Turmruinen und wie das vergeht, was kommt und was war

Halle, zum ersten. Morgens in der Frühe stehe ich auf dem Parkplatz vor der Moritzburg. Die Angewohnheit der Hallenserinnen ist es, unpünktlich zu sein. Ich bin durchgefroren. Mittwochs habe die Moritzburg geschlossen, so referierte ich am Telefon. Und zwar immer, grundsätzlich, so hatte ich felsenfest behauptet, völlig unüblich für ein Museum, so meine Meinung, und insofern durch und durch verwunderlich, daß in einer Stadt wie Halle mit ihrem Hang zur Kunst, da wo Feininger die halleschen Kirchtürme malte, ein Museum unter der Woche geschlossen habe. Bei genauerer Betrachtung der Aushangtafel stellte sich freilich heraus, daß diese Schließung erst ab dem 4.11. gilt, nicht generell, nicht grundsätzlich, aufs ganze Jahr gedehnt, wie ich zunächst dozierend verkündete. So zeigt sich wieder einmal, wie wichtig intensive Lektüre und korrekte Wiedergabe des Gelesenen ist. Es müssen nicht einmal Hegel oder Kant sein, die richtig rezipiert werden. Tücken, Fehler in den Winzigkeiten unseres Alltags. Von die Kälte ungnädig gestimmt, die durch die hellbraune Lederjacke, den schwarzen Pullover und die beigefarbene 501 drang, während ich wartete und mir die Zeit mit einigen Photographien vertrieb, den Wunsch nach warmem Herbsttag verspürend, trabte ich harrend auf und ab. Bis sie mit ihrem blonden Haar, dem Lächeln und ihrer schwarzen Kapuzenjacke um die Ecke biegt. Jene Frau, und indiskrete Blicke und mein Ärger vom Warten, der bald verflog ob ihres Schalksblickes. Wir beschlossen, in der nahen Bäckerei frühstücken zu gehen: vor allem Kaffee schien uns wichtig. Und so begann ein wunderbarer Tag in Halle, in einem Café zwischen den Handwerkern, die pausierten und dieses sonderbare Paar höchstens aus dem Augenwinkel kurz betrachteten, um dann wieder die Arbeit aufzunehmen. Auf den Marktplatz zu ging es, hinunter in die Parkanlagen ließen wir uns treiben, zwischen all den Müttern mit ihren Kinderwagen, den Studentinnen, den jungen Männern mit Aktentaschen. Spazieren am Fluß, durch den Park, die verwunschenen Ufer der Saale, Dickicht fast wie Urwald, zur Vormittagssonne. Wir spazieren den Uferweg entlang bis zur Burg. Und unvermeidlich kommt gegen Mittag der Hunger. Osttouch im Inneren eines Biergartenrestaurants, nahe am Fluß, die Speisekarten sind angeschmutzt. Ranziges Interieur. Wir bestellten zwei Suppen (Erbensuppe mit Wurst: grauenhaft), zwei Rotkäppchensekt. Das ist immerhin ein Anfang, zwei Piccolo gibt es, denn wer sich an die Episode auf Schloß Wackerbarth bei Radebeul erinnert, wo ein Rieslingsekt 0,1 für zwei Personen geordert wurde, dürfte diese Bestellung als Fortschritt werten. Aber als gebranntes Kind mit Alkohol und Autofahrt scheue ich das Übermaß. Die Frau jedoch nicht. Sie ist liebenswert maßlos, Geschwindigkeitsbegrenzungen am Straßenrand („Rund und rot ist ein Verbot“) sind für sie Kann-Bestimmungen, kein Muß. Der zweite Rotkäppchensekt ist warm und wandert wieder in den Kühlschrank. (Wobei „wieder“ falsch ausgedrückt ist, denn der Piccolo war vorher sicherlich nicht dort.) Wir trinken zu schnell und lassen uns das Fläschchen viel zu früh zurück holen. Wie der Sekt zu warm, so die Erbensuppe zu kalt. Dennoch ist der Schuppen liebenswert. Ich bin der Ethnologe des Ostens. Ich sinniere, es wäre jetzt das Jahr 1988 und wir fingen noch einmal von vorne an. Wobei das quatsch ist, denn zu dieser Zeit war sie noch ein Kind. Also vielleicht acht Jahre später. Aber auch da hätte es nicht funktioniert. Als am 9.11.1989 die ersten Übergänge und die Tore der Mauer geöffnet wurden, habe ich mit einer Gleichgesinnten und einem weiteren Arbeiter des Kopfes zusammen Kants „Kritik der reinen Vernunft“ gelesen. Satz für Satz, Zeile für Zeile. Die übrigen Ereignisse waren für uns eine Nebensache, und der Gang der Geschichte vollendete sich so oder so und nicht in den Niederungen der Fakten, die sicherlich nicht unwichtig waren, aber zur Erklärung der Kategorientafel und des Schematismuskapitels für uns nicht viel beitragen konnten. Scheiß doch auf die Fernsehbilder. Die Revolution verschiebt sich wieder einmal. Die Deutsche Misere. Mir ist es egal. Die Ästhetik des Widerstands im Denken. Kritik überwintert in der Theorie. Deine Haut, Deine Küsse und jeglicher Blick von Dir. Wir fegen die Bilder beiseite. Be the rain! Wir fahren die Flüsse hinunter. Es liegt vor uns die Burg Giebichenstein. „Wir singen aber vom Indus her“. „Prophetisch, träumend auf den Hügeln.“ Deine Hand in meiner, die Küsse, die geraubten. Ach, unsere Ritterromantik, Heinrich-Heine-Felsen mit der Tafel daran geschraubt. Oder aber in den Stein geschmiedet. Das Schiff fährt in die Sonne, die so tief bereits in den Herbst ragt, schimmernd und sanft das Licht, diesig im Gegenlicht Bäume und Gestrüpp des Uferurwalds, Kühle liegt über dem Fluß, trotzdem wir nebeneinander in der Wärme der Körper sitzen, auf der Bank in der Nachmittagssonne ineinander geschmiegt, dieser Sonne, die uns ebenso aufglühen läßt wie die sich berührende Haut, sofern das Schiff nicht gerade in den Schatten der Bäume taucht. Kaum Menschen an Deck, es wehen die Stimmen der Kinder herüber und die Parkeisenbahn von der nahen Insel stößt die Laute. Deine Hand ist warm. Der Sekt fließt in der Kehle. „Für mich bitte einen Kaffee!“ „Ach, Fräulein sein sie munter…“, der Felsen, der Fluß, die Schiffer, die Schiffe, die Haare der Loreley. Ich weiß, was es bedeutet. Wir steigen die Treppen hinauf. Oben im Turm der Burg Giebichenstein bleiben die Fenster geschlossen, die den Blick über das Land freigeben könnten. Im Strom Deiner Küsse. Auf dem Autositz, den Abend und den Abschied zu. Wie ewiglich. Mit dem Taschentuch putze ich die beschlagenen Fenster des Autos. Das Schiff fährt im Fluß. Die Kirchtürme Feiningers in der Moritzburg. Abbilder. Marktplatz im Licht. Doch die Minuten, die Stunden – die gehen, fliehen dahin und auch wir werden nicht bleiben. In der Kühle des Turms und treibend auf dem Boot, das unter der Peißnitzbrücke fuhr. Konstruktion und Stahl und Holzbohlen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Turmruinen und wie das vergeht, was kommt und was war

  1. Uwe schreibt:

    Den Bildern ist die geraffte Intimtät dieses Tages nicht wirklich anzusehen. Wie auch? Für den neutralen Betrachter bleiben sie Kulisse, und einzig dem, der vor Ort in ihnen vorhanden war, können sie etwas Persönliches bedeuten.
    Dem Text aber merkt man die Intensität der Begegnung an, zumal im letzten Absatz mit seinem Stakkato elliptischer Sätze. Wo die Bilder nur zeigen, kann der Text Satz für Satz, Zeile für Zeile, Buchstabe für Buchstabe versuchen, etwas von dem gelebten Augenblick zu vergegenwärtigen.
    Und wo, wenn nicht auf Ruinen, lassen sich vergangene Zeiten besser erleben, und wo, wenn nicht auf einem Fluss, die vergehende Zeit erfahren.
    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Nein, das ist richtig. Diese Intimität und das Besondere des Tages ging nicht in die Bilder mit ein, sie sind im Grunde auch nur auf die Schnelle geschossen. Beides geht nicht: sich photographisch dem Objekt Stadt widmen und zugleich in aller Intensität mit einem Menschen zusammen einen Tag in dieser Stadt zu verbringen. Ruinenästhetik mag eine kleine Referenz an die Romantik und an Benjamin sein. Zumal ich ja auch auf Heine verwies, der einerseits der letzte Romantiker war, aber das zu Gefühlshafte und den Überschwang zugleich ironisierte. Eben in jenem Gedicht von Mädchen, das am Meer stand:

    Das Fräulein stand am Meere
    Und seufzte lang und bang,
    Es rührte sie so sehre
    Der Sonnenuntergang.

    Mein Fräulein! seyn Sie munter,
    Das ist ein altes Stück;
    Hier vorne geht sie unter
    Und kehrt von hinten zurück.

  3. holio schreibt:

    Der Mann, der sieht sie sinken,
    Die Sonne, nicht das Mädchen,
    Er sieht, sie tat sich schminken
    Und sorgsam band die Fädchen.

    Die Sonne, die kommt wieder,
    Erklärt er ihr die Welt;
    Komm, legen wir uns nieder,
    Solang die Nacht anhält.

  4. Bersarin schreibt:

    Doch des Mannes Ejakulat
    das schmeckte ihr zu fad.
    Und so stöhnte sie, laut wie noch nie:
    „Erklär mir Kritische Theorie!“

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