Ein Fisch namens Bürger. Franco Morettis „Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne“

Transformationsprozesse oder die Geburt des Bourgeois
in den Literaturen


42459Das Bürgertum will nicht mehr so recht den großen Glanz ausstrahlen und die ihm angestammte Würde verströmen, die ihm vor Zeiten und fulminant zukam – sozusagen als kulturelle Codierung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und als gesellschaftliches Narrativ, wie es so schön in den modischen Kulturwissenschaften heißt. Doch genausowenig macht das Bürgertum sich im Hier und Heute unserer unvollendeten Spätmoderne oder gar einer bereits wieder verabschiedeten Postmoderne daran, zu verschwinden. Schwebezustände sind die Folge. Eine seltsame Indifferenz herrscht gegenüber einer vormals exzeptionellen Kategorie, deren Lebens- und Verhaltensweisen im 19. Jahrhundert für weite Kreise der Gesellschaft Modellcharakter besaß. Selbst der Proletarier eiferte, was das Bildungsideal anbelangte, früh schon dem Bürgerlichen nach – manchmal sogar im Habitus. Partizipation, so lautete dann im 20. Jahrhundert auch für den Mann und die Frau der Arbeit die Parole – nicht mehr: Revolution. Die Bürgerlichkeit in ihren unterschiedlichen Varianten – als Form der Repräsentation in Verhalten und Politik, Glaspalastarchitektur sowie Fabriken und Bahnhöfe im Stile der Neugotik, vom (klein)bürgerlichen Idyll des Glücks im stillen Winkel, den Ansprüchen der Mittelklasse mit ihrem Hang fürs Praktische, den Apotheker- und Notarinteressen, der Großbürger mit Geld und hinreichendem Wissen plus Bildung – wurde im Westen beherrschender Instanz. Sie setzte sich durchsetzte. Zugleich jedoch diversifizierte sich im Lauf der Zeit dieser Begriff. Festzuhalten bleibt, daß die industrielle Revolution in Europa allen Verhältnissen – weltweit – einen neuen Dreh versetzte. Zwei Gestalten der Geschichte kulminieren darin, wie bereits Marx und Engels in ihrem „Manifest der Kommunistischen Partei“ schrieben: Bourgeoisie und Proletariat – zwei feindliche Lage, die einander mit Notwendigkeit und im Kampf gegenüberstehen.

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.“
(Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei)

Der Bourgeois, ein flirrender Begriff, zwischen Schimpfwort, Hochachtung und Verachtung. Der Bourgeois – wirkungsmächtig, und zwar nicht bloß als Homo oeconomicus oder in der Freizeit auf der Pferderennbahn als homo ludens. Er löste die Macht des Adels ab und inthronisierte einen völlig neuen Modus von Arbeit. Dem Verschwenderischen wurde das ökonomische Kalkül, der direkten Auspressung ein subtiles System der Unterdrückung entgegengestellt. Die zu gesellschaftlicher und dann ebenfalls zu politischer Macht gekommene Klasse derer, die ihre Haut nicht auf den Arbeitsmarkt tragen mußte, weil sie, anders als der Proletarier, der nichts als seine Haut sowie seine Arbeitskraft zu veräußern hatte, die Arbeit der anderen sich nutzbar machte, war sichtbar zwar in ihren Repräsentationsmechanismen, wollte aber in ihrer Herrschaft nie recht ans Licht. Es ist um den Begriff des Bourgeois im Grunde bis heute nie still geworden, trotzdem sich der Bourgeois unauffällig bewegt. Doch um so wirkungsmächtiger bleibt sein Handeln und sein Einfluß auf die Gesellschaft. Augenfällig wird das an jener Haltung der neuen Bürgerlichkeit, die von jenen Menschen mit geziertem Habitus gepflegt wird, die schon lange keine Bürger mehr sind, sondern dem in der Tendenz bereits prekären Mittelstand angehören, der als Besseres in Inszenierungsposen sich setzte und den Distinktionsgewinn einheimsen möchte. Eine Stufe darüber, nicht mehr im Milieu der Irgendwas-mit-Medien-Menschen, übt sich das politisch einflußreiche Bürgertum mäzenatisch im Raum der Kunst und bezieht von dort her seine Distinktion, lebt in Gated Communities, verfrachtet seine Kinder auf Privatschulen und -universitäten, die ohne hinreichendes Geld ansonsten für niemanden zugänglich sind.

Wenngleich der Kapitalismus im 21. Jahrhundert mächtiger denn je wurde (wobei ich selber, anders als Moretti, den Machtzuwachs bezweifele: ich halte die Machtposition für historisch konstant: fischhaft, glitschig sozusagen und fähig zur darwinesken Anpassung ans Neue), gerät eine seiner zentralen menschlichen Verkörperungen weitgehend aus dem Blickfeld der Theorie: der Typus des Bourgeois. Mit ihm beschäftigt sich der Literaturwissenschaftler Franco Moretti in seinem jüngst erschienenen Buch „Der Bourgeois. Eine Schlüsselfigur der Moderne“ im Feld der Literatur des 19. Jahrhunderts. Dabei stellt Moretti fest, daß diese Tendenz, sich unsichtbar zu machen und dennoch herrschend zu repräsentieren, früh bereits in Großbritannien zum Tragen kam, wo die Bourgeoisie sich – fein die Verhältnisse verschleiernder Euphemismus – gerne als „Middle class“ bezeichnete.

Um diese Unschärfen aufzulösen, die mit dem Begriff des Bourgeois in bezug auf die Gegenwart einhergehen, kann es hilfreich sein, den Blick in die Sozialgeschichte zurückschweifen zu lassen. Wenn schon nicht als Kritik der politischen Ökonomie, dann zumindest unter der Perspektive des Literarischen.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der Bourgeois wesentlicher Bestandteil der Theorien und Texte zur Gesellschaft – seiʼs bei Marx, Simmel, Weber, Schumpeter oder Sombart. Aber nicht nur dort. Wesenszüge bourgeoisen Verhaltens und Wirtschaftens vermitteln sich ebenfalls in den unterschiedlichsten Literaturen des 19. Jahrhunderts. Allerdings kommt in der Sicht Morettis der Bourgeois bei Marx und Weber lediglich als abstrakter Typus vor. Er ist „personifiziertes Kapital“ (Marx), die „sinnlich-konkreten Merkmale“ eines Subjekts aus Fleisch und Blut werden ausgeklammert, und dieser Aspekt läßt es auch für die Literatur undenkbar werden, daß eine solche Figur ausgeschmückt im Mittelpunkt einer Erzählung stehen könnte, so die These Morettis. Allenfalls in der Literatur, die zu Beginn der bürgerlichen Epoche oder später dann an den Rändern Europas liegt und wo das kapitalistische System zunächst nur unvollständig sich durchsetzte, gab es Spielraum für die Ausgestaltung dieses Typus. Etwa in der spanisch- oder italienischsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts.

Diese These Morettis scheint mir jedoch angesichts der Romane von Balzac, Stendhal, Flaubert und später dann Thomas Mann zu steil, und hier verrennt sich das Buch in die Nebenwege der Literatur. Es mag zwar spannend sein, wie dies Arno Schmidt schon tat, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu rehabilitieren, die abseits der offiziellen Literatur-Pfade vergraben liegen. Bei einem detaillierten Blick jedoch in Stendhals „Rot und Schwarz“ oder in Flauberts „L’Éducation sentimentale“ zeigen sich handfest solche literarischen Figuren und Figurationen, die das Bürgerliche der Epoche komplex in Sprache und in szenische Anordnung bringen, und im letzten Teil seines Buches vermittelt Moretti diese sinnliche Ausgestaltung des Bourgeois dann durchaus anhand von Ibsens Dramen.

Moretti nähert sich dem Phänomen des Bourgeois als komparatistischer Literaturwissen-schaftler. Weniger geschieht diese Auseinandersetzung systematisch, wie bei Georg Lukács in seinen literatursoziologischen Aufsätzen und in der Textsammlung „Probleme des Realismus“ oder wie bei Arnold Hauser in seiner „Sozialgeschichte der Kunst und der Literatur“, sondern rhapsodisch-essayistisch, vergleichend über verschiedene teils abseits gelegene, teils zentrale Texte wie Defoes „Robinson Crusoe“, George Eliots „Middlemarch“, Balzac „Verlorene Illusionen“. Moretti durchforscht assoziativ-spielerisch die Literatur, um anhand unterschiedlicher literarischer Texte dem Phänomen des Bourgeois auf die Spur zu kommen. Er unternimmt über das Medium der Literatur den Versuch, „Dimensionen der Vergangenheit auf(zu)schließen, die ansonsten verborgen blieben.“

Morettis These besteht darin, daß „literarische Formen gleichsam versteinerte Überbleibsel einer einst lebendigen und problembelasteten Gegenwart sind“. Er verbindet insofern Literatur- und Sozialgeschichte, um die Figur des Bourgeois im Kontext der Literatur des 19. Jahrhunderts sozialgeschichtlich darzustellen und dessen Facetten innerhalb dieser Literatur zu entfalten. Denn die mittlerweile vergangene bürgerliche Epoche spricht primär durch die literarische Form. Insbesondere in den Erzählstilen, in der Weise des Erzählens fand Moretti den Bourgeois wieder; weniger jedoch in der durchgebildeten Darstellung als literarische Figur. In seiner Methode orientiert er sich an der begriffsgeschichtlichen Arbeit des Historikers Reinhart Koselleck: Begriffe sind historisch aufgeladen, und es gilt, diese Aufladungen in ihren Schichten und Sedimenten freizulegen. Aber nicht nur das: ein Begriff ist nicht bloß Indikator eines historischen Zusammenhangs, sondern ebenso dessen Faktor. Das eben zeigt sich nach Moretti in den unterschiedlichen Literaturen, wo Verhaltensweisen und Muster des Bourgeois sich in Sprache, Grammatik, Syntax, Satzbau, Zeitform der Verben und über die Konstruktion des Textes oder vermittels rhetorischer Elemente niederschlagen. Die „Merkmale der bourgeoisen Kultur“ müssen im Akt der Lektüre aus den impliziten und verborgenen Dimensionen ihrer Sprache, aus den „unbewußten grammatischen Mustern“ und den „semantischen Assoziationen“ geborgen werden.

Moretti geht es in diesem Buch weniger um eine Mentalitätsgeschichte, indem eine dem Begriff zugrundeliegende Idee entfaltet wird, sondern um Aspekte verborgener Einschreibungen, die sich in unterschiedlichen literarischen Texten vermittels sprachlicher Topoi manifestieren, so daß bestimmte, sich mit der Zeit wandelnde Muster hervorscheinen. Von der frühen Epoche des Kapitalismus ausgehend, in Defoes „Robinson Crusoe“, über George Eliots „Middlemarch“ bis hin zu den bürgerliche Blendungsszenarien in Ibsens Gesellschaftsdramen, in denen dieser, so Moretti, die „‚Bilanz‘ des bourgeeoisen Jahrhunderts zieht“.

Literatur soll und kann in der Diktion Morettis einen Beitrag zum Verständnis der Geschichte leisten, insofern bleibt für ihn nicht nur der literaturwissenschaftliche Kontext, sondern ebenso der sozialgeschichtliche Zusammenhang verbindlich. Diese Verbindung ist sicherlich zu einem Teil der Durchlässigkeit wissenschaftlicher Sphären geschuldet, aber ebenso nimmt Moretti Methoden der dialektisch-kritischen Literaturtheorie auf. Ästhetische Formen erweisen sich „als strukturierte Reaktion auf soziale Widersprüche“. Das ist freilich seit Adornos „Ästhetischer Theorie“ und seinen Aufsätzen zur Literatur nicht ganz neu, denn ein Kunstwerk besitzt den Doppelcharakter fait social und autonom in eins zu sein. Gesellschaft nistet sich gleichsam durch die ästhetische Formung des Materials ins Kunstwerk ein. Sie wird nicht hineingepreßt. Wobei Moretti sich sehr viel technischer und formalistischer diesem Zusammenhang von Gesellschaft und Literatur widmet als etwa Adorno oder Benjamin. Dennoch läßt sich auch Morettis Buch als ein langer Essay lesen, der im Ungedeckten, gleichsam als eine Versuchsanordnung, Konstellationen von Literatur anführt. In solchen Text-Passagen und Analysen, die Moretti vornimmt, in dem er zwischen verschiedenen literarischen Texten Bezüge stiftet, liegen die spannenden, anregenden Seiten dieses Buches.

Als Komparatist sucht Moretti – auch mit Hilfe von Google Books und Literaturdatenbanken – Textstellen nach Begriffen ab, die bestimmte semantisch Inhalte transportieren, wie etwa die Begriffe „Nützlichkeit“, „Effizienz“, „Komfort“, deren Bedeutungsfelder im Hinblick auf die Logik kapitalistischer Produktion Moretti anhand von Defoes „Robinson Crusoe“ (1719) entfaltet. Insbesondere dieser Roman verkörpert, so Moretti, den genuinen Anfang der Welt, in der wir heute leben, frei von vormodernem Aberglauben. Wobei die These von der Freiheit vom Aberglauben anzuzweifeln bleibt. Als Stichwort sei der Fetischcharakter der Ware sowie ihre sinnlich-übersinnliche Gestalt genannt, wie Marx es im „Kapital“ schreibt und die Spukszenen der Gesellschaft aufzeigt, um diese sodann auf ihre rationalen Grundlagen zu befragen.

Dennoch: es reizt die detaillierte Sichtung des „Robinson Crusoe“ und lädt unter der Optik des sich entwickelnden Bourgeois erneut zu dessen Lektüre ein. Stärke zeigt das Buch Morettis – und dies liegt sicherlich ebenso an seiner essayistischen Form -, wenn es sich an die Detailarbeit macht, ohne von seiner Methode her zu einem trockenen, rein für Literaturwissenschaftler konzipierten Text zu gerinnen. So z.B., wenn er anhand des Gerundium Perfekt und der Finalsätze des Romans zielgerichtetes Denken und zweckrationales Handeln Robinsons aufzeigt. Oder wenn Moretti anhand der Gemälde Vermeers, in denen Alltägliches „erzählt“ wird, den Bogen zu Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, Scotts „Waverley“ bis hin zu Eliots „Middlemarch“ schlägt, um das Wohnzimmer – auch im Sinne der Privatsphäre und bürgerlicher Behaglichkeit – als Raum des Romans auszumachen. Oder wenn er die Genauigkeit in der Beschreibung – mithin einen registrierenden Positivismus des Details – als Kategorie des Erzählens einführt, die den erzählten und in Metaphern und Geschichten eingesponnenen Sinnes mehr und mehr ablöst.

Dieser Genauigkeit als Registratur dessen, was der Fall ist, korrespondiert die Objektivität. Als Mischform zwischen dem Objektiven des Draußen und der Art und Weise, wie dies von einem Subjekt wahrgenommen wird, fungiert in Texten wie Goethes „Wilhelm Meister“ oder in Jane Austens „Emma“ und „Stolz und Vorurteil“ die erlebte Rede, die ihren Höhepunkt dann in Flauberts „Madame Bovary“ erfährt. Die erlebte Rede läßt der Mitteilung des Individuums Raum und wahrt dabei gleichzeitig die Objektivität. Die erlebte Rede steht zwischen Erzählbericht und Figurenrede. Bei Flaubert jedoch transformiert sich diese Ausgewogenheit in seinem avanciertesten Roman: der auktoriale Erzähler wird zugunsten des Blickes einer Frau ausgesetzt. Subjektivität wird zum Kriterium, die sich zugleich jedoch wieder ins Objektive wandelt, weil der Subjektivität des Individuums bereits das gesellschaftliche Allgemeine eingetrichtert ist. Und zwar geschieht diese Transformation des scheinhaft Subjektiven, das sich am Ende bloß als Hülle erweisen wird, über die Kategorie des Gemeinplatzes, der bei Flaubert eine zentrale Rolle spielt. (Man denke nur an sein „Wörterbuch der Gemeinplätze“ und an seinen späten, Fragment gebliebenen Roman „Bouvard und Pécuchet“, so sei von mir ergänzt.)

Den Kulminationspunkt des bürgerlichen Denkens im 19. Jahrhundert in den Szenen der Literatur liefern schließlich die Dramen Ibsens. Moretti konstatiert für das Handeln dieser Figuren eine moralische Grauzone: Es wird etwas getan, was zwar einerseits nicht erlaubt, aber andererseits nach den Buchstaben des Gesetzes nicht strikt verboten ist. Trickreich ins Jetzt gewendet erscheint hierbei der Bogen, den Moretti hin zum Enron-Skandal schlägt – jener Konzern, der sich als „The World’s Greatest Company“ bezeichnete und schließlich mit Bilanzfälschung und Betrug im großen Stil bis hinein in die höchsten Sphären der Politik von sich reden machte.

Das „dramatische Potential“ liegt bei Ibsen im Konflikt „zwischen ehrbarem Bürger und Finanzmann“, der ohne Skrupel und kaltblütig agiert, wenn er Macht, Ansehen und Gewinnmarge halten will. Ibsen zeigt die Ambiguität der Bourgeoisie, löst sie jedoch zu keiner Seite hin auf. Innerhalb dieser Grauzone stellen sich die „unaufgelösten Dissonanzen des bürgerlichen Lebens“ dar und verbildlichen sich im Personal der Ibsenschen Dramen. Der Widerspruch gerinnt zur unauflöslichen Gestalt und will es dennoch nicht wahrhaben. In diesem Sinne bilden die Gesellschaftsdramen Ibsens einen Höhepunkt des zwiespältigen Wesens namens Bourgeois.

Insgesamt gelingt es Moretti auf anschauliche Weise, einen verbindenden Zug zwischen der Frühphase des Kapitalismus, wie sie sich im „Robinson“ darstellt, nämlich als unablässige Arbeit, und den Dramen Ibsens herzustellen und die Kontinuität aufzuzeigen, mit der sich der Prozeß kapitalistischer Produktion innerhalb der Literatur entwickelt. Morettis Literaturbeispiele sind instruktiv. Die „Methode“, Literatur auf den Typus des Bourgeois hin zu sichten, eröffnet bei manchem Text neue Lese-Perspektiven. Dieses Verfahren läßt sich sicherlich ebenfalls auf andere Romane oder Erzählungen übertragen. Die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts erschließt sich bei Moretti auf eine anregende Art über die Literatur. Morettis Verfahren lädt Leserinnen und Leser der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dazu ein, sich auf die Suche nach dem Typus des Bourgeois samt seiner literarischen und sprachlichen Ausgestaltung zu begeben. Durch Bücher und Werke zu streifen. E.T.A. Hoffmann mag sich dazu genauso anbieten wie Fontane oder aber Baudelaire. Dennoch bleibt bei Moretti an manchen Stellen der Bezug problematisch, da gesellschaftliche Phänomene häufig unidirektional auf Passagen der Literatur bezogen werden. Diese Tendenz, Verschiedenes auf einen Nenner zu bringen, zeigt sich etwa an Morettis Vorliebe, bürgerliche Werte an Stichworten festzumachen. Solche Perspektivierung verengt jedoch und nimmt den Begriffen ihr schimmerndes und vielschichtiges Moment.

„Der Bourgeois“ ist keine rein literaturwissenschaftliche Exegese für die wenigen Experten. Das macht den Reiz des Buches aus. Dennoch fehlt etwas darin, nämlich ein vermittelnder Zug zwischen den Phänomenen, der Bruch und Kontinuität in einem aufzeigt, zu sprunghaft und willkürlich sind die Übergänge zwischen den Szenen gesetzt. Das mag allerdings der Form des Essays geschuldet sein und es mag am Umfang des Materials liegen, denn womöglich ist das Thema zu vielschichtig und schillert in zu vielen Facetten und Farben, um es auf rund 260 Seiten zu bewältigen. Diese Kritik meine ich nicht so sehr als Schwäche, sondern es macht dieses Ungedeckte ebenso die Stärke des Essays aus: das, was im Ansatz aufgezeigt wurde, in ferner oder naher Zukunft in einem kompakteren, ausschweifenderen und konstistenteren Text auszudehnen. Daß im unscheinbaren Detail ein Ganzes aufscheine, das gebrochen und dennoch lesbar in seinen Konstellationen sich darböte.

Franco MorettiDer Bourgeois – Eine Schlüsselfigur der Moderne, Suhrkamp Verlag 2014, 275 Seiten, 24,95 €, ISBN: 978-3-518-42459-9

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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