Daily Diary (121) – Raindogs

Verwischte Bilder und Spuren, hinter den Schlieren und dem Wasser verschwindet die Gestalt, und es lösen sich die bekannten Formen und Konturen zugunsten der Farben und abstrakter Formung auf. Wie wenn man als Kind die Augen zusammenkniffe und die Linse des Auges preßte, um in Schemen und verschwommen nur noch zu schauen oder sich eine gebogene Glasscherbe vors Auge legte, damit die Welt anders sei oder ihre Seinsweise sich änderte. Kaleidoskope auch. Fast wie die mehrdeutigen Transzendentalien des Aquinaten. Residuenbetrieb. Oder eine Welt, die entstellt und zugleich beseelt im Blick liegt und sich darbietet. Ein wenig eifere ich bei solchem Photographieren durch die regennasse Fensterscheibe eines Busses, der durch eine Stadt fährt, sicherlich Saul Leiter nach, oder man möchte das prächtige reine Farbenspiel der Nacht zurückgewinnen. Schon als Kind, wenn ich im Auto auf dem Rücksitz lag und in die Lichter der Großstadt blickte, die vorüberzogen. Schon als Kind mochte ich mir stundenlang das Fensterglas im Kinderzimmer oder in der Stube betrachten, an dem die Regentropfen perlten oder starr herunterliefen. Ich hielt diese eigentümlichen Formen, etwa wenn der Regen seitlich aufspritzte und eher Striche denn Tropfen hinterließ, für unheimliche und geheime Schriftzeichen, die es zu lesen und zu dechiffrieren gälte. Dabei konnte ich zu dieser Zeit noch gar nicht lesen. Insofern dachte ich mir die Geschichte, die da im Wasser und mit dem Wasser geschrieben stehen, aus. So bleibt die Autorität der Schrift ungebrochen. Schon als Kind: Theorie und Prosa des Textes.

Ach, zu was für besinnlich-friedfertigen Gedanken einen Essayisten diese Tage, die wir die zwischen den Jahren zu nennen pflegen, treiben.

 
 
14_12_23_LX_7_18660
 
14_12_23_LX_7_18663
 
14_12_23_LX_7_18661
 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Daily Diary, Fetzen des Alltags veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s