Schockphotos. Schöneberg (1)

Die Natur der Photographie ist, daß sie nicht spricht, sondern zeigt. Gleichzeitig inszeniert sie jedoch und nötigt zum Sprechen.

Über die Inszenierung des Grauens, auch in guter Absicht der Parteinahme für Opfer, und über Schockphotos, die Roland Barthes in Paris in einer Ausstellung sah, schreibt er in den „Mythen des Alltags“:

„Die meisten Photographien, die hier versammelt wurden, um uns zu erschüttern, bleiben wirkungslos, gerade weil der Photograph sich beim Aufbau seines Sujets allzugroßzügig an unsere Stelle versetzt hat: Fast immer hat er das Schreckliche, das er uns vorführt, überkonstruiert und durch Kontraste und Nebeneinanderstellungen dem Faktum die effektheischende Sprache des Grauens hinzugefügt: Einer stellt eine Menge Soldaten unmittelbar neben ein Feld von Totenköpfen; ein anderer zeigt uns einen jungen Soldaten bei der Betrachtung eines Skeletts; wieder ein anderer nimmt eine Kolonne von Verurteilten oder Gefangenen in dem Moment auf, indem sie einer Schafherde begegnen. Doch keines der dieser allzu geschickt aufgenommenen Photos erschüttert uns. Das liegt daran, da wir ihnen gegenüber jedesmal unserer Urteilskraft beraubt sind: Man hat für uns gezittert, für uns nachgedacht; der Photograph hat uns außer unserem Recht auf intellektuelle Zustimmung nichts übriggelassen. Was uns mit diesen Bildern verbindet, ist ein technisches Interesse; vom Künstler selbst mit grellen Hinweisen überladen, haben sie für uns keine Geschichte, wir können nicht mehr selbst herausfinden, wie wir diese künstliche Nahrung vertragen, weil sie von ihrem Erzeuger bereits vollkommen vorgekaut wurde.“

 Aber gilt dies nicht für jede Photographie? Bei den Schockphotos mag es drastischer ins Bewußtsein treten. Was zeigen uns Kriegsphotographien? Zumindest nicht den Krieg, wie er vor Ort sich abspielt. Jedoch ist jedes Bild mit seinem Sujets, seinen Objekten und Szenen in irgend einer Weise gruppiert. Es gibt keine Ontologie der Dinge. Sondern nur das Kreisen, immerwährendes Kreisen um ein Ding, ein Objekt. Tentativ, hilflos, vorübergehend.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Schockphotos. Schöneberg (1)

  1. Uwe schreibt:

    Witzig. zunächst der Hinweis, dass die Fotografie zeigt und nicht spricht, und dann eine Folge von Fotos, auf denen Schrift zu sehen ist, die man lesen kann und damit Sprachbilder zeigen.
    Die Serie mit der Puppe im Unrat wirkt auf mich wie eine Tatortbegehung und -dokumentation.
    Deine Vorliebe für die Fadesse von bildparallel aufgenommenen Fassaden teile ich, zumal wenn sich auf ihnen ein Detail zeigt, dass ihre Monotonie aufbricht, wie etwa Blumen, Graffiti oder Gedenktafeln.
    Alles, bloß nicht da stehen bleiben, wo einen der Zufall hingeführt hat, kann auch als Motto für den Stadt-Flaneur gelten: das Tempo zügeln, Blicke aus der Distanz werfen, festhalten und strukturieren, was flieht, weiterziehen und dem Magnetismus der Straßen folgen, und was am Ende bleibt, ist der Zweifel.

    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Man kann nun keck sagen: die Photographie zeigt Schrift, ohne eine solche zu sein, die spricht und als gesprochene Sprache sich entäußert. Dieses Spiel mit den Leerräumen und Verweisen, mit den Spiegelungen und den Umschriften oder besser noch den Umschreibungen und Übertragungen (die Psychoanalytiker ziehen bei den Übertragungen alle Register, lesen und dechiffrieren den Text) scheint mir nicht nur für die Photographie, sondern überhaupt auch für den Text selber zentraler Aspekt. Das, was zeigt und dennoch verbirgt.

    Die Puppe ist großartig. Solche Zufälle, die sich auftun und vor den Apparat fallen, sind das, wonach ich immer wieder suche oder Ausschau halte. Deshalb ist die Photographie mit der Jagd zu vergleichen.

    Daß bei den Fassaden die Monotonie aufgebrochen wird, empfinde ich im Grunde immer als Verrat an dem, was ist. Beschönigungen allerorten. Mein Ziel wäre eine Sprache, die aus Eis ist, Photographien, die derart entstellt sind, daß es am besten aufs Medium selber und dazu noch auf die Welt zurückfällt.

    Zum Flanieren mit der Kamera ist in der Tat das langsame Gehen nötig. Leider wird man dadurch für Menschen in Mietskasernen manchmal auffällig. Insofern überlege ich mir, mit noch kleineren, aber dafür leistungsstarken Kameras zu spazieren. Leica heißt die Alternative!

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