D.A.F.: Dialektik der Gewalten. Zum 200. Todestag des Marquis de Sade

„Jeden Augenblick leiden und sterben Tausende von Menschen, vergeblich und ungerecht, und es berührt uns nicht; nur zu diesem Preis können wir überhaupt leben. Sades Verdienst ist nicht nur, daß er herausgeschrien hat, was sich jeder nur schamhaft eingesteht, sondern auch, daß er nicht Partei für die Gleichgültigkeit ergriffen hat. Gegen die Gleichgültigkeit hat er die Grausamkeit gewählt.“ (Simone de Beauvoir, Soll man de Sade verbrennen?)

Am 2. Dezember 1814 verstarb in der Irrenanstalt zu Charenton Donatien-Alphonse-François de Sade friedlich in seinem Bett. Entgegen der testamentarischen Verfügung Sades wurde das, was von seinem Körper übrigblieb, auf dem Friedhof von Charenton beigesetzt. Nur wenige Monate vordem wurde Napoleon Bonaparte auf die Insel Elba verbannt. Der Marquis de Sade saß mit kurzen Unterbrechungen seit 1763 in verschiedenen Festungen und Gefängnisse in Haft – das bekannteste: die Bastille –, wo er einen Großteil seiner Werke verfaßte. Auf kleinen Papierrollen schrieb er sein wohl bekanntestes Werk: „Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage“. Das bewegte und eigenwillige Leben des Marquis de Sade ist in Volker Reinhardts jüngst im Beck Verlag erschienener Biographie „De Sade oder Die Vermessung des Bösen“ nachzulesen. Sie verschafft einen guten Überblick über die Stationen seines Lebens und skizziert knapp das Werk de Sades. In der Interpretation des Werkes bleibt das Buch jedoch vage und hält sich zurück. Insofern verspricht der Titel mehr, als er am Ende einlöst. Philosophisch gesättigte oder literaturwissenschaftliche Einordnungen bleiben weitgehend aus, es vergegenwärtigt jedoch die Zeit jenes Frankreichs kurz vor der Französischen Revolution sowie Sades Jahre während dieses Umbruchs.

Sades Verdienst besteht ebenso darin, die Liebe als das überführt zu haben, was sie ist und sie auszuwetzen. Eine feine Illusion, der wir uns in poetischer Abschweifung hingeben. Dennoch beharrt Justine in ihrer Tugendhaftigkeit. Sie wird es nicht überleben, denn die erhabenste Naturgewalt streckt sie nieder: ein Blitz.

MAX ERNST 5Selten wohl klafften bei einem Autor Werk und Wirkung derart auseinander wie bei Sade. Immer wieder in aller Munde, sei’s im Oberton der moralischen Empörung oder als mehr oder minder banale SM-Szene verniedlicht – doch selten nur gelesen. Der Herr Marquis de Sade wäre sicherlich vor Lachen vom Stuhl gefallen, wenn er erführe, daß in der sexuellen Praxis nach den von seinen Romanfiguren praktizierten Züchtigungsvorlieben verfahren wurde, aber bei zu arger Steigerung mit Rufen eines Exit-Wortes die Prozedur zugleich zu ihrem Ende käme. Gerade da, wo es über das Exit-Wort hinaus ging, setzt der Text Sades ein. Erbarmungslos, grausam. BDSM und die in einen Text gebrachten Sexualitätsphantasien des Sades sind zwei sehr verschiedene Aspekte. (Wenngleich es Grenzgänge gibt.)

In Lektüre und Interpretation wurde Sades Text durch Referenzrahmenbestätigung der je eigenen Theorien häufig entschärft. Daran waren teils auch seine Apologeten nicht ganz unschuldig, wie etwa Guillaume Apolinaire und André Breton in seinen „Surrealistischen Manifesten“. Denn was Sade schilderte und schrieb, läßt sich auf der unmittelbaren Ebene des Gelesenen schwierig in Theorie umpolen – es sei denn um den Preis der puren Akklamation von Gewalt und Grausamkeit. Ob Sade im buchstäblichen Sinne meinte, was er schrieb, läßt sich kaum entschlüsseln (und ist für die Literatur sowieso nebensächlich), auch hier wieder der dezente Wink: Vom Autor nicht auf das Werk und vom Werk nicht auf den Autor zu schließen. Ein Werk wandelt sich im Prozeß der Literatur in den Text. Als Gewebe und Geflecht von Bezügen, die sich – zuweilen lesbar, manchmal wieder unlesbar – verdichten. Man muß Sades Text buchstäblich nehmen und zugleich auf seine Strukturierung den Blick lenken. Mitnichten handelt es sich dabei jedoch um die Befreiung der Sexualität. So sagte Michel Foucault 1975 in einem Interview „… daß Sade die Erotik formuliert hat, die zu einer Disziplinar-Gesellschaft gehört, zu einer reglementierten und hierarchisierten Gesellschaft der Anatomie – mit ihrer sorgfältig eingeteilten Zeit und ihren in Planquadrate aufgeteilen Räumen, mit ihrem Gehorsam und ihrer Überwachung. (…) Umso schlimmer also für die literarische Heiligsprechung Sades, umso schlimmer für Sade: er langweilt uns, ist ein Mensch der Disziplin, ein Sergeant des Sex, ein Rechnungsbeamter der Ärsche und ihrer Entsprechungen.“

MAX ERNST 6Sade nahm in seinen Schriften Rousseaus Begriff der Natur beim Wort. Zurück zur Natur! Allerdings in einem ganz anderen Sinne als von Rousseau intendiert, und er verkehrte die Vorzeichen. Rousseaus Imagination einer unschuldigen Natur, zu der der Mensch, um das Verderbnis von Kultur abzuwenden, sich wieder hinzuwenden habe, jener Naturzustand, wo Mensch und Natur miteinander im Einklang sich befinden, erweist sich bei Sade als schöne Illusion. Die Rückkehr zu Natur bedeutet vielmehr: in vollständig durchexerzierter Konsequenzlogik deren Grausamkeit anzuerkennen sowie die Tatsache, daß im Gebiet der Natur keine Moral und Sitte sei, sondern das Recht der Stärke. Sade war bestrebt, den Rousseauismus seiner Zeit zu widerlegen. Das tat ihm ein anderer und in sehr viel literarischerer Weise rund 40 Jahre später nach: Charles Baudelaire, dem die Natur nichts als Verderbnis war, der es die „künstlichen Paradise“ entgegenzustellen gälte. Schönheit der Verwesung: Une Charogne und Lob der Schminke, der parfümierte Dandy und die Kunstwelten waren es, worauf sich Baudelaire kaprizierte. Seine Kritik von Bürgertum siedelte in der Poesie, in den Prosagedichten, die auf Paris blicken, und in den essayistischen Passagen. Das Maliziöse, die Ästhetik des Bösen und Häßlichen, dem ebenso sein Reiz abzugewinnen war. Menschen in der Menge. Dichter und Spieler. Gestemmt gegen die Gesellschaft, mit den Mitteln der Kunst. (Baudelaire war jedoch nicht primär ein Provokateur, genausowenig wie Sade, vielmehr erwies er sich in seinen Essays zu den Pariser Salons als ausgesprochen kunstsinnig. Ähnliches ist von Sade nicht übermittelt.)

Die Natur Sades ist eine der Grausamkeit. Befolgt man sie konsequent, so hat dies – auf der unmittelbaren direkten Ebene des Textes – die ungehemmte und egoistische Lustmaximierung zur Folge. Was sich insbesondere bei Sade beobachten läßt, ist der Wechsel zwischen sexueller Ausschweifung und philosophischer Reflexion: nicht nur in seiner „Philosophie im Boudoir“, wo nach den Belehrungen über die Möglichkeiten des gesteuerten Sexes „Ein hübsches Mädchen sollte sich damit befassen zu ficken und niemals zu zeugen.“ die Reflexion auf Gesellschaft einbaut ist: der Kampf aller gegen alle ist nicht nur Naturzustand im Hobbeschen Sinne, sondern Sade malt ungeschönt eine Gesellschaft, wie sie an sich selbst, geradezu kannibalistisch vorzufinden ist: Einige Jahrzehnte später wird man schreiben können: das Kapital kennt keine Moral, sondern lediglich die Vermehrung des Profits. Es zähmen zu wollen, wird sich als läppisches Unterfangen herausstellen.

In dieser aufklärungskritischen Weise – freilich mit den Mitteln der philosophischen Aufklärung – zeichneten Adorno und Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ ein Bild von de Sade, das seinen Text als die Konsequenz einer eindimensionalen und rational verkürzten Aufklärung und Moderne las: Adorno und Horkheimer betrachteten die von de Sade geschilderten Grausamkeiten als die notwendige und der Aufklärung immanente Kehrseite, indem jene Ratio der Aufklärung sowie deren gesellschaftlichen Entäußerungen sensu stricto befolgt wurde: nicht nur Saturn, sondern auch die Revolution frißt ihre Kinder – mit Genuß und zugleich planvoll: Zeitzeichen:

„Sade hat den Staatssozialismus zu Ende gedacht, bei dessen ersten Schritten St. Just und Robespierre gescheitert sind. Wenn das Bürgertum sie, seine treuherzigsten Politiker, auf die Guillotine schickte, so hat es seinen offenherzigsten Schriftsteller in die Hölle der Bibliothèque Nationale verbannt. Denn die chronique scandaleuse Justines und Juliettes, die, wie am laufenden Band produziert, im Stil des achtzehnten Jahrhunderts die Kolportage des neunzehnten und die Massenliteratur des zwanzigsten vorgebildet hat, ist das homerische Epos, nachdem es die letzte mythologische Hülle noch abgeworfen hat: die Geschichte des Denkens als Organs der Herrschaft.

[…]

Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen, nicht vertuscht, sondern in alle Welt geschrieen zu haben, hat den Haß entzündet, mit dem gerade die Progressiven Sade und Nietzsche heute noch verfolgen. Anders als der logische Positivismus nahmen beide die Wissenschaft beim Wort. Daß sie entschiedener noch als jener auf der Ratio beharren, hat den geheimen Sinn, die Utopie aus ihrer Hülle zu befreien, die wie im kantischen Vernunftbegriff in jeder großen Philosophie enthalten ist: die einer Menschheit, die, selbst nicht mehr entstellt, der Entstellung nicht länger bedarf. Indem die mitleidlosen Lehren die Identität von Herrschaft und Vernunft verkünden, sind sie barmherziger als jene der moralischen Lakaien des Bürgertums.“ (Th. W. Adorno/M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

woodman49_20090415_1302241151Die kalkulierende Vernunft, einmal entfesselt und in dieser Weise sich diversifizierend, treibt sich nicht nach den Grundsätzen einer ihr abstrakten Moral oder im Habermaschen Sabbeldiskurs um, sondern sie gesteht sich die Maximierung ihrer Interessen ein – darin sich ganz und gar der Natur anverwandelnd. Zumindest einer Natur, wie sie von der westlich-naturwissenschaftlich orientieren Blickachse gesetzt wird. „Die dunklen Schriftsteller des Bürgertums haben nicht wie seine Apologeten die Konsequenzen der Aufklärung durch harmonistische Doktrinen abzubiegen getrachtet. Sie haben nicht vorgegeben, daß die formalistische Vernunft in einem engeren Zusammenhang mit der Moral als mit der Unmoral stünde. Während die hellen das unlösliche Bündnis von Vernunft und Untat, von bürgerlicher Gesellschaft und Herrschaft durch Leugnung schützten, sprachen jene rücksichtlos die schockierende Wahrheit aus.“ (Adorno/Horkheimer)

In einer ganz anderen Weise näherte sich Roland Barthes in seinem Buch „Sade Fourier Loyola“ dem Text Sades, nämlich als einem Produkt der Literatur und einer Weise des spezifisch literarischen Schreibens:

„Das macht die Einzigartigkeit des Sadeschen Werkes aus – und gleichzeitig zeichnet sich das Verbot ab, das über das Werk verhängt wird: die von Sade ersonnene Gesellschaft, die wir anfangs glaubten, als ‚imaginäre‘ Gesellschaft mit ihrer spezifischen Zeit, ihren Sitten, ihrer Bevölkerung, ihrem Handeln beschreiben zu können, diese Gesellschaft ist ganz aufs Sprechen ausgerichtet, nicht weil sie die Schöpfung eines Romanschreibers ist (was eine äußerst banale Situation wäre), sondern weil im Sadeschen Roman ein anderes Buch steckt, ein aus reinem Schreiben gewebtes Textbuch, das alles bestimmt, was sich ‚imaginär‘ im ersten abspielt: es geht nicht ums Erzählen, sondern darum, zu erzählen, daß erzählt wird.“ (Hervorhebung von N.E.B.)

So jenes Geschehen im Schloß Silling, das allerdings mehr einer hermetischen Festung gleicht, in die kein Hinein- und schon gar kein Hinausgelangen ist, in den „120 Tagen von Sodom“. Es werden dort Geschichten erzählt. Diese Struktur des Sadeschen Erzählens beschreibt Barthes als ein Textgeschehen das nicht mehr im Poetisieren seinen Ort hat, sondern einer Rhetorik und dem Zeichenhaften unterliegt: nicht „Mimesis“ trägt den Text Sades, sondern „Semiosis“, also Zeichenprozesse. Barthes untersucht die rhetorischen Figuren des Textes und gewinnt damit der Prosa Sades etwas ab, das diesseits zur monotonen Sexualisierung in ihren eigenartigsten Spielarten sowie des Politischen existenzialer Parteinahme liegt, wie sich dies etwa Albert Camus oder in anderer Weise Simone de Beauvor vorstellten.

Nachtrag: Wer zudem etwas über die „Funktion der Präsenz im Sadeschen Phantasma“ lesen möchte, der sei auf Jacques Lacans Aufsatz „Kant mit de Sade“ verwiesen, der sich in den Schriften II befindet.

14_07_06_D_600_9780
Von mir abgelichtet und festgehalten 2014 in Wien, in der Berggasse, ganz in der Nähe des Hauses, wo Sigmund Freud in seiner Praxis psychoanalytisch therapierte.

Die ersten beiden Kupferstiche im Text wurden von Max Ernst gefertigt. Die Photographie stammt von Francesca Woodman aus ihrer Serie der Selbstportraits.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gewaltdiskurse, Literatur, Philosophie, Todestage abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu D.A.F.: Dialektik der Gewalten. Zum 200. Todestag des Marquis de Sade

  1. ene schreibt:

    Die Stelle am Ende des Exkurs “Juliette oder Aufklärung und Moral”, die darauf anspielt, dass es kein rationales Argument gegen den Mord gibt, liest man auch so als eine triftige Schelte an die bürgerliche Moralphilosophie.
    Dies sollte dann aber auch von einer kritischen Theorie begründet werden, oder?
    Oder anders gefragt, wie hältst du es denn mit dem Mord? Und falls du dagegen sein solltest, wie begründest du das? Nur mit ästhetischen Argumenten…hmm?!

  2. Bersarin schreibt:

    Wenn es gesellschaftlich geboten ist, wird gemordet. So einfach ist das. Juristische Begründungen für den Mord sind keine moralischen. Wenn ich nachts durch den Park gehe mit einer Freundin im Arm und es kommt eine Horde besoffener Russen daher, die jene Freundin vergewaltigen wollen,und ich habe zufällig eine MP dabei: Tja, dann werde ich diese MP einsetzen. Sollten diese Russen ein adäquates Tauschobjekt dabeihaben, eine dieser herrlich blonden Russinnen, dann tauschte ich. So einfach ist das. Rein ästhetisch argumentiert. Den Mord kann also nur die Schönheit verhindern, so folgere ich daraus.

  3. ene schreibt:

    Sehr gewitzt begründete Antwort, aber das begründet nicht der DdA ihr Argument…
    Das Argument kreist doch um seinen Widerspruch, es ist doch nur ein Argument, wenn vorausgesetzt ist, dass Mord schlecht ist (dass es kein rationales Argument gegen das Atmen oder Niesen gibt, wird ja wohl kein Argument gegen die Ratio sein, was aber hier von Adorno in Abwandlung einer Kantischen Argumentationsfigur offensichtlich versucht wird). Dies sollte dann aber auch begründet werden, oder?

  4. Bersarin schreibt:

    Der Begründungsmodus ist die Kritik der instrumentellen Vernunft: in der Ratio steckt deren eigene Destruktion. Der Kategorische Imperativ sperrt sich am Ende gegen die diskursive Begründung. Moral und Ethik fußen auf bestimmten gesellschaftlichen Formationen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Der Clou bei Adorno/Horkheimer ist doch gerade, daß sie keine weiter 10001te Begründung für Moral liefern wollen. Schon mal in diese Richtung gedacht und die DA gelesen? (Sofern überhaupt von Dir gelesen?)

    Ja, Mord ist schlecht. Schnupfen auch. Das, was Du schreibst, ist mir zu allgemein formuliert. Die DA ist keine Anleitung für formale Logik, sondern sie arbeitet mit der der Dialektik, deren zentrale Kategorie der Widerspruch ist.

  5. ene schreibt:

    Auch schon einiges davon gelesen! Überhaupt habe ich ja in diese Richtung gedacht, da ich mich frage was das so kritisch macht, wenn gerade eine kritische Theorie, die sich ja nicht einfach umstandslos auf die geltenden Maßstäbe berufen will und der insbesonders die herrschenden Maßstäbe suspekt sind, nicht selbst ihre abweichenden Maßstäbe begründen kann, ja nicht mal will.

    Eine Kritik die das nicht tut, die erhebliche Voraussetzungen macht, die man teilen muss, um die Kritik zu bejahen, ist, so radikal sie sich verstehen mag, eine schwache Kritik.
    Denn warum sollten andere diese Voraussetzungen teilen?

    Für jeden Maßstab, den man anbringt, könnte ich wieder fragen: „Und warum das?“.
    Ist es nicht widersprüchlich, eine radikale Kritik an dem Bestehenden vorzutragen und selbst bei den Fragen nach den letzten Grundlagen dieser Kritik ins bodenlose zu versinken?

    Noch eine Nachbemerkung zur Moral:
    Warum tust du das was du tust? Warum gefällt dir z.B. Adorno? Warum studierst du Philosophie? Warum gefällt dir der Marxismus? Warum hältst du unsere Gesellschaft für kritisierenswert?
    Und für jeden Maßstab, den du anbringst, könnte ich wieder weiterfragen: „Und warum das?“.
    Ist es nicht widersprüchlich, eine radikale Kritik an dem Bestehenden vorzutragen und selbst bei den Fragen nach den letzten Grundlagen dieser Kritik ins bodenlose zu versinken?
    Mit eben dieser Begründung der letzten Maßstäbe beschäftigt sich ja die Moral.
    Hegel z.B. hat diese, nur in ihrer unvollkommenen Form kritisiert, und die Begründungen vertieft.

  6. Bersarin schreibt:

    „Gesten aus Begriffen“ nannte Adorno die DA. An anderer Stelle sprach er von einer Flaschenpost. Das ist ihr Programm.

    „Ist es nicht widersprüchlich, eine radikale Kritik an dem Bestehenden vorzutragen und selbst bei den Fragen nach den letzten Grundlagen dieser Kritik ins bodenlose zu versinken?“ Die Grundlage der Kritik ist der Satz von der adaequatio intellectus et rei. Wieweit zum Beispiel der Begriff der Freiheit mit dem übereinstimmt, worin sie sich verwirklicht oder eben nicht verwirklicht. Es ist dies die Arbeit der bestimmten Negation.

    Nur mit operativen Tricks, wie dies die Systemtheorie macht oder eben Hegel, kommen wir aus dem infiniten Regreß heraus. Adorno geht es genau darum: das Gefängnis dieser Immanenz aufzuzeigen. Das geht kaum über begründungslogische Operationen.

    Niemand muß in bezug auf Moral irgend etwas müssen. Noch das rationalste Argument bleibt angesichts des Triebes wirkungslos, Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären, nämlich dem Text de Sades.

    Und da Du so viele Fragen stellst: nenne mir ein einziges Argument, das gegen den Mord spricht.

  7. ene schreibt:

    Korrektur: Oh, da ist mir natürlich beim reinkopieren eine Verdopplung untergekommen.

  8. ene schreibt:

    „nenne mir ein einziges Argument, das gegen den Mord spricht.“ da will ich mal passen.

    Zunächst mal will ich ja eh sagen, dass der Grund eine logisch gesehen sehr schwache Kategorie. Hegel spricht nun in der Logik (und auch analog in der Rechtsphilosophie) darüber, dass es zu einer Sache immer viele Gründe gibt.

    Hegel geht es bei der Kritik von Moral als Abstrakt, soweit ich sehe, einerseits auch um den Kantischen Kategorischen Imperativ, der zwar ein absolut geltendes Prinzip aufstellt, aber aus dem wenig konkret ohne Zusatzannahmen und Bedingungen folgen.
    Andererseits um eine Kritik des privaten Moralitätsgefühls, dass diese inhaltsleere zwar überwindet, aber um den Preis der „intersubjektiven Nachvollziehbarkeit“ bzw. Allgemeinverbindlichkeit usw.
    Hegel bemüht sich natürlich darum beide Positionen aufzuheben.

    Ich glaube übrigens, Hegels Stellung zur Moral wird von Marxisten und wohl auch der Kritischen Theorie missverstanden.

    Zu de Sade demnächst vielleicht auch von mir was, da muss ich mir aber erst nochmal die Robert Kurzschen Ausführungen zu Kant und de Sade im Kapitel „Die schwarze Utopie der totalen Konkurrenz“(„Schwarzbuch Kapitalismus“) vornehmen. Ich fand damals da ganz gute Anknüpfungspunkt.

  9. Bersarin schreibt:

    Du sollst aber nicht passen, sondern das, was Du forderst, hier einlösen. Hic Rhodus, hic salta!

    Auch Hegel geht es um das Verhältnis von Begriff und Sache, nicht um die Begründung von Moral, sondern um Geschichte und Gesellschaft. Moral ist ein Aspekt, der zur bürgerlichen Gesellschafte gehört, mitnichten aber, wie bei Kant ihr Kumulationspunkt. Insofern begründet Hegel die Moral nicht, sondern er zeigt, wie sie sich als Auswuchs der bürgerlichen Gesellschaft notwendig konstituiert. Und daran knüpft Marx an. Was sind Marxisten? Nächste Frage.

  10. unwichtiger schreibt:

    „Die Unmöglichkeit, aus der Vernunft ein grundsätzliches Argument gegen den Mord vorzubringen, …
    Darin gingen Adorno/Horkheimer fehl. Bereits wenige Jahre später, 1950 nämlich, wurde das grundsätzliche Argument von Nash (Nash-Equilibrium) mathematisch formuliert.

  11. Bersarin schreibt:

    Der war gut – prima Witz.

  12. unwichtiger schreibt:

    wie bitte?

  13. Bersarin schreibt:

    Ich dankte für den Witz. Wenn die Spieltheorie mir dann noch Argumente für die kommenden Lottozahlen liefert, um die exakt zu tippen, bin ich noch angetaner.

  14. unwichtiger schreibt:

    Das nenn‘ ich eine rasche und umfassende Klärung, verbindlichsten Dank.

  15. Joshua schreibt:

    Anlässlich des 200. Todestags des Marquis de Sade, möchte ich gern das Buch „Marquis – Homo Homini Lupus“ von Jean Kasage besprechen. Auf folgender Seite findet ihr Kritik:https://sites.google.com/site/200todestagdesmarquisdesade/
    auf der da; http://youtu.be/l2ZSOYiBL9U
    lasst mich eure Gedanken wissen, josh.

  16. Bersarin schreibt:

    @ unwichtiger
    Das Grandhotel Abgrund ist immer um eine schnelle Klärung wichtiger als auch unwichtiger Angelegenheiten bemüht.

  17. josh schreibt:

    Der neue Kasage ist erschienen. „Marquis II – Theatrum Anatomicum“. Die Fortsetzung einer Hommage an den Marquis de Sade. Hat jemand „Marquis – Homo Homini Lupus“ gelesen? Würd mich gern mit jemandem über die tabuisierten Bücher austauschen.

  18. Bersarin schreibt:

    Nein, nicht gelesen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s