9. November – ein Gang durch Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain (2. Teil). „Der Mann der Menge. Verbrechergeschichten“

Ich denke mir immer, bevor ich mit der Arbeit im digitalen Labor beginne: Photographien auszusuchen geht rasch. Aber das stimmt nicht. Es dauert mit dem Suchen, Betrachten und Bearbeiten ebenso lange, als schriebe ich einen Text. Hier also zeige ich den zweiten Teil meines Spazierganges durchs sonntägliche Berlin. Die schönste und charmanteste Frau des Abends war die mit der Leuchtjacke. Ihre Freundin war nicht minder voll des Witzes. Besäße ich Zeit und Muße, unterhielte ich mich ein wenig mit ihnen, um vor allem herauszubekommen, was eine Frau motiviert, eine Jacke mit Leucht-und-Blink-LED zu tragen. Eine Lichtzeichen aussendende Jacke, Lichtzeichen, die variieren.

Wenn Sie, geneigte Betrachterinnen und Betrachter, irgendwann im Fluß der Bilder auch das Springer-Hochhaus an der Rudi-Dutschke-Straße sehen und oben aus dem hohen Haus leuchtet es rot heraus, dann mutmaßen Sie richtig: diese Etage – das ist Springers Puff. Da verkehren die Frieda, der Kai, der Mathias.

Ich interessierte mich eigentlich immer weniger für das Politische an solchen Events (allenfalls für eine Theorie und Poetik des Datums), sondern vielmehr für das, was dort als Treiben und Ereignis geschieht: als Bild, als Augenblick, der lediglich dem Zufall geschuldet ist. Mir ist der Auftritt Biermanns egal, mir sind die Toten an der DDR-Grenze und an den Mauern der Festung Europa gleichgültig, denn ich bin ja nicht tot, und wenn ich tot wäre, sind sie mir ebenfalls gleichgültig, weil ich tot bin. Ich stelle mir immer vor, ich wäre in der DDR bei den Grenztruppen gewesen. Von beiden Seiten der Mauer blickend. Ich: die Waffe im Anschlag: Ich: die Flucht vor den Posten in einem Waldstück im Harz, kurz hinter dem Brocken, kurz vor Torfhaus im Gestrüpp und Geäst. Ich habe auf diesem Gang durch Berlin gesehen, ohne zu sehen. Ich schaute irgendwann nur noch als (Kamera-)Sucher in der Menge. Was diesen Spaziergang ausmachte, war der Reiz an der Menge. Ostfrauen sind attraktiver als Westfrauen dachte ich mir kurz beim Schlendern. Zumindest in meiner Erfahrung. Bis auf eine, oder zwei. Oder drei. Ostfrauen sind unkomplizierter, buchstabierte ich meine Klischees. Aber die stimmen häufig. Ich bin der Mann in der Menge. Ich schreite, schlendere den Mauerweg ab. Mit meinem bösen Blick den Arsch von Ostfrauen taxierend. Oder Westfrauen.

„Vor nicht allzu langer Zeit saß ich an einem Herbstabend an dem großen Bogenfenster des D…schen Kaffeehauses in London. Ich war einige Monate krank gewesen, nun aber auf dem Wege der Besserung, und je mehr meine Kräfte zurückkehrten, desto glücklicher wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von Langeweile bezeichnen konnte; es war ein Zustand voll inneren Aufmerkens, voll heftiger Begier nach Neuem, es war mir gewissermaßen, als blicke mein geistiges Auge zum erstenmal frei und unverschleiert – das άχλύς ός πρίν έπήεν –, und der angespannte Intellekt überragt dann so sehr seinen gewöhnlichen Zustand wie der feurige und doch aufrichtige Verstand eines Leibniz die tolle und haltlose Beredsamkeit eines Gorgias. Nur zu atmen war schon Freude, und selbst aus den Quellen des Schmerzes wußte ich Genuß zu schöpfen. Ich nahm an allem ein stilles, doch eindringliches Interesse. Eine Zigarre im Mund und eine Zeitung auf den Knien, hatte ich mich den Nachmittag über damit unterhalten, in die Zeitung zu blicken oder die anderen Gäste zu beobachten oder durch die rauchgetrübten Scheiben auf die Straße zu schauen. (…)

Meine Beobachtungen waren zunächst ganz allgemeiner Art. Ich sah die Passanten nur als Gruppen und stellte mir ihre Beziehungen zueinander vor. Bald jedoch ging ich zu Einzelheiten über und prüfte mit eingehendem Interesse die zahllosen Verschiedenheiten in Gestalt, Kleidung, Haltung und Mienenspiel.

[…]

Es war jetzt fast Tagesanbruch; doch eine stattliche Anzahl elender Trunkenbolde drängte im protzigen Eingang hin und her. Mit einem leisen Freudenschrei erzwang der Alte sich den Zutritt, nahm sofort sein ursprüngliches Wesen wieder an und schritt ohne ersichtliches Ziel inmitten der Menge umher. Er war jedoch noch nicht lange beschäftigt, als ein Drängen nach den Türen verriet, daß der Wirt sich anschickte, sie für die Nacht zu schließen. Es war mehr als Verzweiflung, was ich jetzt auf dem Antlitz des seltsamen Wesens geschrieben sah, dessen Beobachtung ich mich so ausdauernd gewidmet hatte. Aber er hielt in seinem Lauf nicht inne, sondern lenkte mit wahnsinniger Hartnäckigkeit seine Schritte wieder dem Herzen des mächtigen London zu. Rastlos und eilig floh er dahin, während ich ihm in höchster Verblüffung folgte, fest entschlossen, nicht von diesem Studium zu lassen, für das ich jetzt ein verzehrendes Interesse fühlte.
Die Sonne ging auf, während wir weiterschritten, und als wir wiederum jenen belebtesten Teil der volkreichen Stadt, die Straße des D…schen Kaffeehauses erreicht hatten, bot diese ein Bild von Hast und Emsigkeit, das hinter dem vom Vorabend kaum zurückstand. Und hier inmitten des von Minute zu Minute zunehmenden Gewirrs setzte ich standhaft die Verfolgung des Fremden fort. Er aber ging wie immer hin und zurück und verließ während des ganzen Tages nicht das Getümmel jener Straße. Und als die Schatten des zweiten Abends niedersanken, ward ich todmüde und stellte mich dem Wanderer kühn in den Weg und blickte ihm fest ins Antlitz. Er bemerkte mich nicht. Er nahm seinen traurigen Gang wieder auf, indes ich, von der Verfolgung abstehend, in Gedanken versunken zurückblieb. ‚Dieser alte Mann‘, sagte ich schließlich, ‚ist das Urbild und der Dämon des Triebes zum Verbrechen. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergeblich, ihm zu folgen, denn ich werde weder ihn noch sein Tun tiefer durchschauen. Das schlechteste Herz der Welt ist ein umfangreicheres Buch als der Hortulus Animae und vielleicht ist es nur eine der großen Gnadengaben Gottes, dies: Es läßt sich nicht lesen.‘“ (E.A. Poe, Der Mann der Menge

Das Aufstehen nach einer Krankheit als Metapher (wir kennen das Bild des Genesenden aus dem Text Nietzsches – fast jede der Vorreden zu seinen Büchern beginnt mit dem Verweis auf eine Krankheit, von der sich Nietzsche nun erholt habe). Die Ruhe des Schauens und Sitzens, die alles andere als Langeweile darstellt. Auch bei Poe, nicht anders als bei Kafka, diese paradoxen Sätze: „und je mehr meine Kräfte zurückkehrten, desto glücklicher wurde meine Stimmung, die man als das Gegenteil von Langeweile bezeichnen konnte …“ Daß diese Erzählung von Edgar Allan Poe nicht nur tief philosophisch ist, weil sei vom Beobachten, vom Sehen und Deduzieren handelt, sondern zugleich das Wesen der heraufkommenden Moderne der Großstadt samt dem detektivischen Flaneuer zeichnet, schrieb bereits Walter Benjamin in seinen Studien zu Baudelaire. Es ist die Menge und die Gestalten, welche auf die eine oder die andre Weise aus dieser Masse herausstechen und unser Auge fesseln: sei es, weil dieser eine visierte Mensch interessante Aspekte seines Daseins in seiner Gestalt entäußert oder aber weil er eben durch die vollständige Abwesenheit solcher Merkmale glänzt und gerade deshalb interessant und womöglich in all der Bedürftigkeit in einer bestimmten Weise sogar liebenswürdig zu sein scheint.
Zu dieser Erzählung Poes werde ich sicherlich demnächst und gesondert etwas schreiben. Nun aber zu den Bildern dieses Tages.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu 9. November – ein Gang durch Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain (2. Teil). „Der Mann der Menge. Verbrechergeschichten“

  1. Uwe schreibt:

    Garry Winogrand ließ seine Filme oft Monate oder gar Jahre liegen, bevor er daran ging, sie zu entwickeln. Sein Motto: Emotionally detach yourself from your photographs.
    Die LED-Jacke: die simpleste Erklärung wäre die, dass die Trägerin gesehen werden will, zumal in der Nacht auf dem Rad. Und das zeichenhafte Blinken insinuiert Botschaften, wo keine sind, regt also die Sinne all derer an, die schauen und deuten wollen. Außerdem signalisiert das Blinken immer: Achtung!
    Ein Text zu Poes Massenmensch würde mich interessieren.
    Die Fotos leben vom Schauspiel der Illuminationen bei Nacht: Sähe man nicht auch die Mauerreste, die diversen Schriftbanner und bekannten Grenzübergänge, so würde das zu feiernde Ereignis ganz in den Hintergrund geraten und übrig bliebe die reine urbane Textur der Flächen, Lichter, Menschen im nächtlichen Raum.
    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Eigentlich bin ich mit den Bildern nicht richtig zufrieden. Zumindest finde ich viele nicht wirklich gelungen. Was vielleicht auch daran lag, daß ich seit halb eins laufend und gehend auf den Beinen war. Das schlaucht, das wirkt sich ebenfalls auf die Photos aus.

    Zu Poe schreibe ich in nächster Zeit vielleicht etwas – ich hoffe nur, daß ich es nicht vergesse. Denn hier liegen so viele aufgeschlagene und gestapelte Bücher, zu denen ich schreiben möchte.

  3. holio schreibt:

    Danke für den Leseanstoß. Daraufhin Hoffmanns Vetters Eckfenster nochmal gelesen. Hier verfolgen die beiden mit den Augen, nicht den Beinen, was auf dem Gendarmenmarkt vor sich geht. Spannend sind ihre Spekulationen allemal, und köstlich ernüchternd die Anekdote des Schriftstellers mit der naiven Leserin. Wider meine Erinnerung kommt auch hier Religion vor, aber als Silberstreif im Gleichnis vom Blinden und dem letzten Satz, nicht so düster wie bei Poe, dass eine Gottheit zum Frommen der Menschen etwas verberge.

  4. Bersarin schreibt:

    Exakt passend dazu E.T.A. Hoffmann. Wohl wahr.

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