Liebe Berliner Zeitung,

wird es irgendwann einmal aufhören, daß ich zu Weihnachten in der Weihnachtswochenendausgabe eine Weihnachtsgeschichte von Alexander Osang zu lesen bekomme? Wäre das wohl möglich? Damit nicht jährlich das Murmeltier grüßt? Würdet Ihr bitte endlich damit aufhören, bitte? Schreib ich mal so in prosakurzen amerikanisierten Sätzen. Gibt es denn keine anderen Schreiber? Weshalb schreibt Jens Balzer keine Weihnachtsgeschichten? Die sind bestimmt böser. Und lustiger. Oder Alice Ahlers oder irgendwer anders?

Ja, das sind die Sorgen eines alten, heterosexuellen, vollumfänglich privilegierten weißen Mannes, der bereits um drei Uhr, von seniler Bettflucht getrieben, wach im Bett liest, und dann drei Stunden später zu einer Zeit am Frühstückstisch frühstückt, wo andere erst vom revolutionären Kreuzberger Nachtleben heimkehren. Ich gestehe übrigens, daß ich mittlerweile Harald Martensteins Kolumnen in der Zeit ganz gerne lesen. Wiglaf Droste mag ich ebenfalls. Aber das sind wieder andere Geschichten. Irgendwann schrieb Martenstein einmal eine Kolumne über die Schule und ihre Lehrer. In diesem Text rüffelt (oder rügt) er die, die einen Unterricht wollen, in denen die Schüler sich wiederfinden, einen Unterricht, der die Lebenswirklichkeit der Schüler widerspiegeln sollen. Also das Gegenteil von Bildung, im Grunde. Denn diese bedeutet zunächst nämlich, sich zu  entfremden und mit dem großen Nichts konfrontiert zu werden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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17 Antworten zu Liebe Berliner Zeitung,

  1. Iris schreibt:

    Bereits im ersten Absatz dachte ich, dass ich dir unbedingt Droste/Heidelbach/Klink: „Weihnachten“ empfehlen muss, und tatsächlich, im zweiten Absatz fällt der Name Wiglaf Droste. Bestimmt kennst du diese kluge witzige böse Geschichten-Bilder-Rezepte-Sammlung längst. Ich jedenfalls blättere alle Jahre wieder mit dem größten Vergnügen darin.
    http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Nikolaus_Heidelbach_Weihnachten/257

  2. Bersarin schreibt:

    Das kannte ich in der Tat noch nicht – schöne Überraschung, zumal ich gerne koche. (Vor Wut manchmal, aber genauso gerne am heimischen oder an fremden Herden, wenn man mich läßt.)

    Droste Texte mag ich. Er selber soll in linken Szene-Zusammenhängen allerdings etwas schwierig sein. Kann sein. Seine Texte sind dennoch herrlich-absurd-komisch.

    Die schönste Weihnachtsgeschichte kommt immer noch von Robert Gernhardt: Die Falle, zu finden hier,

    http://www.festpark.de/w049.html

    Ich glaube, ich habe die schon öfters empfohlen.

  3. Iris schreibt:

    Das Absurd-Komische ist es, was auch mir an Drostes Texten gefällt. Und Klinks Rezepte sind klasse. Und Heidelbachs Bilder …

    Herrlich, der Gernhardt. :-D

  4. Bersarin schreibt:

    Das Buch kommt auf meine Liste beim DuMont Verlag. Empfehlen kann ich ansonsten – natürlich neben allem von Gernhardt und insbesondere seine Zeichnungen – den Erzählungsband „Kippfigur“. Ungeheuer komisch, die Wette zwischen Gott und Teufel und wo der arme Ewald versucht wird. Armer Student, der eigentlich nur bei Gesine ran will.

    Ach Gernhardt und diese ganze alte Titanic-Mannschaft der 80er, dieser nicht korrekte Humor – das fehlt so sehr.

  5. holio schreibt:

    Leider hab ich Henscheids Trilogie des laufenden Schwachsinn weggeschmissen. Diese orangenen Bände. Und die Dolce Madonna Bionda.

  6. Bersarin schreibt:

    Das ist dumm und ärgerlichn, Holio. Andererseits: Geht in Ordnung – genau – sowieso. Was soll’s – die Zeiten vergehen und es kommen neue. Sentiment ist ganz schön, aber nur bis zu einem gewissen Grade. Nun gilt zwar – in der Kunst zumindest – nicht: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Denn der Blick zurück auch im Bücherregal ist oft aufschlußreich. Trotzdem sollte – im Idealfall zumindest – die Literatur voranschreiten. Der avancierteste Stand bleibt die Maßgabe, ums mal plakativ zu schreiben.

    Man muß aber deshalb noch lange keine Kulturrevolution im Bücherregal veranstalten.

  7. monokrom schreibt:

    Es gibt noch die Alternative die Osang-Weihnachtsgeschichte einfach nicht zu lesen.
    Das halte ich mit Texten die mir erfahrungsgemäß wahrscheinlich nicht gefallen oder
    mich nicht interessieren genau so. Mit großem Erfolg.

    Bei den Osang-Texten sehe ich allerdings keine Veranlassung dazu.

  8. Bersarin schreibt:

    Ja, nein, tatsächlich – auf die Idee bin ich auch gerade gekommen. Ich freue mich immer über neue und innovative Kommentare. Ein kluger Kopf steckt immer dahinter.

  9. monokrom schreibt:

    Dann bist Du ja für nächstes Jahr gut gerüstet und kannst die gewonnene Zeit mit deinen Lieblingsautoren verbringen. Ich für meinen Teil mag die Weihnachtsgeschichten und
    habe nicht das Gefühl ein Exot zu sein.

  10. Aiko schreibt:

    Danke für den schönen Bildungsbegriff. Ich werde das weiter leiten, an mein Kompetenzzentrum.
    Und auch danke für die Erinnerung an den Gernhardt.

  11. Bersarin schreibt:

    @monokrom
    Wer Lieblingsautoren hat, sollte besser die Finger von der Literatur lassen, weil es mir scheint, daß sich diese mehr nach geschmäcklerischen bzw. kulinarischen, denn nach Aspekten der Qualität bestimmt. Insofern habe ich naturgemäß keine Lieblingsautoren. Mancher wählt übrigens Helene Fischer oder aber Andrea Berg als Lieblingslyrikerin. Immerhin haben wir bei dieser Wahl die Frauenquotierung vollumfänglich erfüllt. Hat auch was.

    @Aiko
    Prima, und ich hoffe, Dein Kompetenzteam wird Dich dann und dabei kompetent in der Umsetzung unterstützen.

  12. monokrom schreibt:

    Der kulinarische Aspekt der Literatur ist mir bisher verborgen geblieben und Qualität ist ein durchaus dehnbarer Begriff. Für viele wird wohl die „Qualität“ der ausschlaggebende Punkt bei der Wahl ihrer favorisierten Autoren sein.

    Der einzige der, welcher hier ein geschmäcklerisch geprägtes Urteil (über Osang) abgegeben hat, ist…

    Niemand sollte die Finger von Literatur lassen und verschwurbelte Sprache steht nicht für Tiefgang.

  13. Bersarin schreibt:

    Ja, für die quantifizierenden Hohltiere, für die mit ihren Lieblingsschriftstellern ist Qualität in der Tat ein dehnbarer Begriff. Das spricht nicht gegen den Begriff der Qualität, wohl aber gegen die, welche gerne Dehnungsübungen turnen.

    Du solltest zudem richtig lesen, Monokrimskroms: Ich habe nicht den Text Osangs kritisiert, sondern die Wiederholungsschleife der Berliner Zeitung, in Ewigkeit und Amen.

    Es sollten viel mehr Menschen die Finger von Literatur lassen. Erbauung findet man in der Kirche, und Lieblingssachen beim Pop oder im Winterschlußverkauf.

  14. monokrom schreibt:

    „…Schreib ich mal so in prosakurzen amerikanisierten Sätzen. Gibt es denn keine anderen Schreiber? Weshalb schreibt Jens Balzer keine Weihnachtsgeschichten? Die sind bestimmt böser. Und lustiger…“ So liest sich also nicht inhalts- oder stilbezogene Kritik?

    Ich mag auch deinen elitären Literaturbegriff! Wo Erbauung gesucht und hoffentlich gefunden wird, entscheidet jeder am besten selbst.

    Mal ganz abgesehen davon, dass Verballhornung von Namen (und seien es nur vergängliche Aliase im Internet) auch nicht für eine souveräne Diskussionsführung spricht.

  15. Bersarin schreibt:

    Auf schwachfugige Kommentare reagiere ich in der Regel mit bösartigen Antworten. Dies wissen eigenlich alle, die meinen Blog lesen. Wer von Lieblingsdichtern salbadert, hat schlicht keine Ahnung von Literatur und derern Kriterien. Literatur ist keine Erbauungsveranstaltung.

    Meinen Text hast Du anscheinend nicht verstanden. Wollte ich Osang an den Wagen fahren, hätte ich mir seinen Text vorgenommen. Sinnlos, Dir das erklären zu wollen.

  16. monokrom schreibt:

    Ja, wir können das hier beenden. Obwohl es schon interessant gewesen wäre herauszufinden
    wie weit sich dein Tonfall und die Abwesenheit von Argumenten noch verschärft.

    Ich wünsche weiterhin viel Spaß (oder wenig Spaß?) im Elfenbeinturm der beschwerlichen Literaturarbeit.

  17. Bersarin schreibt:

    Literatur zu lesen, ist nicht beschwerlich. Lästig sind allerdings Kommentatoren, die Blogbeiträge nicht korrekt lesen können oder wollen und die ihre Fehllektüre dann als Argument ausgeben. Solcher Mangel muß als das bezeichnet werden, was es ist: hochgestapeltes Schwadronieren. Wenn Du mir dann noch die Stelle zeigst, wo ich schrieb, daß Osang nicht schreiben kann, freute ich mich geradezu weihnachtlich. Eigentlich traurig, daß ich selbst einen so simplen Blogbeitrag erklären muß. Stichwort Murmeltier. Kann es denn so schwierig sein, den Bezug des Wiederholens da zu erkennen? Und wenn ich dann eine Erklärung nachreiche, wird auch die nicht zur Kenntnis genommen, sondern ignoriert. Wenn man denkt, dümmer geht nicht, kommt immer einer daher, der es noch dümmer schafft.

    Im Elfenbeinturm sitzen die, welche Literatur als Liebhaberei betreiben und in Selbstbespiegelung mit ihren Lieblingsdichtern ihrer Gefühlsseligkeit frönen.

    Na ja, monoton, Du gehörst vermutlich zu denen, welchen man sogar Witze erklären muß. Unerquicklich und traurig.

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