß es gilt, der teils euphorischen Kritik in den Zeitungen etwas entgegenzusetzen. Ich teile diesen lobenden Ton von „Die Zeit“, FAZ, „Berliner Zeitung“ nicht im Ansatz. Wäre deren Kritik an jenem Buch differenzierter ausgefallen, fiele womöglich auch diese Besprechung im Ton zahmer aus. Zumal sich mir in diesem Kontext der Verdacht aufdrängt, daß Marketing von Verlagen, Feuilleton samt Besprechungsmacht sowie das Hochjubeln einer bestimmten Art deutscher Literatur, die unverbindlich, harmlos und stromlinienförmig auftritt, eine unheilvolle Allianz eingingen. Das mag unbewußten Mustern folgen und nicht unbedingt Resultat einer verschworenen Gemeinschaft sein. Ich neige nicht zu Komplott-Theorien.

Wenn mir allerdings zu Ohren kommt, daß eine der gelungensten Novellen, die ich in den letzten Jahren las, von zwei Verlagen wegen Handlungsarmut abgelehnt wurde, dann drängt sich mir der Verdacht auf, daß es vielen der Verlage – beileibe und zum Glück nicht allen jedoch – mehr ums marktgerechte Schreiben denn um Literatur in einem emphatischen Sinne geht, die ihren eigenen Anspruch einlöst, die avanciert und auf der Höhe der Zeit eine Tendenz strukturiert und ausbildet, und zwar nicht bloß im spritzigen Modeton, zeitgeistgerecht und gut lesbar geschrieben, vorm Einschlafen oder vorm Gang in den Club zu lesen, ohne daß es am Ende tangiert. Insofern meint der Begriff des Avancierten ein ästhetisches Kriterium und keinen verschleiften Popton der unvermittelten Mode – was nicht bedeutet, daß ich die Mode geringschätze, denn seit Baudelaire wissen wir, daß jene Mode die Falte im Kleid der Ewigkeit bedeutet. In Karen Köhlers Buch „Wir haben Raketen geangelt“ gelang weder das eine noch das andere. Vielmehr handelt es sich schlicht um solch einen Fall von Modeliteratur, der Literatursoziologen allenfalls auf die Spuren des 2010er-Jahre-Zeitgeistes bringt, sofern sie von der Literatur her auf bestimme Lebenswelten und -stile schließen mögen.

Klong, sproff, sprotz, kling – Lebensheldinnnen und -helden trappseln und stapsen durch die Szenen, und wisch, wasch mit dem Finger über den Bildschirm, übers Display des Smartphones gefingert. Lockersprachlich gerührter Text. Verknappte Sprache, leider zu kurz und zu bündig. Alltagsszenen und postadoleszente Zustände müssen freilich in der Literatur nicht zwangsläufig in eindimensionaler Sprache des Postadoleszenten dargestellt werden. Wenn ich aus der Perspektive eines Kindes oder eines Jugendlichen schreibe, so dachte es sich Ranicki einmal, dann darf dennoch die Prosa nicht kindisch sein. Grass und Jurek Becker mit „Bronsteins Kinder“ zeigten dies. Mit der Sprache fängt es bei Köhler an und da liegt bereits der erste Mangel des Buches. Der Adoleszenzton nervt, wenn Mittzwanziger nicht ihren Zuständen entwachsen wollen. Denn manchmal ist zu frisch nicht frisch genug, weilʼs nach künstlicher Frische aus dem Frischeparadies des Supermarktes ausschaut. Das schimmert appetitlich unterm Kunstlicht der Obstwarenabteilung. Aber erst wenn ich mir die erstandenen Erdbeeren bei Tageslicht betrachte, kommen die angedetschten Stellen hervor. Ein Sammelsurium von Erzählungen und Extremerlebnissen wird in diesem Band zusammengezurrt und zum Erzählbündel geschnürt, Banales hochgejazzt. Köhlers Prosa hat ihre Stärken da, wo sie es im Jargon der Kurzwortsätze nicht übertreibt. Und die Schwäche liegt in genau dieser affektierten Sprache, die bereits nach wenigen Seiten ermüdet. Schnodderig, hegemanisierend am Jugendsound oder an einer bestimmten Art der US-Kurzwortsatz-Prosa ausgerichtet, gleitet diese Sprache in den Klischeebildern der Szeneaffektierheit, huldigt popaffinem und popmodernem Sound in knappem Telegrammstil: Subjekt, Prädikat Objekt. Subjekt, Prädikat Objekt. Subjekt, Prädikat, Objekt.

Ebenso klappert es in den erzählten Geschichten selbst und in den dramatisch aufgebauten Plots oft und arg. Die Situationen sind nicht existenziell bedeutsam, traurig oder katastrophisch, weil die Handlung samt Szenen und Dialoge geschickt konstruiert werden, weil eine Katastrophe erst subtil im Geschehen sich entwickelt und von der Binnenstruktur des Erzählens her aufgeladen wird, also idealerweise durch Aussparung oder aber deren Gegenteil: die plötzliche, unvermutete Wendung, in der Verdichtung auf den Punkt zu, sondern über die durchschaubar gesetzten Motive, die wie Lockzeichen nach Reiz-Reaktionsschema arbeiten – konstruiert nach einer Schablone. Die Bedeutsamkeit wirkt konstruiert: durch Kirchen, Mysterienorte, Indianer-Stein in die Hand gedrückt, beim Verdursten der Protagonstin im Death Valley, und inmitten dieses Ethnokitsches darf auch der Zen-Tempel und darf Japan auf keinen Fall fehlen, so in der Erzählung „Cowboy und Indianer“. Reisen in die Ferne und zu Wasser, und aus dem Meer taucht beim Liebesschmerzrückblick naturgemäß ein Wal auf. Wenigstens steht kein Pferd vor der Tür, wenn das Buch schon bei der Populare Music Anleihen nimmt.

Das Katastrophische der Krankenhausgeschichte in „Il Commandante“ lebt einzig vom aufgebauschten Todeseffekt. Tod und Krankheit kommen immer gut: Mach einen Extremzustand, nimm eine Frau in den 30ern, bringe einen Arzt, ein Krankenhaus, eine lebensbedrohliche Krankheit ins Spiel, geselle der Frau irgendwie einen geliebten Mann bei, der jedoch abstrakt im Hintergrund bleibt und sich – per SMS natürlich – nur sporadisch bei ihr meldet, weil er sich von ihrer Krankheit überfordert fühlt, führe einen fremden, alten, irgendwie skurril-rätselhaften, aber märchenhaft hilfreichen Mann ein, der am Ende tot ist! Und Krankheit vor allem, Krankheit geht immer gut, Krebs noch besser, in den Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie. Gut kommen auch Gehirntumore mit letalem Ausgang. Das spricht nicht gegen solche Prosa an sich, sehr wohl aber gegen eine bestimmte Form von Aufschreibsystem samt Rezeption derselben, gegen deren Anrührungsposen, die den Text nach dem Rührungsfaktor für Schicksalsschläge bemessen. Natürlich alles im lakonischen Ton geschrieben – wir haben ja schließlich unsere US-Amerikaner gelesen. Das alles wirkt konstruiert, weniger wäre mehr. Prosa der deutschen, nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der sonst nichts Extremes mehr in den Sinn kommt als die eigenen Befindlichkeiten, Krankheiten und Gefühlszustände nachdem der Lover oder die Freundin einen verließen. Da haben wir sie also – die Rache Schelskys.

Gekonnt in schwarzen Zügen zu zeichnen und brüskes Schwarzmalen um des Effektes willen sind zwei Paar Schuhe. Ich will gar nicht die Großen der Literatur wie Kleist oder Kafka bemühen, so hoch wollen wir nicht greifen und die Latte hängen. Aber selbst vier Nummern kleiner, also in der Liga, wo Köhlers Prosa spielt, bekommt man es besser in den Griff als in diesem Buch. Prosa der existenziellen Aufgesetztheit wird fabriziert. Frauen, die partout nicht erwachsen werden wollen. Peter-Pan-Effekt. Und naturgemäß sind es immer die Ausnahmesituationen, darunter wird es nicht gemacht. Ob inmitten der Wüste von Kalifornien, wo der Protagonistin das Auto samt Rucksack und Papieren gestohlen wurde, nun ein rettender Indianer auftaucht oder Lebensschiffbruch mit Zuschauer in allen Lebenslagen. Vielleicht ist das alles eine Generationsfrage, eine Generation wie die der 70er, der 80er und auch die der 60er Geborenen. In dem unendlichen Langeweilemief der Sozial- oder Christdemokratie (BRD), wo (zum Glück) der Krieg als inneres Erlebnis ausblieb oder inmitten der sterilen kleinbürgerlichen Normenklatura, realsozialistisch verbürgt (DDR), in der diese Generationen ihr Kindheit und Jugend verbrachten, da bleibt als Ausnahmezustand und -tatbestand nur noch das nächtliche Ausgehen in den Partyhotspots in Düsseldorf, Hamburg oder Berlin. Schanzennächte, Kreuzbergnächte. Und jede dieser Nächte eine einzige Ausnahmeszene. Und, ach, so ungeheuer durch die Nacht und den Moment geritten und wir werden immer so weitermachen. Wie die Nacht, so die Prosa. Doch es bleibt am Ende in Köhlers Erzählton blutleer und schal.

Nein, es ist in Köhlers Erzählband nicht alles in diesen Geschichten schlecht erzählt. Aber es herrscht dort eine Sprache vor, die weniger der Sache, sondern in ihrer vermeintliche jugendlichen Geschmeidigkeit und dem launig-leichten Plauderton mehr dem Effekt verhaftet ist. Das Slanghafte, wie gesprochen erscheinend, Szenesprech, hegemannisiert die Sprache. Pop-Ton in seiner üblen Form und dieser Pop hängt mit der teils konstruierten Szenerie zusammen. Nun ist freilich Literatur immer konstruiert und nie die Wirklichkeit selbst, wie wir wissen. Hier aber soll es wie aus dem Leben gegriffen erscheinen. Aber doch hinreichend exzeptionell, damit keine Langeweile aufkeimt. Das muß nicht weiter schlimm sein, derart zu schreiben, daß es so ausschaut wie mitten im Leben, es gibt genug Autorinnen und Autoren, denen es darum geht, konsistent eine Geschichte zu erzählen, wo dieser Bruch zwischen Wirklichkeit und Schrift und dieser doppelten Boden eines Textes nicht zum Tragen kommen. Aber was Köhler schreibt, bleibt häufig Geplauder, das von der Attitüde lebt. Künstlerin reist durch die USA, Rückblenden auf die Kindheit – das beste in dieser Erzählung bleibt immer noch das lesbische Panorama, jenes Moment des Andersseins sowie die schreckliche Vergewaltigung. Doch werden solche gelungenen Momente sogleich wieder durch den aufgesetzten Ton verschlungen. Und es muß natürlich besagter Zen-Tempel mit einem Zen-Meister vorkommen, in dem die Künstlerin sich aufhielt. Diese immer wiederkehrenden esoterischen, ethnokitschigen oder neureligösen Bedeutungs-Aufladungen ohne weitere Bedeutung oder gar die Handlung zu generieren und weiterzubringen, so auch in „Il Commandante“ die Kirche mit den Wunschsteinen, zerstören diese Geschichten komplett, und ich denke mir für die nächsten Seiten: Bitte nicht dies noch!

Der Blog „Kulturgewäsch“ schrieb ebenfalls eine schlechte Besprechung und brachte es auf den Punkt: Prosa im Stile der „Sportfreunde Stiller“. Hätte von mir sein können. Hier jedoch war der Blogbetreiber schneller als ich.

Überdrüssig bin ich ebenfalls der bei J. Herrmann ausgeborgen Verpeiltheit von Frauen in den 20ern oder 30ern, denen ihr Boyfriend, der am Ende sowieso in deren Lebenskonzepten austauschbar und beliebig ist, abhanden kam und die nun sinnlos melancholisch irgendwie durch die Welt delirieren, sei es daß sie, wie in „Starcode Red“, auf irgend einem Kreuzfahrtschiff, das sich durch den Polarkreis bewegt, als Stage Artist anheuern – die Erzählung dieses Buches, die restlos mißlang – oder im Wüstenszenario bei „Cowboy und Indianer“, wo Künstlerexistenz, Rückblick auf Jugend und Ausnahmesituationen zusammengepreßt werden.

Zuweilen schimmert bei Köhler, was den Ton der Sprache und die Konstruktion von Geschichten anbelangt, etwas hervor. Potential ist – im Ansatz zumindest – vorhanden. So in der tieftraurigen Geschichte „Name. Tier. Beruf.“ deren Titel allerdings mißglückt ist, weil er dem Drama äußerlich bleibt und auf den Effekt schielt. Als handele es sich um einen Songtext der „Lassie Singers“. Dieses Prätentiöse inszenierter Lakonie stört gewaltig und bleibt erzählerisch banal. Trotzdem – der Plot trägt: Ein junger Mann, der inzwischen ein erfolgreicher Journalist ist, kommt in sein Heimatdorf zurück, um die jüngeren Schwester seiner Exfreundin zu besuchen, die zur Abiturzeit bei einem Autounfall ums Leben kam. Mit der jüngeren Schwester vögelte der Junge nach dem Unfall, es gab ein Kind, das Kind wurde abgetrieben, es liegt nun, von der Protagonistin als Frühgeburt auf einer Toilette bluttriefend herausgedrückt, heimlich mitverbuddelt im Grab der Schwester. Hier gelingt die Lakonie des knappen Erzählens stellenweise gut.

Und auch die Erzählung, die dem Buch den Titel gab, hätte anrührend, traurig, intensiv wie nur Jugend sich gibt, sein können, wenn deren Stil des Erzählens nicht alles kaputtgeplappert und gegen die Wand geschrieben hätte. Ein eigentlich zartes liebevolles trauriges Geschehen – ein Junge, ein Mädchen, in dem schönsten Alter, irgendwo um die Jahre der Volljährigkeit herum und wenn der Jugendfreund sich, unergründlich weshalb, mit Tabletten umbringt. Liebesnächte, Küsse im Rausch der Musik und der Kunst, Mixtapes, die man einander schenkt, sich zu filmen, die andere zu filmen, betrunken, wild, ungezähmt, Schriftstücke in Schreibmaschine zu setzen, erstes Aufbäumen im Schreiben, gemeinsam einsam, und der Beginn jungen Lebens in Fragment und Kurzprosa in ein literarisches Bild ziseliert, sehr zart, sehr liebevoll. Wenn nur dieser elende Hegemannn-Pop-Sound nicht wäre. Es hätte dies – zusammen mit „Familienportraits“ – eine der besten Short Storys werden können. Wie Leben sich unterm Zeitblick einer Generation der 80er fragmentiert und zerfranst und ins Treideln kommt, wie ein junger schwuler Mann auf das triste Altern der Eltern blickt, zwischen Mief und Ausbruch angesiedelt. Potential ist vorhanden, doch wird es um des Mode-Effekts willen verspielt. Diesem Buch hätte man einen Lektor, eine Lektorin gewünscht, die mehr als nur phasenweise eingreift.

Wer übrigens, wie Saša Stanišić auf der Rückseite des Covers als verlagsseitige Werbemaßnahme, der Meinung ist, daß Prosa wärmen müsse, der sollte sich keine Bücher, sondern besser einige Scheite Feuerholz oder einen leistungsstarken Radiator zulegen, um es sich auf dem Sofaplaneten behaglich zu machen. (Sex geht auch.) Die Ansprüche an Bücher, die manche pflegen, scheinen mir ausnehmend seltsam.

Die einen landen mit ihrer Prosa in einem renommierten Verlag, die anderen bleiben draußen oder schreiben ihr Leben lang solche Texte in Blogs. Dort scheinen mir die Texte Köhlers besser aufgehoben und dort gelingt es auch, weilʼs über weite Strecken privates Plaudern ohne literarische Komposition ist. Ambitioniert zwar, aber ohne Konstruktion und Meisterschaft. Literatur will jedoch mehr als den Ausnahmezustand der gelangweilten Mittelklasse, der Mittdreißiger. Diese Litanei mußten wir bereits bei Judith Herrmann zwei Erzählungsbände lang ertragen. (Wobei der erste Band durchaus einen speziellen Stil besaß, den ich nicht herunterreden möchte.)

Ich kannʼs Euch allen nur raten: Hört auf mit der Pop-Scheiße beim Textschreiben! Daran sind schon viele gescheitert und haben sich davon nie und nicht mehr erholt. Dieses Buch von Karen Köhler funktioniert wie eine CD mit neun irgendwie halboriginellen Musikstücken einer Deutschpopband, mal was für traurig Verliebte, mal was für Todkranke, mal was für den Weltschmerz der ewigadoleszenten Mittdreißiger. „Sportfreunde Stiller“-Prosa oder „Wir sind Helden“ trifft es ganz gut. Das spielen wir ab, hören, nicken: ja-ja. Und denken: „Dann doch besser die Amerikaner hören und lesen, die wissen wie Pop geht!“ Nach der Kreuzfahrtschiffsgeschichte mit ihrem larmoyanten Ton habe ich das Buch zur Seite gelegt. Wir haben uns durch die Prosa gehangelt.

Karen Köhler, Wir haben Raketen geangelt, Hanser Verlag, 240 Seiten, 19,90 EUR

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Feuerwerk, das nicht zündet – Karen Köhlers „Wir haben Raketen geangelt“

  1. holio schreibt:

    Er, ging heim. Sie, fand Reim. Wer, war, Leim? *sorry*

    Das mit den Wunschsteinen gibt es vielleicht wirklich. Beim Lesen dieser einen Geschichte – die anderen kenne ich nicht – stieg in mir jedenfalls ein extra gelegener kleiner Raum neben der Immanuel-Kirche in Köln-Stammheim auf, der, wenn ich mich recht erinnere, ständig geöffnet sein soll, anders als die eigentliche Kirche also offenbar, vielleicht aus Heizungsgründen. Dieser Raum bunkerartig kahl, mit wenigem, streng stilisierten (ein Kreuz ohne rechte Winkel, sondern sanft gerundet) und auch mal farbenprächtigen (rote reiche Blumen, man mag an Baudelaire denken) Schmuck und einer Art spröden Bänken an den Wänden, wo man sich hinsetzen hätte können, hätte man nachsinnen wollen.

    Runde Kieselsteine zwar sah ich nicht, aber was mir auffiel, war ein Mahnzettel: „Streichhölzer bitte nicht mitnehmen!“ neben einer Sandbank, in der ein paar Teelichter lagen und vor einer Kristallvase, in der drei abgebrannte Hölzer lagen und davor eine Schachtel.

    Warum mir beim Lesen nun gerade diese touristische Location einfiel, ich weiß es nicht.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich mag solche Ort durchaus. Sie üben Reiz aus. Ich bin übrigens zudem ein Freund des Sichtbetons bei Kirchenbauten. Das erzeugt klar Strukturen, das lenkt nicht ab. Architektonisch spannend. Ich denke da nur an die Wallfahrtskirche in Neviges. Genial!

    Alles mögliche hätte Köhler literarisch aus diesem Raum der Stille herauholen können. Bei ihr aber fand die spirituelle Weichspülung statt.

    Weniger würde ich mich insofern über solche Orte lustig mache: Sie erfüllen einen bestimmten Zweck, und auf welche Weise, wo und wie ein Mensch in seinen schlimmsten Stunden die Hoffnung hernimmt, bleibt jedem selber überlassen, sofern er damit anderen nicht schadet. Darüber zu richten, steht niemandem zu. Wenn aber solche Dinge oder der Eso-Kram instrumentakiiert werden und jemand meint, seinen Vulgär-Zen, der einzig dazu dient die Arbeitsleistung im Kapitalismus zu steigern, als der Weisheit Tiefe auszugeben, bei diesem ganzen Capra-Scheiß, wo Westliches mit Östlichem versöhnt werden soll, dagegen gilt es anzuschreiben, weil es sich um einen großangelegten Betrug handelt.

    Es gibt übrigens direkt am Brandenburger Tor in Berlin einen solche Raum der Stille. Ich gehe da manchmal hinein und rufe dann lautstark: „Jetzt ist aber mal Ruhe im Karton!“

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    Ich habe jetzt die ersten Zeilen dieser Schriftstellerin gelesen und bin noch entsetzter als Du. Wäre ich Zeuge einer Kreuzberger Medienblasenlesung solcher – noch ungedruckter – Stakkatotexte geworden, die betont cool sein wollen und es damit ja gerade nicht sind: Ich hätte möglicherweise Fremdschämen lernen können. Ich hätte aber – freundlich wie ich im Wesen nun einmal bin – darüber hinaus versuchen können, noch irgendwo das Brauchbare dieses modernadolesenzGeschwätzes zu erkennen. Und ich hätte dann der jungen Frau ebenso höflich wie bestimmt sagen können, dass der Drang zu schreiben nur gebremst funktioniert. Dass ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin sich immer zurück zu nehmen hat, damit der Text auftritt nicht der Verfasser selbst. Das hätte man bringen können und der jungen Schriftstellerin viel Glück wünschen müssen. Wenn sie es schaffe, sich selbst zurück zu nehmen, könne es noch etwas werden mit einer Buchveröffentlichung…

    Nur: Es ist ja keine ungedruckte Abiturientenprosa einer höheren Tochter aus Kreuzberg; sondern unfassbarer Weise ein im Feuilleton hoch gepriesener Erzählband, der ausgemacht auch noch als Positivkontrast zu angeblich weniger gelungenen Texten dient. Im Angesicht solcher grotesker Fehlwertungen fragt man sich dann doch, wo es noch ein funktionierendes Lektorat respektive eine funktionierende Literaturkritik gibt. Sind diese einstmals unabhängigen Institutionen des Betriebes jeweils nur noch Erfüllungsgehilfe für die Absatzerwartungen der Verlagsleiter? Auch ich glaube nicht an Absprachen. Vielmehr funktioniert die Schere im Kopf ganz wie von selbst. Für solch einen Plotklamauk, für solche Erwartungserfüllprosa gibt es einen Markt und damit erübrigt sich jede Diskussion um die Qualität der Texte. Überdies dürfte der Gesichtspunkt Verfilmbarkeit mittlerweile eine massive Rolle in den Lektoraten spielen. Denn eine Verfilmung multipliziert den Gewinn. Verfilmbar wird die von Dir erwähnte, handlungsarme Novelle (ich vermute die Autorenschaft Alea Toriks) nur bedingt sein. Folglich fiel sie hinten über.

    Diese Entwicklung hin zur plotlastigen Hochgeschwindigkeitsliteratur, die im Präsens zu schrieben und mit zahlreichen Authentizitätztüpfelchen zu garnieren ist, ist wahrlich keine Überraschung. Köhler als Phänomen war voraussagbar. Und Voraussagbarkeit ist DAS Merkmal der Trivialität.

  4. Bersarin schreibt:

    Schere im Kopf ist genau der entscheidende Punkt. Und ein Teil der Rezensentinnen und Rezensenten in den Mittevierziger- oder Fünfzigerjahren glaubt vermutlich, ein wenig noch an der Jugend partizipieren zu können, wenn man solchen Köhler-Blödsinn hip, gut und gelungen findet, ohne dabei zu bemerken, daß Sprache bei Köhler als Spielmarke mit Reiz-Reaktionsschema instrumentalisiert wird.

    Ich weiß eigentlich nicht, worüber ich mich mehr ärgern soll: Über die Pennälerprosa Köhlers (denn genau das ist es, so schreiben 18jährige) oder über den Hanser Verlag, der seinen Maßstab für literarische Qualität hier hart nach unten geschraubt hat.

    Texte wie von „Sportfreunde Stiller“: das fand ich die treffendste und beste Beschreibung für die Erzählungen Köhlers. Wenn es in dieser Kategorie vom Feuilleton behandelt worden wäre: es wäre ok. Wurde es aber nicht.

    Wenn „Die Zeit“ titelt, Karen Köhler sei die Entdeckung dieser Saison, so ist das ein Schlag ins Gesicht all der Autoren, die tatsächlich Bücher schreiben können, anstatt Szenegehabe in Texten zu posen. Schlimm, ganz schlimm.

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