Wie aber den Tod schreiben, von seinem Ende her? Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (4)

„… auch ich stelle mir solche Fragen, wo bin ich auf dem Bild, die mich aus der Welt der Vorstellung in die Realität versetzen, denn die Vermeidung des Konjunktivs macht aus einer Vorstellung eine Erkenntnis oder sogar einen Bericht, man nimmt die Stelle eines anderen ein, …“ (Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther)

„Die Menschen wurden gezwungen, die Spuren zu verwischen, und auch sie sollten danach [in der Schlucht von Babij Jar, Hinweis N.E.B.] ermordet werden, so dass diejenigen, die es gesehen hatten, auch verwischt würden und am Ende nichts bliebe, keine Spur, kein Mensch, keine Erzählung.“ (Ebd.)

„Niemand zeugt für den Zeugen“ heißt es am Schluß von Paul Celans Gedicht „Aschenglorie“, und diese Frage, wer für den Zeugen zeugt und das, was geschah, geglaubigen kann, stellte ebenso der französische Philosoph Jacques Derrida in seiner Celan-Lektüre im „Schibboleth“. Insbesondere um das Verhältnis von der Einmaligkeit eines Ereignisses und seiner Wiederholung kreist Derridas Denken in diesem Text, und zwar in einem eminent politischen Sinne, der der Dekonstruktion Derridas meist abgesprochen wird: nämlich in Hinblick auf die Frage nach dem Eigenen und dem Anderen sowie der Markierung dieser Andersheit bis in den Körper hinein. Wie dieses Eigene als Einmaliges vermitteln, insbesondere, wenn es nicht mehr präsent und unmittelbar ansichtig ist? Nur was überhaupt wiederholbar ist und in eine Struktur eingeschrieben wurde, kann als einmalig auftreten und kommuniziert werden. Pure Unmittelbarkeit bleibt ohne Sprache und Ausdruck. Erlischt und ist nichtig. Ereignisse schreiben sich in Texte ein und überdauern in einer sprachlichen Struktur. Ein Text als Spur. Der Begriff der Spur ist dabei, im Sinne Husserls, durchaus phänomenologisch zu nehmen. Bei Emmanuel Lévinas mündet dieses Anzeichen in eine Ethik der Alterität: „Die Spur des Anderen“.

Insbesondere die literarische Schrift ist ein solches Zeugnis, das ohne Zeugen auskommen muß. Denn der Begriff der Autorschaft ist ein grundsätzlich problematischer. Eine Autorin, ein Autor sind eben keine Zeugen. Sondern Autoren. Solche Aspekte lassen sich zumindest im Kontext von Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ mitdenken. Sie zu entfalten und konkret werden zu lassen, erforderte allerdings ein eigenes germanistisches Seminar.

Wie aber den Tod schreiben? Und insbesondere in die Mordmaschinerie hinein: Wie diesen Tod schreiben? All dies sind Fragen, die „Vielleicht Esther“ zwar nicht direkt stellt, die aber sehr wohl untergründig diesen Text mitbestimmen: Wie und auf welche Weise sich eine vergangene Zeit und eine Genealogie aneignen? Indem sie schriftlich gemacht wird und sich ein Leben in den Text transformiert und verdichtet? Mit diesen Fragen der Zeugenschaft berühren sich zugleich solche der (literarischen) Konstruktion.

Es sind im biographischen Schreiben einerseits der Perspektivismus und andererseits die mediale Konstruktion, die diese Art des literarischen Schreibens trägt, unausgesprochen immer mitgesetzt. Das schreibende Ich als mehr oder weniger reale Autorin oder als Autor begibt sich in eine andere Figur hinein, um die Perspektive einer Figur einzunehmen. Um Madame Bovary zu sein, genügt es nicht, sich eine Frau in den besten Jahren vorzustellen und diese dann zu basteln, sondern es muß der Autor selber jene Madame Bovary sein. Ganz und gar, ohne Rest. Dieses Prinzip der Perspektivenverschiebung in der Figurenkonstruktion trägt freilich jeden Roman, in dem Lebewesen vorkommen, sofern Schreiberin oder Schreiber nur halbwegs bei Schreibverstande und mit einem Minimum in Imaginationsfähigkeit ausgestattet sind. Romane wie „Aléas Ich“ von Aléa Torik machen dieses perspektivierende Spiel, in dem die Konturen zwischen Figur und Autor sich verwischen, zu einem konstitutiven Prinzip und erweitern vermittels solcher Konstruktion die Grenzen der Literatur. Hier wurde jenes berühmte „Madame Bovary, das bin ich“ nicht nur beim Wort genommen, sondern zugleich auf eine Schreibszenerie hin ausgeweitet, die ebenfalls das Mediale mit einspannt. Das Trickreiche dieses Buches haben dabei leider nur wenige verstanden.

Katja Petrowskaja forciert die mediale Vermittlung solcher Erinnerungsspuren zwar nicht und bringt dieses Moment nicht explizit in die Darstellung eines literarischen Spiels, sondern sie nähert sich ihm in Kreis- und Suchbewegungen. Nein, es gibt kein authentisches Erinnern. Keine Erinnerung und keine Aneignung von Vergangenheit – zu sagen, wie es tatsächlich war – vermag es, eine historische Erfahrung zu vergegenwärtigen. Manche/r mag diesen biographischen Blick, den Petrowskaja bzw. die Erzählerin in diesem Roman einnimmt, als literarisch zu simpel gestrickt lesen, weil eben jene mediale Konstruktion sowie die Vermittlung, die jede Erinnerung notwendigerweise trägt, teilweise aus dem Blick zu geraten scheint. Denn Erinnerungs- und Gedächtniskunst bleibt in einem gewissen Maße immer naiv, wenn sie dem Trug aufsitzt, in ihrer Repräsentation des Vergangenen einen authentischen Zugang zu bieten und dabei ihre eigenen medialen Repräsentationsmuster nicht zu perspektivieren vermag.

Doch zum einen bewegen sich in dieser Prosa viel zu viele Konjunktive und „vielleichts“ – beim Titel angefangen. Zum anderen thematisiert die biographisch Erzählende diese Schwierigkeit des Originalen einer Familiengeschichte anhand des überlieferten Beginns ihrer Familie im Jahre 1864, wo in einem Zeitungsartikel ein Vorfahre, nämlich der Schriftsteller und Aufklärer Faiwel Goldschmidt, in einer jiddischen Zeitung in Lemberg einen Artikel schrieb, der ins Russische übersetzt wurde. 120 Jahre später entdeckte die Mutter der Erzählerin in einem Archiv diesen übersetzten Artikel. „Doch die jüdische Zeitung mit Goldschmidts Artikel war nicht mehr auffindbar. So gründet die Herkunft unserer Familie in einer fragwürdigen Übersetzung ohne Original, und ich erzähle die Geschichte dieser Familie nun auf Deutsch, ohne dass es für sie je ein russisches Original gegeben hätte.“

Der Konjunktiv ist insbesondere in solchen überlieferten Biographien eine Modalität, in denen alles ganz anders hätte geschehen können, wenn nicht dieses eine schreckliche Schicksal, das eben kein bloßes Schicksal war, über jenen Familienangehörigen hereingebrochen wäre. Aber am Ende ist es in jeder Biographie genau dieser eine Moment: Was wäre, wenn jene Frau nicht in genau zu jenem Zeitpunkt diesem Mann begegnet und sich einige Monate später fortgepflanzt hätte? „Seit diesen Liedern, die meine Babuschka mitsang, dazu komisch und ungeschickt im Sitzen hüpfend – eine Bewegung, die ich nie zuvor bei ihr gesehen hatte –, denke ich über die unendlichen Varianten unseres Schicksals nach, pausenlos, die in ganz andern Liedern hätten erklingen können. Was wäre wenn, was wäre falls, was, wenn es nicht geschehen wäre, oder was, wäre gewesen, wenn sie in Warschau geblieben wären 1915 oder nach Amerika ausgewandert, alle zusammen.“

Eine Biographie konstituiert sich im Schreiben und „wir bestimmen uns nicht mehr durch die lebenden oder toten Verwandten und ihre Orte, sondern durch unsere Sprachen …“, heißt es im Roman. Die Sprache der Erzählerin ist Deutsch und das bedeutet im Zeichen all der Ereignisse einen Einschnitt, der ebenso das Erzählen berührt. Nicht russisch, hebräisch, ukrainisch, sondern deutsch zu schreiben. Obgleich es keine angemessene Begriffsprägung ist und dieser Begriff vielfach an der Sache der Literatur vorbeischrammt, gehört auch „Vielleicht Esther“ zur sogenannten „Holocaust-Literatur“ – zumindest in einem weiten Sinne. Aber ist das Zentrum dieses Buches tatsächlich die Shoah oder nicht vielmehr etwas ganz anderes – nämlich die Prozesse des Erinnerung? Das bliebe die Frage, die ich nicht abschließend zu klären vermag und auf die ich keine Antwort finde. All diese von Petrowskaja geschilderten Schicksale und Episoden, streben immer wieder auf dieses eine Ereignis zu. Besonders eindringlich geschildert anhand jener einen Frau, jener anderen Babuschka, die nicht vor den herannahenden Truppen der faschistischen Wehrmacht floh, und die diesem Roman ihren Titel gab. Etymologisch, so sagt es zumindest Wikipedia, kommt der Name Esther möglicherweise aus dem altpersischen und kann Stern bedeuten. Im slowakischen, polnischen und rumänischen gibt es die Namensform Estera, wo vom Klang her assoziativ zumindest der Stern mitschwingt. Aber zugleich will die Erzählerin weg von all diesen Zuschreibungen: sobald die Wörter Warschau und Jude ausgesprochen werden, stellt sich im Kopf unmittelbar der Begriff Ghetto ein – als ob es nichts anderes gegeben hätte als dieses Ghetto. Festgezurrt, festgenagelt und fixiert. Es gab eine Welt davor.

Ab einem bestimmten Punkt dieses Prozesses gelangen wir an den fiktionalen Charakter jeglicher Vergegenwärtigung. Denn es verschwanden nicht nur die Menschen, sondern immer mehr auch die Hinweise darauf, daß es diese Menschen überhaupt gegeben hat. Irgendwo eine abgelegte Photographie aus einem Album, aber es weiß keiner der Betrachter mehr, wer diese Person, die dort steht oder sitzt, sein mag. Namen, Daten und Orte verschwimmen und bleiben als abstrakte Chiffren. Diese zum Leben zu erwecken unternimmt der Roman „Vielleicht Esther“. Macht jedoch hat über diese Vergangenheit keiner. Erzählerin oder Erzähler werden immerzu jener „raunende Beschwörer des Imperfekts“ bleiben.

Petrowskaja schreitet die Ahnenreihe ab, begibt sich in den Rückblenden und den erzählenden Einblicken an die Orte des vergangenen Geschehens, ins sowjetkommunistische Moskau der 30er Jahre mit seinen Schauprozessen und insbesondere nach Kiew und in die Schlucht von Babji Jar, wirft ihren Blicke in den Krieg, reist in ein Warschau, das es nicht mehr gibt und das zwei Epochen zuvor existiert hatte, fährt nach Oświęcim und Mauthausen. Aber am Ende bleibt ein Prozeß des Poetisierung und des Erfindens, das unrettbar Verlorene harrt im Dunkeln. Allenfalls in den Erinnerungen lebt es, sofern denn noch jemand da ist, der das alles zu erinnern vermag. Und aufzuschreiben. „Ich wollte viel zu viele Tote ins Leben zurückrufen und hatte dafür keine durchdachte Strategie.“ An diesem Punkt aber beginnt die Literatur und es endet die Geschichte, wie es an einer Stelle des Romans in einem (fiktiven) Brief eines Z an eine Frau Namens Katja heißt. Petrowskaja umkreist diese Szenerien vieler Leben. Assoziativ, reisend, schreibend, manchmal sehr salopp formulierend als wäre es ein Spiel. Manchmal hilflos. „Vielleicht Esther“ ist als Buch gelungen und mißlungen in einem, es scheitert, wo es seine Sache in der Hand zu haben glaubt, wo es allzu fließend und fabulierend erzählt, und es gelingt an den Stellen, wo es sich dem Scheitern exponiert. Da, wo es nicht weiter weiß und es nirgends weiter geht.

„Ich wollte eine Lösung finden, (…) ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne ansehbares Ende. Sisyphus wollte den Tod betrügen, und Thanatos bestrafte ihn mit nie endender Arbeit, er holte ihn aus dem Schattenreich ins Leben zurück und verurteilte ich zu ewiger Beschäftigung, ewiger Mühe, ewiger Erinnerung.“ (K. Petrowskaja, Vielleicht Esther)

Das, was war, steht in einer engen Beziehung zu dem, was gewesen sein wird. Und es ist diese Schrift von Leid und Grauen ebenso ins Heute hin zu verlängern, wenn wir von ganz anderen Orten her, die Erinnerungsmuster aufschreiben müßten. Von Afrika oder anderswo, den Weg übers Mittelmeer, bis hierher in die „Festung Europa“ hinein.

[Im Zusammenhang mit dieser vierteiligen Besprechung möchte ich auch meine kleine Episode „Fremde Heere Ost. Reisebilder“ in Erinnerung rufen.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Wie aber den Tod schreiben, von seinem Ende her? Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“ (4)

  1. Amike schreibt:

    „Ich wollte eine Lösung finden, (…) ich wollte mich erinnern und darüber schreiben, es war aber eine Tätigkeit ohne ansehbares Ende. Sisyphus wollte den Tod betrügen, und Thanatos bestrafte ihn mit nie endender Arbeit, er holte ihn aus dem Schattenreich ins Leben zurück und verurteilte ich zu ewiger Beschäftigung, ewiger Mühe, ewiger Erinnerung.“ (K. Petrowskaja, Vielleicht Esther)

    Ich habe in dem Zitat zwei Worte kursiv markiert, bei denen ich ahne, dass sie im Originaltext anders lauten.
    Es sind, falls sich mein Verdacht bestätigen sollte, aber sehr passend gewählte Verschreiber. Ein Ende, das nicht anzusehen ist; vielleicht ist es das ja viel eher, als eines, das nicht abzusehen ist. Und der Verurteilte – oder die – zu ewiger Beschäftigung, Mühe und Erinnerung ist ich, das schreibende Ich.

    Danke. Auch für die gelungene Buchbesprechung.

  2. Bersarin schreibt:

    Völlig richtig, diese beiden Wörter schrieb ich falsch ab. Wie also aus Verschreibern der Wahrheitsgehalt eines Textes erst hervortritt, wird in solchen Irrtümern gut deutlich. Derrida hätte an dieser Verschreibung seine Freude gehabt. Sich dem Text verschreiben. Es entsteht gerade durch diesen Fehler eine Dimension des Textes, die dem, was er ausdrücken möchte, sehr viel gerechter wird als die korrekte Schreibweise. Zumindest aber erzeugt der Schreibfehler einen neuen Interpretationsraum, der in der richtigen Fassung nur unausgesprochen den Sinn konditionierte.

    Vielen Dank aber für Ihren Hinweis. Ich lasse diese Schreibfehler mal so stehen. Es ist dies freilich kein für das germanistische Seminar angemessener Umgang mit Texten. Aber ich einem bestimmten Sinne habe ich nichts verfälscht, sondern eine Wahrheit einen Deut greller hervortreten lassen.

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