Daily Diary (116) – Ausflugsziele ostwärts. Seelower Höhen

Über die Dörfer im Osten Brandenburgs fahren, ich betrachte die schönen Dinge sowie das Abgestandene, die Natur ist Anlaß nur, frühmorgens beim Anbruch eines Tages im Dickicht streifen, mit nassen Schuhen im feuchten Gras, östliche Spree, ein Kanufahrer treidelt morgensportlich in blauwetterfester Funktionskleidung, Kraniche im Höhenflug ziehen übers Land, zwischen Spree, Oder, Neiße, Warthe und Havel. Jährlich. Unteilbar. Ungeheuer oben. Wolkenblau gefärbt. In ihrem Flug nach Süden. All diese Reisevorbereitungen. Einheitstage im Osten Deutschlands. Federleicht im Morgen über die A 12 fahren, während die Sonne ihren Kreis zieht. Das Mittagslicht in Fürstenwalde ist mild zwar, aber doch zu grell, um die Szene ins Photo zu bringen. Der jüdische Friedhof dort. Ich steige über das verschlossene Tor. Betrachte Namen. Steine in Schrift und mit den Daten, die das nicht mehr sahen. (Nur jüdische Friedhöfe muß man verschließen.) Weiter geht die Fahrt in den Osten. Festung Küstrin. Bilder im Abendlicht und in den Oktobertagen spurt die Wiederholung als Vogelflug. Wissen, daß nichts bleibt. Der Spoiler rammt eine Straßenunebenheit. Bäume, immer diese schönen Bäume an Wegesrand. Auf der Allee platzen die Eicheln unterm Rad und springen gegen den Lack. In der Kurve der Chaussee reißt das Vorderrad aus, ich bin zu schnell, irgendein Rollsplitt, ich komme ins Schleudern, Lenkradhalten, ich mag das, Geschwindigkeit und Gefahr. Es kommen zum Glück keine Autos entgegen. Verdammte Oststraße im Nebenweg übers Dorf. My oh, my. Mit Bratwurst, Suff und Bier in Berlin oder auswärts. Der Konsum bestellt schon lange keine Bockwurst mehr fürs Fest, auf Grillkohle das ewige Feuer. Seelower Höhen im Geschützdonner. Vorbeifahrt und Ausstieg als Showeffekt. Lichtreklame am Straßenrand, das Navi summt und säuselt sauer. Nebelpfade. Und auch im Puff ist noch ein Zimmer frei. Mit all dem verdreckten Gelaber des russenhassenden Präsidial-Pfaffen an den Referenztagen. Freiheit und Democracy. Das Schwein, der Mensch, der Präsident. Aber den Gang in die Wälder und die Flußauen im Nebel lasse ich mir nicht nehmen.
 
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Daily Diary (116) – Ausflugsziele ostwärts. Seelower Höhen

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Seelower Höhen; dort suchen regelmäßig Militariasammler mit Metalldetektoren den Boden nach Blut und Material ab. Begehrt unter anderem die Erkennungsmarken der „Unbekannten“, der „durch Kriegseinwirkung unkenntlich gemachten“ (Böll). Auf genau diesem Boden werde ich in absehbarer Zeit meine erste halböffentliche Lesung seit Jahren machen. Genaue Daten folgen auf meinem Blog. Grüße.

  2. Bersarin schreibt:

    Eine Lesung – weit draußen. Das klingt interessant.

    Herzliche Grüße und viel Erfolg bei den Planungen.

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