Lyrik in Kälte zu verwandeln – Ghostdancer

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau’n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

 Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

 Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!
(Joseph von Eichendorff, Zwielicht)

 Lyrik in Kälte zu verwandeln, den schönen Ton und Klang in die Hermetik zu bannen, das Stimmungsvoll-Gefällige, das Herzbewegende in den Stein zu schlagen. Frost und Bennsche Klinik auf den letzten Höhenmetern, während der aisthetisch Blutdruck schnellt: ein Seziermesser, ein Skalpell, und die Retraktoren begegnen sich auf dem Operationstisch. Kein Körper mehr, sondern Wunde und Öffnung, kein Hauch über den Wipfeln und Gipfeln: freilich ist das Ruhe, Totenlied, die Irrlichter im Moor, auf dem Weg zum Blocksberg, Wanderers Nachtlied, kein Frühling mit blauem Band und Herbstzeit nicht mehr gülden, sondern grau. Die Schönheit von Eichendorffs Lyrik, der bereits die Bedrohung innewohnt. Wie den Gemälden Blechens. Die Illusion der Unschuld. Ganz anders als die Bedrohungen, die Goethe wahrnahm, die einer ferneren Epoche entstammen. Die Sattelzeit vereinte Disparates. Die harte Differenz. Todesartenvielfalt. Das Schöne der deutschen Sprache ist das Kompositum, es lädt zur beliebigen Kombination ein: mal Dada, mal Scherz, mal schiefe Bedeutung. In der Ironie und im Spott zu wildern. Der Winterschnee geschwärzt vom Ruß. Nie mehr in Kreuzberg zwischen Kohlestaub und Hundescheiße wohnen. Eis – Eden. Von Friedrich Hölderlin zu Paul Celan mutet der Weg weit an. Aber das scheint bloß so, ist äußerlich. Enggeführt bleibt das, was Dichter stiften. Schneepart. Teilen ohne zu teilen und sich mitzuteilen oder zu partitionieren.  Das deutsche Gedicht.  Das ist auch Rolf Dieter Brinkmanns Popton. Hail! Hail! Rock’n Roll. Und mehrfach die Zeitenwenden geschrammt. Vom Verstummen nach Auschwitz, zum fliegenden Robert, dem Eskapisten. Die Gedichte des späten Benn waren häufig zu gemütlich. Der Tierkörper zieht schwer. Prosaton und Kältekammer: Die Ästhetik des Widerstands.  Unter dem Himmel von Paris. Scheiß drauf.

Der Blogbetreiber teilt seinen Leserinnen und Lesern mit, daß er seit Freitag 50 Lenze zählt. „Wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ (Paul Celan, Der Meridian) Am 21. November erschoß sich Heinrich von Kleist gemeinsam mit Henriette Vogel, der er diese eine unvergleichliche Kugel schenkte und zueignete. Sie bat drum, er tat es. Ihm war auf dieser Welt nicht mehr zu helfen. Schade ist es um die Texte, die wir Geneigten und Freundlichen noch hätten lesen können. Aber da hatte er bereits Bekanntschaft mit sich selber gemacht. Am Wannsee. Beziehungsweise kurz davor.

Damit es hier niemanden überkommt, überfraut oder -mant, schalte ich die Kommentarfunktion ab. Ich verbrachte diesen Geburtstag, wie es sich geziemt. Angemessen. Mit feinen Geschenken. Ohne jene, deren wunderbare Sendung ich heute bei meiner Ankunft im Briefkasten fand. „Fade into you.“ [Ich möchte an Deinen Lippen hängen! An allen!] Portraits, die einen Zustand zeigen. Es waren zwei schöne Tage.

[Die photographierten Kunstwerke stammen von Katharina Sieverding]

 

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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