Hic Rhodus, hic saltus. Oder von welchen Romanen werden wir sprechen,

wenn wir in zehn oder zwanzig oder in dreißig Jahren über die Literatur der BRD uns unterhalten und uns an das Jahr 2014 oder den Beginn dieses Jahrhunderts erinnern? Werden Namen von Autoren aus dieser Zeit genannt, die herausragten, so wie wir von der Literatur der 60er, 70er, 80er Jahre des letzten Jahrhunderts sprachen? Wie von Bölls „Billard um halb zehn“ oder seinen Erzählungen, die den Krieg als unsere eigene Geschichte in den kalten protokollarischen Blick brachte, ebenso bei Alfred Andersch, der moralisch ausschmückender verfuhr, Johnsons „Jahrestage“ (ein Ereignis, von der Konstruktion her und im Bau der Geschichte), Arno Schmidts „Aus dem Leben eines Fauns“ (was für eine eigenwillige Sprache und Fluchtreflex in der Expression), Grass‘ „Blechtrommel“ (überbordend in seiner Form und Sprache und die Geschichte Deutschlands kongenial barock spiegelnd), Max Frisches Subjektverwischungen wie im „Gantenbein“ oder im „Stiller“ (Fragen übers Ich als Auftrag des Schreibens, in immer neuen Wendungen), Botho Strauß‘ „Paare Passanten“ (ach, diese Auswegs- und Belanglosigkeit bürgerlicher Subjektivität, die schon lange keine mehr ist), Peter Handkes Subjektivierungs- und Zertrümmerungsweisen samt Ding-Ontologie und den Versuchen, diesen einen Moment ins dichterische Wort zu bannen (auch als Pop-Literatur – damals zumindest), Thomas Bernhards Ironie des Scheiterns und Weitermachens in der Existenz als Geistesmensch, Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ (das Bürgerlich-Kleinbürgerliche als Maß der Existenz und als Wille zum Verharren in Bigotterie bis zur Explosion), Peter Weiss‘ „Die Ästhetik des Widerstand“ (eine Literatur als Revolte und Aufruhr gegen den Stein der Geschichte) und selbst Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ wird in einer Weise bleiben, wie ich es mir von all den Hegemanns; Hermanns oder Kehlmanns nicht werde vorstellen können. Von der DDR-Literatur mit ihrem ganz anderen Weg des Schreibens mal ganz zu schweigen: so die großartige Brigitte Reimann oder Christoph Heins „Drachenblut“.

Werden wir uns an Größen wie Rothmann, Hettche, Torik, Schulze, Meyer, Herbst, Schalansky, die sich mittlerweile mehr aufs Machen von wunderbaren Büchern und herrlichen Buch-Inhalten verlegte, wie etwa diese großartige Natur-Reihe bei Matthes & Seitz, in dreißig Jahren noch erinnern? Wer schreibt unsere Literaturgeschichten dieses beginnenden Jahrhunderts? Wird darin Esther Kinskys eigentümlich daseinsverlorener Roman „Am Fluß“ enthalten sein? Schalansky luzid-klare und brutale Prosa vom „Hals der Giraffe“ als Post-DDR-traumatisches Schulszenario? Wir vergessen viel. Kann sich noch jemand an Christoph Ransmayrs ungeheuren Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ erinnern? Was für ein Buch im Jahre 1988! (Namen sind Beispiele)

Wir haben im Gegenwärtigen viel zu viel Literatur. Das ist gut. Wir haben ebenfalls viel zu viel schlechte und belanglose Literatur. Die angestrebte Demokratisierung der Produktionsprozesse im Literaturbetrieb führte (teils) zum Mittelmaß. All die Stipendien und Preis, die Fördergelder, Stadtschreiberposten und staatlich vergebenen Mittel, all die Schreibschulen haben satt gemacht. Träge. [Literaturarbeiter in die Produktion, müßte die Parole lauten. Und zwar in die der Formung von Texten.] Dazu ein Markt, der konformes Schreiben fördert und fordert. Viele Verlage dienen sich dem an. Nicht nur das: sie sind dieser Markt. (Heute im Hörspiel zu Mitternacht aus der Reihe: Sachzwang und Struktur.)

Dennoch. Es gibt diese immer wieder gelungenen Texte. Nur sind sie sehr viel schwieriger auszumachen als noch in den 50er, 60er oder 70er Jahren, als es 40 oder 50 Schriftsteller gab – jeder Handke, jeder Johnson, jeder Walser, jeder Grass ein Ereignis – und als die Lage übersichtlicher war. (Und genau um diese Diversifikation geht es: Wie noch den Überblick wahren, sofern „Übersicht“ und „Überlick“ überhaupt noch die für die Situation angemessenen Begriff sind? Wie eine Epoche in Gedanken und in der Reflexion fassen?) Die Literaturkritik im Feuilleton ist dieser Flut von Büchern lange nicht mehr gewachsen – und kann dies aus dem genannten Grund auch gar nicht mehr sein. Eines aber muß man ihr vorhalten: Wenn wir bei den Buchkritiken darauf sehen, welche Verlage es sind, deren Autorinnen und Autoren besprochen werden, so scheint es mir, daß es sich immer wieder um dieselben Verlage handelt. Bücher aus kleinen Verlagen, Bücher aus Druckkostenzuschußverlagen oder solche, die im Rahmen von E-Book-Publishing veröffentlicht werden, fallen durchs Raster, kommen kaum vor – allenfalls ein Nischenverlag, der sich, wenn es gut läuft, mausert. Und sofern solche Autoren des Selfpublishing oder der kleinen Verlage nicht mit Literaturzeitschriften, literatursubversiven Fan-Zines oder Blogs verbunden sind und darin vorkommen, so fallen sie durch den Rost. Was bei manchen sicherlich nicht das falscheste ist.

Von der Nischenbraut Lyrik wollen wir in all diesen Rahmungen vornehm schweigen. Sie hat es noch viel schwieriger als die schöne Prosa.

Aber all das Jammern, Knirschen, Klagen nützt nichts. Genausogut könnte ich lamentieren, weshalb dieser Blog nicht in den Rang des Feuilletons aufgestiegen ist. Weil’s nicht gereicht hat mit Kraft, Charme, Beharrungsvermögen und auch einem Stück Ellenbogen dorthin zu gelangen. (Wobei: Charme besitze ich, davon legen die Frauen Zeugnis ab.) „Die große Weigerung“ könnte man diese Haltung des Verborgenen ebensogut mit jener Wendung aus Herbert Marcuses vor 50 Jahren erschienenem Buch „Der eindimensionale Mensch“ bezeichnen. Das Verweigern und Sperren klingt im Soundgarten und Diskurskorpus der Gegenwart gut und kann ein gewisses Maß an Subversion und Pop-Distinktion beanspruchen.

Doch bei all dem Lamento haben wir uns bisher nur aufs Nationale beschränkt und noch lange nicht die Literaturen der Welt berücksichtigt. Was ist mit Nigeria, Ägypten, Indonesien, das zumindest nächstes Jahr Gastland bei der Buchmesse Frankfurt sein wird? Wir können nicht alles lesen, aber wir, die wir in unseren Lektüren anderes wagen, lesen uns selektiv an den Rändern, im Zentrum und in konzentrischen Bewegungen an den Texten entlang. Von dem rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu bis hin zu dem guatemaltekischer Eduardo Halfon oder Teju Cole, der in Nigeria aufwuchs und dann in den USA lebte. Wie freilich all das Disparate der Gegenwart im Blick einer Literaturkritik und -ästhetik zu sichten ist, vermag im Moment wohl niemand gescheit auf den Punkt zu bringen. Aus dem einfachen Grunde, weil dazu Abstand erforderlich ist, der erst die nötige Reflexion antreibt. Das wußte keiner besser als Hegel, wenngleich nicht in den Bannungen und Zügen der Ästhetik, sondern vielmehr in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, wo er schrieb:

„Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit, so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfaßt. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus. Geht seine Theorie in der Tat drüber hinaus, baut es sich eine Welt, wie sie sein soll, so existiert sie wohl, aber nur in seinem Meinen – einem weichen Elemente, dem sich alles Beliebige einbilden läßt.

Mit weniger Veränderung würde jene Redensart lauten:

Hier ist die Rose, hier tanze.

(…)

Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Das freilich ist Poesie und Philosophie in einem, das ist des Denkens ganzer und tiefer Sinn, wie der Trommler und Dichter Heinrich Heine so wunderbar und die Marketenderin küssend, Hegel paraphrasierend, zu besingen wußte. Schöne Zeiten. Auch für die Ästhetik. Nietzsche, der Tänzer auf glattem Eise, schuf für diese Zeit der Vielheiten ganz eigene Bilder und Texte.  Es gibt keine Unübersichtlichkeiten, sondern nur den Mangel an Reflexion, der Wuchern und Verzweigung samt der damit einhergehenden Degression als neue Prosa der Welt nicht in die Textform einer sich verschreibenden Ästhetik zu transformieren vermag. Eine emphatisch verstandene Ästhetik schreibt sich immer wieder neu als Versuch und Fragment. Aus solchen Fragmentierungs- und Konsistenzgründen eben sind Blogs die neuen Medien der Zeit. Aufsatzsammlungen, die in einem bestimmten Schreibton ihre Sache umkreisen und im Kaleidoskop, als Versuchsanordnung und in Konstellation die Sache zumindest in eine erste Gestalt bringen. Akt und Potenz. Wie dann der Flug vonstatten geht, wird sich zeigen. Wozu dann wieder Bücher notwendig sein werden. Sei es in der Literatur oder der Philosophie.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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35 Antworten zu Hic Rhodus, hic saltus. Oder von welchen Romanen werden wir sprechen,

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    „Genausogut könnte ich lamentieren, weshalb dieser Blog nicht in den Rang des Feuilletons aufgestiegen ist. Weil’s nicht gereicht hat mit Kraft, Charme, Beharrungsvermögen und auch einem Stück Ellenbogen dorthin zu gelangen.“ na, ich denke schon, dass Ihr teilweise die Wahrnehmungsgrenze respektive das sensorische Auflösungsvermögen der Qualitätsjournalisten übertroffen habt – und folglich wahrgenommen werdet. Es gibt nur keiner gerne zu, da das Alleinstellungsmerkmal des Namen Qualitätsjournalismus ins Wanken geriete. Dein Blog ist immerhin kostenlos – und zusammen mit seiner Qualität somit eine Gefahr für das Bezahlfeuilleton. Da geht es auch um Pfründe.

    Bei der Literatur stimme ich zu – allerdings: Die formal erneuernde Literatur „machte“ zunächst nie Kasse. Die erste Auflage des „Ulysses“ summierte sich auf 1000 Exemplare. Joyce war auf Gönner angewiesen, ich meine Proust auf ein Erbe, ebenso wie zunächst Thomas Mann (ohne Familienerbe keine „Buddenbrooks“). Kafka schrieb nachts, er war ein „Nachtschreiber“ (H. Müller) aber zugleich musste er tags eben auch ganz prosaisch einfach arbeiten; der elende Broterwerb. Von diesen Genannten konnte später dann nur Mann vom Geschriebenen leben. Auch Goethes „Wahlverwandtschaften“ waren nach seinem Tod noch in der ersten Auflage zu erhalten – während die zeitgleich entstandenen „romantischen“ Scheuromane Auflage um Auflage erzielten. Was den geheimen Rat sehr erzürnte. Auch die Wut über die ästhetische Ungerechtigkeit des Publikums ist nicht neu….

    Die Situation der bundesrepublikanischen Schriftsteller der 50er bis 80er Jahre, die Du beschreibst, war historisch so ziemlich einmalig: Literatur von (manchmal großer?) Relevanz, die dem Schriftsteller auch ein (gutes!?!) Leben gestattete. Insofern sind wir aktuell wieder in der historischen Normalität gelandet: Das Design bestimmt das Buchdasein. Schauerroman schlägt Wahlverwandtschaften. „Über Beckett triumphiert die Christel von der Post“ (aus der Erinnerung zitiert; ich glaube Adorno). Wobei jedes Buch für sich zu betrachten ist. Du wirst mir und v.a. Foucault Recht geben: „Nie wird man mir weismachen, daß ein Buch schlecht ist, weil sein Autor im Fernsehen zu sehen war.“ Freilich gilt ebenso der Umkehrschluß: Es ist eben deswegen alleine auch nicht schon gut.

    Schönes Zitat von Hegel übrigens, noch schöner und korrespondierend mit Kierkegards Reden von der Tragik des Lebens, das nach vorne zu leben ist aber nur nur nach hinten verstanden werden kann. Vielleicht schaffe ich es doch noch zu Hegel.
    Dieses hehere Gesetz, man hat die Welt erkannt aber kann das Erkennen nicht mehr nutzen, da der eigene Stern am erlöschen ist, wird ja im „Faust“ literarisch ad absurdum geführt: Faust darf noch einmal ran – und wird schuldig! Und Frisch schrieb „Biographie – ein Spiel“. Grüße

  2. Bersarin schreibt:

    Was den Aspekt betrifft, von seinem Schreiben leben zu können, da stimme ich Dir zu. Das gelang auch Joyce und Kafka nicht. Aber diese Fragen der Lebenssicherung mögen die Schriftsteller in ihrer Kammer ausmachen. Ich halte das ewige Klagen über das Ungesicherte ihrer Existenz für larmoyantes Gewäsch. Uninteressant, solange nicht insgesamt auf die gesellschaftlichen Bedingungen von Arbeit reflektiert wird.

    Danke ansonsten für Deine Ergänzungen und Ausführungen. In der Tat dürfte die Situation in den 50er bis 80er Jahren in der BRD einmalig gewesen sein. Und was das Populäre angeht, so kennen wir bereits die Klagen Goethes über August von Kotzebue.

    Das Adorno-Zitat ist sehr schön, selbst wenn er es so nie gesagt haben sollte. Aber mancher wird selbst da mit der fast schon bauernschlauen Haltung des Unwissenden gegenfragen: „Wieso? Simon Beckett schreibt doch populär. Aber wer um alles in der Welt ist Christel von der Post?“ Die literarische Halbbildung vermutet dahinter vermutlich eine bisher unbekannte, untergroundige Berlin-Autoren von adliger Herkunft, die den neuen Roman über Liebe, Lust und Luxuswahn schreibt.

    Ach, zu Hegel herüber ist fürs Denken mehr als anregend. Nur: das braucht halt Zeit, die man meist nur im Studium oder im Urlaub hat. Und wer mit einer Familie ist, wird dort vermutlich wenig zum Hegeln kommen.

    Dir auch viele Grüße, in den Osten Berlins.

  3. Fabs schreibt:

    Steigt aus diesem Nebel, welcher nur schwer erkennen lässt ob er das Gefühl der Allmacht oder der Ohnmacht verbirgt, etwa eine bahnbrechende Erkenntnis hervor? Nämlich jene, das das Sein das Bewusstsein bestimmt… Mir scheint so. Und doch will ich noch ein paar Worte zu diesem Gedanken loswerden. Wie immer werde ich, meinem manischen und/oder (wer weiß das schon…) narzisstischen Impuls folgend, der Natur im Subjekt gedenken. Denn all jene, welche ihr Innerstes zu Papier bringen, sind Getriebene. Und auch wenn der Unterschied, ob das Gedachte mit der Feder und in der Isolation der Denkers zu Tage gefördert wurde oder ob es durch die Tasten eines Laptops direkt in die endlosen Weiten des WWW geprügelt wird, der Unterschied ums Ganze sein könnte, so ist er dennoch nichtig gegenüber der Anerkennung der (individuellen) Biographie des Gedankens. Denn natürlich beeinflusst es mein Denken (und somit auch mein Schreiben), mir der technologischen Möglichkeiten der Kommunikation bewusst zu sein. Diese Verschränkung von Allmacht und Ohnmacht erschüttert bis ins Mark. Doch mir geht es um etwas tieferes, etwas ursprünglicheres, es geht mir um die Entstehung des Marks und somit um Wahrheit. Ich glaube an die Erkenntnisse Sigmund Freuds. Und genau wie anderen religiöse Fanatikern fällt es mir schwer, nicht alles unter dem Lichte seines Werkes zu betrachten. Laut Freud sind Gefühle und Gedanken untrennbar miteinander verknüpft. Letztere gehen aus Ersteren hervor. Ein Gedanke ist ein sublimierter Affekt. Die Affektwelt des Denkers ist somit die Basis seiner Philosophie. Vergleichbar mit Atlantis, liegt die Affektwelt in Trümmern auf dem Grunde der Amnesie der Kindheit. Und nur in der Sage kann sie wieder auferstehen. Was bedeutet diese Tatsache für Philosophie? Und was bedeutet sie für unsere Interpretation von Philosophie, von der Welt, vom Denken? Und warum findet dieser kreatürliche Teil des Denkens so selten Anerkennung? Spannende Fragen wie ich finde…
    Nicht ganz so spannend, dafür umso tragischer, ist die Frage nach der Literatur in 30 Jahren. Wenn ich mir die Entwicklung der Gesellschaft anschaue und sehe, wie die explodierenden Kommunikationsmöglichkeiten uns halbjährlich überrunden, sehe ich ziemlich schwarz für die Literatur wie wir sie momentan noch kennen. Mit dem Treibstoff des sich-selbst-verwertenden-Werts im Tank, rast der technische Fortschritt davon und die einzig „logische“ Konsequenz ist das hinterherhecheln. Unser psychischer Apparat bleibt bei diesem ungleichen Wettrennen auf der Strecke. Und ich brauche keine Studie über ADHS-Kinder, um den Untergang der Literatur zu prophezeien. Ich muss nur einmal mit der U-Bahn fahren. Und ich meine nicht den Bedeutungsverfall des Gedankens oder irgend so ein metaphysisches Gewäsch. Ich meine, ganz „konkret“, die kognitive Fähigkeit mehr als 140 Zeichen zu lesen. Diese wird vermutlich nicht gleich in 30 Jahren, aber sicherlich in den nächsten 100 Jahren nur noch in eigens dafür gebauten Kabinen und unter Zuhilfenahme von Ritalin „erlebt“ werden können. Und so wird mit der Literaturfähigkeit des Menschen, auch die Möglichkeit auf eine befreite Gesellschaft verschwinden.

    Und da ich den Blick nach vorne richte und mit einem Bein in der Zukunft stehe, hier eine kleine Kostprobe Kritik 2.0:

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    @bersarin bezüglich der „Lamoryanz“ nur ein Wort: Ja!
    Genie sein wollen aber vollkaskoversichert, also das vollkaskoversicherte Genie ist eine contradictio in adiecto.

    @ fabs …auch ich ein Freudianer, Freud kam bei mir vor Adorno und Benjamin und diese nur „durchgeschaltet“ durch jenen.
    Dein Hinweis auf die veränderten Wahrnehmungsgewohnheiten mit der Folge der schließlich reduzierten Wahrnehmungsfähigkeiten können nicht überschätzt werden. Auch fragte mich schon öfter, wer eigentlich die Zeit und Muße für eine längerdauernde Lektüre noch „Investieren“ (sic!) will, zumal dann, wenn die Lektüre nicht leicht eingängig ist und seinerseits weitere Bücher nach sich zieht oder gar eine parallele Lektüre verlangt. Ist Dir schon der Twitterspaß zu Ohren gekommen, in dem Werke der Weltliteratur in einem Satz „zusammengefasst“ werden (Typ aus Dublin geht einen ganzen Tag durch die Stadt und kommt nach Irrwegen zurück zu seiner Frau)? So lese ich Shakespeare, Joyce und Mann an einem Tag – das jeweilige Gesamtwerk natürlich.

  5. summacumlaudeblog schreibt:

    Mist! Die Lektüre zieht natürlich IHRERSEITS weitere Bücher nach sich, nicht seinerseits…..

  6. Thomas schreibt:

    „Dein Blog ist immerhin kostenlos – und zusammen mit seiner Qualität somit eine Gefahr für das Bezahlfeuilleton. Da geht es auch um Pfründe.“ – summacumlaudeblog

    Auf gutem Kurs für „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ würde Jeremy Rifkin dazu sagen. Oder einfach neue Konsumkultur, kostenloses Teilen, unentgeltliche „Sharing-Generation“, kollaboratives Gemeingut etc. etc.
    Ein Trend den wir ja alle wahrnehmen, ich auch.

  7. Fabs schreibt:

    @ summacumlaudeblog: Dieser Twitter-Gesamtwerke-Zerstörer klingt ganz unterhaltsam. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin nicht gegen den technischen Fortschritt und auch nicht gegen quatschige Gimmicks. Das Bedürfnis nach Stumpfsinn zu unterdrücken führt meist nicht zu Scharfsinn, sondern zu scharfen Messern. Dieses, dem Gattungswesen Mensch eigene, dialektische Elend ist der Grund, warum ich zu Bigotterie neige. Letztendlich wird es Marx brauchen und nicht Freud. Nur über die Produktionsverhältnisse kommen wir zum „Zwanglosen Zwang der besseren Arguments“(sic!).
    @ Thomas: So What?!? Arbeitest Du im „Bezahlfeuilleton“? Ist dein Beitrag sowas wie Arbeiteraufstand 2.0? Wenn Bersarin das Bedürfnis hat Teile seines Inneren nach Aussen zu kehren und dies nicht nur seinem Tagebuch mitteilen will, ist es doch wunderbar, wenn er die im zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten nutzt. Ich persönlich bin sehr froh darüber. Ich denke Jeremy Rifkin geht es nicht darum, den Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft aufzuheben, sonder er ist in Sorge, dass dies irgendwann wirklich passieren könnte. Schließlich arbeitet er ja hart für sein Geld, u.a. als Berater der EU-Kommission. Und auch wenn ich im folgendem Satz sicherlich mehr von mir preisgebe als mir lieb ist und man den eigenen Antisemitismus nie unterschätzen sollte, so enthält er auch, der strukturellen Unveränderbarkeit unseres Produktionsverhältnisses Rechnung tragend, viel bittere Wahrheit: Wenn Deinem lieben Herrn Rifkin wirklich etwas am Elend der Menschheit liegen würde, wäre er auf seinem Weg durch die Arschlöcher dieser Welt sicherlich irgendwann stecken geblieben.

  8. Bersarin schreibt:

    @ Fabs
    Danke für Deinen Kommentar zu meinem Blog-Beitrag, aber ich denke Dein Kommentar geht ein wenig am Thema „Literatur und das, was davon bleiben wird“ vorbei. Die Regungen, welche sich in der Psyche einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers abspielen mögen, interessieren mich nicht, weil ich nicht deren Psychiater oder Therapeut bin. Da hilft dann auch Freud nicht weiter. Ich habe lediglich einen Text, also ein Buch vorliegen. Und die Psyche der Romanfiguren – etwa die von Madame Bovary – steht hier in einem ganz anderen Kontext als dem klinischen. Sie steht in Verbindung mit der Strukturierung und dem Gemachtsein des Textes. Sie ist weniger Ausdruck der Psyche des Autors, sondern sie zeigt vielmehr die Konstruktions- und Reflexionsleistung des Autors. In solchen Zusammenhängen geht es darum, wie ein Text durchgearbeitet ist. Ein Text ist mehr als seine Autorin oder sein Autor. Selbst da noch, wo jemand vorgibt ganz und gar wahrhaftig sein zu wollen. Man nehme Max Frischs „Montauk“.

    Die Psychoanalyse ist ein viel zu komplexes Feld, um es in wenigen Sätzen abzuhandeln. Und es hat wohl seinen Grund, weshalb eine Kur mitunter bis zu 10 Jahre dauern kann. Ein Psychoanalytiker muß sehr viel von seinem Gegenüber wissen. Insofern scheint mir die Laienanalyse von Romanautorinnen und -Autoren nicht sonders seriös. Insbesondere bei Kafka ist dieses Verfahren sehr beliebt (Stichwort Vater und Frauen). Nur führt das meist am Text selber vorbei.

    Gedanken können aus Gefühlen hervorgehen. Aber diese Variante ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Gedanken können genauso aus anderen Gedanken hervorgehen. Was ich fühle, wenn ich einen Text lese, mag bei manchem das Denken bestimmten. Die dabei geäußerten Gedanken sind dann freilich oftmals nicht die besten und geistreichsten. Bei manchen wünschte man sich – insbesondere um die Kraft der Subjektivität willen, auf daß diese nicht haltlos würde –, wenn sie weniger von den Gefühlen beim Schreiben und Lesen sich treiben ließen und mehr auf die Form der Äußerung sich kaprizierten.

    Ich gehöre nicht zu denen, die per se Twitter verteufeln. Du anscheinend auch nicht. Man kann aus 140 Zeichen durchaus gute Haikus oder Gedichte oder einen Aphorismus machen. Nur tun das leider die wenigsten. Da liegt das Problem. Die Technik mag unser Schreiben und Denken verändern – eben die bekannte Kittler-These –, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. In der Konstruktionsleistung eines Textes fließt denn doch mehr ein als der Stand der Technik. Mehr als die Technik fürchte ich den Markt: daß eine stromlinienförmige Literatur entsteht, sozusagen die Hegemannisierung des Betriebs. Andererseits hege ich Hoffnungen, wenn ich, wie zuletzt, die Bücher von Lutz Seiler, Thomas Hettche oder Esther Kinsky lese.

  9. Bersarin schreibt:

    @ Thomas
    Ich denke, Du wirfst in Deinem Kommentar einiges durcheinander. Das Internet ermöglicht es vielen, auf eine sehr viel unkompliziertere Weise als vor 30 Jahren zu schreiben oder Texte, Bilder, Dienstleistungen und anderes anzubieten. Das ist gut so. Es kostet weder mich etwas (außer Zeit und eine jährliche Gebühr, die ich an WordPress entrichte, um meinen Blog werbefrei zu halten) noch die Leserinnen und Leser. Das kann jeder halten, wie er will. Ich liefere im großen und ganzen gute Texte, die Feuilletons so nicht machen – allenfalls findet man das in Kultur- und Kunstmagazinen wie „Texte zur Kunst“ oder ähnliches. Sollte diese Art des Schreibens irgendwann auch in der FAZ oder in der „Zeit“ gewünscht sein: Eine E-Mail genügt und ich mache es gegen Bezahlung. Mir ist das relativ egal.

    Etwas anders verhält es sich mit geistigen Gütern, die umfassende Vertriebswege erfordern. Dieser Trend des Alles-umsonst muß in einer Gesellschaft, die Waren produziert und wo der Markt die Gesetze bestimmt, differenziert betrachtet werden. Wer ein oder zwei Jahre an einem Schreib-Projekt sitzt und damit Geld verdienen möchte, der muß für das, was er oder sie produziert, erstens einen Vertrieb und zweitens Abnehmer finden. Entweder kümmern er oder sie sich selber um den Vertrieb, dann bleibt es der Person freigestellt, das Produkt für Geld oder umsonst anzubieten, oder Produktion und Vertrieb übernimmt ein Verlag. Der tut das nicht für gute Worte und weil die Ideologie des Alles-für-lau Open Access so wohlig demokratisch scheint, sondern er setzt selber Geld ein, um dieses Produkt zu produzieren. Insofern will er damit Geld verdienen. Die Open Access-Ideologie ist in diesem Punkt recht unausgegoren und wenn nicht das, dann sogar verlogen. Siehe z.B. die Dummgurke Julia Schramm mit ihrem „Klick-mich“-Elaborat.

    Denn sowohl Verlage als auch Journalisten wollen und müssen bezahlt werden. Verlage müssen Geld erwirtschaften, weil sie neue Bücher und neue Zeitungsausgaben produzieren. Für all die Freunde des Elektronischen Publizierens und die, die das Internet unkritisch glorifizieren, die die heute Hosianna schreien, sind übrigens meist die, die morgen „Kreuzigt ihn rufen“.

    Open Access bleibt aber ein spannendes Thema, über das es nachzudenken gilt: Wie schaffen wir neue Vertriebs- und Kommunikationswege? Dennoch bleibe ich dabei, daß geistiges Eigentum schützenswert bleiben muß und daß die Dinge, die jemand schafft von Google, YouTube & Co nicht für lau zu haben sind. Sie erwirtschaften Geld. Sie müssen zahlen.

  10. Thomas schreibt:

    „Dieser Trend des Alles-umsonst muß in einer Gesellschaft, die Waren produziert und wo der Markt die Gesetze bestimmt, differenziert betrachtet werden.“ – Bersarin

    Das will ich auch gar nicht bestreiten, ich habe in mein Statement auch nicht so viel, vielleicht viel weniger wie ihr, hineinproijziert. Es sind bloß Schlagworte die im Trend liegen, die ich reinwarf. Diese können bedeuten, wenn auch oft noch einseitig, genau, die neuen Techniken machen es insbesonders in vielen Sachen auch einfacher als ohne diese. Und ist diese neue Konsumkultur nicht irgendwo doch genau in dem betrachteten Trend einzuordnen, der die Konkurrenz zum Kapitalismus gegenwärtig und zukünftig darstellt und den Rifkin beobachtet? Ich denke ganz allgemein, das spielt da auch schon mit rein. Der Kapitalismus, meint Rifkin erstmal plakativ, wird spätestens 2060 nur noch in einigen Nischen stattfinden. Er sieht aber differenzierter, der zunehmende Rückzug des Kapitalismus, der läuft bis dahin selbstverständlich nicht nur wettbewerbslos mit der unentgeltlichen „Sharing-Generation“ ab, er wird aber bis der Kapitalismus fast verschwunden ist auch über viel Kooperation ablaufen. Rifkin stellt fest, dass immer weniger an der Produktionskette teilnehmen und die ersetzt wird…, er prognostiziert eine zunehmende Hybrid-Wirtschaft, demanch wird der Kapitalismus sich die Bühne teilen müssen mit dem kollaborativen Gemeingut. Kapitalismus wird nicht mehr ausschließlich die wirtschaftlichen Geschicke bestimmen, sagt er.

    Das Dachthema Rifkins aktuellstem Buch: „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ trägt ja nicht umsonst den Untertitel „Das Internet der Dinge – Kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus“.
    Im folgenden Link findet man ein Interview mit Rifkin, eine prompte Zusammenfassug:
    http://www.arte.tv/guide/de/055431-001/gespraech-mit-jeremy-rifkin/?vid=055431-001_PLUS7-D

  11. Thomas schreibt:

    „Die Technik mag unser Schreiben und Denken verändern – eben die bekannte Kittler-These –,“

    Zu diesem Punkt. War da nicht sogar schon Günther Anders Vorreiter mit so einer These, vor Kittler?

  12. Bersarin schreibt:

    Rifkins Thesen scheinen mir mehr der medialen Erregung oder irgendwelcher anderen obskuren Dinge denn der Sache geschuldet. Hohle Thesen und Nichtssagendes. Wer ernsthaft meint, daß sich der Kapitalismus durch solches Larifari scheinbar freier Distribution, die natürlich genau auf den Gesetzen des Kapitalismus fußt und die voraussetzt, daß in irgend einer Weise Geld erwirtschaftet wird, abschaffen wird, ist entweder naiv oder aber es steckt hinter solchen geworfenen Nebelkerzen System. Letzteres scheint mir der Fall zu sein.

    Kittler spezifiziert das auf die Medien hin, zudem richtet sich Kittlers Denken – etwas verkürzt geschrieben – auf die Verbindung von Medien, Schreiben, Technik, Literatur sowie militärischem Komplex. Anders Kritik geht in eine gesellschaftskritische Richtung; er hinterfragt die Technik, während Kittler, postmodern geschult, Diskursanalyse liefert. Natürlich hat es Technikkritik immer schon gegeben. Wir müssen jedoch bei all den Autoren, die solche betreiben, schauen, wie sie ausfällt und was ihre Stoßrichtung ist. Heidegger und Adorno kritisieren beide die Technik sowie die Rationalität der Moderne. Dennoch gibt es zwischen beiden keinerlei Gemeinsamkeit.

  13. Fabs schreibt:

    @ Bersarin:
    Mir geht es nicht um die Psychoanalyse einzelner Künstler und Denker. Das wäre mehr als unseriös und eher etwas für eingefleischte Fans. Doch wenn ich mir die psychoanalytischen Erkenntnisse anschaue und dann einen Blick auf die Menschheitsgeschichte werfe sehe ich so manche Parallele. Horkheimer und Adorno ging es beim verfassen der Dialektik der Aufklärung ähnlich. Sie erzählen die Geschichte des Denkens und unserer Subjektivität und wie diese Geschichte mit der Unterdrückung der Natur zusammenhängt. Psychoanalyse und Aufklärung haben den selben Gegenstand: Das Gattungswesen Mensch. Und natürlich können Gedanken aus anderen Gedanken entspringen. Aber um mich von anderen Gedanken inspirieren zu lassen, muss ich mich erst einmal durch den Dschungel des frühkindlichen Gefühlschaos bis zur Sprache durchkämpfen. Denn (Gedanken-)Lesen funktioniert, trotz technischem Fortschritts, nur vermittelt über die Sprache. Und der mühsame Weg zu selbiger steckt mir und Dir und allen Menschen ein Leben lang in den Knochen. Meiner Meinung nach spiegelt sich in jedem Denken etwas aus der Kindheit wieder. Es gibt nicht den Moment wo sich das bürgerliche Subjekt entschlüsselt hat und von da an Selbstkongruent durchs leben läuft. Selbst 10 Jahre intensivste Psychoanalyse würde das Unbewusste nicht ergründen können. Ich denke, dass wirst Du mir kaum absprechen können, Bersarin. Es sei den Du glaubst an etwas anderes. Dann würde mich allerdings interessieren an was… Und vergiss nicht: In der Psychoanalyse gibt es das Konzept der Abwehr. Wenn ein Mensch zu nah an sein eigenes Gewordensein herangeführt wird, so neigt er schnell dazu die Bedrohung (ja, die innerste Gefühlswelt ist bedrohlich, genauso wie die Tatsache eine Kreatur zu sein unbegreiflich ist) abzuwehren. Dies kann u.a. durch Rationalisierung oder eine verzerrte Wahrnehmung geschehen. Tut mir leid, aber wenn Du an psychoanalytischen Erkanntnisse glaubst gibts keine halben Sachen. Eine kleine Prise Ödipus hier und ein wenig Lustprinzip dort läuft nicht. Wer ans Unbewusste glaubt und mit Freud den Antisemitismus der bürgerlichen Gesellschaft erklärt, darf auch vor der eigenen Haustür nicht halt machen. Und natürlich hat das etwas religiöses. Es ist eine Form von Glauben. Aber jeder Mensch der Fragen stellt, wird auch an etwas Glauben. Das liegt in der Natur der Sache. Es liegt in der Natur des Menschen. Der Mensch ist nämlich Natur. Und da ändert auch die Sprache nix dran. Die Fähigkeit zu Denken ist schließlich nicht vom Himmel gefallen, oder?

    Ich finde so eine Diskussion sehr spannend. Nur möchte ich Dir auch nicht zu nahe treten. Grade solche Vorwürfe wie der der Abwehr sind hart Kaliber. Bitte nicht persönlich nehmen. An dieser Stelle will ich mich auch nochmal bei Thomas entschuldigen. Meine Reaktion auf Deinen Kommentar war etwas harsch. Da sind die Pferde ein wenig mit mir durchgegangen.

  14. Bersarin schreibt:

    Es geht bei der Psychoanalyse ja nicht darum, nach 10 Jahren das Unbewußte zu ergründen, sondern – ganz pragmatisch genommen – ein Mensch kommt zum Analytiker, weil er ein Problem hat, und dieses ist derart drängend und nagend, daß er es als notwendig sieht, sich in die Analyse zu begeben. In einer solchen Szene geht es um Heilung und nicht um absolute Selbsttransparenz, die schlicht eine Illusion ist.

    Ich bin hinsichtlich der Psychoanalyse ausgesprochen vorsichtig, weil sie, unsachgemäß ausgeübt, ein Herrschaftsinstrument sein kann. Das wäre ganz und gar gegen die Absichten Freuds. Insofern sollten wir diese Psychoanalyse den gut ausgebildeten Analytikern überlassen. Oder sie ansonsten als bloße Textwissenschaft nehmen, wie man das mit Lacan gut praktizieren kann. Das scheint mir dann aber mehr auf der Ebene einer kreativen Szenerie angesiedelt, die den Assoziationen und Eingebungen und natürlich ebenso dem Text Lacans folgt.

  15. Fabs schreibt:

    Oh. Grad erst Thomas zweiten Kommentar gesehen.

    @Thomas: Trotz Deiner Naivität und Unwissenheit bleibe ich bei meiner Entschuldigung, rate Dir aber DRINGEND!!! zu folgender Lektüre:

    http://www.arbeiterpolitik.de/Texte/Kapital/KAPITAL1.pdf

  16. Fabs schreibt:

    Freud ging es um Erkenntnis. Die Psychoanalyse als bloße „Textwissenschaft“ zu nehmen wäre also in keinster Weise in seinem Sinne. Genauso wenig wäre es in seinem Sinn, die Psychoanalyse in ihr klinisches Gefängnis zu sperren. Die Fragen zur Entstehung unseres psychischen Apparats sind meiner Meinung nach die Fragen ums Ganze. Wie nehmen wir die Welt wahr? Was treibt uns an? Warum streben wir nach Erkenntnis? Adorno sagt nicht ohne Grund das die Psychoanalyse die einzige Theorierichtig sei, welches sich im Ernst mit den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität befasst.

  17. Fabs schreibt:

    Adorno spricht natürlich von einer Theorierichtung. Freud lässt auch ohne mein Zutun grüßen… :)

  18. Thomas schreibt:

    – (Ich bins, der zum Lesen von über 800 Seiten „verdonnerte“ Thomas … mußte nur eine andere Adresse hier in die Indentifizierungsmaske eingeben, wirkt ein wenig farb-solidarisch sogar zu „Fabs“, fällt mir gerade auf; ich bin vlt. ein bisschen blöd, aber nicht so ganz, nicht bezüglich der Maske, sonder dem Herr Anders wegen) –

    „Anders Kritik geht in eine gesellschaftskritische Richtung; er hinterfragt die Technik“

    Na, da bin ich mir nicht so sicher, @bersarin. Wenn es aus dem Kontext gerissen sei, dann bitte ansprechen: G. Anders schreibt noch in der Einleitung in „Die Antiquiertheit des Menschen“:

    „Was in den folgenden drei Aufsätzen diskutiert wird, ist also ein
    von allen Erdteilen, politischen Systemen oder Theorien, sozialen
    Programmen oder Planungen unabhängiges Phänomen; eines unserer
    Epoche, mithin ein epochales. Nicht was Washington oder
    Moskau aus der Technik macht, wird gefragt; sondern was die
    Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe
    wir irgendetwas aus ihr machen können. In keinem anderen Sinne,
    als Napoleon es vor 150 Jahren von der Politik, und Marx es vor
    100 Jahren von der Wirtschaft behauptet hatte, ist die Technik nun
    unser Schicksal.“

    Bei Anders sehe ich erstmal dort eine Phänomenologie zur Technik, einhergehend mit Kritik an der Technik ersten Ranges. Dass diese bestehende, kritisierte Technik durch ein möglich falsches, gesellschafts-politisches System erwuchs und weiter sich erschafft, das beschäftigt ihn nicht, dass er solche Reflexion dennoch im Hinterkopf mitführte, darüber müsste man spekulieren.

    Dazu will ich anmerken, dass Anders der Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse sicher derart Rechnung trägt, indem er darauf verweist, dass wir von „Geräten“ beherrscht werden, uns ihre Ordnung aufzwingen lassen (ja irgendwie auch teils „müssen“, das beschreibt er, nach seiner Überzeugung, weit am Anfang ganz überzeugt). Zugleich sitzt er dieser Verdinglichung ja selbst auf, weil er das Problem nur im Charakter der Dinge erkennen kann (steckt im unwillentlich doch noch sein Lehrer zu arg in den Konochen?!) – hingegen aber Verdinglichung als gesellschaftliche Objektivationen, auch in ihrer konkret-dinglichen Beschaffenheit, nur als gesellschaftlich vermittelt (durch die kapitalistischen Verhältnisse) begriffen werden können.

    Freunde: Über Freud kläre ich euch dann morgen auf ;-)

  19. Bersarin schreibt:

    Anders Thesen sind als Instrument der Kritik von Gesellschaft auf alle Fälle wichtig und maßgeblich; es liegt in ihnen aber zugleich die Gefahr, zu starr bzw. dualistisch im Sinne eines bloß konservativen Kulturpessimismus zu geraten. Es ist zwar einerseits richtig, daß Technik unser Geschick ist und diese – trivialerweise – unser Denken und Handeln in der Welt konditioniert, aber gleichzeitig bleiben die Spielräume, die Zwischenräume, die wiederum die Technik erweitern und konstituieren. Daß wir mit unseren Fingern über Bildschirme reiben und auf winzigen Tastaturen hämmern, bedeutet nicht, daß wir den Umgang mit anderem Handwerk verlernen müßten. In solchen Dinge ist die Kreativität des Denkens gefragt. Was nun den Bezug zur Natur samt unseren Konditionierungen anbelangt, wird die Sache schon komplizierter. Zumal uns Natur nie als erste und unmittelbare Natur gegeben ist, sondern gesellschaftlich vermittelt. Für jede Ethnie dieser Welt. Hier greift dialektisches Denken, das die Vermittlungen und Durchdringungen in den Blick nimmt – sowohl zwischen Mensch und Technik als auch zwischen Subjekt und Natur.

    Im Zusammenhang mit Anders vielleicht noch interessant zu lesen, ist Lewis Mumfords „Der Mythos der Maschine“. Wobei diese Texte eben als kritisches Korrektiv zur Technik und nicht als dessen Negation zu verstehen sein sollten. Der Mensch kann zum Mond fliegen und Atomwaffen herstellen und einsetzen. Umso absurder, daß es – aus guten bzw. schlechten Gründen freilich – nicht gelingt, Hunger und materielles Elend zu beseitigen.

  20. Fabs schreibt:

    @Thomas: Ich habe Dich nicht zur Lektüre verdonnert sondern Dir nur DRINGEND!! dazu geraten. Ich würde Dich gerne zu der Lektüre verdonnern, doch das liegt zum Glück bzw. leider (da bin ich mir grade nicht so sicher), nicht in meiner Hand. Marxs Theorie ist unumgänglich für eine Verständnis der Gesellschaft. Grade wenn man eine gewisse Neugier bezüglich der Entwicklung selbiger hegt. Hätte G. Anders Marx gelesen und verstanden, wäre er nicht in der Lage dazu etwas zu schreiben wie: „In keinem anderen Sinne, als Napoleon es vor 150 Jahren von der Politik, und Marx es vor 100 Jahren von der Wirtschaft behauptet hatte, ist die Technik nun unser Schicksal.“, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich meine klar, die Technik ist unser Schicksal. Das war sie schon seit der Erfindung einfachster Werkzeuge. Die Entwicklung der Produktivkräfte wirkt sich unmittelbar auf die gesellschaftliche Entwicklung und somit auch auf den Menschen aus. Doch das diese Produktivkräfte mittlerweile vom Gesetz der Kapitalverwertung hervorgebracht werden und nicht mehr von Menschen, ist der Knackpunkt und damit unser Schicksal. Dies in einem Pamphlet (welches ich nicht gelesen habe), dass sich anscheinend gegen „die Geräte“ wendet, nicht zu erwähnen, ist nur Bauerfängerei und macht sich das allgemeine Unbehagen in der Moderne zu nutzen. Dies ist nicht Ideologiekritik, sondern Ideologieproduktion und somit zu kritisieren. Dies hast du, Thomas, in deinem vorletzten Satz auch getan, weshalb ich mich verwundert frage, wieso Du Anders Thesen vorher so unverblümt herausposaunt hast?

    @Bersarin: Die Kreativität des Denkens ist ein zeitlich begrenztes Gut. Sie zu erhalten wird im Angesicht der Katastrophe nur schwer möglich sein. Und auch die Psychoanalyse wird irgendwann verschwinden. Denn als Textwissenschaft und medizinische Disziplin wird sie, gemeinsam mit dem geisteswissenschaftlichen Betrieb und der allgemeinen Gesundheitsversorgung, ihr jähes Ende finden.

  21. Thomas schreibt:

    @Fabs, „weshalb ich mich verwundert frage, wieso Du Anders Thesen vorher so unverblümt herausposaunt hast?“

    Meinst du das, weil ich Anders als Vorreiter bezeichnet hatte? Unverblühmt herausposaunt hatte ich sowas schlicht deshalb, weil ich seine Thesen kenne und, währendl ich beim nachlesen hier, Kittlers Ansatz ähnlich verstand und grob, auch den von Bersarin bezeichnet trivialen Determinismus der Technik über unser Denken und Schreiben, dort bei Anders Thesen sah.

  22. Thomas schreibt:

    „Insofern sollten wir diese Psychoanalyse den gut ausgebildeten Analytikern überlassen.“

    Wo gibts den eigentlich? Die müssen ja unwahrscheinlich gut aufgestellt sein, dass sich solche dann wirklich als „autonom“ und angemessen ausgebildet vom gesellschaftlich-sozialen System verstehen können.

    Denn selbstverständlich ist auch die Institution, die Psychoanalysen verwirklicht, ein soziales System. Auch dieses System ruft, genauso wie das experimentelle (Psycho-Tests und Diagnosen DSM-V etc. ), spezifisches Verhalten hervor, dass nicht losgelöst von ihm betrachtet werden kann.
    Es ist wohl nur sehr eingeschränkt möglich, Erkenntnisse zum Verhalten und Erleben von Menschen zu verallgemeinern. Experimentelle und psychoanalytische Befunde können Orientierung bieten, wenn es gilt, individuelles Verhalten und Erleben zu begreifen oder zu prognostizieren.

  23. Bersarin schreibt:

    @Thomas/AlRo
    Den gut ausgebildeten Analytiker gibt es dort, wo es den guten Buchhändler, den geniale Winzer oder die kompetente Autowerkstatt gibt. Irgendwo da draußen, in den Weiten der Stadt. Man muß sich umtun. Was wirkt, hilft. Daß alles in allem irgendwie eingebettet ist, um Deinen Allgemeinplatz aufzugreifen, bedeutet nicht, daß nun alles irgendwie determiniert in seinem spezifischem Verhalten sei.

    In der Tat ist es nur sehr eingeschränkt möglich, Erkenntnisse zum Verhalten und Erleben von Menschen zu verallgemeinern. Deshalb vereinbart der seriöse Psychoanalytiker Termine nur mit einem Klienten und nicht mir 40 oder 200 gleichzeitig, um eine Gemeinschaftsanalyse durchzuführen.

  24. Fabs schreibt:

    Der Gegenstand der klinischen Psychanalyse ist das Individuum in der isolierten Therapiesituation. Der Gegenstand der Psychoanalyse Freuds ist der Mensch und seine innerpsychischen Vorgänge, welche sich aus dem Wechselspiel mit der Gesellschaft entwickeln. Wer sich auf Institutionen und Experimente stützt um zur Erkenntnis zu gelangen wird scheitern. Es braucht den Wahnsinn und den Zweifel. Es braucht den Glauben und es braucht Vertrauen. Ob eine Idee Wahrheit werden kann, entscheidet sich in dem Moment in welchem der Funke überspringt. In der Verwalteten Welt gelten aber nur noch jene Ideen welche, durch die Destillationsanlagen der Wissenschaft gejagt und von allen Unreinheiten gesäubert, im Verbrennungsmotor der Kapitalverwertung zünden.

  25. Thomas schreibt:

    @Bersarin, also bitte mal langsam: „Daß alles in allem irgendwie eingebettet ist, um Deinen Allgemeinplatz aufzugreifen, bedeutet nicht, daß nun alles irgendwie determiniert in seinem spezifischem Verhalten sei.“, richtig, das heißt es überhaupt nicht, aber es heißt vielleicht dass man den sachgemäßen Analytiker nicht so einfach voraussetezn kann und es bedeutet eben den vorsichtigen Umgang, nicht nur wie Du sagst bei der Psychoanalyse, sondern auch bei den von ihr ausgehenden und argumentierenden Begriffen, wie „krank“, „heilen“.

    Sind die seelisch Leidenden, die mit einem drängenden Problem in der bestehnden Gesellschaft stehen, wirklich krank (ich gehe hier davon aus, weil Heilung darauf schließen läßt)?

    Entschuldigung, aber da muss ich noch mal kritisch anmerken. „Heilung“ halt ich mindestens für einen schwierigen begriff in dieser Anwendung und dem Zusammenhang:
    Er setzt indirekt voraus, dass es hier um Krankheit geht. Auch dieser Begriff ist schwierig, ihn per se gegen (auch stark) seelisch Leidende oder nicht seelisch Leidende ebenso stark vorauszusetzen, bleibt kritisch.
    Es gibt gute Gründe, denn dieser Begriff Krankheit wird auch vom gegenwärtigen Herrschaftssystem als strategische Etikett für Leute verwendet, die psychiisch leiden (nicht „funktionieren“) und psychisch nicht leiden und soziale Devianz aufweisen (ebenso nicht „funktionieren“). Zudem wirft es das auch noch in einen Topf und alles läuft dann unter dem Label „psychisch krank“.

    „Ich bin hinsichtlich der Psychoanalyse ausgesprochen vorsichtig, weil sie, unsachgemäß ausgeübt, ein Herrschaftsinstrument sein kann.“
    Ja, die gleiche Vorsicht sollte dann aber auch für den Umgang mit dem Begriff „psychische Krankheit“ gelten.
    Dass Psychologie-Anwendungen in der kapitalistischen Gesellschaft überwiegend der Anpassung an deren Bedingungen dienen, halte ich auch nicht gerade für überraschend.
    Kritik, in welche Richtung auch immer dabei gehend, ist daran selbstverständlich berechtigt, sollte aber nicht dazu führen, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Also Festschreibungen von psychischen Zuständen mit gesund und krank, wie es unser System tut, anzugehen – (wären diese nämlich auch gar nicht nötig).

    Leider macht das System sie nötig. Bis hin zur Bevormundung werden wir dabei in ein Sozialklischee hineingepreßt.

    Nur wenn Opfer von „Traumatisierung“ oder allgemein stark seelisch Leidende gezwungen werden, sich – bewusst oder unbewusst – als „psychisch krank“ zu verstehen, um Hilfe zu erhalten, dann verbessert sich ihre Situation durch diese Inszenierung – aber in einer Weise, die ich als pervers zu klassifizieren ich mich nicht scheue.

    Und so ist ja der Alltag strukturiert: Therapie kostet Geld, Analytiker auch, Medikamente etc., dies bezahlt aber das System einem natürlich nur, nach dem man sich der Etikettierung „krank“ gebeugt hat..
    die klassische Psychoanalyse als therapieform für den seelisch leidenden ist in unsrer Gesellschaft somit wohl per se schwierig, aber als Methodik psychologischer Erkenntnis favorisiere ich sie schon.

    Um gleich darauf mal einzugehen und um diesen, meinen Widerstand zu verstehen, muss man sich nach den Funktionen des Etiketts „psychische Krankheit“ fragen. Diese sind vielfältig. Eine davon ist eben aus psychoanalytischer Erkenntnis jedoch die entscheidende. Psychiatrische Diagnosen dienen der Angstbewältigung durch Pseudo-Erklärung (es muss deklariert werden, was seltsam ist, was nicht verstanden wird…).
    dieses Zwangssystem benutzt hier also sehr strategisch die Bezeichnung „Krankheit“

    Aber um das seelische leiden des anderen anzuerkennen braucht man nicht unbedingt den Begriff krank. man muss ihn gar nicht gleich verwerfen, aber in einem System das ihn so einsetzt, wäre eine hypothetische Verwendung nicht gerade das Schlechteste.
    Denn andersherum funktioniert es auch. Man kann auch Patienten, denen recht eigentlich nichts fehlt, sondern die nur mit ihrem Dasein unzufrieden sind, mit einer Diagnose etikettieren, damit deren „Behandlung“ von der Kasse bezahlt wird.
    Nehmen wir noch mal den seelisch Leidenden der Hilfe sucht oder den Traumatisierten verwirrten und warum ihnen zugeschriebenes „krank sein“ eventuell ungerecht zukommt.
    Das betroffene Kind, der betroffene Soldat z.B. mussten ja schreckliche, grausame Erfahrungen durchleiden und diese schrecklichen, grausamen Erfahrungen lassen die Geschädigten oftmals das ganze spätere Leben nicht mehr los. Das ist nicht krank, das ist normal!

    Selbstverständlich verstehe ich Dich und auch andere, wenn Du angesichts völlig rätselhafter, mit erheblichem Leid verbundener Muster des Verhaltens und Erlebens ausrufst: „Das ist doch krank!“ Mit dem Begriff „krank“ verbinden sich eine Vielzahl von Bedeutungen und nicht alle sind medizinisch.

  26. Fabs schreibt:

    @Thomas:
    Herzlichen Glückwunsch zu der Erkenntnis, dass der Begriff Krank (oder was auch immer!!) und die damit zusammenhängenden Zuschreibungen gesellschaftliche sind. Aber darum ging es doch gar nicht!?!

  27. Bersarin schreibt:

    @Fabs, Thomas
    So ist es. Es ging nicht um die Krankheit als solche und es ging nicht darum, daß Krankheit genauso als Merkmal und Mittel eingeführt werden kann, um bestimmte Gruppen auszugrenzen oder zu stigmatisieren. (Wobei im Umkehrschluß eben nicht alle psychisch Kranken bloß Stigmatisierte sind, sondern es liegen häufig sehr ernst zu nehmende Erkrankungen vor, die auf eine bestimmte Weise behandelt werden müssen. Einem schwer Depressivem oder einem Schizoiden ist kaum mit der Öffnung aller psychiatrischen Kliniken gedient. Aber hier können Ärzte – auch mitlesende wie summacumlaude – sicherlich sehr viel mehr Kompetentes beisteuern als ich.) In seinem Buch „Wahnsinn und Gesellschaft“ zeigt z.B. Foucault wie diese Mechanismen der Ausgrenzung funktionieren.

    Um die Psychoanalyse auf einige wenige Begriffe herunterzubrechen: die Menschen, die sich ihr unterziehen, gehören in der Regel zu einer gebildeten Mittelschicht. (Nein, ich schreibe nicht einer weißen gebildeten Mittelschicht. Denn es gib auch dunkelhäutige gebildete Mittelschichten.) Sie wissen meist um ihr Leiden. Früher hätte man geschrieben, die Psychoanalyse sein eine Angelegenheit des Bürgertums. Heute, wo keines mehr existiert, verhält es sich anders.

  28. Fabs schreibt:

    @Bersarin:
    Wir reden aneinander vorbei. Schade. Aber zwei individuelle Wahrnehmungen in Einklang zu bringen ist ohnehin unmöglich. Von daher: Was solls… Solange man die Erkenntnismöglichkeit welche in einer Diskussion liegen könnte ausblendet, ist es kein allzu schwerer Verlust.

    Nur eines noch: Siehst Du die von mir beschriebenen erkenntnistheoretischen Grundlagen der Psychoanalyse? Oder ist sie für Dich nur das Werkzeug des Klinikers? Ich habe mir den Diskussionsverlauf eben noch einmal durchgelesen, um nachzuvollziehen wo unsere Weggabelung lag. Sicherlich habe ich den Bezug zu deinem Artikel und somit auch zu Deinem primären Anliegen verloren bzw. nie gehabt. Somit hielten wir bereits zu Beginn der Reise unterschiedliche Landkarten in den Händen. Trotzdem kam Interessantes zu Tage. Und auch einige Anlässe zur „Kontroverse“ (schlimmes Wort) wurden gegeben. Ich halte z.B. folgende Deiner Äußerungen bezüglich der Romanfigur für falsch: „Sie ist weniger Ausdruck der Psyche des Autors, sondern sie zeigt vielmehr die Konstruktions- und Reflexionsleistung des Autors.“ Wie kannst Du die Konstruktions- und Reflexionsleistung eines Menschen von dessen Psyche trennen? Wie ist die Fähigkeit zur Begriffsbildung und somit der Begriff und alles was danach kam entstanden? Spielt die Entstehungsgeschichte des Begriffs heutzutage keine Rolle mehr? Ist die Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Denkens nur noch religiös motiviert? Diese Fragen machen mir zu schaffen. Du musst und wirst sie mir nicht beantworten und ich kann Dich nicht zur Auseinandersetzung verdonnern. Von daher verbleibe ich mit der Hoffnung einige Gedankenanstöße geliefert zu haben und werde mich baldigst den Theorien Lacans zuwenden.

  29. Bersarin schreibt:

    Was die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Psychoanalyse betrifft, so gibt es darin sicherlich Ansätze, die auch auf den Begriff von Kultur (ich lasse mal das Affirmative und Unbezügliche eines solchen Begriffes im Raume stehen) sich werden anwenden lassen. Freud tat das in vielen seiner Schriften. Wieweit das trägt, steht auf einem anderen Blatt. In der Nachfolge von Freud schrieb insbesondere Herbert Marcuse. Titel wie „Triebstruktur und Gesellschaft“ legen eine Verbindung bereits ganz unmittelbar nahe. Ich bin nicht so sehr für einen Ismus, sondern mich interessieren die Aspekte, wo sich verschiedene Ansätze durchdringen und wo die Wahrheit als auch die Unwahrheit der Psychoanalyse liegt. Ein Verfahren immanenter Kritik also.

    Der andere Aspekt ist der Bereich der Psychoanalyse als Kur und im Bereich der Therapie. Hier möchte ich eigentlich nur, daß sich ausgebildete Psychoanalytiker zu ihren Verfahren und Vorgehensweisen äußern. Niemand käme auf die Idee, bei einem Blinddarmdurchbruch oder einem Schlaganfall Nikolai E. Bersarin als Arzt heranzuziehen und um seinen Rat zu fragen. Zu Recht. Bei den Problemen der Psyche sollten wir dieselbe Sorgfalt walten lassen. Aus Respekt vor dem Klienten/Patienten und auch vor der Sache. Das bedeutet freilich nicht, daß es Denk- und Sprachverbote gibt. Aber ich selber bin kein Analytiker. Ich kenne lediglich einige der Schriften Freuds

    Ich sprach bei der Konstruktionsleistung einer Autorin/eines Autors in bezug auf eine Romanfigur nicht vom Trennen zwischen derselben und der Psyche, sondern es ging mir ums Kennen: Ich kann die Psyche des Autors schlechterdings nicht kennen, wenn mir der Autor nicht persönlich bekannt ist, und sich mir nicht in Gesprächen offenbarte bzw. mir etwas über sich erzählte. Wie sollte solch ein Wissen aus absoluter Distanz denn gehen? Für Hinweise auf solche Einfühlung wäre ich dankbar. Ich habe einen Text. Mehr nicht. Ich sehe, wie er gebaut ist, wie er strukturiert ist, wie er wirkt, wie er wahrgenommen wird, was darin erzählt wird und zur Sprache kommt. Ich sehe Strukturen und Metaphern, ich lese Sprache. Wenn in einem solchen Text der Konflikt zwischen einem Vater und einem Sohn vorkommt, wie in Kafkas „Urteil“ oder in der „Verwandlung“, so kann das auf eine Problematik bei Kafka schließen lassen, aber es muß das eben nicht. Es wird sicherlich die Psyche des Verfassers, der Verfasserin auf irgendeine Weise in den Text einfließen. Aber darüber vermag ich nicht zu urteilen, sofern mir Verfasserin/Verfasser unbekannt sind. Und es ist im Hinblick aufs Ästhetische und auf eine Literatur- oder Kunstkritik auch eher drittrangig, sofern ich nicht gerade eine Biographie über die Schriftstellerin schreibe.

    Insofern schreiben wir in der Tat ein wenig aneinander vorbei. Ich bin kein Verfechter einer reinen Textimmanenz – diese ist Ideologie, weil der Text sich durch vieles konstituiert. Ein Text ist immer beides: Innen und außen, autonomes Kunstwerk und fait social. Dieser Aspekt sollte neben der Psyche ebenfalls nicht aus dem Fokus rücken.

  30. Bersarin schreibt:

    Freuds Studie über den Moses von Michelangelo ist übrigens weniger deshalb interessant, weil er uns die Psyche Michelangelos nahebringt, sondern weil er die Interpretation eines Kunstwerkes liefert und dieses auf die Genese von Subjektivität bezieht.

  31. Fabs schreibt:

    Genau!! Ich habe nie gegenteiliges behauptet. Es geht nicht um die Analyse von Individuen, sondern um die Analyse der Gattungsgeschichte, des Gewordensein und der Subjektivität, welche sich in jeder menschlichen Psyche wiederspiegelt. Es geht um Erkenntnis im ernsthaften Sinne.

  32. Thomas schreibt:

    Lieber Fabs oder Bersarin, „Aber darum ging es doch gar nicht!?!“ Aber doch, genau darum geht es, wenn das „Wobei im Umkehrschluß eben nicht alle psychisch Kranken bloß Stigmatisierte sind, sondern es liegen häufig sehr ernst zu nehmende Erkrankungen vor…“ (Bersarin) gilt!

    Und, dass ein Sprechen von Krankheit oder Gesundheit (wenn es das Seelische betrifft), nur dann im skeptischen Modus bleiben kann, wenn es einschlägig hypothetisch davon spricht. (Und gewiss nicht schon zuletzt auch darum, weil unser jetziges System diese krankheitsbegrifflichen Mechanismen völlig ausschöpft und nebenbei, als „Ergänzung“, noch deren gesellschaftliche Ausgrenzungen gut funktionieren läßt).

    Also:
    Mit welcher ausreichenden Rechtfertigung, Begründung oder nach was auch immer man in dem Fall suchen mag, gehen wir von einer Erkrankung (im echten medizinischen Sinne) bei betreffenden Menschen aus?
    Es kann nicht bestritten werden, dass die überwiegende Mehrheit der Fachleute aus der Psychologie, aber auch der interessierten Philosophen, Soziologen und wohl auch der Vertreter anderer Disziplinen davon überzeugt sind, dass psychische Krankheiten real seien.
    Sie lassen sich von dieser Überzeugung auch nicht dadurch abbringen, dass bisher noch keine körperlichen Ursachen für irgendeine der so genannten psychischen Krankheiten entdeckt werden konnten.
    Sie lassen sich von dieser Überzeugung auch nicht dadurch abbringen, dass sich die Psychiater häufig nicht einig werden können, wer nun psychisch krank sei und wer nicht bzw. worunter er leide

    Psychische Krankheiten, so sagen die dazu berufenen „Fachleute“, seien eben etwas anderes als körperliche Krankheiten, wenngleich selbstverständlich körperliche Prozesse in ihrem Ursachenbündel immer eine Rolle spielten. So etwas kann man natürlich leicht behaupten, solange man den Beweis dafür nicht antreten muss.

    Jedenfalls braucht man für eine kategoriale Diagnose (krank – gesund) eindeutige Kriterien, die es gestatten zu entscheiden, ob jemand zur Menge der Kranken oder der Gesunden gehört. Die gebräuchlichen diagnostischen Systeme DSM und der psychiatrische Teil der ICD sind kategorial und sie kennen solche eindeutigen Kriterien nicht.
    Manche meinen, die Polarität “krank – gesund” sei im psychischen Bereich ja auch ein Kontinuum mit gleitenden Übergängen. Dies löst jedoch das Problem nicht, denn auch kontinuierliche Merkmale müssen, um zur wissenschaftlich fundierten Diagnose zu taugen, valide sein. Sie müssen eine Kontinuität zwischen “psychischer Krankheit” und “psychischer Gesundheit” in der Realität widerspiegeln.

    Wer seelische Probleme als „Symptome psychischer Krankheiten“ deutet, muss das auch nachweisen können. Das Leiden ist real, nur die Krankheit nicht. Es hat andere Gründe.
    Ich halte es für eine ärztliche Vermessenheit, Leiden grundsätzlich als Krankheit zu deuten.

    Menschen mit Lebensproblemen, die Hilfe benötigen und wünschen, sollten auch Unterstützung erhalten, aber diese sollte selbstverständlich wissenschaftlich abgesichert sein, also „nicht unsachgemäß“ (wie Bersarin schreibt). Eine ärztliche Disziplin ohne eine solche Absicherung bezeichne ich aber derzeit als Paramedizin.

  33. Bersarin schreibt:

    Tja, bei den psychischen Problemen ist das Feld, wie so oft, leider sehr weit. Betrifft es die sozusagen „normalen“ Probleme, die Angstneurosen, all das, was man ohne Medikamente in den Griff kriegt, kann man wohl sagen: Gut ist, was hilft und wirkt. Es haben die Untersuchungen zu den verschiedenen Psychotherapien gezeigt, daß es hier keine Hierarchie gibt. Eine Gestaltherapie kann für den einen helfen, während sie für einen anderen verheerend wirkungslos bleibt.

    Daß Kranheit ebenso mit gesellschaftlichen Mechanismen und teils auch mit Ausgrenzung zu schaffen hat, sehe ich ebenso. Das fängt bei den Selbstoptimierungsszenarien an – ob das irgendwelche asiatischen Techniken sind oder eine bestimme Form von psychologischem Training, um im Beruf besser zu funktionieren, kreativer zu sein nicht als Selbstzweck und für mich, sondern um des Arbeitgebers willen. Wir kennen zudem heute Symptome und Psychiatrisierungen wie z.B. ADHS oder Borderliner, wo wir früher Zappelphilipp gesagt haben oder lediglich eine motorische Unruhe feststellten. Nun gibt man ein Medikament dazu, weil die Zeit fehlt, sich diesen Kindern angemessen zu widmen. Und man braucht ebensowenig bei jeder Schulhofkeilerei gleich den Psychiatrischen Dienst zu rufen.

    Diese Felder sind insofern kompliziert, weil man sich – denn es handelt sich nun einmal um Menschen – sehr genau jeden Fall ansehen muß. Ich kann da keine Patentantworten liefern und sagen „Das geht so und so!“

    Ob man Leiden als Krankheit bezeichnet oder nicht, mag gesellschaftlich relevant sein. Dem, der leidet, geht das aber am Arsch vorbei. Er leidet und hofft auf Heilung von seinem Leiden. Hier sollte man schon die Ebenen trennen. Was nicht bedeutet, sie nun unvermittelt jede für sich im Raume zu lassen.

  34. thomas schreibt:

    @ Bersarin: Jedenfalls kann ich mit deinem letzten Kommentar weitgehend übereinstimmen. Danke auch für diese Stellungsnahme!

  35. thomas schreibt:

    Ich möchte es nun kurz halten, da ja dein blog nun wirklich weniger auf dieses Thema im Speziellen aus ist.
    Ich denke, die Übereinstimmung mit deinem Kommentar bleibt.
    Um diese gesellschaftliche Vermittlung ging es mir auch ganz bestimmt, wenn gleichwohl auch meine Psychatriekritik nicht aus der Kategorie Kulturkritik verstanden sein will, das heißt: Fraglos sind die psychiatrischen “Krankheitsbilder” auch als Abweichungen von gesellschaftlichen Normen definiert. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die in diesem Sinne von der Norm abweichen, begibt sich jedoch freiwillig, also aus eigenem Antrieb in psychiatrische Behandlung. Daher ist diese Form der Psychiatriekritik nicht stichhaltig, weil man der Psychiatrie nicht vorwerfen kann, dass sie die freie Entscheidung von Menschen respektiert und deren Bedarf befriedigt.

    Anders ist der Fall: Psychiatrische Diagnosen unterstellen eine Krankheit als Tatsache und dies lässt sich beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnis nicht beweisen; die üble Folge kann eine Stigmatisierung sein. Sicher ist es das strukturelle System, dass den Arzt/Psychiater (den man auch aus Sichtweisen durchaus nicht der Medizin zugehörig sehen kann und Psychiatrie keine Wissenschaft sein kann) dazu zwingt, einen leidenden Menschen als „krank“ einzustufen, um ihm überhaupt in seiner seelischen Not helfen zu dürfen. Auch sind die Schäden die mit den Diagnosen verbunden sind -wie empirisch nachgewiesen- immernoch größer als der geringe und oft nur scheinbare Nutzen (daher ist es mir ein gesellschaftlich wichtiges Thema). Wenn man Psychiatriekritik kritisch benutzt, wie ich das versuche, dann setzt das natürlich Vorsicht voraus, demanch sollten mir auch die abschreckenden Beispiele (z.B. der Psychokult Scientology) bewusst bleiben. Positive Beispiele für Psychiatriekritik sind durchaus auch die erwähnten Einsichten Foucaults.
    Meine Kritik an der Psychiatrie ist jedenafalls nicht fundamental in diesem „Fundamentalismus“ Sinne. Schließlich ist gemeinhin mit “Fundamentalismus” eine dogmatische Haltung meist religiöser Art gemeint, die sich gegen die Moderne im Allgemeinen und gegen die pluralistische Gesellschaft im Besonderen richtet. Sie ist aber vielmehr das Resultat einer Zusammenschau der empirischen Literatur zur Lage der Psychiatrie. Vielmehr geht es um eine realistische Sicht der Dinge, die sich an überprüfbaren Sachverhalten orientiert. Sie ist daher auch nicht dogmatisch. Die Fakten entscheiden (die, zweifelsohne, vermittel gehören, aber wohl auch jetzt alle hier nicht her gehören).
    Ungeachtet dessen habe ich mich auch schon früh für Literatur interessiert, die auch diese Aspekte ansprechen.
    Z.B. hat schon Thomas Mann m.E. sehr eindrucksvoll davon gesprochen in welcher Art schon gesellschaftliche Normalität stumme Gewalt ist und persönliche Normalität pathologisch ist. Freilich, letzteres ist eine Umkehrung, aber es läßt schon skeptisch anmerken. Da es aber nach bestimmter Ordnung leider nur Literatur fachfremder Art ist, bestreite ich sozusagen, das Feuer mit dem Feuer. Meine Psychiatriekritik richtet sich also auch insbesonders gegen diese Institution, weil diese letztlich diese widersprüchlich unvernünftigen Diagnosen setzt. Oder um es noch mit einem Prinzip zu sagen: Sie spielt das Spiel der Wissenschaft (die Kritik). Weil sie Psychiatrie sich auch gern den gesellschaftlichen Anschein der Wissenschaftlichkeit überstülpt, auch wenn sie nur Pseudowissenschaft ist, und demanch könnte man ja berechtig diese nur als bescheidene Heilkunst verstehen. Mein bemühen empirische Psychiatriekritik ist voralem deshalb nicht dogmatisch. Sie kritisiert Psychiater oder psychiatrische Institutionen nicht moralisch, politisch, kulturell oder wirtschaftlich anhand von Einzelfällen, sondern sie beleuchtet die Diskrepanz zwischen empirischer Erkenntnis und psychiatrischer Praxis im Allgemeinen. Diesen Kontext sehe ich nun ganz wichtig um meine Kritik an dem verwendeten Begriff „krankheit“ einzuordnen. Mitunter spricht man auch von einer „psychischen Störung mit Krankheitswert“.
    Der Vorteil dieser Kritik, beruht und verläuft genau darauf, dass er hier lediglich an dem selbstdefinierten Anspruch sich misst, der aus der (angeblich) objektiv-bewiesenen Pathologisierung entspringt (die Psychiatriesierung ist hier ohnehin widersprüchlich, sie behauptet pathologische Beweise, aber wenn man ihr mit wissenschaftlicher Kritik kommt, zieht sie sich auf ihre angeblich nur Heilkunst-Erfahrung zurück, die eben nicht wissenschaftlich zu fassen sei).

    Mir wird auch gern das Missverständis untergeschoben, ich gänge fälschlich schlicht davon aus, dass Psychiatrie einen Wissenschaftsanspruch erhebe, aber
    Psychiatrie will auch gar keine Wissenschaft, sondern eine ärztliche Disziplin sein. Mein wissenschaftlich strukturierte Kritik gegenüber der psychiatrieschen Disziplin, beruft aber gerade daruf, dass wenn aus diesem klaren Feld gezeigt wurde, nach zusammengefassten Daten, das mehr Schaden als Nutzen, bei Therapieformen, Medikamenten usw. zusammenkommt, dass dann so unklare Felder keine solche absolutisitischen Ansprüche stellen sollten (wie sie bspw. regelmäßig in Diagnosen).

    Weiterhin halte ich es wohl auch nicht allzu weit hergeholt, wenn man die Psychiatrie als Komplizin des Self-handicapping begreift oder sogar als Anstifterin dazu.
    Meine These ist damit ebenso, dass im Sinne eines Als-ob-Handelns und zum Zwecke des Self-handicappings werden dann die Chancen den wirkliche Ursachen des seelischen Leidens nachzukommen durch eine Selbsteinsicht verhindert.

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